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Der Deutsche correspondent. [volume] (Baltimore, Md.) 1848-1918, April 03, 1874, Image 3

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Stadt Baltimore.
DaS viesjährige Buudesschießen.
Das Exekutiv Comite des ersten Bundes
schl-izens des „Oeitlichcn Schützen Bundes,"
aus den HH. Karl Lemkuht, Louis Muth,
F. Kramer, C. F. Ran, I. F. Rcquardt,
Heinrich Kaschmeqcr, H. H. Hobelmann,
Ernst Buschmann, I. Meeth. I. Hemmeter,
Emst Heißner, I. Friederich. F. Hasselhorst,
Theodor Horn, LoürS Bitter, I. Lorz, S
Strauß, M. Frank und O. Düker bestehend!
hielt am Freitage seine regelmäßige wöchent
liche Bersammlung in dem Lokale d-S Hrn
Hederich an der PostOffice-Avenue ab. Nach
Eröffnung der Persammlung wurde berichtet,
daß Einladuugsschreiben folgenden Inhalts
nach Deutschland abgeschickt seien:
„Schiitzenbrüder im alten Paterlande!
Obwohl tausende und tausende Söhne
Deutschland's auf dem freien Boden Ameri
ka's euie neue Hcimath fanden, so blieb ihnen
dennoch manches schöne Band, das sie mit
dem alten Vaterlands auf's Innigste verbun
den hält, und als ein solches i>t wohl das
gute alte Schützenwcsen eines der schönsten,
und in seiner Bedeutung hervorragendsten.
Es war im Jahre 1851, als hier an den Ufern
des Patapsco deutsche Bürger unter damals
schwierigen Perhältnissen eine Schützen-Ge
sellschaft nach deut'chcm Muster gründeten,
und als die Pioniere des Schntzenwesens auf
diesem Continente habui wir jetzt die Genug
thuung, nicht allein noch zwei ändere Gesell
schaften neben uns in Baltimore bestehen zu
sehen, sondern über die ganze Länge und
Breite der Union, vom Hudson bis zum Rio
Grande, sowie in den Präric'n des Westens
sind Schützenvereine einstanden, welche blü
hen und gedeihen. Da sich die Wogen der
Einwanderung naturgemäß dem Westen zu
wenden, so war es Letzteren vorbehalten, den
ernen amerikanischen Schützenbund vor un
gefähr rehn Jahre in's Leben zu rufen; seit
jener Zeit gingen Tell's und Hermann's
Söhne, die gleichen Prinzipien verfolgend,
Hand in Hand, und nicht wenige eingeborene
Bürger unserer neuen H-unath schloffen sich
in richtiger Erkenntniß ihres Strebens den
selben an. Aber gerade das Erstehen stets
neuer Vereine, sowie die oft Tausende von
Meilen betragenden Entfernungen des Einen
von den Anderen, ließen es wünschenswerth
erscheinen, einen östlichen Bund zu schaf
fen. In einer zu diesem Zweck nach Phila
delphia im Jahre 1872 berufenen Versamm
lung wurde Baltimore, die Stadt der Monu
mente, als Festort ausersehen, und sind die
Tage vom 17. bis 24. August d. I. für Ab
haltung des ersten großen BnndeSfestcS be
stimmt worden. Mit verzeihlichen, Stolze
erlauben wir uns hierbei zu ermähnen, daß
unser Schützen-Park als einer der schönsten
und größten Plätze dieser Art von allen Sei
ten anerkannt wird. Es wurden seither all
jährlich auf demselben Schützenfeste gefeiert,
welche in ihren Dimensionen den Charakter
großer Volksfeste trugen, und es ist dasein
heitliche Bestreben des Fest-Ausschusses, für
Abhaltung des ersten großen Bundesschicßens
keine Anstrengun > zu scheuen und jedes Opfer i
zu bringen, um eines glänzenden Erfolges ge- >
wiß sein zu können. ,
Werthe Schiitzenbrüder! In vollster Wür- >
digung Eurer Errungenschaften, welche ans ,
eigenem Streben und den: daraus entsprun- l
genen Gefühle der Zusammengehörigkeit der :
Schützen, sowie Sänger und Turner hervor
gingen, sind wir stets mit der lebhaftesten j
Theilnahme Eurem Wirken gefolgt, und ha- s
den wir uns durch Delegaten und in sonstiger !
Weise an allen Euren BundcSfesten bcthciligt, s
und mir Jubel begrüßen wir die Einheit des l
alren Vaterlandes, nach welcher die Sehnsucht t
aller Eurer Feste geklungen. Wir rechnen (
deshalb mit Bestimmtheit auch auf Eure s
Theilnahme, wenn es gilt, dem Schützenwe- q
sen in der neuen Welt den nöthige Vorschub d
zu leisten, denn auch wir müssen fest znsam z
menstchen, die Liebe zur edlen Schießkunst
rege erhalten, und in der Jugend zu wecken L
streben, um so die hohen Prinzipien des >c
Schützcnwesens würdig zu vertreten, und h
uns're bereits errungenen Freiheiten zu wah
ren. ES ergeht deshalb hiermit unsere herz
liche Einladung au Euch, Schützen Deutsch
land's und der Schweiz, recht zahlreich auf
unserem Feste zu erscheinen, ja, wir würden
den Glanzpunkt desselben darin erblicken,
wenn Mutter „Germania" durch Eure An
wesenheit unserem Feste die höhere Weihe
geben würde, und wir sind der festen Ueber
zeugung,'daß unter den vielen Preisen, die
Ihr jedenfalls als Andenken mit Euch führen
werdet, die Erinnerung an die auf ameritani
schein Boden genossene Gastfreundschaft der
kostbarste sein wird. Im Auftrage des Fest-
AusschusseS: Carl Lemkuhl, Präsident; I.
Requardt, Sekretär; Friedr. Kramer,
Schützenmeistcr.
Baltimore, Md., im März 1874.
?. 8. Die Preislisten, sowie Schwßre
geln werden umgehend nachfolgen. Tie zwei
ersten Preise sind je Ein Dausend Dollars."
Man beschloß darauf, Anzeigen zu erlas
sen, daß Angebote für den Bau der neuen
Schießhalle bis Freitag, den 3. April, in
dem Versammlungslokale des Bundes-Vor
standes Nr. I, Post Dffice-Avenue, entgegen
genommen werden. Baumeister, welche An
gebote einzureichen beabsichtigen, können den
Plan der neuen Halle bei den Architekten,HH.
Lupus K Robp in Nr. 44, Lexingtonsjraße,
in Augenschein nehmen. Die Halle wird 170
Fuß lang, 55 Fuß breit, und das Dach durch
mehrere Thürme gekrönt werden. Die gegen
wärtigc Schießbahn soll geebnet und zum
Festplatze hinzugezogen werden, auf diese
Weise wird der Letztere bedeutend vergrößert
und der Park erhält dadurch einen neuen
Reiz. Der Hügel, welcher sich an der Seite
der Schießbahn entlang zieht, wird in den
nächsten Tagen abgetragen, da ein Eontrakt
mit Bezug auf die Erdarbeiten bereits gestern
Abend abgeschlossen wurde. Nach Erledi
gung einiger weniger wichtiger Geschäfte ve:
tagte sich die Versammlung.
Das Bundcsschießen wird am 17. August
beginnen und bis zum 24. desselben Monats
andauern. Tie Zahl der aufzustellenden
Scheiben beträgt 4(1, nämlich 2 Ehren-, 2
Stich , 4 Fest-Mann-, 2 Feld-Fest- nnd 20
Kchrscheiben. Die Ehrenschciben tragen die
Namen: „Amerika" und „Teutschland;" die
Eltichscheiben sind bezeichnet: „Marhland"
und „Baltimore;" die Fest-Mann-Scheiben
heißen: „Washington," „Humboldt," „Lin
coln" und „Gillenberg;" die Feld - Fest
(Punkt-)Schciben führen die Namen: „Mis
sissippi" und „Rhein;" nnd die Kchrscheiben
sind außer mit den laufenden Nummern noch
mit folgenden Bezeichnungen versehen:
„Washington," „Berlin," „Baltimore,"
„Wien," „New-Uork," .Bremen," „Phi
ladelphia," „Hamburg," „Cincinnati,"
„Frankfurt," „Chicago," „Dresden," „San
Franziska," „München," „Wilmington,"
„Stuttgart," „Newark," „Leipzig," „Bo
ston," „Straßbukg," „Brooklyn," „Nürn
berg," „Williamsburg," „Bern," „Savan
nah," „Köln," „Piltsburg," „Darmstadt,"
„Harford" und „Breslau."
Wie wir aus einem Privatbriefe ersehen,
werden die Compagnie' des Capt. Rottmann
und des Capt. Schumann von New Pork in
einer Stärke von Isy Mann hier eintreffen,
um das Fest von Anfang bis zu Ende mitzu
feiern.
Wood's Baltimorer Avrcstbuch.
Wood's Baltimorer Adreßbuch ist ein in
jedem Jahre erscheinender Gast, der nament
ich von den hiesigen Geschäftsleuten mit gro
ßer Freude begrüßt wird und dem man in je
dem Comptoir oder Bureau gern einen Ehren-
Platz einräumt. Die neue Auflage sür dieses
Jahr, ein starker dicker Band, ist soeben er
schienen, um seinen Vorgänger von 1873 zu
verdrängen und dessen Stelle im Comptoir
oder im Laden des Kaufmannes einzunehmen.
Der Band umfaßt ungefähr 1000 -seilen, von
denen 700 mit den Listen der Namen und
Wohnungen der Einwohner Baltimore's ge
füllt sind. Aus den übrigen 300 Seiten findet
der Leser einen Geschäfts Anzeiger, einen Aus
weis über sämmtliche Straßen der Stadt, eine
Liste der Stadtschulen und Banken:c. Der
„Editor" einer hiesigen englischen Zeitung,
welcher mit dem Ahreßbyche für 1374 eine ge
naue Dnrchsichi vorgenommen, hat die Ent
deckung gemacht, daß in unserer Stadt 383
„weiße Browns," 363 „weiße Jones uud
iiiid 775 weiße „Smiths" leben.
Schöppe und sei Vater.
Der anGTonnexstag Abend in Chicago an
gelangte Schöppe hat dort Das, was wir
längst im Stillen vermuthet haben, er leug
nete die Identität zwischen Pastor Schäppel
von Napersviile und seinem Bater, Pastor
Schöppe. Ein Berichlersigtler der „Freien
Presse" hatte folgende Unterredung mir ihm:
Ber. „Noch Eins ! möchten Sie mir wobt
Auskunft geben über Ihre Stellung zu dem
Pastor Schäppel in Naperville? Ist er Ihr
Baler, oder nicht?"
Sch. „Nein! Er ist nicht mein
Barer, aber ich achte ihn hoch und hänge
sehr an ihm."
Ber. „So. Ich meine indeß gelesen zu
haben, daß sie dem Berichterstatter des „deut
schen Correspondenten" in Baltimore zuge
standen hätten, daß er ihr Bater wäre?"
Sch. „Ich bin von Kind auf in seiner Fa
milie aufgewachsen und verehre ihn wie mei
nen wirklichen Bater, ja er könnte in der That
ebenso gut mein leiblicher Vater fein, denn er
hat mich erzogen nnd kennt mich von frühester
Jugend auf. Ich habe keinen besseren Freund
als ihn nnd habe ihn stets als meinen Bater
betrachtet, vollständig als meinen Vater."
Ber. „Aber Ihr wirklicher, leiblicher Vater
ist er nicht?"
Sch. „Meine Eltern sind laugst, in meiner
frühsten Jugend gestorben.
Ber. „So, so. Haben Sie davon gehört,
daß Ihr daß der alte Herr seine Gemeinde
verlassen hat ?"
Sch. „Ja, davon habe ich in Baltimore
gehört."
Ber. „Von ihm selbst haben Sie wohl
keine Nachricht erhalten?"
Sch. „Nein, seit mehreren Wochen nicht."
Ber. „Hat Sie der Hr. Schäppel nicht als
Schultuburg wiederholt recognoscirt?
Sch. „Das wohl, allerdings aber
Ber. „Ich will Ihre Zeit nicht länger in
Anspruch nehmen. Leben Sie wohl."
