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Der Deutsche correspondent. [volume] (Baltimore, Md.) 1848-1918, March 20, 1874, Image 3

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Ei Aami ie - Artikel.
Agenten verdienen §12.50 täglich, §75
die Woche.
Eine ganz neue
N iL h - M a s ch L n e
zum Hausgebräuche,
nur fünf Dollars
Knopfloch-Arbeiter,
der am 27. Juni 1871 vaientirt wurde.
Diese Maschine ertttelt 871 auk den
Auftellungn de „Ämerican-
Institut"
„Marhland-Znstitutt" hje erste
Prämie
iit ijlbiwunteiungswarsig und leaant qe
dauil Rahmaichtiltsurstamiiltn-Urbeii!
>n allenlhk,len comdiki:gcdrallli.l die gerade a u a - n.
ikadri. die sich iciiisl mit Bwirn
veri rgt; Hut direkte auirechN positive Be
wegung neue Streckung, zieht seid,das .-ieng wei
ter und richte das Tuch , echt Sie geht mitteiA
und anseinru> Tische, hat leichten
ang, gehi g att und geiänschlos, w,e alle anten
wrrihirschotzien Maschinen; Hai ein Pa tcn> h a m
m er, der das Xkad an de. unrechten Drehung hindrt.
Der.4w'ri> konimi diielt von der Epnie Sil macht
oen elastischen eitrn stich, den seinnrn und
stärksten^den man kennt, taich, dauerdait, sest und
ocht. Sie errichtet olle tirten A.dcit, seine und
grobe, vom Eamdrick S zum dicken Tuche oder
und verwendet alle Sölten .-Zwirn. Diele
Viaschine ist schwer gebaut, um ihr Stärke zu
i'ch j ' ledcr Maschine und mit Ma
liit und verziert, reicht ?ägt stch's lernen, ai^ehr zu
arbeite. Sie geht rai ch, gl ari und ililt, ist e
e
> leistet >?>. d Ist cklUe, was an ihr gerühmt
Ich kaun ihren Getteuch Denjenigen, welche eine
wirtlich zu Nöh-naich-ne zu billigem Brei'c wün
-6 au H B> Zamelon.
'Neol ine, Well -Eounih, 5ll."
Preis en'r jeden Maseuine: glaste,- „s-r. i,-
r s mit
Gegen einlach
Negeimägigkeit und Leichtigkeit das seinstc zinovsloch
machen kann. Stark und schon
Besonderßedingungen und Ixtea-Bortheilc
sür^ Agenten und Äg u. I. w.>
unentgeltlich. Laenicn werden ohne Extra
-< ah I n n g c o uiv let au S g sta ttc r. Priven von
Näherei, Pamvdlere mit B ichreinung. Nedin
gungrn, Heug-isica, A dildungen u. i. w werden
re! zugeschickt Wir ,rrich>ck>n auch
der neuesten Puten'e und litt-bcssernngrn iur fkeld u.
Muoe-, - n.osch^nen^Euli^o ui-rcn^
aus Ii iilv vcrlasstn'ioimen " „Zarmel'S
Fu, reg > ftr Briese sind wir nicht
üornuncivagc, N -71.
Umgezogen.
Morrison <K Comp.,
Ecke der Sharp- und Germanstr., Balis.,
Fabrikanten u nd Händler
Gas-, Nasser
Damvfmaschtnerie.
und privat. Yngilute, Fabriten
TKalilardel
tcn und Draht Zäune-
Dufur K Komp..
Nr. tjli, Nord-H o w a r d - Str aß e,
ti>nu w., Siebe, Kunze! cuerichir
wen gewebten Dradt . s. w>; ,einer eiserne Veit
stellen, Seiiees, Sliwleu. s. w wird D e tsch
Harn^
Strumpsw aare . s. .
Unterhosen u. eigener Fabrik,'weiche'i ch
dm Händlern und Endel u den billigsten Preisen
Die dSchsten öaarbreije werden türWoll- gegebr,
LimiS Felder,
and,.H-uoverstr.
Kopsen and Mals
er ft en, a u ge n -
Matthäus vergrößert wir feyUm starte'
alle tusträge schnell auSjmiubren.
ose
Ma'' ams-ß d !k t "',A?d->-SSruz,
Äennard K Ludesluy^
Nr. Z , x ci, cin gc-Ptn c e,
lv.ttl'w ' aa, aonnznuuo.acn.
Knochenmehl.
Nr. I<s, Bowley' Werfte,
< SiizS tJ,W> Baltimore. Md.
mehr:
<5 Bra, Enior- uad"^omsi?tt' '
<>. Mittnaebt. Nr. 28b, Penni.-Avenue;
L. Breiniiofeü, Nr. ttii, West-Vaitimorcstr.!
I. Bauinqärtner, Ecke Prall- und Presidentstraße;
L. Aolil,
Earl H. Dtay Stt. Süd-Broadway:
S. Richter, Nr. tttS, Frederick-Avcnuc und
. Rickner, Hau,-Niederlage vir. 4, vrord-
Einbinden Dollars bezahlen wir Jedem, welche
achwei>'t, daß mir die allergeringiie Menge Mar
hlum -der Oviam in H/Richicr'S Lioel,l-e So
tdlii S/rup, wie dieses bei allen andern der Fall
entbalicn i!t.
Mutier, gebt mir ihn Euren indem, dann werde
Ihr sie behalten! derselbe erleichtert das Zahnen und
6at SoottNaz aus Lagen or
Flasche. H.Dichter,
4. Äyer's Saar-Stärkungis
mittel.
zur Umänderung grauer Haare in natürliches
lebenskräftiges Haar mit der ursprünglichen
Farbe.
Mr. si- Komp/ in Lowe, Mass.,
rtischen uns analitircndcn isl,emttcrn
Bei allen Apothekern d Arzneihandlern zu haben.
oVsl>kl>slt
WSWfI und
LeberZnvjgorator
Ttzrptpsie, Leber - Krankheiten.
Gelbsucht, Galtenkrankheit,
.WWW opsschmerzcn und
Bcrstopsung
Dieses tti eine ganz aus Vegetadillcn
bis jetzt Entdecktes obige urankheiren
kurirt, so ist cS Miller'S Dyspepsin.
änd^würde es wem,
preis tZö pro Flasche war. Mr ha
aeii die Erlaubniß, aus verlangen, uns
rujz-a, selbe
S' sFlrma Davis k Miller, s
M, Baltimore, Md.
reib St rb Flasche oder v
WM laschen sür,
Zu haben bet allen Drogutste und
JApotheteni. lSedtll>i.tuMle.gz,,td!w!
Stadt Baltimore.
Die Barbier Bill.
Da in beiden Hänfern der Gesetzgebung
angenommene und vom Gouverneur bestä
tigte Gesetz, bekannt unter dem Namen der
Barbier - Bill, amendirt den 180. Abschnitt
> des 30. Artikels des Marqlander StaatSge
> fetzbuches, im Supplement von 1861—67,
> unter dem Titel „Sabbath-Entweihung" da
! hin, daß derselbe nun lautet:
„Es soll durch das Gesetz verboten fein,
am Sabbaih - Tage, gewöhnlich genannt
Sonntag, irgend einen Tanzsaal, ein Thea
ter, eine Kegelbahn, eine Barbierstube oder
einen Schlagball - Platz innerhalb dieses
Staates offen zu halten oder zu benutzen,
und jede Person oder Personen, oder ftder
volitiiche oder sonstige Verein, welcher irgend
eine Verfügug dieses Abschnittes verletzt, oder
verursacht oder wissentlich zugicbt, daß dieser
Abschnitt durch eine oder mehrere in seinem
oder ihrem Solde stehende Personen verletzt
wird, soll vor jedem Gerichtshöfe dieses
Staates, welchem in Criminalfällen Juris
diktion zusteh', angeklagt werden können und
nach geschehener Uebersührung in eine Geld
buße von nicht weniger als 550 und nicht
mehr als 5100 je nach Entscheidung des
Gerichts für das erste Bergehen verurtheilt
werden: bei einem zweiten Vergehen gegen
diesen Abschnitt soll die Perlon oder Perso
nen, oder der politische oder sonstige Verein,
in eine Geldbuße von nicht weniger als 5100
und nicht mehr als §5OO verurtheilt werden,
und eine Gefängnißsttase von nicht weniger
als 10 und nicht mehr als 30 Tagen erleiden
je nach Entscheidung des Gerichts; und bei
jedem ferneren Vergehen gegen diesen Ge
setzes-Abschnitt soll über zede Person oder
Personen, jeden politischen oder sonstigen
Verein wenigstens die doppelte Strafe der
vorhergegangenen verhängt werden, und der
oder die Betreffende eine Gefängnißstrafe von
nicht weniger als 30 und nicht mehr als 60
Tagen erleiden, je nach Entscheidung des
Gerichts. Alle unter diesem Abschnitt aufer
legten Geldbußen sollen in die Staatskasse
fließen."
Das Gesetz in seiner jetzigen Form erlaubt,
während es das Offenhalten der Barbierstn
ben am Sonntag verbietet, den Besitzern von
Lethställen, ihr Geschäft am Sonntage zu
betreiben, wie an Wochentagen, und streicht
die Verfügung, daß die Hälfte der auferleg
ten Geldbußen dem Angeber zufalle, da jetzt
die ganze Summe an den Staat bezahlt
wird. Das Gesetz wird mit dem 1. Juni d.
I. in Kraft treten.
Das neue Gesetz der LoyU'Beschlag
nähme.
Das neue, vielfach von uns besprochene Ge
setz, welches grade, wie bei Grunöeigenthum
Löhne bis zum Betrage von 5100 von der
Beschlagnahme ausnimmt, hat nunmehr,
nachdem es der Gouverneur am 27. Februar
unterzeichnet hat, volle Kraft:
„1. Abschnitt. Es sei verfügt von der
General-Assembly von Maryland, daß der
36. Abschnitt des 10. Artikels der allgemeinen
Staatsgesctze, betitelt „Attachments," hiermit
amendirt und, folgendermaßen lautend, wie
der in Kraft treten soll:
„36. Abschnitt. Keine Beschlagnahme
auf Warrant, richterlichen Spruch nach zwei
erfolglosen Vorladungen, oder auf ursprüng
liches Urtheil hin soll gegen den Lohn oder
Verdienst irgend eines Arbeiters oder Ange
stellten, thatsächlich zur Zeit solchen „Attach
ments" nicht fällig oder in den Händen eines
Arbeitgebers, erlassen werden ober besagten
Lohn oder Verdienst in irgend einer Weise be
rühren, einerlei, ob solcheArbeitgcber einzelne
Individuen oder Corporationen sind, ausge
nommen die Schuld oder der richterliche
Spruch, auf welchen hin solche Beschlagnahme
stattfindet, übersteigt die Summe von §lOO,
ausschließlich der Kosten. Und die Summe
von 5100 solcher Löhne oder solchen Verdien
stes soll zu aller und zeder Zeil von der Be
schlagnahme oder irgend einem andern ähnli
chen Verfahren befreit sein. Vorausgesetzt
jedoch, daß dieses Gesetz, und Nichts, was in
demselben enthalten ist, in irgend einer Weise
eine schon vorhandene Schuld, Note oder
Judgmenl berühren, noch irgend Jemanden
verhindern soll, eine Beschlagnahme auf vor
der Annahme dieses Gesetzes eingegangene
Schuld-, Noten- oder Contrakt-Verpstichtung
zu verlangen; und ferner, daß Nichts in die
fem Gesetze auf Nichieinwohncr des Staates
Bezugnahme haben soll.
