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Der Deutsche correspondent. [volume] (Baltimore, Md.) 1848-1918, July 17, 1874, Image 3

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Augenblick ist er von Keinem wieder lebend
gesehen worden. Die Leichenschau - Untersu
chung wurde darauf bis zum nächsten Mitt
woch Nachmittag uni 5 Uhr vertagt.
In Scxtonvllle hat diese Geschichte eine
furchtbare Aufregung wachgerufen, und die
verschiedensten Gerüchte, die größtenthcilS
höchst seltsamer und widersprechender Natur
sind, werden laut. Hr. Griffich erzählte,
während er sich aus dem Zeugcnstande befand,
daß zwischen dem Verstorbenen und einem
Gewürzhiindlcr, 'Namens August Hossmann,
der an der Ecke der Lombard- und Amity-
Straße wohnt, seit längerer Zeit ein Streit
existirl habe. Thompson schuldete Hrn. Hoff
mann für Colonialwaaren tz6o. Als 1874
das Gesetz in Kraft trat, welche jede Summe
unter KIOO von Beschlagnahme freisprach,
weigerte Thompson sich, das Geld zn bezah
len. Zu derselben Zeit gab Hossiiiaiin dem
Schaffner eine Quantität Cigarren, damit
dieser sie in Cumberland verkaufe. Thomp
son that dies auch, doch ließ er die Kiste, in
denen sich die Cigarren befanden, nicht mit
einem Stempel versehen und umging auf
diese Weise das Bnndesstener-Gesctz. Hoss
inaiin ließ ihn in Folge Dessen verhaften,
aber der Fall wurde beigeiegt, indem Thomp
son die tzssy, welche er dem Hoffmann schul
dete, auszahlte.
Vor ungefähr fünf Wochen soll Hoffmann
mehrere Schüsse aus Thompson abgefeuert
haben,ohne daß derLctztere nur im Mindesten
verletzt wurde. Am 8. Juni ließ Thompson
seinen Gegner wegen mörderischen Angriffs
verhaften, doch kam Hoffmann gegen Bürg
schaft bald frei. Der Fall ist heute noch
nicht beendet. Svätcr soll Thompson eine
ans Hio,ooo lautende Schadenersatzklage ge-
Hofsmaiin anhängig gemacht haben, und
zwar wegen angebiich böswilliger gerichtlicher
Verfolgung. Auch dieser Fall schwebt heute
noch in den Gerichten, ohne zum Abschluß
gekommen zu sein.
Aukitnft des Dampfers „Braun
scftwcig."
Der Dampfer „Braunichwcig," Capt. C.
Undütsch, am 24. Juni von Bremerhaven,
am 27. von Southampton abgefahren, er
reichte Freitag Nachmittag um 1 Uhr seine
Werste aus Locust Point. Er hatte während
der ersten zwei Tage hochgehende See, später
jedoch angenehmes Wetter, und begegnete am
2. Juli um 5 Uhr Morgens einem En
nard'schen Dampfer, am 3. Juli um H 5 Uhr
Morgens einem Dampfer der „Transatlan
tic-C0.," am 4. Juli um 5 Uhr Morgens dem
nach New Port bestimmten deutschen Schiffe
„Prinz Albert," am 7. Juli Nachmittags 6
Uhr dem westlich steuernden Dampfer „Si
bille" und am 8, Juli um 10.40 Vormittags
dem amerikanischen Schisse „Casilda" von
New-?)ork.
Er brachte 3 Eajüten- und 161 Zwischen
decks Passagiere; indcr Cajnle kamen Martha
C. Fnnch, die sich in Bremen, und Hr. Gonr
don und Sohn, die sich in southampton ein
schifften. Die Namen der in Bremen an
Bord gegangenen Zwischendecks-Passagiere
theilten wir bereits mit. In Soitthamploii
schiffte sich H. Biestrath von St. Louis im
Zwischendecke ein.
Der Dampfer brachte folgende Ladung:
von Bremen —2 Kisten und 1 Maschinenrah
men und 1 Kiste kausmannswaaren für A.
Schumacher sc Comp., 1 Packet Muster für
John N. Griffith sc Comp., l kosser Effek
ten für Johann Hemmetcr, 1 Kiste Lederwaa
ren für Atberti, Prior sc Comp., 2 Kisten
Baumwollwaaicn sür Gebr. Hodges, 2 ditto
Piano-Material für Wilh. Knabe sc Comp.,
12 ditto Sviegelglasicheiben für Gebr. Hirsch
berg sc Holländer, 70 Fässer Essig und i Kiste
Liquor für Vollmaiin sc Carl, I Kiste Cigar
ren sür Stirling, Ahrens sc Comp., 1936
Stücke kaufmaiinswaarcii sür N. N., II
Kisten Spielivaaren für Rogge, Spilker sc
Comp., 1 Kiste Kausmannswaaren f r Nik.
Lenllig in Philadelphia, 3 Kisten Strumpf
Waaren für I. Grünbanm sc Söhne, 1 Kiste
mit einem Block sür Kummer sc Becker, 2
Slückfässer Jrdemvaaren sür I. A. Eisen
Hardt, 2 Kisten Spielivaaren für Prior K von
Cöllen, 10 ditto für Rud. Wurlitzer sc Bru
der m Cincinnati, 2 ditto Musilwaarcn für
Pros. Thos. M. Norris, i ditto kausmanns
ivaaren sür Thomseii, Lilly sc Comp., l ditto
Personal' Effekten für Kummer sc Becker, 1
Slücksaß Mineralwasser für Benj. M. Hod
ges, juii., sc Comp., 1 Kiste kanfmaniis
ivaaren sür Eath. Willens, l Colli ditto für
Thos. T. Norris, 2 dilto sür Henry Bogne
sc Sohn, 9 ditto für Gabriel sc Clark, 33
ditto sür R. B. Hofsmann; von Southamp
ton 1 Kiste Drygoods für I. C. Hartman
K Sohn, 2 ditto Bücher für Schumacher sc
Comp., 5 Fässer Ingwer und 4 Kisten sür
Thoinsen, Lilly sc Comp., I kistcwollciicmid
baumwollene Waaren sürH. Bogne sc Sohn,
687 Kisten Weißblech sür N. N., l Kiste Ge
mälde sür Frank Brown im „Carroltton-Ho
lel," 2 Kisten Bücher sür Gebr. Turnbnll, 92
Bündel Felle für Drerel sc Comp, in Philo
delphia, 3 Kisten Baumwollenwaaren für A.
Griffith sc Comp., 3 ditto Messcrwaarcn für
A. I. Albert, jun., s- Comp.. 1 Kiste Saa
iiien für J. Bolgiano sc Söhne, 2 Kisten
Kaufiiiaiiiiswaareil sür G. H. C. Neal und l
Packet ditto für Cushinqs sc Bailey; von
Havrc—44 Kisten Wein, Jiiwcllcn und Seide.
Der Dampfer „M inister von
RooiiCapt. H. Erdmami, der Samstag
Nachmittag 2 Uhr von Locust - Point seine
Rücksahrt über Southampton noch Bremer
haven antrat, nahm 11 Eajülen- und 47
Zwischendecks Passagiere mit; für die Eajüte
harren sich Freitag Abend salzende Passa
giere einschreiben lassen: H. Samuel nebst
Frau, Frt. Marie Samuel, Frau A. E. Ai-
Union, Henry Webster, Thomas Weljh und
I. Nelson Patterson ans Baltimore, Frau E.
F. Wood aus Washington und Theodor
Krimm nebst Frau aus St. Louis.
Di e Firma W in. Fi s her s- Sö h iie.
- Am letzten Donnerstage wurde in New
?)ork da Gerücht ausgesprengt, die bekannte
Baltiiuorer Firma Wm. Fisher sc Söhne
habe ihre Zahlungen eingestellt. Dies Ge
rllcht hatte natürlich zur Folge, daß es für
eine kurze Zeit den Geldmarkt beeinflußte.
Bald aber traf nachstehende Depesche ein, die
schnell wieder Alles in das richtige Geleise
brachte: „Baltimore, 9. Juli, 3.ls.—Die in
Umlauf befindlichen Gerüchte mit Bezug auf
unser Haus entbehren jeden Grundes. Unser
HauS befand sich nie in einem blühenderen
Zustande als gerade jetzt. Wer jene Gerüchte
aussprengte, der kaun es nur in böswilliger
Absicht gethan haben. W. Fisher sc Söhne."
Der Bal t i mor er P fcr dem ar k t.—
Auf dem hiesigen Pserdemarkte ist bis jetzt
noch keine Veränderung vorgegangen; dieselbe
Stille, welche sich daselbst während der letzten
beiden Monate geltend machte, herrscht auch
heute noch und es hat nicht den Anschein, als
ob es in nächster Zeit anders werden sollte.
Es befinden sich viele prächtige Thiere ans
dem Markte, aber die Preise, die verlangt
werden, sind so hoch, daß sich keine Käufer
finden. Pserde, die sür gewöhnliche Zwecke
benutzt werden, variiren von H2OO bis SSVO
im Preise; für Arbeitspferde werden K2OO
bis tz3so gefordert. Die Preise für gewöhn
liche Karrengäule stehen sehr niedrig und es
kamen in letzter Woche noch Beispiele vor,
daß Gäule zu 40 verkauft wurden. Maul
thiere stehen zn H3OO bis 400 im Preise;
nach diesen Thieren ist jedoch im Ganzen nur
geringe Nachfrage.
Eoggia's Comet hat die Voraussa
gung der Astronomen, daß sein Schweif um
diese Zeit eine ungeheure Länge erreichen
werde, gänzlich zu Schanden gemacht. Er
ist am nördlichen Himmel sichtbar, aber er
scheint in den Abendstunden viel schwächer,
als vor acht Tagen. Ein deutscher Bürger
von dem Metier des Hans Sachs welches
Handwerk bekanntlich philosophischen Neignn
gen sehr zuträglich ist—äußerte gestern Abend
die Ansicht, daß der Comel wahrscheinlich seine
letzte Gas-Bill nicht bezahlt habe, weshalb er
jetzt ohne Licht sei welche Ansicht wir hier
durch vollkommen indojstren.
Eine Fuchsjagd in der Stadt.—
Ein kleiner Knabe, Namens Peter Gebhardt,
zog am Sonnabend Morgen mit einem Fuckise,
den er an einer Leine hielt, durch die Fayetle-
Straße. An der Ecke der Fayettc- und Holli
day-Straße schnappte der Fuchs nach dem
Bein des Knaben. Der Letztere ließ erschreckt
die Leine fahren und Reinecke machte sich auf
und davon. Seine Freiheit sollte jedoch nicht
von langer Dauer sein. Polizist Keller machte
die Entdeckung, daß der Fuchs in den Garten
hinter dem Hause des Ehrw. Heinrich Scheid
gedrungen war, und sofort begab sich der
Beamte in den Garten, spürte den Fuchs ans,
trieb ihn in eine Ecke und blies ihm mittelst
einiger gulgczietter Schüsse das Leben au.
Ein -Gesuch. F r e I
lassung eines Mädchens aus der
Industrie-Schule. Bor etwa acht
Tagen wurde die 8 Jahre und 5 Monate alle
Clara Eckstein wegen angeblicher Entwendung
von Gegenständen aus der westlichen höheren
Töchterschule vom Polizeirichlcr Bell nach der
„Maryländer Industrie Schule für Mädchen"
geschickt. Ihr Vater Wilhelm Eckstein käm
letzte Woche durch den Advokaten E. Todd
McFarland bci'm Common Plcas - Gerichte
um einen Habens (Zorpus-Befchl zur Entlas
sung der Tochter aus genannter Anstalt cur
und suchte das Gesuch, wie folgt, zu begrün
den: Weder Vater, noch Mutter wurden vor
geladen; erst nach Abführung des Mädchens
nach der Anstalt erhielten sie Kunde von der
ganzen Prodezur; Clara wird weder von den
Eltern gänzlich vernachlässigt, noch ist sie eine
Diebin von Profession, noch der elterlichen
Eontrole entwachsen; der Abführungsbefehl
ist mangelhaft, weil er kein Datum enthält,
die Zeit und die Art und Weise, wenn und
wie sie aus der Anstalt wieder entlassen wer
den kann, nicht angibt, auch den Hauptinhalt
der Zeugenaussagen, wie es das Gesetz ver
langt, sowie die Aussagen eines jeden Zeugen
nicht angibt; serner wird durch diese Aussa
gen überhaupt die Anklage nicht begründet;
derjenige Theil des Ueberwcsiungsbefehlcs,
der anscheinend den wesentlichen Inhalt des
ZeugenverhörS anführen will, ist Nichts wei
ter, als eine persönliche Ansicht des Polizei
richters, kein gesetzlicher Beleg; die Wohnun
gen der Zeugen sind nicht mit genügender Ge
wißheit angegeben; besagte Clara Eckstein
war seit vier Jahren ihres Verstandes nicht
mächtig und ist es anch gegenwärtig nicht;ste
wird daher in der „Maryländer Industrie-
Schule für Mädchen" gesetzwidrig zurückge
halten und ihrer Freiheit beraubt, weshalb
um ihre Freilassung nachgesucht wird.
