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Der Deutsche correspondent. [volume] (Baltimore, Md.) 1848-1918, June 26, 1874, Image 2

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Der Deutsche Korrespondent.
Baltimore, SS. Juni t 74.
Die Einweihung
des neuen
„Mgem.Teutschen Waisenhauses."
Geschichte des Waisenhauses.
Ein denkwürdiger Tag für die deutsche
Bevölkerung Baltimore's.
Neberrrichunss des Schlüssels des
GebändkS.
Deutsche und englische Festreden.
Der erste Abend im Waiscnhause.
„Wohlzuthun und Mitzutheilen
vergesset nichts"
Schluß dcr Feier.
las Waikcniiau vcm Piil-likiim beute
noch geöffnet
Montag wurde der neue Prachtbau au der
Aisquithsiraßc da? „Allgemeine Deutsche
Waisenhaus" feierlich eingeweiht, und der
Zweck, welchen eine Anzahl edler hiesiger
Bürger anstrebten, den deutschen Waisen, die
so leicht in dem bunten betriebe unserer Stadt
untergehen konnten, ein permanentes Ashl zu
Ichaffen, wo sie zu nützlichen Mitgliedern der
menschlichen Gesellichasl herangebildet wer
den, ist setzt erreicht. Wie schon der Name
besagt, ist das Ashl, soweit es die Untcrbrin
gung und Versorgung der Waisenkinder an
betrifft, von keiner besonderen Gemeinschaft
abhängig. Ter Segen, welcher von dem Un
ternehmen ausgeht, kommt nicht nur den
Kindern desjenigen Deutschen zu Gute, wel
cher Jahre lang ein Bürger unserer Stadl
war und plötzlich vom Tode abgerufen wird,
sondern das Aschl öffnet seine Pforten auch
den armen Riemen, welche der Emigrant, der
nach einer langen Reise sterbend unfern Hasen
erreicht, allein und ohne Mittel an einem
fremden Gestade zurückläßt.
Es ist am Ende kein Wunder zu nennen,
wenn eine derartige Anstalt, deren Psortcn
Jedem geöffnet sind, sich ini pause der Jahre
eine Popularität erworben, wie kein anderes
von Deutschen in's peben gerufene Institut.
Mögen die Teutschen anderer amerikanischer
Städte mit Stolz aus ihre Hospitäler, Vcr
cinslokale :c. hinweisen, der Stolz unserer
deutschen Bevölkerung ist und bleibt das „All
gemeine Deutsche Waisenhaus." Trotz der
Popularität, deren sich das Institut gegen
wärtig erfreut, ist cS dennoch nicht alt. Wir
wollen versuchen, che wir zur Schilderung der
besagten Feier übergehen, in Rachstchendem
eine möglichst vollständige Geschichte der An
statt zu geben.
Es sind noch kaum kl Jahre verflossen, als
Hr. Martin idrat:, Pastor der evangelisch
lutherischen Dreiemigkeits Gemeinde, den Ge
danken erfaßte, einen Waiscnvcrcin in' Da
sein zu rufen. Hr. Kratt theilte seine Idee
mehreren Mitgliedern seiner Gemeinde mit:
die Idee fand Anklang, man schritt zur Aus
führung und am IS. Juli 1863 wurde ein
Verein gegründet, aus welchem bald darauf
eine Anstalt ui.t r dem 'Rainen: „Das Deut
sche Protestantische Waisenhaus" hervorging.
Mit welchen Mühsalen dieses junge Institut
im Anfange zu kämpfen hatte, geht am Besten
aus einer stelle der Rede hervor, welche der
Gründer Hr. Martin Kratt bei der Grund
steinlcgnng zu dem neuen Gebäude im vori
gen Jahre hielt. Der Redner sagte nämlich:
„So klein war die Zahl unserer M.thclfer
und so gering unsere Mittel, daß Männer,
deren Pflicht es schon lange gewesen wäre, die
Waijensache in Angriff zu nehmen, uns nicht
allein bemitleideten, sondern privatim, wie
öffentlich belächelten und bespöttelten. Glück
lichcr Weise sind jene Zeilen vorbei, wo wir
mit leerem Korbe durch die Märkte zogen und
lange unbeachtet Vörden Fleischer oderßäcker
släudcn stehen mußten, um endlich aus Gnade
und Barmherzigkeit einige Ucbcrbleibscl zu
erhalten. Auch jene Zeilen sind vorbei, wo
wir oft des Morgens noch nicht wußten, wo
her wir für unsere Unmündigen dasMillags-
oder Abcndbrod nehmen sollten."
„Jene Zeiten" waren für die braven Man
ncr, welche die Sache in Angriff genommen,
sicher keine angenehmen, und Manchem mag
der Kopf zuweilen warm geworden sein, wenn
selbst das Nothwendigste zur Unterstützung
und Erhaltung der Anstalt fehlte. Am 8.
November 1863 wurde das erste Gebäude nm
mehrere Tausend Dollars angekauft. Dasselbe
stand an der Ost Prattstraße und konnte im
Anfange nur sehr dürftig eingerichtet werden.
Da man aber bei'm Ankauf des Gebäudes
nicht die kleinste Summe, welche als ein Fond
hätte dienen können, in Händen gehabt, so
hatte man jetzt mit neuen Schwierigkeiten zu
kämpfen. Hr. Martin Kratt widmete damals
fast alle seine Mußestunden dein jungen Un
ternehme, unablässig war er snr die ante
Sache thätig; er agitirle für dieselbe, wo er
nur konnte, lernte aber zu gleicher Zeit ein
sehen, daß auf dem eingeschlagenen Wege nie
Etwas erreicht werden könne;'sollte das Wai
senhaus aufblühen, so mußte es Eigenthum
der ganzen deutschen Bevölkerung Baltimore'S
werden. Dies war jedoch leichter gesagt, als
gethan. Bei dem Versuche, der Anstalt eine
größere Basis zu geben und Kindern aller
Eonsejsionen die Thüren und Pforten zu ösf
neu, stellten sich neue Schwierigkeiten in den
Weg. Hatte man bisher mir um die Mittel
der Existenz gestritten, so galt es jetzt einem
Kamps mit den Vornrtheilcn, welchen erst die
Spitze abgebrochen werden mußte. Es kam
sogar so weil, daß die Gründer persönlichen
Verfolgungen ausgesetzt waren. Wie aber
jede gute Sache sich endlich Bahn bricht, so
kam auch die Sache der Waisen zur Geltung;
man fing nach und nach an, die Verdienste
der Männer zu würdigen, welche mit so un
ermüdlichem Eifer für die Waisen gearbeitet
hatten. Die Klippen, die sich Anfangs um
das Unternehmen ausgcthürmt hatten, schwan
den allmählig und bald fand das Waisenhaus
neue Freunde.
Ankans nv cinweihiina des alten Waisen-
yansco an vcr '.>iors"-Valvcrslras-,c
Gegen Anfang des Jahres 18? war die
Zahl der Kinder, die eine Heimath in der An
stalt gefunden, Ins auf 34 angewachsen, und
es stellte sich die Nothwendigkeit heraus, ein
größeres Haus anzuschaffen. Man schritt
darauf zum Ankaufe des Waisenhauses an
der Ealvertstraßc und erstand dasselbe um den
Preis von -516.0VU. Am 7. Juli 1867 wurde
das neue Gcväudc eingeweiht und bei dieser
Gelegenheit ein großer Fcstzug veranstaltet.
Derselbe bildete sich an dein erwähnten Tage
Nachmittags um 3 Uhr vor dem alten Ge
bände an der Ost-Prattstraße, wohin sich die
zur Theilnahme eingeladenen Gesellschaften
aus den verschiedenen Stadtlheilen begeben
hallen. Der Zug. welcher aus den Mitglie
dcrn von 55 Gesellschaften, klagen und Ver
einen bestand, berührte auf seinem Wege nach
der Calvcrtstraße auch die Stilcsstraßc, wo
der Präsident des Pereins, der vor einigen
Jahren verstorbene Hr. Johann E. Kraiitz,
wohnte. Derselbe war damals verhindert,
der Feier beizuwohnen, indem ihn eine schwere
Krankheit an's Bett gefesselt hielt. Troß sei
ner beiden erhob er sich jedoch vom klager, er
schien am Fenster und begrüßte den stattlichen
Zug, in welchem sich auch die 35 Waisenkin
der besanden, die auf einem hohen, von vier
Pferden gezogenem Wagen saßen. Bei der
Einweihung des Gebäudes an der Calvert
straßc waren Tausende von Personen zugegen,
welche mir Aufmerksamkeit den Festreden der
HH. Friedrich Knapp, Eapt. I. H. Schulten,
Martin Krait und Gustav Facius folgten.
Im neuen Waisenhaus- blühte das Unter
nehmen ersichtlich immer mehr auf. An der
Spitze des Vereins standen zu teuer Zeit sol
gende Herren: I. E. Krantz, Präsident; I.
H. Schulten, Vizepräsident; Ernst E. Lin
den, Sekretär; E. H. Möller, Schatzmeister;
Martin Kratl, Ehr. Höhn. Johann'Reiscn
wcber, Friedrich Schneider, Johann Schön
hals, Konrad Diestlcr, Thomas Ochs, Wil
Helm Wittgrcfe, Heinrich Hossmanii, Dr.
Heinrich Windwart, Philipp Vogel, Johann
G. Marr, Gustav Faeius, Friedrich Knapp,
Friedrich Klomann, Johann Elgert, Georg
Falkenstein, Ernst Knabe, Peter Kepscr, Karl
Simon, Louis Schaum und Christoph Bar
kel, Direktoren. Als Repräsentanten der im
Jahre 1867 bei'm Waisenvcreine vertretenen
Logen, Vereine und Gesellschaften fungirten
die HH. Karl Sachse, Marlin Weitzel, Fried
rich Schlein, Heinrich Engelhardt, Gerhard
Ermeling, Johannes Miller, Martin Lötz,
Johann Philipp, Heinrich Grauling, Jakob
Kaiser, Johann Rudolph, Karl Plitt, F. W.
Appel, Valentin Banscher, Johann Schwarz,
Georg Tolle und C. Wagner.
Ter ntaus des tzarincliierinnci,-Klosters
an ver Aisquithstraflc.
Im Jahre 1872 betrug die Zahl der im
Direktorium repräseniirten Körperschaften 35
und in demselben Maaße, wie die Zahl der
Körperschaften, war auch die Zahl der Kinder
angewachsen. Am 31. Dezember 1872 zählte
die Anstalt 42 Knaben und 22 Mädchen
Man sah in, Voraus, daß die Zahl der Kin
der sich mit jedem Jahre mehren würde; da
bei waren aber die Räume des Waisenhauses
so sehr überiülll, daß man sich kaum getraute,
ein neues Kind aufzunehmen. Man sah die
Nothwendigkeit ein, den Verhältnissen eine
entschieden andere Gestaltung zn geben und
eine permanente Heimalh zu erringen, groß
genug, um der Aufgabe des Waifenvereins
. gerecht zu werden. In Folge Dessen wurde
in einer am l. Februar 18.2 abgehaltenen
Direktorial Versammlung ein Antrag einge
reicht, ein Comite zu ernennen, welches es sich
zur Aufgabe machen sollte, einen Platz anzu
schaffen. der sich durch gesunde und günstige
Lage, durch stattliche Größe und durch einen
niedrigen Kaufpreis empfehle.
Neun Monate war dieses Comite thätig
ohne zn einem Resultate zu kommen. Man
nahm mehrere Plätze in Augenschein und
'chwankte eine Ze t lang zwischen dem Ankauf
des dem Hui. Daniel B. Bants gehörenden
und an der Franklinsaßc gelegenen Grund
besitze und dem Ankauf des Earmctttcrinncn
Kloster an der AiSgiiithstraßc. Endlich enl
schied man sich ftl .eu letztere Platz. Der
IM junsimgreich „„o geräumig, aber e
fehlte ihm an einem großen passenden Ge
bände, da da Kloster den Zwecken des Wai
senhauses nicht im Mindesten entsprach. Es
fragte sich jetzt, ob man zu einem Ilmbau
lchrciten oder dein Werke die Krone auffetzen
solle, indem man für einen gänzlichen Neu
bau Sorge träge. Pia entschied sich für das
Letztere und bahnte durch die Ernennum, eines
Bau - Comite's die Erreichung tiefes Kic
les an.
Als Mitglieder dieses Ban-Eomitc's wur
den die HH. G. Facins, E. E. Linden, I. R.
Fcllmaiin, Johann Lorz, Karl Sachse, W
Eckhardt, Friedrich Knapp, P. L. Kemer
Muth nnd Heinrich Kolle ernannt.
Bald darauf gingen von hiesigen Architekten
mehrere Pläne für das neue Waisenhaus ein,
und unter diesen wurde der Plan der H.H.
Eduard Lupus K H. A. Roby angenommen.
Mit der Ausführung des neuen Baues wur
den die H.H. Christoph Gisset nnd Friedrich
Decker betraut.
Die lilrundkieinlegung.
Nicht lange säumte mau, bis man mit dem
Abbruch des Klosters begann. In kurzer Zeit
waren die Mauern niedergerissen und Pas
alte Carmelitcrinnen-Äloster gehörte der Per
gangcnhcit an. Kaum waren die letzten
Steine, die noch an das alte Gebäude erin
nertcn, verschwunden, so nahm man den Neu
bau in Angriff, und am 22. Juni 1873 waren
die Vorarbeiten so weit gediehen, daß der
Grundstein gelegt werden konnte. Die Feier,
welche mit der Grundsteinlegung verbunden
war, war eine großartige uiid wahrhaft er
hebende.
