OCR Interpretation


Der Deutsche correspondent. [volume] (Baltimore, Md.) 1848-1918, November 20, 1874, Image 3

Image and text provided by University of Maryland, College Park, MD

Persistent link: https://chroniclingamerica.loc.gov/lccn/sn83016118/1874-11-20/ed-1/seq-3/

What is OCR?


Thumbnail for

Stadt Baltimore.
Schreckliches Unglück in der Bai?
. Zusammenstoß er 7amvser K..10!, un
Untergang der „Louisiana."
Akte Passagiere gerettet.
Einer der gefahrdrohendsten Schisjsunfälle,
welche je aus der Chesapeake-Bai berichtet
worden, ereignete sich Sonnabend früh X' 2 Uhr
bei Smith's Poinr, 92 Meilen von Balti
morc, uno wird wahrscheinlich den gänzlichen
Verlust des schönen, zwischen Norfoll und
Baltimore fahrenden Baidampsers „Louisia
na" zur Folge haben.
Freitag Abend 48 Uhr trat die „Louisiana"
unter Führung des Capt. Mayo ihre regel
mäßige Tour von Norfolk, Va., nach Balti
more mit 56 Paffagieren an; die Offiziere
und Manilfchast dazu gerechnet, befanden sich
im Ganzen 112 Personen am Bord. Tie La
dung bestand ans 200 Ballen Baumwolle,
30 Tonnen Muldeneffci', einer PartieTaback,
einem verschiedenartigen Asiortimeute.Kaus
inaniismaaren, einer großenQuanlitätFracht
guter der „Adams'ichen Expreß-Compagnie,"
den Postsachen und den persönlichen Effekten
der am Bord Befindlichen. Soweit mau in
Erfahrung bringen konnte, waren auf der
„Louisiana" alle Signallichter an den gehöri
gen Stellen ausgehängt nnd zeigten zur Zeit
de Unfalles ein hellesLicyt, das erst unter den
darüber gurgelnden Wellen erlosch.
Die „Louisiana" legte in Old Point Com
so, Ba., an, um Passagiere aufzunehmen,
und setzte dann seine Fahrt die Bai hinauf
fort. Es war eine herrliche Nacht, am Him
mel flimmerten zahllose Sterne und eine
starke Brise blies ans dem Norden. DiePas--
sagiere gingen meistens um 11 Uhr schlafen,
nnd Alles ging ruhig und befriedigend bis
etwa 25 Minuten nach I llhr früh ciii schriller
Pfiff der Tampspfeise ertönte.
Der Dampser „Falcon," Capt. Haynie,
Freitag Nachmittag von hier nach Eharleston,
s.-E., abgegangen, befand sich in dichter
Nähe, und fünf Sekunden später stieß er mit
der „Louisiana" im rechten Winkel an deren
Backbord Bug gerade hinter dem Rade, das
total zertrümmert wurde, zusammen; auch die
Radwellc nnd die Maschinerie wurden bedeu
tend beschädigt. Der Bug des „Falcon"
drang dann unter furchtbarem Krache durch
die Seite und durchbohrte selbst die inneren
Wandungen der eleganten Kajüte dcr „Loui
siana," und als cr zurückfahrend seinen Bug
aus der „Louisiana" frei machte, riß cr deren
massive Zrmmerbalken mit heraus, als wären
es schwache Strohhalme. Durch das in der
Seite des Unglücksdampscrs gerissene riesige
Loch strömte nun das Wasser mtt großer
Schnelligkeit ein.
Sobald der „Falcon" sich aus dcr „Loui
srana" freigemacht, wurde von seinem Bord
eine Halse auf die „Louisiana" geschleudert,
um den Vernich, sie in seichtes Wasser zn
bugsiren, zu machen. Die Halse riß jedoch
in Folge der Hefligen Streckung, und dcr
Bugsir - Versuch war vereitelt. Inzwischen
hallen der Eapitän und Ingenieur der „Loui
siana" versucht, den „Falcon" in seinem
Bemühen, sie in seichics Wasser zu schleppen,
zu unterstützen, und ihre Maschine in Gang
zn seyen; allein die beschädigten Räder ver
weigerten >ede Umdrehung.
Einen Augenblick nach dcr Collission setzte
Ingenieur John Teer die Pumpen dcr „Loui
siana" in Thätigkeit; doch das Wasser drang
reißend schnell ein, zodaß alle Pumpbcmü-
Hungen scheiterten.
So sah Eapt. Mayo alle Anstrengungen,
sein schiss zu retten, vereitelt; er richtete des
halb im Vereine mit seinen Offizieren sein
Hauptaugenmerk unverweilt aus die Rettung
der Passagiere und ihres Gepäcks, sowie de?
Menblementö der „Louisiana" nnd der Ex
preß und Postsachen. Zunächst ließ er, um
den Dampfer möglichst lange flott zu erhalten,
alle Baumwolle aus die unversehrte Seite
schaffen, wodurch es ihm gelang, den Dam
pser zu kielholen und die Wegbringung dcr
Passagiere auf den „Falcon" zn erleichtern.
Die Capitäne nnd Bemannung der beiden
schiffe brachten die Passagiere bald in
Sicherheit, wobei die größte Ordnung und
Disziplin herrschten; dies erklärt die erfreu
liche Thatsache, daß auch nicht ein Menschen
leben verloren ging, was unter so aufregen
den Umständen gewöhnlich der Fall ist. Um
so größeres Lob verdienen daiür die Führer
beider Dampfer, da die „Louisiana" schon 40
Minuten nach dem Zusammenstoße in 42 Fuß
tiefem Wasser saut.
Nach sicherer Uebcrführnng der Passagiere,
Offiziere und Mannschaffen'aus den „Falcon"
überließ man die „Louisiana" ihrem Schick,
sale; der „Faleon" kehrte wieder um und
legte Sonnabend Nachmittag 2 Uhr wieder
an seiner Werste in Baltimore an. Auf der
Herfahrt drückten die geretteten Passagiere
in einem einstimmig angenommenen Be
schliche ihre höchste Befriedigung mit oer
Geistesgegenwart, dem Muthe und der Sorge
der Eapttänc und Mannschaften beider Schiffe
für ihre (der Passagiere) Sicherheit und
diejenige ihres Gepäcks ans. Dcr Beschluß
ist unter Anderem von den Balliiiiorern W.
McCormick, L. S. Read, E. D. Eravens,
R. Murphy, C. Leonard, E. Adler, I. M.
Porter, Parlerson Paync, G. W. Sulhcim,
I. M. Eraig, Edwin Scheint und Wm.
Pullerion, den Norfolkern Wilhelm Frick und
Robert Schule und Friedrich Ott aus Ohio
unterzeichnet.
Zu den Passagieren gehörten drei Damen,
die Eommooore Palterson und Erosby, die
Flotten-Capiläne I. B. Ercighton, Wm. G.
Temple, H. E. Blake, A. W. Johnson und
McDilton und Floiren-Liculenani W. H.
Emory, Letztere Mitglieder des Kriegsge
richts, das zur Zeit in Norfolk das Ausfahren
des KricgsdampferS „Brooklyn" untersucht.
Alle Post-, Expreß-Sachen und Passagier-Ge
päckgücte wurden gerettet. Als Capr. Mayo
vom Versuche, sein Schiff in seichtes Wasser
bugsiren zu lassen, was, ehe es sinken würde,
nur eine halbe Meile weit härte weiter getaut
werden können, abstand, stand das Wasser im
Kielraum neun Fuß hoch. Im Augenblicke
des Zusammenstoßes fuhr die „Louisiana"
mit einer Geschwindigkeit von 14, dcr „Fal
con" mit einer solchen von 9 bis 10 Meilen
die Stunde.
dcr Liebluigs-Dai'npfer der Bailinie, hielt
1300 Tonnen, wurde 1354 von den HH. Skin
erso Söhnen dahier gebaut, zuerst vom Eapt.
Georg W. Russell conimaudiri, 187 l reparirt,
1872 niil etilem Änjwande von §lOO,OOO nn
tcr Eapt. D.G.Hill's Eommando umgebaut
und war §150,000 werth.
Während des Bürgerkrieges gehörte sie zum
Geschwader der Burnside'schen Expedition,
gcrmq am Eap Hcmeras aus den Strand
und wurde erst vier Wochen später aus ihrer
gefährliche Lage befreit. Ihre Länge betrug
275, die Tiese 35, die Mittelbrette 52 Fuß.
Tie Eigenthümer wessen bereits Anstalten, sie
wieder aus dcr Tiefe zu heben; nur befürch
ten sie, die am Bord befindliche Baumwolle
werde zu solchem Umfange anschwellen, daß
sie das Balkenwerk auseinander treibt und
das Schiff zum vollständigen Wracke gestaltet.
Dampfer und Ladung sind gegen Feuer und
Unglück zur See völlig verasscknrirl.
Ein mit der' Passagier
hatte in dcr Unglncksnacht einGemach auf der
„Louisiana" Mit einem andern Herrn inne.
Die erste Ahnung von etwas Äußergewöhn
lichem gab ihm ein scharserPfifs, der ihn mun
ter machte und zu der Bemerkung, es müsse
stark nebeln, veranlaßte. Ein zweiter, viel
lauterer Pfiff brachte Beide ans dem Bette.
Während sie sich anklcidclcn, wurden sie heftig
gegen die Wand ihres Zimmers geschleudert
und vernahmen das Krachen zertrümmerten
Gebälkes. Sie eilten in denHauplsalon und
sahen ein anderes Gemach total zusammenge
stoßen. Jetzt ries die Allarmglocke jeden Ma
trosen aus seinen Posten; bewnndernsmcrth
war die Mannszucht, die am Bord herrschte.
Sie und das ruhlge besonnene Verhalten oer
Offiziere trugen zur Beschwichtigung der Be
fürchtung von Gefahr viel bei uno verhinder
ten von vornherein jeden panischen Schrecken.
Alle Passagiere waren jetzt tm Hauptsalon
versammelt. Tie Situation richtig bcgrei
send, sagte Eapl. Mayo mir einer auch dem
Verzagtesten Muth elnstößenden Zuversicht zu
den Versammelten: „MeineHerren, verhalten
Sie sich ruhig, bewahren Sic die Ordnung
und versorgen Sie sich mit Schwuningürteln!
ich werde, was in meiner Macht steht, thun,
um Leben und Eigenthum zu retten!" Ein
Passagier, ein Ftottenosstzier, nes: „Meine
Herren, bestürmen Sie den Eapitän nicht mit
Fragen, noch mit Rathschlägen! Unser Heil
hängt von unserem Vertrauen aus ihn ab!"
'Nun suchte man die Schwimmgünel auf,
deren Gebrauch nur Wenige tannlen, und
zur Unterweisung darüber war keine Zeil vor
Handen. Einer, der die Anderen beobachtete,
änderte die Lage seines Gürtels sechs Male
und war dann noch nichl gewiß, ob er die
richtige gefunden. Einer schnallte sich vier
Gürtel an, einen an jeden Arm uno jedes
Bein. Alle machten sich bereit, dein Tode
in's Antlitz zu schauen, setzten aber in den
Eapitän alles Vertrauen. Hie und da Hörle
man Ausrufe, wie: „Herr, sei meiner Seele
gnädig!" „Herr, beschütze uns!" u. s. f. Es
währle kaum 12 Minuten, da halte der „Fal
con" sich ans dcr „Louisiana" heransgearbet
ter, war zurückgefahren, hatte sich gewendet
und lag rettungsverett neben derselben. Eine
Lausplanke wurde herübcrgelegt und trug alle
Passagiere sicher an Bord des „Falcon."
Scenen und Zwischenfälle.
Zur Zeil des Zusammenstoßes war es
bitter lall, und der Wozenschanm gefror, so
bald er aus'S Verdeck spritzte. Tie Wellen
gingen hoch, sodaß die Passagiere bei'm Ver.
lassen der „Louisiana" hin uno her geschüttelt
wurden.
Ein Rennpserd im Werthe von Hl'<oo,
Hrn. Dan sleevcr von Baltimore gehörig,
besauv sich am Bord; es war so störrisch, dasi
seine Rettung nicht gelang, und cö ertrinken
mußte.
Ein junger Baltimorer wurde durch die
Gewalt der Collision aus seinem Gemache
ganz aus'sVerdeck darüber gehoben und sagte,
als ihn ein hiesiger Zettungsberichterslätler
ausforschte: „Ich weiß nicht, wie mir geschah;
als ich aufwachte, fühlte ich, wie ich nach dem
Orkandeclc zu gewirbelt wurde." Hätte er in
her oberen oje seines Zimmers geschla-
D,er stillt, ta diestrlThell lytal.lzersplit.
tert wurde, ohne Zweifel getödtet worden.
„In meinem Leben spürte ich," meinte er zu
letzt, „keinen solchen schrecken."
Ein Herr aus Nord-Carolina vergaß
sein Portemonnaie mit KISO, das er unter
dem Kopfkissen verwahrt hatte, und hatte, am
Bord de „Falcon" angekommen, keinen ro
then Heuer in der Tasche.