Der Petition lag eine beschworene Aussage
des Dr. Georg G. Biewer bei, wornach das
Mädchen vor vier Jahren am Scharlachsieüer
und der Diphthcrttis darn'edcrlag, welche
Krankheiten allerdings seine Geisteskräfte ge
schwächt haben könnten. Der Petent Eckstein
und seine Frau bezeugten, daß sie nicht vor
Richter Bell geladen und von der Abführung
der Tochter nach der Anstalt erst nach dersel
ben benachrichtigt wurden. Außerdem wur
den Richter Bell, Sergeant Siebold und Po
lizeidiencr Witters verhört; aus ihren Aus
sagen ging hervor, daß des Mädchens Vater
spät am Abende mündliche Nachricht von der
Tochler Arrelur bekam. Richter Garey er
kannte diese VorladungS - Methode nicht als
gesetzlich an, ließ sich auf die weiteren Ein
wände in der Petition nicht ein und befahl des
Mädchens Entlassung aus der Obhut der
Schntbeamlen und seine Auslieferung an die
Eltern. Die Beamten der Industrie-Schule
waren durch die Advokaten T. W. Brundige
und E. Otts Hinklcy vertreten.
Ein wiitheiidcr Stier. Montag
Vormittag um 10 Uhr wurde eine Heerde
Stiere, welche von Hrn. Samuel Fuchs an
gekauft worden, nach dem Schlachthause des
genannten Metzgers getrieben. An der Or
leans , nahe Ännstraße, ward eines dieser
Thiere scheu und lief davon. Mehrere Hun
dert Memchen verfolgten den Stier durch ver
schiedene Straßen und Avcnucn bis in die
Nähe des „Maryländer Instituts für die Er
ziehung der Vlinoen." Dort wußte das Thier
sich seinen Verfolgern zu entziehen, und meh
rere Stunden vergingen, bevor man es wieder
sah. Gegen 4 Uhr Nachmittags ward der
Stier wieder sichtbar. Dieses Mal wurde er
von einem Knaben, welcher zu Pferde saß,
durch die ?)o>ck - Road getrieben. An der
Greenmouni- Avenue brannte der wilde Ge
selle wieder durch und stürmte durch die Mo
nument , Front- und Eaststraßc nach dem
Velair-Markt. Nahezu 400 Menschen ver
folgten den Stier; unter diesen befand sich
anch Karl Emmcl oder „Dutch Charlie," wie
er im Volksmnnde heißt. Dieser hatte eine
doppelläufige Flinte aus seinem Hause geholt
und suchte einen Vorsprung vor dem Thiere
zu gewinnen, um demselben eine Ladung in
den Vorderlcib zu senden. Endlich gelang es
ihm, sich vor dem Thiere auszupflanzen. Er
feuerte zwei Schüsse aus den Stier ab, dieier
aber rannte ihn über den Hausen und brachte
ihm einige leichte Verletzungen bei. Sodann
stürmte das Thier durch die Gay , Aisquith-,
Monument-, Caroline-, Bond- und Madison
nach der Springstraße. Zu seinen Verfolgern
hatten sich mittlerweile einige Polizisten ge
sellt, die während der aufregenden Jagd zwölf
Schüsse ans ihn abfeuerten. Obgleich meh
rere Kugeln ikr Ziel fanden, so lies das Thier
doch, wenn auch aus mehreren Wunden blu
tend, mit nngeschwächter Kraft vorwärts.
Endlich kam ein Knabe mit einer Büchse her
bei und machte durch einen wohlgezielleii
Schuß dem Leben des unbändigen Burschen
ein Ende.
Mehrere Personen wurden von dem Stiere
umgeworfen, aber glücklicher Weise erhielt
Niemand gefährliche Verletzungen. Sobald
das Thier verendet war, ward es ans euien
karren geladen und nach dem Schlachthause
des Hrn. Fuchs transportirl.
Ein inßaltimore wohlbekann
ter Deutscher aus der Eisenbahn
verunglückt. Unter Denen, welche sich
am Samstag Morgen zu der Sängersahrt
nach Baltimore rüsteten, war auch Hr. Julius
Stesch von Williamsburg, L.-J., vielen Deu
tschen unserer Stadt durch langjährigen Auf
enthalt hier wohlbekannt. Leider sollte er
unterwegs einen schrecklichen Tod finden. Hr.
Stesch mußte sich verspätet haben, der Zug der
„Southside Bahn" war bereits in Bewegung,
als er versuchte, darauf zu springen, aber ci
nenFchltrilt that und unter dießädcr gerieth.
Schrecklich verstümmelt zog man ihn hervor.
Der zur Zeil unbekannte Plann wurde nach
dem Stationshause gebracht, wo man ihn
bald erkannte und seiner in Baltimore woh
nendcn Familie 'Nachricht von dem schreckli
chen Ereigniß gab; schon zwei Stunden spä
ter traf eine Depesche hier ein, daß er seinen
Verletzungen erlegen sei. Hr. Stesch war
etwa 55 Jahre alt und aus Breslau gebür
tig, wo er eine gute Erziehung erhielt.
In den fünfziger Jahren wanderte er hier
ein, mehrere Jahre lang halte er eine gut be
suchte Wirthschaft an der West-Baltimore
nahe Greeiislraße, später wurde er Uuteragent
der „Knickerbocker Lebeusversicheruiigsgesell
schaff;" nachdem er diese Stelle aufgegeben,
eröffnete er den „Apollo Garten" ander Wcst-
Baltimoreslraße und eine Zeitlang hielt er
in 'Nr. 9, Süd - Gaystraße, eine Wirthschaft,
woraus er sich nach dem Osten wandte.
Seine beiden Töchter, welche in ihren Mäd
chenjahren zu den tüchtigsten Sängerinnen des
„Balto. Liedcrkranz" gehörten, sind hier ver
heirathet, die Eine an Hrn. Kolb, den Sekre
tär des „Liedcrkranz," die Andere an Hrn.
Senile. Außerdem hatte der Verunglückte
noch zwei erwachsene Söhne.
Der schreckliche Todesfall ries in hiesigen
Sängerkreisen, in denen er Sonntag bekannt
wurde, großes Bedauern hervor, und es gab
sich viel Sympathie sür die Hinterbliebenen
lnnd.
Die Fainili e S t c s ch. die am Sonn
abende auf so traurige Weise in Williams
bürg, N. 2)-, heimgesucht wurde, ist in der
That eine Uiiglücksamttie. Hr. Julius Stesch
kam vor etwa zwei Jahren von Baltimore,
wo er ein Mitglied des „Arion" war, nach
Williamsburg. In Baltimore ward des
Mannes vierzehnjährige Tochter vor den Au
gen des Vaters, ohne daß derselbe sie zu retten
vermocht hätte, überfahren und gctödtet.
Ebendaselbst hatte der von des Schicksals
Möchten so schrecklich verfolgte Mann einen
zwölfjährigen Knaben durch Ertrinken verlo
ren. 'Auch nach WiUiamsburg verfolgte ihn
das Schicksal. Sein Schwiegersohn ertrank
in Folge des Umschlagcus eines Bootes im
Huoson und am Samstage wurde Hr. Stesch
selbst, wie die „N.-I). Stsztg." sagt, „das
Opfer des strafbaren Leichtsinns eines Pferde
bahn-KuticherS und einer Menschenleben ver
achtenden Gesellschaft, welche mit Geld es
durchzusetzen gewußt hat, daß ihre unter dem
Nameu „Tummies" bekannten Morddamps
maschincn durch mehrere der belebtesten Stra
Ben ves Ostdistriktes laufen dürfen. Daß
unter den Williamsburger Deutschen in Folge
des in Rede stehenden Unglücksfalles große
Aufregung herrscht, läßt sich denken. Schon
vor mehreren Tagen hatte Hr. Stesch seine
Frau und zwei seiner Kinder nach Baltimore
gesanvt, wo ein verhcirathercr Sohn und zwei
verheiralhete Töchter von ihm wohnen. Die
ganze Familie wollte daselbst nach Ankunft
des Vaters ein großes Wiedersehensfest feiern.
Doch wie schrecklich ist dasselbe vereitelt
worden! Hr. Stesch war Buchhalter in dem
Schuiitwaareu Geschäft: des Hrn. Heinrich
Schwarz, Nr. 306, Broadway, New-Aork,
und gedachte demnächst als Theilhaber in
dasselbe einzutreten. Er war in Williams
bnrg längere Zeit Sekretär des „Liederkranz"
und auch Mitglied des dramatischen Vereins
„Euterpe."
Die Aii ffi n diing der n a ckten Ma n
neslcichc imP a t lers on - P ark e.
Sonderbare Vermuthungen.
Wir theilten bereits Freitag die Auffindung
einer nackten Mannesleiche in einer Abtrilts
grnbe des Patterson-Parkes mit. Nachträglich
erfahren wir darüber folgendes Nähere. Don
nerstag Nachmittag um 4 Uhr, während der
Park mit Hunderten fröhlicher Menschen ge
füllt war, wurde die erste Knude von der ent
setzlichen 'Affaire laut. Anfangs hielt man
dieselbe nur für ein leeres Gerücht, bald aber
erwies es sich, daß man es in diesem Falle
mtt der nackten reincnWahrheit zu thun habe.
Es war Morgens um 11 Uhr, als Hr. I. W.
Jones, ein 'Angestellter im Parke, sich in den
sür die Damen bestimmten Abtritt begab, um
denselben zu iiifizircn; bei dieser Gelegenheit
bemerkte er einen widerlichen, beinahe uner
lräglichcn Geruch. Mit großer Anstrengung
hob er die Fallthür aus, die in die Grube
führt, und erschrak nicht wenig, als er eine
nackte Manncsteiche erblickte. Eoroner Kelly
! wurde benachrichtigt und während man dessen
Ankunft abwartete, bemühten sich Sergeant
Jay und die Polizisten Veall, Pearl und
Sinstq, den Leichnam ans der Latrine her
vorzuziehen. Dies gelang ihnen auch, doch
! hatten sie die größte Vorsicht anzuwenden, da
sich die Leiche in einem solchen Zustande der
Verwesung befand, daß es schien, als würde
sie jeden 'Augenblick in Stücke gehen und aus
einandcrsallen. Um 3 Uhr 45 Min. hatte
> man endlich die slcrbiichenUebcrreste, die einem
jungen 25- bis 30-jährigen Manne anzugehö
ren schienen, aus der Grube herausgeholt und
Eoroner Kelly, welcher mittlerweile herbeige
kommen war, berief eine Jury zusammen und
schritt zur Untersuchung und Enthüllung die
ses schauerlichen Geheimnisses. Hr. Jones,
der den Leichnam zuerst entdeckt hatte, sagte
aus, daß er am Mittwoch voriger Woche un
ter der Musiktribüne des Parkes einen voll
! ständigen Herrenanzug, aus einem dunklen
! Sommcrrock, einer schwarzen Hose nndWeste,
einem dunklen Strohhut, Stiefeln, Strüm
pfen und einem Hemde bestehend, gesunden
habe. In den Taschen des Rockes seien einige
Papiere gewesen, aus denen erhellte, daß der
Träger der Kleider mit einer Nähmaschinen-
Eompagnic in Verbindung gestanden und
wahrscheinlich den Namen F. C. Hall geführt
habe. Hr. Jones händigte diese Papiere dem
Coroner ein und der Letzlere übergab sie dem
Capitän Kcnny vom östlichen Bezirk. Die
Musiktribüne liegt ungefähr 200 Fuß von
dem Abtritt entfernt.