Fast jeder Deutsche nahm an derselben
Theil. Frühzeitig am Nachmittage begaben
sich die einzelnen Logen, Gesellschaften und
Vereine nach ihren Versammlungslokalen und
von dort marschirten sie nach der Ealvertstraße,
wo die Formirung der Divisionen und die
Ausstellung des Zuges schnell vor sich ging.
In dein Zuge waren nicht weniger, als 2
Gesellschaften, Logen und Vereine repräsen
lirt, und die Zahl der Personen, welche den
Bannern und Fahnen des Zuges folgten, er
reichte die Höhe von Dreitausend. Als Fest
Marschall fungirte Hr. Otto Düker; die HH.
Karl Blumhardt, Karl Schwarzhaupt, H.
Ickes, E. Lutz, E. Knöpp und Heinrich Bantz
führten die einzelnen Divisionen an.
Der Zug bewegte sich von der Calvert- nach
Baltimore-Straße, und von dort durch die
Eden- und Monument- nach der Aisquith-
Straße. Viele an der Marschroute gelegenen
Häuser waren mit deutschen und amerikani
schen Fahnen geschmückt und auf den Trot
toirs drängten sich allenthalben die Menschen,
um den Zug zu sehen. Derselbe war ringe
fähr zwei Meilen lang, und es währte bei
nahe drei Viertelstunden, bis er an einem ge
gebenen Punkte vorbeimarichirte. Beinahe
4 Uhr war es geworden, als die Spitze der
ersten Division vor dem Platze erschien, auf
welchem einst das Kloster der Earmeliterinneii
gestanden. Auf dem Platze war eine mit ei
nein Zeltdachc überspannte und höchst ge
schmackvoll dekorirte Tribüne errichtet, die den
Festrednern und den prominentesten der h.csi
gen Deutschen, sowie mehreren hervorragenden
Amerikanern als Aufenthalt diente.
Die Feier eröffnete mit dem Choral: „Eine
feste Burg ist unser Gott!" worauf Hr. Gu
stav Facius den Rcdnerstand betrat und an
die kaum übersehbare Menge, welche sich an
der Aisqnith- nd den nmiiegendcn Straßen
aufgepflanzt hatte, die Eröffnungsansprache
hielt. Als er geendet, hielt der Ehrw. Hein
rich Scheid die eigentlich deutsche Festrede.
Auf Hrn. Scheid folgte der englische Fcstred
ner, der damalige Gouverneur unseres Staa
tes, Sc. Excellenz Wm. Pinkncy Whytc.
Sobald dieser zum Schlüsse gekommen, bega
ben sich der Präsident, Hr. Gustav Faeins, der
Achtb. Joshua Vansant, Mayor von Balli
more, Gouverneur William Pinkncy Whyte,
sowie die Mitglieder des Ban Eomite'S und
die Architekten, die sich sämmtlich ans der Tri
bünc befanden, nach dem nordöstlichen Theile
des Platzes, wo hierauf der Grundstein gelegt
wurde.
Der kupferne Behälter, der in den Stein
gesenkt ward, enthielt eine große Anzahl Do
kumentc, darunter eine Constitution des
„Deutsch - protestantischen Waisenvcrcins von
Baltimore" 1864, eine Constitution des „All
gemeinen Deutschen WaisenvercinS der Stadt
Baltimore" 1866, Constitution und Nebcngc
setzc des „Allgemeinen Deutschen Waijenver
eins" 1867, Jahresbericht des „Allgemeinen
Deutschen Waisenvereins" für 1872, Liste mit
den Nanicn aller im „Allgemeinen Deutschen
Waiscuhause" zur Zeit der Grundsteinlegung
am 22. Juni 1873 befindlichen Kinder, Name
des Hausvaters und der Hausmutter, Liste
der Beamten, Direktoren nnd Mitglieder des
Damcn-Nähvcreiiis des „Allgemeinen Deut
scheu Waisenhauses," Namen aller Mitglieder
des Bau-Comite's, der Architekten, Baumei
ster und Conrraktorcii, hiesige Zeitungen :c.
Nachdem die Grundsteinlegung vor sich ge
gangen war, hielt der Ehrw.' Martin Krau
die Schlußrede.
Als Mitglieder des Arrangements- und
Empfangs-Coiiiitc's bei jener Feier sungirten
die HH. E. C. Luiden, Johann Lorz, diarl
Sachse, Christian Ax, I. Stellmann, Oberst
Friedrich Raine, Oberst Bs. S. Heß, Karl
Lemkuhl, Karl Pracht, Gen. Leopold Blumen
berg, Karl Bein und Johann Hcmmcttr.
Die Arbeiten an dem neuen Gebäude wur
den, sobald die Grundsteinlegung einmal vor
über war, rüstig in Angriff genommen und
nach und nach erhob sich der große kolossale
Prachtbau ein neues Monument der Mo
iinmeilteiistadt ans der Erde. Der Ban
besteht aus einem Front- und einem Hinter
gebäude nebst Waschhaus. Das Hauptge
bäude beginnt in einer Entfernung von 24
Fuß von der Baulinie und schließt sich mtt
seiner nördlichen Seite nnniittclbar an die
Capelle. Die Länge der Fronte beträgt kO4,
die Tiefe 65 Fuß. Die Mitte des Gebäudes
hat zwei durch alle Stockwerke gehende Schei
dcwände, die den Hanptgang oder die Halle
einschließen. Ter Ban besteht ans einem
Erdgeschoß mit einer Höhe von 10 Fuß, dem
ersten Stockwerke mit einer Höhe von 15 Fuß,
dem zweiten und dritten Stockwerke, >c 15
Fuß hoch, und den Duchränmcn mit einer
Höhe von Ii und 9 Fuß. Zum Hauplein
gange gelangt man mittelst einer von zwei
Seilen hinaufführenden Granittreppe, zwi
schen welcher sich der geräumige Eingang zum
Erdgeschosse befindet. Vom Haupteingange
gelangt man in die 12 Fuß breite Borhalle
und dann in die eigentliche Halle des HanscS,
in deren westlich gelegenem Theile die große
5 Fuß breite Haupttreppe zu den oberen
Stockwerken hinaufführt. Auf der südlichen
der Halle befinden sich das Zimmer des
Damcn-Nähvereiiis mit einer Länge von 36
imd einer Breite von 2cz Fuß, und der
Speisesaal, der 40 Fuß lang und ebenso breit
ist. Der ganze auf der Nerdleite der Halle
siegende Raum wird durch den 8 Fuß breiten
Scitcngang in eine östliche und westliche Seite
getheilt und hat auf der ersteren zwei Zimmer,
jedes von 214 Fnß Fronte und 264 Fuß
Srefe. Nach der Gartenseite liegt ein an die
Capelle grenzendes Zimmer, 25'bci 234 Fuß
groß, daneben ein anderes mit einer Länge
von 234 und einer Breite von 18 Fuß. Auf
der Südseite des zweiten Stockwerkes der
Halle befindet sich der Schlafsaal für die
Mädchen, der eine Länge von 62 und eine
Breite von 40 Fuß hat. Der bedeutende,
2480 Quadratfuß haltende Raum gestattet die
Aufstellung von 82 Betten. Angrenzend an
und durch eine Thür mit dem
selben verbunden ist das sogenannte Balkon
zimmer. Auf der nördlichen Seite dieses
und östlich vom eilengange sind
zwei Zimmer, jedes 20 Fuß breit und 564
Fuß lief. An der Westseite des Seitcnganges
liegen drei Zimmer, von denen die beiden
größeren als Krankenzimmer für die Knabe
und Mädchen benutzt werden können, während
das mittlere dem Krankenwärter anzuweisen
wäre. Im dritten Stockwerke befindet sich
der chlaffaal für Knaben, der 62 Fuß lang
5"ß breil m und gleichfalls Raum
für 8. Betten hat. Daneben liegt das 20 Fnß
breite und 15. resp. 12 Fuß liefe Balkonzim
mer. Auf der liegen zwei Zimmer,
ebenso auf der Westseite.
Ter Hauptcingang wird, wie schon er
wähnt, durch eine 6 Fuß breite, von zwei
eiten hinaufführende Granittrcppe erreicht
und hat an den Seiten des Portikus eine
massive Brustwehr. Der Portikus siegt vor
der Mitte der Frontseite und wird von Bogen
Säulen und Pfeilern gebildet. Der Name
des Instituts ist an der Fronte des dritten
Stockwerkes angebracht. Das Hintergebäude
hat eine Breite von 26 und eine Länge von
40 Fuß und enthält die Küche, die peiff
kammer, eine Backstube, zwei Wafchzimmcr
zwei Badezimmer u. s. w. Das Waschhaus
ist 24 bei 12 Fuß groß und stößt an die Küche,
von der es zu jeder Zeil mit heißem Wasser
versehen werden kaun.
Borbereitunaen zu der Ginweih,-a des
neuen Gebäudes.
Vor einigen Monaten beschloß das Direk
lorium des Waisenvereins als Tag der Ein
weihung den 22. Juni, den Jahrestag der
Grundsteinlegung, zu bestimmen. Ein Ar
rangements-Comire wurde ernannt, und die
jes hielt während der letzteren Zeit regelmäßig
an ledcm Freitage Sitzungen ab. Am letzten
Freitage wurde endlich das Festprogramm in
der Weife aufgestellt, wie es gestern durchge
führt wurde. °
a. -.M' Montags-Feicr.
Am Mittag fanden sich die ersten Fest
lheitt,ehmer in dem neuen Gebäude an der
Aisqiilth-Straße ein. Die Frontmauer war
von dem Dckorations-Comite, dessen Vor
sitzender Hr. W. Eckhardt war, höchst qe
schmackvoll mii Guirlanden und Fahnen de
korirt und machte einen angenehmen Eindruck.
dem Haupteingangc war die für die Fest
redner bestimmte Tribüne errichtet, die gleich-
Girlanden und Fahnen geschmückt
a '"°6te bereits eine zahlreiche
Menschenschaar durch die Raume des Gebäu
dc?.-(des Z.m.mr ,n Augenschein nehmend:
selbst bis in die Tachräume, von deren Fcn
stern aus man eine prachtvolle Aussicht über
die LAadt genießt, verstiegen sich die Besucher
Gegen 43 Uhr nahm die offizielle Feier ihren
Ansang. Die sämmtlichen Waisenkinder, mir
Pros. Winter's MusikcorpZ und den
reu der Anstalt an der Spitze, hielten einen
Umzug um das Gebäude. Nachdem dieKin
der ig die für sie reservirtenZimmer des Vag
scs zurückgekehrt waren, begaben sich die Mit
gttebcr de Bau Comite's auf die die Redner
bühnc. Pros. Winter's Orchester spielte nn
tcrdeß die Ouvertüre „Paragraph 3" von
Suppe in vorzüglicher Weise. D'raußen auf
der Straße versammelte sich mittlerweile eine
große Menschenmenge, die sehnsüchtige Blicke
nach dem Gebäude warf und gerne durch das
Hauplthor hindurch geschritten wäre. Leider
waren die Leute nicht im Besitze eines Billets,
dessen Vorzeigung ihnen den Eintritt in's
Gebäude gestattete und die vor dem Eingänge
aufgepflanzten Polizisten machten eine so
grimmige Amtsmiene, daß sich Niemand ge
traute, den Wächtern der Sicherheit zn nahen,
und sie oder eine der am Portale aufgestellten
Privatpersonen um den Eintritt in die neue
Anstalt zu ersuchen. Sobald der letzte Ton
der Ouvertüre verklungen war, überreichte
Hr. Christoph Gisset, der Baumeister des
neuen Waisenhauses, dem Bau-Comite den
Schlüssel zum Hause. Der Schlüssel war
von einem Kranze umgeben. Hr. E. C. Lin
den nahm den Schlüssel entgegen und sprach
einige passende Worte. Er bemerkte, daß man
mit vielen Mühsalen nnd Schwierigkeiten zu
kämpfen gehabt, bevor es gelungen sei, den
Waisen eine permanente Heimath zu sicher.
Jetzt sei das langerstrebte Ziel jedoch erreicht
und mit Freuden könne man auf das vollen
dete Wert blicken. Hr.' Linden überreichte den
Schlüssel sodann im 'Namen des Bau Co
mite's dein Präsidenten Hrn. Gustav Facins.
Das Orchester spielte darauf die Piecc: „Er
inncruug au Tannhäuscr" von Hamm. Hr.
Gustav Facins betrar dann den Rednerstand
und hielt folgende Rede:
Rcse vc Hrn. Vlnstav Jactiis.
„Wertbe Frcmide und Festgenosscn!