„2. Abschnitt. Und es sei verfügt, daß
dieses Gesetz von dem Tage seiner Annahme
an in Kraft ttctcn soll."
Man wird aus diesem Gesetze ersehen, daß
alle Arbeitslöhne von und nach den-. 27. Fe
bruar 1874 bis zum Bettage von 5100 nicht
mit Beschlag belegt werden können, voraus
gesetzt, daß die cingctlagte Schuld nicht be
reits vor dem besagten Tage eingegangen
worden ist, in welchem Falle noch das alte
Gesetz gilt, welches bekanntlich unreinen Wo
chenlohn von 510 von der Beschlagnahme be
freit. Die Rechte eines Hauseigncrs gegen
den Miether werden durch das Gesetz nur in
sofern berührt, als bei'm Verkauf von Möbeln
für rückständige Miethe, und wenn Letztere
durch solchen Berkauf nicht gedeckt wird, Lohn
bis zum Betrage von tzloo gesetzlich nicht an
gegriffen werden kann. Unsers Erachtens
hätte das Gesetz gleichzeitig Vorkehr treffen
sollen, den Arbeitern jede Woche volle Aus
zahlung des Lohnes zu sichern. Sehr oft hat
ein Arbeiter über SIOO an seinen Prinzipal zu
fordern und dieser Mehrbetrag ist jederzeit der
Beschlagnahme ausgesetzt. Ob das neue
Gesetz dem Arbeiter besseren Schutz, als das
alte gewährt, müssen wir bezweifeln. Je
denfalls wird dadurch der Credit der Arbeiter,
die oft ohne Beschäftigung sind und bisher
bei den Kleinhändlern leichter Rechnung ma
chen konnten, wesentlich behelligt. Wir neh
men an, daß das neue Gesetz in erheblichem
Umfange dem Creditgcben ein Ende machen
und den Unbemittelten nöthigen wird, in Zu
kunft bei Einkäufen für Baargeld zu sorgen.
Wie verlautet, wurde das Gesetz von einigen
hiesigen Corporationen angeregt, die durch
fortwährende Prozesse der Beschlagnahme auf
den Lohn ihrer Arbeiter vielen Plackereien
ausgesetzt waren und in manchen Fällen, wo
sie es versäumten, einer stiedensrichtertichen
Vorladung Folge zu leisten, die Schuld aus
der eigenen Tasche zu zahlen hatten, ohne,
wenn inzwischen der Angestellte ans ihrem
Dienste trat, das Geld zurückzuerhalten.
I. 0. L'nai L'ritd.
Vortrag des Dr. Simon Wolf.
Brics aus Bukarest.
Sonntag Abend versammelte sich die „Jedid
jah-Loge Nr. 7" des Ordens der „Bundes,
söhne" in der Bundeshalle auf der Ecke der
Lexington-und Howard-Straße. Nach Er
ledigung von Privat-Angelegenheiten wurde
das Logenzimmcr für öffentliche Geschäfte ge
öffnet, und durch Beschluß die Mitglieder der
„Gabriel-Ricßcr-Loge Nr. 75" der „König
Davids-Loge Nr. 60," der „Hasmonea-Loge
Nr. 45," „Bundcs-Loge Nr. ii 4" und „Lud
wig Phillipssohn-Logc Nr. 125" von einem
Dreier-Comite in den Logen-Saal geleitet,
der bald in allen Theilen gefüllt war. Den
Vorsitz nahm Herr Falk Simson, erster Groß-
Nasab, Präsident des 5. Ordensbezirks, ein;
zu seiner Rechten saß Dr. Simon Wolf von
Washington.
Hr. Simson erhob sich zu einer längeren
Rede, in der er die hervorragenden Dienste,
die Hr. Wölk auf der Chicago'er Convention
und früher in New York dem Orden geleistet,
hervorhob. Als er geendet, enthüllte ein Co
mite durch seinen Obmann Hrn. A. Blumen
thal einen großen vergoldeten Rahmen, wel
cher die am 22. Februar von der „Jedidjah-
Loge" angenommenen Dankbcschlüsse für Hrn.
Simon Wolf in eleganter Mundirung um
faßte. Die Beschlüsse nebst Einleitung wur
den laut vorgelesen und dann Hrn. Wolf über
reicht, welcher sich erhob und an den „Bruder
Präsidenten und die Ordensbrüder" einen
längeren Vortrag in englischer Sprache hielt.
Tie für ihn so schmeichelhaften Bemerkungen
des Präsidenten Simson möchten die Brüder
in ihrem überschwenglichen Lobe nicht zur
Hälfte glauben: dasselbe falle zu dick auf ihn.
Er wolle keine Vorlesung halten, sondern sei
der Aufforderung des Hrn. Simson, diesen
Abend in der Versammlung zu erscheinen,
gern gefolgt. Stolz aus den Ausdruck ihrer
Gesinnung in den Beschlüssen Seitens der
Mntterlogc, könne er deren Beistand, als
Leid und Tod über seinem Haupte schwebten,
nie vergessen; dies allein würde ihn hierher
gebracht haben, um mit den Brüdern zu spre
chen. Er wisse, daß die hiesigen Abgeord
neten über die Convention in Chicago aus
führlich berichtet haben. Tic Mitglieder der
zweiten OrdenS-Constitnante waren milderen
Vorlagen vollkommen vertraut und entschlos
sen, Diejenigen, die nicht blos für sich, „och
für Israel, sondern für Alle eifrig wirken,
unbehindert zu lassen, damit die Außenwelt
sehe, daß das Wirken Israel's in gewissen
Hrnsichien für die Menschheit überhaupt von
großer Wichtigkeit ist.
Ter Redner gedachte der Prüfungen, die
er bei'm Zusammensetzen der zwölf Comite'n
der Convention zu bestehen gehabt, und des
Eifers der l7oTcputirten, Vorsitzer des einen
oder anderen Comite's zu sein; das erste war
das Constitutions-Comjte unter dem furcht
losen, energischen Obmann Julius Bien,
> welches die Constitution prüfte und sie fast so,
j wie sie seit fünf Jahren gewesen, beließ.
Das Ritual-Comite that seine Schuldigkeit
und wird, um seineArbeit zu vervollständigen,
nächstens hier oder in Richmond, Va., wieder
zusammentreten; der Geist des Rituals Be
treffs des Judenihums ist fast ganz bewahrt
die Zusätze werden es noch verschönern. Das
ließ man unangetastet. Der
I. Ordensbezirk, der kein solches Gesetz hatte,
hat die Sache in die Hand genommen und
wird ohne Zweifel diese Lücke ausfüllen.
Im 2. Bezirke gab's einige Mitglieder, die
hartnäckig und fast bereit waren, aus dem Or
den zu treten, wenn sie nicht ihren Willen ha
ben tonnten; sie haben sich aber mit dem Or
den wieder versöhnt. DleConveiiiibn beschloß,
daß die Zeft zur Errichtung eines Waisen
hauses noch nicht gekommen; sie wußte, die
Waisen würden von den Eiuielbczirkcn ant
versorgt.
Angesicht des Geschreies über eine Oligar
chie halte das Fingnz.Eomite eine heiieleÄuf.
gäbe, zumal eine gewisse Zeitung jauszupo-
saunen begann, die Kasse würde falliren.
Aus seinem Benchte ergab sich, daß die Ge
sammt-Ausgaben der Conventtan nur §176
betrugen; die Druckarbetten wurden billiger,
als anderwärts, geliefert. Die sogenannte
HeimathSsrage wurde einem MinoritätS-Be
richtc zufolge jedem Bezirke überlassen.
Dann kam die Borlage über Errichtung
israelitisch amerikanischer Gemeinden an die
Reihe; man hielt es für'S Beste, am Bisheri
gen nicht zu rütteln. Der Ordens-Comite-
Vericht ergab für die letzten fünf Jahre einen
bedeutenden Mitglieder- und Terrain - Zu
wachs; für Wittwen und Waisen wurden
5200,000 verausgabt.
Das Gediets-Comite zeigte, wie der Orden
sich immer mehr ausbreitet. In Nord-Caro
lina steht die Errichtung dreier weiterer, in
Alexandria, Ba., die einer neuen Loge in
Ausficht; ans früher 800 tränklich aussehen
den Kindern seien in diesem Bezirke 2000
kräftige Männer entstanden. Das Comite
für die Säkularseier erstattete erschöpfenden
Bericht, drr sehr heilsame Folgen hatte.
Wenn nichts Anderes, so hatte die Conven
tion sicherlich das Gute, daß sie Männer von
großer VegabunA an die Oberfläche gebracht;
der Ehrw. Dr. Szold hat sich dazu verstan
den, eine Geschichte des Ordens und der Con
vention zu schreiben. Dieser Comite-Bericht
wird ein weithin sichtbares Denkmal, eine
Geschichte der Juden und des Judcnthums in
diesem Lande, der Civilisation und ihres Ein
flusses sein.
Das Comite über Rumänien empfahl, daß
die Logen die Mission des Bruders Peixotto
daselbst noch drei Jahre unterstützen. Hr.
Wolf verlas jetzt einen ihm erst gestern früh
vom Consul Peixotto in Bukarest zugegange
nen Brief folgenden Inhalts:
„Bukarest, 24. Febr. 1874.—Mein theurer
Simon! Ick harte mich gerade nach Jassy,
der zweiten Hauptstadt des Landes, begeben,
um daselbst eine neue Schule für Israeliten
zu gründen, als Ihre Depesche Bukarest er
reichte und mir in einem Briefe von meinem
Weibe geschickt wurde. Ich kann Ihnen nicht
sagen, wie glücklich mich der Inhalt der De
pezche machte. Wenn Gott mein Leben er
halten sollte, bis der Schnee des Alters sich
auf mein Haupt gelagert hat und meine Ge
stalt gebeugt ist, so werde ich mir doch noch
oft den Tag in's Gedächtniß zurückrufen, an
welchem mein zagendes Herz in der alten
Hauptstadt der Moldau durch einen Strahl
vom Himmel neue Kraft und neuen Muth
gewann und das Bild meines geliebten und
weit entfernten Freundes Plötzlich vor meiner
Seele ausstieg. Gott segne Sie, Simon, für
die Erinnerung an mich! Ihre Depesche war
mir eine schönere Gabe als das prächtige
Kreuz, welches Sie auf die Brust des Helden
Frankland von Memphis hefteten. Ich habe
seit jener Depesche noch keine geschriebene
Zeile wieder erhalten, aber der „New-Horter
Herald" hat mich über einige Details der
Verhandlungen Ihrer großen Convention be
nachrichtigt. Ich kann Ihnen nicht schreiben,
wie glücklick ich war, als ich vernahm, daß
Sie berufen wurden, den Vorsitz über die
Verhandlungen jener Convention zu führen.
Aus allen Reden, welche Sie hielten, leuchtete
das edle Herz hervor, das in Ihrer Brust
schlägt, ein Herz, dessen mächtige Gefühle
keine Sprache zu schildern vermag. Aber
um Eins bitte ich Sie, Simon, bieten Sie
Alles aus, mich in meinem Wirken zu unter
stützen. Sorgen Sie dafür, mein einziger,
guter Freund, daß der in der Convention ge
faßte Besckluß auch ausgeführt wird. Falls
dieses nicht geschähe, würde ich Viel zu erdul
den haben, aber tausend Mal mehr als ich
würde die große Sache leiden. Gerade jetzt,
wo ich den ersten großen Triumph über den
Feind errungen habe, muß ich unterstützt
werden. Ich habe bei der Kammer die An
nahme eines Gesetzes durchgesetzt, welches den
eingeborenen Israeliten munizipale Rechte
gewährt. Ich habe sämmtliche Dokumente,
sowie eine Abschrift der von mir verfaßten
Petition dem Ministerium des Innern zuge
schickt. Dies ist jedoch nur der erste Schritt.