Lieutenant Auld und Geheimpolizist Pon
tier machten eine Runde durch sämmtliche
Nähmaschinen-Magazine in Baltimore. Im
Howe'schcu Magazine an der Nord-Charles
straße sanden sie einen zungen Mann, welcher
sich erbot, in Begleitung der Beamten nach
dem Schauplätze der Leichenschau zu eilen und
den Tobten rn Augenschein zu nehmen. Nach
dem der junge Mann im Patterson-Parke an
gelangt war und einige Blicke aus das Gesicht
des Todten gemorsen, sprach er den Glauben
ans, daß der Verstorbene ein gewisser F. C.
Hall sei, welcher vor Kurzem in Diensten der
Home'jchen Compagnie gestanden habe. Es
wurde zugleich erzählt, daß Hall bei der Sin
ger'schen 'Nähmaschinen. Compagnie beschäf
tigt gewesen, vor eimgenMonaten aber wegen
angeblicher Schwindeleien verhaftet worden
wäre. Später sei er in die Dienste derHowe'-
schen Compagnie getreten.
Unenthüllt ist noch, wie der Leichnam in die
Grube aerieth. Die Oeffnungen in jenem
> Abtritt sind so klein, daß ein Mann von der
Größe des Verstorbenen unmöglich durch die
selben hindurchkommen konnte, und die im
Boden besindlichcFallthür lag so fest in ihrem
Rahmen, daß Hr.Jones sie nur mittelst eines
Meißels und eines Brecheisens zn öffnen ver
mochte. Trotzdem ist nur die Möglichkeit vor
handen, daß der Verstorbene durch die Fall
thür seinen Weg in die Grube fand. Falls
der Unglückliche Selbstmord beging, so muß
er mahnsinnig gewesen sein, beim sonst hätte
er aus jeden Fall seincmLeben aus eine andere
Weise ein Ende gemacht. Nur ein Wahnsiii
Niger konnte sich in eine Latrine stürzen, um
daselbst den Tod zu suchen. Die Tbeorie,
daß man es in dicsemFalle mit einem Wahn
sinnigen zu thun hat, scheint dadurch unter
stützt zu werden, daß man die Kleider unter
der Musiktribüne fand, wo der Unglückliche
dieselben möglicher Weise auszog, und sich
dann nach dem Aborte begab. Unter den Per
sonen, die der Leichenschau beiwohnten, fand
jedoch die Annahme, daß ein scheußlicher Mord
begangen sei, viel größeren Glauben, als die
SelbstmordStheoric. Mehrere Männer be
hauptctcn, daß der Verstorbene nicht in die
Grube hätte gelangen können, wenn die Fall
thür so fest verschlossen gewesen, als sie vor
gestern war. Es sei nur der Fall denkbar,
daß zwei Männer die Thür ausgerissen und
den Unglücklichen in die Grube yinabgestoßen
hätten. Die Latrine ist sehr tief und soll seit
vier Jahren nicht gereinigt worden sein.
Am 22. Juni brachten wir eine Notiz, die
mit der oben mitgetheilten Affaire in Verbin
dung zu stehen scheint und die wir daher noch
einmal hier folgen lassen: Hülss-Scheriss
Thomas Goodrich verhaftete am Morgen des
20.Jnni kurz nach 9 Uhr einen jungen Mann,
Namens James Carter, welcher angeklagt ist,
oie „Wecd'scheNähmaschinen-Compagnie" an
der Nord-Charlcsstr. um tzsg beschwindelt zu
haben. Der Angeklagte wurde an der Nord
Charlesstraße vor dem Laden der „Howe'schen
Nähmaschinen. Compagnie" festgenommen.
SchcrissAlbert überwies ihn demGefängiiisse,
und während Carter sich ans dem Wege nach
diesem Gebäude befand, bemerkte er zu dem
Hülfsscheriss, daß er sich eine Kugel durch den
Kops geschossen haben würde, falls er im Vor
aus gewußt, daß man ihn eines Verbrechens
beschuldigen und verhaften werde; er sei voll
ständig unschuldig an dem ihm zur Last gelcg
ten Verbrechen. Als er in eine dcrZcllcn des
Gefängnisses gebracht wurde, begann er bit
terlich zu weinen, und da man fürchtete, daß
er Selbstmord begehen werde, so stellte man
einen dcrGcfäiignißwärrer vor seinerZelle als
Wache auf. Carterwarfrüherbcider„Weed-",
in der letzteren Zeit aber bei der „Howe Com
Pagnie" als Agent angestellt, da ihm diele ein
besseres Gehair osserirt hatte. Er stand bis
her in sehr gutem Rufe."
Carter wurde, nachdem er nur kurze Zeit
im Gefängnisse zugebracht, wieder entlassen.
Man versuchte ihn vorgestern mit dem Todten
zn ldeiillfizircn und vicie Perzonen sprachen
die Ueberzeugung ans, daß Hall, Carter und
der Verstorbene eine und dieselbcPerson seien.
Hall's Name ist im Adreßbuche nicht zu
finden.
Freitag Morgen machte man neue Entdek
kungeii. Der Verstorbene ist weder James
Carter noch F. C. Hall, ein Angestellter der
„Howe'schenCompagnie," welcher sich vor cini
gen Monaten nach New-lork begab und als
ein höchst rechtlicher und ehrlicher Mann in
den weitesten Kressen bekannt ist. AllcrWahr
scheinlichkeit nach gehört der aufgefundene
Leichnam einem Neger an und zwar einem
gewissen Charles T. Hall, welcher als Agent
sür die „Wheeler sc Wllson'schc Nähmaschi
nen-Compagnie" sunzirte und vor fünf oder
sechs Wochen spurlos verschwand. Die Post
mortem-Untcrsuchnng, welche gestern Morgen
von Coroner Kelly und Dr. McLane Tifsany
vorgenommen wurde, bestätigt die Richtigkeit
der oben ausgesprochenen Vermuthung. Die
Aerzte fanden an demkörpcr des Verstorbenen
keine äußerlichciiVerletzungen und auch inner
lich nahm man nichts Auffallendes wahr.
Die Lungen und Nieren waren zn sehr vcr
wes't, um weiter untersucht werden zu können
und das Herz war mit Gasen gefüllt. Höchst
wahrscheinlich ist es, daß hier wedercinMord,
noch ein Selbstmord vorliegt, sondern ein
ganz gemeiner Schurke seinen verdienten Tod
fand. Bor kurzer Zeit fand man unter dem
Sitze eines Wasserctoscts in einer unserer öf
fentlichen Mädchenschulen einen 'Neger. Der
selbe wurde sofort von einem Lehrer jener
Schule verhaftet. Die Thatjache, daß der
aufgefundene Leichnam unbekleidet war, läßt
darauf schließen, daß der Verunglückte sich
seiner Kleider entledigte und sich mit derselben
Absicht in die Grube begab, welche jenen
Schurken leitete, der in dem Closet des Mäd
chcn-Schulgebändes ausgesunden und verhaf
tn wurde. Während er aber in die Grube
hinabstieg, wurde er entweder von den aufstei
genden Gasen betäubt oder verlor seinen Halt
und stürzte in die grauenerregende Tiefe.
Nachdem das Obige bereits niedergeschrie
ben worden, erhalten wir den folgenden Be
richt über die Leichenschau.
Freitag Nachmittag um 4 Uhr versammelte
sich die Leichenschau-Jury, die aus den HH.
George Hoover, I. McCorvick, Richard Gib
bon, Richard Johnson, James Lyrnc, George
Hughes, I. O. Harbangh, W. F. Pascall,
W. Harrison, W. Jones, I. Mooncy und I.
S. Morrow bestand, im Johnjon'schen Lo
kale ans der Ecke der Lombard- und Giststraße
(Patterson-Park-Avenue) und hielt daselbst
die Todtenichail ab. Dr. L. McLaiie Tif
fany, Prosektor der Anatomie an der Mary
länder Universität, welcher in Gemeinschaft
mit dem Eoroner die Postmortem - Unter
suchung vornahm, sagte Folgendes aus „Ter
Verstorbene war ein sehr starker Plann, doch
war sein Leichnam, als ich denselben zu Ge
sicht bekam, bereits in hohem Grade vcrwes't.
Anzeichen von irgend einer Gewaltthat waren
an seinem Körper nicht zu finden. Die Zunge
war etwas angeschwollen und schien zwischen
den Zähnen eingeklemmt gewesen zu sein.
Der Schlund und die Luftröhre waren mit
Exerementen angefüllt. Ich habe keinen
Zwcisel, daß er an der Einnthmung der
Schwcfelwasserstoffgase erstickte. Die Lungen
waren infolge der Einwirkung der Gase be
reils zum größten Theile in den Zustand der
Verwesung übergegangen. Ich kann nicht
sagen, ob der Plann kürzlich oder vor gerau
mer Zeit seinen Tod fand. Falls der Leich
nam den Strahlen der Sonne ausgesetzt ge
wesen, wäre er ohne Zweifel längst vcrwes't.
Jedenfalls befand sich der Verunglückte, als
er in die Grube fiel, am Leben, denn sonst
könnte die Luftröhre unmöglich mit Exere
menten angefüllt sein. Nachdem er in der
Grube lag, kann er höchstens noch eine Mi
nute gelebt haben. Ich untersuchte die äußere
und innere Seite des Schädels, fand aber
keine Anzeichen, die auf irgend eine Gewalt
that schließen ließen. Nach meiner Ansicht
geHörle der Leichnam einem Farbigen an,
vollständige Gewißheit erhielt ich jedoch erst,
nachdem ich die Haut, sobald dieselbe gerei
nigt worden, mit einem Mikroskope unter
suchte. Das Haar war ungefähr einen Zoll
lang und am Ende gekräuselt. Das An
schwellen des Halses deutet darauf hin, daß
der Verunglückte an der Einathmniig der
Gase erstickte. Ich untersuchte das Rückgrat
und fand dasselbe am richtigen Platze. Es
ist möglich, daß der Leichnam seit zehn Tagen
in der Abtrittsgrube lag. Die Haut mar vom
Körper abgeschält, nur an den Fußsohlen
klebte dieselbe noch."
Einer der Geschworenen fiel dem Arzte hier
in die Rede und bemerkte, daß der Leichnam,
nachdem derselbe aus der Grube heransgchott
worden, ein weißes Aussehen hatte, obgleich
das Haar dem eines Negers glich.
Dr. McLane Tisfany entgegnete hierauf,
daß man einen Neger, sobald die äußere Haut
entfernt worden, nicht von einem Weißen un
terscheiden könne. Sobald Dr. Tisfany das
Resultat seiner Untersuchung bekannt gemacht,
wurden folgende Zeugen vernommen:
R. I. E. HuSband: „Wohne in Nr. 212,
Hofsmanstraße. Bin bei der Wheeler so Wil-
Nähmaschinen - Compagnie ange
stellt, stellte vor längerer Zeit einen Neger,
Namens Charles T. Hall, als Agent an.
Derselbe hatte eine dunkelbraune Hautfarbe.
Ilm 17. Juni kam er zn mir und theilte mir
mit, daß die in Nr. 114, Orleansstr., woh
nende Frau Thaler eine Maschine zu kaufen
wünsche. Zuletzt Hörle ich von ihm am 13.
Juni. Zwei oder drei Tage vor jenem Da
tum stieg er in einen Wagen und fuhr in west
licher Richtung davon. Er war ein tüchtiger
Geschäftsmann und betrug sich stets anstän
dig. Allen Leuten gegenüber, mit denen er
verkehrte, bewies er sich höflich und ich konnte
mir keinen besseren Agenten wünschen. Auch
habe ich ihn nie betrunken gesehen. Ich bot
ihm wiederholt ein Glas Whiskey an, er
schlug dasselbe jedoch jedes Mal ans."
Die aufgefundenen Kleider wurden hierauf
dem Zeugen vorgezeigt und derselbe erkannte
den Strohhut als denjenigen, welchen Hall
getragen. Auch glaubte er den Rock und die
Weste als Hall's Eigenthum zu erkennen.