Nachdem alle Paffagiere die „Louisiana"
verlassen hatten, ließ Eapt. Mayo durch seine
Leute die Prachtspiegel, die Maruiorplanen
der Tafeln und die mit Sammet überzogenen
stähle in Sicherheit bringen.
Hr. Dorsey, ein Passagier, nach dem
Westen mit seinem Töchterchen unterwegs,
stieg Sonnabend im „Maltby House" ab. Die
Erschütterung des Zniammenstoßes hatte sein
Nervensystem so affiznt, daß er kaum seinen
Namen in's Fremdenbuch eintragen konnte.
Sein erster Gedanke war, wie cr sagte, die
Rettung seines Kindes; cr hatte dem Mädchen
einen „Lebensretter" umgeschnallt, sich ange
kleidet und war kaum auf dem „Falcon" an
gekommen, da sank die „Louisiana" in die
Tiefe.
Weiteres.
Capt. Hallet vom Tpfr. „Blackstone" sah
Sonnabend Nachmittag 1 llhr eine Meilen
terhalb Smith's Point die beiden Masten
eines Dampfers 12 Fuß über den Wasserspie
gel hervorragen und steuerte auf das Wrack
zu. Er hatte von dem Zusammenstoße zwar
noch Nichts gehört, schloß aber gleich, daß es
die Masten der „Louisiana" seien. Das
Lootsenhaus war verschwunden, das Steuer
rad noch sichtbar; der Schornstein konnte nicht
gesehen werden; das Schiff war nach dem
steuerbord gekiclholl; der obere Theil des
Backbord-Rädhauses ragte mehrere Fuß über
dem Wasserspiegel hervor, nnd nahe dem
Wracke trieb eine Jolle der „Louisiana," die
sich jedenfalls Ansang? Ini Takclwerk festge
setzt, umher; nirgend aber schwammen Baum
wolle oder Trümmer in der Nähe. Abends 8
Uhr begegnete der „Blackstone" dem Propeller
„Roanoke" von der Pomhattan-Linie, welcher
nach dem Wracke unterwegs war, um, was
noch zu retten war, zu bergen und bis auf
weitere Weisung dort zu bleiben.
Noch war seit dem Bekanntwerdendes Um
fanges des Unfalls keine Stunde verflossen,
da versammelten sich bereits die Direktoren
der Baidampfer-Linie in deren Comptoir am
Union-Dock, um sofortige Schritte in oer An
gclegenheit zu t.uin, und eröffneten mit Nor
solker und New-I)orker Wrackcrn Unterhand
lungen zur baldigen Hebung der „Louisiana."
Die zur Zeit des Zusammenstoßes auf dersel
ben befindlichen Angestellten der Compagnie
gaben vor dem Direktorium ihre Aussage ab,
welche zu Protokoll genommen wurden. Die
Compagnie hat noch zwei Dampfer erster
Klasse, die „Adelaide" und der „George Lea
ry," sodaß ihre regelmäßigen Fahrten keine
Unterbrechung erleiden, und Sonntag Nach
mittag brach die „Adelaide" von hier nach
'Norfolk, Birg., auf.
Wie Hr. John Moncure Robinson, dcr
Präsident dcr Compagnie, sagt, hatte die
„Louisiana" einen Werth von §250,000; ge
gen Feuer war sie mit §lO,OOO, aber gegen
Unfälle nicht versichert. Lassen sich dcr Rumpf
nnd die Maschinerie in erträglich gutem Zu
stande wieder heben, so taxier Hr. Robinson
den Gesanimt-Verlust auf 5150,000.
Merkwürdig gering ist die Beschädigung
des „Falcon." An seinem Buge sind die
Merkmale, wie wett cr in's Radhaus der
„Louisiana" gedrungen, deutlich sichtbar; etwa
acht Fuß weit ist das Holzwerk bejchundc,
das Brustholz lädt, sonst aber keine Spur
der Verwüstung, die dcr Bug angerichtet,
wahrnehmbar. Die aus beiden Dampfern im
Dienste befindlichen Orfiziere sind erprobte
Seeleute. Tie Agenten beider Linien sind
darüber einig, daß die Frage, aus wen die
schuld an der Collision fällt, vor Gericht zu
entscheiden sein wird.
Der bedeutendste Unfall, von welchem die
Bailinie vor dem Sinken der „Louisiana"
betroffen worden, war die Zerstörung des
prächtigen DampscrS „North Carolina," wel
che nächtlicher Weile vor ungefähr 16 Jahren
unweit der Unglncksstellc der „Louisiana" sich
ereignete; es kam Feuer aus, und da die
Flammen die Oberhand bekamen, so wurde
dcr Dampfer auf den Strand gerannt, und
alle Passagiere gerettet.
'Abfahrt des Dampfers „Ohio."
Der Dampfer „Ohio," Capt. Schulenbnrg,
trat Sonnabend Nachmittag Punkt 2 Uhr
seine Rückfahrt vonLocusl-Point üb South,
ampton nach Bremerhaven mit 8 Kajüten-
und 47 Zwischendecks - Passagieren an. In
dcr Kajüte fahren Bundcs-General Amos B.
Eaton aus Washington, D. E., Frau R. B.
Haxall, Frl. HaxaÜ, Frl. Mildred Lee und
Roberl E. Lee aus Richmond, Virg., Frl.
Earne Mason ans Loudoun-Eounty, Birg.,
nnd s. Bernhard und Ä. Brun aus Chicago.
Seine ans §210,880.37 gcwerthctc Ladung
umsaßt folgende Colli: 60 Oxhoste Birgt
nie: und 7 Oxhoste Kcnlucky'er Tabacksrip
pen, 124 Z Kisten, 2 Fässer und i Fäßchcn
sabrizirten Tadacks, 484 Kisten Seedblalt-
Taback, 4 Oxhoste Maryländer und 7 Kcn
lncky'er Taback, 1755 Ballen Baumwolle, 22
Pipeii (17,600 Pfund) Bratwnrstdärme, 500
Kisten eingemachter Ananas, 506Kislcn(20>2
Dutzend) eingemachter Austern, 1000 Kisten
Stärke, 100 ganze und 5 halbe Fässer Wei
zenmehl, 233 ganze und 1 halbes Faß ge
dörrter Aepfeljchnitze, Ii Kisten eingemachtes
Obst, 11 Tonnen Leinkuchen, 38 Säcke Gras
saamen und 35 Fässer Pötclrindfleisch.
Unter den zaulreichen Freunden, die den
scheidenden ein letztes Lebewohl znriesen, be
fanden sich die Generäle Earley, Wilcox und
Stuart, welche Hrn. R. E. Lee und Frl. M.
Lee, Sohn und Tockter des verst. Gen. R. E.
Lee, eine glückliche Reise wünschten. Hr. und
Frl. Lee werden eine größere Tour über den
Contincnt machen.
Tie Ladung der „Ohio" war eine der größ
ten und werlhvollsten, welche seit dem Beste
hen dieser Linie aus hiesigem Hasen ausge
führt wurden.
Verhastung des Ex-Priesters
I. W. Gerde ma n . Der Ex Priester
I. W. Gcrdemann, früher Pfarrer an der
Sl. Bonifazius-Kirche in Philadelphia, wel
cher vor einigen Wochen aus der Omäkerstadt
verschwand, ohne seine Gemeinde von seiner
Abreise in Kenntniß zu setzen, und die Orga
nistiil der Kirche als seine Braut mit sich
nahm, traf am Donnerstag Morgen in Be
gleitung der Letzteren mit der „Baltimore-
Ohio-Bahn" von St. Louis hier ein, stieg im
ab, und Beide ließen sich da
selbst als I. F. Neuser und Frau registriren.
Zu meyreren Freunden, mit denen Geidemann
hier zusiimmeiilras, sprach cr ganz offen von
seiner Flucht und Heirat!,, zugleich die gegen
lhn vorgebrachten Unierschlciss-, Schwindel
und Ticbsiahlskiagcn entschieden läugncnd.
Er erklärte, daß Niemand sich um seine Ver
mählung zu bekümmern habe; ein anderer
katholischer Geistlicher, der in Philadelphia
wohne, werde seinem Beispiele bald folgen.
Auch erzählte er, daß cr sich mir seiner Frau
in Jcrseq-Cily, N.-J., von dem Ehrw. I. H.
Snydham von der dritten reformirtcn Kirche
habe tränen lassen; von dort sei cr in Beglei
tung seiner Ehehälfte nach Ehicago und dann
nach St. Louis gereis't. Am Freitage machte
Gerdeinann dein Major Leland die Anzeige,
daß cr Sonnabend Nachmittag um 2 llhr mit
dem Dampfer „Ohio" nach Europa abfahren
werde. Noch am selben Tage ging er aus, !
um die Reijebillete zukaufen, und als er nach
dem „Eutaw-House" zurückkehrte, befahl er,
sein cSepäck am nächsten Tage in Bereitschaft
zu halten. Mittlerweile war ihm jedoch die
Polizei ans die Spur gekommen. Marschall
Gray hatte am Freitage drei Depeschen von
Philadelphia empfangen, worin er angewiesen
wurde, Gerocmann zu verhaften, salls dieser
in Baltimore auftauchen sollte. Der Mar
schall beauftragte darauf dcnGchciippolizisten
Phelps, dle Verhaftung vorzunehmen, nnd
dieser fand bald ans, daß Derjenige, welchen
cr suchte, im „Euraw Honse" wohne. Schnell
eilte cr dorthin, und kaum hatte er den Ein
gang des Hotels erreicht, als er einen Herrn
und eine Dame aus dem Gebäude treten und
aus eine vor dem Hotel stehende Kutsche zu
schreiten sah. Ter Polizist nahte sich dem
Herrn und frug ihn. ob cr den Namen Gerde
inann führe. Als der Gefragte bejahend ant
wartete, sagte Phelps: „Daun siiio Sie mei-
Arreslant!" „Ich habe etwas Achnliches er
wartet," entgegnete der Geistliche, „und bin
bereit, Ihnen zu folgen." Als die Dame sah,
welche Wendung die Dinge nahmen, sagte sie,
sie sei entschlossen, mit ihrem Gatten zugehen.
Beide wurden dann nach dem Polizei-Bureau
gebracht, wo Gcrdemann dem Marschall Grah
nnd Hülssmarschall Frey gegenüber die gegen
ihn vorgebrachten Beschuldigungen für Ver
länmdungen erklärte. Später fuhr er mit
dem Geheimpolizisten Phelps nach dem Eomp
toir der Bremer Dampscr-Linie nnd forderte
das für seine Reisebillerc bezahlte Geld zurück.
Nachdem ihm aber die Mittheilung gemacht
worden, daß er 25 Prozent verlieren muffe,
vertanichle er die Billctc mit anderen, welche
für den am Sonnabend, den 28. November,
von lster absegelnden Dampfer grillig sind.
Um 6 Übr Avends geleitete Geheimpolizist
Crone ihn nach seiner (des Geheimpolizisten)
Wohnung, wo Geidemann und seine Frau
soupirtcn. Zwei Stunden nachher traf der
Geheimpolizist Wood von Philadelphia hier
cm und eilte schnell nach dem hiesigen Polizei-
Büreau, wo cr jedoch beinahe anderthalb
Stunden aus die Rückkehr Gerdemann's war
ten mußte. Endlich gegen 410 llhr kam Ger
demann Arm in Arm mit seiner Frau lang
sam die Straße herausgeschleudert, und Beide
traten mtt einem so stolzen Benehmen in das
Bürea, alö ob sie nicht unter Aussicht der
Polizei ständen, sondern frei am Bord eines
nach Europa segelnden Dampfersemherwan
Velten. Aus dem Büieau wurden sie in ein
Hinterziinmcr geleitet, wo Gerdemann dem
Gewahrsam des Phttadclphia'er Beamten
übergeben wurde. Bald darauf wurde der
Weg nach dem Presidentstraßen Bahnhofe an
getreten, und gestern Morgen um 3 Uhr traf
Hr. Wood mit Gerdcmanu und seiner Frau
in Philadelphia ein.
Der Angeklagte ist ein stark gebauter Mann
von einnehmendem Aenßecn. Er wurde im
Jahre 1339 in Westphalen geboren, und nach
dem cr üch in einer Erziehnngsanslatt die ge
wöhnliche Schulbildung angeeignet, wandte
er sich nach Münster, wo er den theologischen
Studien oblag. Bischof Wood von Phila
delphia lernte ihn 1862 in Münster kennen
und wurde durch fem gewinnendes Wesen,
seine Fortschritte im Sttttium und seine ta-
leitte in so hohem Grade sür ihn eingenom
men, daß er ihn aufforderte, nach Amerika zu
kommen. Gcrdemann folgte diesem Ratke
und wurde im Jahre 1863 in Philadelphia als
Priester ordinirt. Als solcher war er drei
Jahre lang in Chambersburg, Penni., und
und die übrige Zeit an der Sl. Bonisazius
Kirche in Philadelphia thätig.