Verschaffen Sie mir Mittel, Simon, den
Kampf noch zwei Jahre lang fortzusetzen. Ich
bitte Sie, mein edler Freund, helfen Sie mir,
und der Sieg wird uns zu Theil werden!
In Eile Ihr ergebener Peixotto."
Hr. Wolf zollte den Verdiensten des Hrn.
Peixotto, der 5 Jahre Präsident des Ordens
gewesen, gebührendes Lob.
Nachdem Präsident Simson dem Redner
für den der Versammlung bereiteten Genuß
gedankt, vertagte er dieselbe, und eine große
Anzahl Brüder geleitete Hrn. Wolf nach
Gardner's Hotel, wo ein Bankett die Per
sammelten noch länger vereinte.
"lmmixrant" befürwortet in einer „Sun"-
Einscndung die englische Einwande
rung, besonders die von Ackerbauern. Auch
wir sind dafür, halten jedoch gleichzeitig es
für sehr wesentlich, mehr Hauptaugenmerk
auf die deutsche und schwedische Einwanderung
zu richten, die sich in Amerika so vortrefflich
bewährt und den hiesigen Verhältnissen assi
milirt hat. Die Engländer werden selten
Amerikaner in der politischen Bedeutung des
Wortes und haben bisher das Kanaan der
Neuzeit nur als Minenarbciter und für In
dustrie-Zweige aufgesucht, die von vornherein
die höchsten Löhne abwarfen. Als Ackerbauer
haben sie nur ausnahmsweise in Amerika
Geltung erlangt, während die Gefilde unserer
Großstaaten unwiderlegbaren Beweis des
Fleißes und der Ausdauer der deutschen Ein
wanderung ablegen, die bei geringem Ver
dienste sich an die Arbeit machten und gemein
sam mtt den Eingeborenen größere Ziele ini
Auge hatten, ohne gleich von vornherein hohe
Löhne zu beanspruchen und, wie wir zur Ge
nüge wissen, durch Ausstände und andere Ar
beiter-Combinationen theilweise den Zweck zu
vereiteln, den man durch ihre Uebersiedlnug
nach Amerika zu erreichen gedachte. Dennoch
befürworten wir die Einwanderung, einerlei,
ans welchem Lande sie kommt, wollen aber
nicht zugeben, daß eine solche in Maryland,
mit Zurücksetzung der deutschen Ankömmlinge,
in den Vordergrund geschoben wird, wie es
z. B. Senator Carle in seiner Jmmigrations-
Bill in der Gesetzgebung und nunmehr der
„Einsender" in der „Sun" gethan hat. Die
„Sun" begleitet die „Einsendung" mit einem
Tadel der im Senate vorliegenden Stevens'-
schen Bill, die H 12,800 verlange und den
früheren Maßregeln zu ähnlich sei, um sich
viel davon versprechen zu können. Die
„Sun" spricht von „Agenten," die unter dem
Vorwande der Einführung von Einwande
rern Zahlung erhalten sollen u. s. w.—Hätte
die „Sun" die zuletzt berichtete Bill sorgsam
gelesen, so würde sie schwerlich diese Aeußc.
rnngen gemacht haben. Die Bill setzt als
Einwandernngsbehörde den Gouverneur, den
Präsidenten der „Staats - Ackerbau - Gesell
schaft" und drei andere, aus der Stadt Balti
more und vom östlichen und westlichen Ufer
auszuwählende Herren ohne Gehalt ein.
Ein Amendement, auch den Präfidenten des
Handels - Direktoriums und der Kornbörse
hinzuzufügen, ist günstig aufgenommen wor
den, Für „Agenten" werden nur 51500 vor
geschlagen, aber auch dieses ist dem Ermessen
der Behörde überlassen, und thatsächlich nur
die Verbreitung sorgfältiger Information über
den Staat Maryland in englischer, deutscher
und schwedischer Sprache vorgeschrieben. Die
Hauptsummc, welche für erforderlich gehalten
wird, ist 55000 für die Counties. Und wes
halb? Weil ohne Geldmittel keine dnrch
gängige Agitation in den Counties bewerk
stelligt werden kann. Wollen die Landeigner
aus ihrem Rip Van Winkle-Schlase aufwa
chen und Hand an's Werk legen, so können
mit Leichtigkeit obige 5t2,800 auf 57500 ver
mindert werden und steuern sie selbst aus cigc
ncr Tasche bei, so ist die Hülfe des Staates
ganz und gar überflüssig. Daß zu einer Geld
ausgabe für die Counties gerathen wird, liegt
im Interesse des Gemeinwohls, damit endlich
die so lange angestrebten Resultate erzielt wer
den. Daß die „Sun" mir nichts, dir nichts,
verdammt, mag in ihren Kram passen; aber
nachdem sie die Nothwendigkeit, noch am
Mittwoch eingestanden hat, daß etwas
Endgültiges zur Forderung der Einwande
rung geschehen müsse, sollte sie auch dem Ta
del, womit sie anoere, von erfahrener Seite
vorgelegte Maßnahmen überschüttet, besseren
Rath folgen lassen, ohne mit Insinuationen
über Vorschläge um sich zu werfen, die sie er
sichtlich nicht einmal einer-sorgfältigen Prü
fung unterworfen hat. Es wäre ein Ärmuihs
zeugniß für unseren Staat, wenn Gouver
neur, Staats-Ackerbau-Präsideiit und drei an
gesehene und verläßliche Männer in die Kathc
gorie von Individuen gehörten, die kein Ver
trauen rechtfertigen (io juBti<V nnv i-eli-mee.)
Die „Sun" bringt auch eine Einsendung
über die Wasserscheu. „Eine Dame"
schlägt als Heilmittel die Rinde der Weiß
eschcii-Wurzel vor. „Sun" meint, man solle
sich nicht darauf verlassen; besser sei es nach
dem Rathe eines erfahrenen hiesigen Arztes
mit beizender Potasche oder anderen Bei, Mi
tteln die Wunde gleich nach erfolgtem Bisse
auszuwaschen. Hinterher der „Sun" trabte
gestern Nachmittag die „Evening News,"
welche in Zusatz zu der Empfehlung des erste
ren Blattes räth, den Hunden, che sie beißen,
beizende Pptajche oder die Rinde der Eschcn
wurzel einzugehen. Arsenik, Strychnin und
Revolver wen ebenso-gut anzurakhen, um
überhaupt den bösen Hundebiffen vorzubeu
gen.
Neue Erfindungen. Das Comite
des „Maryland-Institutes," welches sich mit
der Prüfung neuer Erfindungen besaßt, hat
während des Winters manche Gegenstände
in Augenschein genomiucn. geprüft und un
tersucht und enivfiehlt nachstehende als höchst
zweckmäßig: Eine Spinde für Werthsachen
auf Schiffen; diese Erfindung ist eine höchst
zweckmäßige und nützliche und rührt von Hrn.
George F. Abrahams her. Tie Spinde ist
groß genug, um im Falle der Noth auch ei
nem Menschen als Rettungsapparat zu die
nen. Ferner ein von Hrn. T. Murphy an
gefertigter Hydrant. McNulty's Prozeß des
Ledergcrbens wird gleichfalls empfohlen, da
dieser Prozeß viele Vorzüge vor der gegen
wärtigen Art und Weise des GerbenS haben
soll. Auch cin Apparat für Fleischer, dem
Comite von Hrn. Moses Brennan zugesandt,
erstellt sich der Empfehlung desselben. Dem
Comite lagen während des Winters fünf ver
schiedene Patente fjst Oestn vor, welch' letztere
bereits auf der Ausstellung im vorigen Herbst
allgemeine Aufmerksamkeit erregten. Das
Ansstellungs-Comite wußte nicht, welchem
Patent der Preis gebühre und welcher der
fünf Aussteller zu einer Prämie berechtigt sei.
Znfolge dessen überkug es die Angelegenhei
aem Comite für neue Erfindungen, welchee
letzt nach einer langen und sorgfältigen Prü
jung berichtet, daß es ebenfalls nicht im
Stande sei, eines der vorliegenden Patente
der HH. Bibb, Heath, Armstrong, Wood und
Sexton für das beste zu erklären, da alle fünf
vorzüglich seien.
Eine neue Gasbeleuchtung.
Zm„Carrollton-Hotel" hatte sichFreitagÄbend
auf spezielle Einladung ein gewähltes Publi
kum, theils Fachmänner eingestellt, um Zeuge
von Experimenten zusein, welche Hr. Howard
Tilden mit einer neuen, von ihm fclbstcrfun
denen.tragbarenMinialur-GaSanstall machte.
Die Herstellung des Gase geschieht ans eine
außerordentlich eillsache Weise; es wird er
zeugt aus Wasser, Schwefelsäure und Eisen
fpähnen und die Carbonisiruua desselben ge
schielst durch einen Zusatz von Kohlenöl-Fluid
oder Gasolin' und zwar nimmt man auf
eine Gallone Wasseret Pfund Schwefelsäure
und l Pfund Eisenspähne. Hanf wird mit
Gasolin getränkt, durch dieses das entwickelte
Gas geleitet, welches auf diese Weise einen
Prozeß durchmacht, in Folge dessen es sein
außerordentlich weißes Licht gewinnt. In
dem Deckel der Maschine, welche Hr. Tilden
zeigte, waren die Röhren eingeschroben, die
Brenner waren von der gewöhnlichen Con
struttion, und wenn auch die Oeffnung der
selben bedeutend kleiner war, als wir sie in
den meisten Fällen an den Brennern bemer
ken, so verbreitete doch das Licht dieses Ga
ses, welches den nöthigen Druck durch seine
eigene Spannung erhält, eine viel größere
Helle als die über demselben brennenden Koh
lengas - Flammen. Dre Herrichtungskosten
einer Maschine für ein gewöhnliches Wohn
haus, zu dessen Erleuchtung etwa 25 Flam
men nöthig find, belaufen sich auf §2O und
1000 Cubikfuß des Gases werden für etwa 51
erzeugt werden tonnen. Die Maschine kann
überall hingestellt werden, und die Röhren
ohne weitere Schwierigkeit an dieselbe befe
stigt und durch das Haus geleitet werden.
Die Construktion der Maschine ist so einfach,
daß jcderHandwerker dieselbe verfertigen kann.
Hr. Tilden wohnt im „Carrollton-Hotel" und
ist crbötig, allen Denjenigen, welche irgend
welche Auskunft wünschen, mit Rath und
That beizustehen.
Eine große Anzahl Reliquien
(350), von dem Hochw. Gärtner, der meh
rere Jahre als deutscher Missionär in Rom
stationirt war und gegenwärtig an der St.
Michaelskirche, Ecke der Lombard- undWolfe
straße, fungirt, nach Baltimore gebracht, wer
den augenblicklich den Gläubigen in der besag
ten Kirche, auf dem St. Jofeph-Altar ausge
stellt, gezeigt. Es befinden sich darunter „eine
Dorne aus der Krone des Heilands," „ein
StückHolz und cin Nagel vomKreuzeChristi,"
„ein Theil der Krippe von Bethlehem" und
300 andere Reliquien der Mutter Gottes, des
Apostels St. Johannes, des Täufers St.