Polizist McEann bezeugte, daß er voiiHrn.
Jones Dokumente erhalten und dieselben dem
Capt. Kenny überreicht habe.
W. Jones: „Ich fand am 1. Juli unter
der Musiktribüne einen vollständigen Herren-
Anzug. Ich untersuchte die Taschen und
händigte deren Inhalt dem Polizisten Mc-
Cann ein."
W. Kesterson: „Bin als Nachtaufscher im
Patterson-Parke angestellt. In der Nacht
vom 30. Juni auf den 1. Juli sah ich einen
Mann in den Park eintreten. Ich verfolgte
ihn, verlor aber seine Spur. Es ist möglich,
daß sich em Manu in jener Nacht seiner Klei
der in der Musiktribüne entledigte und nach
dem Abtritte ging. Der Mann, welchen ich
sah, hatte keinen Nock an, doch sah ich deut
lich, daß er Etwas unter seinem Arme trug."
W. H. Parker: „Wohne in Nr. 50, Castle-
Straße. Reinige die Abtritte an jedem Sonn
abend. That dies auch am letztenSonnabcnd,
bemerkte aber keinen ungewöhnlichen Geruch.
Auch bemerkte ich nicht, daß die Fallthür kürz
lich aufgezogen worden. Mittelst eines großen
Messers oder eines Meißels kann dieFallthiir
so weit empor gehoben werden, daß einMann
in die Grube hinabsteigen kann."
Geheimpolizist Poutier: „Fand in Nr.
38, Piercestraße, eine Tante von Hall. Der
Pater des Letzteren ist ein Geistlicher und
wohnt zur Zeit in Washington. In dem
Etablissement von Howe's Nähmaschinen-
Compagnie traf ich mit einem jungen Manne
zusammen, welcher mir erzählte, daß er Hall
kenne und dieser ihm zuletzt die Mittheilung
i gemacht habe, er werde sich nach Frederick be
geben. Ich brachte den jungen Mann nach
dem Patterson-Pa'stl und zeigte ihm denLeich
nain. Er war zweifelhaft, ob es der Leichnam
Hall's oder der eines andern Mannes sei."
Hr. Poistier legte zugleich die nachstehenden
Schreiben vor, welche von Hrn. Jones ans
den Taschen der ansgefnndeneu Kleidungs
stücke gezogen wurden:
„Mein theures Fräulein ! Es macht mir
ein besonderes Vergnügen, Sic zu benach
richtigen, daß ich Ihr aufrichtiger Freund bin.
Charles T. Hall."
„Adresfiren Sie Ihre Briefe nach Nr. 114,
Orleansstraße."
„Baltimore. —Ich möchte Sie heute Abend
sehen, da ich Ihnen Etwas mit Bezug aus
Ihre Miethe mitzutheilen habe."
Die Geschworenen fällten hierauf emen
Wahrspruch, welcher dahin lautete, daß der
in dem Abtritte hinter dem Hause des Su
pcrintendentcn des Partcrson-Parkes aufge
fundene Leichnam der des Negers Charles T.
Hall sei, der seinen Tod infolge Erstickung
gefunden habe, doch seien die unterzeichneten
Geschworenen nicht im Stande, festzustellen,
ob der Tod das Resultat eines Selbstmordes
sei oder von den Händen irgend einer unbe
kannten Person herrühre. Die oben ausge
sprochene Vermuthung, daß der Verunglückte
mit einer frivolen und gemeinen Absicht in
die Grube stieg, verliert jetzt allen Grund,
und das Geheimniß bleibt vorläufig noch un
aufgeklärt. Hätte eine solche Absicht, wie die
angedeutete, zu Grunde gelegen, so würde er
jedenfalls nicht zn einer nächtlichen Stunde
in die Grube gestiegen sein, und daß er Dies
gethan, muß man annehmen, denn am Tage
würde er jedenfalls nicht die Frechheit bescz
sen haben, sich seiner Kleider zu entledigen
und entblößt nach der Giube zu gehen, die
ihm als Grab bestimmt war. Hoffentlich
werden die nächsten Tage näheren Aufschluß
über diese entsetzliche Affaire bringen.
Das Patterso n-P a r k-G eheimniß
bleibt noch immer unaufgeklärt. Es ist wei
terNichls festgestellt, als daß der aufgefundene
Leichnam einem Neger, Namens Charles T.
Hall, angehört. Nichts ist vorhanden, Ivel
ches die Theorie, daß dcrVerstorbene ermordet
wurde, unterstützen könnte, denn es ist kaum
anzunehmen, daß die Mörder ihn zuerst der
Kleider entledigten und dann über eine 400
Fuß lange Strecke nach dem Platze schleppten,
wo er seinen Tod fand. Aber ein Selbstmord
in einem Abtritte ist ebenfalls nicht denkbar.
Der Neger, welchem der Leichnam angehören
soll, war nicht im Geringsten zur Melancholie
geneigt; er war ein friediicherMciisch, der sich
'eines Lebens freute, und jeden Ilmgang mit
schlechten Menschen vermied. Keine Spur ist
vorhanden, die zur Aufklärung dieser entsetz
licken Affaire führen könnte. Wir haben es
in diesem Falle mit einer jener SchreckenSge
scklchten zu thun, die zuweilen für alle Zeilen
unenthüllt bleiben.
Hall's Vater und Bruder trafen am Sonn
abend von Washington hier ein und identifi
zirten die Kleider und den Hut als Charles
T. Hall's Eigenthum. Den Hut hatte der
Vater an der Gaystraße gekauft und seinem
Sohne, der im 23. Lebensjahre stand, ge
schenkt. Die Kleidungsstücke bleiben vorläufig
im östlichen Stationshause. Der Leichnam
ist aus Anordnung des Vaters ans demMonnt
Earmel-Friedhose beigesetzt morden. Eoroner
Dr. Kelly stellte an den Vater die Anfrage,
ob scin Sohn einen unmoralischen Lebens
waniel geführt oder geheimen Sünden gesröhnt
habe, worauf der alle Hall entgegnete, daß er
bei seinem Sohne derartige Neigungen nie
bemerkt und ihn stets sür einen streng morali
schen Menschen gehalten habe.
Das Pa t t ers ou-P a rk -Geh c i m -
ni ß. Das Patterson-Park-Gehcimniß ist
noch nach wie vor in dunkle Schleier gehüllt
und Letztere werden vielleicht nie gelüftet wer
den. Der Unglückliche, der seinen Tod in der
AbtrittSgrube fand, wurde vorgestern Mor
gen von der Wohnung seiner Tante in Nr.
88, Piercestraße, aus zur Ruhe bestattet. Bi
schof Wayman hielt die Trauer Cercmoni-n
ab. Der Vater, die Mutter, der Bruder und
der Großvater des Verstorbenen, Frau Wil
liams, eine Tante Halt's, ein farbiger Geist
licher, Namens Murray, und zwei oder drei
Freunde des Verblichenen gaben diesem die
letzte Ehre. Alle seine Verwandten sprachen
die Ansicht aus, daß der junge Plann, der im
25. Lebensjahre stand, ermordet worden sei.
Höchst merkwürdig ist, daß noch 'Niemand
erschienen und ausgesagt hat, wo Hall sich
nach dem Tage seines Verschwindcnö (am 19.
Juni) bis zn dem Tage aushielt, an welchen,
sein Leben einen so Plötzliä en Abschluß fand.
Nach der Ansicht des Dr. McTiffany konnte
der Leichnam nur sechs Tage in der Grube ge
legen haben, aber selbst wenn er zehn Tage
in jener Latrine gelegen, so bleiben doch im
mer noch zehn Tage übrig, über welche noch
Niemand Aufschluß gegeben. Die erste Frage,
über die man sich eine befriedigende Lösung
verschaffen sollte, ist unzweifelhaft die: „Wo
hielt Hall sich während der ersten zehn Tage
nach dem 19. Juni dem Tage seines Per
jchwindeus auf?"
Der Ehrw. R. A. Hall, der Vater des Un
glücklichen, ist ein prominenter Geistlicher un
ter den farbigen Methodisten. Er war zwei
Jahre lang Prediger der hiesigen Spring
straßen-Methodisten-Kirche und wurde er
vor einigen Monaten nach Washington ver
setzt. Sein zweiter Sohn Louis Emory Hall,
welcher am Sonnabend in seiner Begleitung
hier eintraf, ist Lehrer und war bis vor weni
gen Wochen in Baltimore thätig. Er steht,
gleich seinem verstorbenen Bruder, in sehr gu
tem Rufe.
Eine neue Conjektur über Hall's Tod stellt
Hr. Carl Bernstein von 'Nr. 123, Oü-Lom
bardstraße, aus und meint, Hall habe vielleicht
in dem Abtritte gestohlene Sachen versteckt und
sei bei dem Versuche, sie aus dem Verstecke
hervorzuholen, durch die Gase erstickt; die Be-
Hörden sollten dort nachsuchen lassen, ob nicht
etwa Etwas m der Grube noch zu finden sei.
Gefährlicher Sprung eines
Nachtwandlers. Am Donnerstag
Abend ereignete sich in der Nähe von Waverly
an der Ecke der I)ork-Road und Carroll-Avc.
ein trauriger Unfall. Louis Keizer, der acht
jährige Sohn des Hrn. L. R. Keizcr von der
Firma Mnrrill sc Keizer, hatte während des
Tages in Gemeinschaft mit seinem Vater Ane
Spazierfahrt gemacht und begab sich, nachdem
er heimgekehrt war, aus sein Schlafzimmer,
da er sehr ermüdet fühlte. Die Hitze zwang
ihn jedoch, von fernem Lager auszustehen und
sich einen kühleren Platz zu suchen. Er legte
sich auf dem Fußboden im Schlafzimmer
seiner Eltern nieder, und es währte nicht
lange, so schlössen sich seine Augen und er ent
schlummerte. Aber sein Schlaf war kein ru
higer und erquickender; aus seinen Bewegun
geil konnte man wahrnehmen, daß er lebhaft
träumte. Am 12 Uhr erwachte Frau Keizcr
durch ein Geräusch und sah zu ihrem Schrecken
ihren Sohn aus dem Fcnstcrgesimse stehen und
gleich daraus aus dem 20 Fuß über dem Erd
boden gelegenen Fenster hinauöspringen. Als
die erschreckte Mutter in'S Freie eilte und ihren
Sohn aushob, entdeckte sie, daß sich derselbe
im Gesichle und an drn Füßen schwer verletzt
hatte. Wie der Knabe später erzählte, träumte
ihm, er ginge ans einen Wagen zu und wollte
denselben besteigen. Als er aus dem Fenster
svrang, war er der Meinung, daß er in den
Wagen trat.
Von eiiiem Bahnzuge getödtet.
Sonntag früh versuchte Carl Mäder in Ii
chcstcr, Howard-County, bei'm Herannahen
des um 8 Uhr früh von Frederick hier fälligen
Zuges der „Baltimore-Ohio-Bahu" noch das
Bahngclcise zu überschreiten,wurde jedoch von
der Lokomotive, die ihn an der linken Seite
packte, den Bahndamm hiiiabgcschlcndert; der
Tod trat augenblicklich ein, und die Leiche
war schrecklich verstümmelt. Der Verunglückte
hinterläßt eine Wittwe mit vier Kindern und
war 56 Jahre alt.
EinMatrose ertrn n k e n. —Sonn-
abend Vormittag war der 23.jährige Norwe
ger Peter Olcn, der in New-Pork aus dem
Schooner „Lookout," Capt. Edward Nichols
von Ncw-I)ork, Dienst genominen, damit bc
schäftigt, die Seitenwäiidc des Fellstraße ge
genüber im Strome liegenden Schooners an
zustreichen; aus irgend einer Ursache stürzte er
rückwärts von dem schwimmenden Gerüste
in'ö Wasser und ward lebend nicht mehr ge
sehen. Gestern fischte man die Leiche auf, die
auf des Eoroners Dr. Kelly Befehl nach dem
östlichen Ärinensriedhofc gebracht wurde.
Vom Blitz g etro ff en. Hr. Elijah
Stansburq hätte am 4. Juli, während er sich
aus seiner drei Meilen von Tomjontown gele
genen Farm aufhielt, bald seinen Tod gefun
den. Er schritt in Begleitung seines Sohnes
durch den Garten, als plötzlich der Blitz in
einen Baum fuhr und denselben spaltete. Hr.
