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Der Nordstern. (St. Cloud, Minn.) 1874-1931, December 31, 1884, Image 2

Image and text provided by Minnesota Historical Society; Saint Paul, MN

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Von I. von Schwarz
(Fortsetzung.)
Leonore ward gefesselt, und als er ge
endet hatte, rief sie leuchtenden Auges:
„Oh ja, es mu» etwas Herrliches sein,
l'ijK a!§ den Mächtigen zu fühlen über so
Viele, sich zu sagen: ich stehe über ihnen!
Wcht in her rohon Lust am Herrschen,
sohdern in dem stolzen Bewußtsein, mehr
Willen uttb Krast zu haben als Jene.
Wenn ich ein Mann wäre, würde ich mich
airch über Andere erheben."
„Wer verbietet Ihnen, dies auch als
Damezuthun? Ein Gatte, der 93er
ständniß für das kühne Streben Ihres
juügen Geistes hat, der Sie belehrt und
der selbst eine bedeutende Stellung ein
nimmt, könnte Ihnen neben sich einen
Psatz einräumen, der Ihnen einen wei
iektWirkungskreis eröffnet," sagte Mare
schal! lebhaft.
„Ach," meinte Leonore traurig lä*
cheiub, „so ein Mann würde aber bald
fiftbett, daß ich wohl Flügel habe, aber
nicht die Kunst des Fliegens verstehe.
Utft die Wahrhgit zu gestehen, ich bin
entsetzlich unwissend und bin immer sehr
fmil in der Schule gewesen."
*5)och, wie ich merke, konnte sich da
durch, daß Sie sich weigerten, tausend
trockene, unnütze Dinge in Ihren Kopf
auszunehmen, Ihr Verstand zu scharfer
THätigkeit entwickeln," sagte der Land«
ratb, ganz hingenommen von regem An
iijctf.
Während die Beiden auf diese Weise
mit einander sprachen, umkreiste Andre
seu: Opfer eine ganze Weile vergeblich,
denn Gebhard wich ihm sehr geschickt
ans. Endlich ging der Knabe gradeZ
auf ihn zu, während er mit Frau«
Im Maurer plauderte. „Ich möchte
Ihnen etwas sagen, Herr tor Straten,
atrctf unter vier Augen."
„Wollen Sie mich um seltene Frei
marktn, in« Siegelabdrücke bitten, mein
kleiner Freund? Sprechen Sie nur!
Miulcin Bianca schwört, wenn auch
nicht .mit des Basses Grundgewalt',
aber doch auch bei Gott und ihrer Ehre,
wie die Männer im zweiten Akt der .Hu
genotten', zu schweigen."
„Bis in's Grab!" versicherte sie lu
ftig.
„Ich wünsche doch lieber allein mit
Ihnen zu reden."
,Nun, denn, mein Sohn," lachte Geb
ärb, seinen Arm um Andre'S Schulter
legend, verbergen wir uns in der Wüste,
Ivo. sie am tiefsten ist, um uns das schan
d?rvolle Geheimniß mittheilen zu las
feit."
Andre machte sich heftig von ihm los
-nud ging Herrn Gebhard voran nach
iei-nrni Zimmer.
In Andre's Stübchen war es kalt,
mir eine Stearinkerze brannte anf dem
M?jsingleuchter, deren Flamme ein im*
ßvimiie* Licht aus des Knaben blasses
t#5)ixl)t warf.
Gebhard setzt sich auf das kleine So
pha, den Ellbogen auf das Knie stützend,
iu»l vorgeneigtem Oberkörper den jungen
Meiy'chen belustigt betrachtend, denn er
ijartte mit Vergnügen der spaßhaften
Dinge,d-e da kommen sollten. Er Oer»
mnlhete, von dem Jungen eine göttliche
Itra.ipredigt zu Hüven, die er mit eini
gen, schlechten Witzen in Gelächter aufzn
füsett gedachte, oder, dasein die nicht an
schlugen,mit dem freigebigsten Vertrau
dt beantwortest wollte, welches, wenn er
sich nur iui Mludesteu auf so einen Seit»
gel »erftauö. Demselben sehr schmeicheln
muhte. tStma* erstaunt war er, als
Vlndre einen Brief ans der Tasche zog.