Begeisterung für alles Gute, Edle und Heilt
ge ist der Hochgenuß unseres Daseins, der
Sonnenschein unseres Lebens, lind wenn die
Begeisterung sich zur edlen That gestaltet,
wenn wir eine edle Arbeit im Dienste der
Humanität verrichten, so erleben wir einen
glücklichen Tag. Heute ikt uns ein solcher
glücklicher Tag erschienen. Es ist der Tag,
an welchem wir diese herrlichen Ban dem
Dienste der Humanität weihen. Was kann
es Schöneres nnd Herrlicheres geben, als
wenn d Liebe im Herzen der Menschen er
wacht !iid sie einig macht. Wenn wir das
Leben und Treiben, das Wirken und Schaffen
in Baltimore während der letzten 25 Jahre
an unserem Geiste vorüber ziehen lassen, so
können wir mit Stolz behaupten, daß unsere
Nationalität Großes gethan. Jider achtet
heut' den deutschen Namen. Und neue Ach
tung vor dem deutschen Namen wird man
von heute an haben, wo wir dieses Gebäude
unseren Waisenkindern weihen. Durch die
Waiscnanstalt sind wir einig geworden; reli
giöse Vorurthcile und politische Parteispal
tnngen sind gefallen. Jnd' und Christ sind
heute zusammen gekommen, sie wollen Men
schen sein; sie wollen dies Hans zn einem Al
tare machen, auf welchem wir unsere Dank
opfer niederlegen. Aber es ist nicht genug,
daß wir diese Anstalt errichten halfen, wir
müssen sie auch erhalten und vor allen Din
gen müssen wir das HauS bezahlen. Wenn
ich auf die vielen Freunde schaue, die hier
heute versammelt sind, so hege ich keinen
Zweifel, daß der Ban in 12 Monaten ganz
bezahlt sein wird. Lassen Sic es aber auch
in Zukunft unsere Aufgabe sein, die Thränen
zu trocknen und Wein nnd Balsam in die
Wunden der Verlassenen zu gießen. Glau
ben Sie mir, der Mensch ist gut, ist edler
Thaten fähig, er ist nicht verdorben. Möge
unser Werk fort und fort leben, wenn auch
Keiner mehr von uns am Leben ist. Was
erweckt in unserem Herzen wohl größeres
Mitleid als das arme Waisenkind, dem die
s liebende Mutter fehlt. Es ist schon in früher
Jugend der Elternpflcgc beraubt, ohne Schutz
auf die nackte Erde geworfen. Wir reichen
dem Kinde die helfende Hand und fragen
nicht: „Wcß' Glaubens bist Du?" Aber
geloben wollen wir auch, daß wir das, was
wir gebaut, erhalten. Niemals soll das
l Kind fühlen, daß es verlassen und der Eltern
beraubt ist, es soll zn einem edlen Menschen
herangebildet und erzogen werden, nnd wir
wollen der Stadt beweisen, daß das Waisen
Haus den Kindergärten Baltiniore'S noch als
Musteraustalt dienen soll. Jeden, wird es
klar werden, daß die Waisenhäuser die besten
'Anstalten sind, und unsere Anstalt soll eine
der besten werden. Lassen Sic mich mit fol
gcndcn Worten schließen:
Aas da die Aachwen segnend blicket.
Als Hr. Faeins geendet, trug der „Lieder
kränz" unter Direktion des Prof. I. H. Rose
wald den Chor: „Die Allmacht" vor und zwar
so ausgezeichnet, daß sämmtliche Anwesenden
der trefflichen Leistung lauten Beifall zollten.
Hierauf stellte Hr. Christian Ax den Ehrw.
Heinrich Scheid als deutschen Festredner vor.
Wir lassen dessen Rede hier im Auszüge fol
gen:
Rcde VeS <slnv, Heinrich Zchcib,
„Es giebt Tage nnd Stunden im Leben,
welche einen größeren Werth, eine ernstere Be
deutung nnd'einen tieferen Inhalt haben als
andere, es sind Tage und Stunden, die iin
Kalender des Lebens roth angestrichen zn iver
den verdienen, den heutigen Tag rechne ich
zu diesen inhaltsreichen. Es ist eine schwere
Aufgabe, Ihnen in dieser Verwirrung, diesem
Lärmen und Treiben meine Stimme ver
nehmbar zn machen, aber Alles, was ich hier
vor mir sehe, was mich nmgiebt, gemahnt
mich daran, daß die Menschheit einen liefen,
inneren Werth besitzt. Vor einem Jahre
wurde der Grundsleiit zn diesem Werke ge
legt und heute steht dasselbe vollendet da.
Der menschliche Geist treibt Blätter und Blü
then, und als eine Blüthe des menschlichen
Geistes betrachte ich auch dieses Hans. Die
jenigen, welche dieses Werk in'S Leben geru
fen haben, fühlen sich jetzt, wo das Werk vol
lendet dasteht, belohnt genug und gleich dem
Samariter, der, nachdem er dem Kranken und
Verwundeten geholfen, feines Weges dahin
zieht, ohne sich nach dein Lohn für seine That
in zuschauen, so fragen auch die Gründer die
jer Anstalt nach keinem anderen Lohn, als
s welchen sie in dem Befinden der edlen Thal
finden. Das Waisenhaus ist eine Blume,
die nicht in besondern GeHägen, in ummauer
ten Gänen wächst; es ist eine 'Anstalt, die
Jedem offen steht; großherzige Bürger stehen
an der Spitze derselben, stets bereit da zn Hel
sen, wo die Noth klagend ihre Stimme er
hebt. Das eigentliche Glaubcnsbekcnntniß
des Menschen ist die Wahrheit, die 'Arbeit,
die Liebe; Nichts wollen wir wissen von je
nem Glaubensbekenntnisse, das lärmend wie
das sallcndc Wasser über den Damm dahin
ran'scht; unser Thun soll dem Bache gleichen,
welcher durch die Felder fließt, tausend dursti
ge Pflanzen zur Rechten und Linken des We
ges tränkend. Derjenige verdient gepriesen
zu werden, welcher frisch in's Leben tritt, dem
Bedürftigen bereitwillig hilft, sich nicht nach
einstigem Glücke sehnt und das Wohl seiner
Brüder vergißt, der die Sümpfe trocknet,
aus denen giftige Dünste aussteigen nnd der
da Wüsten in fruchtbare Gefilde verwandell.
Es wird die Zeit kommen, wo alle Vornr
theile schwinden, Ivo es keine Büßer mehr
giebt und die „Heiligen" sich nicht von des
Lebens Glück lossagen, sondern zum Wohl
und ivcgen der Menschheit beitragen und
den verborgenen Geheimnissen der Natur
nachforschen, indem sie erkannt haben, daß
das Glück nur in der Arbeit nnd in der Liebe
zum Mitmeinchcn liegt. Die Erde ist nicht
zu einem Aufenthaltsorte für Büßer und
Heilige, die sich in die Wüste flüchte, bc
stimmt, sondern soll eine Wohnstatl glückli
cher Menschen werden. Wir verehren nur
die als unsere Heiligen, welche für Kleine
und Große bauen, lebendige Dentmäler für
künftige Zeiten errichten und Klöster in Wai
senhäuser verwandeln. Im grauen Alter
thum, wo Rohheit und Unwissenheit herrschte,
gab es kein Gefühl für die armen, verlassenen
Waisen. Niemand dachte daran, die Uuwis
senden zu unterrichten. Es herrschte nnd re
gierte damals die Selbstsucht nnd noch Heiitc
begegnen wir derselben gar oft. Wer aber in
dieser Welt nichts Anderes sucht als sich selbst,
wer nur den Haß predigt, der vcrlicrl sich
schließlich selbst, und die Gottheit, die er in
sich zu tragen glaubt, ist weiter Nichts als
ein Götzenbild. Die Selbstsüchtigen glau
ben nicht an die Menschheit, diese ist für sie
verloren gegangen, sie denken nur daran, sich
mit fremden Gute zu bereichern; die Selbst
sucht ist der Inbegriff alles Schlechten, der
Jnhegriss aller Gemeinheit.
Wir aber halten zur Liebe. Wenn du,
o heilige Liebe, die harte kalte Rinde der
Selbstjucht lösest, wenn du die Ketten der
Vorurthcile sprengst, wenn du als milder leg
ncilder Engel in die Hütten der Armuth, des
Elends und des Lasters cinkchrsl, dann wird
der Menschheit ein neuer Segen erwachsen
und mit Freuden wirst du aufgenommen wer
den!
Sei uns gegrüßt, o Tag ! der du uns zeigst,
welche Wunder die Liebe gethan, indem sie
die Selbstsucht bezwang! Wahrheit und
Liebe sind dazu bestimmt, die Welt zu erlö
sen. Aber es gibt noch Viel zu retten, wenn
mau bedenkt, daß der vierteTheil der Mensch
heit nackt geht. Als Golk den Menschen
auf die Erde stellte, legte er ihm den Funken
des Gedankens in die Brust und sagte: „Jetzt
denke und arbeite!" Und seht, was der
Mensch gethan, was er vor sich gebracht, wozu
er die Erde gemacht! Aber vergessen darf
nicht werden, daß gar Mancher noch vom
Elend umgeben ist und wartet, bis die koi
men, an welche oaS Wort g.ri-httt ist: „Was
Ihr Einem dieser Kleinen thut, das habt Ihr
mir gethan!" Wohlan ! führt die Liede in
das neue Haus, oas Ihr heute einweiht, hat
tet sie fest nnd steht auf der Warte, denn es ist
och Viel zu retten. Wenn Ihr für die'ar
men Waisen sorgt und sie mit Lieb.
so wird die L'iebch die Ihr sür Eure .'lgcnen
Kinder hegt, nur umso größer und stärker
werden. Ein großes Werk ist Euch anver
traut; erst dann ist Eure Aufgabe als vollen
det zu betrachten, wenn Ihr dieser Schale
einen edlen Kern gegeben. Es ist gar Viel
aus Stein erbant Zuchthäuser nnd Kunst,
hallen, Klöster und Waisenhäuser sie alle
iverden im Laufe der Zeilen verfallen, wie die
Pyramiden, die in Schutt versunken und mit
deren Staub der brennende >sirocco der Wüste
spielt, aber Eins bleibt immer lebendig und
Das ist die Liebe. Möge diese in der neue
Anstalt immer walten. Dieses Haus soll den
Kindern geben, was sie ans dieser Welt am
Nöthigsten haben, es soll ihnen Bater und
Mutter wiedergeben, es soll ihnen nicht nur
eine Heimath, sondern auch eine Schule wer
den. Lehrt die Kinder Treue, Wahrheit und
Rechtlichkeit höher schätzen, als die Gunst der
Welt; unterrichtet sie in allem Guten,
und die Nachwelt wird Euch das Zeugniß
ausstellen, daß Ihr Eure Pflicht gegen die
Kinder erfüllt habt. Wahrheit und Liebe
müssen die Welt erobern. Wohl Denen, die
auf der Seite dieser Eroberer stehen !"
Nachdem das Orchester sodann das Zikofs'-
fche Potpourri: „Musikalische Gründung"
vorgetragen, hielt der Achtb. Joshua Vun
sant, Mayor von Baltimore, nachfolgende
Ansprache:
Rede des ittchlb. Joshua Vansant.
„Es sind gerade zwölf Pkonate vergangen,
seitdem die deutsch-amerikanischen Gescllschas
ten dieser Stadt mit entfalteten Bannern nnd
klingender Musik zu Tausenden durch diese
Straße zogen und sich auf diesem Platze vcr
sammelten, aber nicht etwa nm den Sieges
lorbeer auf die tirnc eines Mannes zu legen,
welcher seinen Ruhm auf blutigen Schlacht
feldern erworben, an dessen Ruhm die Thrä
nen und Seufzer der Wittwen nnd Waisen
klebten, fondern einen höheren und edleren
Zweck verfolgten jene Schaarcn—es galt, die
Grundsteinlegung zn dem „Allgemeinen deut
schen Waisenhause" auf feierliche Weise zn
begehen. Heute haben Sie, meine deutschen
uns amerikanischen Mitbürger, sich hier vcr
faininclt, um dieses schöne Gebäude für seine
geheiligten Zwecke einzuweihen. Die Gele
genheit, welche Sic hier zusammenführt, ist
iowohl angemessen, als passend. Der nichr
denkende Theil der Menschheit läßt sich in sei
ner Unwtlligkeit, mehr zu thun, als die Noth
wendigkeit gebietet, oder an etwas Höheres,
als an das Unvermeidliche zu denken, genügen
an den Dingen, wie sie sind, obgleich Jnsti
tute, welche menschliche Wohlfahrt und Glück
seligkeit zum Zwecke haben, welche die mensch
l'.che Zustände verbessern helfen, nur einfache
Erfordernisse einer wohlorganisirten Regie
rung sind. Solche Leute sind sicherlich bereit
und willens, günstig über Wohlthätigkects
Vereine zu sprechen, ohne aber jemals daran
zu denken, daß sie, wenn sie auch im Stande
sind, denselben materielle Hülfe angedeihen zu
lassen, nachlässig in ihren Pflichten sind, solche
Humanitäts-'Anstalten, wie das Deutsche
Waisenhaus von Baltimore, zn unterstützen.
Alle organisirten Wohlthätigkeiten, meine
Mitbürger, sind das Werk des Herzens, sie
entspringen einem menschlichen Gefühle, einem
Einflüsse Dessen, welcher von Ewigkeit war
und bis in alle Ewigkeit sein wird; sie sind
das Werk jener Vorsehung, welche ihren Ge
schöpfen gebietet, die Kranken und Elende zu
unterstützen, die Nackten zu kleiden, die
Hungrigen zu speisen, die Schwachen zn trö
sten und im Geiste den Verlassenen und den
Waisen ein Vater zu sein, ihre Mitmenschen
zn lieben:
-Nicht Einen, oder Wcniae allein,
Aus Alle fallen '
Zu diesem Zwecke, damit diese heiligen
Mandate wirksam vollzogen werden, und in
der weiteren Absicht, daß Kenntnisse verbreitet
und gefördert werden, ist es angemessen, daß
das „Deutsche Waisenhaus" von Baltimore
diesen Tcmvcl, welcher zur Förderung der gc
heiligten Mission des Menschen errichtet ist,
in Gegenwart der versammelten Mitglieder
einweiht unter Reden, in denen die Zwecke
der Anstalt klar dargelegt werden und mit im
posantcn Feierlichkeiten, welche die Wichtigkeit
der Sache andeuten.
