OCR Interpretation


Der Deutsche correspondent. [volume] (Baltimore, Md.) 1848-1918, May 01, 1874, Image 2

Image and text provided by University of Maryland, College Park, MD

Persistent link: https://chroniclingamerica.loc.gov/lccn/sn83016118/1874-05-01/ed-1/seq-2/

What is OCR?


Thumbnail for

Ter Teutsche Corrcspoudntt
Baltimore, l. Mai i 74.
Die projcktirte Grwciterung der
Ttadtgrcnzen. - Gin Wort an
die Geflner dcr Annexation.
Die längst nothwendig gewoldüic Erweite
rung der Stadigrcnzcn stößt bei Vielen von
Denen, deren Aniiexation b.abfichrigl ist, aus
lebhaften und erbitterten Widerstand, und lei
der müssen wir auch viele Teutsche unter den
Gegnern sehen. j
Das einzige Argument, welches von den
Wortführern in dieier Campagne gegen die
Stadt gebraucht wird, und das Einzige, wel
ch:s überhaupt gebraucht werden kann, sind
die höheren Steuern.
Sehen wir, ob cS stichhaltig ist.
Gcraoe in der Steuerfrage hat die Gesetz
gebung, resp, die Stadt, eine Liberalität ge
zeigt, welche die größte Anerkennung ver
dient. Denn alle Stenern des an
ucklirten Gebietes werden ans
10 Jahre nur die Hälfte dcr ei
gent liche ii Stadtstcucrn betra
gen. Tie zahlreichen Arbeiter werden da
durch gcschrecit, daß man ihnen sagt: „Eure
Hausmicthen werden infolge der höheren
Steuern beträchtlich steigen." Dieses ist ein
Betrug von Seiten dcr Gegner nnsetcr
Stadt.
Wir wollen hier die Rechnung machen.
Ein Arbeiter wohnt bekanntlich nie in einem
Palaste. Tic Turchschittttsmiethe einer Ar
deiterfamilie kann auf S 8 pro Monat veran
schlagt werden. Dieses repräseutirt ein Sten
erkapital von K6OO, aus welches im County
etwa K 3 Steuern bezahlt werden. Im Falle
der Annektirung werden die Stenern infolge
der liberalen Bedingungen kaum erhöht, denn
es ist ausdrücklich vorgeschrieben, daß das
Bcsitzthum nur zur Hälfte seines Baarwcr
thes besteuert wird und kein Bürger, der mit
seiner Real oder persönlichen Habe in den
Stadtverband tritt, mit derselben für irgend
eine alte oder neue Stadtschnld zu hasten hat.
Dieses thut dar, daß sich die Stadtfteiierin dem
annektirtcn Bezirke auf 57 Cents pro 100
stellt, was nur 4 Cents mehr ist, als die
Eotnuysleucr beträgt. Wenn also wirklich
eine Erhöhung stattfindet, so beträgt dieselbe
jährlich 25 Cents aus ein Häuschen im Werthe
von K6OO und der Eigenthümer des Hauses
kann infolge Dessen die Miethe nicht um 25
Cents pro Monat, geschweige denn um einen
Dollar steigern. Diese Mlelhesteigcruiig ist
ci blinder Schreckschuß, um Solche zn tän
scheu, welche nicht nachdenken. Ucbcrhaupt ist
cs eine irrige Annahme, zu glauben, daß sich
dieHaustittclheii nach dcr Steuer reguliren;
dieselben werden durch die Nähe des Mittel
Punktes dcr Stadt rcgulirt. Wir kennen
zwei Häuser an dcr nördlichen Stadtgrenze,
zwischen denen die jetzige Grenzlinie hindurch
führt; beide gehören einem Eigenthümer und
beide sind vermiethet; das Eigenthümliche ist,
daß beide sogar gleiche Miethe zahlen. Ter
Bewohner des County-Hauses würde höch
stens ausgelacht werden, wenn cr das Argu
ment machte, daß cr weniger Miethe zu be
zahlen brauche, als sein städtischer Nachbar,
weil die Steuer auf das Haus niedriger sei.
Ein Haus am Broadway ist billiger, als
eins am Mount Vernoii-Sqanrc, und ein
Haus an der Ehcsapeakestraße kostet weniger,
als eins am Broadway, aber die geringere
Steuer ocS Letzteren giebt nicht den Maßstab
ab. Laßt die Chcsapcnkestraße eine Verkehrs
Straße werden, laßt Dampfer mit Einwan
derern in dcr Nähe landen, und die Miethen
werden steigen, wie ein Teig mit guter Hefe,
oder wie das Barometer bei schönem Wetter,
selbst wenn die Conntysteuern sich gleich blei
ben, oder gar verringen werden sollten.
Wir wollen aber annehmen, daß die Stad
t wirklich die Miethe einer Familie im
Jahre um H 3 steigern würde; das wäre ein
Ausschlag von 25 Cents pro Monat. Dafür
bietet die Stadt so viele Vortheile uns Be
quemlichkeiten, welche für den unbemittelten
Mann geradezu unbezahlbar sind. Zum
Beispiel bessere, ja geradezu gesagt, die be
sten Schulen, während dasConnty die schlech
testen Uiiterrichls Anstalten hat. Die reichen
Grundbesitzer, Fabrilanten und Kapitalisten,
welche den Arbeiter veranlassen wollen, gegen
Aiincxation zu stimmen, leiden nicht mitcr
dem Fluche schlechter Schulen. Sic schicken
ihre Kinder in Institute und Pensionate; aber
das Arbeite:lind, dem eine gnteSchulbilduug
noihlhut, leidet darunter, und Viele von De
nen, welche jetzt in den Jahren stehen, daß sie
lernen müssen und später mit den ungleich
besser unterrichteleii Kinde des städtischen Ar
beiters den Kampf iim'sDasein antreten, win
den sagen: „Ich löniite dieselben Fähigkeiten
haben, wenn mein Vater vor Jahren nicht
gegen dieAniicxation gestimmt hätte." Von den
übrigen Vortheilen, Gas, Wasser, Polizei
nnd Feuerschutz zc., gar nicht zu reden.
Viele Deutsche in den Vorstädten werden
das 'Argument machen, daß man nach der'Au
ncxation gegen die Wirthschaften am Sonn
tag strenger sein werde; auch das ist eine Il
lusion. DaS Gesetz befiehl für die Stadt und
für das Connth, die Vollstreckung desselben
hängt von den Beamten und den Nachbarn
ab; wir keimen im Herzen der Stadt Häuser,
welche man amSonntag eben so gut besuchen
kann, wie die Plätze an dcr Stadigrcnze, da
gegen wird in dcrStadt niemals eine „Local-
Option" durchführbar sein, wie sie bereits in
Woodbcrry und anderen Orlen des CounticS
besteht und bei den Tempcrenzmucken unserer
Vettern vom Lande noch für andere Gegenden
beschlossen werden kann.
Bisher hat 'an die Vorstädtcr als halb zur
Stadt gehörig angesehen; man hat sie ihre
Kinder in schicken lassen, man
hal ihren Lastwagen, Bier- und Milchwagen
freie Passage gestattet, man hat im Falle von
Ruhestörung bereitwillig Polizei unv bei
Fcucrsbrünstcn die Spritzen geschickt. Dieses
würde in Zukunft erschwert werden. Wenn
dieLeute absolut nicht zur Stadt gehören wol
len, so kann man cs derStadl nicht übel neh
men, wenn sie dieselben in jeder Hinsicht als
Fremde behandelt und sie sür alle bisher frci
genossericn Vergünstigungen bezahlen läßt.
Die Metzger, Vraucr, Fabrikanten:c., deren
Geschäfts-Interesscii in dcr Stadl liegen, die
aber an der Grenze der Stadt wohnen und
dort ihre in dcr Stadt abzusetzenden Artikel
sabrizircn, wird man künftig für ihre Privi
legien bezahlen lassen und man wird es den
Stadtbehördcn nicht verdenken können, wenn
sie die Herren so besteuern, daß ihnen das Ver
gnügen, imLande zu wohnen, theuer zu stehen
kommt; denn in dcr letzten Instanz wird die
Stadt als die mächtigere doch Sieger bleiben.
Wer kann es verwehren, wenn sie z. B. jedem
Metzger, der in dcrStadt seinFlcisch verkauft,
aber im Lande wohnt, eine Extrastcuer von
HlOO oder mehr auscrlegt, wenn sie ferner an
gewissen Straßen von 'den hereinkommenden
Fuhrwerken einen Straßenzoll erhebt?
Und das wird sicher geschehen. Tie An
nexation kann aus zwei Jähre hinausgeschoben
werden und dann wird sie die Gesetzgebung
doch beschließen müssen, aber die Stadt wird
künstig nicht bereit sein, ihren Mußbllrgern
bei der Besteuerung irgendwelche Vortheile zu
gewähren. Man beachte cs wohl, daß in der
Gesetzgebung nur die Delegation von Balti
more - County gegen eine Annexation war,
daß die Stadl also Einstig im Stande sein
wird, ein weit ungünstigeres Gesetz durchzu
setzen.
Wir rathen unsern Leiern im Lande, sich
die Sache genau zu überlegen und sie werden
dann immer finden, daß sie Reiche und
Arme bei dcr jetzigen Anncxatiou mir ge
winnen, aber 'Nichts verlieren können. Wenn
einmal die Zeit kommt, daß das Eigenthum
an den äußeren Stadlgrciizen vollbesteucrl
wird, dann wird es auch jedenfalls bedeutend
im Werthe gestiegen sein; diese Wcrthsteigc
rnng wird aber nicht stattfinden, sondern in
vielen Fällen in ein Sinken dcr Werthe um
schlagen, wenn die Stadt die angcdrohlen
Beschränkungen wirtlich einführt.
Die Erweiterung des Stadtgebiets
Tie Agitation für die bevorstehende Ab
slimmlingi in welcher unsere Nachbarn rund
um die Stadt für oder gegen Anschluß von
Baltimore zu entscheiden haben, wird rüstig
weiter betrieben: wie cs uns scheint, hat sogar
die AusaugS in viele Kreisen gegen Balti
more herrschende erbitterte Stimmung ruhi
geren Ansichten und Anschauungen Platz
gemacht. Ter Grund liegt sehr nahe. Tie
G.'gner des Anschlusses haben nur ein Argu
ment, welches außerdem, daß es den Stem
pel der crassen Selbstsucht au der Stirne
trägt, noch keineswegs ein stichhaltiges ist.
Die Gründe der Stadt sind zahlreich und ein
leuchtend.
Senator Davis von Baltimore - County,
dcr Vorkämpfer gegen Erweiterung der Stadt
grenzen, thut nachgerade seiner Sache durch
seine erbitterten Reden den größten Schaden.
Wenn dcr alle Ton Onixotte behauptet, daß
die Gesetzgebung kein Recht hatte, das betref
fende Gesetz anzunehmen, daß dasselbe ein
Betrug und ein Schwindel war, so macht cr
sich nur selbst lächerlich. Tie Bill wurde im
Senate mit allen gegen eine Stimme ange-
nomine, und diese cnie Stimme war die des
Hrn. Davis; im Hanse stimmten außer den
fünf Vertretern von Baltimore Eouniy nur
noch drei Personen dagegen; Hr. Davis be
hauptet demnach, daß außer ihm und seinen
acht Freunden in der ganzen Gesetzgebung
kein ehrlicher Mann war, und da der Gouver
neur die betreffende Bill auch noch unterzeich
net hat, so muß auch dieser sich zu den Schur
ken zählen.
Dre Bewohner der Vorstädte werden hof
fentlich das wüste Geschrei über Betrug, er
höhte Steuern :e. nicht beachten. Die Stadt
verlangt keine Gefälligkeit von ihnen, indem
sie fordert, sich dem Stadtvcrbande anzu
schließen. Tic Leute müssen selbst sehe, auf
welcher Seite - um eine landläusige Phrase
zu gebrauchen ihr Brod gebuttert ist. Hier
steht eine Munizipalität, von welcher sie jähr
au, jahrein leben, deren materielles Interesse
ihr Interesse ist, deren Fortschritt und Rück
schritt sich ihnen fühlbar macht; dieselbe ver
langt, daß sich die Vorstädte mit ihr vereini
gen, und verspricht ihnen dafür Schulen, Po-
Uzeljchutz, Feuerschutz, Wasser- und Gaö-Be
quemlichkeiren, c-xtraßenreparatur zc., ohne
d,ß sie in den nächsten Jahren Befürchtung
,n hegen brauchen, daß ihre Steuern erhöht
werden. Dort steht ein Ackerbau - Distrikt,
welcher mit den Baltimore? Vorstädten Nichts
gemein hat, als daß er ihnen ihre Steuern
abnimmt; er speis't weder das Fabrik-Inte-
reffe dieser Vorstädte durch seine Stape'pro
dntte, noch sördcit er die Gewerbe derselben
durch einen entsprechenden Eonsrim; er nimim
nur die Steuern dieser Leute und verwende'
dieselben nach Gutdünken zu Eoiimy
zwecken. Wenn die Vorstädter geschützt zei
wollen, müssen sie sich selbst schützen, wollen
sie Gas brennen, so müssen sie sich Prmai
Gaswerke bauen; ihre Versicherungsratc
sind höbcr, ihr Eigenthum ist mchrin Gcsahr
ihre Straßen sind in miserablen, Zustande
und wenn sie ihren Kindern eine gm? Schul
bildung geben lassen wollen, sö müssen sie
dieselben in Privat'chulcn schicken.
Dieses können jetzt die Vorstädter mit ei
nein schlage ändern.
Man bedenke wohl, daß nur die großen
Fabrik Inl.rcsseii dcr Vorstädte, die Politiker
vo Towiontowii und die Slörefriedc. welche
befürchten, in ihren Vergnügungen von der
Polizei behelligt zn werden, gegen eine Er
weiterung dcr Stadtgrenzcil sind. Die Ar
bcitcr imd Handwertcr, welche noch dagegen
sein dürfte, haben ohne Zweifel die beiden
Seilen der Frage nochjnichi in Betracht gezo
gen.
Die Grpatriations - Bill im
Repräsentantenhaus?
