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Der Deutsche correspondent. [volume] (Baltimore, Md.) 1848-1918, January 09, 1874, Image 3

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Europäische Berichte.
(Süddeutschland.) Hinsichtlich
unserer Münzreform befinden wir uns ge
genwärtig mitten in den unvermeidlichen
Märzstürmen. Es soll uns, wie es scheint
die Unerträglichkeit des seitherigen Zusta
ndes während der Ueberganqs-Periode noch
einmal recht deutlich zu Gemüthe geführt
werden, Tie Holländer sind wir los, die
Oestrcicher sind geblieben die Gulden
nämlich, und selbst der sehr dedeutende
Kursverlust von ca, k Proz. vermochte sie
nicht völlig zu vertreiben. Dann aus
einmal tauchten massenhaft die östreichi
,'chen Viertelgulden auf, und richteten nur
nm so größere Verwirrung an, als An
fangs die Postangestellten diese Münze
die ja convcntionsmäßig geprägt wor
den ist zum vollen Nennwerthe nahmen'
Jetzt natürlich find auch sie unterwerthig
geworden, und allen öffentlichen Kassen ist
s förmlich untersagt, östreich. Silber noch
lerner in Zahlung zu nehmen. Zu guter
Letzt endlich waren es die östreich. Sechser,
welche den Kleinverkehr unsicher zu machen
drohten; da man aber diesen unreellen
Gast schon zu genau kannte und selbst das
große Publikum sich Angesichts des allge
meinen Münzwrrrwarrs zuletzt einiae Vor
sicht angewöhnt hatte, so nahm sie sehr
bald Niemand mehr höher als Kreuzer
an, und der letzte Sturm war glücklich ab
geschlagen. Aber nun sind wir noch kei
neswegs über alle Berge. Das süddeut
!sche Geld, kleines wie großes, beginnt zu
mangeln Nach Kreuzern ist gewaltige
Nachfrage (ebenso wie in Norddeutschland
nach den dortigen Kupfermünzen), und in
den Grenzgebieten, so in der Gegend von
Mainz und Wiesbaden, sucht man sich ge
genseitig mit dem Kupfergelde von hüben
und von d'rüben auszuhelfen; da nun die
Ausgleichung so schwer wie möglich ist (1
-Kr. Psg., was aber wieder nrit der
üblichen Rechnungsweise nicht stimmt), so
führt dies zu den seltsamsten Dingen, wie
denn z. B. an manchen Eisenbahn-Sta- ,
tione mitten im Kreuzerlande der Kreuzer
ur noch zu 3 Pfennigen angenommen '
-wird, dafür aber auch 3 Pfennige als ein
Kreuzer gelten. Das mag Ihren Lesern
schrecklich unbedeutend vorkommen, aber
hier macht er sich empfindlich fühlbar. '
Nun zeigt auch das neue Geld, kaum daß
es in den Tagcsverkehr einzudringen be-
ginnt, schon seine Schattenseiten. Bald ,
hört man von Falschmünzerei, bald von i
mangelhafter Ausprägung oder BeHand- <
lung sonst richtiger Stücke; namentlich z
über Zerbrechlichkeit der neuen 2V-Mark- t
Micke wird geklagt! Kurz, wir erleben
mit unserem Gelde jetzt einen wahren He
xensabbats), und wenn der Zweck verfolgt
wird, dem Publikum die Segnungen eines s
geordneten Münzwesens recht fühlbar zu k
demonstriren, so ist derselbe glänzend er- 's
reicht.
Vom Gelde führt eine sehr naheliegende r
Jdcenverbindung zu den Lebensmittelprei- r
sen. Eine höckstmerkwürdigeßewegung ist
unter den Hausfrauen ausgebrochen; sie
wollen sich die unverschämte Uebervorthei
tiunz Seilens der Marktweiber, der Bul-
Zer- und Gemüsehändler :c. nicht mehr ge
fallen lassen, wollen große Bezugs-Asso
ziationcn bilden und eine gehörige Quali
täts-Controle üben. Die Bewegung,
welche—so komisch die ganze Sache klingt
—gar nicht unbedeuteno ist, hat Kassel
ihren Ansang und zu Frankfurt o" M. ei.
ncn so energischen Fortgang gcnemnren,
daß, trotzdem die toozial-'Demvkraten und
-Temokratinnen ihr Möglichstes thaten, die
sache durch ihre Einmischung zu diskredi
tircn, Hunderte von Hausfrauen, zum
der Familien, sich so
fort durch tladerschrist beteiligten. In
anderen. Ctädten ist Aebnliches im W.'rke,
und c>ie Kasielcr Hausfrauen haben eine
H-r-vliche Agitation durch Wort undSchrist
rar Szene gesetzt. Es ist ohne Zweifel cr
ger iknfug getrieben worden, dafür liefert
l'chcn die Möglichkeit eines derartigen Lo
sbruchs den Beweis; und es wäre nicht das
uninteressantesteKapitel einer erst zn schrei
benden Gesellschasts-Physiologre, die Irr
gänge darzulegen, auf denen die Eonsums
vcreins-Jdee sich plötzlich zu einem so ener
gischen Ausdruckedurchgearbeitel hat. Hier
in der Beschaffung und Qualität und im
Preise der nothwendigenLebcnsbedürfniffe
steckt auch noch ein gutesstück Zukunfts-
Sozialismus. ob diese Jvee'n epide
misch wären, sängt man eben jetzt auch an,
den Bierbrauern schärfer als je auf die
Finger zu sehen. Die Verwendung aller
möglichen Stoffe an Stelle des Hopfens
rvird ihnen Schuld gegeben, und sogar die
giftige Herbstzeitlose soll in großen Men
gen gesammelt und zu Brauereizwecken
verwendet werden. Etwas scheint auch
daran zu sein, wenn auch die Brauer sich
vermuthlich hüten würden, ein so bedenk
liches Geschäft in so offenkundiger Weise
zu betreiben. Vielleicht könnte es nichts
schaden, wenn auch der kolossale Trauben
zucker- und Glycerin-Verbrauch mancher
Brauereien bei dieser Gelegenheit einer
näheren Beleuchtung unterzogen würde.
Daß das Publikum die Selbsthülfe ernst
lich an Hand nimmt, ist jedenfalls lobens
wcrth und zweckmäßig.
lspäte Entdeckung.) Aus
München, 5. d., schreibt man: „Ter Thä
ter des, wie sich der Leser noch erinnert, in
der Nacht vom 15. auf den 10. August
unter gehcimnißvollen Umständen an der
Hofkammcrralhs-Tochler Fräulein Hebber
ling daher verübten Raubmordes ist end
lich entdeckt und ergriffen worden. Gestern
Mittags prässntirle ein Packträger bei der
Hvpothckar. und Wechselbank einigePfand
brief-Talons zur Umwechslung, welche der
betreffende Beamte sofort als zu jenen
Werthpapieren gehörig erkannte, welche
bei dem erwähnten Verbrechen abhanden
gekommen waren. Der Packträger er
klärte den Beamten, die präsentsten Ta
lons auf seinem Standplatz an der Ecke der
Brienner- und Ludwig-Straße von einem
ihm unbekannten Herrn erhalten zu haben,
welcher die einzuwechlelndenEouponsbogen
au, dem bezeichneten Platze in Empfang
nehmen wolle. Sosort wurde die Polizei
in Kenntniß gesetzt und nach einer halben
Stunde der an dem fraglichen Standplatze
bei dem Packträger sich einfindende Unbe
kannte, wie sich herausstellte, de.-Porzellan
dreher und ehemalige Soldat vrs ersten
Ehevauxlegers - Regimentes Heinrich
Slöhr, 35Jahre alt, festgenommen. Nach
Vereitlung eines in der Theatirerstraße
unternommenenAluchtoersuches wurde der
selbe in das Polizeigebäude gebracht und
gleichzeitig eine Nachsuchung in seinecWoh
nung angeordnet, welche eine größere An
zahl der bei dem Raubmorde entwendeten
Effekten ergab. Bei'm Verhöre brach der
Verbrecher nach längerm Leugnen plötzlich
in convulsivisches Weinen aus und,ak
dem assistirenven Gendarmen mit dem
Ausrufe: „Ja, ich Hab's gethan!" in
die Arme. Nachdem er sich einigermaßen
erholt hatte, legte er ein umfassendes Ges
ständniß ab. Das Aeußere des Mörders
ist von so anständiger, unscheinbarer
Art, daß wohl Niemand in ihm einen so
sehr gefährlichen Menschen vermuthen
möchte."
Zu der Liste von neuen Cardi
nal en, die anläßlich des nächsten Eon
sistoriums ernannt werden sollten (der Ka
bel hat die Ernennung von 16 Cardinälen
gemeldet), führt Fanfulla folgende auf:
Äonseigenenr Guibert, Erzbischos vonPa
ris; Monseigneur Desprey, Erzbischos von
Toulouse; Monsignore Garcia Gil, Erz
bischos von Saragossa; Monsignore Fla
vio Chigi, Erzbischos in partibus u. Nun
tius in Paris; Monsignore Falcinelli-An
toniake, Bischof von Athen iu partibus,
Nuntius inWien;MonsignoreFranchi,Nun
tius in Madrid; Monsignore Oreglia, Nun
tius inLiffabon; MonsignoreGianelti, Nun
tius in Neapel, Conclls-Sekretär; der Erz
bischos von Gran und Primas von Ungarn.
Mit einiger Wahrscheinlichkeit bezeichnet
wan noch Folgende: MonsignorePacca,Ma
jvrdomus des Papstes; Monsignori Negro
m, Ei-Minister des Innern; Monsignore
Sekretär des ticke;
Monsignore Bartolini, Pater Martini
aus dem Augustiner - Orden. Die
Monzignori Chigi und Falcinelli würden
au? ihren diplomatischen Posten verblei
dtti. Pms IX. scheint entschlossen zu sein,
sich sur ein weiteres Consistorium die Er
nennung der Monsignori Pacca, Vitellechi
und anderer Prälaten des päpstlichen Ho
,es vorbehalten zu wollen. "
t In her Stadt Sranada (Epa-
I nien) haben sich vor Knrzsist Porfälle
ereignet, die ein sthr eigenthümliches Licht
aus die litigiösen Anschauungen Spanien's
werfen. In Granada predigt seit einiger
Zeit ein protestantischerWandeclehrer, und
seine Abhandlungen, Traktätchen ü. s. w.
werden auf offener Straße seilgeboten.
Neulich mochten sich einige Studenten den
Spaß, iine Anzahl solcher Traktätchen zu
kaufen und Angesichts einer großen Menge
zu zerreiben und in den Koth zu treten.
Daraus fiel der Pöbel über sie bet, prü
gelte sie und nannte sie Karttsten. Nicht
genug daran, in der nächsten Nacht, als
sich eine größere Versammlung von Stu
denten aus dem Zacatan plaudernd zusam
mengefunden hatte, wurde sie von Bewaff
neten überfallen, unter dem Geschreit „Es
lebe die Republik!" auseinandergetrieben
und mehrere Von den Studenten durch
Säbelhiebe verwundet. Gewiß war das,
wie die „Epoca" bemerkt, ein Ausbruch
talendswectherNohheit; aber es ist bezeich
nend für die Stimmung der Bevölkerung
Granada's, daß einkPerhöhnung des pro
testantischen Predigers in dieser Weise ge
rächt wird.
Die Weiber auf der Gold
k ü st e.—DieEngländer habeneinen zweiten !