Der „Phil. Dem." vom Montag meldet:
l „Gerdemann traf gestern (Sonntag) Mor
gen um Z 4 Uhr in Begleitung seiner Frau,
sowie des Geheimpolizisten Wood in Phila
delphia ein und wurde nach der Centralstation
! gebracht, wo cr um 8 Uhr Morgens vor Ald.
i Carpenter ein Verhör hatte. Er hat sich einen
kleinen Schnurrbart wachsen lassen und sieht
sehr wohl aus. In Abwesenheit von Zeugen
wurde cr für sein Erscheinen bei einem weite
ren Verhör zur Stellung von 20,000 Bürg
schaft angehalten. Frau Gerdemann verab
schiedete sich dann, um eine bekannte Familie
! aufzusuchen, während cr selbst in der Central-
Station verblieb, da er die verlangte Bürg-
schaff nicht auftreiben konnte. Später wurde
> eine Kutsche herbeigeholt, welche Gerdemann
! in Gemeinschaft mit zwei Geheimpolizisten
bestieg. Etwa um 10 Uhr stattete Gerdemann
! in Begleitung der Geheimpolizisten seiner al
> ten Wohnung einen Besuch ab, um seine
! Schwester wiederzusehen, welche indessen eben
! so, wie seine Assistenten nicht mehr zu finden
i war, und um mit seinem Nachfolger, dem
Ehrw. E. O. Hieltermann, welcher früher an
der Kirche zum hl. Herzen zu Allentown als
Pastor sungi hatte, eine Unterredung zu tra
ben. Da der Pastor bereits nach der Kirche
gegangen war, um mit dem Nachfolger der
Mab. Gcrdemann, dem Hrn. Emil Gastel,
noch die nöthigen Verabredungen Betreffs des
Orgelspiels zu treffen, fand Gerdcman den
selben nicht mehr vor, doch begegnete er vor
der Thür dem Hrn. Christen, einem Mitgliede
des von der Gemeinde zur Prüfung der Bü
cher der Kirche ernannten Comite's. Dieses
Comite, dessen Borsitzender Hr. G. Altmeicr
ist, hat an jedem Nachmittag der vorigen
Woche die Anmeldungen der Gläubiger und
Depositoren dcrKirche entgegengenommen und
ist mit seinen Arbeiten noch nicht fertig.
Trotzdem sind, wie Hr. Altmeycr versichert,
bis jetzt Forderungen zum Betrage von §34,.
000 zur Kenntniß des Comite's gekommen.
Hr. Christen machte demGeroemann Vorwürfe
über seine Entweichung und seine schlechte
Finanzwirthschafl. Dieser behauptete jedoch,
dag das ganze Geld für den Kirchenbau, Ein
Achtung zc. verwendet worden sei und daß er
nur das Geld mitgenommen habe, was ihm
mit Recht zustehe, jene §3OOO, die cr von
Chambersburg mitgebracht habe. Hr. Christen
erwiederte hierauf, wiees käme, daß er, Gerdc
manu, am Neujahrstage von der Kanzel an
gezeigt habe, die Kirche habe nur noch §74,-
ovoSchulden, während sich jetzt dieSchnlden
last aus mindestens 184,000 beziffere. Gcrde
mann hatte darauf dieselbe Antwort, daß die
Gelder für die Kirche verwendet seien und daß
er nur jene ihm zugehörende 3000 habe.
Die Unterredung wurde durch dieGeheimpoli
zisten unterbrochen, welchem zum Aufbruch
drängten. Unter den Mitgliedern dcr Ge
meinde herrschte gestern während des ganzen
Tages große Aufregung, und häufig wurde
dieÄnsicht geäußert, daß es besser gewesen sein
würde, wenn man den Gcrdemann unbehel
ligt gelassen hätte. Um Mittag traf der An
walt des Bischofs Wood, Hr. Wm. L. Hirst,
jr., im Hause des Hrn. G. Affinerer ein, um
mit diesem gewisse Verabredungen zu treffen.
Dabei erwähnte er, daß Gerdemann besonders
auf Hrn. Altmeicr böse sei, weil dieser den
Haftsbcsehl erwirkt habe. Heute Nachmittag
wird vor Alderman Carpenter ein weiteres
Verhör des Gerdemann stattfinden. In wohl
unterrichteten Kreisen erzählte man sich, daß
dcr Pastor einer anderen deutschen katholischen
Gemeinde entweder ebenfalls bereits ver
schwunden sei, oder daß man seine Abreise je
den Augenblick erwarten müsse. BischosWood
soll beabsichtigen, unter den Prieslern der Diö
zese eine große Dislocation vorzunehmen und
alle hiesigen Geistlichen zu versetzen, so daß
sich die Philadclphia'erGemeinden darauf ge
faitt machen müssen, sämmtlich neue und zwar
bejahrte Priester zu erhalten. Einzelne Mit
glieder der Bouisacius - Gemeinte haben be
deutende Summen bei Gerdemann dcponi,
Andere haben Gefälligkeits-Accepte zn hohen
Beträgen gegeben, wieder Andere habenNoien
auf drei Monate, die Gerdemann an die De
positorcn statt des baaren Geldes ausgegeben,
Visconti; die ganze sehlende Summe ist je
denfalls bedeutend nnd wird, falls es über
haupt zu einer öffentlichen, cingehendenUnrcr
suchung kommen sollte, diese ergeben, für wel
chen Zweck die Gelder verwendet worden sind.
Auch während der letztenNacht verbliebGcrde.
mann in der Central-Station und wird dort
heute verhört werden. Er ist sehr Zuversicht
lich und erwartet mit Bestimmtheit, sich von
der Anklage dcr Unredlichkeit reinigen zu kön
iicn. Während cincSGesprächs in derCeittral-
Station erklärte Gerdemann, cr würde nicht
wieder zum Katholizismus zurückkehren und
wenn man ihm eine noch so bedeutende Stelle
anböte. Er liebe die Ver. Staaten und hätte
sich in denselben niederlassen wollen, doch wür
de cr niemals nach Philadelphia gekommen
sein, um demßischof, welchen cr liebe nnd ver
ehre, nicht wehe zn thun. Er wolle dießechts-
Wissenschaften stndircn, oder sich einem sonsti
gen Geschäft zuwenden, würde aber nie zum
geistlichen Stande zurückkehren. Sein einzi
ger Wunsch sei es jetzt, sich vor demPublikitiii
zu rechtfertigen, vor welchem er ungerechter
Weise als Dreb und Schwindler hingestellt
worden sei."
Das Philadclphier „Vlksbl." vom Montag
bemerkt: „Der Gottesdienst der Boinfacius'
Kiiche war gestern sehr zahlreich besucht, so
daß aus die Gemeinde selbst das Verhalten
ihres bisherigen Pfarrers keinen ungünstigen
Einfluß auszuüben scheint und sie auch diesen
harten Schlag überdauern wird. Heule Nach
nliltag um 2 Uhr wird abermals das eigent
liche Verhör auf dcrCentral-Stalion, Ecke der
5. und Ehestnutstraße, stattfinden, wozu nach
einer Bekanntmachung in einer aiidernSpalte
unseres Blattes das Unlersuchungs - Comite
der St. BonisacinS-Gememde alle Deposito
ren aufgefordert hat, mit ihren Büchern zu er
scheinen."
Tie Anzeige, welche Ex-Priester Gcrde
mann in einer hiesigen englischen Zeitung ein
gerückt hat, lautet wörtlich folgendermaßen:
„Da meine Rechtschaffenheit in Frage
gestellt und die böswillige Verlänmdung über
das ganze Land verbreitet worden ist, halte ich
es für meine Pflicht, dem Publikum den wah
ren Sachverhalt darzustellen. Ich habe die
katholische Kirche verlassen, wett ich alle ihre
eigenthümlichen Lehreuchiichtzanertennc, und
werde, so Gott will, nie zu derselben zurück
kehren. Für diesen Schritt osjerire ich keine
Entschuldigung. Ich habe mich mit meiner
geliebten Gattin, geb. Frl. Margaret Wit
lich von Reading, Venns., am 4. November
vor einem reformirtcn Prediger in Jen'ey
City mit der vollen Zustimmung ihrer Eltern
und i m Beisein der Gattin des Geistlichen, so
wie eines priesterlichen College verheirathet.
Ich habe die Dame seit zehn Jahren gekannt
und hochgeschätzt, aber niemals hat eine un
gehörige Vertraulichkeit zwischen uns exislirt.
JmGegentheil verdanke ich ihren beseligenden
Besitz zumeist den verlänmderischen Zungen,
welche ihre Besuche in meinem Hänse, wäh
rend der Abwesenheit meiner Schwester in
Europa, bekrittelt haben. Unsere Verlobung
datiil erst vom letzten August. Denjenigen,
welche die Dame kennen, brauche ich keinWorl
zu sagen, um ihren ausgezeichneten Ruf zu
rechtfertigen. Seit unserer Verlobung haben
mehr als ein halbes Dutzend Priester davon
gewußt und haben ihrePholographic gesehen,
welche sie mir etwa um jene Zeit gegeben hat.
Selbstverständlich wird die Kirche unsere Ehe
für null und nichtig erklären, doch werde ich
mich in dieser Beziehung lieber aus das ge
sunde Urtheil des amerikanischen Gesetzes und
Volkes, als den Ausspruch der römisch-katho
lischen Kirche stützen. Für den Schritt, wel
chen ich gethan habe, als ich hciralhetc, mag
B.schos Wood oder irgend eine andere kirch
liche Autorität mich suspendiren, mtt dem
Interdikt belegen, cxeoinmuniziren, oder mit
erlegen. Ich werde dagegen kein Wort ein
zuwenden haben. Im Gegentheil suhle ich,
saß ich der Ehre und Männlichkett um so nä
her rücke, je welter sie mich ans der Kirche
stoßen.
Ich komme nun zu der einzigen An
schuldigung, gegen welche ich mich zu ver
theidigen wünsche, zu der der Unehrlichkeil.
Meine Spekulationen in Eisenbahn-Stocks
datircn zurück bis zum 6. Juli,'als ich und
ein anderer Priester zusammen 200 Aktien der
„Pcnni.-Bahn" tausrcn und als Sicherheit
(inargiii) §3OO deponirlen. Im August kauf
ken wir weitere 100 Aktien und verdienten
dadurch im Ganzen 5753.22. Diesen Ge
winn bllßrcn wir leider durch Spekulationen
in „New - Jork - Erie-Elsenbahn," sowie in
der „Readiuger - Bahn" wieder ein. Was
meine Spekulationen inGrundcigenlhnm an
betrifft, so habe ich jene zwei Häuser mit
Wissen und Genehmigung des Bischofs ge
kauft. In einem der Häuser wohnte ich mit
meinen Assistenten, ohne daß ich dafür der
Kirche jemals einen Eent sürMielhe berechnet
hatte. Wie Hr. Uhtinger zugeben muß, floß
die Miethe für das andere Haus nicht in
meine Tasche, sondern wurde als Zahlung
für Schutmödel, für die Thüren und die
Kanzel der neuen Kiiche in Anrechnung ge
bracht. Auf den Häusern lasten Hypotheken
von 510,000, welche Summe ich lieh, um
Forderungen gegen die Kirche zu bezahlen.
Tie Interessen der einen Hypothek von 53000
habe ich aus oer eigenen Tasche bezahlt und
die andere von §6400 war von einem Bau-
Berein geliehen und ist ebenfalls mein eigenes
Geld. Die Häuser habe ich nicht meiner
Schwester, sondern dem Bischof Wood über
schrieben. Sie haben einen Werth vo 513,-
000. Ehe ich diese Häuser kaufte, lebte ich so
uncomfortabet und bescheiden, wie irgend ein
Priester meiner Diözese. Was meine Bond-
Spekulationen anbelangt, so legte ich 5400 in
Bonds der deutschen Bank in Pollsville an,
welche ich kürzlich an Hrn. Nagel mit großem
Verlust verkaufte, um einen Depositor bezah
len zu können. Ich hatte in einem anderen
Bauvereine §3OO eingezahlt, zog aber das
Geld, um Depositoren zu bezahlen. Die
ganze S -mme, welch: ich mit mir genom
men habe, ''Kies sich nicht ganz aus 53000.
Ich für meinen Theil betrachte diese Summe
von 53000 cIS eine ziemlich schlechte Bezah
lung für zehnjährige angestrengte Arbeit; zu
mal da §3<X von dem Gelde in der Thai mein
Eigen waren. Tausend Dollars kann meine
Schwester zu jeder Zeit für ihre Harle Arbeit
während der Dauer von mebr als zehn lah
ren haben; bis jetzt Hut sie niemals dafür eine
Bezahlung verlangt oder angenommen. Ich
wiederhole hiermit öffentlich, was ich an den
Bischof Wood geschrieben habe, daß ich alle
meine Ersparnisse, welche ich während meines
Lebens machen werde, einsenden werde, um
die Schuld der Kirche zu bezahlen, nicht als
einen Akt der Gerechtigkeit, sondern als eine
Strafe sür meine Thorheit. Ich habe außer
dem für mehr als §5OO Möbel und Kirchen
bekleidungen zurückgelassen, welche theils von
mir getauft, theils mir geschenkt worden sind,
so daß ich eigentlich nicht mehr als SIOOO von
den Kirchen - Revenüen in den Händen habe.
