OCR Interpretation


Abendblatt. [volume] (Chicago, Ill.) 1894-1899, July 27, 1899, Image 2

Image and text provided by University of Illinois at Urbana-Champaign Library, Urbana, IL

Persistent link: https://chroniclingamerica.loc.gov/lccn/sn83045004/1899-07-27/ed-1/seq-2/

What is OCR?


Thumbnail for

; a
Ausland.
Eine Feuersbrunst zerstört einen gro—
sen Theil von Marienburg in
7—2— Westpreußen.
Schutztruppen sür Samoa unter
gemeinsamem Kommando
der Mächte.
Ortsarme in der Provinz Posen
revoltiren.
Der Präsident von San Domingo
ermordẽt.
Die riedens-Konserenz beschstigt sich
noch mil deekrieg und Schiedsgericht.
Massenvergiftung der Gäste eines
Condoner Hotels angeblich durch
eingemachte Früchte aus
; AAmerika.
Awerißka verspricht Genugthuung für
: die Ermordung der Sizilianer
21— in Louisiana. -
1
; Die Reformen in Cransvaal.
Berlin, 26. Zuli.
In Marienburg (West-Preußen) wüthet
eine gewaltige Feuersbrunst. Bis Mittag
waren vierzig Häuser ein Raub der Flam—
men grworden. Die Löschmannschaften von
Danzig und Elbing wurden herbeigerufen,
um bei der Bekämpfung des Feuers zu hel—
fen.
Unter den zerstörten Gebäuden befinden
sich das im 14. Jahrhundert erbaute
Rathhaus und siebzehn historische, in ita—
lienischen Stil am Marktplatze errichtete
Häuser.
; Die geschichtlichen Dokumeate wurden ge
rettet und auch das Schloß der Deutsch—
Ritter „eins der ältesten und interessantesten
historischen Gebäude Deutschlands, war bis
jetzt nicht gefährdet.
Heute Abend zu später Stunde war das
- Feuer unter Kontrolle gebracht und zum
größten Theil gelöscht. 50 Gebäude,
darunter das Gymnasium und die höhere
Töchterschule sind zerstört. Der Schaden
beläuft sich auf mehrere Millioner Mark.
: VBVerlin, 26. Zuli
Die „National-Zeitung“ sagt in einem
Artikel, der Mittheilungen über die Ver—
handlungen der mit der Erwägung und
Entscheidung der Samoafrage beauftragten
Kommission enthält, Folgendes: Tie eng—
lischen Behörden wollten eine Truppen macht
von 800 Mann unter englischem Oberbe—
fehl errichten, um die Ordnung aufrecht zu
erhalten. Die Kommission war außer
Stande, betreffs dieses Corschlages sich zu
einigen, ertlärte sich aber bereir, eine Schutz
trupßhe von 100 Mann 2u errichten. die zu
gleichen Theilen aus den zwei eingeborenen
Parteien genommen werden sollten. Das
Kommando sollten in die küczlichen Vor—
fälle nich verwickelt gewesene Offiziere
g übernehmen. Gemäß diesem Ueberein!om—-
men werden ein englischer und ein deutscher
Leutnant die Kontrolle über je 50 Mann
haben unter einem amerikanischen Haupt
mann.
Verlin, 26. Zuli.
Im Armenhause zu Sthrimm in der
Provinz Posen haben am vorigen Freitag
die 400 Insassen, zumeist Polen, die Wär—-
ter und Aufseher mit Messera und Knüppeln
angegriffen. Polizei wurde herbeigerufen,
doch wurde derselben von den Ruhestöreren
derart zugesetzt, daß sie von ihren Waffen
Gebrauch machen mußte, um sick der An—
greifer zu erwehren. Mehrere Ruhestörer
wurden ernstlich verwundet, schließlich aber
wurden die Rädelsführer verzaftet, worauf
die Ruhe wieder hergestellt war.
Fort de France, Insel Martinique,
26. Juli.
Der Präsident der Dominitanischen Re
publik, General Ulisses Heureaux, wurde
heute Nachmittag um halb fünf Uhr in Moca,
San Domingo, ermordet.
Der Mörder heißt Ramon Caceros. Es
gelang ihm, zu entkommen, doch wurde so
fort seine energische Verfolgung aufgenom—
men und er wird wahrscheinlich bald dingfest
gemacht werden.
Der Vice-Präsident, General Wenceslao
Figuereo, hat nach der Meldung vom Tode
des Präsidenten sofort die Leitung der
Staatsangelegenheiten übernommen. -
Gegenwärtig herrscht überail in der Re—
publit Ruhe.
Die Leiche des ermordeten Präsidenten
wird wahrscheinlich zur Beerdigung nach
San Domingo gebracht werden.
Haag, 26. Juli.
Die Entwurfskommission der internatio
nalen Friedenskonferenz ist heute über die
Form einer Uebereinkunft betreffs
Kriegsgesetze und Bräuche und betreffs der
Anpassung des Genfer Vertrages an den
Krieg zur See schlüssig geworden, desglei
chen über die Formel für den Zutritt von
Mächten, die nicht unterzeichnet haben, zu
dem Schiedsgerichtsplane.
Man hofft, daß die Uebereinkommen bis
zum nächsten Samstag vollständig unter—
zeichnet sein werden.
Nachdem Sir Julian Pauncefote, der
Chef der britischen Delegation, die For—-
derung gestellt hatte, daß die Mächte,
welche das Schiedsgerichtsübereinkommen
nicht unterzeichnet haben, berechtigt sein
sollten, sich nur mit einstimmiger Genehmi—
gung der Vertragsmächte dem Schiedsge—
richtsplane anzuschließen, schlug Graf
Nigra, der Chef der italienischen Delega
tion, einen Zusatz vor, wonach ein derarti
ger Anschluß nur dann gestattet sein solle,
is tn Mdn Einwent erhöbe. Man
hofft, daß das britische Auswärtige Amt
Nigra's Amendement annehmen wird.