Johannes u. s. w. Der Hochw. ?. Gärtner
'erklärt die Bedeutung der Reliquien und be
gleitet seine Worte mit der h. Fastenzeit ange
messenen Bemerkungen. Die Reliquien sind
in Glaskästen aufbewahrt und werden täglich
von Taufenden besucht, die gläubig vor dem
Altare nicderknicen und ihre Gebete mit denen
des Priesters vereinigen. Die Reliquien sol
len während der Fastenzeit auch in den übri
gen deutschen Kirchen ausgestellt werden.
Uddcrzoo k.—Die in Westchester erschei
nenden "ttueal Xevvs" berichten, daß am letz
ten Mittwoch die Arbeit des Zusammenstel
lcns der Notizen, welche Richter Butler über
die Zeugenaussagen in dem Prozesse gegen
Udderzook ausnahm, beendigt wurde. Die
Notizen nehmen mehr als 235 Seiten ein,
welche sich bereits sämmtlich in den Händen
des Setzers befinden. Der Antrag Betreffs
eines neuen Prozesses wird nicht vor Ende
Mai vor dem Ober-Appcllations-Gericht des
Staates Pemisylvanien zur Entscheidung
kommen.
Di e I sra eliten und der rumä
nische Consul. Vor etwa 3 Jahren
wurde Hr. B. F. Peixotto von der Bundes-
Regieruna zum Consul in Rumänien er
nannt, ohne icdoch irgend ein Gehalt zu be
ziehen, indem die Israeliten in dAi Ver.
Staaten übereingekommen waren, eine
Summe aufzubringen, welche hinreichend sei,
um den Aufenthalt des Hrn. Peixotto in Bu
karest, der Hauptstadt von Rumänien, für die
Dauer von drei Jahren zu ermöglichen. Die
Israeliten machten zu jener Zeit Anstrengun
gen Betreffs Ernennung eines Consuls in
Rumänien, um den Verfolgungen, welche die
Israeliten in jenem Lande zu erdulden hatten,
eine Schranke zu setzen. Die drei Jahre sind
jetzt verflossen und das Wirken des Hrn. Peix
otto in Bukarest hat sich von solch' großem
Nutzen erwiesen, daß die „RumänischeGefell
schaft" in den Ver. Staaten und die verschie
denen Logen des Ordens der „B'nai B'rith"
auf's Neue Subjcriptionen für Hrn. Peixotto
erhoben, um dessen ferneren Aufenthalt in
Bukarest zu ermöglichen und sicher zu stellen.
Die Verfolgungen haben fast gänzlich aufge
hört und wenn zuweilen während der beiden
letzten Jahre noch ein Versuch gemacht wurde,
dieselben auf's Neue in's Leben zu rufen, so
war Hr. Peixotto immer rechtzeitig bei der
Hand, um jeder Gefahr vorzubeugen. Au
ßerdem hat er sich ein großes Verdienst dadurch
erworben, daß er Schulen und wohlthätige
Institute unter den Israeliten stiftete. Die
kürzlich in Chicago tagende Convention der
„Bnai Brith" hat ein Comite ernannt, wel
chcs eine Petition bei'm Congresse einreichen
soll, dem Consul in Rumänien ein festes Ge
halt auszusetzen. Es steht zu erwarten, daß
die Gewährung der Petition auf keine Hin
dernisse stoßen wird.
Gleich nach Ostern wird Erzbischof Bay
ley eine Rundreise durch den Staat und den
Distrikt Columbia machen.
Mrs. Van Cott, die mit ihrem Mysti
cismus mehrere Wochen lang das Publikum
in Aufregung versetzte, ist in New-Orleans
wieder aufgetaucht und wird dort wohl eben
sowohl, wie hier, mit ihren schwülstigen Bil
dern, ihrer unklaren, aber begeisterten Sprache
den Leuten den Kops verrücken. Man erzählt
sich, daß zwei bis drei Frauen von reizbarem
Temperamente, die tägliche Besucher der „Pre
digten" der Mrs. Van Cott in der methodisti
schen St. Johnskirche, N.-Libertystr., waren,
thatsächlich den Verstand verloren haben.
Außer einem Baargeschenke von 51000, einer
Menge Collekten und freier Station gab man
der Scheidenden auch noch einen 5150 werthen
Reiseanzug und andere Geschenke mit auf den
Weg. Auch an einem Freibillett auf der
Eisenbahn wird es wohl nicht gefehli haben.
Vor einiger Zeit schickte Präsident Grant
seinen Intimus ttev. General-Major loh.
N ewman, bis dahin Congreß Kaplan, aus,
um die Consulate der Ver. St. in der ganzen
Welt zu inspiziren. Das Amt wirft selbst
verständlich ein schönes Einkommen ab, und
Hr. Newman soll sich ganz vortrefflich amü
firen. Um seine Stellung in der Methodisten-
Confcrcnz zu sichern, welche unlängst in Balti
more tagte, schrieb er von Japan aus einen
Brief, worin er bat, daß man ihn unter allen
Umständen als Mitglied der Conferenz be
trachten möge. Bischof Ames trat gegen die
ses anmaßende Ersuchen des Newman auf.
Er bezweifle sehr, daß es rathsam sei, Leute
als Mitglieder der Conferenz anzusehen, die
daraus nur eine Convenicnz machten und
Nichts auf dem Gebiete der Verbreitung des
Christenthums thäten; die sich vom Congresse
Stellen erbettelten und ihre Gemeinden im
Stiche ließen. Solche Leute zögen Tausende
von Meilen weg von hier und wollten doch
ihr Votum und ihre Beziehungen zur Kirche
aufrecht erhalten. Er sei dafür, dem Newman
den Laufpaß zu geben. Bischof Ames äußerte
wohl die Anficht vieler Conferenz Mitglieder.
Der Bau des den t s chen W ai s e n h au
sesan der Aisqnithsttaße schreitet rüstig vor
an. Alle Aussichten deuten darauf hin, daß
es schon im Spätsommer bezogen werden
kany,
In aller Stille ist der „Gexmanja-
Club" von der Lombardsttaße nach seinem
neuen Gebäude in Fayette-, nahe Eutawstt.,
eingezogen. Eröffnung und Einweihungfan
dcn schon vor mehreren Wochen statt, und der
Club kann sich rühmen, cinenßerfammlungs
ort zu rationeller gefellschafillcherUnttrhattung
geschaffen zu haben, der wohl keinem Lokale
der Art diesseits des Meeres nachsteht. Ein
süperb dekorirter Saal, Lesezimmer, Billard,
Kegelbahnen:c. sind vorhanden. Die Mit
gliederzahl ist jetzt aus 160 gestiegen und der
ganze Kauf- und EinrichtungSpreis!§47,ooo)
bis auf wenige. Tausend Dollars gedeckt wor
den. Präsident des Clubs ist unser wohlbe
kannter Mitbürger Hr. Claas Bocke. Das
alte Club-Lokal an der Lombardsttaße ist au
verkaufen.
Verkäufe von Waaren auf Ra
tenzahlung. (Zwei Appellationen ent
schieden.) Tie „Whecler-Witton'sche Näh
Maschinen - Fabrik - Compagnie" hatte dem
Fräulein F. H. Barker eine auf 565 gewer
thete Nähmaschine unter der Bedingung so
fortiger Anzahlung von 510 und einer monat
lichen Abzahlung von 510 velmiethet und ab
geliefert und sich bis zur vollen Entrichtung
der 565 daSEigcnthumsrecht auf die Maschine
vorbehalten; nach Abbczahlung des ganzen
Kaufpreises wollte sie die Pächtern! durchAus
stellung einer quillirtcn Rechnung zur Eigen
thümerin machen Die Monatsraten wurden
sämmtlich hezahjt; als jedoch die Compagnie
die weitere, in dem schriftlichen Uebercmkom
meii ausbedungene Summe von 55 forderte,
weigerte sich Frl.Barkcr, dieselbe zu bezahlen,
weshalb Jene bei'm Richter Bone auf Rück
erstattung der Maschine klagte; der Friedens
richter erkannte jedoch zuGunsten der Verklag
ten. Hiergegen legte die Klägerin bei'm
Stadtgerichte Berufung ein: hjer fiel die Ent
scheidung ander aus; Oberrichter Brown
erklärte, dasEigenthnmsrecht auf die Maschine
verliere die Appellantin erst nach Entrichtung
der 55, und diese Summe müsse binnen einer
angemessenen Frist erlegt werden; weigere sich
die Appellantin, die Zahlung zu leisten, so
sei die Compagnie berechtigt, sich wieder in
den Besitz des fraglichen Eigenthums der
Maschine zu setzen. Zur Unterstützung
seiner Entscheidung bezog sich der Oberrichter
auf einen analogen Fall vor einem anderen
Gerichtshöfe, stieß des Friedensrichters Bone
Urtheil um und erkannte der Compagnie die
Maschine nebst einem Cent Schadenersatz wie
der zu.
Im Februar 1873 wurde MaricE.Tay
lor im Mperjor-Gerichje gegen die Möbel-
Händler M. K.Walsh auf „Entschädigung für
angebliches gesetzchidriges Betreten ihrerWoh
nung bei'm Versuche, die Ausführung eines
christlichen Contraktcs mit ihm auf gewalt
ame und beleidigende Weise zu erzwingen,"
klagbar. Sie halte vom Verklagten gewisse
Möbelstücke nach demßatenabzahlungs-Plane
gekauft, aber die Bedingungen des Kaufcon
ttaktes, resp, die Wochenzahtungen nicht ein.
zehalten; ihre Klage bezweckte die Erlangung
von Schadenersatz im Bettage von 55000 für
angebliches zwangsweises Betteten ihres
Wohnhauses dnrch den Verklagten Behufs
Wiedererlangung seiner Waaren. Die Ge
schworenen sprachen ihr 5400 zu, obschon sie
aus den beigebrachten Zeugenaussagen keinen
Beweis für bei Abholung der Waaren ange
vandte Gewaltthätigkeit folgern konnten.
Walsh wandte sich an s Obcr-Appellations!
Gericht, welches vorige Woche dasErkemitiiiß
ser unteren Instanz kassirte und dem Verklag
ten (Appellanten) einen neuen Prozeß bewil
ügte; bei Abgabe der Entscheidung bemerkte
Richter Alvey, „das Betreten der Wohnung
ser Klägerin sei weder zu einer unaiwemesse
aen Stunde, noch in irgend einer ungewöhn
iichen Weise geschehen." Ter Achtb. N-vcrdy
Johnson sungirte in Annapolis als des Ap
pellanten Anwalt.
Der seit letztem Montage ,m Superior-Ge
nchte verhandelte Lebens - Versiche
rn n g s - P r o z c ß der Wittwe M. C. Busby
gegen die „Nonh-American Lebeus-Asseku
anz-Compagnie von New-York" auf Aus
iahlung der Police von §3OOO auf das Leben
ses verstorbenen Mannes der Klägerin gedieh
Freitag Nachmittag thatsächlich zum Schlüsse,
d. h. schloß zu Gunsten der Verklagten. Rich
ter Dobbin kündigte bei'm Beginne der
Sitzung au, daß der Gerichtshof sich vor Er
ledigung desselben nicht vertagen und daher
die Ponchrift einstündiger Frist Betreffs der
Plaidoycrs streng durchführen werde. Da alle
beiderseitigen Zeugen vernommen waren, so
machte Ex Richter MaulSby, der Klägerin
Anwalt, den Sachwaltern der Verklagten den
Borschlag, ohne Anträge Betreffs derJnstrul
lionen oder ohne Plaidoyer die Entscheidung
den Geschworenen anheimstellen zulassen; der
Vorschlag fand jedoch keinen Beifall, worauf
I. Donaldson, der jüngere Anwalt der Kläge
rin, nicht wennigcr, denn 21 Gesuche um Jn
üruirung der Geschworenen Seitens des Ge
richtshofes verlas nd gewandt befürwortete.