Zittmo ivoi] ^Itibre das Schreiben in
ferner Hand. Ytcij, er ahnte wenig, waS
drinnen staut) Demi hätte er's gewußt,
er würde es nimmer'dem Feinde gege
den haben dies Billet verlangte grade
da?/ was er verhüten wollte. „Nehmen
Sie", sagte er tonlos, „es ist die Ant
wort auf Ihr Verhalten gegen meine
Schwester."
„Tranen Sie sich nicht die Fähigkeit
zu, ein männlich offenes Wort reden zu
können, wo ich so hübsch dasitze, um zu
zuhören?"
Mi: spöttischem Lächeln nahm er das
ÄiM und riß den Umschlag ab. 'Er
guckte und guckte machte ein ganz dum-
Gestcht, wurde blaß, rückte näher
zum.Licht und fand, daß er zuerst deu^
(ich gelesen hatte./
teil.'
„Gebhard tor Straten! Schneller, elS
ich dachte, es zu müssen, mahne ich Sie
an Ihr Versprechen. Machen Sie—ich
befehle es Ihnen, an Leonore gut, was
Sie an einer Andern einst gesundigt,
und senden Sie mir, als Antwort auf
diese Zeilen, die Anzeige Ihrer Verlo
bung mit dem Fräulein. Medora."
Was war das? Wie kam der Knabe
zu diesen Zeilen? Und wie wußte Me
dora um seine Beziehungen zu Leonore?
Gab es noch Menschen, die Mitwisser
seiner Büberei an der Choristin waren,
die zugleich sein Verhältniß zu Leonore
kannten War dieser Knabe eingeweiht?
Wer sind die heimlichen Mächte? Was
wird geschehen, wenn er dem Befehl nicht
gehorcht?
Die schweigsamen Mitwisser werden
zu lauten Anklägern werden, ha sie
würden sich schon hüten, denn Medora
würde ja mit herabgerissen! Aber Leo
nore? Wohl oder übel mußteer sie dann
doch heirathen, aber sie und sich gesell
schaftlich unmöglich machen. Warum
nicht lieber auf eine so diskrete Mah
»ung hören, ehe er, ehe die Familie De
wald von Klatschmäulern zerrissen wür
de. „Verflucht," murrte er vor sich hin,
„ich
hätte
es
mir sagen sollen, daß so ein
harmloses Pläkir in Philisterkreisen ein
sehr wenig harmloses, ein sehr
Philister-
Haftes Ende nehmen müsse."
Plötzlich fuhr er auf. „Wer hat Dir
dies Billet gegeben?"
„Der Inhalt des Briefes wird da
durch nicht verändert," sagte Andre rn
hig.
„Weißt Du, was darin steht?" zischte
Gebhard wüthend."
„Ich habe hier nichts zu antworten,
sondern nur zu fragen werden Sie. thuu,
was man Ihnen befiehlt?"
Gebhard rannte im Zimmer hin und
her, daß das Sicht heftig flackerte. „Was
wird geschehen, wenn ich es nicht thne?"
fragte er.
Andre antwortete kecklich: „DaS
Schlimmste für alle Betheiligten."
,11m Gottes, willendachte Gebhard,
,ich sehe schon die ganze tugendsame Ent
rüstnng mein Alter die DewaldS
heirathen muß ich sie! Die arme kleine
Hexe muß den kurzen Roman theuer be
zahlen. Hm—Medora—em göttliches
Weib vielleicht macht mein Gehorsam
sie mir günstiger, denn einen größeren
Liebesbeweis kann man doch nicht geben,
als auf Befehl der Angebeteten zu heira
then/
Er lächelte wieder.
Andre beobachtete ihn mit Unruhe.
.Aber wissen muß ich doch', dachte
Gebhard weiter, ,wie der Junge zn dem
Brief kommt, um jeden Preis denn
nichts ist fürchterlicher als Feinde, die
nnS im Dunkel umschleichen'. „Sage
mir," sprach er fest, den bleichen Knaben
scharf in's Auge fassend, „wenn ich nun
die Echtheit des Brieses im Zweifel
ziehe? Wenn ich behaupte, er sei falsch,
weil Du mir nicht sagen willst, wer ihn
Dir gab weil Dn mir auch nicht' wirst
sagen wollen, wie die Person, die ih.t
schrieb, zur Kenntniß dieser Geschichte
kam? Was dann?"