Die „Freie Presse" bemerkt dazu: „Man
sieht, Schöppe ist auch unter feinem wahren
Namen der Alte geblieben. Es ist das alte
Spiel, das unendliche Lügengewebe in ewiger
Fortsetzung. Längst hat Schöppe den schwa
chen Augenblick bereut, in welchem er sich das
Geständnig entlocken ließ, daß der alte Sthiip
pel sein Erzeuger ist. Er findet es für uner
läßlich, wiederum sich den Rückhalt an Jenem
zu sichnn, der Alte soll den Sohn nach Außen
hin wieder vertreten und chn womöglich aus
der Bedrängnis retten. Nur vergißt der ge
niale Lügner, daß der „Pastor Schäppel" jetzt
längst selbst hoch verdächtig ist, daß er sich
möglicherweise selbst sehr ernstlich gegen einen
Angriff des Staatsanwalts zu vertheidigen
haben wird und daß sein Zeugniß auch ohne
dies völlig werthlos ist, nachdem Schöppe
jetzt selbst zugestehen muß, daß der Alte fort
gesetzt feierlich gelogen hat, als er ihn hart
näckig als Schnlenbnrg recognoscirte."
Frau Minna Äluppel verwahrt sich dage
gen, daß Schöppe Schnlenbnrg sie vonPough.
Reepsie entführt und mit ihr gelebt habe. Sie
sagt: „Ich stelle nicht in Abrede, daß ich Sch.
ich habe seine Bckanutichaft im Juli
in dem Hause des Hrn. Pastor Guntrum ge
macht und daß mein Verhältniß zu ihm kein
intimes gewesen sein kann, mag der Bericht
erstatter der „Jll. Staatsztg.," Hr. Horwitz,
welcher mich am Donnerstag v. W. besuchte,
aus den Sch'schen Briefen ersehen haben;
auch wird er gestehen müssen, daß die Su
perintendcntin dieses Hauses sich ihm gegen
über nur lobend über mich geäußert haben
kann. Sollte Jemand der erwähnten Herren
Obengesaglcs nicht als der Wahrheit getreu
anerkennen und das Gegentheil beweisen, so
thue er es offen und ohne Rückhalt. Ich habe
von meinen Verwandten erwartet, daß sie ihre
Schuldigkeit thun würden, indem sie eine
wehrlose Frau, die ihnen nahe steht, gegen
Ehrcnkränkungen oieser Art vertheidigen, ich
sehe mich jedoch getäuscht und thue es somit
selbst, so gut ich vermag."
Die Bcrvannung der Tchlachtyän
ser aus der Stadt.
' Protest gegen Sie der Gesetzgebung
t vorliegende Pill.
s Eine Wallsahrtnach Annapolis.
, Einem auch im „Correspondenten" erschie
e neuen Aufrufe gemäß verfammelten sich
! Sonnabend Nachmittag 1 Uhr die Fleischer,
- Viktualien- und Viehhändler, sowie andere
! Gegner des dem Unterhaus? der Gesetzgebung
l vorliegenden Abattoir-Gesetzvorschlages in
i bedeutender Zahl im großen Saale von Rai
ne's Halle; wohl 4 ,> Personen hatten die be
drohten gemeinschaftlichen Interessen zusam
mengeführt.
Nachdem Hr. Michael Albert provisorisch
zum Vorsitzenden, Hr. E. P. Guter zum
Schriftführer ernannt worden war, und der
Erstere den Zweck der Versammlung in kurzer
Rede klar dargelegt hatte, betraute man auf
Hrn. 'Nathan Lehmann's Antrag ein aus den
HH. Lehmann, I. Heinrich Schneider, Jakob
Ellingcr, Eduard Moon und Georg A. Kirk
bestehendes Comite mit der Auswahl perma
nenter Beamter, in dessen Abwesenheit der
Vorsitzende bemerkte, die in der Bill für Er
richtung eines gemeinsamen großen Schlacht
hauses im County genannten Corporatorcn
hätten ihm ein Schreiben zugestellt, worin die
Versammlung um Einsetzung eines Comite's
zu einer aus denselben Abend (Sonnabend)
angesetzten Berathung, ersucht werde. Sofort
regnete es von allen seilen gegen irgend wel
chcn Verkehr mit den Herren Corporatorcn
oder gegen irgendwelche Mittheilung von
denselben nachdrückliche Einwände und Ver
wahrungen.
Jnzwi'chcu war das Fünfer-Comite wieder
im Saale erschienen und ließ durch seinen
Obmann Hrn. Lehmann folgende Herren zu
definitiven Beamten vorschlagen: Michael
Albert zum Präsidenten, Georg A. Kirk zum
l. und Alonzo Wolf zum 2. Vice Präsiden
ten, Edward P. Suler zum Sekretär und
Georg S. Whitney zum Cassirer; die vorge
schlagenen wurvcn von der Versammlung an
genommen. Hr. Wolf lehnte das ihm zuge
dachte Amt ab, worauf Hr. L. V. Weiß als
zweiter Vicc-Präsidenl ausgewählt ward.
Nachdem mau Hrn. Albert Bastable zum
Hlllfs - Sekretär ernannt, erhielt ein ans den
HH. Lehmann, Lewis A. Thomas, I.W. D.
Peutz, I. Ellinger, Jakob Päppler, I. H.
Schneider, L. Nippel, I. Curtin, G. S.
Whitney und I. I. Chancellor bestehendes
Comite den Auftrag,eine Reihe Beschlüsse im
Sinne der Stimmung der Anwesenden abzu
fassen. Der Vorsitzer berichtete, daß Freitag '
Abend die Fleischer West-Baltimore's Be
rathung gepflogen, aus der der Beschluß, daß ,
sie sich allen von dieser Versammlung be- >
schlosscnen Schritten anschließen würden, her- ,
vorgegangen sei; Hr. Albert las den Wort- j
laut des Beschlusses vor.
Hr. Georg H. Anell stellte den Antrag, daß >
alle Theilnchmer an der Versammlung heute ,
(Montag) sich nach Annapolis begeben, zog
ihn aber vorläufig wieder zurück. Hr. Wolf (
motivirle seine Ablehnung des Amtes, mit (
dem man ihn zu beehren gedacht, damit man 5
nicht meine, er stimme nicht mit ganzen. Her- <
zen dem Zwecke der Versammlung bei. Hr. (
Jakob Reis gab seine Bereitwilligkeit, näck ,
Annapolis zu gehen, um dort gegen die an
stößige Bill thätig zu sein, zu erkennen. c
Jetzt wurde unter den Anwesenden Advo
kat Bernhard Carter erkannt und sofort mehr
fcitig zum Sprechen eingeladen. Den Auf
forderungen nachkommend, hielt er eine An
sprache uno sagte, die ganze Commune sei bei
dieser Angelegenheit betheiligt; die einge
brachte Bill sei der offenste Versuch, die Äe
völkcrung Baltimore's sieben Personen, welche
ihr Eigenthum wegzunehmen und kein Ent
gelt dafür zu leisten vorschlagen, tributpflichtig
und die sieben bescheidenen Herren zu Millio
nären zu machen; er tonne hier wohl erklären,
die Gesetzgebung werde die Bill verwerfen.
Mit scharfe, aber treffenden Zügen schilderte
der Redner das Wesen der betreffenden Gesetz
vorlage und hob einige Emzelnheiteu der
Bill mit ihren Resultaten heraus; so würde
der Fleischer bei gewissem Schlachtvieh, wie
Ochicn, Rindern u. s. f., NO Cents, bei an
deren Sorten, wie Schweinen, Schöpsen und
Kälbern, 10 Cents pro Stück zu bezahlen ha
ben, was den HH. Corporatoren jährlich
etwa 840,000, ein Capital von 8600,000 ver
tretende Summe, einbrächte; sie erhalten das
Borrecht, eine Eisenbahn zu bauen und sie
un Betriebe zu erhalten, auch für das Vieh
Furter zu liefern; das Gesammteinkommen
der Herren wäre auf ungefähr 8400,000 jähr
lich, was ein Capital von §,">,000,000 reprä
senlin, anzuschlagen. Diese Bill sei dem Ge
seke, das die corrupleste Regierung, welche je
cxistirte, der Stadl Rew Orleans änfoktroyirt
have, ganz ähnlich.
Dr. Eli I. Henkle, Abgeordneter von Anne
Arundcl-County im Unterhaus? der Gesetz
gebung, ebenfalls zum Sprechen aufgefordert,
sagte, er habe wohl gesehen, wie Hr. Lonne
zum Einbringen der Bill vom Unterhause
Erlaubniß erhielt. Ueber ihre Beschaffenheit
wolle er sich nicht weiter auslassen, könne aber
nur versichern, daß die Gesetzgebung, was
recht und angemessen sei, thun und sich zur
Creirung einer das Volk seiner Rechte berau
benden Monstrosität nicht hergeben werde; als
Arzt bemerke er, daß er von keiner anstecken
den oder bösartigen Krankheit, deren Quelle
ans die Schlachthäuser zurückzuführen wäre,
Etwas wisse.
Das Beschluß Comite ließ jetzt durch seinen
Obmann Hrn. Lewis A, Thomas eine Reihe
Beschlüsse vorlegen, welche die schädlichen
Wirkungen der Bill genau und einleuchtend
darlegen. Sie bilden ein umfängliches
Schriftstück und wurden angenommen, und
auf Hrn. Lehmauu's Autrag ihre Veröffent
lichung in den Morgenzcililngen angeordnet,
wozu ein besonderer Ausschuß den Auftrag
erhielt. Betreffs des Borschlages der Reise
nach Annapolis entschied man sich auf Hrn.
Georg A. Äirk's Anlaß für Ernennung eines
Filnszehner Comite's, das der Gesetzgebung
die Beschlüsse übergeben soll und zu dessen
Mitgliedern das Beschluß-Comite und die
Beamten der Vcriainmlung ernannt wurden;
zugleick erging jedoch an alle Bethätigte die
Euiladung, dem Comite auf dem Dampfer
„Samuel I. Peutz," der heute früh 8 Uhr
von hier abgeht, bis zur Staatshauptstadt
das Geleite zu geben,
Nach Einsetzung eines Finanz-Ausjchusses,
der aus den HH. L. V. Weiß, E. Horst, M.
Schüler, S. Wilhelm, Franz Knell und N,
Lehmann besteht, griff Hr. Wm. I. Kirk zu
dem Anirage, die Abstimmung, womit man
zur Vorlesung der Zuschrift der Corporate
Sie Ertanbliiß verweigerte, wieder in Erwä
gung ;u ziehen, das Wort, allein die Ver
sammlung weigerte sich Dessen mitentschei
den!) Mehrheit.
Nach Annahme von Dpnkbejchlttssen für
die Beamten, sowie sür Dsterst Uajnx meacfl
lleberlassnng des Saales vertagte sie sich." '
Abfahrt des Dampfers „Balti
more."
Sonnabend Aachmittag um 2 Uhr fuhr der
Dampfer „Baltimore," Cvpt. F. Lilienhain,
mit einem Cajüten - Passagier (Ottomer
Franke von hier) und 47 im Zwischendecke
von Locust - Point über Jouthainpron nach
Bremerhaven ab. Seine Ladung umfaßt
folgende Güter: 500 Kisten Austern, 14 Bal
len Baumwvll Zwillich, 66 Erndte - Maschi
nen, 5 Oxhoste (5723 Pfund) Unschlitt, 3825
Piven (760,263 Pfund) Schweineschmalz, 102
Fäßchcn ditto, 621 Ballen Baumwolle, 126
Oxhoste Maryland, 15 Oxhoste Virginier
und 28 Oxhoste Kentucky- Taback, 30 Ox
hoste Virginier und 38 ditto Kentucky' Ta
backs Hippen, 7 Kisten (60 Gallonen) Sasse
sras-Oel, 15 Tonnen Sassafras-Wurzel, 134
Kisten, 3 Pipe und 12 Fässer (zusammen
311,381 Pfund) Pökelfleisch, 1000 Kisten
Stärke und 2 Ballen Pelzwerk.
Furchtbare Gas-<Krp!osion.
Eine sehrealicht Szene in einem
städtischen Slbzugskänale.
Mehrere Personen verletzt.
St i-N gefährlich verbrannt.