Nach ihm ergriff im Namen der Verklagten
Orville Horwitz das Wort, um eilf derartige
Gesuche zu stellen und gebührend zu moti
oircn. Sobald er geendet, verzichtete Ex-
Richter MaulSby auf's Schluß-Piaidoyer mit
der Bemerkung, fein College habe alle von
ihm zur Constatirung des Rechts- und That
bestandes der Angelegenheit feiner Klientin
für nothwendig erachteren Punkte dargelegt.
Richter Dobbin verwarf hierauf alle kiäzeri
schen Gesuche und ertheilte den Geschworenen
im Interesse der Verklagten folgende Instruk
tion: „Die Police erlosch oder verfiel am 20.
Juni 1872; es liegt dafür, daß sie erneuert,
oder Seitens der Compagnie ans ihre Ver-
Wirkung Verzicht geleistet worden, kein Be
weis vor, weshalb die Geschworenen für die
Verklagte erkennen müssen." Ex-Richter
Maulsby ersuchte jetzt, da diese Weisung die
Geschworenen zu einem Wahrspruche zu Gun
sten der Compagnie zwinge, den Gerichtshof,
daß er denselben erst Montag (heute) entge
gennehme, damit ihm —dem GesuchSsteller —
zur Ausarbeitung der Einreden Zeit gelassen
werde, und er bereit sei, den Prozeß vor's
Ober-Appellationsgericht in Annapolis zu
bringen. Dies wurde ihm gewährt, und die
Gefcyworenen werde? ihren Wahrspruch erst
heute einreichen. Frau Brusby war selbst im
Gerichtssaale zugegen und wurde durch die
Wendung, die der Prozeß genommen, tief be
wegt; augenscheinlich hatte sie die Sympa
thie'n der Zuschauer auf ihrer Seite. (Wie
wir bereits am Sonnabend vor acht Tagen
berichteten, wurde die Police auf John K.
Busby'S Leben am 21. Mai 1869 ausgefer
tigt, und die letzte Prämienzahlung sieben
Tage nach dem 21. Juni 1872 gemacht. Die
Verklagte behauptete, der Versicherte habe sich
zu Tode getrunken.)
Ein überfälliger Wechsel des
Verkäufers, vom Käufer eines
Artikels diesem offerirt, ist so
gut, wie Baargeld. Heinrich Schäfer
hatte dem B. W. Richards einen Wagen um
§l6O abgekauft, darauf eine sofortige Anzah
lung von 525 gemacht und den Wagen im
Besitze eines Agenten Richards', Namens
Robertson, gelassen, aber einige Tage nachher
von dort abgeholt. Als er nun von Richards
aufgefordert wurde, den Rest des Kanfschil
lingS zu bezahlen, bot er ihm einen Richards'-
schen schon früher fällig gewordenen Wechsel
und die Bilanz in Baargeld an; den Wechsel
wollte Richards jedoch nicht annehmen und
verklagte Schäfer bei'm Richter Miller auf
den von dem Wechsel zu deckenden Theil der
Kaufschuld; Friedensrichter Miller entschied,
daß der Kläger den Wechsel als Theil der
Zahlung annehmen müsse, worauf Richards
an's Stadtgericht appellirte, ohne jedoch bes
sern Erfolg zu haben. Oberlichter Brown
entschied, Richards müsse feinen eigenen fälli
gen Wechsel an Zahlungsstatt annehmen; der
selbe sei im vorliegenden Falle so gut, wie
Baargeld. Richards' Anwalt war C. B.
Slingluff, während Schäfer C. P. Meredith
zum Sachwalter hatte.
Raub aus offener Straße. (Garrot
tirung eines Bürgers.) Northstraße ist
Abends und Nachts eine unheimliche Lokalität.
Mit den Straßenlaternen ist man dort sehr
sparsam, und die wenigen, welche brennen,
werfen nur ein zweifethaflesLicht auf Straßen
und Trottoir. Die Anzahl der Läden ist eine
sehr kleine, und wenn der Abend kommt, sieht's
dort „öd und leer" aus. Einer der Veteranen
der Northstraße, Hr. Samuel Hart, seit 50
Jahren an der Ecke der North- uudSaratoga
sttaße als Grocer thätig und bereits 73 Jahre
alt, schloß Montag Abend um 9 Uhr seinen
Laden und begab sich auf den Heimweg nach
seiner Wohnung Nr. 176, Nord-Catvertstraße.
Zur Zeit stand auf der Mitte der Straße eine
ReiheEisenbahn-Frachlkarren, und diese mach
ten die Nachbarschaft womöglich noch dunkler,
als gewöhnlich. Hr. Hart ging langsam vor
an, als er, wie wir gestern kurz meldeten,
plötzlich, kaum einige Dutzend Schritte von
dem eben verlassenen Laden entfernt, plötzlich
im Rücken überfallen und durch einen gewal
tigen Griff um den Hals beinahe erstickt und
zu Boden geschlendert wurde. Er versuchte,
um Hülfe zn rufen, aber die Hand klammerte
sich nur um so fester um den Hals und er blieb
sprachlos am Boden liegen. Aber das Be
wußtsein war nicht gewichen und er sah, wie
cin zweites Individuum hinzutrat und beide
Gauner ihm nunmehr eiligst die Taschen leer
ten und seine goldene Uhr entrissen. Darauf
liefen sie, wahrscheinlich durch einen sich nä
hernden Polizisten verscheucht, eiligst davon.
Polizist Crowley war denn auch bald zur
Stelle und hob den stöhnend am Boden lie
genden Hrn. Hart auf und brachte ihn nach
seiner Wohnung. Das Aussehen des Hrn.
Hart ließ denPolizistcn nicht darüber inZwei
fel, was vorgefallen war. Alle Taschen feiner
Kleider waren nach Außen gekehrt uno nur
ein Stück der Uhrkctte hing noch in einem der
Westen-Knopflöcher. Am Hatfe zeigten sich
blaue Spuren des Griffes des Straßenräu
bers und der alte Herr liegt nunmehr krank zu
Hause darnieder. Hätte der Räuber den Griff
noch einige Sekunden länger fortgesetzt, so
wäre es sicherlich um das Leben des Hrn. Hart
geschehen gewesen. Sonderbar genug, war
den Gaunern eine Tasche des Hrn. Hart, in
welcher sich eine Rolle Noten (§100) befand,
entgangen und die Diebe erbeuteten außerUhr
und Spazierstock nur einigcSchlüssel und an
dere weniger wcrthvolle Sachen. Ob die
Räuber Weiße oder Farbige waren, konnte
Hr.Harl m der Dunkelheit nicht wahrnehmen,
aber ersichtlich ist, daß der Plan des Ueberfal
lcs ein vorher überlegter war. Das Central-
Polizei-Amt ist kaum einen Häuserblock von
dem Laden des Hrn. Hart entfernt und die
Thäter müssen zn den verzweifeltsten und
kühnsten Räubern der Stadt gehören, um in
besagter Gegend den Ueberfall zu riskiren.
Daß die Polizei eifrigst auf die Kerle fahndet,
ist selbstverständlich und dürften Swck und
Uhr früher oder später auf ihre Spur führen.
Feuer im Hafen. Der Dam
pfer „Nürnberg" in Gefahr. Am
Donnerstag Morgen um 1 Uhr gericth,
wie wir bereits kurz berichteten, bei Locust-
Point ein mit Baumwolle betadener Prahm
in Brand, und ehe die Flammen gelöscht
werden konnten, war cin Schaden von
etwa §5OOO angerichtet, durch welchen aus
wärtige Versicherungsgesellschaften bettoffen
werden. Der Prahm lag gerade an dem Bug
des Dampfers „Nürnberg," welcher zunächst
an der Werfte lag. Die Mannschaft des
„Nürnberg," erschöpft von den Strapazen
der letzten stürmischen Reise, hatte sich in der
Hoffnung, ungestört der Nachlruhe Pflegen zu
können, in ihre Kojen begeben, nw vde jedoch
durch die Alarm-Glocke und Feuerrufe aufge
schreckt und eisten auf's Verdeck, Die Flam
men schlugen hoch empor und brennende
Baumwolle flog in die Takelage des „Nürn
berg." Capt. Jäger ergriff sofort einen
Schtailch und schickte einen Wasserstrahl in
die brennende Mass, welche in wüthendem
Gezisch Millionen Funken aussandte, die das
Hafenvassin weithin erhellten. Er ardcstete
mit seinen Leuten, als ob sie erprobte Feuer
wehrleute gewesen wären, und es gelang ihnen
endlich, unterstützt vom Capi. Percival, dem
Oberwächter der „Baltimore-Ohio-Bahn,"
die Flammen zu löschen. Einige der bren
nenden Ballen, welche in der Aufregung in's
Wasser geworfen waren, gericthen, in hellen
Flammen brennend, unter den Pier und brach
ten denselben in große Geführ. Boote mit
! Laternen fuhren unter den Pier und löschten
die Flammen. Wäre das Feuer von dem
Dampfer aus nicht so bald eindeckt worden,
so hätte es ungeheuere Verheerungen anrichten
können, da der Prahm von lauter brennbaren
Stoffen nmgebcn war und auf dem Pier
Waaren im Werthe von mehreren Hundert
tauscnden von Dollars lagerten; gerade hin
ter demselben der „Nürnberg," mit zwei
Prahmlatungen Taback an seiner Seile. Der
brennende Prahm enthielt 300 Ballen Baum
> wolle, welche eben von Savannah, Ga., mit
! dem Dampfer „Saragossa" angekommen und
, nach Berlin bestimmt waren. Der Verlust
! an Baumwolle wird ans twa tztvoogeschaht,
während die Reparaturkosten des Prahmes
! sich auf etwa 5400 belaufen werden. Die
Werfte und der Pier wurden nur unbedeutend
' beschädigt. Tie Ursache des Feuers ist' bis
jetzt noch nicht aufgeklärt, doch steht zu hoffen,
daß eine amtliche Untersuchung Lickt in die
Sache bringen werbe.
John Halifar, Grntleman.
Aus dem Englischen von Sophia Verena
Und so trug er, ohne je ihn zu bestecken.
Den großen, alken Namen, Gentleman.
Erste Kapitel.
Macht Platz, geht Herrn Fletscher aus
dem Wege, Ihr kleiner, fauler, hergelau
fener
Landstreicher glaubte ich,wurde nun
folgen; doch Frau Sally Watkins, meine
ehemalige Wärterin, schien sich zu besinnen
und ließ den Redesatz unvollendet.
Verwundert über das ungewöhnliche
Zurückhalten der von ihr so beliebten Bei
namen, blickten mein Vater und ich nach
dem Angeredeten hin doch als der
Knabe, sich umwendend, Platz wackle und
seine Augen dabei einen Moment
auf uns ruhen lieb, hörte unser Erstau
nen auf. Obgleich sein Anzug bestäubt,
schäbia. ja zerrissen, elend und dürstig
sein Aussehen war, so glich er doch in
keiner Weise einem „Landstreicher".