Sieg über die Aschantesen erfochten. Bon
den Fanti's, den Bundesgenossen derEng
ländcr, sid die Weiber den Engländern
nützlicher, als die Männer. Nicht nur
verspotten die Amazonen mit Peitschenhie
den die Männer, welche, statt in's Feld zu
rücken, zurückbleiben, die Weiber machen
auch den ganzen Train beinahe aus, und
sonderbar genug sieht ein solcher Weiber
train aus. Man beule sich einige hun
dert fast güfiz nackte Negerweiber, eine
schwere Kiste mit Munition auf dem Kopfe,
aus der Hüfte in einer Art Behälter ein
Kind, das, wenn es noch im Säuglingsal
ter steht,aus geschickleDeise in demßehälter
seine Muttermilch erhalten kann, ohne den
Marsch dabei zu stören Und die dabei doch
heiter im Takte gehen. Die Weiber auf
der Goldküste sind in jeder Beziehung viel
energischer und thätiger, als die Männer,
u. wenn der Aschantesenkrieg den Männern
dort etwas mehr Liebe zur Thätigkeit ein
flößt und den Weibern von ibren Lasten
etwas abnimmt, so dürste er nicht umsonst
gewesen sein, was immer die politischenße
sultate des Feldzuges sein mögen.
Fürst Bis m a rck ist am 16. Dez,
Abends nach Berlin zurückgelehrt. Folgen
den Tages betheiligte er sich im Abgedrdnc
tenhause sehr lebhaft an der Debatte über das
zur ersten Lesung gebrachte Gesetz zur Einfüh
rung der Civitche. Als einige Mita'ieber
des Centrums den Reichskanzler an seine
Vergangenheit, d. h. afi seine frühere Oppo
sition gegen die Einfübrung der Civilehe, er
lnnertcil, erwiderte er : „Ich bin nicht mehr
Mitglied einer Partei, sondern ein Minister
der Krone und muß meine persönlichen Un-
Ansichten den Ideen, welche die Politik des
(Staates leiten, unterordnen." Diese Erklä
rung wurde mit enthusiastischen BeitaKSru
sen von der Majorität des HauscS anlgenöm
mcn. (Wir geben diese Nöliz nach einem
Berliner Telegramm der Londoner „Times".
Deutsche Blätter über die fragliche Debatte
liegen noch nicht vor. D. R.) - Offiziöse
Berliner >sorresponden;en machen übrigens
kein daraus, daß der deutsche Kaiser
Nlir nach schwerem innern Kampfe nnd der
offenbaren Nothwendigkeit weichend," seine
Zustimmung zu den, Geietze über die Civilehc
gegeben habe.
—Dos)>leuß.Ab g e 0 r d n e t e n
hans hat abermals seine Unparteilichkeit
bei Wahlprüfiiiigeii gezeigt, indem es die
Wahlen des Grafen Arco und des Herrn
Dohm im Wahlkreis Ratibor beanstandete,
bloß deßhalb, weil Proteste Wegen angebli
cher Beciiiflllsftiny ver erwähnten Wahlen
durch dortige Regierungsblätter eingegangen
waten. Zugleich wurde mit 236 gegen 31
Stimmen folgende Resolution angenommen :
Das Haus mißbilligt die Benutzung amtli
cher Pllblikationö-Organe sür Artikel zur Be
einflussung der Wahlen.
Derdeutchc B n n d e s r a t h
hat den bekannten, von Laskcr im Reichsta
ge gestellten Antrag „ans Ausdehnung der
Reichscompetcnz über die gesammte Civilge
setzgebung der deutschen Staaten" endlich an
genommen. nachdem auch Bayern seine frü
here Opposition gegen diesen Antrag ausgege
ben hat. Nur die beiden, Mecklenburg und
Reuß j. L., stimmten dagegen. Dieser Be
schluß, sagt die „N. Fr. Pr/ft ist sehr erfreu
lich, obwohl die Modalitäten der Abstiin
mung schon um ihrer Heiterkeit willen eini
gen Anspruch ans Beachtung haben. Der
particularlstische Standpunkt wurde nämlich
von Mecklenburg und Reuß jüngere Linie
festgehalten, während Bayern mit einem
kleinen Vorbehalte dem Antrage zustimmte.
Die kleinen Köter knurren, seitdem ihnen das
Bellen untersagt worden ist. Als ein Zeichen
der Nachgiebigkeit kann auch der nunmehr de
finitiv gewordene Beschluß des Bundesrathes,
den Reichstags-Adgeordneten während der
Session des Parlamentes ans allen deutschen
Bahnen sreie Fahrt zu gewähren, an
gesehen werden. Freilich ist diese „armselige"
Concession das Prädikat stammt von ei
nem liberalen Abgeordneten des bayerischen
Landtages kaum der Rede werth, so lange
der Reichskanzler sich nicht zu Diäten-Gewäh
rung entschließen kann. Lange wird sich in
dessen Fürst Bismark dieser Nothwendigkeit
nicht mehr entziehen können, denn nachgerade
wollen sich jn Süddeulschland für den Reichs
tag keine Candidatcn mehr finden.
Ans die B 0 rstellung , welche
der bayerische CpiScopat bezüglich der aller
höchsten Verordnung wegen Errichtung von
confeisionell-gemischren schulen an den Kö
nig Ludwig gerichtet hafte, ftt eine abschlägi
ge Entscherdug durch das CultuSministerium
ergangen.
Än derStadtHannover fand
am 15. Dez. ein heftiger Wahlkampf statt,
denn es war ein volles Drittel des Bürger
vorsteher-Collegiums neu zu wählen. In
letztcrem ist die partikularislische Partei noch
immer stark vorherrschend nnd von den aus
geschiedenen acht Mitgliedern gehörten sechs
dieser Partei an. Der Wahlhandlung war
nun eine Polemik in Flug- und Tagesblättern
vorausgegangen, wie sie bitterer zwischen den
Nationalen und Separatisten kaum vorher ge
führt worden ist. Das Ergebniß ist, daß von
den acht Wahlen fünf der nielfischen nnd drei
der national-liberalen Partei zugefallen sind,
welche letztere damit um eineStimme im Col
legium reicher wird. Am empfindlichsten
wird den freilich immer noch die Oberhand
behauptenden „Deutsch-Hannoveranern" (wie
sich die Welsen nennen) der Verlust des Ge
heimralhs Dr. Briiel sein, der durch Dr. Köt
ilig mit 96 gegen 58 Stimmen vcrdräng
worden ist. Dr. König diente bekanntlich
dem Laiidesdirektorium eine Zeitlang als
Schatzrath, und um seiner anerkannten Be
fähigung willen sah Bennigsen ihn nur un
gern ans dem provinzialftändischen Amte
scheiden. Die Minorität des Bürgervorste-
Hcr-Lollegs gewinnt an ihm eine nicht gerin
gere Capacität, als die Majorität an Brück
verliert.
Das Reichskanzlern in t
macht wiederum Mitheilungen über den
Stand der Cholera im deutschen Reiche, und
es ist aus den amtlichen Angaben zu ersehen,
daß in den 9 Provinzen des preußischen Staats
also mit Ausschluß Westfalens und der Rhein-
Provinz, vom 22. Mai bis 6. Dezember d.
I. 44,959 Menschen au der Cholera erkrankt
und davon 23,242 gestorben sind. Davon
kommen auf die Slad Berlin (vom 21. Juli
bis December v. I.) 1074 Erkrankungen und
darunter 741 Todesfälle. Erloschen ist die
Epidemie in den Regierungsbezirken Frank
furt a. d. 0., Erfurt, Kassel und und in der
Provinz Hannover. Auch aus Bayern,
Sachsen, Württemberg, Anhalt, Lübeck und
Hamburg liegen Berichte vor, woraus zu ent
nehmen, daß in den letzterwähnten drei Ge
bietstheilen und in Dresden die Epidemie
erloschen ist. Weiter erfährt man, daß im
Königreiche Polen seit Begin der Epidemie
(der Tag ist nicht angegeben) bis Mttte Ok
tober v. I. an der Cholera erkrankt waren :
56,447 gestorben 26, 234, wovon aus die
Stadl Warschau 4933 Erkrankungen und
kBB7 Todesfälle kommen.
Die wachsende Auswan
derung von Irland nach Amerika findet
ihren Gegensatz in der noch immer fordauern
den Rückwanderung aus Amerika nach Eng
land. Es treffen ?eit einiger Zeit wöchent
lich durchschnittlich tausend Arbeiter und
Handwerker in Liverpool ein, die ihr Glück
in der neuen Welt gesucht, aber nicht gefunden
haben, um nun mit getäuschter Hoffnung in's
Baterland zurückzukehren.
In England wurde am 14. De
zember iu sämmtlichen katholischen Kirchen
der Diöcese Westminster die päpstliche Ency
klica von der Kanzel oder denAltarstnfen her
ab verlesen, desgleichen eine offizielle Wider
legung der in den Zeitungen aufgetauchten
Angabe, daß da Uiifehlbarkeils-Dögma für
die englischen Katholiken nicht streng bindend
sei. Tasselbe sei nicht minder bindend wie die
Dogmen der Dreieinigkeit und der Fleisch
werdung. Zuwiderhandelnde seien ft.so mc
l exconuiiunicirt.
Alfonse, der Solz der Exkönigin
Jsabella von Spanien, ist am 28. Nov
sechszehn Jahre alt, also volljährig geworden
Wie man der Londoner „Daily News" aus
Madrid schreibt, hat dieser Umstand die Al
fonsisten neubelebt und ihnen neue Anhänger
zugeführt. Die Monarchisten schlagen aus
der Erfolglosigkeit des lange anhaltendenßom
bardements von E a r t a g e n a viel Capi
tal, indem sie damit die Schwäche der repnb.
Manischen Regierung als erwiesen bezeichnen.
Die Cooperation der Flotte ließ viel zu wün
schen übrig. Tie dampfte, angeblich wegen
giohlenmangels, jedesmal davon, sobald sie
gehraucht wurde.
Stadt Baltimore.
34. Jahrgang dcs
Correspondeu,n"
Mit dem 1. Jan. trat unser tägliches Blatt
sei 34. Lebensjahr an. Was der Korrespon
dent" innerhalb der nunmehr hinter ihm lie
genden Periode geleistet, gehört der Geschichte
der Entwickelung des deutschen Lebens in Bal
timore und Maryland an. Die seit jeher von
uns verfolgte Richtung hat sich den Beifall
des Publikums rrrsingen lind der Erfoia un
ser Streben belohnt unsere Cirkuiation steht
heute mir lisch dem verbreitetsten englischen
Blatte Baltimore'S nach, aber der Einfluß
des „Correspondenten" auf die Entwickelung
des Gemeinwohles keinem einzigen. Der
„Corrcspondcnt" erscheint heute abermals
in neuen Typen, auf bessern, Papie
re, als je, gedruckt und von dem bisherigen
Bestreben beseelt, inj eder Weise den verstän
digen Anforderungen des Publikums gerecht
zu werden. Unser Blatt kann heute an In
halt. Größe und typographischer Ausstattung
wohl den Vergleich mit den rcnonlmirtcsten
deutschen Journalen de Union aushallen,
gant abgesehen dabo, daß der Preis
desselben allen deutschen Blät
tern des Landes, in den meisten Fällen
bei größeren Leistungen und sorgfältigerer Re
daktion, nachsteht.—Die neuen Typen gingen
aus der bekannten Schriftgießerei des Hrn.
PH. Heinrich in Rew-Ssörk hervor, die kupfe
rung würde von der „Newton Comp." besorgt
und die Stereotypen sind eine Arbeit der hie
sigen Firmen F. H. Lucas und Ryan k
RickettS. Indem wir mit diesen wenigen Be
merkungen in's neue Jahr hincinstcucrn, hal
ten wir uns dem Publikum bestens empfohlen
und verbinden damit den Wunsch, daß der
„Correspondcnt" Allen noch recht lange ein
willkommener Morgenbcsucher sein möge.
Abfährt vcs Dampfers „Ohio."