In dem Centrestraßen-AbzugSkanale ereig
nete sichFreitag Morgen, gerade an der Stelle,
wo der Tunnel die St. Paulstraße kreuzt, eine
Gas-Explosion, welche die Erde weithin er
schütterte und eine furchtbare Ausregung unter
den Bewohnern in der Nähe der St. Paul
vnd Cenlrestraße wachrief. Die Explosion
wurde durch mehrere Arbeiter verursacht,
welche sich mit Laternen in den Kanal begeben
hatten, An hex betreffenden Stelle hatte sich
eine Quantität Äobleiigq? angesammelt, die,
als sie mir den in den Laternen brennenden
Flammen in Berührung kam, sofort expto-
dirte. Nachstehend lassen wir die näheren Ein
zelnhetten des Ereignisses folgen:
Bor einiger Zeit hatte sich ein Theil des
SteinbogcnS, welcher sich über dem Abzugs
kanale wölbt, gesenkt nnd Hr. Thomas Co
burn erhielt den Auftrag, den Schaden zu
repariren. Vor einigen Tagen war man mit
der Ausbesserung des Bogens fertig gewor
den, und gestern Morgen begaben sich mehrere
Arbeiter in den Kanal, um das Gerüst zu ent
fernen, welches zur Stützung des Bogens ge
dient hatte. Da in dem Tunnel die tiefste
Dunkelheit herrscht, so hatten die Arbeiter sich
mit Laternen versehen; kaum aber waren sie
bei dem Gerüste angelangt, als eine schreckliche
Explosion erfolgte und die Leute mit furcht
barer Gewalt gegen die Mauern des Kanals
geschleudert wurden. Hr. Cornelius Coburn,
ein Bruder des Contraktors, empfing schwere
Brandwunden an den Händen und im Ge
sichte; seine Ohren wurden schrecklich verletzt,
aber noch schlimmer erging es seinen Augen,
deren Sehkraft wohl auf immer dahin ist.
Man brachte ihn nach seiner Wohnung, wo
er jetzt in bedenklichem Zustande darnieder
liegt. Dr. Sappington und Dr. Pattersou
weichen keinen Augenblick von seinem Lager.
Wie spätere Berichte melden, ist jedoch keine
Hoffnung mehr vorhanden, daß er dem Leben
erhalten bleiben wird. Richard Coburn, ein
Sohn des Contraktors, empfing gleichfalls
mehrer schwere Wunden und wurde nament
lich durch einen Stein verletzt, welcher mit
furchtbarer Krast gegen ihn prallte. John
Shields, H. Armacoft, I. Nottingham und
ein Neger, Namens Jerome Stevens, welche
sich zur Zeit der Exploüon in dem Tunnel
befanden, wurden sämimlich mehr oder weni
ger verletzt, doch soll Keiner derselben gefähr
liche Wunden davongetragen haben. Glück
lichcr Weise befand sich in der Nähe des Ge
rüstes eine Oeffnung, welche die Gewalt der
Explosion ableitete. Wäre diese Oeffnung
nicht vorhanden gewesen, so würde der Kanal
unzweifelhaft eingestürzt und die Männer un
ter den Trümmern begraben worden fein.
Nachträglich hat man die Entdeckung gemacht,
daß eine schadhafte Gasröhre durch den Tun
ncl führte; aus dieser war das Gas ent
flohen.
Hr. Cornelius Coburn, der am Schwersten
verletzt wurde, wohnt in Skr. 40, Albemarle
straßc. Der Neger Stevens, dessen Kopf arge
Brauschen, Schrammen und Risse empfangen
hat, stolperte nach der Exvlosion in deni Ka
näle entlang und kam bei der Mündung des
selben in Jones' Fälle wieder an's Tageslicht.
Sein Gesicht und seine Kleider waren mit
Blut bedeckt. Er befindet sich gegenwärtig
in seinem Hause an der Springstraße unter
ärztlicher Behandlung.
Wettere v tn;elnt>eiten.
in welchem sich die schreck
liche Szene abspielte, ist 8 Fuß breit und 5
Fuß hoch. Tie Stelle, an welcher sich der
Bogen gesenkt hatte, ist gerade unter Kear
ney's Ställen, nahe St. Paulstraße, gelegen.
Hr. Cornelius Coburn und die anderen Ar
beiter betraten den Kanal gegen 7 Uhr Mor
gens, und zwar an der Stelle, wo derselbe in
Jones' Fälle mündet, eine Viertelstunde von
dem Platze, an welchem die Explosion er
folgte.
An der Nordfeite des Kanals läuft eine
Gasröhre entlang, welcher das brennbare
Fluid entströmt war. Die Männer hatten
etwa eine halbe Stunde in dem Kannte zuge
bracht, ehe sich die Explosion ereignete. An
der Südseite befand sich die vorhin erwähnte
Oesfnung. Nahe derselben stand der junge
Richard Coburn und andere Arbeiter.
Plötzlich erfolgte ein lauter Donner, die
Erde zitterte, und im Nu schoß ejne Feuer
säule durch diese Oeffuuug hoch empor, in
der That hoch, wie die Häufer an der
Straße. Schrecken ergriff die Zuschauer,
welche sich an der Oeffnung versammelt hat
ten und nun, für ihr Leben zitternd, nach al
len Richtungen auseinanderstoben. Einem
halben Dutzend Personen wurden durch die
heftige, dem Hervorbrechen der Flammen vor
ausgehende Luftströmung die Hüte vom Kopfe
geweht und einige derselben wohl 30 Fuß
hoch cmporgewirbclt. Einem Jünglinge,
Namens Richard Coburn, dem Sohne des
Contraktors, welcher gerade über die Oeffnung
lehnte und hinabichaute, wurde von der auf
schlagenden Flammenfäule die eine Seite des
Kopfes verbrannt, und beinahe hätte er tödt
liche Verletzungen davongetragen. Horch !
ein Aufschrei
erscholl aus dem Hauptloche, während die
Obenstehcnden von Schrecken und Besorg
niß für die unglücklichen Arbeiter fast gelähmt
dastanden. Alle Arbeiter wurden von der
Stelle, wo sie thätig gewesen, nach dem Haup
tloche zuriickgeschleudert, und baldmöglichst ließ
man Seile hinab, um den Leuten zur Wieder
gewinnung de: freien Lust behülflich zu sein.
Zuerst zog man Armacoft heraus, eine breite
Statur, die die Oeffnung fast ausfüllte und
des Mannes Durchzichung zu keiner leichten
Aufgabe machte. Der zunächst Gerettete war
Cornelius Coburn, der einen höchst bejam
meruswcrthen Anblick bot; seine
sklrider standen in vollen Flammen,
als er an die Oberfläche gelangte; Gesicht
und Hände waren mir den gräßlichsten Brand
wunden bedeckt. Bald verließ ihn das Be
wußtsein; im Kcarncq'schcn Slallctablisse
ment, wohin man den Unglücklichen trug,
wurde rasch für ärztlichen Beistand gesorgt.
Nähere Untersuchung ergab, daß er auch am
Halse und an der Brust fürchterlich verbrannt
und die Ohren bis znni Schwärzen versengt
waren, und bei'm Emporziehcn des Armen
lösten sich Haut und Wcichtheile von seinen
Händen. Sobald es für thunlich erachtet
wurde, schaffte man ihn mit der größten Vor
sicht, um seine ohnehin großen Schmerzen
nicht noch zu steigern, nach seiner Behausung.
Solches Wiedersehen des Gatten und Vaters,
der sich am Morgen gesund und frohen Mu
thes von ihnen verabschiedet hatte, mußte
seine Gattin und Kinder in die tiefste Beküm
mcruiß versetzen.
fast heiler Haut kam Armaeost davon.
Stevenson erzählt, er sei mindestens K 0 Fuß
weit den Abzugs-Canal entlang in der Rich
tung nach Calvert - Straße zii geschleudert
worden; als er sich wieder im Besitze der Con
trole seiner Muskeln befand und festen Boden
unter sich fühlte, schlug er die oben angegebene
Richtung nach der Abzugscaual-Mündung
ein. Trotz der Quetschungen und Risse, die
fein Körper an verschiedenen Stellen aufwies,
kehrte der Wackere doch zurück, um zu sehen,
wie es seinen Arbcitsgenossen ergangen; nach,
dem mau feine Wunden verbunden, schickte
man ihn nach seiner Wohnung in Spring-,
nahe Madison-Straße. Die von Coburn ge
tragene Laterne war in tausend Stücke zer
schmettert.
Allen Arbeitern wurde der Hut vom Kopfe
gerissen, Augenbrauen, Haupt- und Barlhaar
versengt, und die Explosion entwickelte eine
solche Gewalt, daß es in der That Wunder
nehmen muß, daß sie nicht alle getödtet wur
den. Von Hrn. Coburn's Hemd und Rock,
die Feuer fingen, blieben nur wenige Fetzen
übrig. Da er seinen Arbeitern voraus war,
so packte ihn die volle Gewalt der Explosion
und die züngelnde Flamme, die nach dem
Hauptloche zu rauschte. Für seine Wieder
genesung ist kaum eine Hoffnung vorhanden.
Verheerende Feuersbrunst auf Le
derol-Hill. Ehappett's Eye
Mifalienfabrit abermals abge
brannt.-Verlust
Mehrere Menschen bedenklich
verletzt.
Die große Chemikalien-Fabrik der Gebr.
Chappell aus Federal Hill, an der Croß , nahe
Covjngton-Straße, welche gerade vor vier
Jahren total abbrannte und seitdem wieder
neu ausgeführt war, ist Freitag Abend aber
mals durch Feuer zerstört worden.
Kurz nach 8 Uhr erscholl von dem Alarm
kasten Nr. 23 und bald darauf von Nr. 63
Fcuerlärm, dem sofort ein General Alarm
folgte, Eine ungeheure Menschenmenge strömte
der Brandstelle zu, denn das Feuer war wegen
der hohen Lage der Gebäude weithin sichtbar,
und die Funken wurden wie ein Sternschnup
penschau gen Nordosten getrieben nnd fielen
zischend in den Hafen. Tie Fabrik bedeckt mit
ihrem Häuser-Complex ein bedeutendes Areal
und steht von dm Hauptstraßen Croß und
Johnson etwas zurück. Die Gebäude bestan
den meist aus leichtem Fachwcrk und in Zeit
von einer Viertelstunde brannten alle zu der
Fabrik gehörigen Werke. Tic großen Ouan
tttäten Schwefel, Salpeter, Firniß, Oel :e.
gaben natürlich de Flammen stark Nahrung
nnd eine Zeitlang floß das brennende Oel,
der flüssige, lichterloh brennende Schwefel in
Strömen den Berg hinunter nach der Coviiig
tbnstraßx, Die Feuerwehr war raich zur
Stelle, konnte aber w-nig, für Heilung der
Fabrik gar nichts thun und beschränkte sich
nur vorauf, die umliegenden Gebäude und
Wohnhäuser frei zu halten.
Roßmarck's Brauerei war eine Zeitlang in
der größten Gefahr, da der Wind dem "Ge
bäude die Flammen entgegentrieb, das gute
Schieferdach, vor Allem aber die umsichtige
Vertheilung der Löschmannschaft verhinderten
jedoch eine weitere Katastrophe; gegen 3 Uhr
war die furchtbare Fcuersbrunst, welche fast
die halbe Stadt aus die Beine gebracht hatte,
unter Controle der Feuerwehr.
Das Feuer entstand wahrscheinlich durch
Funken, die aus dem Schornstein von Elli
ott's Schmelzofen, welcher ungefähr 100 Fuß
von der Südosteckc des Chappel'schen Grund
stückes gelegen ist, kamen nnd auf das Dach
des an der erwähnten Ecfe der Fabrik stehen
den Laboratoriums sielen. Ein in diesem
Laboratorium angestellter Wächter sah zust
die Flammen aus dem Dache des Gebäudes
hervorschlagcn. In wenigen Minuten hatte
das Feuer einen 110 Fuß langen Schuppen
ergrissen, welcher von süden nach Norden
läuft. In diesem Schuppen waren große
Quantitäten Schwefel gelagert, die in kurzer
Zeit schniplzen. Ein glühender Strom, der
cm blaues Licht ausstrahlte, quoll aus dem
Schuppen hervor und floß aus die Grund
stücke, welche die Fabrik an der Ostseite ein
schließen. Nur mit Mühe gelang es den
Tausenden von Menschen, welche auf-diesen
Grundstücken standen, sich ans dem Bereiche
der glühenden Masse zu retten. Von dem
Schuppen dehnte sich das Feuer schnell über
die übrigen Gebäude, sieben an der Zahl, aus.