T ie edlen Männer, welche dieses „Deutsche
Waisenhans" in's Leben gerufen oder seine
wohlthätige Wirksamkeit leiten sollen, haben
mich nicht anserschcn, bei dieser Gelegenheit
eine eigentliche Festrede zn halten, wenn auch
die Zeitungen anders behaupten, sondern mit
richtigem Blicke Andere dazu auserlesen, deren
Intelligenz und Bcrcdtsamkeit sie für diesen
Zweck ausnehmend gccicinet machen und deren
Gelegenheiten, ihre Gedanken auf die Angele
genheiten, über welche man von ihnen eine
Rede erwartet, zu conzentriren, sie für die an
genehme und verantwortliche Ausgabe beson
ders befähigen. Allein ich stehe hier als der
oberste Beamte dieser Stadt, um durch meine
Anwesenheit meine Hochschätzn,,g des „Deut
schen Waisenhauses" an den Tag zu legen und
mit einigen Worten die wahrhast edlen Herren,
welche der Anstalt vorstehen, in der thatkräfti
gen Wetterführung des guten Werkes, an de,
sie arbeilen, zu ermuthigen.
Was wäre des Waisen Lage ohne Anstalten
dieser Art? Er wäre genöthigt, aus der
Brust derAllgcmeinheit die gezwungene Milch
kalter Wohlthätigkeit zu entfesseln! Er wäre
vielleicht ihrer Schmähung, lasterhaften Bei
svielen und Versuchungen, den Verführungen
der Gottlosen, die für die Gepreßten und
Schwachen nur Fallstricke haben, ausgesetzt!
Er wäre den Stößen und Schlägen der Welt
unterworfen und müßte seinen Weg durch die
rauhe Lebensbahn multerseclenalleni forciren.
I Aber hier an dieser gesegneten Schwelle,
in diesen geweihten Räumen thront lächelnd
Wohlthätigkeit als Hüterin, das so früh der
Elternsorgc beraubte Waisenkind zu bcwill
koniinucu. In diesen Mauern werden ächte
Männer, wohlthätige Herzen seine Bedürf
nisse mit väterlicher Fürsorge und Freude be
friedigen, seinen Geist, sein Wesen veredeln,
durch Erziehung es heranbilden, das; es seine
gecigncic und berechtigte Stellung in der
menschlichen Gesellschaft einnehme, durch
Lehre und Beispiel die Grundlage seiner Mo
ral legen und es des Ewigen Namen zu ver
ehren und zu segnen lehren.
Ich sage Ihnen, meine Herren, Vorsteher
dieser Anstalt, unter dem Firmamente dieser
weiten Well gibt es keine heiligere Mission,
als die Ihrige. Es gibt keine weltliche, dem
Auge des erhabenen Schöpfers unseres Da
seins wohlgefälligere Einrichtung, als die
jenige, welche für die Waisen sorgt, und wenn
ich den Charakter des Deutschen in seinem
festen Entschlüsse, was recht und gut ist, wei
terzuführen, nicht ganz und gar falsch ver
stehe, so werden die'cr Charakter und dieses
Volk, selbst wenn Niemand ihm zu Hülfe
kommt, dme Anstalt nicht dahin siechen lassen.
Diesem Volke hat nie der Erfolg gefehlt,
wenn sein Herz an einer Sache hing, und ich
prophezcihe dieser Anstalt die stolzesten Er
folge, und wenn Sie, meine Herren Beamte
und weiter derselben, im Vorwärtsbringen der
Zeit auf andere hochherzige Hände zur
Wetterführung ans ihrer Mission anvertrauen,
dann werden Sie das frohe Bewußtsein in
sich tragen, eine Pflicht gegen Gott, einen
Dienst gegen ihre Mitmenschen, der Ihnen
die Liebe und das Lob von Vätern und Müi
lern einträgt, erfüllt zu haben. Gott segne
das „Allgemeine Deutsche Waisenhaus!"
Als der Mayor den Rednerstand verließ,
stimmten die Sänger den herrlichen Chor von
Kreutzer: „Das ist der Tag des Herrn" an.
Weithin erschollen die Töne dieser einfachen
und doch so prächtigen Composition und ledcs
Herz wurde unwilikührlich von einem andäch
ligcn Gefühl ergriffen. „So ganz, als wollt'
er össncn sich das ist der Tag des Henn!"
tönten die Schlußworte des Liedes über den
Festplatz, langsam verhallte der letzte Ton
und die Augen der Fesltheiliichmer, die bisher
aus die Sänger geheftet waren, wandten sich
wieder nach der Rednertribüne, welche jetzt
von dem englischen Festredner Hrn. R. D.
Morrison betreten wnrde. Dieser sprach Fol
gcndcs:
vicse des Hrn. Robert T. Morrison.
„Mitbürger! Voreincmlahrc wurde der
Grundstein dieses imposanten Gebäudes in
feierlicher, solenner Weise, wie sie der Weihe
eines edlenUnternehmeiiS gebührt, gelegt, und
heute sind wir zu dein Zwecke zusainmenge
kommen, um in würdiger und devoter Auf
fassung unserer Ausgabe diesen Tempel des
Wohllhtttigkeitssinnes dem großen Werke zu
widme, für welchen dasselbe bestimmt ist.
Mit der kurzen, aber crcignißreichen Gc
schichte der Gesellschaft, unter deren Auspizien
diese Heimctth der Unglücklichen errichtet wor
den ist, sind Sie ohne Zweifel vertraut, wie
ich selbst, und es ist deshalb nicht nöthig, daß
ich in Verbindung hiermit mehr sagen sollte,
als daß vom Anfang an bis zur gegenwärti
gen Zeit das Unternehmen eine Geschichte des
WohlthätigkcttssinneS und des Segens, eine
Geschichte unselbslsüchtigcr Opfer von Seiten
edler Frauen und Männer, eincGeschichtc im
mer bereiter Menschen war, hülslose Waffen
zu retten, damit sie nicht in Müssigkcit, Un
wissenheit, Unflath und Laster verkommen,
und darauf vorbereitet werden, gute und nütz
liche Mitglieder der Gesellschaft :u werden,
geeignet, zede Sphäre des Lebens auszufüllen,
als ob sie niemals hülfsbedürftige Waisen ge
wesen wären; vorbereitet, in's Leben zutre
ten und der großen Tugend Rechnung zu tra
gen, deren Wohlthaten u.Segnungen sie selbst
theilhaftig wurden.
Es ist ein alltägliches Ding, Menschen über
den kalten Wohlthätigkcitssinn der Welt reden
zu hören.
Ich glaube nicht, daß die Mildthätigkeit der
Welt kalt ist, und sicherlich, die letzten weni
gen Jahre haben bewiesen, daß dem nicht
lo ist.
Als der Telegraph zu uns die schreckliche
Au de blitzte: „Chicago steht in Flammen!"
als es bekannt wurde, daßTansende und Zehn
tausende von Menschen obdach- und heimath
los waren; daß Tausende von Menschen in
nerhalb weniger kurzer Stunden vom Wohl
stand in Armuth geschleudert wurden und Die
lenigen, welche von den Flammen verschont
blieben, dem Hnngertode oder den Schrecken
des starren Winters überantwortet waren, o,
welch' ein Bild bot sich uns dar!
Der elektrische Blitz des Mitgefühls, welcher
durch die ganze civittsirtc Weck Aller Herzen
erreichte, war weniger schnell und zündend,
als der, welcher die schreckliche .stunde zu uns
lierübertrug. Mäuwr, Frauen und Kinder,
Städte Tltschafien und Nationen beeilten!
sich, der verheerten Stadt beizustehen und die
Fliith der Mildthätigkeit hörte nicht eher auf,
als bis der Ruf zurückkam: „Hört aus, wir
haben genug!"
Wer konnte damals gefunden werden, nm
zu sagen: „Der Wohlthäligkcitssinn der Welt
ist erkaltet?"
Als der Mississippi ftjne Schranken durch
brach, ein immenses Gebiet überschwemmte
nnd solch' außerordentliches Unglück anstiftete,
als die künstlichenßcservoirc in Massachusetts
nachgaben und ihre Gewässer mit unwider
stehlicher Gewalt Tod und Verheerung ver
breiteten und man ausfand, daß das Volk des
Landes mit offenem Herzen Alles darbrachte,
nm den überlebendenunglücklichen beizusprin
gen und sie in eine Lage zu versetzen, um sich
selbst Helsen zu können, würde da nicht jeder
als ein Cyniker bezeichnet werden, der den
Wohlthatigkcltssinn der Welt als erkaltet be
zeichnete?
Als vor einigen Jahren die Stadt Norfolk,
und noch neuerdings andere Schwesterstädte
des Südens von der unheilvollen Pestilenz des
gelben Fiebers heimgesucht wurden, dessen
Verheerungen eine totale Entvölkerung droh
ten, und als es bekanntwurde, daß andere,als
pckunöre Hülfe nothwendig war, da fehlte es
nicht an zarten Frauen und starken Männern,
bereu, zur Unterstützung Jener, die ihnen ge
gcnnber fremd waren, herbeizueilen, bereit,
einem beinahe gewissen Tode entgegenzuge
hen, in der Hoffnung, daß Einige, die bereits
hingestreckt waren, gerettet, oder selbst wenn
es dazu zu spät sein sollte, ihnen wenigstens
dasa.odtcnbett durch die zarte Hand der Sym
pathie in der letzten Stunde weniger harr ge
macht, und ste, aufgemuntert und getröstet
durch die Gebete und Tröstungen der Priester
Gottes in's JcnfeitS eingehen möchten.
Manche edle Frau, manch' frommer Predi
ger, manch' aufopfernder Arzt opferte dasLe
ben auf dem Altare der Mildthätigkeit und
doch wagt man es zu sagen: „Der Wohlthä
tlgkeltssinn der Welt ist'erkaltct!"
'stein, meine Freunde, der Wohlthätigkeits
stnn der Well ist nicht kalt. Er ist warm, wie
ich ihn bezeichnet habe, aber starr und unthä
tig, wenn er nicht geleitet, orgauisi rt
und shst em at is irt wird!
Wie viel Wohlthätigkcitssinn, und soweit
als es diesen Gedanken anbetrifft, wie viel
ächte Mildthätigkeit wird vergeudet, und noch
schlimmer, denn vergeudet, weil ihre Spender
weder die Zeit noch die Begabung besitzen, sie
zn vertheilen; und wie viel wohlthätiger Sinn
wird erstickt, weil Diejenigen, welche ihm mit
Freuden Rechnung tragen würden, befürchten,
daß sie unfähig sind, diese edle Pflicht in voll
stcr Tragweit auszuführen!
Das Werk der Nächstenliebe, um praktisch
in Anwendung gebracht zu werden, bedarf,
wie jede andere Arbeit, System, Klugheit und
Führung und solche bietet eine Anstalt dar,
wie das „Allgemeine Deutsche Waisenhaus
der Stadt Baltimore."
Man nehme an, daß jede Person, welche
zn irgend einer Zeit für die Unterstützuna und
Aufrechterhaltung dieser Anstalt beigetragen,
innerhalb der letzten zehn Jahren in kleinen
Gaben Dem ein Almosen und Jenem eins ge
geben haben würde,unbekümmert darum, oder
vielleicht auch zn beschäftigt, um nachzufra
gen, ob die Objekte seiner Wohlthätigkeit der
selben würdig waren, oder nicht, wie Viel
würde auf diese Weise erreicht worden sein,
selbst wenn die Motive, welche diese Mildthä
tigkeit veranlaßten, noch so lobenswert!) wa
ren?
Ich will nicht sagen, daß dieses nicht etwas
Gutes geleistet, in, Gegentheil, es that sogar
Viel desselben. Ein einziges Mittagsmahl
einem verhungernden Menschen ist Viel. Ein
Dollar hier oder dort kann möglicher Weise
den Tamon der Versuchung gebannt haben;
doch wo könnte man jetzt die Spuren der Wohl
that vorfinden! Das Gute dabei war im gün
stigsten Falle vorübergehend; vereinigt jedoch
und zusammengeschmiedet, wie diese Wohl
thaten gewesen sind, wie groß und anhaltend,
wie großmüthig und wie gesegnet waren ihre
Resultate, llm diese Resultate zn erzielen,
war mehr nothwendig, als Geld. Die An
strengungcn uns die Zeit vieler Männer wur
den in Anspruch genommen, um das gute
Werk in's Leben zu rufen und es gedeihen zu
lassen. Und haben sie jemals gemangelt?
Möge die stets sich verbessernde Lage des
Instituts die Frage beantworten. Möge die
von Jahr zulahr wachsende Anzahl der Waisen
die in demselben eine Zuflucht finden, für uns
antworten. Möge das großartige Werk, wel
ches wir heute widmen, die Antwort geben:
„Rein! Leute mit großmüthigem Herzen und
freigebigen Händen fehlen nicht und haben
niemals gefehlt!
Doch die Arbeiten des Geldes und derMän
uer haben nicht allein diesen großen Endzweck
erreicht es gehörte noch etwas anderes da
zu die Herzen und Hände der Frauen! Ich
frage nicht, haben diese gefehlt, denn wir wis
sen ja, daß dieselben stets opfermülhig in al
leu guten Unternehmungen sind!
O, meine Damen, was war es, das sie un
terstützten? Was ist es, das heute unser Auge
und unser Herz erfreut? Wenn wir in die
Vergangenheit des Waisenhauses schauen und
unserem Gedächtnisse die Hunderte von Wai
scukindcrn vorführen, welche in diesem Insti
tute von zarrcr Kindheit an gepflegt und er
zogen wurden, die durch Sie einem Lebender
Brauchbarkeit und des Glückes gewidmet wur
den, einemLcben, in welchem bci'jedcmSchrilte
ihre Herzen zurück sich kehren, um Sie als ihre
Wohlthäter zu segnen.