Ich möchte das Publikum noch daran erin
nern, daß ich mit einer kurzen Unterbrechung
der ganzen Zeit als Kirchendiener fnngirt und
während der zwei ersten Jahre sogar das
Feuer in den Luftöfen gemacht habe. Ich
kann getrost an die Geschäftsleute und Depo
siloren, mit denen ich Geichaftc gehabt habe,
appelliren, ob ich nicht meinen Verbindlich
keiten prompt und pünktlich nachgekommen
bin. Ich gebe zu, daß ich thörichter Weise
der Kirche eine große Schuldenlast aufgebür
det yabe, obgleich ich vergeblich gegen den
Bau eines so theuren Gebäudes rcmonstrirt
habe. Wenn die Katholiken durch die trüben
Ersabrungen in meinem Falle erkennen sollten,
wie nachlässig und unverantwortlich ihre An
gelegenheiten verwalket werden, so glaube ich,
da sie für dicLchre nicht zu theuer 'bezahlt ha-
Die Anschuldigung, daß Papiere fehlen,
ist völlig unbegründet, ich habe keine mitge
nommen oder zerstört. Wenn nicht ein Ande
rer dieselben weggenommen, müssen sie da
sein, wenn auch in großer Unordnung. Ich
werde dem Bischof Wood anzeigen, wo ich
geblieben bin, sobald ich einen festen Wohn
sitz gesunden habe und ich verspreche ihm, daß
ich mich vor irgend welchem Gerichtshofe, aus
irgend welche Anschuldigung, welche cr gegen
mich vorbringen mag, zu verantworten wissen
werde. Während meiner ganzen Priester-
Laufbahn hat man tiemals mir Skandal
Geschichten nachgesagt. Welche Geschichten
man jetzt erfinden und in Umlauf setzen mag,
ich werde sie nicht beachten, vorausgesetzt, daß
sie meine Rechtschaffenheit nicht in Frage siel
len. In diesem Falle soll dies meine einzige
und letzte Erklärung sein. Ich liebe den Bi
schof Wood noch immer zu innig, um ihm im
Geringsten wehe zu thun. Die Gesälligkeits-
Acceple, welche ich von drei Herren erlängte,
wurden an Depositoren bezahlt. Zur Zeit,
als ich um dieselben bat, batte ich noch nicht
die Absicht, vor dem Frühjahre wegzugehen.
Ich habe dieselben in guten Glauben genom
men, als ich viele Andere früher von ihnen
erhalten und stets prompt ihnen bezahlt habe.
Ich möchte noch hinzufügen, daß mennEhrcn,
Stellung und Einfluß einenMann gegen seine
Ueberzeugung hatten könnten, so würde ich der
letzte Mann in der Diözese gewesen sein, wel
cher dieselbe verlassen. Ich ve.ließ die Kirche
um des Prinzips willen. I. W. Gerde-
(Freilassung Gerdemann's gegen §lO,-
000 Caulion.) Gerdemann hatte Montag im
Eentral-Stattonshanse zu Philadelphia ein
Verhör zu bestehen. Hr. Wann, dcr Anwalt
der Anklagebehörde, sagte, er werde beweisen,
daß der Angeklagte §150,000 in Empfang ge
nommen habe, um sür diese Summe eine neue
Kirche für seine Gemeinde errichten zu lassen.
Mit einem Theile dieses Geldes habe er in
Europa Wechsel zum Betrage von 5100,000
angekauft, für welche er sich in Europa güt
lich zu thun gedenke. Ans eine Frage des
Hrn. Hcverin, welcher als Anwalt des Änge.
klagten sungntte, entgegnete Hr. Mann, daß
Gerdemann vom Bischof Wood ermächtigt
sei, das Geld in Empfang zu nehmen. Nach
einem längeren Verhör ward der Angeklagte
angewiesen, z>o,ooo Bürgschaft zu stellen,
um seinen Prozeß bezüglich der Untcrschleifs
klage abzuwarten. Mehrere prominente Mit
glieder der "Vviinp: Ren's (Rrristian Associa
tion," die dem Verhör beiwohnten, stellten
sofort die Bürgschaft sür den Angeklagten und
derselbe ward daraus vorläufig in Freiheit
gesetzt.
Ein B altimorer Gei stli cher zum
Assistenz-Bischof von Kentucky
ernannt. Ehrw. Thomas U. Dudley,
Rektor der hiesigen Christ Kirche, ist zum
Assistenz-Bischof von Kentucky ernannt wor
den. Dr. Dudley's Erwählnng ist als ein
Compromiß zu betrachten zwischen den beiden
extremen Parteien und deren vorgeschlagenen
Candidaten. Derselbe ist in Richmond, Va.,
geboren und ein Sohn des Thomas U. Dud
ley, eines alten und geachteten Bürgers jener
Stadl, dcr zu verschiedenen Zeiten Vertrauens
und Ehrenposten inne harte. Ehrw. Dr.
Dudley machte seine Studien im theologischen
Seminar von Virginien nnd wurde kurz nach
dein Kriege ordnn. Er diente während des
selben in der Armee der Consöderirtcn und
wurde bei'm Schlüsse desselben zum Range
eines Majors erhoben. Während dcr letzten
Zell desselben fungirte er als Kaplan der
„Gesellschaft der Armee nnd der Flotte der
conföderirte Staaten" in Maryland. Dr.
Dudley ist ein Mann von großer Bildung und
Beredtt amkett.
Die Reihenfolge dcr 40-st ündigen
A udachten ist vom Hochw'sten Erzbischofe
für die nachstehenden Kirchen in Maryland
und dem Distrikte Columbia während des
tonimeiiden Kirchenjahres, wie folgt, bestimmt
worden:
In der Cathcdrale am 29. November, dem
1. Advent-Sonntage; „Kirche zur Unbefleck
ten Empfängniß," Baltimore, am 6. Dezem
her, 2. Advent-Sonntag; St. Marien, An
napolis, am 8. Dezember, dem Feste der Un
befleckten Empfängniß; st. Marien, Marl
boro', am 13. Dezember, dem 3. Advent
sonntage; St. Wenccslaus', Baltimore, am
20. Dezember, dem 4. Advent - Sonnlage;
Kapelle zum gitten Hirten, Baltimore, Weih
nachten; St. Joseph's, Emmittsburg, am
27. Dezember; Sl. Patrick's, Cnmberland,
am 1. Januar '75; St. Francis Xaver, Bal
timore, am 3. Januar, Rückkehr des St. Io
Hannes, des Evangelisten; St. 'Aloysius,
Washington, am 6. Januar, Epiphany; St.
Patrick's, Baltimore, am 10. Januar, dem
ersten Sonnlage nach Epiphany; St. Ma
rien, Washington, am 17. Januar, 2. Sonn
tag nach Epiphany; st. Jakobus, Baltimore,
am 24. Januar, Septuagesima; St. John's,
Baltimore, am 31. Januar, Sexagesima; st.
Peter und st. Paul's, Cnmberland, am 7.
Februar, Ouinquegesima; Hl. Kreuz. Balti
more, am 14. Februar, I. Fasten-Sonntag:
Sr. Ignatius', Baltimore, am 21. Februar,
2. Fasten-Sonntag; Sl. John's, Frederick,
am 28. Februar, 3. Fasten-Sonntag; St.
Matthew's, Washington, am 7. März, 4.
s;aslcn-Sonntag; Mount Hope Relrcal am
24. März, Paisions-Somttag; St. Agnes'
Kapelle am 21. März, Palm-sonntag; st.
Alphonsns', Baltimore, am 25. März, Ma
riä Verkündigung; St. Peter's, Baltimore,
am 28. März, Oster-Sonntag; Sl. Brigit
ten, Baltimore, am 4. April, weißen Sonn
tag; St. Joseph's, Washington, am 12.
Aprtt, 2. Sonntag nach Ostern; St. Mar
tin's, Baltimore, am 18. April, 3. Sonntag
nach Ostern; Sl. Paul's, Ellicott City, am
25. April, 4. Sonntag nach Ostern; St.
Marien-Kapelle, Baltimore, am 2. Mai, 5.
Sonnlag nach Ostern; St. Joseph's. Balti
morc, am 7. Mai, Himmelfahrtsfcst; St.
Clemenl's Kapelle der Redemptoristen, Jll
chester, am 6. Mai, Himmelfahrt: st. Char
leS-College am 9. Mai; St. Vincent's, Bal
timore, am 16. Mai, Pfingsten; St. Patrick's,
Washington, am 16. Mai, Pfingsten; Tri
nitn, Georgetown, am 23. Mai, Trinitatis;
Schwestern von St. Joseph, Emmittsburg,
am 27. Mai, Frohnleichnams - Fest;
Sl. Mary's, Govanslown, am 27. Mai,
Urohnletchnams - Fest; St. Peter's, Han
cock, am 30. Mai; St. Maria, der Meeres
stern, Baltimore, am 6. Juni, 3. Sonntag
nach Pfingsten; St. Joseph's Passionisleii-
Klosler am 13. Juni, 4. Sonntag nach Pfing
sten; sl. John's, Long Green, am 20. Zum,
5. Sonntag nach Pfingsten: St. Joseph's,
Taneylown, am 27. Juni, 6. Sonntag nach
Pfingsten; St. Francis-Kapelle, Baltimore,
am 2. Juli, Mariä-Heimsuchung; sl. Augu
stin's, Elkridge Landing, am 4. Juli, 7.
Sonntag nach Pfingsten; St. Joseph's, Te
xas, am 11. Juli, 8. Sonntag nach Pfing
sten; sl. Michael's, Frostburg, am 18. Juli,
9. Sonntag nach Pfingsten; St. Mary's.
Rockville, am 25. Juli, 10. Sonntag nach
Pfingsten: St. Anne's, Baltimore, am 25.
Juli, 10. Sonnlag nach Pfingsten; St. An
guslin's, Washington, am 1. August, 11.
Sonntag nach Pfingsten; St. Peter's. Wc
stcrnporl, am 8. August, 12. Sonntag nach
Pfingsten; 14 Hl. Nolhhclfcr, Baltimore, am
10. August, 13. Sonntag nach Pfingsten:
St. Mary's, Hagerslo.vn, am 15. August,
13. Sonnlag nach Pfingsten; St.lgnatius'.
Harford-Counly, am 22. August, 14. Somi
lng nach Pfingilen; Lonaconing. Allegany-
Connry, am 22. August; St. John g, West
min,ter, am 29. August, 15. Sonntag nach
! Pfingsten; St. Michaelis, Baltimore, am 5.
September, 16. Sonntag nach Pfingsten; St.
Charles', Pikesville, am 12. September, 17.
sonmag nach Pfingsten; St. Agnes', Ca
lonsville, am 19. September, 18. Sonntag
nach Pfingsten; st. Thomas', Woodberry,
am 26. September, 19. Sonntag nach Pfing
sten; Sl. Domimck's, Washington, am 3.
Oktober; Herz-Jesu-Kirche, Moum Washing
ton, am 3. Oktober, 20. Sonntag nach Pfing
,ien; Unbefleckte Empfängniß, Washington,
am 10. Oktober, 21. Sonntag nach Pfing
sten; Earmeliler-Kapelle, Baltimore, am 15.
Oktober, St. Theresa-Fest; st. Stephen's,
Washington, am 17. Oktober, 22. Sonmag
nach Pfingsten; St. slephen's, Baltimore
Eountq, am t 7. Oktober, 22. Sonntag nach
Pfingilen; st. Mary's, Barnesville, am 24.
Oklover, 23. Sonnlag nach Pfingsten; Sl.
Patrick's, Mount Savage, am 31. Oktober,
24. Sonntag nach Pfingsten; Her,-Jesu Kir
che, Baltimore, am 1. November, Allerheili
gen ; St. Aloysius', Leonardtown, am 7. No
vembcr, 25. sonnlag nach Pfingsten; St.
Patrick's, Havre de Grace, am 14. Novem
ber, 26. Sonntag nach Pfingsten; St. Mary's,
Bryanlown, am 14. November, 26. Sonn
tag nach Pfingsten; St. Peter's, Wajhing
ton, am 21. November, 27. Sonntag nach
Pfingsten.
Eine interessante Reliquie.—lm
Besitze des Hrn. I. C. Hall von hier befindet
sich ein am 8. August 1800 an Bord der Bun
dessregattc „L'Jniurgelite" von dessen Neffen
Georg Levely. Seekadetten, geschriebener
Brief. Derselbe ist an dessen Mutter gcrich
tet, die er bei seiner Rücklehr wohlbehalten
anzutreffen hofft. „Er selbst kehrte indeß nie
wieder zurück, da man seither von der Fregatte
nie mehr etwas gesehen oder gehört hat. Der
verunglückte Schreiber des Brieses war ein
Bruder des Eapt. Levely, der in dem KrieqS
jahrc 1812 das Kaperschiff „Nonesuch" kom
mandirte. Da hier noch viele Verwandle
Levely's sich befinden, so mag die Kenntniß
des genannten Brieses und dessen Besitzers
sür dieselben von Interesse sein. Eine Eon
greßakte vom 29. April 1872 bewilligt den Er
ben der Verunglückten des untergegangenen
Schiffes „L'Jnsurgente" Unterstützung^,.