Tie ExpatriationS-Bill des Congrcßmit
glicdes und ehemaligen Bundesaiiwaits Hoar
von Massachusetts, der noch aus
die Scnatorstelle rcslektirte, aber durchfiel, hat
im Uiitcrhause schon verschiedene Reden und
Debatten veranlaßt, aus denen deutlich zu
sehen ist, daß dieser ungerechte Gcseyvorschlag
ziemlich allgemein gebilligt wird. Das ein
gewanderte Element, resp, das amerikanische
Adoptiv-Bürgcrthlttii, hat bisher nur einen
Fürsprecher gefunden, nämlich den New-
Vorkcr Repräsentanten S. S. Cox. Dieser
hielt am 22. April eine längere Rede, in wel
cher cr speziell daraus hinwies, daß durch
diese Bill ein Scklng gegen die deutsche Ein
wanderung geführt werde. Gleich bei'm
Beginne seiner Rede spendet Hr. Cox den
Deutschen großes Lob, indem er sagt:
„Diese merkwürdige Bewegung aus frem
den Ländern von einer Seile unseres Pla
neten aus die andere, und besonders jetzt die
Einwanderittig von jener Völker-Pslanzschule,
Deutschland, in dieses Land und alle anderen
Länder ist da Wunder der Welt. Die
Deutschen überschwemmen nicht nur Neu-
Secland, Australien und Südamerika, son
dern sie nehmen Besitz von England selbst.
Sie besorgen nicht nur die Geschäfte Eng
land's, sondern durch ihre Thätigkeit uiid
ihren vcrtrauenSwcrthen Charakter machen sie
Ncw-Aork dem gesunden Sinne und Fleiße
des deutschen Volkes tributpflichtig."
Nachdem dcr Redner daraus hingewiesen,
daß der Gesetzentwurf in der deutschen Presse
besonders scharf kritisirt worden sei, fährt er
fort:
„Dieses Gesetz ist besonders in Betreff zweier
Punkte verwerflich: Erstens erkennt cs den
alten feudalen Grundsatz der Beaufsichtigung
amerikanischer Bürger im Auslande durch
diplomatische und Consular Agenten an, und
Zweitens macht es die Fortdauer des ameri
kanischen Bürgerrechts von einer Beaufsichti
gung abhängig und verfügt den Verlust die
ses Rechtes als eine Strafe des Ungehorsams
gegen diese Anordnung. Die Frage, die hier
entsteht, ist nicht über das Recht, sich seiner
Nationalität zu entäußern, sondern das Recht
der Regierung, einer Person, die durch Gc
burt oder Wahl Bürger geworden ist, ihr
Bürgerrecht zu entziehen, die Freiheit ihrer
Bewegung zn beschränken und sie gegen ihren
Willen zu entrechten, wenn sie sich nickt diesen
willlürlichei! Bestimmungen fügt. Dieses
Recht zuzugestehen, hieße einräumen, daß das
Bürgerrecht unter gewissen Umständen von
der Gnade dcr Regierung abhängig sei; daß
es in ihrem Belieben stehe, dem Bürger ihren
Schutz zu verleihen oder denselben zu vcrwei
gern. Eine solche Auslegung der Autorität
der Regierung über das Bürgerrecht ist durch
aus unhaltbar, und auf derselben allein kön
nen die Hanptbesittiiiittttigeil des vorgcschta
dcncn Gesetzes vertheidigt werden."
Sodann wird dargelhan, daß die Bill
augenscheinlich beabsichtige, das Gesetz vom
27. Juli zu widerrufen.
Dcr zweite Paragraph jenes Gesetzes be
stimmt, „daß olle iialiiralisirtcn Bürger dcr
Vereinigten Staaten von dieser Regierung
denselben Schutz ihrer Person und ihres Ei
genlhnnis erhallen sollen, welcher den cingc
borncti Bürgern unter denselben Verhältnissen
gewährt wird." Ter dritte Paragraph be
stimmt, „daß wenn der Präsident unterrichtet
wird, daß irgend ein Bürger der Vereinigten
Staaten durch eine fremde Regierung senior
Freiheit beraubt wird, es seine Pflicht sein
soll, sogleich die Forderung zn stellen u. j. w."
Kein Unterschied wurde damals zwischen cin
gcborncii und naturalisirtcu Bürgern gemacht;
noch ist einer der Letzteren davon aiisgcnom
mcn, wenn er nach seiner Heimath zurückkehrt.
Die Rechte Beider werden als vollkommen
gleich hingestellt. Tie Pflicht des Präsiden
ten ist dicsrlde gegen den Einen, wie den An
dern. Nun vergleiche man damit die folgende
Bestimmung des zweiten Paragraphen des
neuen Gesetzes, über welches berathen wird.
„Drittens sollen folgende Personen als nicht
unter dcr Jurisdiktion der Vereinigten Staa
ten stehend betrachtet werden: Naturnkisirlc
Bürger der Vereinigten Staaten, welche nach
den Bestimmungen eines Vertrages angesehen
werden, als wenn sie ihre ursprüngliche Na
tionalität wieder angenommen hätten oder
welche, üach ihrer Heimath zurückgekehrt, eines
Vergehens gegen die Gesetze des Landes, des
sen sie sich vor ihrer Ankunft in den Vereinig
ten Staaten schuldig machten, überführt wer
den, und natni alisirte Bürger der Vereinigten
Staaten, welche sich in ihrem Geburtsland?
niederlassen, außer wenn durch Vertrag an
derweitig verfügt wird."
Hieran ankiiüpsend, fährt Hr. Eox fort:
„WaS soll das heißen? Es ist in Deutschland
ein Vergehen für einen Mann, sich dem Mi
litärdienste zu entziehen. Ein solch' fürchter
liches Verbrechen wird natürlich begangen,
che er Deutschland verläßt. Der Mann ist
ein Bürger dieses Landes geworden, cr hat
alle Verpflichtungen gegen jeiue Heimath ab
geschworen, aber wenn er zurückkehrt, wird cr
entnatioiwlisirt. In einigen Theilen Deutsch
land's, glaube ich, machen die Bürger sich
eines Vergehens schuldig, wenn sie (ohne gc
wisse Formalitäten, resp, ohne Regicrungs-
Erlaubniß,hätte dcr Redner hinzusetzen >ollcn.
R. des „Corresp.") auswandern. Ohne aus
diese Punkte werter einzugehen, muß ich fra
gen, ob diese Bestimmungen nicht einen ganz
entschiedenen, iliigercchtcn, schädlichen und
ganz unamerikaniichen Unterschied zwischen
elngebore.icn und naturalisirten Bürgern, und
zwar zum Nachtheile der Letzteren machen?
Ist daher nicht die Annahme gerechtfertigt,
daß diese Bill für den speziellen Zweck vorbe
reitet wurde, die Rechte der naturalisirten
Bürger, welche in's Ausland gehen, zu ver
kürzen ? Was für eine Nothwendigkeit liegt
sür ein solches Gesetz vor? Ist die amerikam
sehe Republik so schwach geworden, daß sie im
98. Jahre ihrer Existenz ihre Unfähigkeit und
selbst ihre Unlust erklären muß, jene ihrer
Bürgerin ihren Rechten zu beschützen, die
zwei Jahre von ihrem Boden abwesend sind?
Widerspricht diese Gesetzgebern nicht dem
Geiste der Akte von 1868? Widerspricht sie
nicht dem Geiste, welcher die Naturalisutions
gesctzc seit dem Beginne unserer Regierung
belebte? Was die Absicht jener Gesetze war,
hat am General Eaß, damaliger
Slaats-Seiretcir, in seinen Instruktionen an
Gouverneur Wright, den amerikanischen Ge
sandten in Preußen, ausgesprochen. Diesel
ben sind vom 8. Januar 1859 datirt, und in
denselben jagte dcr greise amerikanischeStaats
mann:
~.,Ini Augenblicke, wo ein Fremder natu
ralisirt wird, ist sein Verband mit seinem Hei
maihlaiid für immer gelös't. Er erfährt eine
politische Wiedergeburt, eine breite und nn
iiberschreitbcire Linie trennt ihn von seincm
Hciii'.alhlaudc. Wenn er nach seiner Heirnath
zurückkehrt, so thut er dies als amerikanischer
Bürger und nicht anders.""
Dcr letzte Satz bezeichnet klar und entschie
den die amerikanische Doctrinc, ans welche
sich Lord Tenlerdcn in seincm Memorandum
über Naturalisation, welches im März 1863
erschien, bezicht.
Hr. Ecx vcrwcis't darauf, welche Schmie
rigkette es gekostet habe, die britische Regie
rung zur Annahme dcr amerikanischen Ansicht
zu bekehren, und findet es sehr sonderbar, daß
man im Begriffe steht, jetzt diese Auffassung
fahren zu lassen.
Die Rcde geht jetzt näher aus die Hebel ein,
welche in Bewegung gesetzt worden sind, um
diese Bill vor den Eoiigrcß zu bringen.
„Ich glaube, -- sagt Hr. Cox, D
bis weil über den Ocean hinaus die wahre
Ursache und Quelle dieser beabsichtigten reak
tionären Gesetzgebung erkennen. Man müßte
sich nicht verwundern, wenn es sich heraus
i stellen würde, daß diese Bill im Interesse jener
Politik eingegeben worden wäre, welche die
Auswanderung von Teutschland nach den
Ver. Staaten und die 'Naturalisation deut
scher Emigranten zu hintertreiben und un
populär zu machen wünscht. Ter Expatria
tionsvenrag mit dem norddeutschen Bund
dcr sick jetzt auf das ganze Kaisei-rench bezieht
scheint dies zu beabsichtigen. Dcr neueste Post
vertrag zwischen den beiden Ländern scheint
ähnlicher Absicht dienen zu müssen, da er ans
Zeitungen und Broschüren, die in Amerika in
dculichcr Sprache gedruckt werden und in
Deutschland circuliren, höhere Poslraten setzt,
als auf Zeitungen in englischer Sprache. Alle
diese Maßnahmen verfolgte ein und dasselbe
Ziel die Verbreitung der Kenntnisse über
amerikanische Zustände in Deutschland zu ver
hindern. Die vorgeschlagene Bill ist ein An
hängsel ganzen Plane. Sie hat den
Zweck, die Deutsch Amerikaner zu cnlmiithi
gcii, nach ihrer ursprünglichen Heimath zu
rückziikchrcii, ohne im Voraus ant den Schutz
dcr Ver. Staaten und ans das amerikanische
Bürgerrecht zu verzichten.
Der aristokratische Kaiierhof wünscht nichts
weniger, als die Besuche d.r Teutsch Ameri
lauer in Deutschland, die sich hier eine >sei,
malh gegründet haben. Daß ein Mann/der
in seiner Jugend die Heimath als armer
Handwerker oder Bauer verlassen harte, nach
vielen Jahren mühevoller, aber erfolgreicher
Arbeit an dem Ort, wo er seine Kindheit ver
lebte, als ein total veränderter, freier, unab
hängiger Mann wieder erschien,alsein Mann
der vurch sein selbstbewußtes Wesen dem blau
blutigen Adel gegenüber den Beweis leistete
daß das amerikanische System das europäische
weit überrag, das war ein zu beleidigender
Comrast.
So kam es, daß die preußischen Lokalbeam
ten stets von Berlin ans die Ordre erhielten,
in scharfes Auge auf die zurückgekehrten
Teutsch Amerikaner zn haben und sie mil um
so weniger Respekt und mit um so größerer
Strenge zu behandeln, je mehr dieselben mir
irdischen Gütern gesegnet waren. Die Weni
gen, welche arm zurückkehrten und dem Land
Amerika Böses nachsagten, wurden selten bc
'äsiigi, nie wegen der Vernachlässigung von
Militärpflicht zur Strafe gezogen.
Im Gegentheil, diese Leute wurden viel
mehr ermnlhigt.die Geschichte ihrer schlimmen
Erfahrungen und Tänichnngcn zn berichten
und die Behörden waren stets bereit, ihnen zu
helfen. Zurückkehrende Deutsch-Amerikaner
werden stets mit offenen Händen empfangen
und gastfreundlich aufgenommen, voraus
gesetzt, daß sie nicht zn viel vom Republik
uismiiS erzählen. Wenn sie geneigt sind, die
amerikanischen Institutionen' herabzmvürdi
zen, so sind sie. wie ich befürchte, um so will
kommener. Glücklicher Weiie gibt es nur
wenige dieser Art, und für sie bedarf cs weder
des Bancroft'schen Vertrages, noch des vor
ichlagcnen Eongreßgesetzcs'. Aber der natu
ralisirks Bürger, dcr sich mit unserem Land
und mit seinen Institutionen idenlificirt hat,
wird, sobald cr zurückkehrt und sich zweiJabre
in Deutschland ausgehalten hat, als eine Art
Spion betrachtet. Ja, meine Herren, crnmß
sich regislrircn lassen. Er muß sich den Poli
zei- und Consular-Regulationen unterwerfen.
Er muß dies thun, damit er seines amerikani
schen Bürgerrechts nicht verlustig gehe. Dies
ist unser amerikanischer Willkomin! Tics ist
unsere Bill!
Eine große Zahl dcr naturalisirten Bürger
sind mit Recht stolz auf ihre Rationalität.
Die sind cS, über die Baron Mantcussel, Bis
marck's Vorgänger, sich so bitter betlagt:, weil
sie die Eifersucht des Volkes erregen und ihr
anierikaiil'ches Bürgerrecht sogar Angesichts
der Behörden hervorheben. Diese stolzen adop
lirten Bürger bilden einen Theil meiner Con
flitueiitcn. Es gibt nahezu hunderttausend
solcher Deutschen in meinem Distrikt. Sie
kamen ans allen Gegenden Teutfchland's.