London, 26. Juli.
Der amerikanische Botschafter Joseph H.
Choate hielt heute eine Ansprache bei dem
Bankett des Staffordshire Landwirthschaft
lichen Vereins in Wolverhampton und sagte,
er glaube, daß sich nie eine Frage zwischen
Großbritannien und den Ver. Staaten er—
heben könne, die im Stande sein würde, den
Frieden zu stören, welcher beide Länder in
den letzten 85 Jahren zusammengehalten
habe. Er hoffe, beide würden sich nie in der
Noth verlassen und glaube, sie würden den
selben Geist der Civilisation, Gerechtigteit
und Freiheit pflegen, welcher die wahre
Grundlage beider Regierungen sei. ;
; London, 26. Juli.
Große Aufregung wurde hier durch die
räthselhafte Vergiftung von etwa zwanzig
Gästen des Court Hotel verursacht, die man
amerikanischen in Blechbüchsen eingemachten
Früchten zuschreibt. Ein zweites Opfer, F.
W. Bartlett von Philadelphia, starb wäh—-
rend der Nacht. Die Früchte wurden vor
acht Tagen gegessen und Alle, die davon
aßen, erkrankten. Am 21. Juli starb das
erste Opfer. Der Arzt gab als Todesursache
Darmentzündung an. Im Falle Bartlett's
wird ein Inquest gehalten werden.
Die australischen Cricketspieler, die auch
in dem Hotel wohnten, waren zum Glücke
nicht anwesend, als die Früchte servirt wur—-
den.
London, 26. Juli.
Den Mitgliedern des Yale-Harvard ath—-
letischen,„Team“ zu Ehren wurdẽ heute von
V. H. Grenfell, M. P., in Taplow Court
an der Themse, einem der hübschesten Land
häuser in England, ein Gartenfest veranstal
tet. Heute Abend wurde das Savoyh Theater
besucht. Morgen sind die Ameritkaner vom
Parlamentsmitgliede· Lees Knowles einge
laden und werden unter seiner Führung das
Parlament besuchen. Am Freitag gehen sie
nach Oxford und am Samstag werden sich
die meisten auf dem Dampfer „St. Louis“
nach New York einschiffen.
NRom, 26. Juli.
Es ist der Regierung eine amtliche Mit—-
theilung zugegangen, welche besagt, der
amerikanische Staatsminister, Oberst John
Hah, habe den hiesigen amerikanischen Bot
schafter angewiesen, der italienischen Regie—-
rung die Zusicherung zu geben, daß die
Ver. Staaten alle durch die Thatsachen ge—
rechtfertigten gesetzlichen Maßregeln ergrei
fen würden, um den Vorfall in Tallulah
in gerechter Weise zu schlichten. Das Schrei
ben sagte ferner, Staatsminister Hah habe
dem italienischen Geschäftsträger in Wash—
ington Präsident MeKinley's Bedauern
über den betlagenswerthen Vorfall ausge—
drückt.
Pretoria, Republik Tcansbaal,
26. Zuli.
Das neue Bürgerrechtsgesetz ist heute in
der amtlichen Zeitung veröffentlicht worden.
FJohannesburg, W. Juli.
Hier ist ein Gerücht im Umlaufe, daß der
„Raad“ sich zuerst geweigert habe, Präsident
Krüger's Rücktritt nur durch Abgabe einer
Stimme des Vorsitzers zu acceptiren. Arf
jeden Fall scheint die Dynamit Companh
er den augenscheinlichen Entschiuß des
Volksraad beunruhigt zu sein, vas Monopol
aufzuheben, und sie hat der Regierung Vor—-
setlüae für die Herabsetzung der Preise von
Dynamitgelatin unterbreitet. Diese Vor—
da sind übrigens von gewissenßedingun
gen begleitet, von denen eine bestimm:, daß
die Herabsetzung von dem jährlichen Verkauf
von 250,000 Kisten abhängig sein solle.
Der Volksraad hat die Erörterung dieser
Vorschläge verschoben.
Es verlautet, daß der Executivrath in
Pretoria den neuen Vertheilungsvorschlag
angenommen hat, wonach die Goldfelder von
Witwater Rand zehn Mitglieder im Volks
raad erhalten sollen, anstatt vier und Klerks
dorp, Heidelberg und Petchefstroon sechs wei
tere Mitglieder.
In einer heute Abend hier abgehaltenen
Massenversammlung von Uitlanders wur—
den Resolutionen angenommen, in denen das
Bürgerrechtsgesetz für durchaus unzuläng—
lich erklärt wird und wirksame Garantien und
ein geeigneter Neuvertheilungsplan verlangt
werden.
Madrid, 26. Inli
Bei der Debatte über die Heeresvorlage
in der heutigen Sitzung des Senats kam
es zu einem aufregenden Auftritte. Ge—
neral Valeriano Weyler, der jede Verrin—
gerung der Stärke der Armee bekämpfte,
hielt der Regierung warnend vor, daß die
gegenwärtige Lage eine Revolution überaus
wahrscheinlich mache, daß Heer und Volk
es niemals so leicht gehabt hätten, ge—
meinschaftliche Sache zu machen. Er per—
sönlich, sagte Weyler, habe nie daran ge—-
dacht, sich an die Spitze eines Aufstandes
zu stellen, es müsse aber eingestanden wer—
den, daß Revolutionen manchmal die poli—-
tische Atmosphäre klärten unbd eine Wie—
dergeburt zu Stande brächten.