Was sehen wir Heiitc? Siebzig kleine Kin
der, siebzig menschliche Seelen, siebzig reinli
che, gesunde, glückliche kleine Kinder, ihre'Noth
gestillt, ihren Geist geschult, ihre Moralität
bewahrt! Ein anderes Bild zeigt sich uns,
vor welchem unsere Seele zurückschreckt; ein
Bild, in welchem die Keime des Gefängnisses,
des Bordells, die Pesthäufer, des Zuchthauses
und das Schaffst die Hauptrolle spielen; ein
Bild, welches in grellen Farben uns b zeugt,
>vas das Schicksal Derer hätte sein können,
die sich jetzt und in der Zukunft ihrer sorgen
den Pflege erfreuen, wäre das „Allgemeine
Deutsche Waisenhaus von Baltimore" nicht
als rettender Engel aufgetreten.
Danken wir Gott, daß dieses Bild nur ima
ginär ist.
Tie Kinder Ihrer Pflege sind natürlicher
Weise die Kinder der 'Armen, doch welcher
Vater, welche Mutter hat je gezweifelt, daß
seine Eltern ihn so innig geliebt, wie dies bei
Reichen nur möglich? Welcher Vater, welche
Mutter wird zweifeln, daß diese Kinder Ge
genstände der Aufmerksamkeit, der Liebe, Hoff
nungen und Bestrebungen waren, und das
im gleichen Grade, wie die unferigen? Welche
Eltern sind hier anwesend, deren Her; nicht
mitleidig den armen Vätern und Müttern
entgegenschlägt, die von ihren Lieblingen schei
den mußten! Unsere Herzen bluten, wenn
wir die Qualen uns vorstellen, die manches
Vater und Muttcrhcrz auszustehen hatte, als
die eiserne Nothwendigkeit sie zwang, ihre zar
ten Kinder den Händen fremder Leute zu über
lassen! Die geliebten Kleinen waren vielleicht
noch zu jung, um Recht vom Unrecht zu nu
tcrschcidcn, und wenn sie auch den Strahl des
Hiuimclölichtes innc hatten, vielleicht man
gelte ihnen die Krau, den Versuchungen zu
widerstehen, hätten sie nicht eine leitende und
abwehrende Hand gefunden.
Arme sterbende Eltern! Gewiß, der Him
mel rechnete es Euch nicht als Sünde an, daß
Ihr Eure Gebete in der letzten Minute irdi
scheu Daseins nicht Eurem Seclenheile, son
dern dem Heile Eurer Kinder widmete, daß
Ihr mit brechenden Augen noch das Gebet
stammeltet: „Gott beschütze meine armen Kin
der!"
Welches von diesen Eltern, könnten sie >evt
auf diese Szene blicken und den Zustand und
die Aussichleu jcnerKiuder sehen."würde nicht
ausrufen: „Tie Wohlthat!"
Ich betrachte es als einen wunderschönen
Zug dieser Anstalt, daß sie alle Scktenuntcr
schiede gänzlich bei Seile fetzt, daß ihre Thü
ren dem katholischen, dem protestantischen,
dem jüdischen und dem heidnischen Kinde
gleich weil offen stehen. An ihrer Pforte wird
von keinem Kinde verlangt, daß es das Un
fehlbarkeitsdogma derKaiholite, oder die 3!
Glaubensanitcl der Episkopalen unterzeichnet.
Plan fragt hier Niemanden über feine bcson
deren Ansichten über die Erbsünde oder über
die Kliiderianfe. Man fordert hier keine Tis.
sertatioii über die Prädesiinations-Lehre oder
über die Verdienste des Glaubens und der gu
ten Werke. Diejenigen, welche diese 'Anstalt
leiten, crlcnnen mir Pope die Thalsache an,
dag
Ein anderer schöner Zug, welchen ich an
dieser Anstatt bewundere, ist der, daß dieselbe
nicht das Vehikel des Stolzes eines einzelnen
Mannes ist, dag sie das Medium bietet, durch
welches der Arme gegen dcuArmen mildthätig
sein kann. Ich bin nicht hierher gekommen,
um die Mildthätigkeit des reichen Mannes,
welcher im hohen Alter oder ans seinem Tod
lcnbette seinen Reichthum zum Besten seiner
Mitbürger hinterläßt, zu verkleinern; seinen
Beweggründen mag immerhin eine gute Por
tion persönlichen Stolzes beigemischt sein,
doch dieser Stolz ist verzeihlich und ich hoffe,
daß die Zukunft die McTonoghs, Peabodys
und Hopkins noch recht zahlreich vermehren
wird.
Die Wohlthätigkeit der Menge, wenn die
selbe durch irgend eine große Ealamität, wel
che eine Well erbeben macht, angeregt wird,
will ich ebenfalls nicht verachten, im Gegen
theil, solche Beweise spasmodischer Freigebig
keit inspiriren mich mit Hochachtung gegen
mein Geschlecht. Aber ich behaupte hier, daß
die Wohlthätigkeit größer ist, als die genann
ten Arten, welche von keinem Wunsche, per
fönlichem Stolze und Ehrgeize zu genügen,
eingegeben wird, welche keiner großenCalami
tät bedarf, um ausgeübt zu werden, sondern
welche im schlichten Alllagsaewaude einher
schrcitet, welche in kleinen Kreisen Gutes thut,
die Wohlthätigkeit, welche in der Ueberzeu
gung, ihre Pflicht gethan zu haben, den einzi
gen Lohn findet.
Von dieser Art ist Eure Wohlthätigkeit,
meine Freunde! Ich sehe mich nicht veran
laßt, Sie zu ermnthigcii, Ihre Bestrebungen
in diesem guten Werke zu erneuern oder fort
zusetzen. die Liberalität, die
Hingabe und Selbstaufopferung, welche von
so bescheidenen Ansängen ausgehend in der
kurze Zeit von einer Tetade eine so blühende
Anstalt geschahe, ein so herrliches Gebäude
errichlci hat, braucht leine Aufmunterung und
Ermuthignng von meiner Seite. Tie Per
gaugcuheii ist die Garantie jür die Zukunft.
>e?ie haben eine noble Wohlthätigkeit in's
Leben gerufen und aufrecht erhalten, undTie
jenigen, welche nach Ihnen kommen, werden
dieiclbe nicht untergehen lassen.
Vollendet steht das schöne Werk. Von der
Stirne heiß geronnen ist der Schweiß. Das
Werk lobt den Meister. Jetzt meine Freunde,
zctzt lünnei! den Segen, der von oben
kommt, mit Sicherheit erwarten. (Die drei
letzten Sätze sprach der Redner deutsch.)
Ich gratulire Ihnen herzlich zu der Vollen
dung vihres prachtvollen Baues und hier im
Schatten seiner massiven Mauern wünsche ich
Ihnen, daß Gott Ihr Liebeswcrk segnen und
fördern möge!" (Anhaltender Beifall.)
Ein von dem Orchcstcrvorgettagener Marsch
bildete den Schluß des offiziellen Fest Pro
gramms.
m Briese nns Depeschen.
Nach Beendigung der Rede des Hrn. Mor
rison las Hr. Chr. Ax folgende Depeiche des
Gouverneurs Groome vor: „Pittsburg, 22.
Juni. An Hrn. Gustav Facins, Präsident
des „Allgemeinen Deutschen Waisenhauses!"
—lch beauere sehr, daß ich heute nicht in Ih
rer Mitte sein kann. Acceptiren Sie meine
besten Wünsche für den Erfolg Ihres edlen
Werkes der Wohlthätigkeit. Ich werde die
erste Gelegenheit wahrnehmen, Ihre Anstalt
zu besuchen. I. B. Groome, Gouverneur."
Hr. G. S. Grifsith sandte eine auftaun
ternde Zuschrift und ein Geschenk vonHso;
Hr. Jakob Trust mit Begleitschreiben eine
Parlor-Orgel, Hr. Ehs. I. M. Gwyiiii eine
aufmunternde Zuschrift u. f. w.
Die in voller 'Anzahl erschienenen Direkto
ren des „Israelitischen Waisenhauses" stcucr
ten 5145 bei.
Sämmtliche Fcstthcilnehmcr begaben sich
darauf nach der Westseite des Gebäudes, wo
sich die Waisenkinder aufgestellt hatten. Die
Kleinen sahen frisch nnd gesund aus und bc
grüßten die Gäste mit einem freundlichen
Lächeln. Nachdem die nöthige Ruhe einge
treten war, trugen die Kinder nachstehendes
von Hrn. F. Glelchmann, dem Hausvater der
Anstalt, verfaßtes Lied vor:
Und heute an dem Wcihctag
Der Busc höher schwillt
dem das Werl am Herzen iaq.
Mit Wohlgefallen schaut."
Hr. Gustav Facius richtete dann eine kurze,
herzliche 'Ansprache an die Kinder, worauf die
Letzteren noch im Chor: „Dank dem Henn!
Er ist die Liebe" sangen. Nachher zerstreuten
sich die Festthcilnchmcr durch alle Räume des
Gebäudes und allenthalben, wohin man
blickte, gewahrte man Bilder des Frohsinns
und der Freude.
I und vor dem Waisenhaus?.
Im Waiscuhause wogte eine große Men
scheumcnge durch alle Säle und Zimmer. Im
Souterrain befand sich eine riesige Bar, die
ohne Unterbrechung von Durstigen belagert
war und eine erhebliche Einnahme erzielte,
welche speziell dem Waisenhause zu Gute
kömmt. An der Bar sungirten vornehmlich
die HH. Friedrich Feige, H. Bnchsbanni, I.
Gohlinghorst, H. Vonderheidc, I. C. Mosch
bergcr, Kourad Neidhardt undl. Knipp. Das
Bier war von verschiedenen Brauern geliefert.
Im ersten Stockwerke befanden sich Speise
tische, Conditoreien n. s. w., au welchen mit
bekannter Liebenswürdigkeit nachstehende Da
men des Damen - 'Nähvereins die Honneurs
machten:
Bildertisch Hr. Otto Roßmäßler und die
Damen Garthe, Hennighaiffcu und Fränl.
Meyer.
Conditorwaareu-Tisch—die Damen Grot
hans, von Holland, Görden, Metzger, 801 l
mann, Heinzerling, Kindervner, Lammers,
Frl. Grothaus und Frl. Moser.
Blumeniifch die Damen Martin, Mecth,
Nichosf, Muth, Krim, Roß und Schwarz
haupt.
Wcintisch —die Damen Kindberger, Keyscr,
Fried, Reigardt und Kollc und Hr. Wilhelm
Holtzinann.
Kaffee Tisch—die Dainen Wehr, Kiel, Pfeil,
Oehm, Ncgcngerd, Rausch,Hamburger,Wie
senfcld, Decker, Kirschbaum, Benner und
Distel.
Eßtisch —die Damen Wieghorst, Brauer,
Gissel, Zcun, Heidrich und Conrad.
Devisen mit geeigneten Inschriften: „Wohl
zuthun und mttzntheilcn vergesset nicht!"
"ttamamlx-r tba Oisüians!" u. s. W. Mahn
ten zu milden Gaben, die denn auch reichlich
entweder für die guten Dinge des Lebens, die
geboten wurden, oder durch freiwillige Bei
träge an Geld flössen. Die Herren des Sam
mcl'Comite's waren äußerst thätig, und die
Einnahmen betrugen bis spät Abends an
den beiden Donationsständcn §2103.63 und
an dem Schenkstaiide §613. Die Summe,
welche an de verschiedenen Tischen der Da
men eingenommen wurden, ist noch nicht be
kannt, wird sich aber wahrscheinlich nahezu
auf SIOOO belaufen. Bei den Colleklorcn
machten sich namentlich die HH. I. Hemmc
ter, I. Ullrich, Gen. Leopold Blumenberg,
Abraham Nachmann, I. Fricdenwald, I.
Hecht, W. Wittgrefe, Chr. Brüssel, I. Kot
ier, H. Sachleben, Chr. Bcrley, H. Sciden
zahl, I. Heinz und F. Heim verdient.
Im zweiten Stockwerke boten sich deni An ,e
Blumcntempel und andere Verkaufsstände
dar. Hr. Roßmäßler ließ sich besonders den
Verkauf von großen, schön colorirten Bildern
des Waisenhauses angelegen fein. Die Arbeit
selbst ging ans dem Atelier der HH. Hoen sc
Co. hervor und die Bilder fanden schnell Ab
satz, als bleibendes Andenken an die gestrige
Feier.
Während dermaßen sich innerhalb des Hau
seS ein unvergeßliches Bild darbot, war es
d'ranßcu nicht minder lebendig. Die weiße
Fricdensfahne von 1871 mit den amerikani
schen und deutschen Farben zur Rechten und
Linken, wehten über dem Hanptportale, wäh
rend Fenster und Eingai.gSthüre mit Kränzen
und Guirlanden verziert waren. Die 'Red
iicrtribünc glänzte gleichfalls in festlichem
schmucke und war von Anfang bis zu Ende
der Weihefcier mit zahlreichen Freunden der
Anstalt, worunter besonders die Herren der
„Israelitischen Waisen Anstalt" und mehrere
hervorragende deutsche Prediger wahrgenom
men wurden, angefüllt.
Ter Präsident nnd die Gonrant-
Bili.