Zwischen den einzelnen Gebäuden standen
ünzähjige mit Kienrpß gefüllte Fässer, l '-e
deck Flammen eine willkommene 'Nahrung
boten. Das Hänptgebände, weiches'lasch
S 6 Fuß groß ist und den Mittelpunkt der
Fabrik bildet, war zum größten Theile
mit Vitriol - Ballons gefüllt, die, als
sie in Brand geriethen, einen zwei
ten feurigen Strom erzeugten, der in
der Richtung nach der Covingtonstraße
floß. Ein Mitglied der Feuerwehr hatte das
Unglück, in diesen Strom zu gerathen und mit
seinem Gesichte aus die glühende Masse zu
fallen. Der Unglückliche soll schwere Brand
wunden davon getragen haben. Auch andere
Leute sollen bedenklich verletzt sein. Fünf Mi
nuten vor 9 Uhr stürzten die Dächer desHaupt
gcbäudes und des daranstoßenden Laborato
riums an der Südseite mit einem lauten
Krache ein. Diese beiden Werke waren aus
Ziegelsteinen aufgeführt, während die Mehr
zahl der übrigen Häuser nud Schuppen aus
leichtem Fachwerke bestand. Gegen 10 Uhr
verschwand allgemach der helle Schein, wel
cher zwei Stunden lang den ganzen Horizont
geröthet hatte, und um 11 Uhr bestrahlte der
Mond nur noch eine rauchende Trümmer
stätte. Bon den Ziegelstcinaebäuden waren
nur die Mauern stehen geblieben, während
die Schuppen und die aus Fachwerk aufge
führten Häuser unter den Flammen zur Erde
gesunken waren.
Der Verlust -reicht die Höhe vonKl6o,ooo.
Von dieser Summe sind §101,250 durch Po
licen in 20 auswärtigen Feuer-Versichcrungs
Gesellschaften gedeckt. Die Gebr. Chappcll
sind noch unschlüssig, ob sie ihre Fabrik auf's
Neue aufführen lassen oder nicht.
Wie schon erwähnt, brannte die Fabrik be
reits einmal nieder und zwar am 8. Juli
1370. Der Schaden belief sich damals auf
875,000, von welchen 850,000 durch Ver
sicherung gedeckt waren.
Die „Baltimorer Schlachthaus-
Coinpagni e." Die von Hrn. Lonne in
der Gesetzgebung eingereichte Bill bezüglich
der Verbesserung des Gesundheitszuslandcs
der Stadt Baltimore und der Jncorporirung
der „Baltimorer Schlachthaus. Compagnie''
schreibt Folgendes vor: i. Daß es nach dem
i. Januar 1876 ungesetzlich sei, Ochsen, Käl
ber, Schafe, Schweine oder andere Thiere in
der Stadt zu schlachten oder innerhalb eines
Flächenranmes, dessen Grenzen 10 Meilen
von der Siadt Baltimore entfernt liegt,
Schlachthäuser, Biehmärlte :c. zu errichten.
JrgcndJemand, welcher gegen diese Borschrist
handelt, und Rinder, Schafe, Schweine zc.
nach Baltimore bringt und daselbst schlachtet,
soll für jede Uebertrclung des obigen Gesetzes
um K 250 gestraft werden, 2. Dag P. M.
Snowden, James L. Clark, Moses Brenner,
Lewis Turner, James A. Nicholson, Henry
E. Loane und John F. Green in Zukunft ei
nen Körper bilden, der unter dem Namen
„Baltimorer Schlachthaus - Compagnie" alle
unten angeführten Geschäfte besorge, Vcr.
pflichtungen und Verbindlichkeiten überneh
me, Beamte ernenne und deren Gehalte fest-
setze, den Betrag des Grundkapitals der be
sagten Compagnie und die Zahl der Aktien
bestimme :c. 3. Daß die besagte Compagnie
ermächtigt sei, auf eigene Kosten an irgend
einem geeigneten Punkte außerhalb der Stadt
Werften, Märkte, Schuppen und andere Ge
bäude zu errichten, und dag die besagte „Bal
timorer Schlachthaus - Compagnie" das allei
nige Privilegium habe, Rinder, Schafe,
Schweine :c. nach Baltimore zu bringen
und zu schlachten; ferner soll die Compagnie
berechtigt sein, für jedes Pferd, jeden Maul
esel und jedes Rind, das sie nach Baltimore
bringt, nicht weniger als S und nicht mehr
als 30 Cents und für jedes Schwein, Kalb
oder Schaf nicht weniger als 2 und nicht mehr
als 10 Cents von dem Eigenthümer des be
treffenden Thieres zu fordern; falls die Ei
genthümer diese Kosten nicht innerhalb 15
Tagen bezahlen, sollen die Thiere in zwei in
der Stadt Baltimore erscheinenden Zeitungen
fünf Tage lang zum Verkaufe angezeigt und
nach Ablauf dieser fünf Tage auf öffentlicher
Auktion verkauft werden; ferner soll die be
sagte Compagnie vor dem 1. Jan. 187 K ein
Schlachthaus ausführen lassen, das hinreichend
groß genug ist, um allenFlcischcrnßaltimore's
genügenden Raum für das Schlachten ihrer
Thiere zu gewähren. 4. Dag die besagte
Compagnie ermächtigt sei, auf eigene Kosten
einen oder mehrere Landungsplätze an irgend
einen, passenden Platze zu errichten, woselbst
sie alle Thiere, die zum Verkaufe oder zur A
bschlachtung nach Baltimore gebracht werden,
lande, und daß sie aus eigene Kosten eins oder
mehrere Schlachthäuser errichte, in
alle Thiere, deren Fleisch für den Verkauf in
Baltimore bestimmt ist, geschlachtet werden
müssen. 5. Daß nach der Vollendung der
Schlachthäuser in denjenigen Zeitungen, in
welchen dieSraatsgeseve veröffentlicht werden,
eine Anzeige erlassen werde, die dem Publi
kum mittheilt, daß nach dem 1. Jan. 1876 alle
Schlachthäuser innerhalb der vorher bestimm
ten Grenzen geschlossen werden müssen und es
in Zukunft nicht länger gesetzlich ist, Rinder,
Schafe, Schweine?c. innerhalb der besagten
Grenzen zu schlachten; auf jede Ucbertrctung
dieses Gesetzes soll eine Strafe von HlOO ste
hen. 6. Daß der Gouverneur des Staates
Maryland einen Inspektor ernennen und den
selben mir polizeilicher Macht bekleide; es soll
die Pflicht dieses Inspektors sein, alle Thiere
genau zu untersuchen und sich Gewißheit da
rüber zu verschaffen, ob ihr Fleisch gesund ist
oder nicht, und falls das Fleisch gesund ist,
den Eigenthümern der Thiere ein Zeugniß
einzuhändigen, welches das Resultat der Un
tersuchung enthält. Ohne ein d-rartiges Zeug
niß darf kein Thier geschlachtet werden. Der
Inspektor soll für die getreue Erfüllung seiner
Pflichten eine Bürgschaft von Hlo,ooo stellen.
7. Daß alle Personen, welche Rinder oder
andere Thiere in den besagten Schlachthäusern
schlachten oder schlachten lassen, nachstehende
Abgaben an die Compagnie zahlen: Für je
den Ochsen 75 Cents, für jedes Schwein oder
Kalb 30 Cents, für jedes Schaf oder Lamm
20 Cents; die Compagnie soll berechtigt sein,
den Kopf, die Füße, das Blut und die Einge
weide der geschlachteten Thiere als ihr Eigen
thum zu erklären, mitAusnahme der geschlach
teten Schweine; dagegen sollen das Herz, die
Leber und die Zunge eines Thieres nicht als
Theil der Eingeweide angesehen werden und
dem Eigenthümer des geschlachteten Thieres
verbleiben. 8. Daß sämmtliche Strafen we
gen Ucbcrtretung dieses Gesetzes durch eine
Civilklage vor irgend einem Gerichte wieder
langt werden können. 3. Daß der besagten
„Baltimorer Schlachthaus Compagnie" das
Recht zugestanden werde, eine Bahn von ih
ren Gebäuden nach den Grenzen der Stadt
Baltimore zu bauen; die Wagen können von
Pferden oder einer Lokomotive gezogen wer
den. 10. Daß das Bureau der Compagnie
in Baltimore gelegen sei und der Präsident in
allen Angelegenheiten, welche die Compagnie
betrefsin, die Verantwortlichkeit trage. 11.
Daß alle Gesetze in Widerspruch mtt dem Ob
igen widerrufen werden. 12. C)aß diese Akte
vom Tage ihrer Annahme in Kraft trete.
In unserem Hasen liegen zur Zeit
nicht weniger als 31 Schiffe, von denen" die
meisten von beträchtlicher Größe sind. Ita
lien macht augenblicklich bedeutende Anstren-
gungen, eine prominente Stellung unter den
handeltreibenden Nationen zu erringen, nnd
die italienische Regierung begünstigt den
Schiffsbau in jeder Weise. In Genna sollen
während jeder Woche neue Fahrzeuge vom
Stapel lausen.
Von San Franzisco nach Bal
timore. (Unternehmungsgeist der „Balti
mare - Ohio - Bahn - Compagnie.") Das
traiiscontincntale Fracht - Befördcrunassy
stcm, welches von der „Union - Pacific "
nnd der „Baltimorc-Ohio-Bahn" gegründet
wurde, ist bereits seit mehreren Wochen
in Operation, Das Traiisportalions - Co
mite der Gewerbekamm in Cincinnati
bezog sich darauf in seinem Jahresberichte,
wie folgt: „Ein sehr wichtiger Contrakt
wyrde erst kürzlich zwischen den Verwaltern
der „Union - Pacific " nnd der „Baltimore-
Ohio-Bahii" für die Gründung einer „Fracht
befördkrungs - Union" abgeschlossen, die den
Namen „Continental" führen soll und deren
Züge zwischen Baltimore und San Franzisco
über Cincinnati ohne Wagenwechsel laufen
sollen, anstatt über Chicago und die östlichen
Linien, wie früher. Am 13. Februar fuhr
der erste Frachtzug von San Franzisco über
Cincinnati direkt nach Baltimore. Derselbe
enthielt 16 Carladungen Thee, der für die
Stadt New Ljork bestimmt war und eine Car
ladung Rohseide sür London, England. Dies
ist eine gute Gelegenheit sstr Cincinnati'
Kaufleute. Kein Ppmi ist besser sür die Ver
theilung der von dem pacifischen Ocean zum
Süden und zu einem bevölkerten Theile des
Ohio-Thaies gebrachten Artikel geeignet, als
Cincinnati."
Verlängerung der „Washing
ton - O hio-B ahn." Die Eröffnung
der Zweiglinie der „Washinaton-Ohio-Bahn"
von Hamilton nach Purccilville, Va., wird
morgen statisindeu. Personen, welche an de
mit dieser Eröffnung verbundenen Feierlich
lichkciten thcilzunehmen beabsichtigen, können
mit dem um 3 Uhr Bormittags von hier ab
gehenden Zuge den Fesrplatz bequem errei
chen.
Das „Deer P ark - Hotcl" in Garrett-
County ist für die Sammersaison zu vermie
lhen. Dieses Hotel ist in den Hgchebencn des
Alleghany - Gebirges, 2600 Fuß über dem
Meere, an der „Ballimore-Ohio-Bahn" gele
gen und wird ohne Zweifel in diesem Som
mer von vielen Familien als Aufenthalt aus
ersehen werden. Sicher wird sich bald ein
unternehmungslustiger Miether finde>7.
Grundstücks - B erkauf i n Belli
more - Connty. —H. L. Brown hat sein
Haus nebst 180 Fuß breitem und 228 Fgß
langen Grundstücke an der Port Chaussee in
um 5000 an Adam Talbot ver
kauft.
Wichtig für Policen-Inhaber!
Ueber die Frage: „Ist eine Verficherungs-
Compagnie, wenn die Policesür ein Gebäude
abgelaufen, aber der Agent bereits instrnirt
ist, eine neue auszufertigen, verpflichtet, den
Versichernngs-Betrag zu zahlen, wenn das
Gebäude, ehe die neue Police des Persicher
ten ausgefertigt,st, abbrennt," ist schon viel
fach erörtert worden. In St. Louis wurde
ein diesbezüglicher Prozeß zu Gunsten des
Versicherten entschieden, und die Compagnie
mußte zahlen.