Einige unter ihnen verließen Teutschland,
um ihrer sogenannten Militärpflicht zu ent
gehe. Andere waren entrechtet. Manche
würden heute unter neuen RcliqionSeditten
und Gesetzen prozejsirt werden. Der Vertrag
mit Norddcutschland und das vorgeschlagene
Gesetz beabsichtigen, jene dafür zn sträftn,
daß sie geglaubt haben, daß die Naturalisa
tion in den Ver. Staaten das meint, was
darin gesagt wird. Diese glauben nämlich
nicht, daß das Bürgerrecht eine bloße Illusion
sei. Es ist die Classe, welche Gründe hat, das
. Adoptivvatcrland zu lieben. Sie sehnen sich
darnach, den Segen dcr Freiheit, den sie hier
genießen, auch Andern zu Theil werden zu
lassen. Die Politik Preußen' unter Bis
marck und Andern war aber stets bestrebt,
ihre Rückkehr zu erschweren, damit nicht mit
jedem Jahr neue und größere Schaaren deut
scher Einwohner veranlaßt werden, sich ans
dieser Seite des Weltmeeres eine Heimath zn
gründen. Dcr Bancroft Vertrag soll heißen:
„Eine Ueberciiiltttift zur Verhinderung dcr
deutschen Auswanderung nach den Ver. Staa
ten," und die dem HanS vorliegende, vom
Geiste dieses Vertrages gezeugte Bill sollte den
Titel führen: „Ein Gesetz, um die Leu:? von
der Auswanderung nach Amerika abzu
schrecken." Was mich betrifft, der ich hun
derttausend Deutsche hier vertrete, so wünsche
ich, daß alle guten Deutschen nach diesem
Lande kommen, um ihre Bekannten und Ver
wandten, die bereits hier sind, zu begrüßen.
Unsere Racc bedarf d.r Auffrischung, und find
eS nicht die Deutschen, die so außerordentlich
gut gedeihen und sich vermehren? Wer könnte
uns besser Helsen?
Die wahre Politik dieser Republik liegt in
einer Richtung, die dieser Bill entgegengesetzt
ist."
Tic NcbcrsÄwcmmung in
Louisiana.
Um einen Begriff von dcr Größe des Un
glücks zu bekommen, welches der aus feinen
Ufern getretene Mississippi im Staate Loui
siaiia angerichtet hat, braucht man mir einen
Bericht des New - Orlcanscr Unkerstützuiigs-
Comite's zu lesen. Capt. Blanks, ein Mit
glied dcr Hülts Gesellschaft, welcher dicSache
persönlich untersuchte, macht folgende 'Anga
ben:
Es bedürfe der Hülfe am unteren Black
Rivcr 3>>o Personen, in MaideS 500; zn
Wilson am Black River 400; Trinitu am
sertlc River 1200; Harrisonburg t<>> 0; Car
lcr'S Landing 400; Bnnkcr - Hill 1500; Co
liimb!a 2000; St. Albans 1500; Hopcwcll
und Waeo 1000; Monroe 1500; zusammen
>1,600. Die Bewohner jener Gegenden sind
schon seit mehreren Tagen dem gänzlichen
Mangel Preis gegeben. Schon seit n Wo
chen stehen jene Gegenden unter Wasser und
die Bewohner haben alle ihre Schweine und
Schaase und fast all' ihr Rindvieh verloren.
Das Volk hat selbst weder Geld noch Cr-dit,
kcincn Platz wohin cs gehen kann und keinc
Gelegenheit, sich durch eigene Arbeit zu er
nähren. Tie angegebene Zahl schließt jedoch
die Leute nicht ein, die an den llemenßayous
und Erecks, deren Umgebungen cbemalls
überschwemmt sind, wohnen. Die Leute ha
bcn sich zwar allgemein aus trockenes Land
geflüchtet, aber ihren Viehstand, ihre Häuser
und ihre Landverbcsserungcn verloren. Sic
haben weder Proviant noch Geld und die
Aussichten auf die Ernten jener Leute sind so
trübselig, daß ihnen Niemand Lebensmittel
und Vorräthe auf dieselben zu borgen geneigt
ist. Zählt mau jene Leute der oben spccifizi'r
tcn hülslosen Bevölkerung hinzu, dann ergib!
sich in dem erwähnten Distrikt allein cine Ge
sammtmasse von 25,000 Menschen, die der
Hülfe bedürfen. Die „Times" glaubt, daß
5,000,000 Acker Land überschwemmt und eine
Bevölkerung von 178,000 Menschen in dem
Ruin wvolvirt ist. In dcr Baumwoücn-Ne
ziou sind neun dcr größten und reichsten
Baumwolle produzirenden Kirchspiele über
schwemmt. Die Kirchspiele Carroll, More
house, Richland, Madison, Franklin, Ten
sas, Ealdwell, Eoncordia und Catahoula
sind überschwemmt und sie umfassen volle
2,500,000 Äcker. In diesen Kirchspielen sind
250,000 Acker Mit Baumwolle und 100,000
Acker mit Mais bebaut. Diese Berechnung
hat aber nur die großen Plantagen, aber nicht
die hunderte von kleinen Farmen bcrücksich
ligt. Die Bevölkerung jener neun Counttes
besteht ans 20,394 Weißen und 54,033 Ne
gcr. In den Zucker produzirenden Kirchspie
len ist der Ruin und die 'Noth noch größer.
Jene Kirchspiele sind Pointe Coupee, Ost-
Baion-Rouge, West-Balon-Rouge,lbervillc,
Asceusion, Assumptiou, Lafourche, St.
Charles, Derrebonnc und Plaquemines. Tic
Uebcrschwcmntting bedeckt in jenen Kirchspie
len beinahe 2,500,000 Acker cultivirtcs und
unbebautes Land, auf welchen jährlich 30,
000 Hogsheads Zucker und große Quantitä
ten Reis, Mais und die Ernten der kleinen
Farmer prodnzirt werden, die Alles, was sie
an Bich und Vorräthcn besaßen, verloren ha
ben. Die Bevölkerung jener Kirchspiele be
steht aus 50,38 Weißen und 72,241 Negern,
zusammen aus 122,609. Doch kann man
davon die Bevölkerung vonOst-Baton-Nouge
abziehen, da in jenem Kirchspiel nur ein klei
ner Theil von der Ueberschwcmmuiig gelitten
hat. Es bliebe daher immer noch eine hülfs
bedürftige Bevölkerung von 103,609 übrig.
Inden genannten Kirchspielen sind, wie man
glaubt, wenigstens 25,000 Personen, die
wirklich Mangel an den nothwendigsten Le
bensbedürfnissen leiden, und man darf an
nehmen, daß in weniger als 60 Tage mehr,
als 50,000 Menschen in einen Zustand ge
rathen werden, in welchem nur durch aüs
wärlige Hülfe ihre Leiden gelindert werden
können.
Nns Chicago. Schöppc.
Chicago, 23. April. Gestern Nach
mittag wurde vor Richter Williams die Ver
handlung über das Habens - Corpus-Gesuch
Schöppe's fortgesetzt und zwar nach geschlos
jener Beweisaufnahme mit dcr Ausiührunq
des Vertheidigers.
Col. lüssen stützte seine Vertheidiaung
hauptsächlich auf folgende drei Punkte: "
1) Zugegeben, daß das Anslicferungsge
snch des Goitvcrncurs von Illinois an den
Gouverneur von Maryland gültig war und
daß der Angeklagte aus gesetzliche Weise in
den Kreis der Jurisdiktion der hiesigen Ge
richte gebracht wurde, war dann die Verbaf
tung ans die alte Anklage hin eine gesetzliche
Verhaftung?
2) Zugegeben, daß die Verhaftung unter
dcr alten Anklage eine gesetzliche war, kann
unter dieser Verhaftung weiter gegen den An
geklagten vorgegangen werden, da das Aus
liescriiiigsgesuch auf betrügerische Weise und
unter falschen Vorspiegelungen erlang! wor
den war?
3) Zugegeben, daß sowohl der Verhafts-
Befehl unter der allen Anklage, als auch das
AuslicserungSgcsuch gesetzlich gültig waren,
muß nickt der Angeklagte unter den vorlie
genden Beweisen freigesprochen werden?
Heule Nachmittag wurde die Verhandlung
wieder aufgenommen. Richter Williams ent
schied, daß das Gesuch auf Gewährung eines
Habeas-Corpus-BcschleS nicht zu bewilligen
und stützte diese Entscheidung auf folgende
Punkte:
1) Tie Suspendirung des Urtheils sei
nichts weiter als eine gerichtliche Begnadi
gung. Da aber eine Begnadigung durch den
Gouverneur, welche aus betrügerische Weise
und untcrialschen Vorspiclungen erlangt wur
de, ungültig ist und rückgängig gemacht wer
den kann, so stehe es auch in der Gewalt des
Richters, eine Suspendirung des Urtheils,
wenn dieselbe auf betrügerische Weise erzielt
wurde, rückgängig zu machen und das Urtheil
zu verkünden.
2) Schöppc sei thatsächlich ein "tuxiiive
l>om jilstnv" gewesen. Obgleich er durch den
Richter selbst auf freien Fuß gesetzt wurde
und in St. Louis sich ehrlich zu ernähren be
mühte. so müsse man doch annehmen, daß er
die Blosstellung der falschen Aussagen seines
Vaters fürchtete und deshalb noch einem an
deren Staate ging.
Darauf waren Richter und Vertheidiger
darin einverstanden, das; der Antrag, das Ur
theil auszusprechen, noch in diesem Termin des
Criminalgerichts vor Richter Gary gestellt
werde, da Richter Williams im nächsten Ter
min des Criminalgerichts den Vorsitz führen
wird und es nicht billig erscheint, dem Ver-
theidigcr die Gelegenheit zu versagen, vor ei
nem anderen Richter, der die vorliegenden
Fragen noch mchl entschieden, seine Argumen
te ziir Geltung zu bringen. Es sei natürlich
nutzlos, dieselben Argumente nochmals vor
Richter Williams vorzubringen. Hieraus er
widerte der Staatsanwalt, daß er am nach
stein Samstag den Antrag auf Berkünduiig
des Urtheils stellen würde, um Herrn lüssen
nochmals Gelegenheit zu geben, für seinen
Clienten einzutreten. (Fr. Pr.)
Chicago, 23. April. - In dem kleinen
und ichlocht vcntilirteu Zimmer des Kreisge
richtcs, in welchem Richter Williams präsi-
Sirt, wurde dcr 11-il'eas-c'orim Befehl, den
sich Paul Schöppe,->'? I. P. Schulenbnrg,
erwirkt hatte, verhandelt. Der sehr beschränk
te Zuschauerraum war außerordentlich beengt,
da io viel Neugierige, als das Zimmer hal
ten wollte, sich eingefunden hatten, den Ver
handlungen beizuwohnen. Für den Ange
llagicn erschien Herr Ed. lüssen, theilweisc
unterstützt durch Ald. Richardson, sür den
Ztaat Herr Chs. Rced. Schövpe selbst schien
iehr guten Muthes und zuversichtlich zu sein.
Er trug sich scrnpulös sauber gekleidet, haue
den Zwicker am der Nase und folgte den Ver-
Handlungen mit augenscheinlicher Ausmcrk
amkcit und Sachkennlniß.
Dvr zuerst vernommene Zeuge war Joe
Dixon. Durch ihn sollte bewiesen werden, daß
er Schöppe auf Veranlassung des Lokalredak
leurs dcr „StaatSzeitung" in Baltimore ver
haftet habe. Joe Dixon beschwor dagegen, daß
Schövpe in Baltimore bereits verhaftet war,
als cr daselbst eintraf und daß er das Reise
geld und seine Ausgaben von Herrn Wash.
Hesing empfangen habe.
Dcr nächste Zeuge war Pastor Guntram.
Herr lüssen suchte durch ihn zu beweisen, daß
unter den Deutschen das Vorurtheil gegen Je
manden. dcr im Gesängnisse gesessen, gleich
viel, ob schuldig oder unschuldig, ein so be
trübendes sei, daß cs einem solchen Menschen
schwer falle, unter seinem eigenen Namen ein
Fortkommen zu finden und daß es ihm daher
nicht zu verdenken sei, wenn cr einen anderen
Namen annehme. Herr Esunttum erklärte,
Saß es ihm als christlichem Geistlichen anstehe,
jedem Gefallenen hülfreiche Hand zu leihen,
wenn die ernste Absicht der Besserung vor
liege. Im Kreuzverhör erklärte er seinen auf
drei ihm vorgezeigte Checks enthaltenen Na
men für eine sehr gute Fälschung, die jedoch
nicht ganz so gut sei, wie die auf den ersten
Checks, auf welche hin Schöppe's Vcrurthci
lung erfolgte.
Dixon, abermals auf den Zeugenstand
gcruien, erzählte, wie er in den Besitz der in
Schöppe's Besitz gefundenen gefälschten No
tcn gekommen. Dieselben seien in Schöppe's
Koffer gewesen. Einige davon habe Schöppe
nach seiner Verhaftung zerrissen und aus dem
Fenster geworfen. Der Polizcichcf von Balti
more, Gray, habe diese Papiere ihm, Dixon,
in Schöppe's Gegenwart gegeben und Letzte
rer habe dazu nur bemerkt: Er bcdanre, 'so
unvorsichtig gewesen zu sein und diese Papiere
nicht vernichtet zu haben.
Der nächste Zeuge war George Kellner, Be
sitzer der Restauration in Emik'Dietzsch'S Lo
kal. Er beschwor, daß er in den Jahren 186 l
und 1862 Eigenthümer von Kellner'S „Hotel
de l'Enrope" in Berlin gewesen. Er habe das
Hans sür §76,000 vom Grafen von Blanken
see gekauft. Für eine Hypothek, welche auf dem
Hause geruht, habe er Zinsen zu zahlen ge
habt. Paul Schöppe, damals Privatsekretär
ocs Grasen von Blankensee, habe dos Geld
von rhm erhoben und oft bei ihm gegessen. Er
kenne ihn also sehr gut. Paul Schöppe, der
gegenwärtige Angeklagte, sei derselbeSchöppc,
den er damals gekannt habe und dcr in Berlin
wegen Fälschung lUidDiebstahl verhaftet wor
den. Im Kreuzverhör, dem Herr Kellner sehr
scharf unterworfen wurde, blieb cr auf das
Entschiedenste bei seiner Aussage. Er würde
Scböppe, dcr bei ihm ein- und ausgegangen,
noch nach zwanzig Jahren erkannt haben. In
sctnem Lokale hier in Chicago habe Schöppc
seines Wissens nie verkehrt.