Fast muß man glauben, daß es dem Präsi
denten weder mit seiner Velo Botschaft, noch
mit feinem Memorandum Ernst war, denn
in diesem Falle hätte er die Couraut-Bttl
nicht unterzeichnen können, wie er Montag ge
thau hat. Jetzt hat er allerdings den Wün
schen beider Parteien entsprochen, die östlichen
Hartgcldmänncr, welche über Graut'S Veto
in Bewunderung und über das Memoran
dum in Entzücken geriethen, werden jetzt
schweigen müssen, während die westlichen In
flationisten jubeln. Der dritte Termin scheint
doch kein leerer Wahn zu sein; aber ob dieses
Ziel erreicht werden kann, in dem man es Al
len recht macht, ist heule doch noch ziemlich
fraglich.
„Gute Nacht, Säuschcn!"
Der Cougreß hat sich Montag Mittag ver
tagt ; alles Unheil, welches er bis zur Mit
tagsstunde des ersten Sommertagcs anrichten
konnte, hat er treulich angerichtet und das
Land kann jetzt wieder frei anfathmen. Wel
che Hofsnungen hat man nicht im letzten
Herbste an diese Sitzung geknüpft nnd wie
wenige wurden erfüllt! In der Milte des
Monats September trat die furchtbare Krisis
ein, welche wie ein Orkan über das Land feg
te und dann sich in Permanen; zu erklären
drohte. Ter Congreß wird helfen, hieß es
allgemein und cs fehlte nicht viel, so wäre ei
nc spezielle Eougreßsitzung einberufen worden.
Die Ausregung wegen des „Virgiuins" ließ
.dann das Volk sein finanzielles Und wirth
schaftliches Elend eine Zeil lang vergessen,
! wie ja gewöhnlich eine Calami'.äl die andere
in den Hintergrund drängt. Ter Ration
war eine Schmach angethan worden nnd der
Krieg schien unvermeidlich ; als derselbe end
lich durch feiges Nachgeben unserer Tiploma
tie vermieden wurde, hoffte das Volk aber
maiS, daß der Congreß, dessen Sitzung nahe
bevorstand, ihm Genngthunng verschaffen
werde. Ter ersehnte Dezcmber'tag kam end
lich und die Sitzung wurde nach iechsmonat
lickier Daner gestern Mittag geschlossen. Was
haben nun die Herren während dieser langen
Zeit geleistet? Ziemlich viel aber wenig Gu
tes. Die Finanzsrage wurde von allen Sei
ten besprochen und nachdem eine Fiiiaiiz-Bill,
welche die Schrecke der Krisis wahrscheinlich
erneuert haben würde, durch das Veto des
Präsidenten unmöglich gemacht war, wurde
am Samstag eine Coniproniißmaßregel ange
nommen, welche wcderFleisch, noch Fisch, sc,
dernKrebs ist. DiegroßcMajorität dcrMitglie
der hat in den Debatten über die Finanzfrage
bewiesen, daß sie nicht auf der Höhe der Bil
dung standen, um die Frage mit Intelligenz
und Eliisicht behandeln zn können, jede vage
Theorie wurde ernsthaft in Bettacht gezogen
und schließlich haben die Feinde eines guten
Conrants doch gesiegt. Von einer Genug
thnung Seitens-spanien's für die zahlreichen,
der amerikanischen 'Ration gebotenen Insulte
war nicht die Rede und der Beschluß über An.
Erkennung der Cubaner als Kriegführende ist
unbeachtet liegen geblieben. Wenn wir etil
gutes Werk dieses Congrcsses nennen sollen,
>o müssen wir die drei oder vier Untersuchun
gen als ein solches bezeichnen, dieselben haben
der herrschenden Partei abermals cmpfindli
che Schläge versetzt; der Congreß hat aber
auch hier nur halb seine Pflicht gethan, der
Skandal und die Corruption wurden aufgc
deckt, aber keine Corrcktivmaßregel in Anwen
dung gebracht, keiner der entlarvten Schurken
zur Rechenschaft gezogen. Welches Unheil
der Congreß sonst noch angerichtet, welche
' großen nnd kleinen Diebstähle in den letzten
Tagen der Sitzung mit nntcrlicfcn, das wird
erst die nächste Ziilnnft enthüllen. Tic beste
Hoffnung des Landes ist jetzt, daß wahrschein
lich viele der Herren nicht wieder erwählt wer
den, so daß sie, wenn sie im Dezember wie
Verkommen,bereits wissen, was ihre Constiln
einen von ihnen halten. Gar Mancher wird
in den bevorstehenden Congreßwahlcn das
Resultat für sich mit dem ncckischcn Lustspiel
titel übersetzen können, de wir an der Spitze
dieses Artikels gebraucht haben, lumlich
Vächt, Häuschen !" Möchten ihrer
recht Viele vom Volke den Laufpaß erhalten.
Die Finanzen der Regierung und
die Wiederaufnahme der
Hartaeldzahlung.
Vor mehreren Wochen erhielt der Ver. St.
4Schatzamtsregistrator, RichterJ.Allison, ein
Schreiben von einem prominenten Politiker
Pennfylvamtii's, in welchem derselbe verschie
dene Fragen über die Wirkungen der Wieder
aufnahme der Hartgeldzahlung stellte. Dieses
führte zu einer eingehenden Correspondenz,
welche veranlaßte, daß die Angelegenheit ge
nauer untersucht wurde. Hierbei enthüllten
sich dem Richter verschiedene bemerkenswenhe
Thatsachen, weshalb er jetzt mit einer länge-1
reu Abhandlung über die Frage der Wieder
aufnahme der Hartgcldzahlniig vor das Pub
likum tritt. Richter Allison sagt:
„Indem ich das Angemessene in Betracht
ziehe, eine Zcic zu bestimmen, die Hartgeld
zahlung wieder aufzunehmen, müssen einige
wichtige und bemerlcnswerlhc Thatsachen in's
Auge gefaßt werden. Wie wünschenswert!)
es auch sein mag, diesen Zweck zu crreichen,
so werden immer Einige vorhanden sein,
welche behaupten, daß ein verfrühter Versuch
in dieser Richtung von den furchtbarsten Fol
gen begleitet sein wird. Die Verheerungen
des letzten Krieges nnd die beständigen und
enormen Abflüsse des Reichthums und der
Ressourcen des Volkes waren so bedeutend und
die wahren Ursachen des jetzt herrschenden
Druckes sinv weniger in den dcrangirten Ge
schäflsverhältnissen zu finden, als die Folgen
der pecuniären Erschöpfung des Landes. Um
die Ausdehnung dieser Abflüsse darzuthun,
weist die Registratur nach, daß im Jahre
1866 das Maximum unserer Nationalschuld
2700 Millionen Dollars betrug. Hellte, acht
Jahre später, hat die Regierung 540 Millio
en jenes Kapitals nebst jährlichen Zinsen
von 125 Millionen bezahlt nnd außerdem ihre
laufenden Ausgaben gedeckt. Der Schatz
amtSrcgistrator sagt, daß wenn wir zn dieser
Summe die jährlichen Zinsen rechnen, welche
von dem ganzen Lande, von den Staaten, den
Conntics, den Städten und den Eisenbahn-
Compagnic'n bezahlt werden, so können wir
uns eine Idee bilden von der enormen Sum
me, von den furchtbaren Anforderungen,
welche an die Industrie und den Erwerb des
Volkes gemackit werden. Der Gcsammtbe
trag der in der genannten Periode bezahlten
Interessen auf alle Schulden des Landes be
zisfert sich auf ungefähr NOO Millionen Dol
lars, welche Summe zu der Schuldrcduktion
gerechnet die Totalsumme von 1645 Millionen
beträgt, oder 30 Millionen Dollars mehr,
als der Gcsammtreichthnm des Landes im
Jahre 1820 betrug. Dicke enormen Summen
sind dem Kapitale nnd den industriellen Ge
Winnen der prodnzirenden Klassen des Landes
entzogen worden. Ter jährliche Abfluß an
Interessen ans alle möglichen Schulden be
trägt ungefähr 300 Millionen Dollars. Man
wird sich keiner' Nation erinnern, welche sofort
nach einem erschöpfenden nnd erschlaffenden
Kriege cincn solchen Unternehmungsgeist ent
wickelte, wie die Vcr. Staaten vom Jahre
1865 bis zu der Krisis im letzten Herbste.
„Diese Resultate"—fährt der Registrator fort
—„können der Ausgabe von Nationalbonds
und Papiergeld zugeschrieben werden, sowie
dcrAnnahme unseres'Nationalbank-Shstems,
welches ui! Vereine mit großartigen durch
ausländisches Kapital aufrecht erhaltenen
Bahn Unternehmungen unser Finanzsystem
aufblühte und unsichere Werthe aller Art schuf.
Dieser Zustand der Ausblähung kann nur
durch weitere auswärtige Anleihen ausrecht
erhalten werden. Die Ausgabe von Ratio
nalbonds, Greenbacks und Nationalbank.
Courant beträgt mehr als 3000 Millionen.
Tiejes riesige Creditgebäude ist seit der Be
endigung des Krieges durch aufgeblähte
Werthe so vielfach gestützt worden, daß viele
denkende Personen zn der Annahme verleitet
worden sind, daß der Krieg das Land that
sächlich reicher gemacht habe. Ein Vergleich
der Nattonalkchuld des Krieges von 1812 und
des Bürgerkrieges zeigt einen bcmcrtenswer
then Conirast. Die Schuld von 1812, we che
sich auf >27 Millionen Dollars bclicf, wurde
in zwanzig Jahren bezahlt, wobei auf das
Jahr etwa sechs Millionen und drei Mal hun
dcrttauscnd Dollars kommen. Wie bereits
angegeben, ist die Schuld des letzten Krieges
bereits nm mehr als 500 Millionen Dollars
oder während der letzten sieben Jahre um 6
Millionen Tollars pro Monat rcduzirt wor
den. Im Jahre 1820 betrug unsere Bevölke
rung 9 Millionen Seelen, damals kamen auf
den Kopf Hl 4 Schulden. Im Jahre 1870
bei einer Bevölkerung von 40 Millionen de
trug die Rate? 73 pro Kopf. In den letzte
sieben Jahren hat unsere Regierung nenn Mal
so viel Schulden bezahlt, als während der 20
Jahre von 1815—1835 bezahlt wurden."
Der Registrator schließt diesen Ucberblick
mit folgenden Schlußfolgerungen:
„Ans dicken Thatsachen und Zahlen erhellt,
daß an die Fähigkeit dieses Landes zu große
Anforderungen gestellt wurden und daß das
Volk einen solchen Drucknicht länger ertragen
kaun. Bei diesem Stande der Dinge ist es
eine wohl zu überlegende Frage, ob baldige
Wiederaufnahme der Hartgcjdzahlung nicht
allenthalben Ruin nnd Verheerung herbei
führen würde. Tic Bestimmung eines Tages
in der nächsten Zukunft würde alle Unterneh
mungen lähmen nnd allenthalben Furcht und
Schrecken hervorrufen; die 'Nachfrage nach
Arbeit würde sich vermindern, die Liquidatio
nen würde in demselben Grade zunehmen
und das Zusammenschrumpfen der Werthe
würde unter dem Volke große Noth veranlas
sen. Bonds für Greenbacks und nmgckchrt
wäre vielleicht ein populäres Geschrei für
solche, welche solch' einen Plan für eine 'Art
Rcpndiation halten. Es scheint mir, daß
alles Das vermieden werden kann, wenn man
dem Geschäft des Landes gestattet, sich silbst
zu ordnen, ohne daß eine weitere Aufblähung
nnd Zwangs Wiedcraufgabc der Hartgeld
zahlnng eintritt. Dieses ist das wesentliche
Element der Erholung unseres gegenwärtig
erschöpften Finanzsystems; dasselbe, mit Fleiß
und Sparsamkeit von Seiten des Volkes nnd
mit weiser, vorsichtiger Einschränkug von
Seiten der Regierung durchgeführt, wird das
Vertrauen wieder herstellen und dem Wohl
stände des Landes neue Bahnen eröffnen."
Weis; und Schwarz.
T ic Civilrechts-Bill hat begreiflicher Weife
in allen Theilen der Union pchr viel bö'es
Blut gemacht. Vornehmlich ist das iu den
Südstaaten der Fall, und es ist kein Zweifel
möglich, daß die Durchführung der dieöffcnt
lichen Schulen betreffenden Klausel des Ge
scyvorschlagcs eine Art sozialer Revolution
zur Folge haben wurde. Derartige Bctrach
tuugcn haben ein Blatt in Tennessee zur Auf
stellung einer statistischen Tabelle auf Grund
eines natürlich approximativen Privat-
Census bewogen, mittelst dessen bewiesen wer
den soll, daß, falls es zu einem "wsi" der
numerischen Stärke der beiden Racen käme,
die Schwarzen den Kürzeren ziehen müßten.
Von den 13 Südstanten haben in dreien die
Farbigen folgende Majoritäten:
a Mehrheit.
MiiMWpi :ü?7M AMI
Dagegen weisen die anderen zehn Südst'aa
tcn folgende weiße Majoritäten auf:
Al'driir farbige. Mehrheit.
Arlansas NüM MM litMV
Florida V2.M n.tvn
Georgia a-NM äMmv loS,tov
Keiiiu^i
Virginicn II >',,> 7,l'>'.>
,;ür die Genauigkeit det vorstehenden Zif
fern möchten wir nicht einstehen; allein so viel
beweisen dieselben mit Bestimmtheit, daß
Diejenigen, welche beständig auf den„schwar
zen" Majoritäten reite und daraus Confe
qncnzen ziehen, sich nach andere Argumenten
umscheii müssen.