Gouverneur Whvte's letzter
amtlicher Ak t. Der letzte amtliche Akt,
dessen Vollziehung dem Gouverneur William
Pinkney Whyte noch oblag, war die Unter
zeichnung der Commission, welche den Lfuar
tierstieister E. F. Psntier zum Ma>or beför
dert.' Am Frntäge wurde diese Commission,
von Gouverneur Whnte und General Adju
tant Charles H. M. Blair unterzeichnet, dem
Major Pontier eingehändigt.
Postalisches. Für folgende Orte
Maryland's wurden vorige Woche Postmei
ster ernannt: für Caloenon-Mills in Balti
more-Connty John Slack, für Ost-Newmar
ket in Dorchcstcr-County Francis A. Newton,
für Middlehurg in Carroll - County Daniel
H. Linn, für Price's Station in Queen An
ne's Countl, Charles McAll-stcr nud für
WestoverinSomersct-CouuthLevin H. Bcau
auchamp. Das Postamt lluity in Mont
gomcrl,-County ist in Sunshine umgetauft,
und Win. Brown zum dorugeu Postmeister
ernannt; zu Dnndee in Talbot - County das
Postamt abgeschafft worden.
Dem Neujahrs-, Washington - Geburts-,
Dank- und Christtage soll nun auch der C h ar
frcitag als gcsenlicher Feiertag hinzuge
fügt werden. Wenigstens hat das Justiz-
Comite der zu Gunsten
eines dahin zielenden Antrages entschieden.
Der Palmjonut a g oder der Sonntag
Palmarnm wurde hier in allen katholischen,
vielen protestantischen und allen Episkopal-
Kirchcn in sehr feierlicher Weise begangen. In
der katholischen Kirche waren die 'Einseg
nung und AuStheilung der Palmen und das
Absingen der Passion die Hauptträger der
Festlichkeit; in der Episkopal Kirche dasßor
lcsen der Leidensgeschichte Jesu. In fast al
len deutschen protestantischen Kirche ist dieser
Tage seit langer Zeit der Confiriiiationsfeicr
gewidmet, und war dies gestern in folgenden
12 Kirchen dahier der Fall: in der St. Pau
lus-Airche, Ecke der Fremont- und Saratoga-
Straße, (Pastor Hausei) wurden 1k Knaben
und WMädcheu; in derEmanuclskirche an der
Carolinestraße .Pastor 28 Knaben
und 34 Mädchen; in der St. Martimkirche
an der Ecke der und Heunettaüensze
(Pastor Frinke) 11 xneben und 10 Mädchen;
in der St. Lukas-Kirche aus der Ecke der Eu
taw- und Heurieitastraste (Pastor Keller) 33
Knaben und 86 Mädchen; in der evangelisch
vereimglen St. Paulus -Kirche an Eastern-
Ävenue (Pastor Schäfer) 4l Knaben und 45
Mädchen; in der Si. Paulns-Kirche an der
Eanton-Avenue (Pastor Bochmann) 19 Kna
ben und 25 Mädchen; in der Drcicinigkeits-
Kirche (Pastor Kran)4B Knaben und 64 Mäd
chen; in der St. Petri-Kirche an Boudstrajze
(Pastor Schlägel) 5 Knaben und 7 Mädchen;
in der St. Johannis-Kirche an Biddlestraße
(Pastor Sickels 17 Knaben und 2!) Mädchen;
in der Emannels-Kirche, Ecke der Schröder- u.
Saratogastraße, (Pastor Häuser) 17 Knaben
und 21 Mädchen; in der 4. d. R. St. Johns-
Kirche an Ealvenstraste (Pastor Neefs) 3lKna
beu und 30 Mädchen; in der St. Matthäus-
Kirche (Pastor Maicr) 55 Knaben und 84
Mädchen consirinirt. Die Kirchen waren für
die Confirmalionsfestlichkeitmitßlninen, Im
mergrün u. anderen Laubgewinden geschmack
voll dekorirt und die Musik der Feier ange
messen. Das schönste Wetter begünstigte die
Feier, sodass alle Gotteshäuser gedrängt voll
waren. In denKirchenSt.Stcphanus anHam
burmlr. (Pastor Helmighausen), St. Jakobus
an Ogstou-, Ecke der Gcorgestrage, (Pastor
Dr. Beer), St. Johannes an der Frederick-
Road (Pastor Pisler), Zion an der Ganstraße
(Pastor Scheid). St.Markus, Ecke der Hamp
stcadstraße und Broaoway (PastorHLrr), wer
den die Eonsirmationen erst später stattfinden.
In der kürzlich vollendeten evangelisch-luthe
rischen Zionskirche auf der Ecke der East und
Eastern - Avenue, die am nächsten Sonntage
eingeweiht wird, soll, wie wir vernehmen, am
19. April die Eonfirmation abgehalten wer
den. In der vor einem Monate für die refor
micte Zionsgemcinde angekauften Kirche au
der Aisouithstraße wird die Eonfirmation auch
erst später stattfinden. Die Zahl sämmtlicher
Confirwanden betrug gestern 719, ungefähr
kW mehr, wie im verflossenen Jahre.
.4 LS o c-i al i o I>" hat im Jahre 1873 ein
ast unglaubliche Thätigkeit entfallet. Wäh
rend 1872 nur 11 Betversammlungen in jeder
Woche abgehalten wurden, hielt man im vcr-
flossencii deren 18 in jeder Woche ab.
1872 organisirtc die Baltimorer Gesellschaft
einen Awergverein, 1873 rief sie dagegen 10
derartige Vereine in'S Leben. Außerdem ha
ben die 16 stehenden Couritc'n unzählige
Tempercnz- und andere Versammlungen rm
letzten Jahre veranstaltet und Hunderte von
Bibeln und Drakrätchen vertheilt.
In der „Hei math für betagte Me
thodisten" befinden sich zur Zeit 3 In
sassen, von denen 15 zwischen 60 und 70, 18
zwischen 70 und 80, und 3 zwischen 8V und
V 0 Jahren alt sind. 'Aar zwei dieser Insassen
sind männiicheii, die übrigen säininttich weib
lichen Geschlechts.
Die Reliquien. Pater Gärtner
wird im Lause dieser Wochemir den von Rom
mitgebrachten und seit einigen Wochen hier
ausgestellten Reliquien Baltimore verlassen.
Seine hiesigen Sammlungen zum Besten der
in Milwankie zu errichtenden böhmischen
Kirche erreichen eine Summe von mehr, denn
510V0.
Die jährt Tagl atznng i> es süd
östlichen Turnbezirko wurde Sonn
tag im Haupt - Quartiere des „Baltimorer
Tnrnvereiiiö," dein Lmoenslruth'schen Lokale,
Nr. 53, Nord - Central - Avenue, adgchalten.
Die zahlreich besuchte Vcrsammluug war von
Deputirten sämmtticher Turnvereine des
Bezirks beschickt. Der „Columbia - Turn
verein" in Washington war durch die HH.
W. Bnrchard, Can Menth, Dr. F. Kampf
und Aug. Bnckwcder, der „Baltimorer Turn
verein durch dieHH. H. Petri iind J. Böhme,
der „Martinsburgcr Turnverein" durch die
HH. Caspar Gran und Jakob Schleuß, der
„Sozial-demokratische Turnverein" von hier
durcb die HH. Fr. List, jnn., C. Hofsmami
und Louis Gnndina vcrlreten. Zum Vor
sitzenden wurde Hr. F. List, zum permanen
ten Sekretär Dr. F. Kampf erwählt. Ter
Bericht des Sprechers Hrn. Heinz wnrde ver
lesen, und die Ncchnnngsablage des Schatz
meisters Hrn. Lehmkuhl angenommen. Tie
weiteren Geschäfte wurden Comiie'n übertra
gen und i der Nachmiltagssitzung verhandelt
und erledigt. ES handelt sich dabei um die
Abänderung eines Paragraphen der Bczirks
statuten, um die Prüfung der Mandate, um
die Revision der Bücher und die Instruktionen
für den Bundesdepulirten. Tas diesjährige
Bczirks-Tl'.rnsest wird laut Bersammlungsbe
schlusscS in Martinsburg, West-Virginien,
abgehalten werden, und Vorort des südöstli
chen Turnbezirks auch sür das nächste Jahr
Washington bleiben. Turner Bnrchard aus
Washington wurde zum BundcSdcpittirten
für die am 23. Mai zu Rockest, N.-L)., ab
zuhaltende Bundestagsjatzung erwählt) Nach
dem den Beamten der BezirkstagSsatzung, den
Beamten des Bezirks - Vororts und dem
„Baltimorer Turnvereine" der beste Dank für
die freundliche Aufnahme und Bewirthnng
ausgesprochen worden, vertagte sich die Ver
sammlung endgültig.
B'nal B'rith. Die einzelnen Logen
des Ordens der „B'naj B'rith" gedenken in
nächst Zeit eine eigene Halle zu kansen. Für
diesen Zweck sind bereits s 15,000 gezeichnet,
doch wartet man, daß diese -summe in we
igen Monaten die Höhe von 50,000 erreicht
haben wird. In der nächsten Versammlung
der Groß-Loge sollen entscheidende Schritte ist
dies Angelegenheit eingeleitet werden.
Auf einen neuen Prozeß für Carl
I. Rose reichten am Sonnabende dessen
Anwälte einen schriftlichen Antrag im Cri
minalgcrichtc ein, den sie also begründen: der
Wahrjprnch der Geschworenen sei gesetzwidrig
nnd widerstreite den Zeugen-Auslagen; auch
habe die Vertheidigung neue Entlastungsbe
legc entdeckt. Nicht Gilmor war vorgestern
nicht in der Stadt; che üb die Erlaubniß
zur Verweisung des Prozesses vor die Oberste
Stadtgerichtsbank entscheidet, müssen durch
beschworene Aussage diese nenentdeckie Belege
angegeben werden.
Siebzehn Kind er. Joseph Simon,
ein in Nr.3o, Parkinstr., wohnendlsraelit,
wurde am Sonnabend aus die eidliche Aus
sage seines Weibes, Esther Simon, daß er
Ehebruch begangen, verhaftet. Der Ange
klagte lebte zehn Jahre in London, England,
und in demselben Hause, wo er wohnte, lebte
auch ein junges Mädchen, Namens Maria
Rose, zu der er in vertrautem Verhältnisse
stand. Vor zwciJahren kamen er, scineFraii,
Maria Rose nnd seinckind nachßaltimore,
wo die ganze Familie bisher friedfertig in d
Parkinstraße lebte. Der Angeklagte soll 17
Kinder haben, von welchen 10 von ieinerFrau
und 7 von Maria Rose herrühren, Simon
läugnete angeblich nicht, daß er Ehebruch be
gangen, sondern entschuldigte sich damit, daß
seine Frau niemals Einwendungen gegen sein
Familienleben a la Brtgham Poung erhoben
habe. Nicht Bell überwies den Angeklag
ten dem Gesängnisse, wo derselbe das Crimi
nalvcrsahren abzuwarten hat.
Ein betrunkener Lootse verur
sachtdas Sinken einer Bagger
mas ch ine.—Am Mittwoch Abend stieß das
italienische Vollschifs „Agncse" mit einer nahe
bei Fort McHenry liegenden Baggermaschine
zusammen und die Folge des Zlttamniensto
ßcs war, daß die Maschine augenblicklich
sank. Hr. Alessandro Podcsta, d Capitan
des Schisses, berichtet über dieses Ercigniß
Folgeudes: Am 24. März, um 3 Uhr Nach
mittags, kam ein Lootse anßord des Schiffes
und selbstverständlich übertrug der Capttän
demselben die ganze Leitung des Fahrzeuges.
Am Abend des 25. Marz nahm der Schlepp
dampfer „Virginia Ehrman" das Schiff in
Tau und brachte es m den Patapsc, wo es
Abends NM '.O Uhr. während der Mond klar
zznd hell schien, gegen die wähnte Bagger
Maschine stieß und deren Sinken veranlaßte.
Tie „Agnese" wurde bei dies Collision
schwer beschädigt. Sic verlor das Bugspriet,
den Klüverbaum, die Ankerkelien und hielt
durchs den Zusammenstoß ein großes Loch in
der steuerscite. Ter Dampfer schleppte das
Schiff nach dem Hasen weil, wo es am 26.