„Zweifeln Sie, wenn es Jhnen-Spaß
macht, vor sich selber Komödie zu spie
len Sie wissen genan, daß der Brief
nicht gefälscht sein kann, oder, wenn er
es wäre, daß dies mir schlimmer für
Sie sei," sagte Andre kalt.
Gebhard stampfte mit dem Fuß.
„Aber ich will es wissen, wer sich bevor
mundend in meine innersten Angelegen
heiten drängt!"
Andre schwieg.
Gebhard versuchte eS nun mit Güte.
„Ich würde nicht undankbar sein. An
dre Sie sind ein Knabe, der grade an
der Schwelle steht, wo man in den Ge
nnß des Lebens eintritt ich will Ihr
Lehrer sein Ihr Freund, will den
Schleier lüften, Andre Sie wissen nicht,
tuic man sich gut amüsiren kann. Sa
gen Sie mir, was ich wissen will! Ich
will Sie reizend belehren."
Andre zitterte und schwieg.
Und Gebhard tor Straten fuhr fort,
mit leiser Stimme,in den Knaben hin
einzureden, auf dessen Waßgen Röthe
und Blässe sich jagten, der mit wanken
den Knieen stand und horchte und zuletzt
gepeinigt und rettungsuchend aufschrie:
»Teufel!"
Gebhard taumelte zurück, denn des
«st hatte ihn mit Manneskraft
J'1ff6e
ging aussein
DM
Zimmer, aber eS war ihm unmöglich» in
den froden Kreis zurückzukehren er
stürzte aus der Wohnung hinaus in die
Winternacht.
Als man abermals zum Tanz antre
ten wollte, stand Gebhard vor Leonore,
die noch immer mit klopfendem Herzen
und heißen Wangen Rudolph Mareschalk
zuhörte. Ein Schrecken flog durch ihre
zarte Gestalt, als sie das leichenfarbene,
von einem gezwungenen Lächeln verzerrte
Gesicht tor Straten's vor sich sah sie
erhob sich schnell und flog bald, von
seinem Arm umschlungen, durch den Sa
Ion.
„Leonore," begann Gebhard flüsternd
während des Tanzes, „ich habe über
Ihre Aenßerung von vorhin nachge
dacht."
Sie that durch kein Wimpernzucken
kund, ob sie gehört habe.
„Leonore!" fuhr er fort, „ich sehe
vollständig ein, in welche Lage wir kä
men, wenn man unser harmloses 1lei=
nes Abenteuer an die große Glocke
hängte."
Sie tanzte er merkte nicht einmal ih
ren Athem.
„Aber so antworten Sie doch!"
Sie schien immer noch nicht zu hö
ren.
„Sehen Sie, Kleine, es wird halt
eben nichts Anderes übrig bleiben, als
daß ich morgen im Frack zu Ihrem
Herrn Papa gehe, eine gesetzte Rede halte
und schließlich frage wann, denn unsere
Hochzeit sein darf."
Da kam Bewegung in Leonore's
braunes Gesicht sie lächelte, daß die zu
sammengebissenen weißen Zähne zwischen
den Lippen sichtbar wurden. „Heira
then ist eine sehr langweilige Sache,"
sagte, wie er vorhin, doch mit einem
Ausdruck, der ihm teuflisch vorkam.
„Was soll das heißen?" stotterte er.
„Daß Gebhard tor Straten nie mein
Gatte werden wird!"
„Leonore!" fuhr er auf, freudig er
schreckt und—seltsamer Widerspruch!—
doch im tiefsten Herzen in feiner Eitel
keit verletzt er hatte gedacht, die Kleine
würde bei seinen Worten vor Seligkeit
und Dankbarkeit aufjubeln. Leonore!
was hat mit einem Mal Ihren Haß auf
mich gelenkt?"
„Haß," sagte Leonore leichthin, „Haß?
Oh bewahre! Ich finde aufrichtig, lieber
tor Straten unter unS gesagt, daß
Heirathen eine langweilige Sache ist."
„Mädchen! man kann nicht so ohne
Weiteres Die abschütteln, mit denen man
Unrecht gethan."