Stanslmry und sein Sohn wurden von der
Gewalt des Blitzstrahls in solchem Maße be
täubt, daß sie zur Erde stürzten und mehrere
Brausch-n am Körper erhielten. Fall alle
Fenster eines nahen Gebäudes zcriprangcn
in demselben Augenblicke zu Schersen.
Eisenbahn-Unfall. Der nach
Baltimore bestimmte CiiicinnatierSchiiellzug
der „Baltimore - Ohio - Bahn" fuhr Monrag
2 Uhr 11 Meilen östlich von Cumberland in
einen Erdrutsch; die Lokomotive entgleiste,
der Postwaggon rollte denßahndamm hinab,
der Gepäckwaggon legte sich auf die Seite,
und mehrere Plattformen gingen in Stücke,
aber Niemand erlitt körperlichen Schaden.
Die Passagiere trafen Nachmittag 1-6 Uhr im
Camdenstraßen-Bahnhofc ein.
Baltimorer Sterblichkeits-T a
belle. In verflossener Woche wurden aus
Baltimore 241 Personen, 131 männlichen und
110 weiblichen Geschlechts, worunter 34 Far
bige und 11 Todtgeborene, beerdigt; 33 mehr,
denn in der Borwoche, 50 weniger, als in der
Parallel-Woche von 1872, aber resp. 58, 9t,
52, 94, 20, 128 und 163 mehr, als in den cor
rcspondirenden Wocken von 1873, '7l, '7O,
'69, '6B, '67 und '66.
Hopse ud Malz.
Gersten, und Roggen-Mai.
Mi daden siel? neu Borrach ooasem dcst.nc°°
bischen Mol, liir Brauer, sowie koazcii
<al, für DeftMateure an Hand, und da wir oniii
Malchaus vergrößert haben, sind wir jetztim Staate
ai Lattregl schnell aiiStusühren.
ovd icke.t,
. Nr. 14, Slld-t'sotisiraße'
Mal,an am Fuße der Sutawftr. lNov.2j.lS.chw
M? latent - tiesel. Französiiche
MMN Kalblederne, bei Hand genöht, 7.zu. AU,
s M? Arten, eigner Fabrik, lür Herren vorrnchig ir,
-. eft.z,tteftr.. 1 Thüre weg
lichron der Noichkraßk.
(SepUZ.l2Mt.,chw) 2. v. ewi.
Ishü Haiisar, Gentleman.
Ans dein Englischen von Sophia Äerena.
(Fortsetzung.)
Der Scheriss lauschte verwundert und
unzufrieden einem bei Wahlen nickt oft
vorkommenden Laute, der die entgegenge
setzte Meinung des Volkes von der des
Grundherren ausdrückte.
Herr Brithwood, Sie sind wohl über
den Charakter Ihres Candidaten in ebenso
großer Ungewißheit gewesen, wie ich es
war, sonst halten Sie ihn unmöglich zur
Wahl vorschlagen können. Herbert!
er wandte sich zu seinem Zobne, der bis
zu letzten KammerinsiSsung als Abgeord
neter für Norton Bury mehrere Jahre im
Parlamente saß Herbert, sind Dir die
angeführten Thatsachen bekannt?
Der Angeredete sah verlegen aus.
Antworte! jagte sein Vater. Kein Zö
gern, keine Rücksichten, wenn es sich um
Recht oder Unrecht handelt. Meine Her
ren und würdigen Freunde, wollen Sie
meinen Sohn, den Sie Alle kennen, an
hören? Herbert Oldiower, sind diese Be
schuldigungen gegen Gcrard Vermilye
wahr und begründe!?
Ich fürchte, daß sie es sind, erwiderte
der ernste, junge Mann, noch ernster als
gewöhnlich.
Herr Brithwood, ich bedanre sehr, daß
diese Entdeckung nicht früher gemacht
wurde. Was beabsichtigen Sie nun zu
thun?
BeiGott, der mich geschaffen hat, nichts.
Der Burgflecken gehört Lord Luxmore, ich
könnte Satan selbst zur Wahl stellen, wenn
es mir beliebte. Mein Eandidat bleibt
stehen.
Ich meine, es sei wohl für alle Par
teien besser, wenn wir Herrn Vermilye
beibehielten, sagte der Gras mit beceungs
vollem Lächeln.
Mylord, begann der Baronet, und
man konnte deutlich sehen, daß nicht nur
die strengste Gerechtigkeit, sondern auch
ein gewisser Eigensinn und Widerspruch
in seinem Charakter lag, der besonders
bemerkbar wurde, wenn etwas seine per
sönliche Würde und seine Grundsätze ver
letzte Mylord, Sie vergessen, daß,
wenn 'ch auch der Familie, welcher dieser
Burgstecken zugehört, sehr gern mich ge
fällig erweisen wollte, es mir doch unmög
lich eine Befriedigung fem kann, eine
Person gewählt zu sehen, welche gleich un
fähig ist, dem Vaterlande wie dem Thro
ne zu dienen. Lieb würve es mir sein,
wenn ein anderer Candivat vorgeschlagen
würde, damit die allgemeine Stimme diese
sehr schwierige Angelegenheit entscheiden
könnte.
Sir Ralph, sagte John sehr bestimmt,
ich komme jetzt auf meinen ersten Plan zu
rück. Als Landbesitzer und überdies
Bürger dieses Ortes beanspruche ich das
Recht, einen Candidaten aufzustellen.
Ein maßloses, überwältigendes Ersta i
nen ergriff alle Anwesenden. Dieses
Recht war seit so langer Zeit nicht gefor
dert worden, daß man sein Vorhandensein
fast vergessen hatte. Sir Ralph und sein
aller Schreiber steckten ihre ehrwürdigen
Köpfe zusammen undeedanerte einegeraume
Weile, bis sie zur Entscheidung kamen.
Endlich stand der Scheriss aus und wandte
sich mit den Worten an die Versammlung:
Ich fühiemich verpflichtet, zu bestätigen,
daß dies Verfahren, zwar ein seltenes und
ungewöhnliches, dennoch vollkommen ge
setzlich ist.
Gesetzlich? schrie Richard Brfthwood
zornbebend.
Durchaus gesetzlich; und deshalb er
warte ich den Vorschlag des Herrn Hali
fax zu bören; hoffentlich ist Ihr Eandidat
kein Demokrat, mein Herr?
Seine politischen Ansichten weichen von
den meinigen ab; dennoch ist er der Ein
zige, welchen ich in diesem Augenblick der
Bedrängniß nennen kann; er ist ein Eh
renmann, den ich und alle meine Nackbarn
gewiß sehr gern wieder im Parlamente se
hen werden. Ich erlaube mir, Herrn
Herbert Oldiower vorzuschlagen.
In dem oberen Theile des Raumes
that sich eine große Bewegung kund, wäh
rend von der entgegengesetzten Seite ein
allgemcincr, unwillkürlicher Beifallssturm
losbrach, denn unter den Familien der
Grafschaft waren wenige so beliebt und
geschätzt, wie die Olvtowers.
Verlegenheit, selbst Bestürzung malte
sich aus dem edlen Antlitz des alten Baro
ncts, doch fest war die Stimme, mit der er
die Versammlung anredete:
Ich Hesse, daß mir Niemand der An
wesenden zutraut, ich habe eine Ahnung
von der Absicht des Herrn Halifax gehabt;
auch mein Sohn war damit nicht be
kannt, jetzt mag er sür sich selbst sprechen.
Mit dem ihm gewohnten Ernste und ei
ner ihm sehr gut stehenden Bescheidenheit
erwidert: der junge Mann, daß unter den
obwaltenden Umständen, und da er per
sönüch mit dem Grasen Luxmore und
! Herrn Brilbwood bekannt sei, er nicht an
stehe, die ihm angetragene Ehre anzuneh
men.
Wenn dem so ist, sagle sein Vaier os
senbar verstimmt, so bleibt mir nichtsübrig
denn, meine Pflicht als Staatsdiener zn
erfüllen.
Unter einiger Verwirrung wurde das
Ausheben der Hände verlangt und dann
erfolgte der Ruf:
Laßt uns zur Abstimmung schreiten!
Zur Abstimmung! schrie Richardßciih
wovd. Dies ist ein Burgstetten, einer
altadeligen Familie zugehörcnd, hier hat
gewiß seit fünfzig Jahren keine Abstim
mung nach Köpfen stattgefunden. Sir
Ralph, ich glaube, Ihr Sohn hat den
Verstand verloren.
Verrücktheit liegt durchaus nicht in der
Familie der Oidtowers, mein Herr. Ich
stehe hier als Scheriss der Grafschaft;
wenn eine Abstimmung verlangt wird, so
Entschuldigen Sie, Sir Ralph, es
möchte sich kaum der Mühe lohnen. Kann
ich Ihnen etwas anbieten --
Es war nur seine Doie, welche er dar
reichte, dock des Grafen höfliches, vielsa
gendes Lächeln füllie oen nicht beendeten
Satz aus.
Vornehm und stolz sireckte Sir Ralph
Oidtowcr seine stattliche Gestalt empor,
und das Feuer der Jugend flammte in
Zornesbiltzen aus seinen Augen.
Locd Luxmore scyeiut die Grundsätze
und Pflichten der Landedeileitte durchaus
nicht zu kennen, noch zu verstehen, sagte
er eisig kalt und wandte sich von ihm der
Versammlung zu. Meine Herren, Nach
mittag wird nach dem Vorschlage meines
Nachbars
Sir Ralph Oldiower hat recht gefügige
Nachbarn, bemerkte Leid Luxmore, spitz.
Ohne daraus zu achten, ganz als beende
er den angefangenen Redesatz, fuhr der
alle Baronet fort:
Die Abstimmung wird stattfinden, weil
sie gesetzlich ist unv verlangt werden kann,
wie mir bewiesen ist von meinem Nachbar,
Herrn Halifax, einem Gentleman er
hielt einen Moment inne, als sei er unge
wiß, ob er diesen Titel als ein Reckt, oder
nur als eine Form der Höflichkeit ertheile,
blickte John an und wiederholte noch be
stimmter: einem Gentleman, dem ick, so
lange ich ihn kenne, stets die höchste Ach
tung verdientermaßen gezollt habe.
Dies war die öffentliche Anerkennung
der gesellschaftlichen Stellung, die John
Halifax unter jemen Nachbarn schon seit
einiger Zeit einnahm, die man ihm
schweigend zuerkannt; daß sie aber von
diesem ehrwürdigen, biederen Greise kam,
dessen Ahnen durch vier Jahrhunderte
hindurch reichten, sondern in den eigenen
tüchtigen Gesinnungen, in der stolzen
Würde beruhte, mit welcher er den unbe
fleckten Aoei seinerFamilic aufrecht erhielt,
das crsüllte John's Seele mit einer hohen
Genugthuung und jlicß seine männliche
Wange erglühen in gewiß verzeihlichem
Stolz.
Ais die Versammlung vorüber war,
bat er mich, nach Hause zu reiten, um
seiner Frau die Ursache seines Zurückblei
bens in Kingswell zu erklären.
Erzähle ihr Alles, Phincas Alles
Du weißt, es wird ihr Freude bereiten.
Und sein Auge blickte noch Heller und
klarer.
Ja, Ursula war sehr erfreut. Ihr
Antlitz leuchtete von einem seligenEntMen
wie nur die Frau es empfinden kann, deren
höchster Stolz in der Anerkennung der
Verdienste und der Ehre ihres Mannes
beruht.
Nach kurzer Rast trieb sie mich an, zu
John zurückzukehren.
Da ich wieder oen Kingswell Berg
hinaufritt, kam es mir vor, als ob das
ganze Kirchspiel auf den Beinen sei, um
dem neuen, nie dagewesenen Auftritt bei
zuwohnen. Eine angefochtene Wahl!