März um 1 Uhr Nachmittags eintraf. Ehe
die Coll'sion erfolgte, suchte der Capilän nach
dem Lootsen, welchen er endlich in betrunke
nein Zustande und in einer vollständig hüls
iosen Lage in ein Ecke fand. Tie „Agnese"
war in früheren Jahre ein Dampf und
wurde vor nicht lang Zeit erst in ein Segel
schiff nmgcwandctt.
Lampencxptvsion mit tödtlichen
Folgen.- Sonnabend Nachmittag bcqmq
die Negerin Pauttne Nicholls daheim an der
verlängerten McCldeystraße die Unvorstch
tigft'.t, aus einer Kanne Behufs ichnelleren
;;euaninachenS Ocl auf's Hol; zugießen
das Gesäß cxptodirtc, und die Arme erlitt jö
gefährliche Brandwunden, daß sie gestern früh
8 Uhr ihnen erlag. Coroner Sulz dielt die
Todtenfchau für unnöthig.
John Halifax, Gentleman.
Aus dem Englischen von Sophia Verena.
(Fortsetzung.)
Indem dringenden Wunsche, auch nicht
eine Stunde in dieser Angelegenheit unbe
nutzt vorübergehen zu lassen, bestieg ich
meinen kleinen Wagen und bat John,
mich zu Tally Watkins zu begleiten. Mei
nen Vater konnte ich nirgends erspähen,
aber ich hinterließ die Bestellung, daß ich
nach Hause gefahren sei und Jzhn mit
mir genommen habe. Es war überra
schend, von welchem Mutbe, ja welcher
Kühnheit ich mich beseelt suhlte, jetzt, da
ich einen Andern zur Seite hatte, für den
ich denken und handeln mußte.
Bald hatten wir die Wittwe Tally Wat
tins erreicht. Es war ein armseliger
Wohnort, kahler nnd dürstiger, als ich ihn
mir vorgestellt. Doch ich erinnerte mich
der Martern, welche Cally's übertriebene
Reinlichkeit mir in den Tagen meiner
Kindheit auserlegt hatte, wie in der Zeit,
da sie meine Wärterin gewesen, es ein ste
tes Waschen und Bürsten war, dem ich
mich am liebsten entzogen häkte. Bei der
Erinnerung an diese große Sauberkeit
faßte ich Hoffnung, daß John dennoch ein
ihm passendes Unterkommer finden würde.
Tally saß in der Küche, dürstig, doch
sauber angezogen und sehr niedergeschla
gen. Sie besserte eine alte Jacke aus,
welche B-ll gelragen, bis der stattliche,
rolhs Nock ihre Stelle eingenommen, und
sie nun auf Jem, ihren zweiten Sohn
übergegangen war. Aber Bill beschäf
tigte unaufhörlich das Herz der armen
Mutter sie konnte nichts um ihn thun
als um ihn weinen und „Bonaparty" ver
wünschen.
Jbr Sinn war davon so erfüllt, daß sie
in dem jungen, kräftigen Arbeitsmann,
John Halifax, nicht den halbverhungerten
Knaben wiederzuerkennen schien, den sie
vor einigen Monaten in der Straße so
hart angelassen halte. Sie willigte so
gleich ein, ihn als Miether bei sich auszu
nehmen, obgleich sie mich verwundert an
starrte, als ich ihn „meinen Freund"
nannte.
So wurde der Handel schnell abge
schlossen, erst zwischen uns Allen zusammen
und dann zwischen Tally und mir allein,
während John sich seine Kammer besah.
Ich wußte, ich konnte Tally vertrauen,
und ich freute mich, die arme, alte Frau
auf diese Wesse zugleich unterstützen zu
können. Sie versprach mir, daß sie John
Alles „extra-eomfortable" machen werde,
und daß sie mein Geheimniß treu wahren
wolle. Als er wieder zu uns kam, war
sie nicht nur höflich, jondern sogar freund
lich zu ihm. Sie sagte, es würde ihr eine
wahrhaste Freude sein, wieder einen jun
gen, kräftigen Burschen in Bill's Zimmer
zu wissen und ihn kommen und gehen zu
seben, gerade als wenn ihr Herzen-junge
noch im Hause sei-
Ich fühlte mich über diesen Vergleich
fast gekränkt, doch John zachle nur-
Und ich hoffe, Ihr werdet mir ab und
zu eine Handreichung thun, oder seid Ihr
zu vornehm dazu?
Ganz gewiß nicht, antwortete John
Halifax freundlich.
Ehe wir das Haus verließen, wünschte
ich seine Stube zu sehen; er trug mich d.e
Tieppehinauf und wir setzten unsßcide auf
dasßett, welches einst dem armen Bill ge
hört hatte. Es war nur eine dürftige Lager
stätte, in einem Strohsack, einer wollenen
Decke darüber und einer eben solchen zum
Zudecken bestehend. Tie beiden Betttü
cher, welche ich Jael abpreßte, waren für
lange Zeit die einzigen, welche John be
saß. Die Bodenkammer war niedlig und
klein, doch Jobn blickte umher mit dem
Stolze eines Besitzers.
Hier werde ich so glücklich wie ein Kö
nig sein! rief er mit strahlendem Lächeln.
Kommen Sie nur zum Fenster her, um
diesen hübschen Blick zu sehen, Phineas!
li, das Fenster gewährte einen großen
Vortheil; hindurchsteigend, konnte man
aus das Dach gelangen, und von dort aus
hatte man die weiteste, prächtigste Aus
sicht. Vor sich die Stadt mit der alter
tbümlichen Abtei, jenseit davon breite
Strecken grüner Wiesen und Wälder so
weit das Auge reichte; zur Rechten der
große Weidenplatz mit den Viehheerden,
der glitzernde Fluß sich daran vorbei
ichlängelnd, und weiterbin hü' sche Dörfer
bis das Land in der Ferne von den blauen
Bergen begrenzt wrrde; das Ganze bildete
eine Landschaft, die in ihrem steten Wech
sel, ihrer stillen Schönheit einen unaus
sprechlich friedlichen Reiz an sich trug und
aus die zu blicken Herz und Seele ebenso
veredeln konnte, wie das Lesen guier Bü
cher.
Gefällt Ihnen Ihr „Schloß", John?
fragte ick, sein leuchtendes Antlitz betrach
tend. Sagt es Ihnen zu?
Das wollte ich meinen! rief er mit ju
belndem Entzücken. Und so war auch ich
glücklich.
Kleine, liebe Dachstube, dem Himmel
so nahe, so nah, daß zu Zeiten der Regen
durchtrüpselte oder die Sonne ihre sengen
den Strahlen so helß auf das Blechoach
brennen ließ, daß es einem Glühofen glich
während im Winter der Schnee sich so hoch
anhäufte, daß er das einzige kleine Fenster
verfinsterte. Und dennoch, wie glücklich
sind wir in vcm engen, dürftigen Raum:
gewesen, wie oft haben wir in späteren
Tagen seiner sogern gedacht.
Viertes Kapitel.
Der Winter traf früh ein in diesem
Jahre.
Für mich war es eine lange, traurige
Zeit, leivensvollcr noch als schon gewöhn
lich die Wnter für mich zu sein pflegten.
In mein Zimmer gebannt, das ich nicht
einmal verließ, sah ich Niemand als mei
nen Vater, Doktor Jessop und Jael. End
lich faßte ich den Much, den Ersteren zu
bitten, John Halifax zu mir kommen zu
lassen.
Aus welchem Grunde verlangst Du nach
dem Knaben, Phineas?
Ich möchte ihn nur einmal wiedersehen.
Thorheit! Ein Bursche aus der Loh
gerberei ist keine passende Gesellschaft sür
Dich. Laß ihn ruhig sür sich, da wird er
sich ganz gut befinden, wenn Du nicht ver
suchst, ihn üoer seine richtige Stellung zu
erheben.
John Halifax über seinen Stand hin
aus erheben! Ich war vollkommen mit
meinem Vater einverstanden, daß dies un
möglich sei, doch unsere Ansichten waren
sehr verschieden über den Begriff' dieser
richtigen Stellung.
In der Befürchtung, ich könne ihm
statt Güte Schaven bringen, wohl wissend,
daß seine ganze Zukunft von seines Herrn
Gunst abhing, kieß ich mich auf keinen
Streit ein und unterdrückte meinen heißen
Wunsch, ihn wiederzusehen.
Nur bei jeder sich darbietenden Gelegen
heit und ach, es waren ihrer wenige
schickte ich John ein k.eines Briefchen, sorg
sam mit Druckschrift geschrieben, die er wie
ich wußte, lesen konnte; auch Bücher fügte
ich bei, aus denen er im Stande war, sich
selbst zu unterrichten.
Dann wartete ich sehnsuchtsvoll, aber
geduldig, aus den Frühling, wo ich ja
John, ohne nutzlose Anstrengungen zu
machen, wiedersehen würde. Ich kannte
ihn zu gut in seiner strengen Rechtlichkeit,
war selbst zubcsorgt sür seine Ehre,
als daß ich gewünscht oder versucht
hätte, ihn durchdringendes Bitten oder
gar durch List rn ein Haus zu bringen,
-in welchem er nickt willkommen war, ob
gleich es das HauS meines eigenen Va
ters war.
An einem Februartage, als der starke
Frost endlich nachgelassen und warme,
strömende Rsgenfluthen die ungeheuren
Sckneemassen schon halb geschmolzen bal
len, als die Sonne kräftig und lieblich
schien, faßte mich die Sehnsucht, einmal
in's Freie zu gehen, mich zu überzeugen,
ob wohl der Lenz bald kommen würde.
So schlich ich in das Wohnzimmer hinun
ter uud von dort in den Garten. Jael
schalt über dieses Thun, aber mein Vater
sprach in seiner barschen Weise seine Billi
gung aus. Mein armer, lieber Bater!
Er war fest überzeugt, die Menschen
brauchten nicht krank zu sein, wenn sie
nicht wollten, und auch ich könnte mehr
leisten, wenn ich den rechten Willen dazu
hätte.
An diesem Tage fühlte ich mich beson
ders wohl und kräftig. Es war so enl-
zückend, wieder den grünen Nasenteppich
zu sehen, welchen der Schnee so lange be
deckt hatte, so stärkend und erquickend, die
frische, milde Luft zu athmen und, von der
dichten Tarushecke geschützt, im Tonnen
scheine auf und ab zu wandeln. Die er
sten Schneeglöckchen waren schon der Erde
entkeimt, die kleinen, weißen Blumen
standen so kerzengrade und in Reih und
Glied, wie ein Regiment Soldaten.
Bei diesem militärischen Vergleiche ge
dachte ich plötzlich des armen Bill Wat
kins, der, nachdem er bei der Schlacht von
Main im letzten Dezember gefangen ge
nommen wurde, von den Franzosen als
Spion erschossen worden war. Armer,
frischer, rothwangiger Bill, ob es nun
nicht besser gewesen, wenn er seiner, frei
lich ruhmlosen, doch auch ungefährlichen
Lebensbeschäfligung treu geblieben wäre?
Ich fragte Jacl, die unweit von mir
Wintcrkokl abschnitt, ob sie Tally Watkins
in letzter Zeit gesehen habe und wie diese
ihren schweren Kummer trüge?
Sie ist nicht reich genug, um die Hände
in den Schoost zu legen und dem Grame
nachzuhängen, außer Jem und den drei
Kleinen, die Alle satt gemacht sein wollen,
lebt da noch ein solcher, starker Bursche in
dem Hause, der gewist doppelt so viel
braucht, als er bezahlt, entgegnete Jael
brummend.
Ruhig „ahm ich den Stich hin; ich
wußte, daß mein Vater in der letzten Zeit
John's Lohn erhöht hatte, wußte daß vie
ler jetzt mehr Mierhzins zahlte, und wen
ich zu diesem och eine Thatsache nahm,
welche freilich mein nnd Sally's Geheim
niß blieb, so fühlte ich mich vollkommen
beruhigt in der Gewißheit, daß John Ha
lifax der armen Wittwe nicht nur keine
Last, sondern eher eine Hülse war. So
ließ ich Jael schelten und zanken, ohne
ihr zu wicdersprcchen.
Was sür kleine kühnen Dinger diese
Schneeglöckchen sind, sich jetzt schön an die
Luft zu wagen; halt, Jael! halt, Ihr
werdet sie zertreten! ricf ich ängstlich.