Du brauchst nicht in die Nässe zu treten,
mein Junge; halteTich näher zur Mauer,
so wird Schutz und Raum für uns Alle
sein sagte meinVater, indem er meinen
kleinen Rollwagen in den offenen Durch
gang eines Hauses lenkte, um vor dem
strömenden Regen ein Obdach zu haben.
Mit dankbarem Blick legte der Knabe
jetzt selbst Hand an, um den Wagen lie
ser hineinzuschieben. Seine Hand war
kräftig, hart und gebräunt durch Arbeit,
obwohl er kaum so alt sein mochte wie ich.
Was hätte ich nicht darum gegeben, so
groß und stark wie er zu sein.
Sally rief aus ihrer Hausthür, ob der
junge Herr nicht hereinkommen wolle, sich
am Feuer zn erwärmen. Da mir aber
jeder Schritt, jede Bewegung schwer und
lästig fiel, so zog ich es vor, unter dem
offenen Thorweg zu bleiben und den herbst
lichen Regenschauer zu beobachten; über
dies mochte ich den fremden Knaben nicht
gern aus den Augen verlieren. Er hatte
sich nickt von seinem Platze gerührt, stand
noch an derselben Stelle gegen die Mauer
gelehnt, entweder aus Ermüdung oder
um uns den Raum nicht zu beengen.
Weiter schien er sich um uns nicht zu be
kümmern ; seme Augen, sest auf das Stein
pflaster gerichtet denn die Hauptstraße
in unserer Stadt Norton Bury war wirk
lich gepflastert betrachteten die vom
Winde gepeitschten Regentropfen, die beim
Niederfallen kleine Wasserblasen cmpor
spruhen ließen.
Das Gesicht des vielleicht vierzehnjäh
rigen Knaben war ungewöhnlich ernst und
hager. Es steht noch so lebhaft vor mei
ner Erinnerung, daß ich es obwohl
ein Zeitraum von fünfzig Jahren seit je
ncm ersten Begegnen verflossen ist
leicht beschreiben kann. Ueber seinen
braunen, tiefliegenden Augen zogen sich
scharfgezeichnete Augenbrauen; die Nase
hatte nichts Bemeikenswerthes, doch die
seinen, wohlgeformlen Lippen lagen fest
geschlossen auseinander; und das starke,
malkirle Kinn war von dem Typus, wel
cher der ganzen Physiognomie Entschlos
senheit ur.d Charakter verleiht, ohne den
das schönste, regelmäßigste Antlitz stets
das Gefühl eines gewissen Plangels in
dem Beschauer zurückläßt.
Wie schon einmal bemerkt, war die Ge
stalt des Knaben groß und stark gebaut,
und ich armes, schwächliches Wesen legte
so hohen Werth aus köiperliche Kräfte. In
ihm schien sich Alles zu vereinigen, was
mir fehlte: muskulöse Gliever, breite
Schuttern, eine frische, gesunde Gesichts
farbe ja, selbst die krausen Locken seines
hellen, glänzenden Haares erregten mein
Wohlgefallen.
So stand er als Hauptfigur in einem
Bilde, das mir noch heute so klar vor Au
gen schwebt, als hätte ich es erst gestern
gesehen die enge, schmutzige Gasse,
welche auf die Hauptstraße mündete und
am anderen Ende einen Blick aus grüne
Fester gewährte; die offenen Hausthüren,
aus denen das einschläfernde Geräusch der
Webestühle drang, das Plaudern der Kin
der, welche durch die übergetretenen Rinn
steine wateten und Schiffchen aller Arten
daraufschwimmen ließen, Alles ist mir
gegenwärtig.
Vor uns lag die Hauptstraße, in der
das mit einem Porticas verzierte Haus
des Bürgermeisters uns gegenüberstand,
und etwas weiter hinauf, gerade wo die
schweren Regenwolken sich theilten, erhob
sich aus einer Gruppe schöner Bäume der
viereckige Thurm unserer altenhümlichen
Abtei Noetonßury's Stolz und Pracht.
Ueber denselben strömte durch die getheil
ten Wolken plötzlich ein beller Streifen
Licht. Des Knaben gesenkte Augen erho
ben sich und hingen aufmerksam an dem
goldigen Schimmer.
Der Regen wird bald vorüber sein, be-!
merkte ich, blieb jedoch im Zweifel, ob er
mich gehört. Worüber mochte er wohl so
eisrig sinnen und denken, der armcßurschc,
dem Wenige überhaupt zugetraut haben
würden, daß er sich mit Nachdenken be
schäftigte.
Mein Vater schien die Nähe des Kna
ben vollkommen vergessen zu haben, nach
dem er ihm aus einem nur natürlichen
Gerechtigkeitsgefühl ein Obdach neben
uns eingeräumt. Wirklich hatte der
würdigeMann auch genug anders Dinge,
welche seine Gedanken in Ampruch nah
men, da er der Begründer und die einzige
Stütze eines langsam aussteigenden, doch
jetzt besonders blühenden Geschäftes war
Ich sah es wohl an seinen sich ve>.finstern
den Gesichtszügen, an der ungeduldigen
Bewegung, mit der er seinen Stock in die
kleinen Wasserpfützen steckte, wie sehr er
wünschte, in seiner nahegelegen Lohger
berei zu sein.
Mehr als einmal blickte er nach der
großen, silbernen Taschenuhr der
Schrecken unseres ganzen Hauses, denn es
war, als ob diese Uhr etwas von dem
Charakter ihres Besitzers angenommen
hatte, unbarmherzig und streng, wie die
Gerechtigkeit oder das Geschick, ging sie
stets ihren richtigen, pünktlichen Gang.
AreiundzwanzigMinuten habe ich durch
diesen Regenschauer verloren. Phireas,
mein Sohn, wie werde ich Dich nur sicher
nach Hauie schaffen? Wenn Du mich nicht
nach der Lobgerberei begleiten willst, so
Ich schüttelte verneinend das Haupt.
Gewiß, es war sehr hart für Abel Flet
scher, ein so kränkliches Wesen wie mich
als einziges Kind zu haben, denn ich war
jetzt mit sechszchn Jahren so schwach und
Hülflos wie ein kleiner Knabe.
So muß ich Jemand suchen, der Dick
nach Hause bringt.
Denn obgleich mein Vater mir einen
kleinen Wagen gekaust hatte, in welchem
ich mich mit ein Wenig äußerlicher Hülfe
allein fortzubewegen im Stanve war, daß
ich ihn gelegentlich auf kurze Strecken in
der Nähe unseres Hauses begleiten konnte,
so ließ er mich niemals anderswo allein.
Auch jetzt war er um meine Heimkunst be
sorgt und rief in die Hausthür hinein:
Sally, Sally Watkins! Will einer
Deiner Knaben sich einen Penny verdie
nen?
Da die Angerufene sich außer GeHör
weite befand, so erfolgte keine Antwort;
doch ich sah, wie bei meines Vaters Wor
ten dem fremden Knaben das Blut in's
Gesicht stieg und er unwillkürlich einen
Schritt vorwärs trat. Jetzt bemerkte ich
zum ersten Male, wie matt, ja verhungert
er aussah.
Vater! flüsterte ich bittend, aber eh? er
mich hörte, hate der Knabe seinen Muth
zusammengenommen und sagte:
Heir, ick suche Arbeit. Lassen Sie mich
das Geld verdienen!
Er sprach ein ziemlich gutes Englisch,
weit verschieden von unserem breiten,
rauhen, langgezogenen Dialekt, und indem
er seine alte, schäbige Mütze abnahm,
schaute er meinem Vater offen und frei
in's Gesicht.
Dwser blickte ihn fest und prüfend an
Wie heißt Du, Bursche?
John Halifax.
Woher kommst Tu?
Von Eornwall.
Leben Deine Eltern noch?
Nein.
O, wie wünschte ich, mein Vater möchte
ihn nicht so ausfragen, dennoch mußte er
seine Gründe dazu haben, die selten in
der Absicht hart waren, wenn auch seine
Handlungen zuweilen so erschienen.
Wie alt bist Du, John Halifax? fuhx
mein Vater fort,
Vierzehn Jahre, Herr.
Bist Du an Arbeit gewöhnt?
I'.
An welche Art der Arbeit?
An jede, durch die ich etwas verdienen
kann.
In spannender Ausregung lauschte ich
diesem Verhöre.
Abgemackt denn! sagte mein Vater
nach einer kleinen Pause Du sollst mei
nen Sohn nach Hause fahren und den
Penny haben. Aber, bist Du auch ein
Bursche, dem man trauen kann?
So sprechend, hielt er den Knaben eine
Armlänge von sich entfernt und blickte ihn
fest an mit Augen, welche der Schrecken
aller nichtsnutzigen Buben in Norton
Bury waren, dabei klimperte er auf höchst
verlockende Weise mit dem Silbergelde in
der Tasche seiner langen, brannne Weste
und wiederholte noch einmal:
Ich frage, ob man Dir trauen kann?
John Halifax antwortete nicht, noch
schlug er seine Augen nieder. Als wüßte
er, daß dies cin wichtiger, entscheidender
Moment, so nahm er allen Muth, alle
seine Geisteskräfte zusammen, den An
griff Stand zu halten und er siegte schwei
gend.
Willst Du das Gels gleich haben, mein
Junge?
Nicht bevor ich es verdient, Herr.
Seine schon ausgestreckte Hand zurück
ziehend, ließ mein Vater die Münze in die
meinige gleiten und entfernte sich.
Ich blickte ihm nach, wie er festen Fu
ßes durch die vom Regen überschwemmst
Straße schritt. Sein Rock vom richtigen
Ouäkerschnitt war sauber und sein und
schloß warm und behaglich um seine brei
ten Schultern, oas Beinkleid von geripp
tem Zeuge, die ledernen Kamaschen, der
breitklämpigeHut, welcher ans dem grauen
Haar saß, der ganze Anzug paßte voll
kommen zu der kräftigen, ehrwürdigen
Gestalt. Sckon seine äußere Erscheinung
zeigte deutlich, welche Lebensstellung er
einnahm die eines achtbaren, wohlha
benden Handwerkers. Meine Augen
folgten ihm die ganze Straße hinab, mei
nem guten Vater, den ich vielleicht noch
mehr verehrte, als ich ihn liebte. Der
fremde Knabe schaute ihm ebenfalls auf
merksam nach.
Da es noch leise regnete, blieben wir
unter unserem schützenden Obdach. John
Halifax stand still an seinem alten Platz;
nur als der Zugwind mich erschauern
lstß, hüllte er meinen Mantel fester um
mich und sagte:
Ich fürchte, Sie sind nicht sehr kräftig
und gesund.
Nein.
Wieder stand er schweigend da und be
trachtete das gegenüberliegende Haus des
Bürgermeisters, das mit seiner breiten
Treppe, dem Porticus und den vierzehn
Fenstern in einer Front einen stattlichen
Anblick gewährte. Einer der Fensterflü
gel war geöffnet und eine ganze Kinder
schaar drängte die blonden und braunen
Köpfchen hinaus. Es waren die Kinder
des Bürgermeisters, ich kannte sie wohl
von Ansehen, doch nicht näher; denn ihr
Vater war ein Beamter, ein Gelehrter,
und der ineinige ein Handwerker, sie ge
hörten zu den Orthodoxen und wir zn der
Quäkergemcinde.