Herr lüssen verlas sodann zwei Affidavits
von E. H. Molk, Redakteur des „St. Louis
Courier," und Hern, Reber, einem Beamten
der Post in St. Louis, welche Beide erklären,
daß Schöppe ihres Wissens sich in St. Louis
während seines dortigen Aufenthaltes Nichts
habe zu Schulden kommen lassen.
In langn Rcde führte Hr. lüssen Folgen
des ans: Die Verhaftung Schöppe's auf
Grund der alten Klage sei unzulässig gewesen.
Mir der Entlassung des Angeklagten durch
Richter Williams, gleichviel auf welche Vor
wände hin, sei Schnlcitbnrg dcr Gerichtsbar
keil des betreffenden Gerichts entzogen wor
den. Es ici ein Unding und verstoße gegen
alle Regeln des Landrechts, daß die Freiheit
eines Menschen wegen desselben Vergehens
zweimal in Frage gestellt werden könne." Rich
ter Williams habe ihn mit dcr Bedingung
entlassen, daß cr fortan ein anständiges Leben
führe. Durch die aus St. LouiS verlesenen
Affidavits sei der Beweis geführt worden, daß
cr sein Versprechen gehalten habe.
Wenn in dem Affidavit, auf das hin die
Requisition des Gouverneurs erlangt wurde,
behauptet worden, daß Schöppe ein Flücht
ling vor dem Gesetze sei, so sei das ein Wahn
sinn. Plan könne nicht fliehen, ohne vor et -
wa s zu fliehen. Und es sei Nichts daqcme
scn, vor dem Schöppc zu fliehen nöthig ge
habt, denn die Strafe auf die einzige Anklage
sei ihm geschenkt gewesen. Zudem sei cr erst
drei Atonale später von Chicago abgegangen.
Das Vorfinden der gefälschten Checks in sei
nem Koffer beweise gar Nichts. Jeder Mensch
könne sehen, daß diese jetzt gefundenen Checks
nur die Vorübungen zu den wirklich veraus
gabten Checks gewesen, und daß Schöppe in
der That nur aus Vergeßlichkeit übersehen,
sie zu zerstören. Was sodmm die Behauptun
gen des Hrn. Kellner betreffe, so komme es
ihm sonderbar vor, daß derselbe nach zwölf
lahren einen vom Jüngling zum Manne hin
angcrciften Mann wiedererkennen wolle. Und
angenommen nun, cs sei derselbe Schöppe.
Wo stehe cö fest, daß cr in Berlin das Geld
gestohlen und nicht von der Gräfin Blankensee
als besondere Gunst Bezeugung empfangen
habe? Wer sich die Mühe gcäe, die (.beon-gue
s,'!nlallwje der europäischen Aristokratie durch
zulesen, dcr könne noch ganz andere Dinge
darin finden, als dies. Ter Beweis dcr Ver
urthcilung in Deutschland aber sei nur unter
sehr genau vorgeschriebenen überaus schwieri
gen Bedingungen zulässig. Das höchste Ge
richt Preußen's, die amerikanische Gesandt
schast und der Minister der auswärtigen An
gelegenheiten müßten die Echtheit des Doku
ments bescheinigen, che es zulässig sei. Auf
alle dies: Gründe verlange er die -rreilassnnq
des^Angcklagten.
Staatsanwalt Recd folgte ganz kurz. Er
antwortete dem Vorredner: Das Gericht hätte
allerdings das Recht verloren, den Fall wie
der auszunehmen, wenn damals ein "nolw
eingetragen worden wäre, das sei
aber nicht geschehen. Der Fall sei lediglich
von dem GerichtSkalcnder- des betreffenden
Monats gestrichen worden, und das Gericht
habe sich ausdrücklich das Recht vorbehalten,
den Fall jederzeit wieder aufzunehmen. Die
Alten weisen bei den Eintragungen über I.
P. Schlilenburg wörtlich die Stelle aus: Aus
Antrag des Anwalts für Angeklagten wurde
die Urthcilssälltiug einstweilen (Mr >ke
lim- beiny) ausgcietzt und das Recht derWie
deralttiiahme vorbehalten. Das „Einstweilen"
sei nickt bedeutungslos. Es meine, daß Schöp
pe sich thatsächlich noch heule in dcr Gerichts
barkeit Chicago's befinde, und er habe sich
selbst, seitdem cr damals freigekommen, sehr
schlecht aufgeführt,
Dcr Auwalt Schöppe's könne Niemanden
glauben machen, daß dcr berüchtigte Fälscher
die jetzt bei ihm vorgefundenen gefälschten
Checks, 8 aus Härder K Hafer und 8 auf
Biroth K Guntrilln absichtslos bei sich ge
führt. Er habe sicherlich nur ans die Gele
genheit gewartet, sie gebrauchen zu können.
In Bischof's Gesetzbuche, allgemeines Recht,
Band 5, heiße es: Eine auf betrügerische
Weise erlangte Begnadigung ist ungiltig.
Der vorliegende Fall sei ein durchaus paral
leler. Die Aussetzung des Urtheils sei nichts
als eine Art richterlicher Begnadigung. Und
was die Bemerkung des Anwaltes Schöppe's
betreffe, daß er nicht wegen eines Vergehens
zweimal angeklagt werden könne, so erwidere
er darauf, daß cS sich hier gar nicht um eine
neue Anklage handle, sondern um die alte.
Er führte dann ferner noch aus, wie schmäh
lich das Gericht betrogen worden sei, al? cs
in Schlilenburg einen unbescholtenen Men
schen zu begnadigen glaubte und verlangte
seine Bestrafung."
Ueber die ungünstige Entscheidung des Rich
ters Williams brachten wir bereits telegra
phische Meldung.
(-pestal-TepeschedeS ..Correspontenten."
Chicago, 25. April. Schöppc wurde
heute Morgen vor Richter Gary in's Crnni
nalgcricht gebracht, um sein Urtheil zu em
pfangen. Hr. lüssen, Schöppe's Anwalt,
arglimemirte, daß das Gericht keine Jurisdik
tion in dem Falle besitze. Schöppe's Sen
tenz sei einmal suspendirt worden; sein Client
habe sich auö der Jurisdiktion des Gerichtes
in einen anderen Staar begeben, und der Be
fehl zu seiner Auslieferung sei durch einen
Meineid erlangt worden. Richter Gary
entschied, daß die Frage, wie der Gefangene
zurückgebracht worden sei, kernen Einfluß auf
die Jurisdiktion des Gerichts habe. Die
Thatsache, daß der Gefangene da ici, müsse
genügen. Er werde am Montage das Ur
theil über ihn aussprechen. Anwalt lüssen
stellte hieraus den Antrag, daß dem Urtheils
sprnche Einhalt geschehe.
Bei der Verweisung des Falles vom Tri
bunale des Richters Williams an das des
Criminalgerichts haben wir noch nachzutra
gen, daß Richter Williams erklärte, daß es
sich um gar keine neue Anklage gegen Schöp
pc, sondern nur um Fällung des suspendirten
Urtheils auf Grund seiner Verurthcilung han
dele. Schöppe sei ein sehr schlechter und sehr
gefährlicher Mensch; er sei in der That ein
Schurke (villaiv) von Kopf bis zu Füßen, ein
Mensch, dem gegenüber das Gericht keine
Nachsicht kennen dürfe, und er weise daher den
Antrag, ihn freizulassen, zurück.
Die „Illinois - StaatSzeitung" theilt bei
dieser Gelegenheit aus der „Berliner Gerichts
zcitung" vom st. Dezember 18Z die Verhand
lungen gegen Schöppc, Vater und Sohn, wc- '
gen ihrer damatigen Gaunerstreiche mir. Der
junge Schöppe wurde damals wegen Dieb- i
sladls, Erpressung und Urkundenfälschung zu '
5 Jahren Zuchthaus, 500 Thalern Geldbuße
oder noch ö Monaten Zuchthaus und fünfjäh
riger Stellung unter Polizeiaufsicht, Schöp.
. ve, der Vater, wegen Tiebshehlerti zu 9 Mo
j naten Gefängniß oernrtheilt. Hoffentlich wird
i diesem Gnuner jetzt das Handwerk Wiederaus
j einige Der Galgen ist wirtlich
in diesem Falle um Das betrogen worden,
was ihm gehörte.
Ttttoppe z dreijähriger Incht
hausstrafe verurtheilt.
Chicago, 27. April. Schöppc wurde
heute Morgen kurz vor I t Uhr in's Crimi
lialgericht gebracht. Das Gericht war mit
Neugierigen überfüllt, welche mit Spannung
dem Urtheilsspruche des Richters Gary ent
gegensähe. Anwalt lüssen machte einen
letzten Versuch, die Verkündigung dcr Sen
tenz zu verschieben, was ihm aber nicht ge
lang, indem der Richter jeden Einwand ab
wies und Schöppe befahl, auszustehen und
den Spruch zu vernehmen. Der Gefangene
schaute mit erbleichtem Gesichte nach dem
Richrerstuhle, von wo aus nach einigen kurzen
Bemerkungen über den Charatter des Gefan
genen und die Nothwendigkeit, an ihm in An
betracht seiner Gemeinschädlichkeit ein Exem
pel zu statnircn, der Spruch erfolgte, daß
Paul Schöppe, li.-,? Schlilenburg, auf drei
Jahre in's Zuchthans geschickt werde." So-
nach erfolgtem Spruche legte Anwalt
lüssen gegen das Urtheil Berufung an die
höhere Instanz ein, wodurch al'v die schließ
liche Erledigung der Sache auf's Neue aufge
schoben wird.
Die angeblichen Berhaftnngen der
Benders
Tie neulich durch den Telegraphen aus Utah
gemeldeten Verhaftungen der Kansaser Mör
der, Bender, scn. und zun., werden sich wohl,
wie zu erwarten war, als ein nicht mehr ganz
ungeheuerliches Mißverständniß herausstellen.
In Betreff des „Sohnes" ist das in der That
bereits geschehen. Es ist, so auffallend die
Aehnlietkeir des jungen Bcnder's Signale
meiit—: Haar blond, Augen grau blau, Ge
sichtsfarbe hell, Größe eiwa 5H Fnß mit
ihm (wie mit 100,000 anderen Menschen des
angelsächsischen oder germanischen Stammes)
sein mag, nicht Jolff Bender, sondern Karl
Müller, nild war dieser früher nichtMörder von
Profession, sondern Trompetcrin Maj. Whce
ler's Bataillon in Camp Touglas bei Salt-
Lakc-Cily. Nachdem cr Jahre lang dem
Onkel Sam getreulich gedient, zur Rcveillc
und zum Tattoo geblasen, überzeugte ihn das
Beispiel dcr „Heiligen dcr lebten Tage," daß
es nicht gut ist, daß dcr Mensch allein sc,.
Er desertire also, nahm sich ein Weib ans den
Töchtern des Landes und suchte sich ein heim
lich kosiges Plätzchen, wo er sich eine Farm
anlegte und wo die Beiden wie ein Paar
Tunelläudchen lebten. Tie einzige Angst,
die ihn plagte, war der Anblick von Onkel
Sam's blauen Uniformen. Er wußte, daß
auf der Ergreisukig jedes Deserteurs eine hohe
Belohnung stand, und fürchtete sich daher vor
dem Besuche jedes Ortes, wo cr möglicher
Weise mit früheren Cameraden zufammen
treffen konnte.
Wenn ihn Nachbarn besuchten, oder er zum
Besuche bei ihnen war, holte cr wohl zuweilen
eine Trompete oder ein anderes musikalisches
Instrument hervor, nach dessen Tönen Jung
und Alt sich im ländlichen Reigen schwangen.
Aber keine Uebcrredung konnte ihn bewegen,
das nahe gelegene Städtchen zu besuchen und
den dortigen Tanzlustigen aufzuspielen. So
wurde dcr von Natur lustige und gesellige
Mensch auch menschenscheu und launig. Die
Nachbarn schüttelten die Köpfe und wußten
nicht, was sie ans dem Sonderling, bei dem
Trübsal und Lustigkeit aus einem Sacke zu
kommen schienen, machen sollten. Da kam die
Nachricht, daß—wieder einmal—das Scheu
sal, der alte Bender in Salt-Lake-Cith ver
hastet worden sei, und den Nachbarn ging ein
Talglicht auf: der mysteriöse junge Mann
war kein anderer, als fem Sohn! Eines Mo
rgens wurde die kleine, rebcnumrankte Hütte,
worin Karl Müller, der Extrompeter, mit sei
ner Trompetcrin hauste, von Bewaffneten
umstellt, und dann gab's eine Scene. Die
junge Frau siel in Ohnmacht, ihr Karl wehrte
sich wie ein Verzweifelter, wnrdc aber von der
Uebcrmacht überwältigt und gefesselt. Dar
aus ward eine gründliche Hansslichung vor
genommen, aber nirgendwo entdeckte man ein
Buch, einen Brief oder eine Familien-Bibel
mit dem verhäugiiißvollen 'Namen Bender,
mir ein Album mit den Bildern von Solda
ten war zu finden. Aber halt! Da ganz hin
ten d'rin steckten zwei weibliche Portraits,
das eine, eine alte Hexe vorstellend, deren
spitze Nase aus Geiz, deren kaltes Auge auf
Grausamkeit deutete, das andere, ein junges
Ding, mit allerliebstem Stumpfnäschcil und
Grübchen im Kinn und Wange. Jetzt wurde
derZwciscl zur Gewißheit. Der Gefangene war
Joh. Bender und kein Anderer. „Wo ist die
'Alte, Deine Mutter?" forschte man ihn an.
„Wo ist Kate, Deine Schwester, die Mords
dirne?" „Es ist nicht meine Mutter, ist
nicht meine Schwester!" war die einzige,
mürriiche 'Antwort. Unterdessen aber war
die junge Frau wieder zu sich gekommen, sie
hatte die letzten Worte gehört. Jetzt ging
dcr Spektakel erst recht an. „Verrttther,
Treuloser! Hast Du mirnickt immer gesagt,
es sei Deine Schwester? Jetzt weiß ich'S!