„Aber ich bitte Sie, Sie nennen doch
so ein ,harmloses Abenteuer' kein Un
recht?" höhnte Leonore. Und doch bebte
ihr Herz, da er ähnliche Worte sprach
wie vorhin Mareschalk.
„Sie sind unerbittlich?"
.,Sie hoffen ja, daß ich'S sein werde."
„Leonore! ich schwöre Ihnen—"
„La—lala—lala—Sie tanzen heute
schlecht, Herr tor Straten, verzeihen Sie,
daß ich Sie entlasse."
Ein schnippischer, etwas schnlmädchen
haster Knix, und Leonore hüpfte auf
Bianca Maurer zu, welche über diese
Störung sehr unwirsch war, denn Fritz
Werner fing eben mit Etwas an, das
sich beinahe wie eine Erklärung angehört
hatte....
Der Landrath, gefesselt von Mitleid
und Bewunderung, beobachtete Leonore
er sah die unglaublich leichte und schmale
Gestalt in vollendeter Grazie dahin
schweben, er dachte traurig darüber nach,
welche Verhältnisse zusammengewirkt
haben mochten, um diesem bedeutenden
Mädchen so jede zarte, lieblich unfertige
Schüchternheit zu nehmen, wenn er sich
auch gestehen mußte, daß andererseits
nichts Unweibliches an ihr sei. Alles
war schon so fertig brennendes Gluth
verlangen—ein Temperament, welches
dem jungen Körper nicht gestattete, sich
abzurunden verzehrende Unruhe in je
dem Blick der Augen, und doch nichts
UngraziöseS den Bewegungen. »ES
ist der übermächtige Geist, der die zer
brechliche Hülle zerstören wird, wenn er
nicht bald einen festen Führer findet.'
dachte er. Dann bemerkte er, daß ein
erbittertes Hin-und Herreden zwischen
Gebhard und Leonore jäh abgebrochen
wurde. Gleich darauf rannte Geb
hyrd, der an daS Büffett stürzte, ihn fast
um.
„WaS ist Ihnen? Sie haben sich mit
dem schwarzäugigenMädchen gestritten?"
fragte er lebhast.'
"^At
&ev wi*t9w*n.
„Zum Teufel auch, gestritten," schalt
Gebhard, sich Wein einschenkend, „einen
Korb hat mir die braune Hexe gegeben!"
,Mag'S alle Welt wissen,' dachte Geb
hard, seinen Wein hinuntertrinkend,
.dann erfährt's auch Medora durch mei
ne heimlichen Bewacher und wird mir's
glauben, wenn ich es ihr morgen schrei
be.«
Der Landrath fuhr zurück. „Einen
Korb?—Ihnen? Oh, daS ist sehr be
merkenSwerth."
Er nahm an, daß Gebhard im ersten
Zorn damit herausgekommen sei, und
wollte gegen den Freund künftig so thnn,
als wisse er nichts davon oder habe eS
vergessen.
,Ein Korb,—hm, sie ist sechzehn und
ein halbes Jahr alt,—sie hat also einen
festen Willen, der nicht durch
kindische Eitelkeit beeinflußt wird', dach
te Mareschalk. ,Also nicht blos Tem
perarnent, sondern auch Charakter! Ob
sie auch mir wohl einen Korb gäbe?'
Er lächelte über den Einfall und schüt
leite leicht den Kopf.
Als alle Gäste gegangen waren und
Leonore den Eltern „Gute Nacht" ge
sagt, pochte sie mit leisem Finger an
Andre'S Thür. „Bist Du noch wach,
Andre?"
Er öffnete die Thür.
Sie schlüpfte hinein. „Wo bist Du
den ganzen Abend gewesen?" fragte
sie.
„Ich bin draußen in den schneebedeck
ten Straßen umhergelaufen," sagte er
finster „was willst Du noch von mir?"
„Dir sagen. Andre, daß Gebhard tor
Straten von heute an so viel für mich ist
wie Luft, wie gar nichts, ja daß ich
ihn von heute Abend an nicht mehr
leitet!"
„Gott sei gedankt!" »ief Andre auf
athmend, „ich hoffte eS."