Doch meine Warnung kam zu spät,
denn unter ihrem Hackenschuhe lagen die
zarten, weißen Köpfchen gcknickr am Bo
den, ja Jael war nahe daran, mich umzu
wersen, als sie hastig zurückfuhr und in
großer Bestürzung ausrief:
Phineas, sieh dort jenen feinen, jungen
Herrn den Garten entlangkommen, und
ch stehe h er in meinem befleckten Kleide,
idie Schürze voller Kohlköpfe.
Je näher der „feine Herr" kam, desto
unruhiger wurde Jael. Ich lächelte nur
denn trotz der großen Umwandlung
kostete es mlchdoch nicht die geringsteMühe
John Halifax zu erkennen.
Er trug einen vollkommen neuen An
zug, der, wenn auch nur schlicht, doch so
hübsch und anständig war, daß jeder junge
schmucke Lehrling ihn mit Freuden getra
gen haben würde.
Die Kleider paßten gut zu scinerGestalt,
die größer, fester und biegsamer geworden
war. Um den Hals schloß eine grobe,
aber weiße Hemdkrause und darüber fielen
die sorgfältig gebürsteien, heilen Locken
seines hübschen, reichen Haares. Sehr
leicht konnte ihn Jael, scwie jeder Andere
(„aus Irrthum," wie sie schneidend jagte)
sür einen „Herrn" halten.
Sic sah äußerst unwillig aus, als sie
ihren „Irrthum" demerkie, und fragte
barsch, wos er hier wolle?
Abel Fletscher schickt mich mit einer
Bestellung.
Heraus damit! Halte Phineas nicht
auf durch Sprechen, Du bist kein passen
der Gefährte für ihn, und sein Vater
würde es gewiß nicht dulden, wenn Tu
länger als nöihiz hier verweilst!
Jael! Ries ich voller Empörung.
John Halifax sprach kein Wort, doch
seine Wange brannte in dunkler Gluth.
Ich nahm seine Hand in die meine und
jagte ihm, wie herzlich ich mich freute, ihn
endlich einmal wiederzusehen doch ich
glaube, er Hörle mich kaum.
Abel Fleischer sendet mich her begann
er dann mit fester Stimme um mit
Phineas einen Spaziergang'zu machen;
wenn er gegen meine Geiellschaft etwas
einzuwenden hat, so mag er's frei heraus
sagen.
John wandte sich zu mi-, doch der Aus
druck meines Gesichtes mußte ihn vollkom
men befriedigen.
Jael fühlte ihre Niedeilaze und schickte
sich an, den Ruckzug anzuttelen; in ihrem
Zorne verlor sie wieder die Hälfte der
Kohlköpfe. John las sie auf und gab sie
lbr zurück, doch stall des Dankes, mußte
er noch einen Angriff erdulden.
Tu bist ja mächtig höflich geworden,
seil Du.die neuen Kleioer trägst; aber das
ist mir ganz einerlei. Und das Eine ra
th: rch Dir, laß nicht wieder den Karren
mit den Fellen vor den Fenstern des Hau
ses stehen!
Ich fahre den Karren nicht mehr
war seine kurze Erwiederung.
Nicht? Wie kommt das, John? fragte
ich eifrig, fürchtend, ich könne etwas
Schlimmes hören.
Ich habe diesen Winter mit Hülfe Ihrer
Bücher lesen und rechnen gelernt, das hat
Ihr Vater zufällig entdeckt uud nun mein!
er, solle ich umhergehen, um statt der
Felle die Gelder einzusammeln; diese
Stelle hat mehr Einkommen unv sie ge
fällt mir besser. Nun wissen Sie Alles,
Phineas.
Mehr als seine Worte sagte seinAntlitz,
das vor Glück und Stolz strahlte. Und
er hatte Ursache, sroh zu sein; es war ein
großer Schritt vorwärts.
Mein Vater muß viel Vertrauen in Sie
setzen, John sagte ich endlich, denn ich
wußte ja, wie sehr eigen und vorsichtig er
in der Wahl jener Treuer war, welche die
Rechnungen austrugen und das Geld ein
nahmen.
Tas ist's ja, gerade das macht mich so
glücklich. Er ist überhaupt sehr gütig mit
mir, Phineas, und hat mir heute einen
freien Tag gegeben, um mit Ihnen aus
zugehen. Ist das nicht prächtig?
Herrlich, John'. Wie vergnügt wir sein
werden! Fast fühle ich mich kräftig genug,
einen Spaziergang zu unternehmen. Denn
es war wunderbar, schon die Nähe meines
Freundes gab mir neuen Lebensmuth und
Freudigkeit, schon sein Anblick war für
mich so erscsschend, wie des Frühlings
Kommen.
Wohin ribten wir uiisersSchrit!e?sragte
er mich, als wir bald darauf ausbrachen
und er meinen Wagen sorglich durch die
Straßen lenkte.
Ich denke nach der Mythe.
Tic Mythe war ein kleiner Berg, eine
Strecke vor der Stadt liegend, aus dem
der Squire Brilhvood sich ein schönes
Haus gebaut halte.
Ganz gut, und aus dem Wege dahin
werden Sie die hohen Wassermassen seben
ein großartiger Anblick! Ter Fluß ist
immer noch im Steigen begriffen, wie ich
höre. Aus dem Hose der Lohgerberei
werfen sie als Schutz einen Tamm aus.
Welch: Höhe erreicht hier das Wasser ge
wohnlich, Phineas?
Ich weiß es nicht genau anzugeben.
Aber sehen Sie doch nicht so ernsthaft und
bedenklich aus, wir wollen ja heute recht
froh zusammen sein!
Und so geschah' es. Für mich hatte
dieses Herumschwcifen etwas En'zuckendeS. >
Es war so schön, die warmen Sonnen
strahlen zu fühlen und herrlich fand ich es,!
am anderen Ende der Stadt auf der
Brücke zu weilen und die srsschs Luft ein
znathmen, welche von den bokrn Wasser-
Massen ausstieg, oder ihr lanles Rauschen,
zu hören, wie sie mit Brauten und Zischen'
mächtigen Wasserfällen gleich über
die Schleusten stürzten.
- Ihr langsamer, trüber Avon ist in ei
nen großen, breiten Strom verwandelt.
Wie hoch der weiße Schaum emporsprüht,
und wie die Wellen sich kräuseln und wo
gen. Und schauen Sie dort hin, der
ganze Weideplatz steht unter Wasser; wie
die Sonne darauf tanzt und funkelt!
John, Sie scheinen alles Schöne gern
zu betrachten uns-lich daran zu erfreuen?
Ob ich es gern thue! rief er aus vol
lem Herzen, unv auch das incmige hob sich
bei seiner Freude höher.
Sie können es sich kaum denken, Phi
neas, wie großartig die Aussicht von mein
nem Fenster jetzt ist; seit acht Tagen beob
achte rch das Wachsen des Wassers; jede-
Morgen scheint es sich einen neuen Kanal
gebildet zu haben; sehen Sie jenen bei dem
Weidenbaume, wie wild er dahinftürzt!
O, wir Bewohner von Norton Bury
sind an Ueberschwemmllngen gewöhnt.
'Aüaren sie bedenklicher Art?
Tie sind es gewesen, aber nicht zu mei
ner Zeil. Doch nun, John, erzählen
s m>r, wie Sie diesen Winter verlebt
haben?
Es war ein kurzer und einfacher Be
richt:
Harte Arbeit den ganzen Tag über vom,
Montag bis zum Sonntag dem einzi
gen Ruhetag so angestrengte Arbeit,
daß für Abend - und Nachtzeit kein
weiteres Schaffen möglich war, weil der
feste, traumlose Schlaf der Jugend die
müden Augen schloß, und den erschöpften
Gliedern die Kraft brachte, am nächsten
Morgen dies schwere Tagewerk wieder zu
beginnen.
Wie aber fanden Sie Zeit, lesen und
rechnen zu lernen?
Gewöhnlich, wenn ich die stille Land
straße entlang fuhr, und hier gab es doch
auch einige müßige Augenblicke; und dann
hatte ich die Sonntag-Nachmittage. Ich
glaubte nicht, eine Sünde zu begehen,
wenn ich
Ganz gewiß nicht, John sagte ich
entschieden. Welche Bücher haben Sie
gelesen?
Alle, die Sie mir schickten: Des Pil
gers Fortschritt, Robinson Erusoe und
Tausend und Ene Nacht. O, das war
wunderschön! rief er mit glänzenden Au
gen.
Weiler keine?
Auch das eine Buch, welches Sie mir
zu Weihnachten schenkten. Ich lifo sehr
viel darin.
Mir gefiel der Ton ruhiger Ehrerbie
tung, in dem er jetzt sprach. Ich freute
mich, daß er es eingestand, ja, daß er nicht
beschämt war, es einzugestehen, er lese
sehr viel" in dem von einem Knaben sel
ten gelesenen Bache die Bibel. Doch
darüber sprachen wir nicht weiter; ich that
keine secnerenFragen an ihn, die mir nach
diesem Geständniß unnöthig schienen.
Und können Sie nun ganz leicht und
geläufig lesen, John?
Das macht sich schon; aber Sie lesen
wohl sehr viel, Phineas? Ich hörte Ih
ren Vater einmal sagen, daß Sie sehr
liug und fleißig wären. Bitte, erzählen
Sie mir, was Sie Alles wissen!
Ach Thorheit!
Doch bat er so dringend, daß ick ihm
willfahrte. Obgleich das Vcrzeichniß
meiner Kenntnisse nur kurz war, so hätte
ich fast gewünscht, es möchte noch kürzer
sein, als ich John's bestürztes Gesicht sab.
Und ich ich kann nur gerade lesen,
und dabei werde ich nächstens fünfzehn
Jahre!
Der Ausdruck vou Beschämung,
schmerz, ja Verzweiflung, welcher in sei
ner Stimme bebte, traf mich mitten in's
Herz.
Es ist doch wahrlich nicht Ihre Schuld,
John, deshalb grämen Sie sich nicht!
sagte ich beschwichtigend, indem ich meine
schwache, unbrauchbare Hand auf seine
kräfiige Rechte legte. Woher sollten Sie
die Zeit zum Lernen nehmen, da Sie von
Kindheit an gezwungen waren, so schwere,
anstrengende Arbeit zu thun.
Aber ich muß ich muß dennoch Vie
les lernen!
Das sollen Sie auch; das Wenige, was
ich weiß, will ich Sie auch lehren!
O, Phineas!
Ein Blick seiner glänzenden, jetzt thrä
nenfeuchten Augen ruhte auf mir —dann
wandle er sich hastig ab und schritt über
den Weg. Bald kam er zurück, mit einem
schlanken, geraden Zweige in der Hand,
den er von einer wilden Rosenhecke ge
schnitten halte.
Sie haben doch eine Rosen-Gerts gern,
Phineas? Warten Sie ein Wenig, bis
ich die Dornen entfernt!
Still ging er neben mir ber, mit sei
nem Taichcnmester an dem Zweige schnei
dend. Auch ich schwieg, aber ich schaute
nach seinem Antlitz, das mir ur im Pro
fil zugewendet war. Nicht nur damals,
sondern beinahe immer konnte ich seine
Gedanken aus dem Ausdruck seines Mun
des errathen; nirgends sprachen sich seine
Empfindungen besser aus, als um diesen
Mund, mit den sestgeschiossenen Lippen,
der so vielsagend war und zuweilen einen
so und. schreiblich lieblichen Ausdruck halte.
Letzterer umschwebte ihn jetzt, und daran
Mannte ick, daß John sich in dieser
Stunde glücklich fühlte.
Wir hatten ten Fuß des Hügels er
reicht.
David sagte ich (denn ich hatte die
Gewohnheit, ihn oft so zu nennen, und
seit er oie schöne Erzählung in der Bibel
gelesen, schien er den Namen zn verstehen
und zu lieben) David, ich glaube nicht,
daß ich den Berg ersteigen kann.
Ja, Sie müssen es ich werde Sie
kräfiig unterstützen, und an der steilen
Stelle trage ich Sie. Es ist so schön
oben, besonders wenn die Sonne unter
geht, und Sie haben gewiß sehr lange
keinen Sonnenuntergang im Freien gese
hen.