Eine Balli in o rer Prj m ad onna.
- E-n Pariser Eorrejpoiideitt, der sämmtliche
musikalische Größen, ältere wie jüngere, erner
Musterung unterivirst, kommt zu dem Schlüsse,
daß Frl. Annette Montague, eine junge Ame
rikanerin nnd Schülerin Bellari's, den Bor
zug vor allen Anderen verdiene. Ein Engage
inent auf drei Jabre ist ihr bereits angeboten
worden, doch hat sie dasselbe abgelehnt. Frl.
Montagne ist von Baltimore und hat drei
Jahre in Paris siudirt. Die beiden ersten
Jahre unter Barrett, Präccptor von Nielsson,
das letzte Jahr unter Bella, dem großen ita
lienischen Professor. Sie will im nächsten
Dezember in der italienischen Oper in Paris
als „Margarethe" im Faust auftreten. Sie
ist eine junge Dame von woylgeformten Aeu
ßcrn, hübscher Gcsichlsbildung und snnkeln
dem Blicke, und begeistert sür ihre Kunst. Vor
einem Jahre hielt man sie in Paris schon für
die ausgezeichnetste aller dcr zahlreichen Opern-
Aspiranlinncn, besonders was Reichthum,
Fülle und Schmelz der Stimme sowohl, als
vorgeschritten in der Ausführung anbetrifft.
Frl. Montague hat einen großen Kreis von
Verwandten und Freundinnen hier in Balti
more, denen es gewiß angenehm ist, zu erfah
ren, daß deren Aussichten zu einer brillanten
Carriere so glänzend sind.
EinKönigsbesuchvon den Sand
wich-Inseln. Elisha H. Allen, Ober
lichter nnd Kanzler des Königreichs Hawaii,
und spezial-Commissär H. A. P. Carter tra
feil am Freilage auf ihrem Wege nach Wash
ington in Baltimore ein nnd stiegen im
„Carrollton - Hotel" ab. Dem Vernehmen
nach haben diese beiden Herren den Austrag,
einen Vertrag mit den Ver. Staaten abzu
schließen, nach welchem engere Handelsverbin
dungen mtt den Ver. Staaten angeknüpft und
die Verbindungen zwischen den Sandwich-
Jnieln und England gelös't werden sollen.
.'lnf diese Weise werden die Inseln dem Ein
slusse England's entzogen und gelangen unter
den Schutz der Ver. Staaten. Kalakona,
oer König der Sandwich-Inseln, wird in
nächster Zeil nacb Amerika kommen und
Washington besuchen. GouverneurDominiS
von dcr Insel Oahu', Gouverneur Kapena von
der Insel Mani und der Achtb. H. Pierce,
Gesandter der Ver. Staaten auf den Sand
wich-Inseln, werden den König begleiten.
Der Tag der Abreise von Hawaii ist ans den
23. November festgesetzt. Die Verbindung
zwischen den Inseln und den Ver. Staaten
vermitteln gegenwärtig die zwischen San
Franzisco und Neu-Holland und Ncn-sec
land fahrenden Dampfer.
Der Ausflug der Tempelritter
nach New-Orleans. Mehrere hiesige
Tempel - Ritter, welche bei Gclegenheit der
Sitzung des Großlagers New-Orleans besu
ckien wollen, versammelten sich kürzlich in der
„Freimaurer-Halle" und trafen die nöthigen
Vorkehrungen für die Reise nach New-Oc
leans. Dieselbe wird jedem Einzelnen etwas
weniger als §lOO kosten. Diese Summe deckt
alle Reisekosten und die Unkosten eines viertä
gigen Ausenthalis in dcr Großstadt Louisia
na'?. Am Freitag, den 4. Dezember (dem
vierten Tage der Convention) wird eine große
Parade in New-Orleans stattfinden, an wel
cher dem Bernehmen nach mehr als 7000 Nit
tcr theilnehmen werden.
„Odd Fellows"-Besuch. Eine
große Anzahl Patriarchen, über 50 Mitglieder
von Lagern des Ordens der „Odd Fcllows,"
beabsichtigt, am Danksagnngstage in Beglei
tung eines Musikcorps Wcstminster in Car
roll-County, Ms., zu besuchen nnd noch am
selbigen Tage zurückzukehren.
Dica tl e Grenzfr a g e.—lm zweiten
Rathszmeige offeriere Hr. Loney gestern einen
Beschluß, dasjenige Gebiet von Baltimore-
Eounly, welches über kurz oder lang doch ein
mal in die Sladtgrenzen hineingezogen wer
den muß, zu vermessen. Der Beschluß wurde
dem Comite für städtisches Eigenthum über
wiesen.
Der „M arylä der Geflügelzucht
V er ein" versammelte sich Freitag Abend in
„Schwinn's Halle" an der Prattstraße und
erwählte nachstehende Beamten: S. H. Sli
ser, Präsident; I. B. Town, erster Viceprä
sident; F. A. Rommel,zweiter Bicepräsident;
I. E. Lloyd, dritter Bicepräsident; Georg
schwinn, Schatzmeister; T. A. Eochran,
S-kretär. Das Exekutiv-Comite unterbrei
tete eine Bericht, aus welchem erhellte, daß
die jährliche Geflügel Ausstellung des Verein?
am 5., 6., 7. und 8. Januar 1875 stattfinden
wird. Die Prämien, die zur Veriheilung
kommen werden, belausen sich auf mehr, als
§2OOO. In dcr Frettags-Versammlung wur
den mehrere Comlic'n ernannt, deren Aufgabe
es sein soll, die Arrangements für die Aus
stellung so bald, wie möglich zu treffen. Ehe
sich die Versammlung' vertagte, verlas der
Präsident mehrere Mittheilungen und Schrei
ben aus den Staaten Eonnecticut, Pennsyl
vanien und Delaware, worin der hiesigen
Gesellschaft zu ihren bis jetzt erreichten Erfol
gen herzlich gratulirr wird. Auch geht aus
mehreren Schreiben hervor, daß die Geflügel
züchte: der drei genannten Staaten die Ab
ficht hegen, eine Anzahl seltener Vögel nach
der hiestgen Ausstellung zu senden.
Die Chicago'er Verlängerung
der „B altimor e - O h io -B a h n."
Montag wurde die Berläiigerungslinie der
„Baltimore Ohio-Bahn" bis Ehicago sörm
lich dem Verkehre übergeben, und die Züge,
welche um 4.30 Nachmittags und 10.30
Abends von hier abgingen, nahmen mehrere
Wagen mil sich, die über das neue Geleise
nach Ehicago laufen werden. Diese Wagen
beförderten jedoch nur Fracht, da für den Per
sonenverkehr vorläufig noch die alle Route der
„Baltimore-Ohio-Bahn" nach Chicago be
nutzt werden soll. Der Zug, welcher fortan
jeden Abend um 10.30 von hier abfährt, er
reicht Cincinnati in 20 Stunden und 30 Akt
iiuten und Chicago und St. Louis in 33
Stunden. Der andere, nach Westen gehende
Zug, der den Camdenslraßcn-Bahnlwi bisher
um 5 Uhr Nachmittags verließ, wird in Zu
kunft eine halbe stunde früher abfahren.
Der Postzug, welcher im letzten Sommer um
8 Uhr Morgen? abging, verläßt unsere Stadt
während des Winters jeden Morgen um 9
Uhr.
Eine drollige Wahlmettc. Ed
ward Graham und John Bouldin, Beide
Einwohner von Ost-Baltimore, hatten in Be
trefs der Ncw-lorkcr Staatowahlen eine
Wette gemacht, wonach der Verlierende den
Gewinner in einem Handkarren von der Ecke
der Caitton-Avcnue und Edenstraße nach der
Chesterstraße zu fahren hatte. Bouldin, ein
ichmächtiges Männchen, hatte auf das repub
litauische Ticket gewettet nnd verloren. Gra
ham, ein wohlbeleibter Mann, bestieg Mitt
woch Nachmittag den mil Nattonalsahnen
reich verzierten Karren, eine brennende Cigarre
im Munde, den Bouldin, gefolgt von einer
unabsehbaren Menschenmenge, den vorgeschrie
benen Weg fuhr. Die Angelegenheit wurde
von beiden Seiten mit dem besten Humor auf
genommen.
Kein neuer Prozeß für James
Tun.— Wegen Tödtung der Sarah G.
Allen, mit der er vierzehn Jahre gelebt und
die an den Folgen der ihr durch eine bren
nende, aus sie geschleuderte Kohlenollampe er
littenen Verletzungen gestorben, war bekannt
lich James Dunn im Criminal-Gerichte des
Mordes im zweiten Grade schuldig befunden
worden und hatte dann auf die Behauptung
hin, Sarah G. Allen sei nicht an Brandwun
den, sondern an dcr später dazu getretenen
Rose gestorben, einen neuen Prozeß beantragt.
Gestern wies die Oberste Sladtgerichtsbank
den Antrag durch folgendes, vom Oberrichter
Brown unterzeichnetes Gutachten ab: „Tie
für den Antrag ans einen neuen Prozeß ange
führten Gründe sind folgende: l. der Ge
schworenen Wahrspruch steht mit den Zeugen-
Aussagen im Widerspruche; 2. er widerspricht
dem Gewichte der Zeugenaussagen; 3. er wi
derstreitet dem Gesetze; 4. der Angeklagte ist
im Besitze neu - entdeckter Beweise. Richter
Gilmor, vor dem Dunn prozessirl wurde, hat
attestut, daß für den Antrag wahrscheinlicher
Grund vorhanden sei. Dunn hatte mit Sa
rah G. Allen, obschon nicht mit ihr verheira
thet, 14 Jahre als seiner Frau gelebt. Am
Abende des 5. Februar 1874 zwischen 7 und 8
Uhr lag cr auf einem Sopha im Vorderzim
mer des Hauses an Springstraße, wo Beide
wohnten: Sarah war mit Nähen beschäftigt.
Er sord.rle ihren Bruder Louis Allen auf,
nach einem Leihhause zu gehen und seinen von
versetzten Rock zu holen, und verlangte von
Sarah, um denselben einlösen zu können,
§4.50. Sie weigerte sich, ihm das Geld zu
geben, mit dem Bemerken, sie brauche es zur
Miethe. Daraus belegte er sie mit einem
Schimpfworte und herrschte ihr nochmals zu,
mit dem Gelde herauszurücken. Als sie ihm
dies wiederholt abschlug, erhob er sich halb
vom Kanapee und schleuderte einen Spuck
naps nach ihr. Louis legte sich in's Mittel;
aber Dunn ergriff die aus dem Tische stehende
brennende Kohlenöllampe und schlug Sarah
damit ans den Kopf, sodaß die Lampe zer
brach, ihr brennender Inhalt sich über die
Kleider der Unglücklichen ergoß, und diese be
denkliche Brandwunden erlitt. Prof. Arnold,
den man zu Rathe zog, sagte vor Gericht aus,
daß sie an der Stirn, an beiden Wangen, im
Genicke und an der Brust verbrann: war;
er ließ ihr das Haar abichneidcn und fand,
daß der größere Theil des Schädels Brand
verletzungen zeigte.
Nach zweiwöchiger Behandlung durch Prof.
Arnold war ihr Befinden rechi gut; nach zwei
Wochen fand er sie in,der Küche, wo sie ihm
sagte, sie brauche keinen Doktor mehr. Etwa
eine Woche später ward cr wieder gerufen und
fand die verbranntenKörpertheilc von dcrßose
b-fallen, welche vier oder fünf Tage anhielt.