Gl Kaffee?
Viele Hausfrauen mögen sich schon darüber
gewundert haben, daß rrotz der Aufhebung
des EiiigangszolleS auf Kaffee dieser Artikel
eher theurer, als billiger geworden ist. Wie
man letzt erfährt, ist ein sogenannter „Corner"
daran schuld. Durch eine Vereinigung von
Spekulanten sind die Preise seit Zahreu in
die Höhe getrieben worden. Das „Corner,"
welches hauptsächlich seinen Sitz in Hain
bürg, Rotterdam und Antwerpen hat, au dem
jedoch auch Baltimorer und New 'ZorkerHän
ser bethciligt sein sollen, ist angeblich jetzt in
die Enge getrieben.
Um die Herrschaft über den Markt zu be
halten, mußte die Clique immer mehr Vor
rathe ankaufen, was nicht nur wegen der
höheren Preise feine Schwierigteil hatte, son
dcrn auch wegen der in Folge der Letzteren
stetig zunehmenden Produktion. Die letzte
Hoffnung setzte man iu die Wiedereinführung
des Zolles aus Kaffee in den Per. Staaten,
in welchem Falle dieselben mit immensen,
noch zollfreien Vorräthen übcrftuthet worden
wären, die dann an der Preissteigerung nach
dem Eintreten des Einfuhrzolles unsehlbar
thcilgcnommcn hätten.
Als auch diese Hoffnung fehlschlug, began
nen die Bankerotte in den europäifchenKaffee-
Märkren, und schon in den ersten zwei bis
drei Wochen wurden die Verluste aus 51,000,-
000 geschätzt. Mit welchem Erfolge die Clique
operirtc, kann man daraus entnehmen, daß
der Preis für Rio-Kaffee in Antwerpen von
60 70 Centimes per Kilo in 1870, auf 86
Centimes in 1872 und auf Frcs.l.4s im letz
ten Februar stieg. Diese Zahlen entsprechen
in den Per. Staaten Ii bis 13 Cents (Gold)
per Pfund in 187 o; 154 Cents per Pfund in
1872, und 264 Cents im letzten Februar.
Gegenwärtig sind in Antwerpen allein über
800,000 Säcke aufgehäuft und immense Zu
fuhren sind nach dort, Rotterdam und Ham
burg unterwegs. Unter solchen Umständen
erwarten einsichtsvolle Händler ein baldiges
und sehr starkes Fallen der Preise und kauten
nur für Deckung des angcnbltcklicheii Bedar
fes. Der dadurch verminderte Absatz im
Großhandel kann nicht verfehlen, die Krisis,
welche im Kafseegeschäft unzweifelhaft über
kurz oder lang eintreten wird, zu beschleuni
gen. Vis jetzt sind auf hiesigen Märkten die
Preise ziemlich fest gewesen, und es ist das
wohl dem Umstände zuzuschreiben, daß die
Porrälhe wirklich nur gering sind. Wenn es
aber in Belgien, Holland und Hamburg in
diesem Handelszweige zu einem Krach kommt,
so ist zu erwarten, daß ein ansehnlicher Theil
der dort ansgehänften lmmensen Vorräthe
auf die hiesigen Märkte geworfen werd'
wird, die dann auch zu wackeln anfange!: wer
den.
Die Leickenverbrennung in der
Poesie.
Viel Tinte ist schon verschmiert worden
über die Lcichenverbrennungsfragc, noch viel
mehr wird aber verschmiert werden müssen,
wenn erst die Verbrennung sollte obligato
risch gemacht sein. Denn da cS sich wohl
kaum machen liege, ganze deutsche Gedichte
wegzublasen, so iiiiigte man eine Menge
schöner Poesie', die der Nachwelt erhalten
bleiben sollten, modern zustutzen, um sie mit
dem Zeitgeist in Uebereinstimmung zu brin
gen.
In Heine's „Grenadieren" müßte cS z. B.
heißen:
"Aewöhr'mir, Bruder, eine Bill',
Well mich der Tod überrasche,
Sannum mcine Leiche nach Frankreich mit.
So will ich liegen und horchen still,
Wie 'nc Echiidwach in der Urne,
Bis einst ich höre Äanonengtdriill,
Dann, Bruder, glaub',so roluuruel"
Achnlich müßte Zedlitzen's „Nächtliche
Heerschau" zeitgemäß umgeändert werden.
Tie Braut von diorinth aber wäre schon gar
mcht möglich, da der Jüngling vielleicht noch
lieber Skelett mit auch nur einem Kilo
gramm Fleisch daran, als ein Häuflein Asche
umarmen würde. Die Strophe im Studcn
leiilicd „vom hohen Tlnmp herab" solltedann
lo gesungen werden:
So weinen wir, nachdem er srvh verkohle!,'
Au, unsres Bruders stille Uro'."
Man sieht jedoch, die Anspielung aus
Thum und Taxis ist veraltet, und nur des
Reimes wegen da.
Vielleicht noch effektvoller und gewiß viel
volksthümlichcr würde Hanfs's Rcitcrlied um
zuäudcrn sein. Man vergleiche selbst:
Veraltete Form,
gestern Rossen,
Es bietet sich hier, wie man sieht, dem gc
schmackvollen Poeten zweiten Aufgebots ein
ergiebiges Feld ! Nun, wir haben das Ver
dienst, die Anregung gegeben zu haben. Vi-
Jst es doch nicht zu leugnen, daß die Poesie
bereits seit Jahren sich mit der Lcicheiiver
brcnnung einverstanden erklärt hat.
singt der Dichter.
..Drum will ich, bis ich Asche werde,
Mich dieses schone Lebens rrcu'n,"
ein anderer von demselben Gelichter. Das
klassischste Beispiel dürste wohl das des ehr
würdigen „Struwwelpeters" sei. In der
rührenden Ballade „Panlinchen war allein zu
Haus" heißt es ja von dem unglücklichen
Paulinchcn:
Asch e blieb allein
Das lateinische Sprichwort: <Io woiluis
Nil nisi Vene (von den Todten bleibt nichts
als die Bccne) ist also nicht ganz genau: nur
die Schuhe bleiben übrig, da wahrscheinlich
im Jenseits Niemanden der Schuh mehr
drücken soll. Warum soll auch das Vcrbreu
en so herbe seinL Aeichcrn sich doch schon bei
Lebzeiten so viele Leute ab, bis man ihnen
„Friede ihrer Asche!" nachruft. Tie Todten
gräber werden aussterben, wie die Postillone,
und Jeder wird sich die Urnen seiner Angehö
rigcn auf die Tische stellen.
Möglicher Weise hat dicLeichciiverbrcnnung
eine große Zukunft nno in wenigen Jahren
wird es vielleicht mode r n sein, nicht zu
modern.
Tnges Neuigkeiten
Die wichti g st e Besch! nßna h m e
des Congrcsses am letzten amstag und
die wichtigste Pateutangelegenheit der letzten
zwanzig Jahre war die Verwerfung des Ge
suches von A. B. Wilson um Verlängerung
eines vor zwei Jahren ausgelaufenen Paten
tes über die "lluir motluu ltzo>l." Senator
Hamilton von Maruland berichtete gegen das
Gesuch der Compagnie'!! Whcelcr Wilson,
Wilcox K GibbS, Singer, Grover K Baker
und Howe um Verlängerung dieses Patent
rechtes und der Comite-Bericht wurde ange
nommen. Die Compagme'n hatten eine starke
Lobby in Washington und haben es sich viel
Geld kosten lassen, um die Maßregel durchzu
setzen, aber alle ihre Bestrebungen sind dies
mal an der Pflichttreue des Senates geschei
tert; es wurden neinlich Petitionen mitHun
dcrttauscnden von Namen bedeckt gegen die
Erneuerung des Patents eingereicht. Man
sagt, daß die Folge dieses Verfahrens sein
wird, daß künftig Nähmaschinen für tzl2 her
gestellt können, während mit der bedeutenden
„Royalty" die Herstellungskosten bisher be
deutend höher waren. In Europa, wo die
Nähmaschinen-Fabrikanten keine „Noyalty"
zahlen, werden die Maschinen jetzt zu Spott
preisen angefertigt und für Hill hier impor
tirt. Das Einzige, was die um Verlängerung
des Patentes nachsuchenden Compagnic'n vor
bringen konnten, war, daß billige Nähmaichi
neu vom Publikum gar nicht geschont werden
würden.
Die S a msia gsfitz n n g des Con
grcsses war eine ungewöhnlich lange und
zahlreiche Maßregeln wurden erledigt. Der
Senat, welcher sonst gewöhnlich am Samstag
feiert, war von Vorm. kl Uhr bis zum Sonn
tag Morgen t Uhr in Sitzung. Das Post-
Comite berichtete, daß weiter keine Gesetze
nöthig feien, um wettere Erleichterungen des
Postdieiistcs zwischen San Franzisco, China
und Japan zu sichern. Die Bill, welche die
Wicdcrcrwcrbung der wegen Steuerrückstän
dcn verkauften Ländereien ausdehnt, wurde
angenommen. Die vermischte VerwilligungS-
Bttl wurde mit zahlreichen Amendements ver
sehen und dann angenommen. Im Reprä
sentantenhause wurde beschlossen, dasSpezial-
Uiitcrsuchungs Comite über Arkansas zu er
mächtigen, während der Vertagung den Stand
der Tinge jenes Staates an Ort und Stelle
zu untersuchen. Der Conferenz-Bericht über
die Couraut - Bill wurde mit 22k gegen 4V
Stimmen angenommen. Tie HH. Archer,
O'Bricn und Swaun von Maryland stimm
ten dagegen. TaS Plcnar Comite wurde der
ferneren Berathung der Bill über Einlösung
der dreiproz. temporären Anleihe - Certifikate
überhoben. Tie Absicht dieser Bill ist, den
sogenannten Gold-Banken zu gestatten, eine
Cirkulation von !>0 Proz. ihrer Bondoeposi
len zu haben. Das Justiz - Comite erklärte
sich dafür, den Richter Busteed von Alabama
in Anklage versetzen zu lasse. Die Civil-
Rechts-Bill wurde einem sanften Sommer
schlafe überwiesen.
Das neue Bankerottgcsetz, welches
vor einigen Tagen nach ganz unerwartet beide
Häuser des CongresseS pasnrte, enthält sol
gende Bestimmungen: Vierzig Tage Frist sind
gegeben, ehe ein Kaufmann oder Handeltrei
bender, der feine Wechsel nicht bezahlt hat. für
bankerott erklärt werden kann. Die Zustim
mung von einem Viertel der Anzahl und einem
Drittel des Schuldbetrags ist nöthig, um über
einen Schuldner das Bankcrottverfahren zu
verhängen. Diese Bestimmung wirkt bis zum
1. Dezember v. I. zurück. Das Bankerott
verfahren wird eingestellt, wenn der Schuldner
die gelieferten Schulden bezahlt, welche der
Grund der Anhäiigigmachniig des Bankerott
vcrfahrens waren, oder wenn die Zustimmung
des Gerichts erlangt wird und eine Mehrheit
der Gläubiger die Einstellung des Verfahrens
verlangt. Ein freiwilliger Bankerollenr er
hält seine Entlastung, wenn seine Masse 30
Prozent der Schulden deckt oder wenn er die
Zustimmung von so vielenGlänbigern erlangt,
als nöthig sind, um den Bankerottprozeß ge
gen ihn einzuleiten. Ein unfreiwilliger Ban
kerottenr kann seine Entlastung erhalten, wenn
sein Benehmen frei von jedem Betrug ist und
er sich keiner Verletzung des Bankcrottgesetzcs
schuldig gemacht hat.
In der Legislatur zu Süd- C ar oli n a
befinden sich nur zwanzig weißcMänner, wäh
rcnd die größere Zahl, mehr als Hundert, aus
Negern besteht. Tic Mehrzahl der Letzter
kann nicht lesen und schreiben. Darunter be
fand sich Einer, welcher fest darauf bestand,
daß, wer lesen und schreiben könnte, nicht in
die Legislatur zugelassen werden solle; Alle
sollten gleich sein, nämlich nicht lesen und
schreiben können, dieses sei der wahre Status
der Gleichberechtigung. Dieser selbe Neger
ist trotz seiner furchtbaren Ignoranz Su
perintendent der Schulen eines Staats Di
striktes.
Die „Ncw-Z)orker Expreß" ist der
Ansicht, daß die Zeiten sich verhältnißmäßig
sehr bald ändern werden und begründet die
ses dadurch, daß an dem großen halbjährigen
Dividendentage, dem l.luli bedeutende Sum
men flott werden müssen, welche eine sichere
und profitable Anlage suchen. Da die Erndte
aussichten gllnflig sind, so ist guter Grund
vorhanden, daß die Gcschästsverhältuisse des
Herbstes besser und günstiger sein werden, als
zu irgend einer Zeit während der letzten zwei
Jahre.
Nach demßerichte des amerikanischen
Eon suis in Leipzig wurden während
des Jahres von dort nach den Per. Staaten
für H.350,000 Bilder, Bücher nnd Musikalien
exportirt. Dieses beweist, wie bedeutend der
geistige Verkehr zwischen Deutschland und
Amerika ist.