Ter Dampfer „Ohio," Capt. Karl von
Emster, ging Sonnabend Nachmittag 2 Uhr
von Locnst-Point nach Bremerhaven ab und
nahm 2 Cajüten Passagiere deren Namen un
sere vorgestrige Nummer mittheilte, 41 in dem
Zwischendecke und eine anfungcfähr G 125.173
I gcwerthele Ladung mit. welche in folgenden
Collis besieht: 500 Kisten eingemachter Ana
nas 1000 Pipcn Schweinefett, 503 Ballen
Baumwolle, 218 Oxhoften Maryländer, 201
Oxhoften Virginier und 22 Ophostcn Ken
tncky'er Taback 00 Oxhoften Birginier und
11 Oxhoften Kcntucky'er Tabacks-Rippeu, 40
Fässern Waizenmehl, 3352 Säcken Roggen,
50 Kisten Stärke, 2058 Säcken Mais, 101
Schinken, 15,851 Fuß Pappelholz und 13K6
rohen Rudern.
Vom Ottufer ötääte
Das östliche Ufer Maryland'S, welches seil
vielen Jahren aIS ein Arkadien betrachtet
wuide, kann seinen guten Ruf nicht in das
neuangebrochene Jahr mit hlnübernehmen.
Während der letzten Zeit war die östliche Seite
der Cheiapeake-Bai der Schauplatz so vieler
T>agödien und Mordthaten, deß das östliche
User in dieser Hinsicht sogar die Counlies des
westlichen Theiles unseres Staates übertrifft.
Im Anfange des verflossenen Jahres spielte
sich in Cambridge der Plater'sche Mordprozeß
ab und vor wenigen Wochen endete ebendort
er Prozeß gegen den Mörder McCoiter mit
der Schuldigsvrcchung des Angeklagten. Am
> Wahltags Waid in Somerset Counly ein
Mord verübt und die Tragödie in Caroline-
Lounty ist noch heute ein verschleiertes Ge
heimniß. Bor iß Monaten war Wiconlico
Counly der Schauplatz eines gräßlichen M
des und vorgestern wurden wiederum Zwe
Mordthaten vom östlichen Ufer berichtet; die
erste lrug sich am Mittwoch in Queen Anne's
Touniy zu. An dem genannten Tage ge
-lelben ein junger Mann. Namens Noah
Clouzh, uvd ein Fatbiger in Roberts'Mühl
in einen Streit. Während desselben eigrin
Clough eine Eisenstange und schlug den Ne
ger mittelst derselben nieder. Der Letztere er
hielt solch' schwere Verletzungen, daß er schon
am nächsten Tage starb. Clough ist enislohen.
Lie Nachricht von dem anderen Morde lommi
aus Wicomieo > Cvuuly. Eine berüchtigte
Persönlichkeit die den Namen William Tay.
ior führt und bereits einige Jahre im Mary
>äder Zuchthause zubrachte, töZtete am Syl
vesttrabenb einen Mann, Namens Alfred
Puch, mittelst eines Beiles in der Nähe von
Saiisbury. Des Mörders ist man bis jetzt
noch Vicht habhaft geworden.
Die Einw a n d c rli 11 g im, lahre
18 7 3.— Nach den Büchern des Stadl-Regi
strators kamen im Lause des letzten Jahres
11,611 Einwanderer aus Deutschland, Böh
men und der Schweiz, 124 aus Irland und
1405 ans andern Ländern hier an. Zusam
men 13,140. Diese Zahl umfaßt ivohl nur
die, welche das Cominutationsgeld bezahlt
haben und dürfte der von der „deutschen Ge
sellschaft" erwartete Ausweis die Ziffern we
sentlich vergrößern. Anzunehmen ist jedoch
im Boraus, daß die Anzahl der Einwanderer
im letzten Jahre erheblich geringer, als 1872
war, wo die Zahl 18,491, 7436 mehr, als
1871, erreichte. Die Krisis des Jahres 1873,
die schon Monate lang ihre Schalten voraus
warf, hat wohl hier, wie anderwärts, die Ein
wandemiig aus Europa beeinträchtigt.
Die Getraidc-und Mchlbörse.
Montag fand die Jahresversammlung der
Mitglieder der Getraidc- und Mchlbörse statt.
Der Präsident Hr. S. Sprigg Bell verlas
seinen Bericht, welchem wir Folgendes ent
nehmen: Tie Zahl der Mitglieder nahm im
letzten Jahre beträchtlich zu und deläuft sich
zur Zeit auf 467. Sämmtliche Schulden,
welche aus der Börse lasteten, sind abgetragen
nnd das Jahr 1374 nimmt daher unter ver
hättnißmäßig günstigen Auspizien seinen An
fang. Wüiischenswerth wäre es, wenn das
neue Direktorium während des nächsten Jah
res den Ankauf eines neuen Gebäudes, das
zweckentsprechender wäre, als das gegenwär
tige, in Berathung zöge, da das Getraidc-und
Mehl-Geschäft immer Stadl mit jedem Jahre
größere Dimensionen annimmt. Während
des Vergangenen Jahres wurden 2,810,917
Scheffel Warzen, 8,330,449 Scheffel Mais,
100,519 Scheffel Roggen, 1,255,072 Scheffel
Hafer und 1,312,612 Fässer Mehl nach Bal
timore versandt. Dies weis't eine Zunahme
von 354,817 Scheffeln Waizen im Vergleich
mit den Waizen - Einfuhr des Jahres 1872
nach und eine Zunahme in der Mehlzufuhr
von 178,391 Fässern: dagegen weisen die
Bücher ein Vergleich mit 1872 eine Abnahme
von 715,016 Scheffeln Mais und 704,089
Scheffel Hafer nach. Die lange und anhal
tende Dürre erklärt die geringe Zufuhr von
Hafer, während die Abnahme in der Mais-
Einfuhr ihren Grund in den Nußcrndten der
westlichen Staaten findet. Unstreitig hat auch
die Krisis bedeutend dazu beigetragen, dicZu-
verringern. Im neuen Jahre wird
der Stand der Dinge sich jedoch unzweifelhaft
anders gestalten, da die „Baltimorc-Ohio-
Bahn" täglich größere Quantitäten Getraidc
nach Baltimore bringt. Bereits jetzt eignet
diese Bahn - Compagnie einen Elevator auf
Locust-Point, der eine halbe Million Scheffel
aufzunehmen vermag und im Laufe dieses
Jahres wird der neue Elevator der Compag
nie fertig werden, welcher eine solche Größe
erhält, daß er im Stande sein wird, mehr als
eine Million Scheffel aufzunehmen. Auch
die „Nördliche Central-," die „Baltimore-
Potomac" und die „Westliche Maryländer
Bahn" bringen täglich die Produkte des Lau
bes nach der Stadt. Rechnet man hierzu
noch, daß die Fluß- und Hafen - Arbeiten in
diesem Jahre ihr Ende erreichen und Balti
more alsdann einen ausgezeichneten Schiff
fahrtS - Kanal von 300 Fuß Breite und 24
Fuß Tiefe (bei m niedrigsten Wasserstande)
auszuweisen hat, so darf man wohl anneh
men, daß unsere Stadt in kurzer Zeit einer
der größten Getraidc-Märkte der Union sein
wird. Die Krisis, welche im September be
gann und Tausende von Geschäften in allen
Theilen de Landes ruinirtc, wurde in Bal.
timore weniger fühlbar, da die hiesigen Ban
ken fest und sicher standen. Keiner aber sicherte
den Credit unterer Stadt während jener Pe
riode mehr als der kürzlich verstorbene Kauf
mann nnd Philanlrop Johns Hopkins.
Schließlich ist noch zn erwähnen, daß nicht
ein einziges Mitglied der Getraidc- und
Mchlbörse während jener Krisis seine Zah
lungen einstellte. Nachdem der Bericht ange
nommen und zum Druck beordert war, schritt
man zur Wahl der Direktoren.
Erwählt wurden folgende Herren: R. M.
Wylie, W. B. Graves, I. A. Merrill, Karl
D. Fischer, Thos. I. Dail, H. Williams,
James Lake, G. P. Williar, Walter B.
McAtee, s. Sprigg Bell, Edwin HewcS,
G. F. Anderson, Allen Dorsch, I. Knox und
G. H. Baer.
Der Krieg zwischen der,,Balti
mo re - Ohi 0-" und der ~Pcnnsyl
van ier-Central-Bah n" dauert noch
immer an und das Reisepublikum wünscht
demselben eineu langen und glücklichen Fort
gang. Borgestern Morgen waren jede alte
Mauer und Planke in Baltimore mit großen
Anschlagszeltelii dekorirt: die Letzteren verkün
deten eine weitere Erniedrigung der Fahr
preise. Die Zettel der „Baltimore - Ohio-
Bahn" zeigten an, daß diese Corporation ihre
Preise auf denselben Betrag festgesetzt hat,
welchen die „Pennsylvanier-Bahn" seit eini
gen Tagen fordert, während die Zettel letz
terer Bahn bekannt machten, daß die Com
pagnie den Fahrpreis von Baltimore nach
Piltsburg und Wheeling abermals erniedrigt
hat und zwar auf Ks.
Der Commandeur des Dam
pfers „Edgar Stuart." Melchior
Aguero, wohlbekannt in cubanischeii Kreisen
als der Commandeur des Dampfers „Edgar
Stuart," veröffentlicht folgenden vom Bord
seines Schiffes datirteu Brief: „Baltimore,
l. Jan. 1374. Die reichen Cubancr, welche
in diese Republik eingewandert sind, lieben
nicht die Freiheit ihres Landes. Sie sind
keine Pacrwken. In den ersten drei Tagen
dieses MonalS wird es ungefähr ein Jahr,
seit ich linieren Brüdern die letzte und sehr ge
legene Hülse brachte, die zu 'leisten ich im
blande, ohne Mithülfe innerer Emigranten.
Tie kleine Anzahl meiner Freunde, welche be
strebt sind, ein eigenes Land zu haben, boten
mir die Mittel zu dieser Expedition ebenso an,
wie zu der früheren, und unsere Sache dank!
eS ihnen und dem Heroismus der Armee im
Felde, daß sie fortfährt, Zeichen von kräftigem
Leben zu geben. Jch habe ein Jahr gewarlel.
Kein cubaiiischer Capital,,, und keines unserer
großen Lichter hqbe mir bis jetzt die tttinste
Hülse angeboten ober auch nur mich ermu
thigt, in meiner Pflicht fortzufahren. Im
Gegentheile haben einige derselben inir alle
möglichen Hindernisse in den Weg gelegt. Ha
ben die reichen Cubaner eine Vorstellung da
von, was ich in den letzten fünf lahren ge
than habe? Man kann es kaum annehmen,
denn ein Jahr ist vorübergegangen, und sie
haben nichts gethan. Sie haben blos ge
schwatzt und Versprechungen gemacht und
Nichts ausgerichtet: Dies sind Unbestrittene
Thatsachen. Die reichen Ciivaner haben zwei
Wege, meine gerechte Klagen zu widerlegen.
Einer ist, selbst ohne Verzug ,n ausgiebiger
Weise mit Fähigkeit dicSache der Freiheit o hne
Ein Den km a.l für lohnSHop
kinS. Hr. I. T. Ford reichte Montag
Abend im 1. Rathszweige anerkennende Bc
schlösse für den Philantropen Hohns Hopkins
ein. Dieselbe erkennen zunächst die großen
Verdienste an, welche der Verstorbene durch
seine außerordentliche Freigebigkeit derMensch
hcii, iiiid besonders der Stadt Baltimore ge
leistet, und schlugen sodann vor, dag dct Ma
yor Müdlrälh im Namen des Volkes
unserer Stadt die dermaligcn Finanz - Kom
missäre autorisiren, daß sie als Comite zu
sammentreten, nm Anordnungen zur Errich
tung einer Statüe nebst Piedcstal für den ver
storbenen Johns Hopkins auf einem der
Stadtplätze am Broadway, im Angesicht de?
zu errichtenden, von dem großen Wohlthäter
geschenkten Hospitales, zn treffen und ferner,
daß die Unkosten aus der Steuer-Auflage ge
deckt werden, sobald das Denkmal seincrVoll
cndung nahe sei. Hr. Ford und andere Her
ren begleiteten die Beschlüsse mit einigen ge
eigneten Bemerkungen und dieselben fanden
sodann einstimmige Annahme.