DerPatientinZustand verschlimmerte sich nach
dem dritten Tage, es traten Hirnaffektionen
und Schlafsucht dazu, und schließlich ersolqle
der Tod, Prof. Arnold und dcr Todtenbc
schcmerj Dr. Waller nahmen die gerichtliche
Obduktion der Leiche vor. Zwischen den ärzt
lichen Erperten, die bei'm Prozesse auf den
Zengcnstand traten, gab sich eine Verschieden
hett der 'Ansicht über die Frage, ob der Roth
lauf durch die Brandwunden oder aus ande
rer Ursache entstanden, kund. Nur, wenn die
BrandveAetzungen die Roje herbeiführten,
und dieseSarah's Tod veranlaßte, war Dunn
des Mordes schuldig, und die Geschworenen
müssen, wie aus ihrem Wahrspruche hervor
geht, gefunden haben, daß die Rose aus den
Brandwunden und der Tod durch die Rose
erfolgte. Bei'm Prozesse sagte Prof. Arnold
aus, nach seiner Ansicht sei Sarah an derßose
gestorben, aber die unmittelbare Todesursache
habe darin bestanden, daß sich die Rose auf
die Hirnhäute warf; ihre Roje sei die trauma
lische gewesen, d. h. eine aus äußerer Verlet
zung entstandene. Allein als Dunn einen
neuen Prozeß beantragte, wurde zugleich eine
beschworene Aussage des Pros. Arnold einge
reicht, worin er sagt, er glaube und habe be
zeugt oder zu bezeugen beabsichtigt, daß aller
Wahrscheinlichkeit nach die Rose nicht von den
Brandwunden herrührte, sondern hierüber be
deutendeZweisel obwalten, und er könne nicht
mit moralischer Gewißheit sagen, daß dem so
sei. Diese beschworene Ausjage war die
Hauptstütze des Dunn'schenAnwaltes bei dem
Antrage aus neuen Prozeß. Der Gerichtshof
braucht nicht zu entscheiden, ob er nach den
Regeln der Praxis bei Eriminalsällen diesem
sx p-rrte-Affidavil, das nach dem Prozesse ge
macht worden und des Zeugen Prozeß-Aus
sage zu modifiziren oder zu erläutern sucht,
Rücksicht schenken könne, weil mir überzeugt
sind, daß außer dem Dr. Arnold'schen Zeug
nisse noch andere ärztliche Zeugnisse vorhan
den sind, welche zur Anfrechthältung des Ge
schworenen-Spruches hinlänglich sind. Wir
halten dafür, daß keiner der für einen neuen
Prozeß vorgebrachten Gründe stichhaltig ist,
und der Antrag abgewiesen werden muß."
Udderzook. - - Die Direktoren des Ge
'ängnisses in W-stchesler, Penns., schickten am
Sonnabend Morgen die Kleider des Wm. E.
Udderzook und die Reisetasche, welche er bei
seiner Ankunft in Westchester im Besitz hatte,
an Frau Clara Udderzook in Baltimore ab.
Die Letztere empfing während dieser Tage
mehrere Schreiben von den Geistlichen, die
den Verurtheilten auf seine letzte Stunde vor
bereiteten. In diesen Briefen sprechen die
Geistlichen der unglücklichen Wittwe ihr Mit
gefühl aus, und sagen, daß Udderzook ruhig
aus dieser Welt geschieden sei, mit der Hoff
nung, der ewigen Seligkeit theilhaftig zu wer
den. Schließlich fordern die Geistlichen Frau
Udderzook auf, ihre Kinder zu braven, guten
Menschen zu erziehen.
Am Freitage wurde die Zelle, in welcher der
Mörder so lange gelebt, durchsucht, doch fand
man daselbst keinen Streifen Papier, keine Fe
der und keinen Bleistift, und doch hatteUdder
zook mährend der letzten vier oder fünf Wochen
unausgesetzt geschrieben. Wo ist das Ge
schriebene geblieben ?
-Wie verlautet, hat Udderzook eine versie
gelte Schrift an seine Kinder hinterlassen, mit
oer Weisung, dieselbe erst zu öffnen, wenn sie
die Volljährigkeit erreicht haben.
Ab leben des Dr. Georg Keidel.
Georg Kcidel, einer dcr hervorragendsten
nnd geachtelsten deutschen Adoptivbürger Ma
rlsiand'S, starb gestern auf seinem Landsitze in
Catonsville. Selten hat wohl ein Deutscher,
der in Maryland einc Heimath fand, sich ei
neu größeren Kreis von Freunden erworben,
als der Verstorbene. Er war aber auch ein
Ehrenmann im wahrsten Sinne des Wortes,
und Alle, denen das Gluck zuThctt geworden,
mit ihm in nähere Berührung zu kommen,
finden kaum Worte genug, um seine Güte zu
preisen. Nie wird sein Bild aus dem Herzen
seiner Angehörigen und Freunde schwinden.
Dr. Keidel wurde am 7.Februar 1799zn Hil
desheim in Hannover geboren. Er stndirie
in Bonn und Göttingen, besuchte dann die
Hospitäler in Wien nnd Berlin und Promo
virle schließlich mit großer Auszeichnung. Im
Jahre 1820 reij'te cr nach Brasilien, wo cr
zwei Jahre verweilte. 'Nach Ablauf dieser
Zeit kehrte er nach Deutschland zurück und ließ
sich in Salzgittcr als Arzt niever. Schließ
lich wurden ihm die Verhältnisse in Deutsch
land zu arg, und obgleich schon im 54.Lebens
lahre stehend, wanderte er noch einmal nach
Amerika aus. Baltimore war dieses Mal
das Ziel seiner Reise. Nachdem cr neun
Jahre lang in Baltimore praktizirt hatte, zog
er nach Catonsville hinaus, wo er den Abend
seines Lebens in ungestörter Ruhe verlebte.
Er war zwei Male verheirathet. Beide Frauen
gingen ihm im Tode voran. Von seinen sechs
Söhnen sind zwei gestorben, die übrigen sind
zu tüchtigen Männern herangereist, die heute
ebenso geachtet dastehen, wie ihr verstorbener
Vater. Seine einzige Tochter ist mil dem
Ehrw. Dr. Ebeling, einem Geistlichen von
vielseitiger Bildung vermählt. Außer seinen
Kindern betrauern noch zwölf Enkel das Hin
scheiden dieses edlen Mannes. Ein Schlag
stuß, der ihn am Mittwoch traf, führte seinen
Doo herbei.
Unerwähnt dnrfenwir nicht lassen, daß der
Verstorbene ein bedeutender Musiker und als
solcher ein glühender Verehrer von Mozart
und Beethoven war. An jedem Abend saß cr
am Piano und spielte die Compositioncn der
beiden unsterblichen Tonmeister, und in seinen
letzten Lebensjahren gab es sür ihn keine grö
ßere Freude, als wenn der Gatte seiner Toch
ter oder einer seiner Söhne zu ihm kam, um
in Gemeinschaft mit ihm zu musiziren.
Einsturz einer Mauer. (Unter
den Ruinen wird der Leichnam eines kleinen
Mädchens gefunden.) Am Sonnabend Nach
mittag um 1 Uhr stürzte die südliche Mauer
der Rad - Fabrik in Canton, zwischen der
Essex-, Burk-, Cambridge- und Eoncordstr.
mit einem lauten Krache ein. Der Einsturz
wurde durch einen Hausen schütt und Sand
verursacht, der an der inneren Seite der Mauer
aufgehäuft war und dessen Druck die Mauer
nicht zu widerstehen vermochte. Als mehrere
Arbeiter daran gingen, den Schutt fort zu
räumen, fanden sie zu ihrem nicht geringen
Erstaunen, den Leichnam eines kleinen, sicben-
Mrigen Mädchens, Namens Marie Klüke,
deren Eltern in Nr. 9, Eambridgeslr., woh
nen, unter den 'Ruinen. Dr. Kelly hielt ge
slcrn Morgen eine Tvdtenschau ab und ans
den Zeugen - Aussagen ging hervor, daß das
Kind zu Tode kam, während es an der Mauer
entlang ging und von den einstürzenden
Trümmern und Steinen begraben wurde.
Nachdem der Leichnam nach dem Hause der
Eltern in Nr. öl, Cambridgcstraße, gebracht
worden, wurde ein Geschworenengericht zu
jammcnbcruseii, welches aus folgenden Herren
bestand: Wm. Kutzel, John Single, Maitin
'Maincll, I. L. Johnson, James Peacock,
August Meyer, Martin Miller, Wm. So
weit, M. Flahcrty, Joseph Wanger, Hermann
kamen Sonntag Morgen um 9 Uhr zusam
men und vernahmen mehrere Arbeiter, welche
den Einsturz dcr Mauer gesehen, der, wie
schon mitgetheilt, durch einen Hausen nassen
Sand, welcher neben der Mauer aufgehäuft
war und dessen Druck dieselbe nichl zu wider
stehen vermochte, herbeigeführt wurde. Die
Jury gab schließlich einen Wahrspruch ab,
welcher dahin lautete, daß „Anna Klüke zu
Tode kam, indem eine Mauer des Gebäudes
der „Baltimorer Wagenrad-Compagnie" aus
sie niederstürzte und sie erdrückte, und daß der
Einsturz dcr Mauer durch einen au die Mauer
gelehnten Sandhaufen herbeigeführt wurde."
Zur Zeit als der Einsturz der Mauer er
folgte, befanden sich mehrere Arbeiter in dem
Geväude. Einer dericlben gewahrte plötzlich,
daß die Mauer sich bog und zwei Steine zur
Erde rollten. „Das Haus bricht zusammen!"
war sein Ausruf, und eine Sekunde später sah
man die Arbeiter schon nach allen Richtungen
rennen, um nicht unter der einstürzenden
Masse begraben zu werden. UcbrigenS wurde
von den Personen im Gebäude Niemand ver
letzt, dagegen wurden zwei Männer, Namens
John Jubb und Henry McGinn, die vor dcr
Mauer auf dem Trottoir standen, von den
fallenden Steinen erheblich verletzt. Die Ar
beiter machten sich schnell daran, den Schutt
und die Trümmer bei Seite zu schaffen.
Während sie damit be'chästigt waren, ge
wahrten sie plötzlich den Leichnam der kleinen
Anna Klüke. Das arme Mädchen, das bis
dahin noch von Niemand bemerkt und gesehen
worden, lag kalt und leblos auf dem Trottoir
nngesähr 3 Fuß von der Ecke der Cambridge-
und Eoncordstraße. Ein kleiner Knabe, der
in der Nähe stand, erkannte in dem Mädchen
seine Schwester. Bei einer näheren Unter
juchung des verunglückten Kindes entdeckte
man, daß der Hinterkopf von den Steinen zer
malmt worden und ein Arm und ein Bein ge
brochen waren.
Tod eines Baltimorers in Phi
dclphia. Hr. Heinrich Rübsamen, ein
alter Baltimorer Bürger, welcher während der
letzten Jahre in Philadelphia lebte, starb vor
wenigen Tagen. Er fiel vor einigen Wochen
eine Treppe hinunter und brach bei der Gele
genheil das Schlüsselbein. Dies führte seinen
Tod herbei.
Baltimorer Sterblichkeits-Ta
belle.— Berwichene Woche wurden 137 Per
sonen, 65 männlichen und 72 weiblichen Ge
schlechts, worunter 21 Farbige und 6 Todt
geborene, aus Baltimore beerdigt; 3 weniger,
denn in der Vorwoche, resp. 4 und 9 weniger,
als in den Parallel-Wochen von 1872 u. '7l,
aber resp. 18, 20,16,44, 30 und 52 mehr, als
indencorrespondireildciiWochenvon 1878, '7O.
Tag vcs Tante uns begangen
Zur Bestätigung desselben habe ich meine Unter-
und eas graste Siegel des Staates
hundert und '
vi <5 ä: U V n >
Ä Li'u iMc.'ies
M Die e.-tiwächezustiid und Geschlechts- W Lrankhilteu
Lrankhilteu der Menschen.und dercneintige W gnindiichc,
gnindiichc, s chcre und schnelle Heilung de- W handelnd,wird
handelnd,wird von derTeuischen Heilanstalt W
W In St. Loul. Mo., gegen Smvsanq vonZd W
M llt. portofrei,sorgsam versiegelt, versandt. W
WZ "bresse! Sermau dlellla! luetiluts,
MD V2l?!ns Sireet.Ll. Tonis, o. I
Einc äflypt-schc Königstochter.
Historischer Roman von (Scarg Ebers
iffort.exung.l
Siebentes ökapiiel.
Nachdem Psamtik das Zimmer seines
Vaters verlassen hatte, begab er sich ohne
Ausenthalt in den Tempel derGöttinNeith.
Am Eingange desselben fragte er nachdem
Oberprieiter. Die Tempeidiener baten
ihn zu warten, denn der große Neilhstep
befinde sich soeben betend im Allerheilig
sten der erhabenen Herrin des Himmels.
Ein junger Priester erschien nach kurzer
Zert und meldete, sein Gebieter erwarte
den Prinzen.
Piamlik vecließ sosorl den kühlen Platz,
welchen cr im Schatten der Silberpappeln
des Götterhains, am Ufer des der großen
Reith geheiliglen Teiches, eingenommen
hatte. Er überschritt das mit Asphall
überzogene Steinpflaster des ersten Vor
boses, welches von blendenden Sonnen
strahlen, wie von glübenocn Pfeilen, ge
troffen wurde, und hielt sich dabei in eine
der langen Sphinxaileen, die zu den freiste
henden Pylonen*) des riesigen Hauses
der Göttin führten. Dann schritt er durch
das ungeheure Hauptthor, welches, wie
alle ägyptischen Tempelpsorten, mit der
drei.beschwingtenSonnenschcibe geschmückt
war. Tie iveitgeössneten Thorflügel ivuc
den zu beiden Seilen von thurmartigen
Bauten, schlanken Obelisken und flattern
den Fahnen überragt. Nun nahm ihn
ter zur Rechten und Linken von einem
Säulengange begrenzte Hos aus, in dessen
Mitte der Gottheit die Opfer dargebracht
wurden. Die ganze Vorderfront des ei
gentl eben Temvclgebäudes, die sich se
stungsarlig in einem stumpfen Winkel von
oen Fliesen des weiten peristylen Hofes
erhob, war mit bunten Bildern und Jn
ichriilen bedeckt. Durch den Portikus kam
er in einen hohen Vorsaal, dann in die
große Halle, deren blaue, niit tausend gol
denen Sternen übersäet- Decke von vier
Reihen riesiger Säulen getragen wurde.