Die Brauer scheinen in B 0 st on einen gu
ten Eindruck gemacht zu haben, den selbst der
Bostoner „Evening Transcript," ein Tcm-
Perenzblatt, schreibt: „Wenn Ihr, meine lie
ben Tempcrenzfrcunde, von der Anficht aus
ginget, daß leichte Malzgetränke die Trun
kenheit vermindern nnd es gibt viele weise
Männer, die dies aufrichtig glauben und
wenn Ihr außerdem ein großes Capital in
dem Brauer-Geschäfte angelegt hättet, könntet
Ihr dann ruhiger, gelassener nnd verständiger
über kürzlich genommene extreme Maßregeln
im Interesse der Mäßigten spreche, als der
Brauer Congreß? Ist Eure Sache nnd Euer
Benehmen, wenn Ihr in Temperenz-Convcn
kivnen versammelt wäret, immer ebenio ge
mäßigt und leidenschaftslos gewesen? Es ist
gefährlich, von unseren Feinden Weisheit zu
lernen."
Daß man in A m e r i k a mitLeichtig-
kc i t in'slrren bans wandern kann,ist
eine bekannte ua de Schreckens
geschichten von Acuten, welche wegen ihres
Vermögens aus Anstiften habgieriger Per
wandten aus diese Weise besorgt und ausge
hoben wurden, füllen ganze Bände. Wenn
auch neuerdings derartige Perbrechen seltener
vorkommen, so find sie dvch noch Möglich und
die Irrenhäuser de Landes mögen noch man
che derartige Geheimniß bergen. In dem
Städtchen Covington, gegenüber Sioux City
am Missouri, lebten seit sechs Jahren ein ge
wisser Thomas Carter und eine Frau Dra
cott; obgleich nicht verheirathet, sagte doch
das Gerücht, daß sie in solchen Beziehungen
zu einander ständen, wie sie eigentlich nur
Eheleuten gestattet sind. Vor zwölf Jahren
hatten die beiden genannten Personen in Ore
gon gelebt, wo zu jener Zeit Herr
der Mann der Frau, ein bedeutendes Vermo
gen, etwa H 95.000 erwarb. Mit Hülfe von
zwei Aerzten, welche mit dem Irrenhause in
Verbindung standen, gelang es dem saubern
Paare, Carter und der Frau Dracott, den
Mann der Letzteren aus die Angabe, daß er
wahnsinnig sei, dein Irrenhause zn überlie
fern, wodurch sie sich zu gleicher -Zeit in den
Besitz lemes Vermögens setzten. Zwölf
lange Jahre hindurch schmachtete Dracott in
jener Anstalt, che es ihm gelang, seinen
Freunden Nachricht von sich zu geben, nm
seine Freiheit wieder zu erlangen. Nach Wie
dererlangung seiner Frcihcit'galt es, die An
stifter des Verbrechens zu ermitteln und nach
langem Nachforschen gelang es endlich, die
selben in Carter nnd der Frau des so schmäh
lich seiner Freiheit beraubten Dracott in Co
vington zu entdecken. Carter hatte ziemlich
bedeutende Summen in Covington nnd Da
kota angelegt und war einer Derjenigen, wel
che nicht wenig zu dem schnellen Aufblühen
und dem Wachsthum des Städtchens beiiru
gen. Wenn aber auch die Gerechtigkeit die
Schuldigen ereilt hat und dieselben die ganze
Strenge des Gesetzes erfahren sollten, dem ar
men Dracott cincn Ersatz für die zwölf fürch
terlichen Jahre unter Wahnsinnigen zugeben,
das vcrinag keine menschliche Macht.
Der neue A drcß kal e n der von New'
Port enthält 229,503 Namen, also über
1300 mehr, als der vorige. Tic Stadt ent
hält 373 Kirche nnd zwar 76 protestantische
oder episkopale, 4! methodistische, 46 römisch
katholische, 45 Presbyterianifche, 31 baptlsti
sche, 26 Synagogen u. f. f.
Cervclatui urst wird manchmal von ge
wissenlosen Metzgern, um derselben eine ichöne
rothe Farbe zu geben, mit Anilin roth gefärbt
und die Folge davon ist, daß diejenigen, wel
che eine derartige Wurst genießen, nachträglich
eine bedeutende Uebelkcir empfinden. Ties
rührt von der im Anilin stets enthaltenen Ar
feniksänre her. Um zn prüfen, ob eine Cerve
latwnrst mit' Anilin gefärbt sei, gießt man
aus das verdächtige Produkt des grunzenden
Thieres ncnnziggradigcn Spiritus. Jst Ani
lin darin enthalten, wird der Spiritus iofort
vor Scham eine rothe Farbe annehmen, nn
schuldige Wurst dagegen läßt denselben un
! verändert.
luTiffin, Ohio, ist seit einer Woche
kein Pfund frisches Fleisch zu haben, und die
Leute müssen sich mit Schinken, Eiern, Hüh.
nern und Fischen begnügen. Der Stadtralh
passirte nämlich eine Ordonnanz, welche das
Schlachten innerhalb der Stadlgrenzcn ver
bietet. Daraus beschlossen die.Metzger, deren
Schlachthäuser alle, mit einer einzigen Aus
nähme, innerhalb der Sladtgrenzen liegen,
das Schlachten einzustellen und ihre Fleisch
lüden zu schließen, bis derStadtrath „mürbe"
wird und die Ordonnanz widerruft. Der
Stadtrath will sich aber nicht zum Widerruf
zwingen lassen und so müssen die Bürger das
frische Fleisch entbehren, bis eine Äusglci
ch>lug Staude komiul. Zu bemerken ist
Frist von sechs Wochen lbis zum 15. Julis
gestattet, ehe sie das Schlachten innerhalb der
Stadtgrcnzen einzustellen brauchen, aber sie
habe es vorgezogen, diese Frist nicht abzn
Ueber den Prozeß des Mörders Ort
wein wird von PitiSburg berichtet: Das
Gericht war am Dienstage von einer förmli
chen Menjchcninassc belagert, welche Ortwetti
sehen wollten. Es wurde jedoch eine Anzahl
Gcrichtsdiener an den nach der Rotunda, so
wie an den nach den Büreans des Scheriffs
und Pronators führenden Treppen postirt und
verhindert, daß die Menge in den Gerichtssaal
eindringen konnte. Uni 10 Uhr wurde Ort
wein in den Gcrichtssaal gebracht, wo die
Richter Stowe und Stcrrcit ihre Sitze auf
der GcrichtSbank eingenommen hatten. Ort
wein plaidirtc auf die ihm gestellte Antrage:
„Nichtschuldig." Er war in eine anständi
geu schwarzenÄnzug gekleidet und zeigte nicht
die mindeste Unruhe, als er neben seinen Ver
thcidigcrn Schwarzwelder, Moore und Litt
Plan ahm. Tie öffentliche Anklage war
durch die Herren Bahne undGibson vertreten.
Es wurde sodann mit der Bildung der Jury
begonnen, die beträchtliche Schwierigkeiten
bereitete.
In San FranziSco ist gegenwärtig
eine Naturmerkwürdigkeit zu sehen,die großes
Aussehen erregen dürfte. Es ist dies ein
Pferd, auf dessen ganzem Körper selbst mit
dem Mikroskop auch nicht ein einziges Haar
zu entdecken ist. Es ist in Australien cingc
sangen, ist schön gebaut, sünzehn Hände hoch,
hat feine Beine und ist sehr gelehrig. Dem
Eigenthümer sind bereits in Australien Isy>
Pfund Stcrl. angeboten, doch hat er das An
erbieten ansgeschlagen in der Hoffnung, durch
Schaustellungen mehr damit zu verdienen.
Folgende Probe von w esllichein Zci
tnngswltz entnehmen wir cincmChicasio'ci
Wechselblatte: „Den Herausgeber des neuen
Stadt-Adreßbuches machen wir aus einenJrr
thum in der Ictztjährigen Ausgabe anfmerk
fam. Dort war nur ein Kaffer aufgeführt
John Kaffer, Expreß-Fuhrmann, Nr. 3 3,
West Polkstraße. Will der Herausgeber des
neuen Adreßbuches ein vollständiges Ver
zcichniß der Chicago'erKaffcrn veröffentlichen,
so lasse er sich von der „Staatszeitung' deren
Abonnenrcnlistc geben."
Der Dauerläufcr M ullen in 'New Pari
hat ebensowohl, wie sein Vorgänger Weston
die Wette, innerhalb sechs Tagen im Parke
der „Washington-Reitschule" 5o Meilen zu
niarschircn, verloren. Bis Freitag Abend um
10 Uhr2o Min. hatte er es auf 358 Meilen
gebracht und in der Samstag Nacht um 12
Uhr 24 Min. 44 Sekunden, als die sechs Tage
abliefen, nur auf 4344. Müllen zeigt übri
gens an, daß er den Versuch noch einmal ina
che werde.
Eine schreckliche Mordgcjchichic
wird aus New ?)ort gemeldet: Michael Mc
Carthy, ein Fuhrmann bei Hrn. Dunbar von
Nr. 605, West 20. Straße, trank Freitag schon
Morgens zu viel des schlechten Whiskeys jener
Gegend, und als er nach Hanse kam, schlug er
nicht nur seine Tochter nieder, sondern prügelte
auch seine Frau durch. Dann ging er fort
und trank noch mehr Branntwein iii einer be
nachbarten Kneipe. Als er zurückkehrte, schlug
er seine Frau zu Boden, stieß sie mit den
Füßen und zog dann ein Taschenmesser, um
sie zu stechen. Die Frau machte verzweifelte
'Anstrengungen, sich von ihm zu befreien, wo
bei er ihr einen Finger der rechten Hand brach.
Endlich gelang es ihr, loszukommen, und sie
eilte nach dem Fenster und schrie um Hülfe.
Ihr Gatte ergriff sie nun bei den Schultern
und hielt sie ans dem Fenster hinaus, und als
sie sich dann am Gesims festhielt, schlug er ihr
so lange mit der Faust auf die Finger, daß sie
loslassen mußte nd auf das Steinpflaster
fiel, wo sie bewußtlos liegen blieb. Sie wurde
später nach dem „Bellevne-Hospitale" gc
bracht, wo man ihre Verletzungen für tödtlich
hält.
'Am Sonntag Morgen ereignete sich in
New Harm 0 np, Ind., folgende schreck
liche Begebenheit: Vor dem Frühstück begab
sich ein Farmer, Namens E. Saltzmann, in
ein Zimmer des zweiten Stockwerkes seines
Wohnhauses, nahm ein Gewehr von der
Wand, setzte die Mündung vor die Stirn und
feuerte. Der Schuß krachte und bestürzt eilten
einzelne Familienmitglieder die Treppe hin
auf und in's Zimmer. Furchtbar war der
Anblick, der sich ihnen hier darbot. Sie san
den den Vater todt am Boden liegen mit zer
schmettertem Schädel, während das Blut und
Gehirn die Wände und den Boden bespritzt
hatten. Der Verstorbene war ein deutscher
Farmer und soll sich in gnien Umständen be
funden haben. Gewisses kann über diese vor
eilige That nicht ermittelt werden, da dieselbe
zu unerwartet kam und man keine 'Anhalts
punkte für diese grausige That finden kann.
Ein sonderbarer Fall wurde am
Dienstag in Columbns im Obergerichte von
Ohio entschieden. Während der letzten Präsi
dcnlenivahl verkaufte Thomas Harpcr von
Greene Eonnty eine Anzahl Schweine an
Thomas Lucas, der sich verpflichtete, dafür
0 Cents per Pfund zu bezahlen, sobald Grec
lep erwählt sei. Greelcy wurde bekanntlich
nicht gewählt und der Marktpreis für Schweine
stand am Tage des Verkaufes etwas untcr 4t
Cents. Lucas verweigerte jede Bezahlung;
er berief sich daraus, daß er Nichts zu zahlen
brauche, bis Horace Grceley erwählt sei, und
wenii's auch tausend Jahre dauere. Harper
machte in Greene County eincKlagc anhängig
und das Gericht entschied, daß Lucas den
Marktpreis für die Schweine zu zahlen habe.
Damit war aber Lucas nicht zufrieden; er
appcllirle an das Obergcricht und dieses
entschied, daß der ganze Handel aufeinc Wette
hinauslaufe und das Gesetz dem Verlierenden
das Recht gestattet, innerhalb sechs Monaten
nach der Zeit sein verlorenes Geld auf gerichi
lichem Wege zurückzufordern.
Für die Menagerie, welche mit Bar
nnm's römischem Hippodrom in New ?)ork
verknüpft ist, kam dieser Tage ein schwarzes
Rhinoceros an; es ist dies das größte Thier
dieser Gattung, das bis jetzt ans seinen hei
mischen Urwäldern nach der Fremde gebracht
worden ist, denn eS wiegt 9500 Pfund, wäh
rend das berühmte Exemplar des Londoner
„Zoologischen Gartens" nur 7300 Pfund
schwer ist.
In Spr ingsield, Jll., hat das staat
liche Obergcrichl in dein Falle Porter und
Anderer die von der staatlichen Behörde vor
genommene Equalisalions Besteuerung der
Aknen der „Rockport Rock Island St.Louis
Bahn" für rechtsgültig erklärt. (Dort, wie
hier, machen die Eisenbahnen, gestützt ans
ihre Macht, den Versuch, der Staatsabgabe
zu entgehen.)
In Cali a da i g na, N.-A., hat im
Bundesgerichte Nichter Woodruff entschieden,
dag die „People's Savings-Bant" den Bc
trag der für lavcox K Grem diskontinen
Roten (35,000j nicht c..tllagen tönne, da die
Bank die Besiignifse ihres Freibriefes über
schritten, welcher ihr ausdrücklich dasDiskon
liren von Roten verbietet. Die Entscheidung
involvirt bedeutende Notenbeträge, welche die
Bank dislomirt hat.

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