Der Minister des Innern, Senor Dato,
tadelte in seiner Erwiderung auf General
Weyler Letzteren in schärfster Weise, in—
dem er erklärte, daß ein General, der mit
300,000 Mann es nicht fertig gebracht
habe, die cubanische Rebellion zu unter—-
drücken, kein Recht habe, derartige Dro—
hungen auszustoßen und daß jeder Versuch
einer Revolution, einerlei von wem der—
selbe gemacht werde, mit der äußersten
Strenge des Gesetzes bekämpft werden
würde.
Die Senatoren nähmen Senor Dato's
Reden mit großem Beifall auf vnd die
Heeresvorlage wurde schließlirh angenom—
men.
Denkmal enthüllt.
Uutica, N 2,26. Zuli.
Heute wurde hier ein Denkmal des
Gründers des Ordens der Pythias-Ritter,
Justus H. Rathbone, enthüllt. Dasselbe
hat $14,000 gekostet.
Die Weiherede hielt Supreme Chancel
lor Thomas G. Semple von Alle
gheny, Pa. 2 ;
Inland.
Fortsetung der Einwanderungs
untersuchung in New York.
Der Straßenbahnstreik und die
Unruhen in Cleveland.
Wisconsin's Silberdemokraten rüsten sich
zum Kampfe für Bryan.
Der Präsident und Gemahlin treten
eine Erholungsreise an.
Alger ebenfalls von Washington abgereist.
MNew Nortk, 26. Zuli.
In der heutigen Sitzung des Unteraus—-
schusses der„United States Industrial Com—
mifsion“ wurde als erster Zeuge Roman
Dobbler, Chef der Einwandecungs-Inspek
tionsbehörde, vernommen. Er sagte unter
Anderem aus, daß seiner Erfahrung nach
Clerks, die mit 40 oder ʒSO in der Tasche
als Passagiere der zweiten Kajüte berüber—
kämen, die Ersten seien, welche der öffentli—
chen Wohlthätigkeit zur Last fielen. Zeuge
hatte eine Tabelle angefertigt, welche das
Verhältniß der Zahl der ankommenden Pas—
sagiere der ersten und zweiten Kajüte zeigte.
Auf Linien, wie dem Norddeutschen Lloyd,
der Cunard, American, Anchor, und White
Star, war die Zahl der Salonpassagiere der—
jenigen der Zwischendeckspassagiere fast gleich.
In Dampfern aus Häfen des Mittelländi—
schen Meeres aber war die Zahl der
Zwischendeckspassagiere bei Weitem größer,
als die der anderen Klassen. Mormonen,
sagte Zeuge, kämen immer auf Schiffen der
Anchor-Linie von Glasgow, und zwar in der
zweiten Kajüte. Aus den vom Zeugen zu
sammengestellten Ziffern ging hervor, daß
während 2083 Passagiere aus italienischen
Häfen im Zwischendeck herüberkamen, nur
25 als Kajütenpassagiere die Reise gemacht
hatten. Nach Dobbler's Aussage kommen
viele Personen in der zweiten Kajüte, um
der scharfen Untersuchung in der „Barge
Office“ zu entgehen. Viele der neuen An—
kömmlinge, glaubte er, würden betreffs der
Leantwortung der Fragen, die ihnen in der
„Varge Office“ gestellt würden, vorher in—
struirt.
Dr. Lorenzo Ullo, juristischer Berather des
Einwanderungsbureaus, sagte, es sei über—
aus schwierig, die auf die Einwanderung be—
züglichen Gesetze durchzuführen, und zwar
wären daran die vielen Widersprüche schuld,
die in diesen Statuten sich fänden. Da sei
zum Beispiel das Gesetz, welches vorschreibe,
daß Verbrecher, die nach diesem Lande kämen,
nach der Nation, zu welcher sie gehören, und
nach dem Hafen, von welchem sie abgefahren
sind, zurückgeschickt werden sollen. Manch—
mal sei nun so ein Verbrecher ein Orientale
und sei von Bremen hierher gekommen.
Zeuge meinte, das Gesetz solle bestimmen,
daß derartigen Personen einfach nicht gestat
tet werden solle, zu landen, und daß bie
Dampfergesellschaften mit ihnen sollten thun
können, was sie für das Beste hielten. Zeuge
sagte, daß in keinem der Einwanderungsge—
setze eine ausdrückliche Verfügung für die
Zurückschickung von Contraktarbeitern ent
halten sei. Die Gesetze von 1891 rhäten dies
auf Grund einer stillschweigenden Foigerung,
und es sei dieses Gesetz, unier welchem das
Departement arbeite.
Zeuge sagte dann, das Gesetz betreffs Con
traktarbeiter solle so abgeändert werden, daß
irgend ein Uebereinkommen, wonach ein
Mann hierher käme, um zu arbeiten, nicht
streng genommen einen Contrakt bedeuten
solle. Ferner sollten Leute, vie von Dam—
pfergesellschaften entgegen den Einwande—
rungẽgesetzen hierher gebracht würden, gegen
die Eigenthümer der Schiffe, auf denen sie
herüberkamen, klagbar werden dürfen.
„„Wenn es“, sagte er, „raihsam ist, das
Hierherkommen von Contraktarbeitern ein—
zuschränken, so muß das Gesetz abgeändert
werden. Das Gesetz, wie es jetzt ist, schränkt
nicht ein.“
Frau Virginia Stuckler, die Obermatrone
in der „Barge Office“, machte Angaben ühber
die Behandlung hier ankommender Frauens
personen, die ihrer Niederkunft entgegen sehen.
Von 1441 Frauenspersonen. die während
dieses Monats in diesem Zustande hier an—
kamen, seien 52 in der „Barge Office“ ge
traut worden, 28 seien auf ihre Litten zu—
gelassen worden, von den übrigen habe sich
herausgestellt, daß sie verheirathete Frauen
waren.