Die Schäfte und iotusförniigen Kapitale
derselben, die Seilcnivände und Nischen
dieses Riesensaales, kurz Alles, was dem
Auge begegnete, mar mit bunten Farben
und Hieroglyheubildern bedeckt. In rie
siger Größe erhoben sich die Säulen, un
ermeßlich großartig uno weit dehnte sich die
Halle, die Luft, welche verßeter athmete
mar ganz eifülll von Weihrauch und Ky'
phidusl sowie den Dämpfen, die aus dem
zu den Räumen des Tempels gehörenden
Laboratorium drangen. E.ne leise Musik
von unsichtbaren Künstlern ausgefubrt
schien nie zu schweigen, wurde aber dann
und wann von dem liefen Gebrülle der
heiligen Kühe der Isis oder dem krächzen
den Rufe der Sperber des Horus unter
brochen, de-en Behausung sich in einem
Nebensaale befand, sobald der feierlich
geoehnle Ruf einerKuh wie secncrDonner
oder der nervenerschütternde schrille Schrei
eines Sperbers wie ein von der Eide zum
Himmel aufzuckender Blitz erscholl, neig
len sich die hockenden Andächtigen und be
rührten mit der Lti.n die Steinfliese des
mit Säulengängen umgebenen Vorhoss.
Sie schauten in t zager Ehrfurcht in das
ihnen verschlossene Innere des Tempels,
in dessen aus einem Stuck gearbeiteten ka
pellenartigen Allerheiligsten zahlreiche
Priester standen, von Venen einige Strau
ßenfedern an den glänzend kahlen Kopsen,
andere PanthcrfeUe an den weiß bekleide'
len Schultern trugen. Murmelnd.und
singend neigren und erhoben sie sich,
schwangen Rauchgejäße und gössen aus
goldenen Libationsgefäßen für die Götter
reine Wasser aus. In dieser nur den
Bevorzugtesten unter den Aegyvtecn ge
öffneten gigantischen Halle müßte sich der
Mensch zwergenhaft klein erscheinen. Sein
Auge, sein Ohr, ja selbst seine Athmuiigs.
wetkzeuge wurden hier nur von iolchen
Einwirkungen der Außenwelt in Anspruch
genommen, die weit ab lagen von Allem
was das Alitagsdaiein bot, die die Brust
beengien und die Nerven erzittern ließen.
Taumelnd und entrückt dem eigentlichen
Leben mußte der Andächtige hier nach ei
ner Stütze außer sich suchen. Die Sliinme
des Priesters zeigte sie ihm, und die ge
heimnißvoile Münk uno der Ruf der heili
gen Thiere galten für Aeußerungen dcr
Nähe der Gottheit.
NachdeinPulinttk, ohne beten zu können,
aus der für ihn bestimmten goldenen und
gepolsterten niedrigen Ruhebank die Stel
lung eines Beters eingenommen, kam er
zu dem erwähnten kleineren und niedrige
ren Neben,aale, in dem die heiligen Kühe
der Fsis-Neilh nnd die Sperber des Horns
gepflegt wurden. Ein mit Goldstickereien
bedeckter Vorhang vom kostbarsten Stosse
verbarg sie den Augen der Ternpelbesu
chcr, denn der Anblick dieser vergötterten
Geschöpfe war dem Volke nur seilen und
von Ferne gestartet. Als Psamtik vorbei
kam, wurden gciade in Milch erweichte
Kuchen, salz und Kleeblüthen in die gol
denen Krippen der Kühe und kleine Vögel
mil bunlem Gefieder in das zierlich gear
beitete Häuschen des Sperbers gelegt.
Der Thronerbe hatte in >einer heutigen
Stimmung Uin Auge für diese ihm wohl
bekannten Tinge und erstieg mittelst einer
verborgenen Treppe die neben der Stern
warle gelegenen Gemächer, in denen sich
dcr Oberpriester nach dem Gottesdienste
auftuballen und auszuruhen pflegte.
Nettholep, ein Greis von siebenzig Jah
ren, saß in einem prächtigen, mit ichweren
babylonischen Teppichen belegten Gemache
aus dem Purpuckiffen eines vergoldeten
Lehnstuhls. Seine Füße ruhten ans einer
kunstreich geschnitzten Fußbank. In den
Händen hielt er eine mtt Hieroglyphenzei
ä,en bedeckte Nolle. Hinter ihm stand ein
Knabe, welcher mit einem Wedel von
Stiaußcnsedern die Insekten aus seiner
Nähe verscheuchte.
Das Angesicht des priesterlichen Greises
war voller Runzeln; doch mochte es einst
mals schön gewesen sein. Aus den gro
ßen blauen Augen jptach noch heute ein
lebendiger Geist und würdiges Selbstbe
wußtsein.
Nettholep hatte seine künstlichen Locken
abgelegt. Ter kahle, glatte Schädel stach
eigenthümlich von dem gefurchten Ange
sichte ab und ließ die bei den Aegypten,
durchschnittlich flache Stirn ausnehmend
hoch erscheinen. Das bunte Zimmer, an
oeffcn Wände tausend Sprüche in Hlero
glyxhenichrist gemalt waren, die verschie
denartigen farbigen Bildsäulen der Göttin,
welche in ihm standen, und das schneeige
Weiß der Kleidung des Priesters konnten
nichl verfehlen, auf den Fremden einen
ebenso feierlichen als seltsamen Eindruck
zu machen.
Der Greis empfing den Thronerben mit
großer Herzlichkeit und fragte:
Was führt meinen erlauchten Lohn zu
dem armen Diener derGoltheil?
Ich habe Dir Vieles zu berichten, mein
Vater, erwiederte Psamtik mit lriumphi
rendem Lächeln: denn ich komme soeben
von Amasis.
So hat er Dir endlich Gehör geschenkt?
Endlich!
Dein Angesicht sagt mir, daß Dir von
unserem Herrn, Deinem Vater, huldvoll
begegnet worden sei.
Nachdem ich seinen Groll erfahren.
Als ich die Anliegen, mit denen Tu mich
beauftragtest, vorgebracht hatte, ward er
unmäßig zornig und zerschmetterte mich
schier mit furchlvarcn Worten
Du wirst ihn verletzt haben! Oder bist
Du dem Könige, wie ick Dir gerathen
hatte, als demüthig bittender Sohn ge
naht?
Nein, mein Vater; ich war gereizt und
unwillig.
Dann hatte Amasis Reckt, zornig zu
werden, denn niemals ziemt es dem Sohne
seinem Erzeuger unwillig zu begegnen;
am wenigsten aber, wenn er etwas erbit
ten will. Du kennst die Verheißung: Wer
seinen Vater ehrt, wird ein langes Leben
haben! Sieh, mein Schüler, darin sehtst
Tu immer, daß Tu Tinge, welche leicht
lich durch Güte und Milde erlangt werden
tönnien, gewaltsam und mürrisch durchzu
setzen suchst. Em gutes Wort ist weil
wirksamer, als ein böses, und es kommt
viel darauf an, wie man feine Rede zu
brauchen versteht. Höre, was ich Tir
erzählen will: Vor vielen Jahren herrschte
über Aegypten der König Snefru, welcher
zu Memphis regierte. Dem träumte ei-
stehenden Thore nitt schrägen Wandungen, die viel
leicht dem Theben des Homer den Namen des hun
dertthorigcn verschafft haben.
ne Tages, ihm fielen alle Zähre aus dem
Munde. Er schickte sofort zu einemTraum
oeutir und erzählte ihm den Traum. Da
riel der Ausleger: „O König, wehe Dir,
alle Deine Verwandten werden ror Dir
llerben!" Ter erzürnte Snefru ließ den
llnqlucksboten peitschen und rief einen
zweiten Seher. Die'er erklärte den Tiaum
ao: „Großer König, Heil Deinem Namen,
denn Tu wirst länger leben, als alle Deine
Jerwandten!" Ter König lächelte über
meic Worte, und beschenkte den zweiten
Teuter; denn, wenn ihm dieser auch das
selbe sagte, wie dcr erste, so hatte er doch
leinen Ausspruch in ein schöneres Wort
gewano zu kleiden verstanden. Be
greifst den sinn meiner Geschichte?
so bemühe Dich denn in Zukunft, die
Form Deiner Rede angenehm zu machen,
denn es kommt, namentlich vor dem Ohre
eines Herrschers, eben >o viel daraus au,
wie man ipiicht, als was man spricht.
O, mein Valer, wie oft hast Du mir
oieje Lehre gegcvcn, wie oft sah ich selber
ein, daß ich mir mit meinen rauhen Wor
ten und zürnenden Gebcrten schade; ich
vermag aber meine Art nicht zu ändern,
ich kann nicht. . ..
lieber: ich will nicht; denn wer
in Wahrheit ein Plann ist, dcr muß, was
er einmal gethan und nachher bereut hat,
niemals thun. —Allein genug der Lehren!
Er,ähle, wie Tu den Groll des Amasis
beiänjliglest!
Tu kennst meinen Vcncr. Als cr sah,
daß mich seine furchtbaren Worte in ties
äer Seele verwundet hatten, bereute er
seinen Jähzorn. Er fühlte, daß er mir zu
viel gethan hatte, und wollte seine Härle
uni jeden Preis wieder gut machen.
Er bat em edles Herz, aber jein Geist
ist verblendet und sein Sinn besangen!
rief der Priester. Was könnte Amasis
sür Aegypten sein, wenn cr aus unseren
Rath und die Gebore der Gölter hören
wollte!
Gernbrt, wie er war, bewilligte er mir
zuletzt, hörst Du, Vater, bewilligte er mir
das Leben des Phanes!
Wie Deine Augen funkeln! Das ist
nicht schön, Psamtik! Der Athener muß
sterben, weil er die Götter beleidigte; der
Richter aber soll zwar die Strenge walten
lassen, sich jedoch über das Unglück des
Verurtheillen nicht freuen, sondern betrü
ben. Nun sprich, was erreichtest Du wei
tet?
Der König theilte mir mit, welchem
Hause Nitetis ihren Ursprung verdankt.
Weiter Nichts?
Nein, mein Vater; aber blcnnst Tu
nicht daraus zu vernehmen ...
Neugier ist ein Laster des Weibes; auch
weiß ich längst, was Du mir erzählen
könntest.
Aber Du trugst mir ja gestern dringend
auf, den Vater auszufragen.
Ich that es, um Dich zu ergründen, um
zu prüfe, ob Tu den Besebl'en dcr Gott
heil ergeben bist und den Weg wandelst,
der Dich allein würdig machen kann, in
ven höchsten Grad des Wissens eingeführt
zu werten. Ich höre, daß Du uns red
lich mittheilst, was Du erfährst, und sehe,
daß Tu die erste Pciesterlugeno, den Ge
horsam, zu üben verstehst.
So kennst Du den Vater der Nitetis?
Ich selbst babe das Gebet an König
Hoppras Grabe gesprochen.
Aber wer hat Dir die- Geheimniß ver
rathe?
Die ewigen Sterne, mein Sobn, und
meine Kunst, in dem Buche des Himmels
zu lesen.
Und diese Sterne? Betrügen sie nie
mals?
Niemals den wahrhaft Kundigen!
Psamtik erblaßte. Ter Traum seines
Valers und sein furchtbares Horoskop
stellte sich als entsetzliche Schrcckbilder
vor seine Seele. Ter Priester bemerkte
schnell die Veränderung in den Zügen des
Königssohncs und sprach zu ihm mit sanf
ter stimme: Tu gedenkst der unglückli
chen Himmelszeichen bei Deiner Geburt,
und hältst Dick snr einen verlorenen Men
schen, aber liöste Ticb, Psanilik; die Astr
ologen haben damals ein Sicrnenbiid über
sehen, welches meinem Blicke nicht ent
gangen ist. Dein Horoskop war sch.imm
sehr schlimm, aber es kann sich zum Guten
wenden, es kann....
O sprich, Vater, sprich!
Es muß sich zum Guten kehren, wenn
Du, alte anderen Tinge vergessend, ein
zig für die Gölter lebst und ihrer Stimme,
weiche wir allein im Allerhciügsten ver
nehmen, unbedingt Folge leistest.
Winke, mein Vater, und ich werde ge
horcken!
Das gebe die Herrin von Sais, die
große Reith! Ries der Priester mit feierli
cher Stimme. Jetzt aber, mein Sohn,
fuhr er freundlich fort, laß mich allein,
denn ich bin mude vom langem Velen und
der Last meiner Jahre. Wenn es möglich
ist, so verzögere den Tod des Pbanes; ich
möchte ibm sprechen, bevor er stiibt. Noch
eins! Gestern ist eine Schaar von Äthio
piern hier eingerückt. Tiese Leute cer
steben kein Griechisch, Sie werden unter
Führung eines treuen Mannes, welcher
den Athener nnd die Oertlichkeit kennt, ge
eignet sein, den Verurtheillen bei Seile zu
Ichafftn, denn ihre Unkenntniß der Spra
che und Verhältnisse wird Verrath oder
Plauderei unmöglich machen. Vor ih
rem Aufdrucke nachNaukralis dürfen diese
Leute nichts von dem Zwecke ihrer Reise
erfahren; ist die That vollbracht, so ver
setzen wir sie nach Kuscht) zurück. Ein
Geheimniß, das merke Dir, von dem mehr
wisien als Einer, ist schon zur Hälfte ver
rathen. Lebe wohl!