„Andre!" schrie Leonore, plötzlich aus
brechend, und warf sich ans daS Sopha,
„Andre, ich glaube, Du und ich, wir sind
Beide sehr elend, andere Kinder sind
viel glücklicher und besser daran. Der
Vater hat keine Ruhe, um uns zu lieben,
die Mutter schilt immer und versteht
uns nicht. Ach, könnte ich jetzt am
Mutterherzen weinen, weinen, ach, wei
nett, wie ich möchte,—ich könnt' eS nim
mer! Andre, hast Du mich lieb?"
Der Knabe umschlang sie heftig
beiden Armen, und sein Haupt an
Schulter legend, stammelte er:
Nora, wir sind sehr elend! Und
rum?"
mit
ihre
„3«,
wa-
Die Thränen der Beiden mischten
sich jene Thränen, welche zuweilen
Greise weinen—um eine verlorene Kind
heit.
Leonore's Trübsinn sollte gar bald
verschwinden, denn noch bevor einige
Wochen in'S Land gezogen, war sie
glückliche Braut.
„Wollen Sie mein Weib werden?"
fragte der Landrath Rudolph Mareschalk
eines Tages Leonore, nachdem er eine
lange Unterredung mitHerrn Dewald ge
habt hatte.
Leonore's braune Wangen konnten
nicht erblassen, aber doch wich der lebens
frische Ton aus dem bronzesarbenen Ge
sicht. „Ich—ich bin dessen unwerth,"
murmelte sie mit versagender Stimme.
„Oh, Leonore!" sagte Mareschalk in
nig, „ich liebe Sie! Nie zuvor sah ich
ein Wesen, Ihnen gleich an Kraft des
Geistes und Zartheit des Körpers diese
rührende Gestalt hat mich erschüttert, ich
sehe, wie Ihr junges Leben unter der
Last dieses grübelnden Köpfchens leidet.
Ich habe das warme Begehren, Ihnen
Stütze zu fein,—Sie zur Gehülfin mei
nerThaten zu erziehen."
In ihren Augen leuchtete es auf.
„Ja," sagte sie, „daS möchte ich, möchte
einen festen, sichern Platz haben im Trei
ben der Welt."
„Lieben Sie mich, Leonore? —könn
ten Sie mir ,Ja' sagen? Ich weiß,
Sie erwägen dies Wort wohl, denn ei
nem andern, einem jungem, gewiß be
strickenden Mann haben Sie .Nein' ge
sagt, wie er mir im ersten Schmerz ge
stand also ist Ihr ,Ja' mir mehr als
ein zärtliches Geständniß."
„WaS?" rief Dewald, der diesem An
trag im offenen Nebenzimmer zugehört
hatte „wem hat sie einen Korb gegeben
Davon weiß ich nichts."
„Gebhard tor Straten," antwortete
Leonore „bitte, Papa, reden wir nicht
davon." Und sie sprach ein festes, kla
res „Ja!" und drückte Mareschalk^
Hände, die er noch mit den ihren zusam
menhielt, fest, ganz fest.
Entzückt zog Rudolph Mareschalk sie,
die nun seine Braut war, an sich und
suchte ihre Lippen zum ersten Kuß.
Da erzitterte Leonore und neigte sdfeu
ihr Haupt so tief, daß der freudig ve
wegte Mann nur ihr Haar mit seinem
Mund berührte.
„Mutter! Mutter!" rief Dewald an
der Thür zum Nebenzimmer.
Frau Dewald kam sie war erstaunt,
die Anspielungen ihrer Bekannten hatten
sie auf andere Bermuthungen gelenkt,
dann wurde sie sehr gerührt.
Leonore schlang in heißem Aufwallen
ihre Arme um der Mutter Hals.
Frau Dewald schluckte tapfer ihre
Thränen hinunter und hielt sofort ihrem
Töchterchen eine Rede über alle Pflicht
ten, die nun ihrer harrten.
DaS Mädchen stellte sich neben dem
Verlobten. „Spare Deine Worte, liebe
Mama," sprach sie lächelnd „dieser hier
wird mir sagen, was meine Pflichten
sind,—und ich werde sie stets erfüllen."
Als Andre ans der Schule kam und
mit den Büchern in der Hand das
Wohnzimmer betrat, fand er die Vier
oersammelt. Er grüßte bescheiden den
Gast des Hauses und setzte sich in seine
gewohnte Fenster-Ecke.