Frau Stuckler sagte, es würde durch—
schnittklich eine Trauung am Tage im Lan—
dungsbureau vollzogen. 31 Frauen seien
angekommen, die ihren Gatten untreu gewe
sen wären, mit Ausnahme von drei Fällen
aber wäre allen die Landung gestattet
worden.
Es sollte, meinte Frau Stuckler, den Sta—
tuten eine Bestimmung hinzugefügt werden,
welche die Landung von Mädchen verbiete, die
zu unsittlichen Zwecken hierher gebracht wer—
den. Die gegenwärtigen Gesetze enthielten
eine derartige Bestimmung nicht. ;
William Weihe, vom Contraktarbeitshu—
reau, früher Präsident der Amalgamated
Association von Eisen- und Stahlarbeitern,
sagte, daß 50 Prozent aller hierherkommen—
den billigen Arbeiter, Slovaken, Polacken
und Russisch-Polen, nach Pennsylvanien
gingen, wo sie nicht nur an Eisenbahnen
und in Koblenbergwerken arbeiteten, son—
dern auch in den Eisen- und Glaswerken in
den Industriemittelpunkten mit den dort be
findlichen Arbeitern in Mitbewerb träten.
Es ist gezeigt worden, sagte Weihe, daß
die Fabrikbesitzer Ausländern den Vorzug
geben, sogar wenn geschickte amerikanische
Arbeiter sich erbieten, die Arbeit zu den
nämlichen Löhnen zu thun. In 1897
brachte eine Weißblechfabrik in Harrisburg
zwei Weißblecharbeiter aus Wales hierher
zu $35 bezw. 30 Löhnen wöchentlich. Wir
haben die an diese Leute geschickten Briefe,
in denen diese Löhne versprochen wurden.
Die Briefe waren vom Geschäftsführer auf
Briefpapier geschrieben, auf welchem der
Name der Firma gedruckt war. Die Leute
kamen hierher und fingen an zu arbeiten
Wir konnten nicht beweisen, daß der Präsi
dent der Fabrit den Geschäftsleiter ermäch
tigt hatte, die Leute zu engagiren, und
der Geschäftsführer selbst nur ein Angestell—
ter (,A hired Man) war, so konnte
die Firma nicht gerichtlich belangt werden.
Dr. Egisto Rossi, Vorsteher des italieni
schen Bureaus in der Barge Office, sagte,
sein Bureau werde von der italienischen Re
gierung unterstützt. Seine Regierung er—
muthige die Auswanderung italienischer
Unterthanen nach den Vereinig
ten Staaten durchaus nicht. Das
Bureau sei hier zu dem Zwecke errichtet
worden, um das Padronesystem zu reguli—
ren und um über die hier ankommenden
italienischen Eizwanderer gleichsam Buch
zu führen. Seine Assistenten, sagte 2
hätten die Vorrechte ausgeübt, die den Ver—
stretern anderer Gesellschaften gestattet seien,
nämlich mit den in den Pferchen gurüchge
lhaltenen Einwanderern zu sprechen, nicht
saber mit denjenigen, welche behufs speziel
er Untersuchung zurückbehalten wurden.
Obwoh er nicht gerade sagen wolle, daß
sein Bureau das Padronesystem zerstört ha
re so sei er doch im Stande gewesen, zu
rerhindern. daß viele neue Ankömmlinge
aus Italien mit den Bankiers und Padro
lues in diesem Lande in Berührung kämen.
„Betrachten Sie italienische Auswanderer
in diesem Lande immer noch als Koloni
ear fragte Vorsitzer Smythe.
„Wir betrachten als Kolonisten alle Ita
liener, die keine Naturalisationspapiere er
wirtt und die italienische Regierung in
Kenntniß gesetzt haben, daß sie ihre Zuge
hörigteit zu König Humbert abgeschworen
haben.“
„Ist es wahr, daß Sie am 21. April d. I.
sein Rundschreiben ausgegeben haben, worin
sie sagten, daß wegen des Krieges mit Er
nien Arbeit und Industrie !n diesem Lande
aufgehört hätten, und Ihrer Regierung den
Rath gaben, keine Pässe an Auswanderungs
lustige auszustellen?“
„Nein; die Person, die Ihnen eine solche
Mittheilung machte, hat mein italienisches
Cirkular nicht verstanden. Viele Leute ta
men mit ungenügenden Geldmitteln von Ita
— an, und ich ersuchte einfach die Re
rung, den Bürgermeistern und Präfekten
Nothwendigkeit einzuschärfen, bei der Aus—
stellung von Pässen behutsam zu sein, um so
mehr, da die Vereinigten Staaten in einen
Krieg verwickelt und industrielle Unterneh—
bis zu einem gewissen Grade suspendirt
seien
„Es ist uns mitgetheilt worden, daß ge—
wisse italienische Regierungsbeamie ein In—-
teresse daran haben, Contraktarbeiter hierher
zu schicken, und die Profite mit den Padro—-
nen theilen,“ sagte Major Farquhar.
„Ich halte es nicht für möglich“, sagte Dr.
Rossi. „Amerikanische Werkführer, die
amerikanische Contraktoren thätig sind, ha—
ben die Methoden der Padrone angewandt,
sseitdem wir im Stande gewesen sind, dem
Treiben der Letzteren Einhalt zu thun.“
Commissär MeSweeny wurde hier nochmals
vernommen und über mehrere minder wich—
tige Angelegenheiten befragt.
Die Convention vertagte sich dann, um im
September in Washington wieder zusam—
menzutreten.
Cleveland, 0., 26. Juli.