Wahrlich, die ältesten Leute der Gegend
wußten sich eines solchen Vorfalls nicht zu
erinnern. Die fünfzehn Wähler schienen
Alle von dem Bewußtsein ihrer Wichtigkeit
ganz verwirrt und wurden es noch mehr
durch eine neue und überraschende That
sache, durch eine nie gehörte Ansicht,
welche John mehreren von ihnen klar
zu machen sich bemühte. Aus dem Kirch
Hose, unter dem großen Eichen bauine,
hatten sie sich um ihn geschaart und dort
suchte er ihnen mit einfachen Worten
darzulegen und einzuprägen, daß die
Stimme eines jeden Wählers, jedes recht
lichen Mannes, der Ausdruck seiner eigenen
gewissenhaften Ueberzeugung sein müsse,
und diese zu verhandeln, sei fast keine
geringere Schwach, als wenn er die
Freiheit seines Sobnes, oder die Ehre
seiner Toaster verkaufte.
Unter denen, die John am aufmerksam
sten zuhörten, bemerkte ich einen Mann,
der mir schon am Morgen ausgefallen war
Jakob Baines, den einstigen Anführer
bei'm Brodauiruhr, der lange Jahre so
wohl in der Gerberei wie in der Mühle
beschäftigt wurde, und immer der ehrlichste
und pflichitreueste von John's Arbeitern
blieb, indem er unbewußt einen Beweis
darstellte, daß Diejenigen oft am innigsten
lieben, denen am meisten vergeben worden
ist.
Die Abstimmung sollte in der Kirche
stattfinden, ein nickt ungewöhnlicher Ge
brauch in den Dörfern, der aber, da er in
Kingswell noch nicht vorgekommen, der
Bevölkerung doppelt feierlich erschien.
Der Kirchenvorsteher wurde aufgestellt, die
Stimmen anzunehmen; nicht weit davon
saß der Scheriss in seinem Familien-Kircb
stuhie, das greise Haupt entblößt, so ernst
unv würdig, daß sein ganzes Wesen allen
Anwesenden eine schickliche Haltung ein
flößte Allen, außer dem Grafen Lux
more und Richard Brithwood. Diesen
Beiden waren anscheinend ihrer Sache so
gewiß, daß sie ihre gute Laune wiederge
funden hatten und laut lachend und spre
chend auf der anderen Seite der Kirche
standen. Es war ein schmales Gebäude
in Kreuzform, so daß jedes Wort übe'all
vernommen werden konnte.
Mylorv, Genilemen und Freunde Alle!
sagte Sir Ralpb, sich mit ernster
Würde erhebend ich will hoffen, das
ein Jeder die Heiligkeit dieses Ortes eh
ren wird.
Lord Luxmore, der mit seiner von Dia
manten strahlenden Dose in der Hand und
einem ebenso strahlenden Lächeln einher
ging, blieb im Schisse der Kirche stehen
unv sagte sich verbeugend: Mit Vergnü
gen natürlich, worauf er in den Beicht
stuhl mit einem Wesen trat, als verleihe
seine erlauchte Gegenwart dem Orte eine
hohe Ebre.
Die Abstimmung begann unter tiefem
Schweigen. Drei Pächter kamen einer
nach dem anderen unv wählten Herrn
Vermiiye. Dann näherte sich der starke,
grauköpfige Mann, dessen ich schon er
wähnt Jakob Baines. Er biickle
etwas jcheu auf den Scher-ff, dessen Be
kanntschaft er vielleicht in früheren Jahren
unter weniger günstigen Verhältnissen ge
macht Halle, doch bald fand er seinenMuth
wieder.
Darf man ein Wort mit Ew. Gnaden
reden.
Gewiß, aber saßt Euch kurz, mein guter
Mann, entgegnete der Baronet, dessen
freundliches Wesen zu den untergeordneten
Leuten bekannt war.
Sir, ich bin ein armer Mann, wohne
in einem der Häuser, welche dem Grafen
zugebören und habe jeit einem labre keine
Miethe gezahlt. Herr Brown tritt nun
eines Tages zu mw unv soricht: Jakob,
gebt Herrn Vermilye Eure Stimme und
ich eilasse Euch die Miethe, und hier sind
noch zwei Pfund zehn Schillinge o'venein,
um wieder vorwärts zu kommen. Da
sagte ich zu Mathias Haies (er ist ein
Mielhsinann von Herrn Halifax und hat
beinahe vier Pfnnd für seine Stimme vom
Verwalter des Herrn Grasen erhalten),
ich sagte zu ihm wir sind arme Leute
nnv seine Lordschaft ist ein Gras und
wenn er's thut, so muß es wohl kein Un
recht sein, meine ich.
Holla, mache es kurz, Du Schurke, Du
hältst die Abstimmung nur aus!
Ja, ja, Squire, erwiderte der alte
Mann, nicht ohne einen gewissen Humor
zu Richard Brtthwood sich wendend, erst
will ich nur noch das hier los seln.
Aus seiner schäbigen Tasche langte er
eine Hand voll Guineen und zählte sie aus
den Tisch hin. Armer Mann! wie hell
und l'ckend die Goldstücke glänzten, die
ihm Speise, Kleidung, Leben gebracht hät
ten!
Drei wurden mir gezahlt, zwei an Will
Horrocks und die übrigen an Mathias
Hales; allein wir sind jetzt anderen Sin
nes geworden und wollen das Geld denen
wieder zustellen, welchen es gehört.
Ehrlicher Freund, ich
Dan e, Ew. Gnaden, ja wir sind ehrlich
und wollen es bleiben, wir könnten ja
außerdem unserem Brotherrn nicht gerade
in's Gesicht sehen. Zu Michaeli wervrn
es zwöls Jahre, da rettete er uns vom
Verhungern vielleicht von etwas
Schlimmeren. Wir wellen jetzt nicht
Schurken werden. Nun Sir Ralph will
ich meine Stimme abgeben, doch nicht für
Herrn Vermilye.
Ein leises Beisallsmurmeln begrüßte
den alten Jakob, als er durch das Schiff
der Kirche nach der Vorhalle ging, in der
aus Sleinbänken eine ländliche Jury saß,
die sich ziemlich unvortheilhaft über den
Candidaten des Grafen aussprach.
Er ist eine Unmasse Geld in Nortonßnry
schuldig.
Warum zeigt er sich nicht bei der Wahl,
wie jeder andere ehrliche Mann?
Weil er keiner ist. Er fürcktet die
Häscker, erklärte der alte, gichtbrüchige
Constabler, der für die Ruhe und Sicher
heit in Kingswell auskommen mußte.
Er ist der ärgste Schwindler in ganz Eng
land.
Fluch ihm! murmelte eine alle Frau.
Sie war ein gutes, hübsches Kind, meine
Tally! Fluch ihm!
Während dieser ganzen Zeit saß Lord
Luxmore in ruhiger Würde da, sest über
zeugt, daß Alles so fortgehen würde, wie
es immer bisher gewesen sei, und daß,
trotz der unerhörten Abgeschmacktheit einer
angefochtenen Wahl, er seines Burgfleckens
doch gewiß sei, Es konnte also nicht seh
len, daß seine Lordschast sehr überrascht
war, als das Resultat der Abstimmung
erwies, daß von fünfzehn Mäklern sechs
sür Heirn Vermilye und neun für seinen
Gegner gestimmt hatten. So war also
Herbert Oldiower der gesetzlich gewählie
Abgeordnete von Kingswell.
Der Graf empfing diese Ankündigung
mit ein'm vornehmen, ungläubigen
Schweigen, Richaro Brithwoov war
dagegen um so lauter.
Es ist eine Betrügerei—eine schändliche
Verschwörung! Ich will ihm aber schon
den Plan entreißen bei meiner Seele,
das soll geschehen!
Es möchte Ihnen dies doch schwer
werden, erwiderte John Halijax, der die
von Jakob Baines gebrachten Guineen
zählte und dem Rentmeister des Grasen
hinschob. Obwohl die Zahl der Wähler
gering war, so bin ich überzeugt, ein jedes
Comite im Unterhause wird beipflichten,
daß niemals neun Stimmen auf eine red
lichere Weise abgegeben wurden, als diese
hier. Ich bedanre es aufrichtig, Herr
Brithwood —und ein freundliches Mitleid
drückte sich in seinen Gesichtszügen aus
daß ich unter den obwaltenden Umständen
gezwungen wurde, als ihr Gegner auszutre
ten. Vielleicht, daß Sie mir später einmal
die Gerechtigkeit widerfahren lassen, anzu
erkennen, daß ich so handeln mußte, weiche
mir jetzt schon mein eigenes Gewissen
ertheilt.
Sehr möglich, erwiderte der Graf mit
satyrischem Ausdruck und einer gleichen
Verbeugung. Ich denke, meine Herren,
unser Geschäft ist heute beendet, und der
Weg nach Norton Bury ist weit. Sir
Ralph, dürfen wir auf die Ehre ihrer
Gefellschaft rechnen? Nein? Nun, ich
' emvsehle mich, melneFieunde! Ihr Diener
Herr Halifax.
Noch ein Wort, Mylord! Ich möchte
für meine Arbeiter sprechen, welche Ihre
Miether sind; wohl kann ich mir denken,
was ibncn geschehen wird, die nicht nur
denMiethzins schuloen, sondern noch gegen
ihres Grundherrn Willen stimmten ehe
man zu härteren Maßregeln schreitet,
wollte ich bitten, daß Ihr Verwalter sich
wegen der Bezahlung an mich
MeinVerwalter wird nach seinem eignen
Ermessen handeln.
Tann vertraue ich auf Euer Herrlichkeit
Güte, aus Ihr Ehrgefühl.
Von Ehre spricht man nur mit seines
Gleichen; erwiderte der Graf bochmüthig.
Aus Eines aber darf Herr Halifax immer
rechnen aus mein gutes Gedächtniß.
Mit einem Lächeln und einer tadellosen
Verbeugung, als verlasse er als Sieger
den Kumpsplatz, verabschiedete sich Lord
Luxmore und bald blieb keiner von Allen
zurück, die den Kirchhof und die Kirche ge
füllt und eineAnfrcgnng verursachlhaltcn,
deren sich einige alte Dorfbewohner noch
bis zum heutigen Tage erinnern, die sich
aber sehr schlecht behandelt wähnen, weil
die Neformakte den „loyalen, freien Flek
ken Kingswell" aus der Ässe der englischen
Wahlslecken gestrichen hat.
Sir Ralph Oldlower stand noch lange
mit John im Gespräche, und nachdem
er seinen Wagen sortgeschickt, ging er mit
ihm über den Kingswell - Berg dem Her
renhaus zu. Neben ihnen reitend, veru
nahm ick Bruchstücke ihrer Unteihaltung.
Was Sie da sagen, Herr Halifax, ist
alles wabr und gut; was aber können wir
dabei thun? Unsere englische Versassung
ist vollkommen, wenigstens >o weit es ein
Werk von Menschenband sein kann; wenn
sich trotzdem Mißbräucke und Verwerflich
leiten einschleichen, so bedauern und tadeln
wir es wie aber sollen wir dem Uebek
stande abHelsen; nein, das ist unmöglich.
Glauben Sie, Sir Ralph, daß der
Schöpser dieser Welt, der, soweit unser
Auge es zu erkennen vermag, diese wie
alle seine anderen Schöpfungen stusenweisc
zur Vollkommenheit führen will, daß er
uns sür berechtigt hält, irgend eine Hand
lung, eine Verbesserung in derselben für
„unmög ick" zu erklären?
Sie suhlen und reden wie ein Mann
in der Vollkraft der Jagend, erwiderle der
alle Baronet fast wchmüihig. Die kom
menden Jahre werden Ihnen dicWelt und
ibre Wege in einem anderen, klareren
Lickte zeigen.
Das hoffe ich voller Zuversicht.
Sir Ralph warf einen Blick aus John,
der vielleicht nicht ganz ftei von Neid war
über die ächte Jugendsrische, welche sein
Herz warm durchglühte, und die er trotzdem
nur so lange gestattete, bis die reiferen
Jahre größere Weisheit und Einficht brach
ten. Ein Eiwas schien dem Greise zuzu
flüstern, in dieser Jugend liege Kraft, Le
ben und der Geist einer neu emporblü
bendcn Zeit, vor welcher die alte, ver
brauchte Generation in Siaub zelsailcn
müsse. Tie Asche verstorbener Jahrhun
derte, sie verdient es, ehrfurchtsvoll auf
bewahrt zu werden, damit sie die nachfol
genden Geschleckter, welche auch bergab
denselben Weg einst gehen werden, nickt
vatcrmörveiftch entweihen; aber wie man
sie hoch und werlh halte, die ehrwürdige
Asche der Vergangenheit Staub bleibt
sie trotzdem nur.