„Halloh, mein Sohn, heute werden
keine Schularbeiten gemacht," rief Herr
JodokuS fröhlich „Deine Schwester hat
uns einen Festtag bereitet sie ist
Braut geh' hin, gratulire ihr."
Andre sprang auf, das Buch entfiel
seinen Händen, er starrte Leonore an
„ES ist nicht wahr!" stammelte er,
sich an seine Stuhllehne festhaltend.
„Doch, doch, Junge, der Herr Land
rath will uns de» Kobold entführen."
Andre taumelte vorwärts, auf Leo
nore zu er sank neben ihr nieder, er
umklammerte ihre Kniee und murmelte:
„Sag', eS ist nicht wahr es kann ja nicht
sein—vor vierzehn Tagen—ach Leonore
—nein, nein, nein!"
„Aber mein lieber junger Freund,"
Hub der Landrath an, „fasse Dich doch,
Deine Schwester, die Du so sehr zu lte
ben scheinst, konnte doch nicht immerdar
unvermählt bleiben."
„Aber jetzt sch»n— grade jetzt," jam
merte Andre, „Leonore, sage nein!"
„Höre, mein Sohn, daS sind tolle
Einfälle, betrage Dich geziemender,"
sprach Herr Dewald.
„Lassen Sie ihn," bat Mareschalk be
wegt. „Sie sehen, die Liebe des Kindes
lohnt Ihre göttliche That."
Leonore neigte sich zu Andre und flü
sterte ihm leise in's Ohr: „Andre!—ich
beschwöre Dich,—sei ruhig! Es ist
am besten so, daß ich von hier fortgehe."
„Geh'nicht fort!" rief Andre, „oh,
bleibe bei uns!"
Der Landrath hob mit starken Armen
den Knaben, der vor Erregung zusam
mengesunken war, auf in feinem Auge
glänzte es feucht. „Du sollst die Schwe
ster nicht verlieren, armer Knabe, Du
sollst nur noch einen brüderlichen Freund
dazu gewinnen," sprach er tröstend.
Andre antwortete nicht mehr, sein Be
wußtsei» war entschwunden.
Als der Knabe aus langer, schwerer
Krankheit wieder zum Bewußtsein er
wachte, war der Landrath längst auf
seine Besitzungen zurückgekehrt, war
Fräulein Ermland, nach der er so ost in
seinen Phantasien gerufen, mit Lorbeeren
und Triumphen gekrönt, nach Wien da
vongeflogen.
Hponore, die ernst, schweigsam und
immer thätig an seinem Bette saß, war
eine Andre, als er einst gekannt. „Du
sagte sie ihm am ersten Tage, da
er kräftiger schien, „dies um den Hals
getrage»."
Dabei griff sie in ihre Kleidertasche,
holte ein Päckchen hervor, und dasselbe
auswickelnd, hob sie eine lange Goldkette
hoch und ließ den Ring, der daran hing,
hin und her baumeln.
Andre erröthete.
.Ich nahm es Dir ab, als Du, be
wußtlos zusammengesunken, in Dein
Bett gebracht werden solltest," erzählte
daS Madchen „ich bemerkte unter Dei
ne« Kragen daS Blitzen einer Kette und
konnte sie entfernen, bevor Papa und
Mama sie gefunden haben würden nimm
sie zurück."
„Nitte," flüsterte Andre matt, „thue
sie in meine Komode zwischen merne Bü
cher, dort w:rd Niemand sie finden ich
danke Dir."
Eine Weile schwiegen Beide.
„Und Au fragst nicht?" flüsterte An*
dre.
Sie hob abwehrend die Hand.' „Ich
bin noch niemals neugierig gewesen
rege Dich nicht auf, sprich kein Wort
mehr davon!"