Das Sturmcentrum des Straßeneisen
bahnstreiks hat sich, wie die Polizei sagt,
in der mit Cleveland durch eine lange, hohe
Brücke verbundenen Vorstadt Brooklyn fest
gesetzt. Heute Mittag blockirten 150 An—
sgesteltte der „Born Steel Range Company“
einen Wagen auf der Brücke und schleppten
en Motormann und den Condukteur von
ihren Posten weg, wobei sie ihnen mit ihren
Fäusten und Waffen, wie sie ihnen gerade
n Hand waren, Verletzungen beibrachten,
die mehr schmerzhaft als gefährlich waren.
Milizsoldaten, welche bei dem eine halbe
Meile entfernten Wagenschuppen Wache
hielten, eilten den beiden Angegriffenen zu
2 als sie aber auf dem Schauplatze der
Unruhen angekommen waren, hatten sich
die Radaumacher bereits in eine unter den
Zugängen der Brücke gelegene Fabrik ge—
flüchtet. Letztere wurde umziagelt und das
/Gebäude durchsucht, doch konnie keine Spur
gefunden werden, auf Grund deren die
Schuldigen herausgesucht werden konnten.
Die Soldaten waren dann dem blutbefleck
ten Motormann und Condukteur behülflich,
den Wagen, dessen sämmtliche Fenster, ne
benbei gesagt, zertrümmert waren, in Be—
wegung zu setzen.
General Axline, Befehlshaber der hier
befindlichen Truppen, machte heute, um
persönlich die Lage in Augenschein zu
men, eine Fahrt auf einem Wagen der
Orangestreet. Er war in Civiltleidung
und der Wagen wurde auf der ganzen
Route in verschiedenen Zwischenräumen mit
Steinen beworfen. Ein Stein flog um
Haaresbreite am Kopf des Generals vor—
: Letzterer machte noch weitert Fahr
ten durch die unruhigen Stadttheile, lehnte
es aber ab, seine Ansicht über die Lage da—-
selbst mittzutheilen.
Die Wachsamkeit der Miliz hat ernstliche
Wirren verhütet. Während des Tages wur
den Vorbereitungen für Massenversammlun
gen an verschiedenen Punkten getroffen. Es
wird erwartet, daß, falls der Mayhor nicht
hindernd einschreitet, morgen Abend eite
große Massenversammlung auf dem im Her
zen der Stadt gelegenen Monumental
Square stattfinden wird. Für eine dieser
Massenversammlungen wurde heute bereits
eine Plattform in Brooklyn errichtei. In
dieser letzteren Versammlung soll gegen das
des Mayor Farley von Cleveland
protestirt werden, der unter der Ermächti
gung eines fast vergessenen Gesetzes die
oberste Polizeigewalt in Cuyhahoga Counth
übernommen hat. Dadurch werder Maehor
Phelps von der Vorstadt und seineConstabler
ihrer Amtsgewalt enttleidet, was :hnen kei
e lieb ist. 2
Den Soldaten und der Spezialpolizei des
Clevelander obersten Executivbeamten in
Brooklyn ist nicht gestattet, wie es heißt, die
öffentlichen Hhdranten zu benutzen, um sich
eser verschaffen und bei verschicdenen
Gelegenheiten wurde nothgedrungen von den
Bayonetten Gebrauch gemacht, um Laden
besitzer zu überzeugen, daß sie am Weisesten
r würden, wenn sie den Soldaten
Alles, was sie verlangten, verkauften. Ma
yor Farleyh schickte heute an Mayor Phelps
einen Brief, worin er erklärte, daß wenn die
Clevelander Soldaten noch irgend waldhe
weitere Schwierigkeiten hätten, um Wasser
zu bekommen, die Stadt Cleveland, welche
das Wasser nach der Vorstadt pumpt, 3
suchen würde, einfach die Wasserzufuhr für
Brooklyn abzuschneiden. Mayor Farleyh 2
ferner eine Erklärung an die Streiker erlas
sen, worin er sagte, daß ein Mann, der mehr
loyal sei gegen seine Arbeitsunion als degrn
sich selbst und das Land, ein Feigling und
schlechter Bürger sei.
Zwölf Linien der „Big Conso:dated“
waren heute und die meisten der Linien wa
ren letzte Nacht in Betrieb. Die Behörden
schöpfen daraus die Hoffnung auf eine fort
gesetzte Besserung der Lage. Präsident Ma—
hon von der National Union von Straßen—
bahnangestellten erklärte heute in einem In
terview, daß, da die Straßenbahngesellschaft,
wie ihm mitgetheilt worden, jeden Tag tau—
sende von Dollars einbüße, der Streik bald
auf Grund gütlicher Vorschläge von Seiten
der Company geschlichtet werden müsse.
Trotz dieser Erklärung verstieg sich Präsident
Everett heute nochmals der Schiedsgerichts
behörde gegenüber zu der Erklärung, daß die
Company nichts entscheiden zu lassen
Wegen der Haltung der Companyh ist die
Schiedsgerichtsbehörde außer Stante,
a für die Beilegung des Streiks zu
thun.
Die Aufgabe, die Soldaten auf die ver
schiedenen Punkte, wo Unruhen stattfinden,
zu vertheilen, ist heute von General Arxlite
zu Ende gebracht worden. Viele Soldatfn
wurden nach Newburgh geschickt, welches deñ
unruhigen Theil von Broadway einschliehßt,
ferner nach Pearlstreet und nach Winder
mere, wo die Straßenbahngesellschaft den
werthvolleren Theil ihres Eigenthums auf—
gespeichert hat. Eine Compagnie wurde fer
ner nach Collinwood geschickt. Mahor Far-!
ley erklärte heute, er würde Gewaltthätigkei
ten unterdrücken und wenn er dazu die ge—-
ssammte Miliz von Ohio aufbieten müßte.