Die vornehmen, rosigen Kinder belu
stigten sich, uns in unserem Versteck zu
beobachten,Zund die Behaglichkeit ihrer ei
genen Lage erschien ihnen wahrscheinlich
doppelt angenehm im Vergleiche zu uns,
die wir frierend und durchnäßt unter dem
zugigen Thorwege standen. Ich fragte
wenig danach, doch daß dieser arme, hei
mathlose, hungrige Knabe so nahe den
Fenstern des reichen Hauses stehen mußte,
aus denen die fröhlich lachenden Kinder
stimmen, das Klappern von Teller und
Messern, ja selbst ein Appetit erweckender
Tust zn uns herüber drangen, das war
ein schreiender Gegensatz, und ich hätte
wohl wissen mögen, ob er ihn fühlst.
In diesem Augenblick erschien noch die
Gestalt eines etwas alleren Mädchens am
Fenster; ich war ihr schon früher mit den
anderen Kindern begegnet und wußte,
daß sie nur zum Besuch in dem Hause
weilte. Ueber die anderen Köpfchen fort
sebend, blickst sie aufmerksam nach uns
und verschwand dann schnell. Gleich da
raus wurde die Haustdür halb geöffnet,
nickt ohne daß man sich von innen dem
widersetzte, ja selbst laust, heftige Worte
schallten zu uns herüber.
Ich will ich sagen Ihnen, daß ich es
will!
Sie dürfen nicht, Fräulein Ursula.
Ich will aber!
Nock eine Anstrengung, die Thür flog
auf und da stand das kleine Mädchen, i
der einen Hand ein Brot, in der anderen
ein Messer kaltend. Es gelang ihr wirk
lich, ein großes Stück Brot abzuschneiden,
und indem sie es hochhielt, rief sie her
über:
Nehmt es, armer Knabe Ihr seht so
sehr hungrig aus nehmt es doch!
Die Dienerin zog sie zurück, die Haus
thür wurde heftig zugeschlagen, wobei ein
lauler Schrei eriönle.
Jchn Halifar fuhr emcor und blickte
aus die Fenster der Kinderstube, doch auch
diese waren jetzt geschlossen und wir hör
ten nichts mehr. Hierauf überschritt er
die Straße und nahm das Stück Brot von
den Stufen des Hauses. In jenen Ta
gen war Brot eine theure Waare, ein sel
tener Leckerbissen; die armen Leute konn
ten kaum mehr Roggenmehl bezahlen,
Kleie und Kartoffeln mußten die Stelle er
setzen und bildeten fast ihre einzigen Nah
rungsmittel.
John Halifax mochte in Monaten kein
Weizenbrot gleich diesem gesehen oder ge.
kostet haben, wenigstens schien es so, nach
dem heißhungrigen Blicke zu urtheilen,
den er daraus warf. Immer noch sah er
nach der geschlossenen Pforte, immer noch
zögerte er, einen Bissen zu essen, als er es
endlich that, geschah es ruhig undlangsam,
während sein Antlitz denselben ernsten,
nachdenkenden Ausdruck zeigte, dessen ich
schon mehrfach erwähnt habe.
Sobald der Regen aushörte, traten wir
unsern Heimweg an. Die Hauptstraße
entlang fuhr er mich in tiefem Schweigen
der Abteikirche zu. Wie gern hätte ich
ich ihn zum Reden gebracht, um seine eb
was fremde, doch so wohlklingende Aus
sprache zu hören.
Wie stark Sie sind! sagte ich endlich,
nachdem John durch eine ebenso kräftige
als geschickte Wendung den Wagen und
folglich mich vor dem Umwerfen geschützt
hatte. Ter vorübersprengende Reiter war
der junge Brithwovd gewesen, der nie
mals danach fragte, ob er bei diesem un
sinnigen Reiten Jemand beschäoigcn könne
oder nicht.
Wie stark und groß Sie sind! wieder
holte ich noch einmal mtt einem leisen
Seufzer.
Meinen Sie? Wohl, es tbul auch
Roth, ick werde meine Kräfte brauchen.
Wozu?
Um mir meinen Lebensunterhalt zu
verdienen.
Während er dies sagte, richtete er sich
höher empor, noch fester wurde seinSckritt,
als wolle er zeigen, daß er den Kamps
mit dem Leben, den er allein, ohne jede
Hülfe durchzufechten habe, nicht fürchte.
Womit haben Sie sich in der letzten
Zeit beschäftigt?
Ich verrichtete jede Arbeit, welche mir
vorkam, denn ich habe niemals ein Hand
werk gelernt.
Möchten Sie eines lernen?
Er zögerte, als müsse er seine Antwort
erwägen, dann sagte er langsam:
Einst wünschte ich zu werden, was mein
Vater war.
Und was war er?
Ein Gelehrter und ein Gentleman.
Dies war eine große Neuigkeit, und
trotzdem überraschte sie mich nicht. Mein
Vater, obgleich ein Handwerker, uno fast
eigensinnig eifersüchtig aus die Ehre und
Würde seines Standes haltend, war den
noch nicht blind gegen die nicht sortzuleug
nenden Vorzüge einer guten Abkunft. Es
ist nun einmal ein Gesetz der Nalur, wel
ches nur seltene Ausnahmen gestattet, daß
die Eigenschaften der Voreltern sich ans die
Nachkommen vererben; und nach dieser
Thatsache ist es wohl entschieden, daß selbst
bei gleich guten Anlagen der Sohn eines
Gentleman mehr Antwartschast und Aus
sieht hat, ein Gentleman zu werden, als
der Cohn eines Handwerkers. Und ob-
Ickon Abel Fleischer und sein Vater Beide
dem Handwerkerstände angehörten, so ver
gaß er doch niemals, daß wir aus einer
guten, alten Familie herstammten, und
es machte ihm Vergnügen, mich, seinen
emzigen Sohn, nach einem unserer Vor
fahren genannt zu haben Phineas
Fletscher, der sich als Verfasser der „Pur-
Pur-Insel" einen Namen erworben
hatte.
So schien es mir und gewiß würde
mein Valer derselben Ansicht sein
durchaus viel natürlicher, daß ein Knabe
wie John Halifax, bei dem jedes Wort,
jede Bewegung ein Inneres verrieth, das
weit über seine ärmliche Lage und Er
scheinung stand, von edlerem, denn von
bäurischem Blute entsprossen war.
Dann möchten Sie sagte ich unser
Gespräch wieder aufnehmend wohl kein
Handwerk erlernen?
Ich möchte es dennoch. Was thut es
mir, wenn auch mein Vater ein Gentle
man war?
Und Ihre Müller?
John wandte sich schnell um; seine
Wangen glühten, mit blaffen, zitternden
Lippen sagte er leise:
Sie ist todt. Ich mag nicht gern, daß
Fremde von meiner Mutter reden setzte
er noch leiser hinzu.
Da es mich schmerzte, ihm wehe gethan
zu haben, so bat ich ihn um Verzeihung.
Durch seine tiefe Bewegung zeigte er deut
lich, wie sehr er seine Mutter geliebt und
betrauert halte, uns daß gewichtigeLebens
verhältniffe die heftigen, leidenfchastlichen
Gefühle des Knaben in eine männliche
Verschlossenheit verwandelt hatten, die
obwohl das Herz noch mit treuem Geden
ken an der Verlorenen hing, doch seine
Trauer nicht zu zeigen gestattete.
Nach einem kurzen Stillschweigen sagte
ich, daß ich wohl wünschte, wir möchten
uns nicht als Fremde gegenüberstehen.
Wirklich?
Des Knaben halb erstauntes, halb
dankbares Lächeln drang in mein Herz.
Sind Sie viel im Lande nmherqewan
dert, John?
Ziemlich viel, besonders in den letzten
drei Jahren; hier und dort Handreichung
thuend nach besten Kräften; beim Hopfen
brechen, bei der Obstlese und der Heu
erndte bin ich behüiflich gewesen. 'Nur
im letzten Sommer konnte ich nicht arbei
ten, weil ich das Nervenfleber hatte.
Was thaten Sie da?
Ich lag in einer Scheune bis ich wieder
gesund wurve; aber Sie brauchen sich
nicht vor Ansteckung zu fürchten jetzt
hin ich vollkommen wohl.
Nein, gewiß nicht, daran dachte ich gar
nicht.
Wir wurden immer bekannter und mit
theistamer, während wir uns heimwärts
begaben. Wir waren nun durch die
Stadt in's Freie gekommen, wo auf dem
Wege zur Abtei der Sonnenschein durch
die dichten, niederhängendcn Baumzweige
seine Lichter streute. Einmal stand mein
Gefährte still, indem er ein breites, brau
nes Blatt der Roßkastanie für mich
pflückte, das einem hübschen Fächer glich.
Wie allerliebst es ist, nicht? Es zeigt
nur leider, daß der Herbst näher rückt.
Und wovon werden Sie im Winter le
ben, John, wenn es d'raußen im Freien
keine Arbeit giebt?
Ich weiß es nicht entgegnete der
Knabe, dessen Helles, fröhliches Antlitz
sich plötzlich verdüsterte und wieder jenen
müden, erschöpften Ausoruck zeigte, der
während unseres Sprechens verschwunden
war. Ich machte mir stlbst Vorwürfe,
daß ich durch sein munteres Gespräch seine
trostlose Lage momentan vergessen hatte.
Als wir aus dem Schatten der Bäume
über die Straße lenkten, rief ich fröhlich:
Jetzt, John, sind wir zu Hause ange
langt!
Der heimathlose Knabe warf einen
schnellen Blick aus die breite, reinliche
Lteintreppe, von schweren, eisernen Ge
ländern eingefaßt, welche zu dem schonen,
gediegenen Hause meines Vaters führte,
Guten Tag denn oder besser le
ben Sie wohl! sagte er.
Ich erschrak. Das Wort that mir
wehe. In mein stilles, düsteres Leben
welches, trotz seiner Kürze, durch stetes
Kränkeln um das Dreifache lang mir er
schien war dieses Knaben gutes, ehr
liches Antlitz wie ein Sonnenstrahl bin
eingcdrungen, wie ein Wiederschein der
munteren Knabenzeit, der kräftigen Ju
gendsrische, die ich niemals gekannt und
besessen und leider nie besitzen würde. Von
ihm scheiden hieß für mich in meine Dun
kelheit zurückkehren, die noch öder und
trostloser sein würde, nachdem ein Licht
strahl über meinen einsamen Weg gefallen
war.
Nvch kein Lebewohl, jetzt noch nicht!
rief ich dringend, während ich mich nicht
ohne Schmerzen bemühte, meinen kleinen
Wagen zu verlassen, um die Treppe zu er
steigen. John Halifax kam mir zur Hülfe.
Wie wäre es, wenn ich Sie hinaustrüge
nur des Vergnügens wegen ich
kann es gewiß.
Er versuchte, das Ganze in einen Scherz
zu kleiden, um mich nicht zu verletzen, aber
seine Stimme, leise zitternd, klang so
weich und zärtlich wie die einer Frau, nein
sanfter noch, als jemals zu mir gespro
chen. Still legte ich meine Arme um sei
nen Hals, er hob mich sorgsam und sicher
empcr und trug mich die Stufen hinauf,
dann wandte er sich wieder zum Gehen.
Obgleich unsere Bekanntschaft kurz, so
war er mir dennoch so nahe getreten, daß
es mir schien, als könne ich ihn nicht von
mir lassen, so unwiderstehlich bangte mein
Herz nach ihm. Was ich ihm sagte, weiß
ich nicht mehr, dennoch bewog es ihn, zu
rückzukehren.
Kann ich noch irgend Etwas für Sie
thun, mein Herr? fragte er freundlich.