Während Andre langsam genas, fiek
ihm auf, daß Leonore nie mehr
Abends ausging er fragte sie, ob si.
denn an der Tanzstunde keinen The»l^
mehr nähme. -r
„Nein," antwortete sie ruhig, „ich bi
nie mehr hingegangen. Er ist noch eifc
mal dort gewesen, und als er fand, da
die lieben Mütter und Tanten unt
Mädchen alle einig waren in ihrer Ver
achtung über Diejenige, welche erst dem
Emen auf allen Wegen entgegenkam und'
dann doch den Andern nahm, blos weil
der wohl zuerst müdem Heirathsantrag
herausrückte, und als er hörte, daß Bi
anca sagte: ,Ja, wenn ich reden wollte!'
da hat er Fräulein Maurer so laut, daß
Viele es hörten und Alle es nach einer
Viertelstunde wußten, erzählt: »Wissen
Sie, daß die kleine Dewald mir einen
Korb gegeben hat!' Dann ist auch er
nicht mehr in d«e Tanzstunde gekom
men."
„Das war wenigstens ritterlich gegen
Dich," sprach Andre.
Leonore verzog keine Miene. „Bitte,
sprechen wir nicht mehr davon," war
Alles, was sie sagte.
Der Arzt wünschte einen Land-Ans
enthalt für den Knaben, der während
der Krankheit beunruhigend in die Höhe
geschossen war.
Herr Dewald entschied sich nach lau
gen Berathnngen mit dem Doktor, An
dre für cm ganzes Jahr zu einem Pastor
im Thüringischen zn geben. Der Psar-.
rer konnte den Unterricht des Knaben^
leiten, sein einziger Sohn ein jngendsri-.?
scher Gefährte für den allzjl ernsten Kna
ben werden.
Andre hörte diese Wendung der Dinge:
gleichgültig an und ließ es wie im,
Traum geschehen er nahm Abschied
Bater, Mutter und Schwester und trat
in eine Welt ein, in der er in dem Pa»
storsohne Aurel Kcnsing, der nur zwei
Jahre älter war, als er selbst, das Herr
lichste finden sollte, was einem Jüngli'
werden kann,—einen Freund.
Im Lause deS Jahres, da Andre im
Pfarrhause weilte, zog Leonore, ihrem
Gatten folgend, in die Provinz Andr^
hörte nie direkt von ihr eine Silbe, mi.
die Mutter gab Kunde von Allem, wa
geschah. Als er nämlich wieder heir
kehrte, war er das einzige Kind der al
teindeu Leute mit stets gleicher, fünfter
Liebe bestrebte er sich, ihnen die Tag-
froh und kummerlos zu gestalten.
Die ferne Tochter schrieb sehr selten,,
und da Frau Dewald sie einmal besuch-' .t
te, klagte sie nachher dem Gatten und
Sohne, daß man nicht zum rechten B«-
Hägen käme neben der jungen Dame, .)
welche die Mienen und Geberden einer
Fürstin angenommen und in seideran
sehender Schleppe durch prächtige Ge
mächer als strenge Herrin zöge, mit den
Gutsnachbarn über Politik stritte und/,
einen Frauenbildungsverein gegründet!?*
habe.
Herr Dewald dagegen, der öfters Rei-
sen nach Wensin—so hieß das Gut Ma
reschalk's—machte, kam jedesmal froh"'
und stolz zurück. Sie ist ein famoses^
Frauenzimmer,sagte er häufig, „wer hätte
gedacht, daß in der wilden Lora eine so
feine Dame steckt. Ihren Mann weiß,
sie zu behandeln—eS ist ein Vergnügen,,
und gegen die Räthin Dahore, welche
mit ihrem kleinen Töchterchen alle Som^
mer einige Wochen dort zubringt, ist sie
ehrerbietig und höflich, als wenn'S Mare
schalk's Mutter wäre. Ja, ja, wie man
sich bettet, so liegt man. Meine braune
Hexe ist eine kluge Frau!"
(Fortsetzung stlgt).
S
UW.-T-M-Tf--—"
Byron Pope, Sheriff'S Ossice von Cle^
veland, Ohio, sagt, St. JakobS Oe*ü|
Haushaltgegenstand in meiner Famili'
geworden. Wenn mein kleiner Knab
an Zahn- und Ohrenschmerzen leidet, fi
ist sein erster Ruf St. Jakobs Oel uiti1'
ist er mit keiner anderen Medizin znsri
den. ES heilt immer.
Phstogkaph.
Durch die neue Methode des Photc
graphirenS bin ich im Stands die bestes
Photographien, ioroie "Tin Types" ziT
verfertigen. Atelier über I. E. Wtng
Laden. St. Clond, Mimt. .-^2-1
ff.
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