Bnltimorer Sterblichkeits-
Tabelle. Verflossene Woche wurden
ans Baltimore 128 Personen, 69 mänlichcn
und 59 weiblichen Geschlechts, worunter 25
Farbige und 8 Todtgeborene, beerdigt; gc.
Rade so viele, wie in der Vorwoche, resp. 37
und i weniger, als in den Parallclwochen
von 1873 und '7O, ; aber resp. 5, 1, 14, 31,
25 und 5i mebr, als in den correspondirenden
Wochen von 1372 '7l, '69, '6B, '67 und '66.
Aus A ii ii a p o l i s. Wm. Taylor,
welcher am 31. Dezember 1873 auf dem Tst
ufer unseres Staates einen Mann, Namens
Hitch, lödtete, wurde bereits im Mai 1857 des
Mordes im zweiten Grade schuldig befunden,
und zu 18. Jahren Zuchthausstrafe vcriir
theilt. Am I. Jan. 1869 wurde er begna
digt.
Wieder ein Brandunfall
d u rch K 0 l> l eli ö l. Während Daniel
Hahn mit seiner Frau nnd 17-jährigen Toch
ter Sonntag Abend daheim an Garrison'S
Laue bei'm Äbendbrode saß, barst die auf dem
Tische stehende Kohlenöllampe, wobei die
Kleider der Frau Hahn und der Tochrcr sich
entzündeten . Die Erstere erlitt unerhebliche
Verletzungen ; allein die Tochter, Namens
Carrie, welche in den Hof hinausrannte,
trug an den Armen und der Brust schlimme
Berlevnngen davon. Dr. Linthicum hat sie
in Behandlung.
Wieder eineOel-Explosion.
Montag Abend barst in der Wohnung der
Frau Müller, Nr. 218, Alice Ännstraße, eine
mit dem angeblich nicht cxplodirenden Ocean-
Oele gefüllte Lampe, wobei Frau Müller im
Gesichte und an den Armen schrecklich ver
brannt wurde; Ein Mann, der zufällig am
Hause vorüberging und die Hülserufe der bc
dauernswerthen Frau vernahm, eilte hinein
nnd erstickte die Flammen, welche dieselbe ein
hüllten.
Bah nunfall. — Als Dienstag Vormittag
der Wiuchesterer Zug sich der Station Wood
stock sah oerLokomotivsührer auf dem
Geleise einen Mann; sofort ließ er den War
nungspfiff ertönen, auf den aber der Mann
nicht achtete, sodaß ihn die Lokomotive nieder
warf. Als man ihn aushob, war ihm das
rechte Bein an zwei Stellen gebrochen und
das Schultcrgclenk verrenkt. Man nahm ihn
nach dein Camdcnstraßcn-Bahnhose mit nnd
schaffte ihn von da nach der Klinik an Lom
bardstraße, wo er sich Wm. Smith nannte
und Murfreesboro', Tenii., als seine Hci
math angab.
Töd tl ich er st u r z.— Montag Abend
8 Uhr fiel der 12 Jahre alieGeorg Trantwcin
daheim in Nr. 41, Nord - Dallasstraße, die
Kellertreppe hinab und brach's Genick; ehe
Dr. Conner ankam, lebte der Mann nicht
mehr.
Die Ermordung des Müllers
Abraham Lhll n. Hr. Edwards,
ein Mitglied des Hagerstowner Baneaus,
hat eine Nichligkeits-Beschwerde in dem Falle
des Joseph Davis, welcher zum Tode verur
theilt ist und am 6. Februar in Westminster,
Earroll-County, gehängt werden soll, einge
reicht. Wie es heißt; wird der Fall jetzt noch
einmal vor dem Appellationsgerichte zur
Verhandlung kommen.
Die Schießafsaire in St. Ma
rh's Cou 11 ty. Das Borverhör in dem
Falle des John Cummisky, welcher ange
klagt ist, am Abend des 15. Dezember einen
Neger, Namens Robert A. Sommervillc in
St. Mary's Connty erschossen zu haben, fand
am Montag voriger Woche vor Richter Ford
in Leonardtown "statt. Das Resultat war,
daß der Angeklagte gegen H2OOO Bürgschaft
bis zum Beginn des Prozesses entlassen
wurde. Cummisky ist cm Einwohner
Washington'?, hielt sich aber zur Zeit der
Affaire bei seinem Bruder in St. Mary's
Connty ans. Letzterer war an jenem Abend
von seinem Hause abwesend und hatte dem
Angeklagten die Aussicht über dasselbe über
tragen. Aus dem Verhör erhellte Folgendes:
Somervillc kam in Begleitung eines andern
Farbigen, Namens Crowly, nach dem Hause
und betrug sich daselbst in einer solch' rohen
Weise, daß Cummisky ihn ersuchte, sich zn
entfernen. Somerville entgegnen ihm, daß
nicht genug Leute in dem Hause seien, um
ihn zum Fortgehen zu zwingen, er werde
bleiben, so lange es ihm gefalle. Der Ange
klagte sagte, er habe die Befugniß erhalten,
die Ordnung ausrecht zu erhalten, und werde
nicht dulden, daß dieselbe gestört werde. Der
Neger drohte darauf, ihn zu todten, falls er
(Cummisky! sich nicht sofort auf sein Zimmer
begebe. Als der Neger eine drohende Hal
tung annahm, eilte der Angeklagte auf sein
Zimmer, und als Somerville auch dorthin
drang, ergriff er eine Flinte und schoß ans
den Farbigen. Der Letztere starb nach Ver
lauf von anderthalb Stünden.
Verlockung dreier Mädchen.
(Schwere Anklage.) Der Polizei - Mar
schall Gray ließ Dienstag früh Harry Frcnchcr
und Emma Hamilton, Besitzerin eines Bor
dells an Hollidaystraßc, unter der Anklage
festnehmen, drei junge, resp. 20, 18 und 16
Jahre alle Mädchen, worüber wir bereits be
richteten, beredet zu haben, ihre Heimath in
Philadelphia zu verlassen, um hier in ein
Freudenhaus gebracht zu werden. Es heißt,
daß man den Mädchen hier Stellen in acht
baren Familien zu Hl 2 pro Monat verspro
chen, sie aber anstatt Dessen in ein schlechtes
Hans an Hollidaystraßc gebracht hätte. Die
drei Mädchen kamen am Samstag Abend in
Begleitung der Angeklagten in Baltimore an,
aber erst am Sonntag früh erwachte der Bei
dacht in ihnen, daß das Haus, in welchem sie
sich befanden, ein Bordell sei. Dieser Ver
dacht erhielt in dem Benehmen der Angeklag
ten bald seine Bestätigung. Gütigen Worten
folgten Drohungen, und als dieie Montag
Abend in Thätlichkeiten gegen das jüngste der
Mädchen ausarteten, entfloh dasselbe mit
theilweise zerissenen Kleidern ans dem Hanse
und rief ans der Straße um Hülfe. Polizist
Cook nahm sich des Mädchens an und brachte
dasselbe nach dem mittleren StationShause,
wohin ihm auch bald ihre ebenfalls entkom
menen Genossinnen folgten. Bei einer vor
dem Polizei-Marschall stattgefundenen Unter
suchung machten alle drei Piädchen überein
stimmende Aussagen, und daraus hin erfolgte
die Arrctur der Angeklagten. Die Mädchen,
die dem 'Aussehen nach der ärmeren Klasse an
gehören, befinden sich noch unter der Obhut
der Polizei und eine weitere Untersuchung vor
dem Friedensrichter Hagerty war anberaumt
worden, um die ganze Tragweite der gegen
die Angeklagten erhobenen Beschuldigungen
festzustellen. Sollte die Anklage sich als be
gründet erweisen, so harrt der Verhafteten die
strengste Straft.
Das Verhör fand des Nachmittags statt
und hatte die Verweisung der Anklage Vörden
Criminalrichtcr zur Folge: da die Angeklag
ten die verlangte Caution von je Hl5OO nicht
zn stellen vermochten, so wurden sie nach dem
Gesängnisse gebracht, während man die drei
Mädchen als Zeugen festhält. Tie jüngste,
Mollie Eichelberger, sagle aus, sie sei rein
und liiiichnldig nach Baltimore gekommen
und habe in genanntem Haufe ihre Unschuld
verloren. Für die Angeklagten erschien eine
Frau, welche aussagte, die Mädchen, welche
von ihr nach Baltimore begleitet worden, hat
ten gewußt, daß sie in ein Bordell kommen
sollten, was Richter Hagerty dem Anscheine
nach nicht für wahr hielt.
Ayer's Amerikanischer Al
manach für das neue Jahr ist cingetrofsen
und wird von Apothekern kostenfrei an Alle
vertheilt, die dafür vorsprechen. Dieser kleine
Kalender hat eine größere Cirkulation, als
irgend ein Buch in der Welt,und Das kommt
daher, weil er der beste medizinische Rathge
ber ist, der dem Volke zugänglich ist, und der
es in den Stand setzt, festzustellen, welcher
Natur die Krankheit ist, und wie sie zn heilen
ist. Er enthält die überraschende Mittheilung
eines Weltbrandes oder des Verbren
nen eines Sterns am Firmament mit allen
seinen Planeten. (Jan. 1. tkw)
Verdient Meld rasch unt chr
lch, KIÄ.Ztt täglich oder 87S vö
chentklm, dadaich, vag Ihr sofort um dos
Agenren gratis gegebene Recht zum Verkaufe
der besten, stärlsten, nützlichsten und am ra
schesten abgehenden Nähemaschine neksi
patentirtem Knopfloch-Arbeiter, wel
che je von Familien gebraucht oder empfohlen
worden, einkommt, oder lauset eine zum eige
nen Gebrauche; sie kostet nur 55. Sie wird
frei allerwärts per Expreß verschickt. Man
wende sich wegen des Näheren an Jerome
B. Hudson K Eomp., Ecke Greenwich.
und Coctlandstr., N.-U. (Septl2,LMl,w)
M, Varent - tieiel. Krantögise
Üiivl.terne, vei baut! q>>>LH. A!,,
v!,ur,g I
lichrv der Rorthstt-ge.
(StpllZ,l!j!vit,tiw2 I. G.
Ttwonnen - nicht umworben.
Bon Jame Pahu.
Drei nach dt englische von Elise in,.
Achte Kapitel.
Zwei Tage waren vergangen, seit Ma
bel das kleine Packet in dem Schreibtische
entdeckt hatte; aber es kam ihr vor, als sei
es schon lange her. Sie dachte an nichts
Anderes, ihr träumte nur davon, als wenn
ihr jedes Wort in's Herz gegraben wäre.
Zmmer sah sie die verblichene Handschrift
vor sich; und sie meinte, daß ein Jeder,
der sie ansähe, sehen müßte, wie sie be
schäftigt war, sie immer und immer wie
der zu lesen. Wenn ihr Gatte anwesend
war, bemühte sie sich in solchem Grade,
sich heiter und sorglos zu zeigen, daß sie
selber befürchtete, es möge seinen Argwohn
erwecken; aber es war Thatsache, daß seine
Gegenwart die Gedanken, denen sie zu ent
fliehen wünschte, erst recht beförderte. Er
schob aber ihre erzwungene Munterkeil
glücklicherweise dem Umstände zu, daß sie
um seinetwillen suche, die gedrückte Stim
mung, welche ihr köperlicher Zustand mit
sich brachte, zu beherrsche, uns aus Rück
sicht hieraus überließ er sie mehr als sonst
sich selbst.