Das war die Wahrheit, und so ließ ich
Jobn gewähren, ihn, der meines Lebens
Sonnenstrahl war. Bald standen wir
aus dem Gipfel des steilen Erdwalles, von
dem man nicht wußte, ob es ein durch die
Natur gebildeter Berg sei, oder einer je
ner Ruinen, deren es viele in dieser Ge
gend gab und die aus den Zeilen der Rö
mer herstammen sollten. Dicht unter
demselben, am Fuße eines steilen Abhan
ges, floß die Levern; sie war schon hier
breit und tief, aber sie wurde es immer
mehr, wie sie sich durch eine weite Ebene j
dabinjchlängelte, den blauen Bergen zu, !
welche sich am fernen Horizonte hinzogen- i
Die Levern gewährte hier einen schönen
Anblick, nicht großartig oder überwälti
gend, aber dennoch schön; sie war ein ru
higer, anmuthizer und doch kräftiger Fluß,
der langsam und sicher durch das Land
strömte und gleich dem Leben eines guten,
tüchtigen Menschen Segensbrachte, wohin
er kam.
Ich fragte John, ob er die Seoern noch
immer so liebte, und er bejahte es aus
voller Seele -
Was ist das? rief er plötzlich, indem er
mich auf eine Erscheinung aufmerksam
machte, die ich nicht oft auf unserem Flusse
gesehen. In der Mitte des Stromes
thüemte sich eine Wassermasse von drei bis
vier Fuß Höhe wie eine Mauer aus.
Es ist das „Schwellen," wie man hier f
zu Lande sagt. Ich habe es schon zuwei-
ten an der Severn geiehen, wenn die jee- i
wärts fließende, rechende Strömung mit i
oec Springsluth zusammentrifft. Welche
Fülle von Schaum es bildet, wie es
sprüht und lobt gleich einen wildem Eber! '
Es wird auch oft der Fluß-Ever genannt !
Aber es ist ja doch nur eine große
Welle.
Groß und mächtig, um ein Boot zu
verschlingen.
Während ich noch sprach, sah ich zu
meinen Entsetzen, daß sich wirklich ein f
Boot auf dem Wasser befand, in welchem i
zwei Männer sich vergeblich bemühten, der
herannahenden Flnth auszuweichen.
Es kann ihnen nicht glücken sie wer
den ertrinken! O, John! Ries ich ver
zweiflungsvoll.
Er war schon von meiner Seile fort,
und sich an Ginsterhüschcu und Gras ent
lang helfend, kietterie er den steilen Ab
hang zum Rande des Flusses hinab.
Es war ein ichrecklicher Augenblick, mir
stand der Athem still. Tie Zluth wälzte!
sich langsam vorwätts, wobei sieden ruhi
gen, klaren Fluß in einen Strudel und
Wirbel kämpfender Strömungen verwan
delte, durch die kein Boot sich retten
konnte, am wenigsten dieser kleine Nachen
mit seinem schwankenden Segel. In dem
Boole befand sich ein junger Mann, Ri
chard Brithwood, der mir bekannt war,
und ein fremder Herr. Sie arbeiteten
mit allen ihren Kräften und es gelang ih
nen wirklich, aus der Mitte des Stromes,
doch nicht nahe genug an's Land zu kom
men; es trennte sie nur noch eine kurze
Strecke von dem „Fluß-Eber".
schwimmt doch! hörte ich Einen dem
Anderen zurufen, aber Schwimmen würoe
sie in diejem Falle nicht gerettet baden.
Holla! rief John mit aller Macht sei
ner kräftigen Stimme werfen Sie mir
das Tau zu und ich will Sie an das Land
ziehen!
Es war ungeheure Arbeit, es schauderte
mir, ihn bis über die Kniee im Wasser za
sehen doch seineMühe fand ihrcnLobn.
Beide Herren sprangen gerettet an das
Ufer. Tllr jüngere machte verzweifelte
- Anstrengungen, auch sein Boot zu retten,
aber dies war unmöglich. Schon hatte
! der Strudel es eifaßt, das Tau zerriß wie
ein Spinngewebe, das schmucke weiße
: Segel wurde in's Wasser geschleift, kam
noch einmal auf die Oberfläche und flat
terte zersetzt umher dann verschlang
die Tiefe Alles.
Mein schönes Boot! rief der junge
Mann bedauernd.
Ein schwerer Verlust, im Vergleiche da
zu, daß wir unser Leben bätten einbüßen
können, sagte der 'Andere mit scharfem,
sarkastischem Tone. Es war ein kränklich
aussehender Herr in schon vorgerückten
Jahren, in tiefe Trauer gekleidet, dem
das Leben gerade keine besonders ange
nehme Sache zu fein schien, obwohl er,
nach seinen Worten zu schließen, dennoch
Werth daraus legte.
Beide begannen, den Hügel zu erllim
! men, ohne John Halifar weiter zu beach
ten. Plötzlich wandte sich der ältere Herr
mit der Frage um:
Wer aber zog uns an's Land? Wa
ren Sie eS, mein junger Freund?
John, der seine mit Wasser gefüllten
Stieseln leerte, erwiderte ruhig:
Vermuthlich war ich es.
Wie viel verdanken wir Ihnen?
Nicht mehr, als eiu Kronenthaler be
zahlen wird, sagte der junge Brllhwood.
Ich kenne den Burschen, Vetter March,
ec arbeitet in Ab-lFletscher's Lohgerberei.
Unsinn! entgegnete Herr March, wäh
renv er John mit einem gütigen, halb
kummervollenßlick betrachtete. Unmöglich!
wiederholte er noch einmal, dann fuhr er
fort: Junger Mann, ich bitte Sie mir zu
sagen, wem ich so tief verpflichtet bin?
Mein Name ist John Halifar.
Gut, aber was sind Sie?
Herrßrithwood hat es schon gesagt; er
kennt mich, ich bin in Abel Fletscber's
Lohgerberei beschäftigt.
Diese Antwort schien den Fragenden
nicht nur zu überraschen, sondern auch zu
enttäuschen. Er wandte sich ab, als habe
er seiner Würde etwas vergeben.
Ich sagte es ihnen ja, Vetter, rief Ri
chard Brithwood lachend. Er maß John
vom Kops bis zu den Füßen. Heisa,
mein Junge, Du hast Dich herausgemacht
und Deine schmutzige Jacke mit einem bes
seren Rocke vertauscht, aber trotzdem er
kenne ich Dich als denselben Burschen,
welcher den Karren mit den Zellen führte,
und den ich einmal beinahe überfuhr ja
ich habe ein gutes Gedächtniß.
Ich auch! rief John heftig, fast dro
hend.
Des jungen Mannes Lachen klang
noch beleidigender, endlich mäßigte er sich
und sagte:
j Wohl, Du haft mir für einen schlechten
Dienst einen guten erwiesen da, hier
ist ein Goldstück dafür. Er warf es ihm
zu, doch John ließ es ruhig zur Erde fal
len und dort liegen.
Nicht doch, Richard! Ries der ältere
l Herr verweisend, der trotz Allem ein fei
! "er, gebildeter Mann war. Er stand in
tiefen sinnen da, dem Anscheine nach von
den widcrstreitendsten Gefühlen nnd Ab
sichten beherrscht. Endlich sagte er zu
John Halifax:
Mein guter Freund, nimmer werde ich
Ihre und den mir geleisteten
Dienst vergeffen. Es würde mich freuen,
wenn ich jemals elwas sür sie thun tonnte;
bis dahin nehmen Sie diese Kleinigkeit
als einen Beweis meiner Dankbarkeit!
Bei diesen Worten ließer etwas inJohn's
Hand gleiten.
Mir einer Verbeugung gab John daS
Geld zurück.
Der Fremde blickte ibn verwundert an.'
Noch ein freundliches Drängen seinerseits,
dem eine bescheidene, aber feste Weige
rung entgegentrat, dann steckte er die
Gokdllüche in seine Tasche, während sein
Blick unverwandt an Johii's stolzem, glü
bendem Antliy und seiner schlanken, kräf
tigen Gesteck: hing.
Wie alt >ind Sie? fragte er endlich.
Fünfzehn Jahre werde ich nächstens.
Ein Seufzer, der, wie es nur schien,
durch eine Erinnerung, eine Aehnlichkeik
hervorgerufen wurde denn er schaute
mit zu großem Interesse auf John hob
die Brust des Fremden; dann schickte er
sich zum Gehen an, kehrte aber noch ein
mal um und sagte:
Ich heiße Mirch-Henry March; wenn
ich Ihnen jemals einen Dienst
Ich danke Ihnen, mein Herr! Guten
Morgen! erwiderte John.
Leben Sie wohl!
M schien es, als wollte er John seine
Hand reichen, doch entweder sah es dieser
nicht oder er wollte es nicht bemerken. So
gingen die beiden Herren von bannen;
doch ans dem Gipset des Hügels ichaule
der Fremde sich noch einmal nach John
um; dann entschwanden sie unseren Blik
ken.
Gut, daß sie fort sind, jetzt wollen wir
es uns behaglich machen. John warf sich
j meber an meiner Seite, rang seine nassen
I trumpfe aus und lachte über meine
I Angst, daß er sich erkälten könne, und über
meine Empörung über Richard Brith
wood's Betragen. Ich saß dicht in mei
ne Mantel gewickelt und sah ihm zu, wie
er mit der Ruthe, welche er von der Hecke
geschnitten, allerlei Kreise in den Sand
zeichnete. Plötzlich erfaßte mich eine
lichte Idee.
Geben Sie mir den Stecken, Jchu, Sie
sollen setzt die erste Schrcibcslnnde haben!
So zeichnete ich ihm in dem weichen
Kiesboden die Buchstaben des Alphabete-Z
vor, lehrte ihn sie nachzubilden und an
einander zu reihen. Er lernte schnell
so schnell, daß sehr bald das schlichte
Schreibebuch, welches Mutter Natur uns
freundlichst zu unseren Uebungen kiel), in
allen Richtungen hin mit „I, O, H, N
John" bedeckt war.
Bravo! Ries er fröhlich, als wir uns
aus dem Heimwege befanden, indem er
seine Riesenfeder ichwang, die ihm so gute
Dienste geleistet: Bravo! Heute habe ich
etwas gelernt!
Als wir die Brücke, welche über den
Avon sührte, erreichten, standen wir still,
das Walser zu betrack ten; es war selbst in
dieser kurzen Zeit beträchtlich gestiegen;
wieder halten sich neue Kanäle gebildet
und stürzten brau end dahin. Tie Macht
des entiesselreu Elementes bot einen ge
! waliigcn Anblick. Ein alterWeidenbaum,
unter dessen Schatten ich oft gesessen und
! das Kommen der ersten Wiesenblumen de-
I lau'cht hatte, stand jetzt inmitten eines
> reißenden breiten Stromes. Tie Flutben
rauschten heran, dämmen sich unwilliz
über das Hinderniß, welches die großen,
gewaltigen Wurzeln ibnen in den Wez
stellten und waren eifrig bemüht, es zu be
. fettigen. Es war leicht ersichtlich, daß
> wenn das Wasser nicht sie!, in einigen
l Stunden nichts mehr von dem alten, schö
! ncn Baume übrig sein werde.
Dieser Anblick gefällt mir doch nicht,
I sagte Jobn nachdenklich, während sein
scbarses Auge den Laus des Flusses und
die Lage der Hauier und Werften am User
überschaute. War das Wasser ickon in
. früheren Zeiten so bcch, Pbmeas?
Ich dächte dock, ich hätte es schon so ge
sehen. Kein Bewohner von Norton Bury
ängstigt sich darum. Mein Vater sagt,
es tomme vom tchncllen Schmelzen der ge-
wältigen Schnecmassen, nnd er muß es
i wissen, denn da feine Lohgcrlcrei dem
Flusse so nahe liegt, bat er Gelegenheit
- genug gehabt, Erfahrungen darüber zn
sammeln.
An das GeHöst dachte ich gerade, crwi
i derte John ernst. Doch wir wollen hin
' eingehen, es wird zu kalt sur Sie.
j Er bracht: mich sicher bis zu meiner
i Hausthür, an der wir freundlich, nein,
herzlich von einander schieden.
Wann kommen Sie wieder, John?
Sobald mich Ihr Vater schickt.
Also fühlte auch er, daß unser Umganz
sich daraus beschränken müsse. Keiner
Heimlichkeit, keiner Ausvringlichkeit
selbst nicht um der Freundschaft willen
i war John Halifax sähig.
Mein Vater kum an diesem Abende
spät nach Hause; er sah crmüdet und sor
genvoll aus. Anstalt zu Bette zu gehen,
! setzte er sich mit seiner Pfeife am Kamine
nieder.
Ist der Fluß noch immer im Steigen,
Vater? kann er der Lohgerbei Schaden
zufügen?

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