ES ist ein früherer Schatz! O, ich unglückli
ches, verrathenes Weib!" Und die Männer
mußten ihn mit Gewalt vo: den Nägeln sei
ner Ehehälfte schützen. So brachten sie ihn
denn nach isait-Lakc-City. Hier erst erfuhr
er, welcher schrecklichen Verbrechen man ihn
beschuldigte. Mit Mühe hat man ihn vor
den Gclynchtwerden bewahrt und die Angst
hat ihm das Gestäiidniß ausgepreßt, daß er
der entflohene Trompeter aus Camp Dou
glas ist. Vielleicht hat das Militärgericht,
von dem cr sich der Desertion wegen wird zu
verantworteten haben, ein Einsehen und rech
net ihm die ausgestandene Angst an. Seine
Frau ist schon mit ihm versöhnt und so ver
liebt, wie je, denn die beiden Portraits sind
als die Frau Feldwebelin und als die Com
pagnie-Wäscherin erkannt worden. Die Erste
war nie hübst genug, um zu Eisersucht An
laß zu geben und zu den vielen Schätzen der
Zweiten hat Karl Müller nicht gehört.
Der „alte Bender" ist mehr so glücklich wie
dcr „junge Bender." Er ist kein Deserteur,
sondern ein ehrlicher deutscher Bauersmann,
Namens Koch, kann aber eben deßhalb über
seine Persönlichkeit nicht so leicht Beweise bei
bringen, wie Karl Müller. Bis er diese Be
weise beibringt, wird er aber, wie es scheint,
sitzen müssen, um den 'Neugierigen, Heiden
und Heiligen des Neuen Jerusalem's am
Salzsee zur Augenweide zu dienen, denn, wie
die Depeschen melden, wird er von seinen
menjchcusrenndlichcit Weibern etwa in der
selben Weise gezeigt, wie etwa die gefleckte
oder gestreifte Hyäne in der Menagerie.
<A, d. W.)
Taqes-Neuigkeiten
Wie ein Sturm fegte Grant' s Veto-
Botscha st durch das Land und die Freunde
dcr Union gratuliren sich zu dcr Reinigung
der Lust, welcke das Tokunient des" „Weißen
HauscS" so nachdrücklich bewerkstelligt hat.
Uebrigens darf man nicht annehmen, daß al
lenthalben das Veto mit Beifall entgegen ge
nommen worden ist. In der Wallstr. gab
cs vorgestern arge Purzelbäume, die Wcrth
papicre fielen, das Gold und die Bnndesob
ligationen folgten und manche Spekulation,
die sich aus die Aussicht der Inflation stützte,
ging in die Brüche. Nicht wenige Politiker,
die auf Butlcr'S Prophezeihnng bauten, daß
der Präsident "all sei und demzufolge
sich in Börsen-Operationen einließen, sind
arg hintcr's Licht geführt worden. Die In
dignation erhielt bereits vorgestern durch einen
geheimen Eaucus Ausdruck, welchen die rep.
Jnflationistcn in Washington abhielten,
und in dem gar heftige Worte gegen Grant
fielen, den man in jeder möglichen Weise ver
iinglimpfte. Senator Logan von Illinois
scheint dcr Wortführer gewesen zu sein, wäh
rend Morton Depeschen aus Indiana, Kan
sas zc. verlas, die eine höchst aufgeregte
Stimmung des Volkes ob des Veto's schil
derten. Ter Gouverneur von Kansas, Os
born, telegraphirte, daß „die republikanische
Partei im Westen Trauer angelegt habe,"
aus Indianapolis wurde sogar eins Indigna
tionS-Versammlung angezeigt und von noch
anderer Seite wurden große Noth und großes
Elend prophczcihi. Aehnlich soll die Stim
mung im Süden sein, wo das Volk einstim
mig der Inflation geneigt mar. Ueber die
Wirkung, welche das Veto auf die Zukunft
der republikanischen Partei äußern wird, sind
die Meinungen getheilt. Von einer Seite
glaubt man, daß die Partei durch Graut's
entschlossenes Austreten nur gewinnen könne,
von ariderer stellt man eine gänzliche Auflö
sung derselben und eine neue Parteibildung
in 'Aussicht. ES dürste heute noch zu früh
sein, darüber ein Urtheil zn äußern; cs giebt
noch eine Menge Bande, welche die Intens
seit der rcpublikanischcnPartci vereinigen und
deren Lösung das Veto schwerlich in demUm
fangc herbeiführen wird, als der demokrati
schen Opposition erwünscht erscheint. Zudem
dürfen wir nicht vergessen, daß dcr Congrcß
noch in Sitzung ist lind damit eine Reihe an
derer Finanz - Projekte Lebenskraft behalten.
Nicht Wenige glauben, daß trotz des Vcto'S
ans der Basis dcr noch imCongresse schweben
den, im Unterhaus? eingebrachten Courant-
Bill, ein Vergleich zu Stande gebracht wer
den kann.
Sonderbar genug legen die radikalen
Gegner des Präsidenten bereits klein bei,
und Sic auf eine Auflösung der Partei hin
zielenden Drohungen veruummen. Selbst
Morton und Loga, die als Inflationisten in
erster Reihesranden, haben sich beruhigt und
unsere am Samstage ausgesprochene Vermu
thung, daß die noch vor dem Eongresse schwe
bende Courant-Bill die Basis zum Vergleiche
> abgeben werde, nähert sich ihrer Vcrwirkli-
I chung. -7- In den Reihen der Demokraten
j herrscht inzwischen über die Frage der Infla-
tion ebensowenig Einhelligkeit wie in denen
der Republikaner. Ein hervorragender de
! mokrarischer Senator bemerkte vielleicht nicht
unrichtig: „Unsere Partei ist über die Eon
s rantfrage, über die Frage der inneren Ver
besserungen (mtvrnick imj-e>vem>.ni.Z und
thatsächlich über alle zur Zeit schwebenden
Fragen getheilt. Tic einzige Frage, über
welche wir einig sind, ist der „Nigger," und
diese ist eine todte Frage."
Eine Wirkung des letzten Veto'S des
Präsidenten besteht darin, daß aus den
Hauptmärktendes Lande der Preis westli
cher Produkte erbeblich gefallen ist. Der Preis
der Baumwolle hielt sich, da das anhaltende
Regenwetter als nachthciliq für die Erndle >
betrachtet wird.
. 'vollen be
kanntlich diefer Tage eine Adresse erlassen,
um dem Zvlke ihre Ansichten mundgerecht zn
machen. 7,cdeiifalls ist cs heute schon klar,
daß die mnanzfrcige die brennende Frage der
ainerikantscheii Politik in der nächsten Zukunft
sein, und daß aus diesem Grunde die nächste
Congrcßwahl entschieden werden wird. In
New England und den Mittelstaalen Penn
sylvanien ausgenommen haben die Inflr
tioniiten keine Hoffnung. In Pcnnfylvanicn
nid Inder die eiiistußreichsten Männer Infla
tionisten, viele derselben, wie Cameron, For
ney zc., befürworten sogar eine uiibeqrcnzte
Ausgabe von Papiergeld. Die Papiergeld
Partei wird deshalb in Peiinsylvanicn, im
Süden und im Westen sehr fleißig agiiiren.
Um diesem entgegenzuwirken, wird die Hart
gcldpartei alle möglichen Schritte thun, um
das Volk über seine wahren Interessen aufzii- l
klären. Wie man hört, bilden sich bereits in
verschiedenen Staaten Vereine zn diesem
Zwecke und dieselben werden eine qründliche
Agitation durch Wort und Schrift in s Leben
nifeii. Tie intelligente Bevölkerung des
Westens wird keine Schwierigkeiten machen
und sich rasch ausklären lassen; anders ist cs
dagegen mit den Ncqern im Süden; die
glauben Alles, was iiinen die Republikaner
vorschwatzen. Als die „Carpet-Baggers" zn
erst zu ihnen kamen und ledem Neger' 10 Acker
Land, ein Maulthier und Bllreau (Commode)
(Icke k'roockmonz' Kui-Sku) versprachen, glaub
ten die Schwarzen Alles und stimmten Den,
gemäß. Trotzdem sie getäuscht worden sind
und Nichts erhalten haben, werden sie doch
für die „Greenback". Demagogen stimmen,
denn diese werden so zweideutig, als möglich,
sein und den Negern wahrscheinlich sagen, laß
die „Greenback" - Vermehrung ein Geschenk
von §10 —20 an jeden Stimmgeber be
deute. Butler sagt, die „Grecnback"-Ver
mehrung sei noch nicht todt; er wird dahin
arbeiten, daß die anstößige Bill einem Ver
willigungSgesctzc angehängt wird.
Die P a p iergel dmehrer haben immer
noch einen Funken Hoffnung. Ter Präsident
soll dem Gen. Garsield am Samstage mitge
theilt haben, daß er eine Bill genehmigen
werde, welche Bestimmungen sür die Einsüh
rnng der Freibanken trifft, mit dem ferneren
Proviso, daß, sobald neue Banknoten ausge
geben, Greenbacks zum halben Betrage zu
rückgezogen werden sollen, bis die Greenback-
Cirkulation aus §300,000,000 reduzirt wor
den ist.
Die Angelegenheiten in Arkansas hän
gen noch immer in dcr Schwebe. Tie Con
grcß-Deleaation jenes Staates natürlich
„Carpet-Bagger" vom reinsten Wasser ist
sehr bemüht, den Eindruck zn erzeugen, als
ob Brooks in vollem Rechte sei und die soli
den Elemente des Staates hinter sich habe.
Dieses ist jedoch nicht wahr. -- Die Steuer
zahler des Staates halten zu Baxter und man
glaubt kaum, daß cs ohne Einmischung der
BuitdeSbchörden gelingen wird, den Baxter
zu beseitigen. Tie Regierung ist aber durch
ans nicht geneigt, einzuschreiten. Allem An
scheine nach wird da Jmbroglio erst in der
nächsten Wahl erledigt werden.
Die Exekill i v - Lc gi S la ti v- uii d
Gerichts-Verwilligungs-Bill des
Congresses, deren Berathung am 17. März
begann, wurve am letzten Samstage im Plc
nar-Comite erledigt und geht jetzt vor das
Haus. Die Bill ist sparsamer, als irgend
eine ähnliche Vorlage seit Jahren war. 'Die
Arbeitskräfte verschiedener Bllrcans sind be
deutend reduzirt worden, in einigen ist die
Reduktion so stark gewesen, daß man befürch
tet, die Bureaus werden in ihrer Wirksamkeit
gelähmt werden.
Dem Congresse liegen bekanntlich wieder
verschiedene Eisenbahn - Subsidien-
Projekte vor. Abgesehen von dem H 50,000-
000-Unternehmen wird noch an verschiedenen
andern Subsidien gearbeitet. Am Samstag
berichtete das Bahn-Comite des Hauses eine
Bill ein, die Interessen dcr„Portland-Tallas
und Salt-Latc-Bahn" zur Rate von 5 Pro
zent pro Jahr ans die Baukosten zn garanti
rcn, unter der Bedingung, daß dieCompagnic
alle Posten dcr Regierung und Truppeutrans
Porte itticiitgcldlich besorgt. Daö Beste wäre
jedenfalls das alte geschäftsmäßige Verfahren
„Jedes zahlt, waS es schuldig ist." Bei die
ser Garantie würde die Negiern :g ohne Zwei
sei den Kürzeren ziehen.
Gra nt' s Freunde, an deren Spitze
Senator Conkling, reden offen einer dritten
Canditatnr Gram'S sür die Präsidentschaft
das Wort.
Der Präsident hat die Bill unterzeichnet,
welche G c n. ChaS. Mcßlair von Ma
ryland wieder in seine Bürgerrechte einsetzt.
Dcr General - Postmeister zeigt an, daß die
hiesige lind die schweizerische Regierung sich
über neue Artikel für den bestehenden
Postvcrtrag geeinigt hätten. Dieselben
treten am 1. Mai d. I. in Kraft und besagen,
daß die Versendung von Postkarten von hier
nach dcr Schweiz gestattet ist, jedoch nntcr
folgenden Beschränkungen: Tie Karten wer
den nur mit Hamburger oder Bremer Tain
pfern befördert und kästen 2 Eeuls Porte, d.
h. cs muß auf die Karte, deren Stempel an
sich I Cent repräseutirt, noch eine 1 Cent
Marke geklebt werden. Karten, welche nicht
genügend frankirt sind, gehen in die Iw-M
I-slwr- NW- nach Washington; solche, welche
mit Drucksachen beklebt sind, oder aus deren
vorderer Seite etwas Anderes, als die Adresse
gedruckt oder geschrieben ist, werden zerstört.
Kurz, die betreffenden Vorschriften sind diesel
ben, wie die sür den Postkarten Verkehr zwi
schen anderen europäischen Ländern und den
Ver. Staaten.
Annapolis, Md., war Donnerstag das
Staats-Direktorium der Fische
reien, bestehend aus dem Gouverneur, Con
troleur Woolsord. Schatzmeister Compton,
Land-Commlssär Haywarö und Obergerichts-
Sekretär Franklin, in Sitzung, um einen
neuen Befehlshaber dcr Austern - Polizei zn
erwählen. Als Candidaten waren Capt. W.
G. Timmons, dcr bisherige Befehlshaber,
Hr. Jesse K. Hincs, der treuliche Sprecher des
Unterhauses der Gesetzgebung, und die HH.
S. M. Travers und F. L. Griffith im Felde.
Bei der siebenten Abstimmung erhielt Hr.
Jesse K. Hines (von Kcitt-Co.) eine Mehrheit
dcr Stimmen (4) und wurde als erwählt er
klärt. In Hrn. Jesse K. Hines erhält Capt.
T. einen würdigen Nachfolger und wir zwei
feln nicht, daß dcr neue Befehlshaber der 'An
stern-Polizei sich nicht nur vollkommen ge
wachsen dem Amte erweisen, sondern auch bei
der wichtigen Verantwortlichkeit desselben den
Anforderungen des Publikums in jeder Be
ziehung gerecht werden wird.