Am zweiten Abend also, nach den im
letzten Kapitel erzähllenßegebenheiten, saß
sie allein in ihrem Boudoir. Sie hatte
ihre Kammerjungser entlassen, da sie ihrer
Hülfe nicht mehr beduifte, und grübelte vor
den Kohlen des Holzfeuers, welches sie zu
schüren vergessen, über das alte Thema.
Herr Winthrop war in seinem auf der
Rückseite des Hauses gelegenen Studir
zimmer beschäftigt und würde sich, seiner
Gewohnheit gemäß, wahrscheinlich erst sehr
spät zur Ruhe begeben. Mabel selbst fühl
te sich durchaus nicht zumßuhen ausgelegt,
aber die Stille bewies, daß dieOiencrschast
anders gesonnen war.
So sehr sie auch in ihre Betrachlungen
vertieft war, so hatte sich ihrer doch eine
wiche Angst bemächtigt, daß ihr Ohr fort
während gespannt jedem Geräusch lauschte;
und plötzlich traf sie ein Laut, welcher, wie
sie wußte, nur durch das Schließen der
Hausthür bewirkt sein konnte. Es war
dies zwar mit großer Vorsicht geschehen,
aber der verrätherische Wind war mit dem
Ankömmling, wer immer es sein mochte,
hereingekommen, war die Treppen heraus
gefahren und hatte an der Thür des Bou
doirs gerüttelt. Sie blickte zu der Uhr em
por, welche anzeigte, daß die Mitternacht
sstunde bereits vorüher war.
Wer konnte zu solcher Zeit Einlaß be
gehrt haben in einem Hanse, wo nur sel
ten Gäste kamen, nnd das keinen Freund
hatte, der das Vorrecht besaß, zu so unpas
sender Zeit zu erscheinen? Wenn die große
Glocke ihre lauten Kläge hätte erschallen
lassen, so würde sie gedacht haben, es sei
Krau Marschall, die endlich ihrVsrsprechen
erfülle, einmal nach Wapshot zu kommen;
wer der Fremde auch sein mochte, jeden
falls mußte ihm Herrn Winthrop'sWidec
willen vor allem Lärm und Spektakel be
kannt sein, weil er den Glockenstrang so
vorsichtig behandelt hatte. Auch hatte sie
weder das Geräusch von Rädern, noch von
Husen unter dem Fenster ihres Zimmers
vernommen.
An Diebe dachte Mabel auch nicht einen
Augenblick; auch wurde solches Gesindel
wohl nicht die Vordcrthür zum Eingang
benutzt haben. Sie meinte, es habe viel
leicht Einer von der Dienerschaft dasHans
oerlassen; ein großes Vergehen, aber dock
nicht wichtig genug, um das Haus, und
besonders ihren Gatten deshalb zu allar
miren. Das Schweigen, welches cinge
ireten war, schien diese Annahme zn be
günstigen; und sie hatte sich eben wieder
in ihre Betrachtungen versenkt, als die
Thür ihres Zimmers leise geöffnet wurde
und Horn Winthrop hereinschritt. Mecha
nisch fuhr ihre Hand nach der Seite, wo
sie das Päckchen verborgen, denn sie hatte
ihre Kleider noch nicht abgelegt, und ihr
Antlitz verrieth sicherlich ihre entsetzliche
Aagst.
Jch hoffe, begann er mit spöttischer, un
verschämter Miene, daß es nicht unvor
sichtig ist, Sie so plötzlich zn überraschen;
Sie haben ganz vergessen, mir in Ihrem
Briefe mitzutheilen, daß besondere Ursache
zur Vorsicht vorhanoen sei. Sie denken
also, mir das Haus verbieten zn können,
gnädige Frau, wie?
Wenn Sie noch einen Augenblick länger
in diesem Zimmer bleiben, entgegneteMa
bel fest, so werde ich die Glocke ziehen und
Ihren Vater aus jede Gefahr hin rufen
lassen. Wenn der Schreck ihn tödtet, wie er
es wahrscheinlich thun wird, so komme sein
Blut über Sie.
Ziehen Sie die Glocke, so viel Sie wol
len, gnädige Frau, wenn Ihnen das Ver
gnügen macht, entgegnete Horn mit höh
nischem Lächeln; aber was das Läuten
anbetrifft, so habe ich die Vorsicht gebraucht,
die Glocke abzuschneiden, da man mir sagte,
wo ich Sie finden würde. Jch habe Ihnen
etwas zu sagen, Madame, welches ich Ih
nen am liebsten unter vier Augen sagen
will, und eine so guteGelegenhcit wie diese
möchte so bald nicht wieder kommen. Es
ist wahr, mein Vater könnte mich hier fin
den, und dann würde er sehr eifersüchtig
werben; aber etwas muß man wagen, nnd
ich habe überhaupt eine genügende Ent
schuldigung bei der Hand. Jch wünschte,
seine Gefühle zn schonen, indem ich ver
suchen werde, Sie zu veranlassen, Wapshot
aus freien Stücken zu verlassen; denn ich
betrachte es als ausgemacht, daß er Sie
nicht als Herrin hier behalten würde, so
bald ich ihm gesagt, was ich weiß; und ich
weiß, ich bin nur zu dem Zwecke hierherge
kommen, ihm dies zu sagen, Madame da
rauf können Sie sich verlassen. Sie wagen
es, mir einen solchen Brief zu schreiben?
Dabei wies er auf das Billet, welches
sie ihm vor ein paar Tagen geschickt, wel
ches er in seiner Wuth zerknittert und zer
rissen.
Sie stellen sich erstaunt, als wäre es
Ihnen unbekannt, daß Sie zu trotzen ge
wagt? Wie! Lag kein Trotz darin, mir als
Almosen gerade dieselbe Summe anzubie
ten, welche Ihr Geliebter Ihnen in Ihrer
Bettelarmuth gesandt? Und mir dann noch
herablaffende Worte zu geben und guten
Rath zu ertheilen, wie ich mich gegen mei
nen eigenen Vater benehmen solle! Sie, die
Sie sich für Geld verkauft haben, und
dann, nicht mit Ihrem Handel zufrieden,
sich nicht entblödeten, Ihren Galan noch
während der Flitterwochen in Wimbledon
aufzusuchen! War es vielleicht nur, um ihm
für >ein uneigennütziges Geschenk zu dan
ken! Na, wenn der Alle das verschluckt,
muß feine Verdauung besser sein, als ich
glaube. Jch habe gehört, fuhr er fort,
indem er seine Stimme zu einem heiseren
Geflüster herabsenkte und bedeutungsvoll
mit dem Kopfe nickte, daß er sehr krank
sei.
Herr Winthrop ist sehr krank, sagteMa
bel, indem sie sich bemühte, ruhig zu spre
chen, während sie doch fühlte, daß bieKrasl
nahe daran war, ihr zu versagen. Es ist
nicht zu viel, zu behaupten, daß ein solcher
Stoß, wie Sie ihn beabsichtigen, ihn auf der
Stelle todten kann. Was die elende An
klage anbetrifft, mit der Sie mir zu drohen
wagen, so verachte ich dieselbe; daß es eine
grobe, abscheuliche Verleumdung ist, wis
sen Sie, glaube ich, ebenso gut wie ich.
Aber ick warne Sie noch einmal, daß Sie,
wenn Sie hierhergekommen sind, um Ih
res Vaters Gefühle durch solche grausame
List zu bearbeiten, es aus die Gefahr hin
thun, sein Leben dabei aus's Spiel zu set
,,n.
Wenn das wirklich wahr ist, entgegnete
Horn kaltblütig, so scheint es, ich treffe
auch nicht um einen Tag zu früh aufWap
shot em. Der Alte ist also krank, und wird
sich vielleicht nicht wieder erholen! So?
Sie wollten mich also zum Freunde ma
chen, indemSie mir ein paarGulden zuwar
fen, für den Fall, daß hier plötzlich etwas
passirle und Sie in Armuth zurückblieben!
Aber so leicht ist meine Freundschaft nicht
zu erkaufen, gnädige Frau, wie Sie viel
leicht noch ausfinden werden.
Ich begehre Ihre Freundschaft nicht; ich
Haffe und verabscheue Sie, rief Mabel,
nicht länger im Stande, ihre Verachtung
zu bemeisiern.
Das habe ich mir gedacht, verehrteSlief
mutter, entgegnete Horn kaltblütig; und
da Sie so aufrichtig gegen mich sind, so
will ich ein offenes Wort mitJhnen reden.
Sie haben mich v.n Ansang an gehaßt
wie.ich.weiß; aber ein svfcherHaß hat nicht
viel zu bedeuten; erst muß man lieben und
dabei verachtet werden; man Muß das
Weib, das man mit seinen Armen um
schließen wollte, sich mit Entsetzen von Ei
nem abwenden und seinem Nebenbuhler
zuwenden sehen — um zu wissen, was Haß
ist. Ich bin nicht gewohnt, mich ungestraft
beleidigen zu lassen/ und was ich Ihnen in
Shingleton schuldig blieb, wäre, selbst
wenn die Sache damit zu Ende gewesen,
nicht leicht abzutragen. Aber Sie haben
für gut befunden, zum zweiten Male mei
nen Weg zu kreuzen; die Versuchung war
ohne Zweifel groß; und Sie waren übel
berathen, als Sie ihr folgten. Es warlo
gar gefährlich, gnädige Frau, glaubenSie
mir das, da Sie Mich einmal zu Ihrem
Feinde gemacht hatten.
Ich habe einen Hund, den Sie auch be
reits kennen, der, wenn er seinen Grgner
einmal gepackt hat, ihn, wenn er auch nur
eine unichuloige Katze ist denn so nen
nen einige Leute die Katzen, sanfte, zarte
Geschöpfe, voll Grazie und Schönheit, aber
schlau und hinterlistig von Natur nicht
losläßt, bis sie todt ist. Sein Herr ähnelt
ihm in dieser Hinsicht, wie Sie finden wer
den. Sie denken vielleicht, wenn es zum
Schlimmsten kommt wenn Ihr Gatte
begraben ist, und Sie sich die Taschen un
bemerkt voll von Kleinigkeiten gesteckt ha
ben, so werden Sie wenigstens etwas bes
ser daran sein als früher, und Ihr gelieb
ter Richard wird Sie mit um so offeneren
Armen empfangen; aber darin irren Sie
sich sehr. Ich werde Sie bis an JhrLebens
ende verfolgen, wie ein Bluthund der
Spur des entlaufenen Negers folgt! Ich
will solche Geschichten über Sie in Um
lauf bringen, daß nicht einmal J r
Richard Sie für einen leckeren Bissen bal
len wird! Was Ihr Kind, das Sie er
warten, anbetrifft, so werden Sie noch
wünschen: es wäre nie geboren zu einem
solchen Erbtheil der Schande, wie ich ihm
anheften will. Einerlei, wo Sie sich ver
bergen, nie sollen Sie sich, weder schlafend
noch wachend, vor meiner Rache sicher füh
len! Sie wissen bereits.daß ich nicht leicht zu
oersöhnen bin; aberSie wissen noch nicht,
wozu ich im Stande bin, wenn man mich
abgewiesen, zurückgestoßen und verachtet,
wie es gethan haben! Sie kennenHorn
Winthrop noch nicht, gnädige Frau
O, ich kenne ihn doch! unterbrach ihn
Mabel, die seine unverschämten Drohun
gen bis auf's Aeußerste gereizt, so daß sie
nicht an die möglichen Folgen dachte, voll
Hohn und Verachtung. Ich kenne Sie viel
besser, als Sie denken; ich weiß, wer Sie
sind und woher Sie stammen, Sie unter
geschobener Wilder!