Ein Knabe wurde heute Abend von cinem
nicc zur Union gehörigen Condukteur ge
schossen, ob aber die Kugel durch Zufall ab
gefeuert war oder nicht, hat die Polizei noch
nicht feststellen können. Der geschossene
Knabe heißt Frank Wright und ist 18 Jahre
alt. Er saß auf der vorderen Veranda des
Hauses No. 33 Anndale Avenue, als ein!
elektrischer Wagen vorbeikam. Ovwohl zal
der Zeit, wie behauptet wurde, keine Jlnruhen
in der Nachbarschaft herrschten, so hatte doch
der auf der vorderen Platform brim Motor—-
mann stehende Condukteur einen Reypolrer in
der Hand. Plötzlich krachte ein Schuß und
der junge Wright stieß einen lauten
Schmerzensschrei aus. Die Kugel war ihm
gerade unterhalb der Leistengegend ins rechte
Bein gedrungen. Der Wagen fuhr nach
Euclid Avenue und von dort nach den
Schuppen. Als die Polizei erschien, war der
Condukteur nicht zu finden.
New Hort, 26. Zuli.
Die Central Federated Union hat heute
Abend durch ihren korrespondirenden Se—
kretär einen Aufruf zu einer Versammlung
von Vertretern hiesiger Arbeiterorganisatio
nen erlassen, die am Montag, den 7.
August, Abends, abgehalten werden soll.
In dieser Versammlung sollen Pläne für
die Bildung einer neuen Arbeiterpartei ent
worfen werden. Der Aufruf lautet wie
folgt:
An alle Gewerkschafts- und Arbeiteror
ganisationen von Groß-New HYort!
Nach einer beträchtlichen und interessan—
ten Erörterung in einer am 23. Juli 1899
abgehaltenen regelmäßigen Sitzung dieser
Körperschaft, in welcher der Streik der Mo—-
torleute und Condukteure sowohl in Brook
lyhn wie in Manhattan besprochen und in
welcher gezeigt wurde, daß das Zehnstun—
dengesetz von den Trolleycorporationen ver—
letzt worden sei und immer noch verletzt
werde, und daß die Behörden anscheinend
schliefen und keinen Versuch machten, besag—-
tes Gesetz durchzuführen, wurde einstimmig
beschlossen, eine Conferenz aller Gewerk—
schafts- und Arbeiterorganisationen einzu—
berufen, die am Montag, den 7. August,
Abends um 8 Uhr in Clarendon Hall ab—
gehalten werden soll, zu dem Zwecke, ein
Programm zu entwerfen, auf Grund dessen
Arbeitercandidaten nominirt werden kön—
nen. Sie sind deshalb dringend ersucht,
zwei Vertreter Ihrer Körperschaft in der
Conferenz anwesend zu haben.
Madison, Wis. 26. Juli.
Demokratische Freisilber-Führer von Wis
consin werden nächsten Montag hier eine Be—-
rathung mit Wm. J. Bryan haben, um die
ersten Schritte zu thun, daß d:rser Staat
nächstes Jahr eine stramme Bryan-Delega
tion in den demokratischen Nationalconvent
schickt.
W /H. Rodgers von Madison, T. E. Ryan
von Waukesha und John Toohey ron Mil
waufee, welche letzte Woche in einer Confe
erlre Badger-Demokraten in Chicago er—
nannt wurden, um eine zur Veröffentlichung
bestimmte Adresse auszuarbeiten, werden :n
der Montagsconferenz anwesend sein und die
Abresse Bryan vorlegen, ehe sie dieselbe der
Presse übergeben.
E. C. Wall von Milwaukee, Mitglied des
emeirat shen Nationalcomites von Wis—
wurde nicht eingeladen, weil er
Gold-Demokrat ist.
Bryan hält am Montag eine Vorlesung in
der Mona Lake Assembly. Die Silberleute
bieten Alles auf, um eine stark besuchle Ver
sammlung zu Stande zu bringen.
—Washington, D. C., 26. Juli.
Präsident MeKinley und Gemahlin sind
heute Nachmittag um 3 Uhr mitiels Sonder—
zuges zu mehrwöchentlichem Aufenthalte nach
Lake Champlein abgereist, wo sie im Hotel
Champlain abteihen werden. In der v
tung des Präs desiten befinden sich Frl. Sa
rah Duncan, ; ine Nichte, Privatsekretär
Cortelyou und ne Anzahl Attachẽs und ein
Theil der Dien schaft des Weißen Hauses.
Mehrere Huntfrt Personen hatten sich am
Bahnhofe einßfunden. Der Minister des
Innern Hitchceock, Generalpostineister Smith,
Generaladjutani Corbin und Comptroller
Dawes waren am Zuge erschienen, um dem
Präsidenten gute Reise zu wünschen. Der
Zug bestand aus dem Schlafwagen „Fore
net“ und der „Composite Car“ „Patagonia“
und der „Atlantic“· Der Zug fährt auf der
Pennsylvania-Bahn nach Jersey Cityh, von
da auf der West Shore -Bahn nach Albanyh
und von dort auf der Delaware & Hudson
River - Eisenbahn nach Lake Champlain.
Morgen früh trifft die Gesellschaft im Hotel
Champlain ein. :
Kriegsminister Alger und Gattin sind
heute früh um 8 Uhr nach Thorndale, Pa.,
abgereist, wo sie ein paar Tage bei ihrer
Tochter zubringen werden. Alger wird
Privatgeschäfte halber einen kurzen Besuch
in New York machen, ehe er am nächsten
Montag nach Washington zurücktehrt; um
seine amtliche Verbindung mit der Regie—
rung zu losen.
Der Hülfs-Generaladjutant der Freiwil—
ligen und militärische Sekretär Alger's,
Major Hopkins, hat Anstalten getroffen,
seine Verbindung mit der Armee zu lösen
und seine Berufsgeschäfte in Detroit wieder
aufzunehmen.