Der "tfa'liolie Alirror" bringt einen Brief
aus Rom, worin dem Rektor des „Amerika
nischen Collegs," Dr. Chatard, oessen Ver
wandtschast in Baltimore lebt, großes Lob
gezollt wird. Er sei unter den Amerikanern
und Engländern höchst populär uiid ssiiiePrc
digten in dcr Kirche St. Marcello aus dem
Corso erfreuten sich zahlreichen Besuches.
Bon Chicago, Jll., meldet der Ranch
fleischhändler G. W. Cassard, das ein „Cor
ner" in Schweinefleisch im Werke sei. Die
größten Händler hätten eine dahin zielende
Verbindung angebahnt, die sich bald durch ein
Steige der Preise fühlbar machen werde.
In Gettysburo, Peirns., wurde der
Granit - Arbeiter Pctcr Beiller, 42 Jahre
alt, vor einem Jahre in die Slaats-Jrrenan
stalt zu Harrisburg geschickt. Er wurde von
dort als unheilbar entlassen und in's Ar
menhaus zu Gettysburg gebracht. Um die
Zeit des ersten Dezembers erfaßte ihn die fixe
Idee, daß er sich des Essens enthalten müsse,
und blieb diesem Gedanken sieben Wochen
lang, während welcher Zeit niur einen Lös
sel voll Eis-Creme zu sicy nahm, treue,
bis i hn der Tod aus dem Lebest rief.
In Brooklyn, N.-S)., ist eine sonder
bare Ehescheidungsklage anhängig. ' I>em
Leander F. Card gebar feine Frau nach i l
monatlicher Ehe einen Sohn. Nun äußert
aber Card eine so plötzliche Abneigung sür
Kinder, daß cr behauptet, daß das Söhnleiii
nicht sein Fleisch und Blut sei und will geschie
den sciii. Die als sehr hübsch bezeichnete Frau
wünscht inzwischen, daß sobald als möglich
die Trennung vollzogen werde.
In New - Zork nahmen Donnerstag im
„Kloster zum guten Hirten" süns juiigeTameii
den weißen Schleier, nämlich: Miß Sulli
van als SchwesterM. St. Hillary; MißKatie
Denahy als Schwester M. St. Gencvicve;
Miß Annie Com alsSchwcstcr FranccS Assisi,
alle von Bostoitt und Miß Julia Baxter als
Schwester M. St. Joachim; Miß Mary Ka
vanagh als Schwester M. St. Rita von
Brooklyn. Alle Supcrlorinneii der „Klöster
zum guten Hirten" in den Ver. Staaten und
Canada, die zur Zeit im Begriffe stehen, zur
Ordens - Convention nach Paris zu reisen,
waren bei der Feier zugegen.
Im Laufe des am 31. Mär; endigenden
drei Atonale kamen in San F ran zis co
iei9Einwandcrer an, wovon 1210 anSChina
und dcr Rest aus Mexiko und von den Inseln
des stillen Ozeans kamen.
Die Unlust amerikanischer Mä d
ch e n, sich mit den Pflichten der Hausfrau be
kannt zu machen und anständig kochen zu ler
nen, erfährt im „N.-S). Herald" eine scharfe
Kritik. Das Blatt schlägt vor, eine große
Kochschule in New-Sjork zu gründen, und
räth den jungen Leuten, nicht zu heiratheu,
wenn die Braut nicht im Stande ist, ein gu
res, schmackhaftes Essen zu bereiten. Eine
alte Klage! Wenn der Mensch vcrliebt ist,
dann denkt er am Wenigsten an die Küche und
an's Essen.
Daqton, Ohio, beherbergt ein Wunder
kind in seinen Mauern. Es ist dies die vier
Jahre und 7 Monate alte Rose Ebcrsole, wel
che innerhalb der letzten MonateMusikstücke
von wunderbarer Schönheit componirl haben
soll. Die Eltern des Mädchens sind beide
musikalisch gebildet.
Die Mörderin Elem soll wirklich am 27. d.
M. in Lchano n, Ind., gänzlich in Freiheit
geletzt werden, da die dortigen County Com
missäre sich weigern, weitere Mittel zur Pro
zesilning dieses Mordweibcs herzugeben. Wie
schon früher mitgetheilt ist, wurde die Raub
mördern, Elem bis jetzt schon vier Mal ver
urtheilt, und ebenso oft hat das Obergericht
von Indiana auf Grund elender Haarspalte
reien das Urtheil umgestoßen.
Während der bekannte Chemiker I. P.
Bornum am Montag Nachmittag in L o uiS
ville, Ky., mit der Zubereitung von Acther
beschäftigt war, platzte die Retorte, wodurch
das Gebäude zntrümmert und Dr. Barnum
schwer verletzt wurde.
Im Taunl o ii f lus sc, Massachusetts,
wurde neulich ein Lachs im Gewichte von
über 40 Pfund gesangen, der größte Fisch
dieser Gatttinq, der seit der Wiederbelebung
dcr Fischzucht in den Ver. Staaten gefangen
wurde.
Von B ostou ans wird gemeldet, daß die
„Narragansett - Dampsschifffahns Gesell
schaff" den Farbigen Alexander Ellis habe
zahlen müssen, weil dieselbe ihm im
Speisesaale des Dampsers „Providcnce" einen
Platz bei Tische verweigert hatte. Bei einem
früheren Prozesse waren dem Kläger H4OO zn
gesprochen worden; das Urtheil wurde indeß
cassirt.
Ein entsetzliches Ereigniß wurde
unter den telegraphischen Berichten unserer
Ausgabe vom 3. April mitgetheilt. Ein Tc
> legramm von Austin, Ncv., welches uns und
! den übrigen Zeitungen, welche die Depeschen
der Associirten Presse beziehen, zuging, mel
dete, daß in Sinokey Valley im Staate 'Ne
vada ein fünffacher Mord vorgekommen sei.
Ein Deutscher, Namens Reichstem, habe seine
Frau, seine zwei kleineilTöchter, einen Mann,
Namens 'Norton, aus welchen er eifersüchtig
war, und dann sich selbst umgebracht. Diese
ganze grausige Geschichte war eine Ente,
welche ein dortiges Blatt, als die gewöhnliche
Sensationsmaschinerie, durch die man den
kleinsten Frosch zum Ochsen aufzublähen
sucht, nicht mehr Dienste thun wollte, auf
Rechnung des I. April ftinen Lesern auftischte
und die dann ein allzueisriger Agent der
Presse, ohne weiter nachzuforschen, über das
ganze Land telegraphiren ließ. Das Drollige
ist, daß Ncw-'Zorker illustrirte Blätter schauer
lichc Abbildungen von dieser Affaire brach-
In Ncw -?) ork ging Ignatz Weber, der
Nch am Montag Abend eine Kugel in den
Kopf jagte, Donnerstag mit Tode ab.
Vor 10 Tagen wurde 'Albert R. Payne
vom „Bowery-Hotel" in New - Aorl von
einer Katze, die er streichelte, in die Hand ge
bissen, und seitdem ist der Arm ungeheuer an
geschwollen. Der Leidende wurde letzte Nacht
in das „Bellevue Hospital" gebracht, wc
Dr. Aoung den Fall für einen sehr kritischen
erklärte.
Tie „Höchste Loge" des Ordens der
„P yt hi as -R i t ter" brachte am Sam
stage Abend in Pittsbnrg ihre Verhandlun
gen zum Schlüsse. Eine neue Constitution
wurde angenommen.
Tie Sitzung der Ver. Staaten-Großloge
des „Unabhängigen Ordens der
Guten Brüder" nimmt am Sonntag,
den 3. Mai,in Egg-Harbor-Cith, N.-J.,ihren
Anfang. Tie auswärtigen Repräsentanten
werden am Samstag, den 2. Mai, in Phila
delphia eintreffen, um in Gemeinschaft mit
den dortigen Brüdern Nachmittags Uhr
nach Egg-Harbor-City abzureisen.
Präsident Grant hat Chartes Mackey in
New-'.') o rk, der wegen Versendung obscö
ncr Schriften durch die Post zu I Jahr Ge
fängniß und P5OO Geldbuße vcrurthcilt war,
begnadigt und ihm auch die Geldstrafe er
lassen, -rer Präsident scheint die „Geschäft S
" in welcher der Begnadigte sich be
wegte, besonders zu begünstigen.' denn Hr.
Mackey ist bereits dcr dritte derartige Sün
der, den er binnen Monatsfrist bcgnadigthal.
In Washington scheint man über Pikante
Lektüre „vorurtheilsfreier" zu urtheilen, als in
dem sündigen Gotham.
Freitag Abend wurde dem Coroncr Hicks
mitgetheilt, daß in einem Hanse in Pong h
keepsie, N.-A., in der Jaystraßc, zwei
kleine Mulatteiikinder gestorben seien. Der
Coroner fand die Leichen der beiden Knaben,
die dem Anscheine nach verhungert waren.
Eine Negerin, Namens Jane Deyo, befand
sich in dem Hause und sagte, daß ihr die Äin
der von einer weißen Frau in Coldenham bei
Newbnrg, 'Namens Harriet Finnen, anver
traut seien. Es waren Zwillinge. Tie Mutter
bezahlte die Miethe für oas Haus im Voraus
und verpflichtete sich, monatlich Hu> Kostgeld
zn zahlen, was sie aber seit 10 Tagen nicht
gethan habe. Der Vater der Kinder sei der
Neger Richard HaSbronk in Coldenham. Ei
nes der Kinder starb am Mittwoch Abend und
das 'Andere am Tonnerstag Margen. Der
Jnqncst wird am Dienstage gehalten werden.
Nach dem Berichte des Bantexaminatoren
Mcigs in Washington über den Stand
der „Frcedmen's S avlngs' Bant" ist die Ver
waltung des Instituts eine sehr liederliche ge
wesen. Tie Verbindlichkeiten belaufen sich
aus H 3,338,896 und das Vermögen dcr Bank
nur ans 53, 121, 008, so daß also ein Defizit
von H 217,880 vorhanden ist. Gaiij besonders
ist die Hauptbank in Washington schlecht ver
waltet worden, denn Gelder und gegen S icher
sechr zweifelhaft sind. Das Zivciginslitiit in
New-2)ork hat eine bessere Verwaltung, aber
der daselbst erzielte Ueberschnß ging'an die
Hanptban! in Washington. Einige Aweig
liisttinte sind ganz nutzlos und losten von
vornherein mehr, als die Einnahmen sein
können. Dcr Bankexaminator empsiehlt des
halb auch, daß diese Banken geschlossen wer
den. (Ob auch daö hiesige Instilnr betroffen
wird, verlautet nicht, ist aber wohl anzuneh
men.
Ein kleines Mädchen wurde kürzlich von
rothen A m cii eii getöd t e t. Der
„Opeiika-Objcrver" (Ala.) enthält darüber
Folgendes: „Hr. F. G. Jones erzählt nnS,
wie ein kleines farbiges Mädchen auf seiner
in der Nähe von Auburn gelegenen Farm auf
eigenthümliche Art den Tod fand. Das Mäd
chen legte sich auf Bretter, auf welchen vor
her Fleisch zerschnitten war, und die mit rothen
Ameisen bedeckt waren. Während die Kleine
schlief, sielen die Ameisen über sie her, und
als sie erwachte, war sie mit Amciicn, welche
sie bissen und stachen, buchstäblich bedeckt.
Dieselben waren so wüthend, daß eine Frau
sie mit einem Besen entfernen mußte. Das
Mädchen verfiel in ein hitziges Fieber, wel
ches, theilivcise in Folge der giftigen Bisse,
nach zwei Tagen den Tod desselben herbei
führte."
Für das Sängcrfest des „N ordamcri -
kauischeu Sängerbundes," welches
im kommenden Juni in Cleveland, Ohio,
stattfinden wird, hat das dortige Fest-Comite
bereits die Summe von K 33,05 gesammelt.
Die Kosten des Festes sind auf HKo,(ic>o ver
anschlagt worden. Der Bau einer Festhalte,
welche 10,00 Sitze enthält, wird jetzt ohne
Verzug in Angriff genommen werden. Auch
aus den östlichen Staaten werden Vereine und
Delegationen das Cleveländer Fest besuchen.
Im Laboratorium des Professors Hossmann
in Berlin ist kürzlich von einem der Assisten
ten desselben eine bedeutende Wissens ch aft
l i ch e E n t d c ck u n g gemacht worden. Es ist
demselben gelungen, die aromatische Sub
stanz dcr Vanille, das sogenannte Vanilin,
auf chemischem Wege darzustellen. Er fand
dasselbe in dem Cambialjaft der Conifereii
(Tannen). Tie Entdeckung findet in wissen
chaftlichcn Kreisen große Beachtung.
Eine vertagte Versammlung der New
?) orkcr Leichen - Ver brc nnu ng s-
Gesellschaft fand am Freitag statt. Das
Gesetz-Comite berichtete, daß leine Bestim
mung im Civil- oder Lriminal-Gcsctze ent
halten ist, wodurch das Verbrennen von Lei
chen iür ungesetzlich erklärt wird.
Leichenvcrbreiliiungs -Experi
mente finden allenthalben in Demschland
statt. Der Ofen, der in Dresden erbaut
wird, soll in einigen Wochen fertig sein. In
Wien hat sich auch cine Lcichenverbreiinungs-
Gesellschaft gebildet, die sich die „Urne" nennt
und von dcr Regierung die Erlaubniß zum
Experimentiren erhalten hat. Dcr in Wien
zu erbauende Ofen wird nach dem Muster
des Pros. Ncclam von-Leipzig hergestellt.
Tie „Urne" zählt schon viele Mitglieder und
vermehrt sich von Tag zu Tag. In der
Schweiz wird dcr Gegenstand ebenfalls in
allen Kreisen besprochen.
Ein Correspoiident der Winchester „News"
schreibt, das wichtigste Gesetz welches
die Legislatur von Virginien zu Stande
gebracht habe, sei eines zum Schutze des
Wildes in Frcderick-Connty und fügt dann
hinzu: „das letzte Stück Wild in diesem
County schoß bekanntlich General Washing
ton vor etwas über 100 Jahren."