Eine schreckliche Veränderung ging auf
Horn Winthrop's Antlitz vor. Er kniff die
spöttischen Lippen fest zusammen; sein
grausames Gesicht ward bleich und ver
steinerte gleichsam; die Hand, die er dro
hend gegen sie gerichtet, griff nach der
Lehne eines Stuhls und packle sie fest, als,
wolle er seinen frechen Feind damit zu
Boden strecken.
Sie wissen das, Weib? Dann wis
sen Sie zu viel! stieß er endlich mühsam
hervor.
Sie standen einander beinahe eineMinu
te also drohend gegenüber; beide die ver
haßte Gegenwart des Anderen empfindend
und nichts um sich her beachtend.
Die Thür war aufgegangen, und ein
verwundertes Gesicht blickte herein; aber
sie halten es nicht gehört.
Und wie ist eSJHnen gelungen, gnädige
Frau, begann Horn endlich mit verächtli
chem Lächeln, sich in den Besitz dieses wich
tigen Geheimniftes zu setzen?
Seine Augen waren aus sie geheftet, als
wenn er in ihrer Seele lesen wollte; me
chanisch legte sie ihre Hand auf die Stelle,
wo sie dasPapier verborgen, um es seinen
durchdringenden Blicken zu entziehen. Sie
bereute bereits, sich von ihrer Heftigkeit so
haben hinreißen zu lassen, obgleich ihr
Verdacht dadurch bestätigt worden war.
Vielleicht habe ich es errathen, sagte sie
nach einer Weile ruhig.
Wenn sie das gethan, so muß der Teu
fel Jbncn dabei geHolsen haben; denn
nur ein Satan konnte Ihnen dies ver
rathen.
Nein, der Teufel ist einLügner; aber es
ist keine Lüge, daß Sie nicht der Sohn
eines Winthrop, sondern eines Wilden
sind.
Nun, da Sie es errathen haben, gnä
dige Frau, und da wir ganz unter uns
sind, so will ich Ihnen nur gestehen, daß
Sie Recht haben. Jch bin ebenso wenig
der Sohn eines Winthrop, als Sie die
Gattin des Mannes, den Sie gewählt ha
ben würden, wenn es in Ihrer Macht ge
standen hätte.
Hier unterbrach ein scharfer Schrei die
Stille der Nacht und weckte das schlum
mernde Echo; erschreckt blickte Mabel sich
um und sah ihren Gatten, wie er mit blei
chem Antlitz auf sie zuwankte, dann stehen
blieb und schwer zu Boden siel.
Neunies Kapitel.
Tie Zslucht.
Was war geschehen, oder was war nicht
geschehen während dieser vielen Tage,
Monate oder Jahre? Warum saß Karo
line am Feuer und blickte sie so mitleidig
an, ohne ein Wort zu sprechen? Diese
Fragen, welche die arme Mabel sich stellte,
kamen nur in hellen Augenblicken während
der vielen Tage und schlaflosen Nächte,
wo sie zwischen Tod und Lebten schwebte.
Am häufigsten kehrte ein ruhiger, fried
licher Traum wieder, daß sie sich ein Kind
wähnte in der alten Heimath, zu krank,
um Martha und ihren Vater zu erkennen,
welche wie gewöhnlich kamen und gingen
und zärtlich um sie besorgt waren. Julie
war aus dem Hause geschickt worden, wahr
scheinlich weil die Krankheit für ansteckend
galt, und das einzige Spielzeug, das man
ihr gestattete, war eine schöne Wachspuppe.
Die lag neben ihr imßette und öffnete und
ichloß die Augen und konnte sogar schreien.
Sie war immer warm und weich einge
hüllt und schmolz doch nicht. Wenn sie ster
ben sollte und sie wußte, daß sie sehr
krank war und wahrscheinlich nicht wieder
bester werden würde wollte sie Jutie
mit ihrem letzten Athemzuge bitten—wenn
sie sie nur sehen konnte, aber sie war so
weil fort sür die Puppe zn sorgen. Der
Gedanke an den Tod halte keine Schrecken
sür sie, ausgenommen in dieser einen Hin
ficht, daß sie fürchtete, die Puppe werde
darunter leiden; aber sie halte eine große
Furcht vor einem betrunkenen Landstrei
cher, dem sie und Martha einmal aus der
Landstraße begegnet waren, und der ihnen
gedroht hatte, er wolle sich an ihnen rächen,
weil sie ihm kein Geld geben wollten; er
halte einen Bettelbrief in der Hand, der
viereckig zusammengelegt war, und hinter
ihm her schlich ein Hund mit krummenßei
nen.
Daß dieser Mann mit seinem Hunde
ihre Puppe nicht erhalten solle, darum war
sie vor allen Dingen bekümmert. S:e hatte
beinahe immer Schmerzen und fühlte sich
sehr schwach; was ihr aber am meisten
Kummer machte, wa<-, daß Niemand be
achtete, was sie sagte; alle ihre Fragen
blieben unbeantwortet. Endlich gelang es
ihr einmal, Earry's Augen zu begegnen,
und da sagte sie:
Sprechen Sie doch zu mir. Carry. Nie
mand spricht mit mir.
Aber keine Antwort erfolgte.
Warum find Sie schwarz angezogen?
fragte sie bittend.
Bei dieser Frage brach Carry in Thrä
nen aus, und oiePuppe neben ihr fing sich
an zu rühren und umschloß ihre Hand mit
ihren zarten Fingern und weinte auch. Da
mit einem Male wußte sie, daß dies ihr
eigenes Kind 'ei, und ihr Herz sprang hoch
auf vor Freude.
Ich bin sehr krank gewesen, Carry, nicht
wahr?
Ja, freilich, gnädige Frau dem Tode
nahe, schluchzte Carry; aber jetzt sind Sie
viel sicsser. Bald werden Sie wieder wohl
und gesund sein; aber Sie müssen sich
ruhig verhalten.
Wo ist mein Gatte? fragte Mabel.
Still, still! Sie dürfen nicht sprechen,
der Doktor sagt, daß die geringste Ausre
gung Ihnen schaden kann.
Ich erinnere mich, sprach Mabel nach
denklich. Er sollte vor Kummer bewahrt
werden, und er hatte so viel Kummer. Was
war es doch?
Ich weiß es nicht, gnädige Frau, ent
gegnete Carrv ernst. Niemand weiß es.
Sie aber wissen es, Carry; erzählen
Sie mir, was Sie wissen; jch will es lie-
> ber vsn Ihnen als von sonst Jemand hö
ren-
Es entstand eine lange Pause. Dann
näherte Koroline sich dem Bette, küßte erst
ihre Herrin und dann das Kind, während
sie auf ihr schwarzes Kleid deutete und
mitleidig flüsterte: Es ist eine Weise, gnä
dige Frau.
-
<!
Wieder viele Tage und Nächte voll
Schmerz und Schwäche; oder waren es
nur Srnndcii und Minuten? Die Augen
thaten ihr web vom Weinen, aber die
Tbränen haften ihr Bewußtsein geklärt,
als sie das nächste Mai erwachte und die
treue Carry noch über sie gelehnt fand.
Ist es lange her, Carry? fragte sie.
Daß der Herr starb? Drei Wochen heu
te, gnädige Frau-
Erzähle mir Alles.
Jch weiß nichts, als daß er todt ist.
Niemand weiß mehr, es kam sehr plötz
lich. Der Doktor sagle, es sei ein Herz
schlag; die geringste Aufregung hätte ihm
schaden können; und Herr Horn
Mabel drückte ihr Kind an ihre Brust
und blickte Carry entsetzt an, daß diese er
schrocken inne hielt.
Ist er hier in Wapshot? flüsterte
Mabel.
Nein, gnädige Fran. Ec ist gleich nach
dem Begrälniß abgereist.
Aber er wird wiederkommen; ich weiß
es -- er wird wiederkommen.
Für's Erste nicht, wollen wir hoffen,
gnädige Frau. Niemand sehnt sich nach
Herrn Horn. Wenn Gott ihn nur zu sich
nehmen und Ihren schönen Knaben zum
Erben machen wolle, würden alle Leiue
sich freuen!
Ist es wirklich Ihr Ernst? Würden Sie
sich auf die Seite meines Kindes stellen?
Würden Sie mir Helsen, sein Leben zu ret
ten?
O, bitte, bitte, gnädige Frau, sprechen
Sie nicht so, rief Carry die Hände rin
gend. Jch sehe, ich habe Sie aufgeregt,
und der Doktor und Frau Merthyr haben
mich so gewarnt,lhnen etwas zu erzählen.
Bitte, beruhigen Sie sich.
Jch bin ganz ruhig und bei Sinnen,
Carry; fürchten Sie nichts sür mich, son
dern nur für mein Kind. Wenn Sie es
lieben, so flehe ich Sie an, Helsen Sie mir.
Wenn Sie je Ursache gehabt haben, diesen
Mann zu hassen und zu fürchten, so glau
ben Sie mir, daß auch ich Ursache dazu
habe. Er ist bereits ein Mörder in seinem
Herzen. Jch habe keine Freunde hier,
Carry; mein Kind und ich, wir haben nur
Sie, an die wir uns wenden können; wol
len Sie mir nicht Helsen?
O, gewiß will ich das, theure Herrin.
Das soll ich thun?
Hole mir mein Kleid dasjenige, wel
ches ich in jener schrecklichen Nacht trug.
Schnell, schnell!
Aber, gnädige Frau, wenn Sie es auch
anziehen könnten, was Sie nicht können
- so vergessen Sie doch, daß es kein
schwarzes Kleid ist.
Trotzdem holte Carry es aber doch aus
dem Kleiderschrank und sah mit Verwun
derung zn, wie ihre Herrin es auf derTecke
ausbreitete und glättete, und dabei fcagte:
Bin ich von Sinnen gewesen in meiner
Krankheit, Carry?
Sie sind nicht ganz bei sich gewesen, die
Wahrheit zn sagen, gnädige Fran, sagte
Carry gleichsam entschuldigend. Sie haben
den Doktor Vater und Frau Merthyr
Martha genannt; und Sie haben fort
während von Landstreichern, Hunden und
Puppen gesprochen.
Habe ich nie von Schissbruch und Wil
den gesprochen, Carry? Sind Sie dessen
ganz sicher.
Nie, wenn ich bei Ihnen war, gnädige
Frau; und ich bin fast die ganze Zeit Tag
und Nacht bei Ihnen gewesen. Haben Sie
an so etwas gedacht, daß Sie glauben, Sie
hätten davon gesprochen?
Ja, antwortete Mabel nachdenklich.
Wenn ihre Kammerjungser die Wahrheit
prach, so hatte sie also das Geheimniß in
hren Phantasieen nicht verrathen. So
weit war das gut. Plötzlich siei ihr etwas
ein, und sie bat Carry, etwas ans dem
Schreibtisch, der im anstoßenden Boudoir
stand, zn holen.
Er ist nicht da, gnädige Frau, lautete
die Antwort. Er wurde umgestoßen und
zerbrochen wie es zugegangen, weiß ich
nicht; und als Frau Merthyr sah, däß er
leer war, schickte sie ihm zum Tischler, um
ihn rcparircn zn lassen.
Umgestoßen und zerbrochen! Sie
hatte ihren Gatten fallen sehen, und als
sie bei diesem schrecklichen Anblick das Be
wußtsein verlor, konnte sie da nicht selbst
den Tisch bei'm Fallen umgestoßen haben?