Hier endigte das Gespräch, weil unsere
Wege sich schieden. Ter Baionet lud
Jodn ebenso höflich als herzlich in sein
Haus ein; und als er ein gewisses Zögern
an ihm bemerkte, sägte er hinzu, daß seine
Gemahlin sich sehr bald die Ehre nehmen
würde, Frau Halifax aufzusuchen.
John verbeugie sicb. Vielen Dank,
Sir Ralph, dennoch muß ich Jbucu sagen,
daß meine Frau und ich sebr einfache
Menscken sind, die niemals nach Bekannt
schaften streben, so hoch sie Freunve zu
schätzen wissen.
Das trifft sich ganz vortrefflich, da auch
wir diese Eigeuthümlichk il besitzen und
demgemäß bandeln. Aus Wiedersehen,
Herr Halifax! und mit einem herzliche
Händevruck verließ uns der aiie, chrwür
dige Baronet.
John, Tu bist heute eine Tiuje höher
in der Welt gestiegen.
Meinst Du? fragte er zerstreut, in tie
fes Nachdenken versunken, während er
Blätter von der Hecke amWege abstreifte.
Was wird Ursula sagen?
Mein theures Weib, Gott segne sie!
Er schien nur den Schluß seiner Gedanken
auszusprechen, als er sortsuhr: Es wird
keinen Unterschied sür sie machen eher
bei mir. Sie liebte mich, sie wurde
me n, da ick arm und gering war, dock
mit Gottes Hülse soll keine Frau im Lande
einst hoher stehen und stolzer ihr Haupl
erheben können, als meine Ursula.
Hier wie allen Dingen dachie ein jeder
der Gallen immer zuerst und zumeist an!
den anderen und beide an Den, desiui
Wille ibncn mebr galt, als alle menschli
chen Liebesbaiide, ja selbst mehr als ihre
gegenseitige, unendliche Liebe.
Langsam verschwanden die alterthümli
chen Thürme des Herrenhauses in Dunkel
heit, die Berge verloren ihre Form und
Gestalt und plötzlich strahlte uns ein klei
nes, flimmerndes Licht die Lampe in
dem Wohnzimmer in Longfi.'ld wie
ein Glühwürmchen durch die in Nedcl
gehüllten Felder entgegen.
Ob wobl die Kinder schon zu Bett sein
mögen, Phincas?
Das treue Vaterauge hing voller In
nigkeit an dem schimmernden Lichtstrahle,
das Vaterherz verlangte nach dem lieben,
trauten Helm.
Dort steht Jemand am weißen Thore —
Ursula!
John, lieber John!
Die Mutter gab ihre öftfühle nicht nach
der Art der meisten Frauen in vielen
Worten kund, doch an ihrem dort Warten,
an dem leisem Beden 'hrerHand, erkannte
ich, wie groß ihre Besorgnis; gewesen sein
muß'.c.
Ist Alles glücklich von Stalten gegan-!
gen; ist Alles geordnet?
Ich denke es. Herbert Oldiower ist ge-!
wählt —er muß außer Landes gehen.
Dann ist sie gerettet, Johu!
Wir wollen es hoffen, komm, mein
Liedling! Er schlang iclnen Arm um sie,
um sie vor der Abendkühle zu schützen.
Wir haben gethan, was in unseren kreis
ten stand, jetzt müssen wir ten Ausgang
rubig abwarten. Komm' heim, Ursula!
Mit einem innigen, answärtSgcrichtetcn
Blick und einem fast seicrttchen Ausdruck
fügte John hinzu: Golt sei für mein ge
segnetes Haus, meine Heimalh gedankt! >
Wir standen Alle zeilig ttiLongsield auf.
Das alte Sprüchwon: Morgenstunde hat
Gold im Munde, ist gewiß eines der tief
sinnigsten und wahrsten. Es war schon
so liediub, die Sonne ausgehen zu sehen;
über dem Baumberge erstieg sie und lüßte
dann die Wipfel deSLärchenwaldeS, wobei
einzelne Strahlen sich über den breiten
Abhang aus unsere Felder ergossen; höher
hob sich die leuchtende Königin empor und
während unser tiesbeschatteles Thai im
Morgeitthau ruhte, strahlte Leckington
' schon in einem blendenden Lickumecre.
! Entzückend war es; uniereKleincn in ihrem
! geschäftigen Treiben Morgens zu beobach
, ten; aus und ein Uesen sie glücklich und
t vergnügt, wie es die Kinder besonders in
! den ersten, frischen Tagesstunden sind.
Hühner und Tauben mußten gefüttert und
geliebkost werden und jeden Augenblick er
schallte der Ruf nach Baler oder Mutter,
die sich mit ihnen über irgend ein Wunder
j im Garten oder Hofe, bei den Blumen
oder dem Federvieh srcuen joillen. Und
alle Beide waren stets bereit, den kleinsten
dieserGehcimnisie zu lauschen, die geringste
Freude zu theilen, wohl wissend, daß in
der Kindheit nichts der Beachtung unwerth
erscheint und daß die, welche der Vater
aller Menschen mit der heiligen Eltern
würde begnadigte, auch verpflichtet sind,
für jede Freude und jeden Kummer des
Kindcrherzens die innigste Sympathie zu
, empfinden,
Es ist mir, als sähe ich sie noch heute
vor mir stehen, inmitten der Blumenbeete,
von dem Golde der Morgensonne umflos.
sen; des Vaters Kops ragte über die kleine
Gruppe empor, und immer war er die
Hauptperson in der Familie. Ihm zur
Seite stand die Mutter und Beide wurden
. verbunden durch kleine, umschlingende
Arme und von rosigen, neugierigen Ge
sicktchen umdrängt, von denen ein jedes
Alles sehen und hören mochie, wobei ein
Jeder der ue.d Keiner der Letzte sein
wollte. Das war ein Schwatzen unv
Lachen und Fragen!
Keiner blieb auch nur auch eineSekunde
flumm und ruhig außer der Einen,
welche wie sein Schatten stets an ihres
Vaters Seite war, und die er, vielleicht
ihmttlbst unbewußt weniger wie einKind,
denn wie einen guten Geist jener Welt
behandelte, den er eifersüchtig ängstlich,
wenn auch ohne es besonders zur Schau
zu tragen, umfaßte und schützte, damit er
nicht einmal, c> schreckt und verscheucht,
yngeahnt in seine bessere Heimath ent
schwebe. Wenn John nach Hause kam
und das süße Engelsbild nicht seiner aus
der Thürschwelle harrend fand, so war
'eine erste Frage: Wo ist Muricl?
Murict's sanftes Antlitz sah an diesem
Morgen - dein Tage nach der Wahl
besonders hell und glücklich aus, weil der
latcr den ganzen Tag zn Hause bleiben
wollte. Es war der zum Feste bestimmte
welches John seinen Arbeitern jähr
lich zu geben sich vorgenommen. Dieses
erste Mittagsmahl, das wir gaben, war
in seiner Zusammenstellung dem bedeu
ttuigsreichen Feste nickt unähnlich, von
dem es heißt, daß die Armen und Schwa
chen, die Lahmen und Blinden dazu ge
laden wurden Alle, die bedürftig war
ren und niemals die Güte erwidern konn
teii. Dazu wurde nun gelockt, gebacken
und allerlei Vorbereitungen getroffen,
Alles ward herbeigeschafft/ was das Herz
der Männer erfreuen konnte; sür die
Frauen wurde Thee und Kuchen nach dem
Essen bestimmt und die Jugend sollte sich
durch muntere Spiele ergötzen, bei denen
kleine Gewinne als Preis ausgesetzt wur
den.
Tie Mutter, Jem Watkins und „seine
Jenny" waren so emsig wie die Bienen
den ganzen' Morgen über; John selbst that
sein Bestes, um hülfreiche Hand zu leisten,
aber endlich erklärte ihm Ursula, daß es
hart sür die Kinder wäre, wenn sie ikren
Feiertagsspaziergang mit ihm einbüßen
sollten und so wurden wir Alle von dem
Schauplätze der,Thätigkeit in Gnaden ent
lassen, um zwei lange, ruhige Stunden
unter der großen Eiche aus demßaumberge
zuzubringen. Tie Kinder svielten umher,
bis sie ermüdet sich neben uns ins duftige
Gras lagerten. Jetzt nahm John dicZei
tung aus seiner Tasche und las uns von
der Aesinng Eindad Rodrigo, dem Einzüge
des Herzogs von Wellington in Madrid
vor, von den zerschmetterten Adlern und
den zerfetzten Fahnen aus Badagoz, die
schon aus dem Wege zum Prinzregenlen
waren, ihm als Siegestrvphäen überreicht
zn werden.
Ich wünschte, die Schlachten hörlcn auf
unv es würde Friede! sagte Muriel.
Der Ansicht waren die Knaben natürlich
nicht; sie hegten schon die größte Theil
nahme für die Berichte von dein Kriegs
schauplätze, thellien sich in englisches und
französisches Militär und führten im Hofe
Belagerungen und Blockaden aus.
Wie eigenthümlich es ist, hier so ruhig
auf dem grünen Rasen zu sitzen und auf
das stille, friedliche Thai zu schauen, und
dann zu denken, daß dort in Spanien un
ter demselben blauen Himmelszeile, viel
leicht in dieser Siunde, blutige Schiachten
ausgefochlen werden. Nein, Knaben, Ihr
dürft mir niemals Soldaten werden!
Arme, kleine Burschen rief ich aus
seit sie denken können, giebt es Krieg.
Wie ist es denn im Frieden, fragte
Muricl.
Das ist eine schöne Zeit, mein Kind,
deren sich Alle erfreuen werden. Da keh.
reu Väter und Brüoer heim zur Familie,
die Arbeit gedeiht, Handel und Wandel
hebt sich, die Lebensmittel werden biiligcr
und Wohlstand verbreitet sich überall.
Das muß herrlich scin, diese Zeit möchte
ich ncch erleben! Werde ich bis dahin ein
erwachsenes Mädchen sein,- Valer?
John stutzte. Sie war ein so durchaus
verschiedenes Wesen von allen anderen
Kmdern, daß während wir oft Pläne sür
die Zukunft der Knaben entwarfen, und
die Mutler lachend versicherte, sie wisse
genau, wie Guy als junger Mann ausse
hen würde Niemand von uns sich je
mals Muriel anders denn als Kind vor
zustellen schien.
Möchte meine Muriel denn so gern er
wachsen scin; ist sie nicht zufrieden, meine
kleine, liehe Tochler zu sein und zu blei
ben?
Gewiß, für immer:
Der Vater nahm sie zärtlich in seine
Arme und küßte ihre sanften, geschlossenen,
lichtlosen Augen; dann erhob er sich mit
einem leistn Seufzer und wir kehrten nach
Hause zurück.
Dieses erste Fest in Longficld war ein
besonders fröhlicher Tag. Um die Mit
tagszeit kamen alle die Männer mtt ihren
Familien und bald daraus setzten sie sich zu
Tische nieder. JemWatlins Plan, in der
Scheune die Festtafel aufzuschlagen, war
verworfen worden, weil der blaue, wolken
loseScptembtrhimmcl zu einladend winkle,
und so ward das Mitlagsessen im Freien
eingenommen. Jem präsidirte mit einer
unbeschreiblichen Würde an dem oberen
Ende des Tisches als Wirth und machte
den ganzen Tag über seiner Stellung die
höchste Ehre, was John, Ursala und mir
viel Vergnügen bereitete.