Während der Abwesenheit Alger's und
bis Root die Pflichten seines Amtes förm
lich übernimmt, wird Hülfssekretär Meitle
john die Angelegenheiten des Depariements
leiten.
New York, 26. Zuli.
Präsident MeKinleyh ist heute Abend nebst
seiner Begleitung ein paar Minuten nach 9
Uhr in Jersey City angekommen. Der aus
drei Wagen bestehende Sonderzug fuhr in
den Bahnhof der Pennsylvaniabahn, wo
einer frische Lokomotive angekuppelt wurde.
Sobald dies geschehen war, fuhr ber Zug
weiter. Keiner der Gesellschaft war sichtbar,
so lange der Zug im Bahnhofe stand. Der
Zug fuhr von Jersey City auf der West
Shore-Bahn weiter.
Plattsburgh, N.9. 26. Zuli.
Der Präsident und seine Gesellschaft iref
fen morgen früh um 8 Uhr 45 Minuten im
Hotel Champlain ein. Die Zimmerflucht
auf dem Hauptflur in der südwestlichen Ecke
des „Annex“, der Frau MeKinley während
ihres Aufenthaltes vor zwei Jahren so aus
nehmend gut gefiel, ist in lichtem Blau,
ihrer Lieblingsfarbe, ausgestattet worden.
Der Präsident und seine Gemahlin werden
während der Zeit. ihres Verweilens ihre!
Mahlzeiten in ihren eigenen Gemächern ein—
nehmen.
SanFramceisco, Cal., 26. Juli.
Der Dampfer Umatilla ist heute von Bri—
tish Colunbia und dem Puget-Sund mit
ungefähr 40 Goldsuchern vom Klondite und
einer großen Anzahl sonstiger Passagiere
hier angekommen. Die Leute, welche aus
Dawson kamen, hatten nicht mehr als $15,-
000 Gold in ihrem Besitze. Die Goldsucher
waren von Klondike über den Chilcootpaß ge
kommen und hatten sich mittels eines Kü
stendampfers nach Victoria begeben, von wo
sie mit der Umatilla nach dem hiesigen a
fen fuhren.
Seattle, Wash., 26. Juli.
Zwei Dampfer, „Elihu Thompson“ und
„Lakme“, sind heute mit 300 Goldsuchern von
St. Michael, Alaska, hier angekommen. Sie
brachten einen kleinen Betrag an Goldstaub
mit sich. A. Kyle, der der Führer einer Ge
sellschaft von 28 Bostonern war, welche in
Arctic City überwinterten, war ein Passa
gier auf dem„Elihu Thompson“. Er sagte,
25 bis 30 Goldsucher seien während der letz
ten Saison im Kowak River erirunken. Ihre
Namen wußte er nicht. Es wurde kein Gold
am Kowakt River gefunden. In Beaver, 300
Meilen nördlich von Arctic Cith, sind lezten
Winter viele Todesfälle in Folge von Stor--
but und Kälte vorgekommen. Kyle berichtet
ferner, daß drei entlassene Soldaten und ein
Goldsucher vor drei Wochen bei einem Ver—
suche, in einem kleinen Boote von St. Mi--
chael nach Cape Nome überzusetzen, ertrun—
ken seien. Er wußte von keinem derselben
den Namen anzugeben.
Seattle, Wash., 253. Juli.
Goldsucher, welche heute mit dem Dampfer
„Elihu Thompson“ von St. Michael hier an—-
kamen, berichten von gespannten Beziehungen
zwischen Goldsuchern und Militär in Cape
Nome. Am 11. Juli lösten die Soldaten eine
Versammlung von Goldsuchern auf, welche
gegen die Handlungen der Bundesbeamten
protestirten. Dem Vernehmen nach wird ein
mit zahlreichen Unterschriften orrsehener Pro—
test nach Washington geschickt werden.
Milwautee, Wis., 26. Juli.
Die Theatrical Mechanical Association der
Ver. Staaten und Canada's wählte heute
die folgenden Beamten: Groß-Präsident:
I. Frank Eline, Baltimore, Md.; Groß—-
Vizepräsident: J.B. Smith, Chicago; Groß-
Sekretär: Charles Levering jr., Philadel
phia; Groß-Schatzmeister: Otio D. Goebel,
Milwaukee; Trustees: Thomas Hanlon,
Newark, N. J.; E. H. I. Price, Buffalo;
C. H. Estinghausen, Cleveland. Finanz-
Comite: W. A. Troyer, New Orleans; Wm.
H. Reed, Newark; Wm. I. Horn, St. Louis.
Gesetz, Appellations- und Beschwerde-Co—
mites: D.Frank Dodge, San Francisco; W.
2 Mackey, New York; W. I. Furlong,
Montreal. Groß-Marschall: L. C. Carroll,
Pittsburg. Groß-, Tiler“: B. Raymond, To
ronto, Ont.
Der Milwaukee-Loge wurde ein Ban—-
ner verehrt für die größte Vertretung in der
Convention.
Philadelphia wurde als Ort des nächsten
Convents gewählt.
Das Abendblatt, durch Träger in's Haus
gebracht, kostet nur 6 Cents die Woche.
Schläfriger Wächter.
Ein des Mordes angeklagter Streiker
dadurch entkommen.
2 Marion, 111., 27. Juli.
Durch die Unachtsamkeit eines Hülfs—
sheriffs ist es William Smith, einem der
bei der kürzlichen Schießerei in dec Nähe
der Fredonia Gruben betheiligten Streiker,
gestern Abend gelungen, seine Fluckt zu
bewerkstelligen. Der Hülfssheriff befand
sich mit seinem Gefangenen auf einem nach
East St. Louis gehenden Bahnzug und
war bei der Ankunft dort fast eingeschla
fen. Diesen Umstand aber benutzte Wil
liam Smith, indem er sich unbehindert au
dem Staube machte.
Schiffsnachrichten.