Wahrscheinlicher freilich war es, daß
Horn, rasend vor Zorn, weil sie Kenntniß
von seiner Herkunft erhalten, den Schreib
tisch zerschlagen hatte. —Wie dankbar war
sie jetzt, daß sie das Päckchen an dem siche
ren Orte verborgen, wo sie soeben gesuhlt,
daß es noch unverletzt sich befand. An der
Wahrheit des Inhalts zweifelte sie jetzt
nicht mehr; sie glaubte im Gegentheil so
fest daran, wie an ihre eigene Existenz, ob
gleich die Beweisführung ihr jetzt schwerer
als je werden würde. Denn wer würd?
jetzt, wo ihr Gatte todt war, die Macht
haben, die nothn endigen Nachforschungen
anstellen zu lassen? Sie machte sich jetzt
kein Gewissen mehr daraus und das nicht
nur, weil ihr Gatte gestorben war. Es
kam ihr vor, als wenn in jenem Augen
blicke, wo sie ihn hatte auf sich zuwanken
sehen, auf seinem aschbieichen Antlitze sich
ein Ausdruck von L ebe und Vertrauen
malte und daß seine ausgestreckten Arme
sie um Schutz gegen dielen Elenden ange
fleht, der sich seines eigenen Betrugs ge
rühmt und gesucht halte, ihren guten Ruf
zn vernichten.
Wenn er nur am Leben geblieben wäre,
dachte sie; würde er mir und meinem Kinde
Recht verschasst Halen. Aber jetzt, wenn
ihr Recht werden sollte, mußte sie es sich
auf anders Weise verschaffen; aber wie?
Dieses schriftliche Bekenntniß war der
einzige Beweiß, den sie besaß; und wie
konnte sie erwarten, Andere dadurch zu
überzeugen? Nur ein Mensch lebte, der es
für wahr hielt, und das Interesse dieses
Menschen erforderte die Vernichtung des
Dokumentes. Dieser Mensch hatte auch
geschworen, sie zu verderben; er wußte
nicht, was sie besaß; aber vielleicht arg
wöhnte er es. Niemand anders als der
Teufel könne es ihr verrathen haben, hat
te er gesagt; und nun war sie h.er unter
seinem Dache, hilflos, schwach und krank;
als Wache bei einem großen Schatze an
einem gefährlichem Orte. Es war ihr Kind,
das besonders in Geiahr war.
Earro, fragte Mabel fest, um welche
Zeit kommt Frau Merthyr gewöhnlich, um
nach mir zu sehen?
Sie kommt dreimal am Tage, gnädige
Frau, nach einer jeden Mahlzeit und Mit
tags bleibt sie eine Stunve hier, während
ich esse; sobald irgend eine Veränderung
einträte und besonders, wenn Sie wieder
zur Besinnung kämen, wie Sie jetzt—Gott
sei Dank! gekommen sind, hat sie mir auf
getragen, sie zu rufen. Jch hätte ihr daher
gleich
Still, hören Sie mich an; unterbrach
Mabel sie mit Entschiedenheit. Jch bin
jetzt Ihre Herrin, und Sie haben mir zu
gehorchen. Wenn Frau Merthyr kommt,
werbe ich mich schlafend stellen, und Sie
müssen sie in dem Glauben lassen, daß
Alles noch bei'm Allen ist.
Natürlich, gnädige Frau; ich gehorche
Ihnen lieber als Frau Merthyr.
Gut. Um welche Zeit pflegt der Doctcr
zu kommen?
Des Morgens um zebn Uhr und unge
fähr um dieselbe Stunde Abends.
Dann ist also um clsUhr wohl das ganze
Haus ruhig, vermuthe ich?
Ja gewiß, gnädige Frau; es ist jetzt
nichts da, was dieLeute wach hält keine
Schniausereien imDomestilenzimmcr, nichts
der Art, wie Sie sich wohl denken können.
Ausgenomnnn freilich Herrn Hocn'sKam
merdiener, der sich anscheinend aus nichts
etwas macht und trinkt und jubelt wie im
mer.
Murk ist hier? ricf Mabel erschauernd.
Dann steht es noch schlimmer um uns, atS
ich gefürchtet. Wenn Sie mich lieben,
Carry, und Mitleio mit meinem armen
Kinde haben, bat sie heftig und flehend,
so beschwöre ich Sie, helfen Sie uns!
Wenn ich kann, will ich es gewiß thun,
gnädige Frau, entgegnete das Mädchen
treuherzig.
Aber ich muß Sie vorher ruauf auf
merksam machen, daß Sie sich Herrn Horn
zum Feinde machen werden, indemSie mir
Helsen.
Herr Horn hat mich bereits für's Leben
zmeinem Feinde gemacht! antwortete Carry
heftig. Er kann mir und den Meinen nichts
Schlimmeres anthun, als was er uns an
gethan hat. Als ich sagte: Jch wollte,
Gott nehme ihn zu sich, meinte ich eigent
lich ganz etwas Anders.
Zu einer anderen Zeit würde Mabel
ihrer Kammerjungser sicherlich Vorwürfe
wegen dieses unchristlichen Wunsches ge
macht haben; aber die Gelegenheit zu ei
ner Ermahnung wäre in diesem Augenblicke
nicht passend gewesen.
Haben Sie irgend einen Freund im
Dorfe, Carry, auf den Sie sich verlassen
können?
Ich ich glaube wohl, gnädige Frau,
erwiderte das Mädchen erröthend und stok
kend, so daß man leicht die Ursache er
rathen konnte. Philipp Tod, des Müllers
Sohn, würde, glaube ich, Alles thun, wo
rum ich ihn bäte.
Und schweigen? fragte Mabel nachdenk
lich.
O, gewiß, gnädige Frau, antwortete
Carry naiv. Philipp ist kein Mann, der
mit seines Mädchens Liebe prahlt; auch
macht er es nicht wie Murk, der Abends
in'sWirthshaus geht und trinkt und lärmt.
Er hat einen tüchtigen Kopf, und waS sein
Herz anbetrifft ua! wenn es nicht treu
und ehrlich ist, dann gibt es überhaupt so
etwas bei Männern nicht. Philipp können
Sie trauen; glaubenSie mir das, gnädige
Frau.
Carry, sagte Mabel plötzlich; wenn ich
glaubte, daß ein treues Herz wie das, von
dem Sie sprechen, zu erkaufen wäre, so
würde ich sagen, hier sind fünfzig Psund
für die Arbeit einer Stunde, und dann
verspreche ich noch seiner Braut eine Aus
steuer wenn es je in meiner Macht steht,
sie ihr zn geben. Aber bitten Sie ihn um
seiner Liebe willen, das zn thun, was ich
Sie bitte, aus Mitleid zu thun. Wie
viel ist es jetzt an der Zeit?
ES ist bald Mittag, gnädige Frau.
Wenn Frau Merthyr kommt, um Ihre
Stelle einzunehmen, müssen Sie auf eine
Entschuldigung sinnen und in's Dorf hin
uniergehen und mit Philipp sprechen.
Jch will suchen, eine zn finden, gnädige
Frau, entgegneteEarry ernsthaft, als wenn
ihr ein solcher Gedanke noch nie in den
Kopf gekommen.
Wenn Sie ihn gesunden, muffen Sie
ihn verpflichten zu schweigen und dann
überreden, mit einer Postchaise um elf Uhr
heute Abend an dem Kreuzwege bei Fell
soot zu halten. Hier ist eine Fünspsnnd
note, für den Fall, daß er nichtGeld genug
hätte, um eine zu miethen
Aber gnädige Frau, unterbrach das
Mädchen sie entsetzt; Sie sind nicht im
Stande auszustehen, und Sie und dasKind
werden vor Kälte umkommen.
Jch wollte ihn lieber dem schärfsten Ost
winde aussetzen, der jemals über die Haide
gestrichen, als ihn Horn Winthrop'sGnade
anvertrauen, entgegnete Mabel mit Hef
tigkeit. Noch eine Nacht unter seinem Dache
wäre an und für sich hinreichend, um mich
zu todten. Jn jedem Laut glauve ich seinen
Schritt zu erkennen. Still! was ist das?
Stumm und starr richtete Mabel sich im
Betle empor; die hellen Schweißtropfen
traten ihr ans die Stirne; ängstlich horchte
sie. Ihr entsetzlicher Ausdruck trug mehr
dazu bei, Carry zu überzeugen, als alle
ihre Reden gethan hatten.
Ich will Alles thun, was Sie wollen,
gnädige Frau, flüsterte sie tröstend; aber l
gen Sie sich wieder nieder; es ist nurFran
Merthyr.
Als Mabel die Augen schloß, kündigte
das leise Oeffnen ver Stubenlhür und das
Rauschen eines Seidenkleides das Erschei
nen der Hanshälierin an.
Wie geht es Ihrer Herrin, Karvline?
Ist seit heute Morgen eine Veränderung
eingetreten?
Sie scheint mehr zum Schlafen geneigt,
entgegnete die Kammerjungser, nicht ohne
Zagen, denn ihre jugendliche Ehrfurcht vor
der Haushälterin hatte sich bis jetzt durch
aus nicht vermindert. Es ist aber wirklich
eine großeVcrantwvrtlichkeit, keine ordent
liche Krankenwärterin zur Hilse zu haben.
Still! Still! erwiderte die alte Dame
vornehm; das ist nicht Ihre Sache. Wir
müssen unseren Vorgesetzten in dieser Welt
ohne Murren gehorchen. Der Doktor hat
gesagt, daß es unter den besonderen Um
ständen besser wäre, die Kranke bekäme keine
fremden Gesichter zu sehen. Uns macht
dies natürlich etwas mehr Arbeit. Lassen
Sie sich gute Zeit zum Essen, und wenn
Sie glauben, daß Ihnen ein wenig frische
Lust nöthig ist, können Sie aus der Ter
rasse auf- und niedergehen.
Frau Merthyr war in ihrer Art eine
gute Frau, obgleich sie, wenn man sie der
äußeren Zeichen ihrer Würde beraubt, nicht
so gut allein gestanden haben würde als
ihr seidenes Kleid. In dieser Beziehung
war sie aber nicht schlechter als viele Leute
in weit hervorragenderer Stellung; und sie
hatte ein gutes Herz. Kein Seufzer der
Ungeduld entfahr >hr, als sie in dem Kra
nkenzimmer Wache hielt, obgleich Carry sich
wirklich außerordentlich gut Zeit ließ. Jetzt
schritt sie zum Bette und warf einen mit
leidigen Blick auf Mabel und das Kind;
dann stand sie am Feuer und dachte nach
wahrscheinlich darüber, welche Zukunft
ihrer auf Wapshot harre. Würde der junge
Herr sie in ihrer Stellung lassen und wür
de er sich so benehmen, daß sie mitAnstand
unter seinem Dache bleiben konnt?
Horn gehörte nicht zu ihren Lieblingen;
aber er war letzt ihr Herr, und sie gehörte
zu den Leuten, deren Anhänglichkeit sich
vererbt; sie würde, wenn sie je davon ge
hört hätte, an das göttliche Vorrecht der
Könige geglaubt haben; und obgleich sie
sicherlich auch nicht einem Winthrop bei
einer bösen That beigestanden haben wür
de, so hätte es doch schwer gehalten, sie zu
bereden, einem dieses Geschlechts zuwider
zu handeln. Als Mabel sie durch die halb
geschlossenen Lider beobachtete, konnte sie
nicht umhin, zu denken, es sei gut, daß
ihre Aussichten auf Rettung nicht auf die
ser achtungswerthen Dame beruhten.
Als die Kammerjungser zurückkehrte,
konnte man ihrem strahlenden Gesichte
schon ansehen, daß sie kürzlich ihren Ge
liebten gesehen. Aber war es ihr gelun
gen, ihn zu bereden, den Wunsch ihrer
Herrin zu erfüllen? Mit fieberhafter Un
geduld mußte Mabel auf das verhängnip
volle „ja" oder „nein" warten, bis Frau
Merthyr ihre Lektion über Zeitvergeudung
becnoigt hatte. Endlich, nachdem er
sein schweres Geschütz entladen, segelte der
stattliche Dreimaster aus dem Zimmer.