In Philadelphia starb am Freitag
Georg Kräutler, Gencral-Agent dcr „Germa
nia' FeiierversichertingS-Gesellschasl,"cin badi
scher Revolutionär, nach seinerAnkunstinden
Ver. Staaten Träger dcr ~N.-?). Staats
zeitung," im Ncbellioiiskricge Sergeant-Ma
jor im 41. N.-N- Fr. Regiment(TeKalb,):c.
E.ne schreckliche Scene führt: vor einigen
Tagen in Ci ncinnati in einer Zelle des
Bremer-Straßen-StationshauseS ein Wahn
sinniger an?, den man gegen sieben Uhr in
rasendem Zustand:, um Unglück zu verhüten,
eingesperrt hatte. Ter junge Mann, welcher
Emil Köhne heißt und von Geschäft ein Wa
genmachcr ist, machte bereits vor mehreren
Monaten einen Versuch, sich die Kehle durch
zuschneiden. In der Zelle versuchte er, sich
mit seiner Weste zu erhängen. Tic Station.
Hausbeamten halten schwere Mühe, ihm die
Weste zu entreißen, welche dabei in Feyen
ging. Dcr Rasende zog mm sein Hemd aus,
um dasselbe zu einem Strick zu gebrauchen,
und da ihm in Folge der Wachsamkeit dcr Be
amten auch dieses mißlang, versuchte er cS
mit den Bciulleidcrn. Zuletzt hatte er nur
noch die Schuhe an und nun erklärte er, daß
cr sich zu Tode frieren wolle.
Das M ormo ncuth uin steht noch lange
nicht aus dem Anssterbe-Etat. Erst vor eini
gen Tagen erschien ein schinuckerjmigcrLand
mann aus einem der Counties von Utah mit
drei noch schmuckeren Landmädchen, Eine
schwarzlockig, die Andere dlondharig und die
Dritte rothköpfig, im „Endowment - House"
und ließ sich das dreifarbige Herzblatt ansie
gcln. Das Quartett zog freudig seines We
ges. Brigham gab dem jungen Heiligen ei
nen ipezillcn Segen.
Dieser Sommer wird schwerlich eine S ee
schl a ng en -Sai j o n haben, denn die po
litische Ttskusioii beginnt jetzt schon allenthal
ben im Lanve. Sogar Mord und Todtschlag
hat es schon infolge politischer Meiiiungsver
schicdenhcit gegeben. Siehe Berichte über
New-Vork und Norfolk.
Die Internationalen in den Ver.
Staaten wollen sich auflösen. DaS Land ist
ihnen zu blau. Glück zu!
Ter in dem Temperenz kreuzz uge
berühmt gewordene Kncipwirlh Ban Pell in
Ohio, welcher sich bekanntlich zuerst bekehren
ließ, hat kürzlich mit dem Gelde, welche er
durch seine Kreuzfahrt verdiente, eine neue
Kneipe angefangen.
Die Ermordung derßrüder Lan gwor.
th y beschäftigt noch immer die Bewohner von
Coiin.; die Geichworenen schic
de die That auf „eine der Jury unbekannte
Pmoi!" und d.'Mn wiid cs vorläufig bleiben.
Es in eine Gemeinde-Versammlung für die
nachne.Woche berufe woroen, welche für die
inng v s 'Mörses eine Belohnung ans-
Qreiqeii nnv die Staatsbehörden cnnchen
fall, ein Gleiches zu thun.
K o s siirh ist von Turm ach Baraccone
d: Nrollegno übergesiedelt.
Gen. Sickl es, bisher Ver. St. Gesand
ter in Madrid, gedenk:, innerhalb zwei Mo
üal'M nach den Ver. St. zurückzukehren.
Nach dem "N eei-y tNn- nü- > " in London
treffen die Israeliten in Verl, n Vorberei
tungen, um aus ihrem Kirchhofe die Leichen
verbrennung einzuführen. Es j.s eine falsche
Annahme, so meint das "i .'>u-.,„ie-la,'' daß die
Leichenverbrennung jüdischen Lehren wider-
Iprechen. Unter den sephardischen Juden aus
Gibraltar und in 'Nord-Afrika sei die Crema
tion (Auslösung der Leichen in Kalk) ein ge
wöhnlicher Brauch; aus der spanischen und
portugiesischen Cemetry zuMile End, London,
befolge maiiHäusig denselben Modus und vom
orthodoxen Standpunkte aus sei nichts dage
gen einzuwenden.
Berichte.
Ss Tttddcutsckjlattv.
Stuttgar t, 29. März.—Langsam, sehr
langiam und nicht ohne die störeiidsten Ein
zel Erscheinungen,aber doch sicher schreitet das
Werk der Münz Reform fort. Neber 1000
Millionen Mark sind jetzt inGold ausgeprägt,
davon ca. 20 Prozent in Zehnmark- dcr Nest
in Zwanzigmarkstücken; und es ist lobend zn
erwähnen, daß die Prägung in neuerer Zeit
als eine gelungene bezeichnet werden kann,
was Anfttilgs bekanntlich nicht dcr Fall mar.
Die Ausprägung von Mark oder Zwanzig
pfennigstücken hat in bedeutendem Umfange
begonnen, ohne daß dieselben jedoch bis jc'yt
im kleineren Verkehr eine Rolle spielten; die
Allsprägmig von Zehn-lind Fünspfemiigstük
ken (aus Nickel) steht unmittelbar bevor. Mit
dem Gegenstück der Ausprägung, der Einzie
hung alter Münzen, geht es verhälliiißmäßig
langsamer, doch ist ein tüchtiger Anfang ge
macht. Etwa eine Million preußischer Fric
drichsd'oßs, und circa 250,0<m Stück dcr
iinglückseligc„Goldlronc!i," außerdem für 16
Mist. Thaler Gulden- und Zweigilldenstücke
find schon eingegangen, ferner eine Mengeder
sonstigen seitherigen Geldmünzcn, die'noch
cursircndcn Kroiientheiler deutschen Gepräges
zc., nnS mit den Halbgnldcii- und den Sches
kreuzerstttckcn wird so eben dcr 'Anfang ge
macht. Zwei Tinge namentlich sind es,
welche an dcr seitherigen Münz - Politik dcr
Reichsregicrung heftig und zum Theil leiden
schaftlich getadelt werde: das zögernde Vor
gehen in Sachen des Papiergeldes, und die
Kleinlichkeit, welche verschiedenen, seither
courantcn Münzen gegenüber bewiesen wo
den ist.
Was ersteren Punkt betrifft, so ist es rich
tig, daß wir jetzt trotz aller gelegentlichen Kla
gen eigentlich nicht an Geldmangel, sondern
an GAoilberfltiß Icident. Das Gold soll ja in
Zukunft an Rolle des Papiergeldes und der
kleinen Banknoten treten: während aber große
Massen Reichsgold schon in den Verkehr ge
drungen sind, jedenfalls weit mehr als dem
selben an älteren Gold- und Silbermünzen
bis jetzt entzogen ist, haben wir die ganze Pa
piergeld- und Banknoten - Masse noch imvcr
ändert, und bis die hierüber theils erlassenen,
theils in der Berathung begriffenen Gesetze in
Kraft treten, wird noch eine ziemliche Zeil
vergehen, während deren unser Verkehr noch
einmal Gelegenheit hat, sich der bunten Ma
nigsaltigkcit dieser Papicrschnitzcl zu erfreuen
und betreffs der Verluste, Umständlichkeiten
und Schwierigkeiten, die sie verursachen, in
Uebung zu bleiben. 'Nun, endlich wird cs doch
besser werden, und die Klagen des Abg. Mösle
im Reichstage darüber, daß die Reichs - Ne
gierung den „lasterhaften" Weg des Papier
geld-Attszebens nicht ganz verlassen will, soll
lins in dieser Hoffnung nicht erschüttern. Es
ist ja wahr, daß eine mäßige Menge Papier
geld immerhin, wenn auch kein Bedürfniß, so
iwch eine Annehmlichkeit sür den Verteyr ist,
und daß unser künftiges „RcichSpapiergoid"
die meisten der mir dein seitherigen Pavier
geld-Unweseu verknüpften Widerwärtigleiten
von vorneherein nicht darbiete wird. Ob
nicht freilich der Bundcsraths - Entwurf den
Papiergeld - Kleinstaaten zu viel Rechnung
getragen und denselben mit den drei Vierteln
ihres bisherigen Papiergeld ilmlanfcs lleber
tricbenes bewilligt hat, ist eine andere Frage.
Hier wird der Reichstag wohl einige Rcme
dur eintreten lassen.
Der zweite Punkt bezieht sich cincStheils
ans die preußischen Friedrichsd'or's, andern
theils aus die Thaler östreichischen und zum
Theil auch auf die Zehngroscheiistückc polni
schen Gepräges. Betreffs der Friedrichsd'or's
hat man der Rcichsregicruiig mit Unrecht
Mangel an Eoulanz zum Vorwurfe gemacht:
die Zahl derjenigen Stücke, welche in Folge
bloßer Abnlltziuig (nicht Beschncidung zc.)
unter das Passirgewichl herabsinken, ist so ge
ring, daß sie nicht in Betracht kommt, und
auf absichtliche Wcrthvcrmliidernng kann man
doch unmöglich durch Voll-Einlösung der be
treffenden Stücke eine Prämie setzen. Wenn
aber die Friedrichsd'or's bis vor Kurzem in
ganz Süddeutschland statt zu ihrem wirklichen
Werthe (sl. 9. 55) zu fl. 10 angenommen wur
den, so ist hieran sowohl die preußische als die
Reichsregierung unschuldig, sondern ist dies
ein Ausfluß jener so vie'lbeklagten, mil der
früheren Acngsilichkeit und Äcrmlichkcit uii
seres wirthschaftlicheii Lebens zusammenhän
genden falschen Eoulanz, welche jahrelange
Kredite bewilligt, die nichtsnutzigsten Papier
setzen in Zahlung nimmt und auch sonst den
unglaublichsten Unfug veranlaßt; es ist z. B.
etwas in Süddeutschland ganz Gewöhnliches,
daß 100 Thalerßaarzahlnng lür st. >BO (statt
fl. 175) genommen werden müssen. Von
dem Vorwurf der Klciiilichkcil in Vczng ans
die obenerwähnten Silbermünzen ist die Re
gierung jedoch nicht freizusprechen. Hier hat
offenbar jenes engherzige fiskalische Wesen,
welches dem preußischen Beamtcnthnm so tief
in den Gliedern steckt, seine Rolle gespielt.
Ter Schaden, den das Reich möglicherweise
durch die Voll - Annahme der östreichischen
Tkaler erleide kann, ist ein läppisch gerin
ger; und um dieser paar Hunderl Thaler wil
leii ist dcr ganze Verkehr wochenlang geäng
stigt und geschädigt worden, und waren euer
gische Maßregeln mehrerer Handelskammern
und eine Interpellation im Reichstage noth
wendig, um die Anerkennung der einstwcili
gen Gleichberechtigung des östreichischen Tha
IcrS herbeizuführen. Wohl nicht mir Unrecht
glaubt man, daß bei Gesundheit des Fürsten
Reichskanzlers sich dergleichen lämmcrltchkei
teil nicht ereignet haben würden.
Milder Eiiilelmiig dcr neuen Maaße und
Gewichte in dem Kleiiiverkehr ist cs immer
noch sehr zweifelhaft bestellt. Tie Theilung
mit siins und zehn will dem Publikum und
besonders den Hausfrauen noch gar nicht in
den Kopf, und es ist notorisch, daß in den
Kaufläden die alle Eintheiln,; noch fast nn
verändert in Kraft ist. Unter diesen Umstän
den ist es sehr erfreulich, daß wenigstens die
äußerliche Aufrechterhaltung dcr neuen Ein
richtung ncuestcils Seitens der Regierungen
auf's Ernstüchste eingeschärft, beziehungsweise
erzwungen wurde.
—H r. von Mühler, der frühere pren
ßische Eultusministcr, ist plötzlich mPotödam
gestorben. Er war kein unbegabter Mann,
selbst ieine Gegner haben seinen bedeutenden
Fähigkeiten Anerkennung widerfahren lassen,
aber diese Fähigkeiten wurden vollständig
falsch angewandt; sie dienten mehr dazu, die
Wissenschast zu lähmen, als sie zn fördern.
Der Hauptzweck des Strebcns des Hrn. von
Mühler war, Schule und Kirche in ein picti
stisch-orthodoxeS Formelwesen einzuzwängen
und selbst den Künsten Bleigewichte anzuhän
gen, damit sie sich nicht zu frei entfalteten.
Uebrigcus darf man nickt vergessen, daß Hr.
von Mühler nur der Vertreter auf wissen
schafllichem Gebiet des vor 186 in Preußen
herrschenden Systems war. Was er that
und wie er es that, entsprach doch nur den
am höchsten und allerhöchsten Orte gehegten
Wünschen und ein gm Theil von dem Odium,
das auf ihn gefallen, hätte cigcnllich seinen
Auftraggebern gebührt.
l —(Ein Arbeiter Ausstand in
!Eng l a n d.) 15,000 Grubenarbeiter in
Eornwall haben gedroht, die Arbeit einzu
stellen.
! —(D ie N e ttu ngd cr P ass ag i ere
r „Ameriqu e.") Das norwegische
schiff „Aladdin" und das italienische Schiff
"Elisa Qnierolo" brachten einen Theil der
Passagiere des gescheiterten Dampfers „Amc
riquc" nach Brest. Die Uebrigen sind am
Bord einer briri'chen Barke, deren Name
nicht bekannt ist. Alle befinden sich wohl.