Nennen Sie mich nicht Herr, John!
ich bin ja auch nur ein Knabe wie Sie.
Aber ich möchte Sie bei mir behalten, ge
ben Sie noch nicht fort! Ach! da ist mein
Vater!
John Halifax trat zur Seite und zog
achtungsvoll seine Mütze, als der alte
Herr zu uns herankam.
Schön, da seid Ihr! Hast Du mei
nen Sohn gut behütet, und hat er Dir
Deinen Penny gegeben, mein Junge?
Als ich meinem Vater gestand, daß
Keiner von uns an das Geld gedacht,
lachte er herzlich, nannte John einen
braven Burschen und suchte in seiner Ta
sche nach einer größeren Münze. Verge
bens bemühte ich mich, ihm etwas in das
Ohr zu flüstern, entweder hörte er mich
nicht, oder er wollte nicht antworten, in
dessen John Halifax sich zum dritten Mal
zum Fortgehen anschickte.
Warte, Knabe! ich vergaß Deinen
Namen hier ist Dein verdientes Geld
und da noch ein Schilling obenein, weil
Tu so freundlich und sorglos zu meinem
Sohne gewesen bist.
Tank Ihnen, Herr, aber ich nehme
keine Bezahlung für erwiesene Freundlich
keit.
So sprechend nahm er den Penny und
ließ das größere Geldstück in meines Va
ters Hand zurück.
Ein Ausdruck des Staunens lief über
dessen Antlitz und verwundert sagte er:
Tu bist ein sonderbarer Junge! Doch
ich kann nicht länger hier stehen und mit
Dir schwatzen. Komm hinein zum Mit
tagseyen, Phineas! Sich dann noch ein
mal zu John Halifax umwendend, rief
mein Vater, wie von einem plötzlichen
Gedanken getroffen: Bist Du hungrig?
Sehr hungrig.
Die Natur machte ihr Reckt geltend,
die so sest zusammengerafften Kräfte ver
ließen ihn und große Thränen schössen in
die Augen des armen Knaben, als er noch
etnmal leise sagte:
Hungrig zum Sterben.
'So komm hinein, komm schnell in's
Haus, wo man Dir Essen reichen wird;
doch vorher und mein braver, aber oft
unerbittlich strenger Vater faßte John's
Arm und fragte mit scharfem Tone:
Tu bist doch ein ehrlicher Bursche, von
anständigen, rechtlichen Eltern stammend?
Ja. Fast schien John Halifax durch
diese Frage beleidigt.
Tu arbeitest für Deinen Lebensunter
halt?
Das thue ich, wo ich Arbeit erlangen
kann.
Tu bist doch niemals im Gefängniß
gewesen?
Nein! rief der Knabe mit einer Don
nerstimme, und ein zorniger Blick schoß
aus seinen Augen. Ich brauche Ihr Mit
tagessen nicht, Herr fuhr er, immer
noch eiregt fort ich würde geblieben
sein, weil Ihr Sohn es wünschte und höf
lich und freundlich zu mir war, und weil
ich ihn überdies liebgewonnen habe. Jetzt
aber ist es b:fser, daß ich gehe. Guten
Morgen, mein Herr!
Es giebt einen Vers in elftem sehr al
ten Buche das selbst in den Auszeit
nungen, welche die Geschichte des mensch
lichen Herzens behandeln, das größte al
ler Bücher ist der lautet so:
Und da er hatte ausgeredet
mit Saul, verband sich das
Herz Jona! hau's mit dem
Herzen David's, und Jona
than gewann! hnliebwie sein
eigen Herz.
Und an diesem Tage hatte ich, ein är
merer und hülfloserer Jonathan, meinen
David gesunden.
Ich ergriff seine Hand, ich konnte ihn
ja nicht von mir lassen.
In's Haus, Ihr Knaben! Macht
nicht noch mehr Lärm und Aushebens!
sagst Abel Fletscher kurz, während er vor
anschritt.
So meinen David noch immer festhal
tend, führte ich ihn in meines Vaters
Haus.
Zweites Kapitel.
Das Mittagsmahl war vorüber. Mein
Valer und ich nahmen es stets in dem
großen Speisezimmer ein, in welchem die
steifen, hochlehnigen Stühle in langen
Reihen an der Wand sich gegenüber stan
den und sich in dem eichenen Getäfel des
Fußbodens, der fest und glänzend wie
Marmor und glatt und klar wie Glas
war, abspiegelten. Außer dem großen
Eßtische, dem Büffet und der Kukuks-Uhr
befanden sich keine Möbel darin.
Ich hatte es nicht gewagt, den armen
umherwandelnden Knaben in diesen von
meinem Vater besonders hochgehaltenen
Raum zu bringen, doch sobald dieser das
Haus verlassen, schickte ich nach John.
Jael führte ihn zu mir; Jael das einzige
weibliche Wesen, welches in unserem Hause
waltete, uns die, außer wenn ich sehr
krank war, in keinem Zeichen der Weich
heit und Innigkeit verrieth, daß sie zu
dem „ianfteren Geschleckte" gehöre. Mir
schien es auch jetzt ersichtlich, daß es Zank
in der Küche gegeben habe. In einem
ärgerlichen Tone sagte sie:
Phineas, der Bursche hat sein Mittag
essen bekommen, Du darfst ihn nun nicht
länger aufhalten, ich kann es durchaus
nicht dulden, daß Du Dich mit diesem
Betteljungen abgiebst.
Ein Betteljunge! Dieser Ausdruck war
so unpassend, doch zugleich so spaßhaft,
daß ich mich eines Lächelns nicht erweh
ren konnte, als ich aus den >o Genannten
blickte. Seine Kleider, obgleich schäbig,
und gestickt, waren jetzt abgestäubt und
sauber; er hatte seine hellen, dicken Locken
gekämmt und glatt gebürstet, und sein
reingewaschencs Gesicht zeigte durch die
rosige, glänzende Frische der Haut, daß er
es liebte, das zu gebrauchen, aus welches
arme Leute nicht inmer großen Werth zu
legen pflegen Wasser und Seife. Und
jetzt da der matte, erschöpfte Ausdruck aus
seinen Zügen verschwunden war, sah der
Knabe, wenn auch nicht geradezu
doch wohl zu leiden aus. Er ein Bettel
junge! Meine Hoffnung, daß er Jael's
Ausspruch nicht gehört, wurde in der
nächsten Minute vernichtet.
Madame! sagte er mit einer Ver
beugung zu Jael, in der besten Laune, ja
sogar mit einem leisen Anfluge von schel
mischer Neckerei Sie befinden sich im
Irrthume, ich habe noch nie in meinem
Leben gebettelt; ich habe ein unabhängi
ges Besitzthum und ein sicheres Einkom
men, dieses besteht in meinem Kops und
meinen Händen, die mir, wie ich hoffe, bes
hüiflich sein werden, mir einst ein bedeu
tendes Vermögen zn erwerben.
Während ich herzlich lachte, entfernte
sich Jael brummend und ungewiß wie sie
des Knaben Worte deuten solle.
John Halisox kam zu mir heran und iw
einem ganz veränderten Tone sragle er
mich, ob er mir noch irgend einen Gefal
len erweisen könne, ehe er mich verließe.
Sie dürjen nicht geben, John, wenig
stens nicht ehe mein Vater heimkehrt!
Denn ich hatte viele Pläne entworfen,
die alle nur ein Ziel verfolgten, das, den
Knaben in meiner Nahe zu behalten. Ja,
wenn es mir gelang, ihn zum Gefährten
zu bekommen, so wurde mein Leben, das,
ohne Freunde und Geschwister, durch ste
tes Kränkeln ein sehr trübes war, ein
neues, warmes Interesse erhalten, wenig
stens würden die Tage mir nicht so still
und einförmig dahinschleichen. Es würde
die Unwahrheit sein, wollte ich behaupten,
daß mein Wunsch einzig und allein aus
reinem Mitleid entsprang; Selbstsucht lag
ihm zum Grunde, wenn man das Gefühl
Selbstsucht nennen kann, welches uns mit
Allgewalt zu einem guten Menschen zieht,
und das wohl die geheime Ursache jeder
schnell entstandenen Neigung ist, die mehr
aus dem Herzen als aus der Vernunft
entspringt. Ich versuche nicht, meine so
plötzliche und warme Vorliebe zu erklären,
denn iey wüßte ja selbst kaum die Gründe
dafür anzugeben, ich weiß nur, daß seit
dem ersten Tage unseres Begegnens ich,
Phineas Fletscher, John Halisvx lieble
„wie mein eigenes Herz."
Meine Bitte, mich nicht zu verlassen,
mußte so ernst .dringend sein, daß sie den
heimathlosen Knaben bis in das Innerste
rührte.
Ich danke Ihnen! sagte er mit zitternder
Stimme, während er mit der Hand über
seine Augen strich. Sie sind sehr gütig
mit mir, und wenn Sie es wünschen, kann
ich schon noch hier bleiben.
Wir setzten uns dicht bei einander und
begannen ein lebhaftes Gespräch, dessen
Inhalt mir nicht mehr vollkommen gegen
wärtig ist. Ich erinnere mich nur, daß
wir viel von dem sprachen, was wohl je
des Knaben Entzücken ist ein Leben
voll wunderbarer, ritterlicher Abenteuer.
John kannte nicht die Weit, in der ich mich
bewegte und zu Hause war, ihm war sie
fremd die Welt der Bücher.
Sie können wohl gut und schnell lesen?
fragte er mich plötzlich.
Ich denke doch erwiderte ich lächelnd,
denn ich war ein Wenig stolz auf meine
Gelehrsamkeit.
Können Sic auch schreiben?
Gewiß.
Er dachte einen Augenblick nach und
sagte dann leise:
Ich kann nicht schreiben, und wer weiß,
wann ich im Stande sein werde es zu ler
nen; ick wünschte wohl, Sie schrieben et
was für mich in ein Buch.
Sehr gern, John!
Er zog aus seiner Tasche ein kleines,
ledernes Futteral, das noch ein zweites voir
schwarzer Seide in sich schloß; als auch
diese Hülle abgestreift war, kam ein Buch
zum Vorschein. Er wollte es nicht aus
seiner Hand geben und hielt es so, daß ich
die Blätter jehen konnte. Es war ein
neues Testament in griechischer Sprache.
Blicken Sie her! sagte der Knabe ernst
und ehrsurchtsvoll, indem er aus das erste
weiße Blatte deutete, aus dem wahrschein
lich der Name des Eigenlhümers Guy
Halifax stand.
Weiler las ich:
GuyHalisar, Gentleman
verheir a t h et mit der Jung
frau M u r i e l I o y c e a m 17. M o r
im Jahre unjeresHerrn 177(1.
John Halifax, ihr Sohn, ge
boren am 1. Juni 17Ä).
Tann jolgte noch eine Inschrift von
zitternder, ungeübter Frauenhand:
Guy Halifax, gestorben am
4. Januar 1781.
Was soll ich schreiben, John? sragie
ich nach kurzem Schweigen.
Ich werde es Ihnen gleich sagen
doch vorher will ich eine Feder holen.
Er hatte seine linke Hand aus meine
Schulter gelegt, aber die rechte hielt das
ihm so theure Buch fest.
Schreiben Sie
Viuriel Halifax, gestorben
am 1. Januar 1791.
Nichts weiter, John?
Nein.
Mt-ernstem Aug: beachtete er das Ge
sihriebeve, trocknete es sorgfältig am Ka
mi nfekr, und nachdem er das Buch

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