; In der Nacht gemeldet:
Plymouth: „Graf Waldersee“ vo
New York nach Hamburg.
Victoria „Port Albert“ von Ho
nolulu.
Queenstown „Eermanice“ vo
New York nach Liverpool.
Abgefahren:
New York: „Majestic“ nach Liver
pool.
San Francisco: „Australia“ nach
Honolulu; „American Maru“ nach Hong—-
kong.
Southampton: „Lahn“ (von Bre—
men) nach New York.
Panama —,Costa Rica“ nach Cham—-
perico, „City of Sidney“ nach San Fran—
cisco.
Manila „Sherman“ nach San
Francisco über Nagasaki und Yotohama.
—ffÚ ÚW
Was ist der „Crak“ ?
Darüber weiß Jules Claretie, der be—
kannte Pariser Feuilletonist, Allerlei zu et—
zählen. Am Abend der ersten Aufführung
der „Welt, in der man sich langweilt“ plau—
derte Madeleine Brohan im Foyer der „Co—
méẽdie Francçaise“ mit dem Marschall Can
robert. Sie war nervös und ihr gewöhn—
liches angenehmes Lächeln war unter der
weißen Perrücke einer Herzogin des acht—
zehnten Jahrhunderts nicht mehr zu er—
kennen. „Was haben Sie denn, verehrte
Freundin?“ fragte der Marschall. „Es ist
doch sehr einfach, was ich habe,“ erwiderte
die Schauspielerin, „ich habe den Trak.“
„Was ist der Trat?“ „Der Trat ist die
Furcht, mein lieber Marschall! Sie können
das natürlich nicht wissen, was die Furcht
ist. Suchen Sie das Wort im Lexikon!“
Eine echt französische Wendung.
Die Schauspieler sind, so meint Claretie,
fast alle furchtsam. Bouffẽ brach von der
ersten Scene einer Premiere ab der Angst
schweiß aus. Er mußte die Wäsche wech—
seln. Der treffliche Landrot, ein in der
Coulisse ergrauter Schauspieler des „Gym—
nase“, half sich, indem er, sobald er auf die
Bühne gekommen war, das Publikum fixirte
und das berühmte Wort Cambronne's auf
dem Schlachtfelde von Waterloo: „Die
Garde stirbt, doch sie ergiebt sich nicht“,
innerlich wiederholte. An ihm richtete er
seinen Muth auf. Diefe besondere Er—
regung, die den Schauspieler befällt, ist der
Seekrankheit vergleichbhar. Die Verände—
rungen in den Pulsschlägen und· der Tem—
peratur sind leicht festzustellen. Aber auck
drastischere Erscheinungen, die mit der See
kranktheit verbunden sind, haben sich bei ein—
zelnen Künstlern gezeigt. Jedenfalls ist di
Furchtsamkeit eine Krankheit. Sie pack
den, der von dem Tratk ergriffen ist, wit
ein Nervenübel. Die Furchtsamkeit ist
gleichzeitig ein Vorzug und eine Schwäche.
Der Furchtsame ist entweder eine fein orga
nisirte Natur oder stolz; jedenfalls ist er
paralysirt, entwaffnet; er sinkt in geistige
Inferiorität herab. Deshalb ist der Furcht
same ein Unglücklicher, er wird sein ganzes
Leben durch den Eiteln zurückgedrängt wer
den, der sich mit seiner Ueberlegenheit brü—
stet, und durch den Kühnen, der ohne wei—
teres keck in erster Reihe Platz nimmt. Wie
Jules Claretie mittheilt, hat sich indessen
ein Arzt gefunden, der es unternimmt, von
der Furchtsamkeit zu heilen, dieser „Geistes
schwäche“, die schließlich zur geistigen Krank—
heit wird.
Uebrigens leiden auch noch Andere als
Schauspieler unter dem Trak, und auch die
höchste Stellung sichert nicht davor. So
erzählte Jemand, der Napoleon 111. genau
gekannt hat, von dessen Zögern, wenn er
Sonntags in den Tuilerien zur Messe ging.
Er wußte sich beobachtet, in wenigen Augen
blicken den Zielpunkt aller Blicke. Er suchie
sich eine Haltung zu geben, studirte sich,
sehe er eintrat, machte bald einen Schritt
vorwärts, bald einen zurück, bis er sich mit
einem plötzlichen Ruck entschloß, in die Ka—
pelle einzutreten und seinen Platz einzu—
snehmen er, der Kaiser, eingeschüchtert
von all' den Blicken. Vielleicht war auch
Ludwig XIV. furchtsam. Sully mußte,
wenn der König zur Messe ging, durch
Geigenklänge seinen Schritten den Takt
geben, so daß er mit Würde auf seinen
Platz gelangen konnte. Aus seiner eigen;
erzählt Claretie Folgendes
hatte als Vorstand des Schriftstell—
den durch seine Tapferkeit auf de
sfeld bekannten General Ladmir
Gouverneur von Paris um Freiga
beanstandeten Stückes zu bitten. Seẽ
scheinen setzte den tapferen General in M
unglaubliche Verlegenheit. Er schob ie
Papiere auf seinem Schreibtische hin und
her 7 arbeitete mit dem Papiermesser, zupfte
an seiner Uniform und hatte die unentschie
denen Bewegungen, die klar auf die von
Furchtsamkeit eingegebene Verlegenheit hin
wiesen.
Der Arzt, der von dem Trak heilen zu
tönnen behauptet, soll jedenfalls mit seinen
Mitteln nicht zu heroisch vorgehen. Denn
wenn er die Furcht allzu energisch exstirpi
ren will, kann leicht auch der Reiz ver—-
schwinden, der gerade aus fein angelegte
Naturen in ihrer Rückhaltung und d
denhrit so mächtig anspricht.

xml | txt