(Frankfurt, 4. April.) Heute Mit
tag wurde in unserer Stadl ciu Raubmord
verübt. Zwischen 3 und 4 Uhr wurde im
dritten Stock einer Behausung nächst dem
Dome die 2jährige Haushälterin eines Ren
tiers in momentaner Abwesenheit des letzte
ren durch mittelst eines schweren Instrumentes
aus den Kopf geführte Schläge ermordet, so
dann ein Sctrclär erbrochen und daraus etwa
1100 Gulden geraubt. Unter dem Gelde be
fanden sich 1050 Gulden in Frankfurter Bank
scheinen (nämlich ein Schein von s<>o Gulden,
mehrere 100-Gulden-Scheine und Ui-Gulden
scheine.) Tie betreffende polizeiliche Be
kanntmachung sagt: „Der oder die Thäler
müssen Bluls'ptircii an sich tragen, namentlich
an Kleidern und Fußbekleidung. Nach den
icdoch unsicheren Aussagen eines Tienstmäd.
chens scheint die That von zwei Individuen
verüblZvorden zu sein."
Die in Deutschland jetzt so selten gcwor
dene Strafe der Hinrich t u ng ist am
27. v. M. in Braunschweig an einem Top
pelmörder, Namen krage,' vollzogen wor
— (Nrisse, Schlesien.) Eine Gräuel
that ,sl hier an einem allgemein geachteten
Mädchen verübt worden. Louise Ricgcr, 17
Jahre alt, verließ am letzten Sonntag Stei
nau, wo sie daSNähcn lernte, um ihre Eltern
zu besuchen.—Mittags fand man die Rieger
gräßlich verstümmelt, tm bewußtlosen Zu
stande auf einem Ackerfelde unweit de Atte
walder Waldes. Die ärztliche Untersuchung
ergab, daß sie ein Opfer der gemeinsten
Schamlosigkeit gewesen ist. Wie die Spuren
auf dem Ackerfeld? zeigten, hat die Louise
Ricaer einen furchtbaren Kampf mit d m'Ver
brecher zu bestehen gehabt, wobei ihr sämmt
licheZähne des Ober und Unterkiefers ausge
schlagen worden sind; außerdem erlitt sie durch
ein Messer schwere Verlltzungcn an Augen,
Kopf und Händen. Die schwer Heimge
suchte liegt noch mit den qualvollsten Schmer
zen behaftet im bewußtlosen Zustande.
Zu Soest Hut sich Ende März eine
Vercinsmctzgerei gebildet. Trotzdem die
Viedvreiie ganz enorm gesunken sind, suchen
die Metzger die Flcischprcnc noch immer mehr
künstlich in die Höhe zn schrauben. Es wäre
überhaupt zn wünschen, daß Vereinigungen
von Bürgern allenthalben dermaßlosen Prel
lerei durch die Bertäufer von Lebensmitteln
entgegenträten.
—(H agcn, Wests.) Ein junger Arbeiter
an einem Eisenwerke wollte am 17. Mär;
heiratheu; am 16. Morgen? stellte ihn der
Meiner in schonender We.ie darüber zn Rcde,
warum cr Tags zuvor nicht gearbeitet habe?
der Amwori gibt der junge Mann sei
nem Vorgesetzten einen Schlag mit einer
schweren Eisenstange, das diesem das Gebirn
ans dem Kopfe spritzt. Der -Mörder wurde
gleich in das Gefängniß abgesühn
- (Bremen, 25. Marz.) Wie ans
Nlcnwcdiep, 22. März, gemeldet wird, haben
der heftige Fordwestwind und die wüthende
Brandung den gestrandeten Dampfer „König
Wilhelm" noch höher auf den Strand getrie
den, so daß jetzt jede Hoffnung, das Schiff
wieder slott zn machen, aufgegeben werden
kann. Zwei der ausgebrachten schweren
Trossen brach wie Glmv Das Schiff liegt
jetzt ans der Seite und überall trocken, läuft
aber, da cs leck ist, mit jeder Fluth voll Wai
ser.
Ein wunderlicher Vorfall er
eignete sich neulich in einer Kirche zn Köln.
Während daselbst eine elegant gekleidete Dame
zum Gebet niederkniecle, kam es ihr vor, als
wenn Jemand die Tasche ihres Kleides be
rühre; ge blickte ans, aber als sie sah, daß
neben ihr nur eine Tame knieeie, die beinahe
noch mehr Eleganz entfaltete, als ste selbst,
war sie beruhigt, und glaubte sich geirrt zu
haben. 'Nach beendeter .Nesse ging sie in ein
Magazin, um einige Einkäme zu machen,
und als ste bezahlen will, bemerkt sie, daß ihr
Portemonnaie fehlt! Dagegen fand sie in ihrer
Tasche ein goldenes Armband, welches die
elegante Diebin, als sie das Portemonnaie
. stahl, verloren hatte. Im Portemonnaie
befanden sich etwa 70 Franken; das Armband
wird auf 150 Franken geichätzt.
t'M il j ifalisches Naturspicl.)
lii dcr Sitzung vom 18. März d. I. der k. k.
Gesellschaft der Aerzte zu Wien stellte Dr.
Schnitzlet einen Tenoristen aus Hannover
vor, welcher zu seinem Leidwesen im Stande
ist, Zwei -t öne, welche deutlich vernehmbar
eine Terz weit von einander liegen, ans ein
mal zu singen. Die Ursache dieser merkwür
dlgeiiErschcimiuiig bildet ein tleincs, auf dem
Stinimbande aufsitzendes Knötchen (polypöse
Wucherung), welches, wie man mir demKeht
kopffpicgcl deutlich sehen kann, bei'm 'Nähern
der Stimmbänder während des Zingens die
Stimmritze in zwei ungleiche Hälften theilt,
deren jede mm selbstthätig bei derTonbilduiiq
mitwirkt. Das Phänomen ist besonders
deutlich, wenn dcr Sänger im Fasset singt.
—Wenn man die 20 Universitäten
D cntsch l aiid ' S nach ihrer gegenwärtigen
Frequenz ordnet, so crgicbr sich nachstehende
Reihenfolge: Leipzig, Berlin,München,Hal
le, Güttingen, Breslau, Heidelberg, Bonn,
Würzbnrg, Tübingen, Straßburq, Königs
berg, Jena, GrcisswalV, Erlangen, Gießen,
Marburg, Frcibnrg, i. Br., Rostock, Kiel.
(Münster, 6. März.) Gestern, am
ersten Osterseienage, wurde dem Bischöfe
eine Ovation gebracht. Der Bischof halte,
wie es an diesem Tage hergebracht ist, um 4
Uhr im Tome den päpstlichen Segen gcspcn
det. 'Als cr darauf in Begleitung des Tom
capitels den Tom verließ, hatte sich am Wesl
purtalc desselben bis zum Palais hin eine
ungeheuere Menschenmenge versammelt, die
den Herrn mit endlosen Hochrufen empfing.—
Nachdem die Massen Tepntaiioncn in den
letzten Tagen der Osterwoche unterbrochen
waren, sind dieselben heute wieder ausgenom
men worden. Heule prangt unsere Stadt
zu Ehren des Tages der Erwählnng Johann
Bcrnard's zum Bischof von 'Münster im Fest
schmuele. In allen Straßen sind die Hänser
zahlreich bcslagt. Früher war solches nicht
gebräuchlich.
lMüii chcii, 2. 'April.) Ter Kön
begab sich am heutigen Gründonnerstage, Vor
mittags i t 4 Uhr, nntcr Vorautritr des großen
Eorleges in das Hochamt der Allcrheiligeii
kirche. Da die Witterung iehr günstig war,
nahm die Reo Zession nach dem Hochamte ihren
Weg über den Brunnen und Eapcllcnlwf
nach der Residenz-Hofcapelle. Hinter dem
vom Dekan Dr. Enzler getragenen Sanctlisi
mum schritt der König (ur der Obersten Uni
form seines EhevaiixlcgerS Regiments!, die
tönigl. Prinzen, Luitpold, Adalbert und Ar
iiulvy, die obersten Kroubeaniten des Reichs,
v. Oellingen zc., dann der königl. Oberhos.
meistcr Gras zu Kastell, der kömgl. Oberst.
! tämmcrer Graf Pocci, Oberftstallmeister Gras
v. Holnstein, Generalinlendant Frhr. v. Per
fall, die Sraatsministcr v. Pftetzichner, Tr.
v. Lutz, v. Pfenfsee, Tr. v. Fänstlc lind Berr,
die Staats und Reichsräthe, Georgi-Ritter,
die hiesige Generalität, Kammerhcrrcn und
noch eine Reihe anderer hoffähiger Chargen.
Eine höchst zahlreiche Menschenmenge bildete
Spaller.
(München, 30. März.) Ter Aus
schuß des „Bayerischen LandcsvereinS zur
Unterstützung dcr katholischen Refocmbewe
gung" hat als Vertreter der altkatholischeu
Interessen in Bayern miter'm 24. d. Vi. eine
an den König gerichtete, die Eiilnihrnng de
obligatorischen Civilche betreffende, vom Gra
fen von Moy und Dr. Cornelius unterzeich
nete Petition bei'm Justiz Ministerium ein
gereicht.
(Straßblirg , 23. März.) Der Ge
burtstag des deutschen Kaisers ist hier festlich
begangen worden. Tic Vorfeier bildeten der
große Zapienftreich, welcher, von einer großen
Menschenmenge begleitet, Samstag Abend die
Straßen durchzog, und eine Fest-Vorstellimq
im Theater. Nachdem am Sonntag Mor
gen in dcr Stephans und ThvmaSkirche Fest
gottesdiensic stattgefunden hatten, rückten die
Truppen nach der Csptaiiade, wo eine äußerst
zahlreiche Menge zusammengeströmt war, um
die Parade zn sehen. Die ven großen Platz
umgebenden Wälle waren dickt von Schau
lustigen besetzt, während die lange Sirecke
vom Walle bis zur Citadellen - Armee von
einerdoppcllenWageiircihe eingenommen war.
--Tie Verel nba r ung, welche zwi
schen dein deutschen Reichstag und der Regie
rung betreffs des Reichsinilitärgcsetzcs statt
gefunden hat, ist in etwas anderer Weise er
folgt, als das Kabel gemeldet hatte. Der
Regierung ist der von ihr geforderte Präsenz
stand, nämlich 4(>1,5i, Mann, gewährt wor
den, jedoch nur für die Dauer von sieben Jah
ren, bis zum 31. Dezember 1881. Diese Lö
sung der schwierigen Frage, wie sie wohl die
einzig mögliche war, darf anch als die beste
betrachtet werden und man rann beiden Thei
len zur Annahme des Compromisses Glück
wünschen. Die Regierung ist jetzt für eine
beträchtliche Anzahl Jahre dcr Orgamsalioll
des Heeres, sowie sie dieselbe sür zweckmäßig
und nothwendig erachtet, sicher, zugleich aber
hat nch die Volksvertretniig nicht für immer
des Büdgelrcchts begeben, sondern sie hat sich
die Möglichkeit bewahrt, falls nach 7 Jahren
die politischen Verhältnisse Europa's sich fried
licher geüalte! und die Franzosen erkannt ha
ben werden, daß es besser sür sie ist, mit
Deutschland ingntcm, freundschaftlichem Ein
vernehmen zn leben, als einem Rcvanchege
dessen Befriedigung nur
für sie selbst verderblich werden könnte, eine
Verminderung der allzugroßcn, ans die Er
werdskraft des deutschen Volkes drückenden
Militärlast zu beautrageu und herbeizufüh.
ren. Der Reichstag hat, und das muß man
hoch anschlagen, nur den Zeitumständen, dem
momentanen praktischen 'Bedürfniß ein Opfer
gebracht, aber feine Stellung und Würde sind
durch das Zugcstäildniß, welches cr gemacht,
nicht beeinträchtigt worden. Tie dreijährige
Dienstzeit wird bei dem gegenwärtigen Ar
raiigemeiit zwar bestehen blcideii, jedoch nur
sür die minder begabten Mannschaften, die
begabteren Infanteristen werden nach den Er
klärmigeil des Kriegsministers künftig nicht
viel mehr als zwei Jahre zu dienen haben.
—(Berlin, . April.) Ter I. April,
der große Umzugslag, ist vorübergegangen,
ohne daß mehr als eine einzige Familie we
gen Obdachlosigkcil vom hiesigen Arbeits
hause hat untergebracht werden müssen. Von
eigentlicher WohnungSnoih kann alio nicht
mebr die Rede sein. Bei den theuersten, wie
man hier sagt, hochhem'chasllicheii Wohnun
gen sind auch die Miethen etwas gefallen.
Gegenwärtig zählt man hier 15,600 Häuser
mit 184,000 Wohnungen und einem Mierhö
werthe von 44 Millionen Thaler. Sei: dem
vorigen Jahre haben sich die Häuser um ssn,
die Wohnungen umB'Z>c>, die Miethen um 8
Millionen Thaler vermehrt. Tie leer stehen
den Wohnungen stellen einen Mierdswerih
von 400,W Thaler dar. Das Rathhaus ist
zu eng geworden sür die Stadtverwaltung,
uns die muß Räumlichkeiten miethen.
Ebeiidazu ist das Ministerium des Innern
s wegen Ueberfüllung dcrStadtvogtei genöthigt.
Der Streit in einigen Blättern über die
wahrscheinliche Majorität in der Armccsrage
und die voraussichtliche Höhe derselben sur
die Regierungszisser ist, wie oft bemerkt, vor
der Rückkehr der Abgeordneten ans den Fe
rien jedenfalls verfrüht und kann mir auf
Vermuthungen beruhen. Die Angaben selbst
in unterrichteten Rcichstagskrcüen hatten bis
in die letzten Tage vor dem Feste einiger Ma.
Ben geschwankt und die an der Majorität für
die Turchschmttszisscr von 384,000 Mann
fehlende Zahl war zuerst auf 25 St."dann
aus etwa 17 veranschlagt worden. Doch war
ziemlich allgemein vorhergesehen, daß es sich
zuletzt weniger um die Höhe der Ziffer, son
dern um die Dauer der Bewilligung wenig
Ileus der Differenz handeln werde. 'Welchen
Eindruck der lange streit nach außen Hervor
bringt, zeigt selb dcr im klebrigen verständig
und für Deutschland nicht unfreundlich gehal
tene Artikel der Londoner „Saturday Re
view." Es ist Zeit, daß bei uns Friede auf
billigen Grundlagen geschlossen werde, und
es sind dazu auch gegründeieAnssichlen sicher.
lich vorhanden.

xml | txt