Am Nachmittage vertheilten sich dck
Leute je nach ihrem Gefallen in verschie
dene Kreise und gingen umher, oder saßen
still, wie es ihnen am besten zusagte. Ei
nige vertrauten sich der Führung der „jun
gen Herren" Guy und Edwin an, die
überall sehr beliebt waren und ihrekLürde
als Söhne des Hauses sehr stattlich tru
gen. Die Mutter an deren Kleide der
kleine, scheue Waller hing, ging zu den
Frauen und Müttern hin, um mit Allen
zu reden, hier tröstend, dort lobend, jene
ermahnend; aber für Alle hatte sie ein
williges Ohr, einen guten, freundlichen
Blick, trotzdem lag nicht jenes herablas
sende Wohlwollen in ihrem Wesen, daß
dem Armen oft eist gar die Kluft bemerk
lieh mackt, welche ihn von dem Reicheren
scheidet; sie sprach mit ihrer gewöhnlichen
freimüthigen Offenheit, sogar mit einer
gewissen Strenge, wenn es einer Zurecht
weisung bedurfte, aber gerade diese ernste
Güte, die praktischen, umsichtigen Rath
schläge, ihr Wille, thatkräftig zu Helsen,
trafen und rührten die Herzen aller Frau
en. Wenn auch vielleicht einige eine nur
heilsame Furcht vor ihr hatten, so erkann
ten doch alle den Einfluß der „Herrin"
an, der zugleich tief und scgensvsll wirkte
und sich nah und fern eistreckte.
Sie lachte mich aus, als ich ihr erzählte
welcken Eindruck ihr Wesen und Beneh
men jenen und auch mir gemocht habe,
, und meinte, sie folge ja nur John's Vor
schrift, durch deren Ausführung er leinen
Arbeitern zu gleicher Zeit das Gefahl ge
ben wolle, daß er nicht nur ihr Herr, son
dcrn auch ihr Freund sei.
Und wie lautet diese Vorschrift?
Man soll auf Alles, was sie sagen, mit
Aufmerksamkeit und Theilnahme hören
und achten, und nie vergessen, sie immer
bei ihrem Taufnaincn zn nennen.
Ich konnte mich eines Lächelns nickt
erwehren, diese Antwort war so ganz Ur
sula's Charakter und Eigentbümilchkcit
entsprechend. Sie liebte es nicht, sich in
wortreichen Gefühlen zu ergeben, sondern
ibre Lebensaufgabe durch Thaten zu er
füllen.
Der Abend neigte sich schon, als wir
uns auf der langen Bank unter dem Nuß
bäume versammelten, nachdem wir Alle
mehr oder minder, doch nach unseren besten
Kräften zur allgemeinen Unterhaltung und
dem Vergnügen unserer Gäste beigetragen
hatten. Tie Sonne ging in unserem
Rücken unter und sandte ihre letzten Glu
then auf das höher gelegene Feld, aus dem
die jungen Mädchen und Burschen sich mit
munteren Spielen ergötzten und von wo
ihr fröhliches Lachen bis zu uns hernieder
klang.
Ich glaube, die Leute haben heute einen
selten glücklichen Tag verlebt, John und
sie werden morgen desto besser arbeiten.
Tavon bin ich überzeugt.
Ich auch versicherte Guy, der den
ganzen Tag die Rolle des „jungenHerrn",
des ältesten Sohnes vom Hause, gespielt
und seinen Willen und seine Ansicht bei
jeder Gelegenheit mit einer gewissen
Würde ausgesprochen hatte, trotzdem aber
so liebenswürdig gewesen war, daß er von
den Leuten angestaunt und verzogen wurde
zu unserer geheimen Belustigung.
Aus welchem Grunde bist Du davon
überzeugt, mein Sohn? fragte der Valer
lächelnd.
Doch hier war der junge Herr Guy um
eine Antwort verlegen. Er errölhete in
kindischem Aerger und schlich zu seiner
Mutter heran, diese machte ihm Platz an
ihrer Seite und blickte bittend aus John.
Guy ist aus eine Sandbank gekommen,
wir müssen ihm wieder in das richtige
Fahrwasser Helsen sagte der Vater.
Höre jetzt, mein Sohn, den Grund zu un
serem Ausspruch, inerte Dir aber vor Al
lem, niemals „vollkommen überzeugt" von
einer Sache zu sein, ehe man die Ursache
dafür angeben kann. Unsere Leute wer
den darum um so besser und freudiger
arbeiten, wert sie es mit Liebe thun; sie
werden nicht nur ihre Pflicht kalt erfüllen
und blindlings ihremßrolhcrrn gehorchen,
sie werden vielmehr ein warmes Interesse
an ihm und Allem, was ihm zugehört,
nehmen, weil sie fühlen, daß auch crTheil
nahme sür sie empfindet und auch nicht
nur seiner Verpflichtung gegen sie nach
kommt, sondern darüber hinaus ihnen
gern eine Freude bereitet. Es ist ihnen
heute vielleicht recht klar geworden, daß
wenn er auch in vielen Beziehungen ihnen
überlegen und ihr Herr und Vorgesetzter
ist, indessen sie seine Untergebenen sind, er
dennoch niemals den Spruch derßibel ver
gißt, den ich heute Morgen Euch vorlas:
„Eineraberist nur Euer Mei
ster, unddasist E h r i st us, aber
Ihr seid Alle Brüder unter
einander. Versteht Ihr das, liebe
Kinder?
Nach ihrem aufmerksamen Lauschen und
ihren Gesichtern zn urtheilen, begriffen sie
die Worte des Vaters vollkommen, sie wa
ren auch daran gewöhnt, daß er in dieser
Weise mit ihnen sprach; doch gab er seine
goldenen Lehren nicht in der Form einer
Pr digl, nein, unsere Kinder erhielten in
ihren ersten Jugendjahren keinen soge
nannten Religionsunterricht außer dem
Kapitel, dasJohn täglich aus derßibel vor
las und dem Beispiele, welches die Eltern
ihnen gaben und das eine einfache, wört
liche Ausführung der darin enthaltenen
Lehren war. Sie galten als Richtschnur
sür Alles, was in unserem Hause gedacht,
gesagt, gethan wurde, ja, es schien mir
oft, daß dem Herrn mit solcher Treue ge
horcht würde, als ob er selbst gegenwärtig
geweftn wäre, wie in jener Familie in
Bethanien, die er so liebte.
Wenn ich erklären soll, zu welcher Glau
benslehre wir uns bekannten, welcher
Sekte wir angehörten, so kann ich nur die
selbe einfacheAntivort geben, mit der John
allen solchen Fragen begegnete, daß wir
Christen waren.
Nach den vom Vater angeführten Wor
ten der heiligen Schrift, aus weiche die
Kinder stets mit der größten Ehrerbietung
lauschten denn dies Buch wurde von
ihren Eltern am höchsten geliebt und ge
lchätzt und darin zn lesen oder daraus zw
lernen, wurde als eine Belohnung und
nimmer als Strafe betrachtet hörten
wir auf über Guy zu lächeln und auch sein
lindlscher Aerger war verschwunden. Der
kleine Sturm zog schnell vorüber, wie alle
unsere häuslichen Stürme, einen klaren,
blauen Himmel zurücklassend. Wenn auch
hin und wieder eine dunkle Wolke sich er
hob, eine verschiedene Ansicht einen leich
ten Streit hervorrief, sie wurde bald zer
theilt durch die Sonne der gegenseitigen
Liebe, wir schlichteten schnell den Zwist,
weil wir so innig aneinander hingen.
Vater, ich höre das Gitter össncn, es
k.mintt Jemand, sagte Muricl.
John, der gerade mit denknaben spielte
wandte sich sogleich um, wie immer, wenn
ihn nur ein Ton von Mmiei's sanfter
Stimme traf. Es ist ein armer Junge
wer m.ig es sein?
Es wird eines der Kinder sein, die oft
nach Milch kommen, doch heule können
mir keine scrlgebcn. Was willst Tu, mein
Junge?
Der Knabe, dessen Aussehen dürstig
und eleno war, öffnete seinen Mund und
ließ ein vcrdutzies: Was? hören.
Ursula wiederholte ihre Frage.
Ich suche Jakob Baincs.
Tu wirst ihn bei jenem Hcujchobcr mit
den anderen Leuten bei seiner Pfeife und
dem Bierkruge finden.
Wie ein Pfeil flog der Knabe dahin.
Ich glaube, er ist aus Kingswell, John,
sollte dort etwas vorgefallen sein?
Ich werde mich darnach erkundigen
nein. Kinder, jetzt kein Spielen mehr
ich kehre gleich zurück.
In seinem Antlitz drückte sich eine ge
wisse Unruhe aus, als er schnell von san
nen ging. Ursula hatte es mit einem
Blick bemerkt, und bald folgte sie ihrem
Manne nach. Als ich sie aufsuchte, sah
ich dicht bei dem Heuschober eine Gruppe
Männer, die erhitzt und zornig mit ein
ander sprachen; die geschwätzigen Mütter
hatten sich ihnen soeben zugesellt, während
die jungen Leute fern ab noch ungestört
ihr Vergnügen genossen und sich in einem
weiten Kreise im Ringellanze bewegten,
der „meiner Großmutter ihre Nadel ein
fädeln" genannt wurde. Bei unserer
Annäherung hörten wir das Weinen eini
ger Frauen und die lauten Verwünschun
gen der Männer.
Was ist vorgefallen? fragte John Ha
lifax, in ihreMitle tretend, woraus augen
blicklich das Weinen und Fluchen ver
stummle, indessen Alle auf einmal eine
verwirrte Geschichte erlittener Uubiil zu er
zählen begannen. Still, Jakob, wie soll
ich daraus klug werden? Liebe Leute,
laßt es Einen mir erklären!
Dieser Junge ist ein Augenzeuge davon
gewesen und er lügt nicht bei einer so
wichtigen Sache sprich srci heraus,
Billy!
Nach und nach erfuhren wir die traurige
Kunde, welche Billy überbracht hatte, der
an jenem Tage zur Beaufsichtigung der
fünf Wohnungen in kingswell zurückge
blieben war, welche John's Arbeiter in
den Häusern des Grasen Lurmore inne
halten. Während der Abwesenheit der
Besitzer war eine Beschlagnahme ihrer Sa
chen für den schuldigen Miethzins ange
ordnet und jedes Stück ihrer armseligen
Einrichtung hatte man ihnen abzepjändet,
ja, zwei oder drei alte, kranke Leute ließ
man grausamer Weise ans dem harten
Fußboden liegen und die armen Familien
wußten jetzt, daß sie bei ihrer Rückkehr in
ihre Wohnungen nur die kahlen vierWände
finden würden. Und immer von Neuem
wiederholten sie diese traurige Geschichte,
sie mit Schluchzen undSchwüien der Rache
begleitend.
Seid jetzt ruhig! gebot John, aber ich
sah, daß sein redliches englisches Blut in
seinen Adern stürmftch wallte. Jem! Ter
Gerufene fuhr empor bei dem so unge
wöhnlich strengen, befehlenden Ton seines
Herrn. Jem, sattle das Pserd, schnell,
schnell! Ich will nach Kingswell zum
Scherisf retten.
Gott segne Sie, Herr! rief die ver
wittwele Schwiegertochter von Jakob Bai
nes schluchzend, die, wie ich aus einem
Gespräche zwischen ihr und Ursula
kört, ein krankes Kind zu e(auje zurückge
lassen hatte.
Jakob ergriff einen schweren Knotenstock,
der zufällig bei dem Heuschober stand und
betrachtete ihn mit einem vielsagenden
Ausdruck, während er fragte: Herr, wer
hat das Alles so angeordnet?
Legt den Stock fort, Jakob!
Ter alte Mann zögerte begegnete
dem entschiedenen Blick seines Herrn, und
gehorchte ihm sanft wie ein Lamm. Aber
Herr Halifax, was sollen wir thun?
Nichts. Erwartet hier ruhig und ge
setzt meine Zurückkunst, ich werde Sorge
tragen, daß Euch nichts Böses geschieht.
Ich denke, Ihr habt Vertrauen zn mir,
meine guten Freunde?
Sie schaarten sich um ihn, diese starken,
wilv biickenoen Gesellen, in denen rohe
Kraft genug war, um jedem Feinde zir
begegnen, ja sogar ihn anzugreifen,
und doch brachte er sie dahin, mtt Ruhe
und Besonnenheit auf die Rathschläge der
Vernunft zu bören.
Er erklärte ihnen so faßlich wie möglich
, die Ungerechtigkeit, die ihnen allem An
scheine nach zugefügt war, eine Ungerech
i tigkeit, welche dwGesetze überschritt und der
i sie dennoch ihrerseits nur durch ein ge

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