Psamtik verließ das Gemach des Grei
ses. Wenige Augenblicke später trat ein
junger Priester, einer der Diener des
Königs, in dasselbe ein, und fragte den
Alten: Hab' ich gut beobachtet, Vater?
Vortrefflich, mein Sobn. Dir ist Nichts
entgangen, was Amasis mit Psamtik ge
redet. Möge Isis Dein Gehör erhalten!
Ach, Vater, ein Tauber konnte heul im
Nebenzimmer jevesWorl vernehmen, denn
dcr König brültte wie ein Slier.
Tie grobe Reith hal ihn mtt Unvorsich
tigkeit geschlagen. Gehe jetzt, halte die
Augen aus und benachrichtige mich sofort,
wenn Amasis, was möglich wäre, den
Anschlag auf Phanes zu hintertreiben ver
suchen sollte. Tu findest mich aus jeden
Fall zu Hause. Befiehl den Lienen,, sie
möchten alle Besucher abweisen und sagen,
ich betete im Allerhettigsten. Der Un
nennbare behüte Deine Schritte!
Während Psamtik alle Vorbereitungen
zur Gefangennahme des Phanes traf,
stieg Krösus mit seinen Begleitern in eine
königliche Nilbacke, um nach Naukiatis
zu fahren, und den nächsten Abend bei
Rhodopis zuzubringen.
Sein Sohn Gyges uno die drei jungen
Perser blieben zu Sais, woselbst es ihnen
vorlresslick gefiel.
Amasis überhäufte sie mit GesäUigkei-!
len, gestattete ihnen, nach ägyptischem!
Gebrauche, den Verkehr mit seiner Gattin j
und den sogenanntenZwillings-Schwestern j
lehrte Gyges das Dance Spiel und war -
unerschöpflich in Witz und Frohsinn, wenn
er zusah, wie die kraftigen und gewandten
jungen Helden das Ball- und Reisenwer
fen seiner Töchter, ein beliebtes Vergnü
gen ägyptischer Müschen, theilten.
Wahrlich, rief Varlja, nachdem Nitetis
den zarten mit bunten Bändern geschmück- s
i tcn Ring zum Hunderisten Mate ohne zu s
fehlen mit ihrem feinen Stäbchen von El
fenbein aufgefangen hatte, dieses Spiel!
müßen wir auch in derHeimatls einführen.
Wir Perser sind ander?, als ihrAegypter. i
Alles Neue und Fremde ist uns ebenso
willkommen, als es euch verhaßt zu sein
scheint. Ich werde unserer Mutter Kas
sandane davon erzählen, und diese wird
mit Freuden gestatten, daß die Frauen
meines Bruters sich daran ergötzen.
O, thue das, thue das! rief die blonde
! Tachot, hoch errölheno. Nitetis wird
dann mitspielen und sich in die Heimath
und zu ihren Lieben zurückträumen; Du
> aber, Bartja, fügte sie leise hinzu, mußt
s auch, io oft Tu die Reifen fliegen siehst,
an tiefe Stunde gedenken.
Dcr junge Perser antwortete lächelnd:
Ich werde sie niemals vergessen! Dann
rief er laut und munter, indem er sich an
feine zukünftige Schwägerin wandte: Sei
guten Muths, Nitetis, renn es w.ro Dir
besser bei uns gefallen, als Du glaubst.
*) Der äzypti che Ramc.r silr Aethiopien,
Wir Asiaten wissen vieschönhnt zu ehren;
dieß beweisen wir schon dadurch, daß wir
viele Frauen nehmen!
Nitetis seufzte, und Ladice, die Gattin
des Königs, ries: Damit eben zeigt ihr,
daß ihr das Wesen des Weibes schlecht zu
würdigen veistebt! Tu abnst nicht, Bart
ja, was ein Weib empfindet, wenn es
den Mann, der ihr mehr ist als das Le
ben. dem sie Alles, was ihr heilig und
theuer ist, voll und ohne Rückhalt hinge
ben möchte, aus sich herabblicken sieht, wie
auf ein schönes spielwerk, ein edles Roß,
einen kunstreichen Mischkrug! Tausendfach
schmerzlicher ist es noch, wenn man die
Liebe, welche man für sich allein zu be
sitzen hoffen darf, mit hundert Anderen
the len muß!
Da hast Du die Eisersüchtige! Ries
Amasis. Spricht sie nicht, als habe sie
schon Gelegenheit gehabt, sich über meine
Treue zu beklagen?
O nein, mein Theurer, gib Ladice zu
rück, darin seid ihr Aegypter allen ande
ren Männern vorzuziehen, daß ihr treu
und beständig, euch an dem genügen laßt,
was euch einmal lieb geworden ist; ja, ich
wage es dreist zu behaupten, daß keine
Frau so glücklich sei, als das Weib eines
Aegypters! Selbst die Griechen, die das
Leben doch wohl reicher zu schmücken wis
sen. als die Aegypter, verstehen nicht das
Weib zu würdigen, wie es gewürdigt
werden muß. In ihren dumpfen Stuben
von Müllern und Schasfiierinncn zur Ar
beit am Webestuhl und Spinnrocken an
gehalten, vertrauern die meisten helleni
schen Jungfrauen ihre Kindheit, um, wenn
sie mannbar werden, in das stille Haus
eines ihnen unbekannten Gallen geführt
zu werden, dessen Thätigkeit sür den Staat
und das Leben ihm nur selten gestaltet,
das Frauengcmach zu betreten. Nur
wenn die nächsten Freunde und Verwand
ten bei dem Gatten verweilen, darf sich
das Weib, aber selbst dann nur schüchtern
und zaghast, zu den Männern gesellen,
um von dem Weltge'.riebe zu hören und zu
lernen. Ach, auch in uns wohnt dcrDrang
nachWifsen, und gerade unjermGeschlechle
dürste man gewisse Kenntnisse nicht vor
enthalten, damit wir, als Mütter, Lehre
rinnen unserer Kinder werden könnten.
Was soll eine hellenische Müller, welche
seiest nichts weiß und erfahren hat, ihren
Töchtern geben, als Unwissenheit? So
genügt denn auch dem Griechen nur gar
selten seine angetiaule, ihm geistig unter
geordnete, Gattin, und er geht in dieHäu
ier jener Hetären, welche, im steten Ver
kehre mit dem anderen Geschlechte, alles
Wissen dcr Männer erlauschen und es mit
den Blumen weiblicher Anmuth und dem
Salze ihres feineren, zarteren Witzes zu
würzen verstehen. In Aegypten ist es
anders. Hier gestaltet man den erblüh
ten Mädchen den ungezwungenen gesel
ligen Verkehr mit den Besten der Männer.
Jüngling und Jungfrau lernen sich bei
zahlreichen Festen kennen und lieben. Die
Frau wird statt dcr Sklavin, die Freun
rin des Mannes. Eins ergänzt das An
dere. In Schicksalsfragen entscheidet der
Stärkere; die geringeren Sorgen des Le
bens werden dem im Kleinen größeren
Weibe überlassen. Die Töchter crwach
len unter guter Leitung, denn die Mutter
ist nicht ohne Wiste und Erfahrungen.—
Dem Weibe wird es leicht gemacht, tu
gendhaft und häuslich zu bleiben, denn es
erhöht mit Tugend und Häuslichkeit das
Glück dessen, welcher ihr allein gehört, des
sen liebstes Eigenthum sie sich zu sein be
rühmt. Wir Frauen thun einmal nur,
was uns gefällt! Die Aegypter verstehen
die Kunst, uns dahin zu bringen, daß uns
eben nur das gefallen kann, was gut ist.
Hier am Nil hätten Phocylides von Milet
und Hipponax von Ephesus niemals ihre
Schmäblicder aus uns zu singen gewagt,
hier hätte niemals die Sage von der
Pandora erfunden werden können.
Wie schön Du sprichst! Ries Bartja.-.
Das Griechiscbe zu erlernen ist mir >chwer
geworden; jetzt aber fceue ich mich, daß
ickz mich's nicht verdrießen ließ und der
dem Unterrichte des Kiösus aufgemerkt
babe.
Wer sind aber jene schlechten Männer,
welche sich Schlimmes von den Frauen zu
sagen unterfangen? fragte Darias.
Ein paar griechische Dichter, antwortete
Amasis, die kühnsten allerMemcken; denn
lieber möchte ich eine Löwin, als eine
Frau zu reizen wagen. Diese Griechen
scheuen sich eben vor nichts in der Welt.
Hört nur ein Pröbchen von der Poesie des
Hipponax:
Höre auf, höre auf, Du Loser! rief
Ladice, sich die Ohren zuhaltend. Seht,
ihr Perser, so ist dieser Amasis. Wo er
necken und scbcrzen kann, da thut er's,
wenn er auch ganz gleicher Ansicht mit dem
Verspotteten wäre. Es gibt gar keinen
besseren Ehemann, als ihn. ...
Und gar leine schlechtere Frau, als Dich,
lachte Amasis; denn Du bringst mich
wahrhastig in den Verdacht, ein gar zu
gehorsamer Gatte zu sein! Lebt wohl,
Kinder; die jungen Helten sollen sich un.
fer Lais anieben; erst aber will ich ihnen
mittheilen, was der böse Si.noiudcs von
der besten Frau singt:
Es fteui! sie nie ju nsea uuie-r Ke,d>-ri)lt,
lci.jt.
So ist auch meine Ladice!, Lebet wohl?
Noch nicht! rief Barlja. Ich muß erst
unser armes Persien rechtfertigen, um
meiner zukünftigen Schwägerin neuen
Muth einzuflößen. Aber nein! Tarius,
rede Tu für mich, denn Tu versiebst die
Kunst der Rede so gut, als das Rechnen
und die Wissenschaft des Schwertes!
Tu stellst mich ja wie einen Schwätzer
und Krämer dar, erwiederte ver Sohn des
H.)siatpes. Doch sei es; ich brenne schon
lange daraus, die Sitten unserer Heimath
zu vertheidigen. Wisse denn, Ladice, daß
Deine Tochter keineswegs die Sklavin,
sondern dicZFreundin unseres Königs wer
den w rd, wenn Auramazda sein Her;
zum Guten lenkt; wisse, daß auch in Pcr
sien, freilich nur bei hohen Festen, die
Weiber des Königs an der Tafel derMän
er weilen, und daß wir gewohnt sind,
den Frauen und Müttern die höchste Ehr
furcb: zu erweisen. Hört nur, ob ihr
Aegypter euren Gattinnen eine schönere
Gabe schenken könntet, als jener König
von Babylon, der eine Perserin znmWeibe
nabm. Diese, an die Berge ihrer Hei
math gewöhnt, suhlte sich in den weiten
Ebenen des Euphrat unglücklich und er
> krankte am Heimweh. Was that der
König? Er ließ einen riefengroßen Bau
aus hohen Brückenbogen aufführen und
seinen Gipfel mit einem Berge von frucht
barer Erde bestreuen. Aus diesem pflanzte
er die schönsten Blumen und Bäume, wel
che durch ein künstliches Pumpwerk bewäs
sert wurden. Als Alles sertig war, führte
cr seine persische Gattin borthin und
machte lbr den künstlichen Berg, von dem
sie, wie von dcr Höbe des Racknned, in
die Ebene schauen konnte, zum Geschenke.
Und ward die Perserin gesund? fragte
Nilelis mit niedergeschlagenen Augen.
Sie genas und wurde fröhlich; wie auch
Tu in kurzer Zeit Tick wohl und glücklich
in unserem Lande suhlen wirst.
Ladicc lachte freundlich und fragte:
Was hat mehr wohl zur Genesung beige
tragen; der künstliche Berg oder die Liebe
des Gat.en, der solches Werk zu ihrer
Freude errichtete?
Die Liebe des Gatten', rufen die Mäd
chen.
Aber Nitetis wird auch den Berg nicht
verachten, versicherte Bartja. Ich werte
es zu bewerkstelligen suchen, daß sie auf
den hängenden Gärten wohne, so oft sich
der Hof nach Babylon begibt
Jetzt aber kommt', rief Amasis, sonst
werdet ihr euch die Stadt im Dunkeln be
trachten müssen. D'rübcn steht n schon
seit einer Stande zwei Schreiber, welche
meiner warten. Heoa, Sachons, befiehl
dem Hauptmanns der Leibwiche, unseren
hohen Gasten mit bunden Mann zu fol
gen! . „
Aber wozu das? Ein rubrer, vielleicht
ein griechischer lli.tcrbes i> shabcr, würde
genügen.

xml | txt