Philipp wird um elf Uhr bei Fellsoot
sein, gnädige Frau, flüsterte Carry, sich
zu ihrer Herrin hinabbeugend.
Aber die Postchaise—der Wagen? frag
te Mabel.
O, er wird den Wagen natürlich mit
bringen, antwortete Carry, (als wenn
Pferde und Wagen die gcwöhnlicheuHü ss
mittel der Fiügei der Liebe wären). Aber,
gnädige Frau, die Kälte ist schrecklich!
Schneit es? fragte ihre Herrin ängst
lich.
Nein, gnädige Frau.
Dem Himmel sei Dank! Dann wer- !
den die Wagenspuren wenigstens nicht den
Weg verrathen, den wir einschlagen.
Wenn Carry noch weitere Einwendun
gen beabsichtigt hatte, Mabel's entschlosse
ner Ton machte sie unmöglich. Den
Rest des Tages beschäftigte sie sich damit,
die wärmsten Kleider und Mäntel aus der
Garderobe ihrer Herrin hervorzusuchen;
und als der Doktor und Frau Merthyr
Abends ihren letzten Besuch abgestattet
halten, begann sie, ihre beiden Pfleglinge
zu ihrer gefährlichen Reise umzukleiden.
FrauWinthrop war, trotz ihres unbezwing
lichen Willens, fast so hüljlos wie ihr Kind.
Mabel halte man in ihren Pelzumhüllun
gen beinahe für einen Polarreisenden hal
ten können, wenn das bleiche Antlitz, wel
ches aus der warmen Kaputze so ängstlich
wie ein Vögelchen, dessen Junge in Ge
fahr sind, hervorblickte, nicht gar so durch
sichtig gewesen wäre. Ihr Kind, gleich,
falls eingewickelt wie ein Eskimo, lag in
ihren Armen; sie konnte sich nicht einmal
einschließen, es der treuen Carry anzuver
trauen, und Letztere drang auch nicht da
raus, da sie meinte, das Kind würde am
ruhigsten sein, wenn es bei seiner Mut er
wäre, und Schweigen für ihre Sicherheil
ki'w HäuptlMngstng war.
Man stelle sich sor, wie sie, Gespenstern
gleich, durch die lange Gallerie huschten;
Carry voran, das Licht in der Hand be
schattend, und dann und wann stehen blei
bend, um auf ein verdächtiges Geräusch
zu lauschen; die Familienbilder der Ports
und Lancastre, der Kavaliere und Purita
ner schauten verwundert auf das geheim
nißvolle Treiben des Letztgeborencn ihres
Stammes herab. >
Mabel hingegen warf einen scheuen
Blick zu dem Bilde ihrer Vorgängerin hin
über und sah, wie sie zu der Flucht des
Nebenbuhlers ihres Sobnes freundlich
lächelte, als wenn sie einsähe, daß er da
durch vor einem noch größeren Verbrechen,
als er schon begangen, bewahrt werden
würde. Als sie so dachte, trat ihr plötzlich
Hoin's drohendes Antlitz vor die Seele
und das Mark in den Knochen erstarrte
ihr trotz ihres Pelzes.
Wie knarrten die Treppen trotz all ihrer
Vorsicht, als sie dieselben hinadschlichen,
und wie strengte sich der Wind an, das
ganze Haus mit seinem verrätherischenGc
flüster zu wecken, als sie sich der Hausthür
näherten! Schon befanden sie sich in dem
steinernen Cvrridor, welcher auch der Do
mestiken-Cvrridor genannt wurde, als
plötzlich ein Licht am anderen Ende dessel
ben erschien. „Zurück, zurück!" flüstert
Carry, und ihre Herrin zog sich schnell in
den Schatten der Treppe zurück. Wir sind
verloren, es ist Murk!
O, ich sehe Sie, Caroline! rief er in
heiserem, triumphirenden Tone, als wemr
es nicht so leicht wäre, Jemand zu erken
nen, wie nüchterne Leute glaubten. Sie
sind spät auf wie zum zum Er
hielt inne, weil der beabsichtigte Ausruf
ihm wohl unpassend vorkommen möchte.
Wie glücklich trifft es sich,daß ich auch spät
auf bin.
Murk war ein kleiner, stark beleibter
Mann, und in seinem augenblicklichen Zu
stande der Trunkenheit glich er einem je
ner deutschen Biergläser, welche man Steh
auf nennt, weil sie nie umfallen, wenn sie
auch noch so sehr von einer Seite zur an
deren schwanken.
Darf ich hoffen, begann dieser Küchen-
Silen, indem er den Kopf bewundernd neig
te und dabei das Licht so schief hielt, daß
der Talg auf den Boden tröpfelte darf
ich h-ffen, daß diese Begegnung nicht ganz
zufällig ist? Tann streckte erden freien
Arm aus, um den Gegenstand seinerLiebe,
der ihm so plötzlich entgegengetreten war,
zu bewillkommen, und veriperrte ihr da
durch gänglich den Weg. Ein aus dcrKchle
kommender Laut, der seine heftige Leiden
denschaft andeuten sollte, und leine üble
Parodie auf das vergnügte Schnurren ei
ner Katze war, entguoll seinen dicken Lip
pen.
Jch bin ein viel besserer Mann, als
Philipp, murmelte er; und der vertraute
Kammerdiener des Herrn. Ueber die erste
Behauptung ließ sich streiten; die zweite
dahingegen war unbestreitbar.
Sie werden mir einen Kuß geben;
Jch weiß, Sie werden es thun! bat er.
Ein nach seiner Ansicht unwiderstehlicher
Blick aus seinenFrettchen-Augen begleitete
diese Worte; aber dteKammerjungser zöger
te noch.
Ecst müssen Sie mich fangen, Murk!
rief sie dann mit Hellem Lachen, nnd lies
in das Zimmer der Haushälterin, dessen
Thür offen stand.
Ein Ausdruck unaussprechlicher Befrie
digung verbreitete sich über seine Züge.
Er beeilte sich nicht, seinerTaphne mit der
Schnelligkeit eines Apolls zn folgen, son
dern blieb noch einen Augenblick im Eor
rldor stehen, um eine Schwäche einzuge
stehen. Und ich hatte wirklich angefangen
zu glauben, daß dieses freundliche Kind ein
züchtiges Mädchen sei, sagte er, den Kops
wiegend. Dieses Zögern aber war sein
Verderben. Das Zimmer der Haushälterin
hatte zwei Thüren. Er fand es leer und
die innere Thür verschlossen, und als er zu
der ersten zurückkehrte, durch welche er ein
getreten war, belehrte ihn das Umdrehen
eines Schlüssels, daßjer einGefangener feH
Schöne Carry, rief er durch das Schlüs
selloch, ein Scherz ist erlaubt; aber Sie
brechen mir das Herz mit Ihrer Grausam
keit.
Wollen Sie Ihr Licht ausmachen? rief
Thisbe im sanftesten Tone.
Ist schon geschehen! rief Pyramus, in
dem er die That dem Worte folgen ließ.
Dann will ich Sie verlassen, Sie Trun
kenbold, da ich nicht zu befürchten brauche,
daß Sie das Haus in Brand stecken wer
den.
Im nächsten Augenblick Hörle er, wie
die Hintere Hausthür geöffnet wurde und
fühlte den Zug der kalten Nachlluft; und
das war Alles, was Murk —. der aus
drücklich zu Hause gelassen war, um auf
sie zu achten seinem Herrn über Frau
Winthrop's Flucht von Wapshot berichten
konnte.
Zehntes Kapitel.
Beinahe drei Jahre sind vergangen, seit
Mabel in jener Mitternacht mit ihrem
Säugling und ihrer Kammerjungfer von
Wapshot floh und keine Fußspuren hinter
ließ. Ihre heimliche, plötzliche Flucht war
nicht neun, nein, neunzig Tage lang das
Gespräch der Umgegend. Viele Leute
behaupteten, ganz genau von der Sache
unterrichtet zu sein; aber ihre Berichte lau
teten sehr verschieden. Natürlich errieth
Niemand die Wahrheit; aber diejenigen,
welche derselben am nächsten kamen, be
haupteten, daß FrauWinthrop ihre Heimath
verlassen habe, um der Anwesenheit ihres
Stiefsohnes zu entgehen, welcher, zum Glück
für diese Theorie, gerade am Morgen nach
ihrer Abreise eingetroffen war. Sein Ten?
percnnent war heftig, seine Manieren ab
scheulich und feine Abwesenheit von Wap
fhot während der kurzen Zeit ihrer Verhei
rathung bewies zur Genüge, daß er mit
feiner Stiefmutter nicht auf dem besten
Fuße stand. Sie war eine junge Frau, die
Charakter besaß; sie war entflohen, um
seiner Rohheit zu entgehen und vielleicht
auch, um es zu vermeiden, von ihm aus
dem Hause geworfen zu werden. Denn man
mußte zugeben, daß Horn Winthrop zu
Allem fähig war.
Die Erklärung, welche den meistenGlau
den fand, war diejenige, daß Mabel durch
das Unglück, ihren Gatten zu einer Zeit zu
verlieren, wo sie ohnehin leivend war, den
Verstand verloren, und daß man sie nach
einer Heilanstalt für Irrsinnige gebracht.
Ter Arzt, welche ihr bei ibrer Einbindung
beigestanden, bestätigte diese Ansicht inso
fern, als er zugab: daß Frau Winthrop
seit der Geburt ihrer Kindes nicht recht bei
sich gewesen sei.
Horn seinerseits hatte seine besondereil
Gründe, dieser letzteren Erklärung nicht zu
widersprechen. Niemanden siel ein, daß
irgend etwas Unrechtes passirt sei; denn
behauptete nicht Philipp Tod, desMüllers
Sohn, Fran Winthrop habe freiwillig das
Haus verlassen? Mehr konnte freilich
Niemand aus ihm herausbringen, und
zwar einfach aus dem Grund nicht, weil
er nichts weiter wußte. Wenn er seiner
Geliebten schrieb, geschah es unter der
Adresse von Fräulein Martha Barr in
Brackmere. Auf diese Weise erhielt Mabel
alle für sie bestimmten Mittheilungen, und
es waren ihrer nicht viele. Gleichwohl war
sie nicht nach Brackmere geflohen. Wie
hätte sie zum zweiten Male, nnd das noch
dazu mit ihrem Mädchen und ihrem Kinde,
Martha zur Last fallen können? Freilich
hätte sie sich ein eigenes Logis miethen
können; aber wennn ihr das Geklatsch der
kleinen Stadt schon früher widerwärtig ge
wesen war, wie hätte sie es jetzt ertragen
sollen? Außerdem bestand ihre Hauptsorge
darin, Horn ihren Aufenthaltsort zu ver
bergen und nach Brackmere würde er sein
Augenmerk zuerst richten, daß wußte sie
Und so gesah es auck.
Wüthend über dcnSetrich, den die hüb
sche Carry ihm gespielt und außer sich über
die brutalen Aeußerungen des Mißsallens
seines Herrn, war Murk nach Brackmere
geeilt und erregte abermals das Erstaunen
dieses so sehr im Wachsen begriffen Badc
oites durch das Erscheinen eines Gastes
außer der Saison. Er nahm übrigens die
z ses Mal nickt Logis im „Georg," sondern
- begnügte sich mi: einem viel geringeren
, Wirthshaus! und bewahrte ein so diecrctcs
> Jncognito als seine natürliche Offenheit
- bei'm Becker ibm nur gestatten wollte.
Er machte sich in Bellevuc Terrasse zu
schaffen und hatte Fräulein Barr's Zoss

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