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Der Deutsche correspondent. [volume] (Baltimore, Md.) 1841-1918, August 27, 1881, Der Sonntags-Correspondent, Image 10

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DaS eidgenössische Schützenfest.
Am 30. Juli wurde in Freiburg in der
Schweiz das diesjährige eidgenössische
Schützenlest eröffnet. Die eidgenössische
Echützenfahne, schreibt man aus Bern,
die erst noch bei'm deutschen Bundesschie
ßen in München so hochsympathisch be
grüßt wurde, hatte am Abende vorher in
Freiburg ihren Einzug gehalten.
Die Zeit ist vorüber, wo, wie in den
Dreißiger- und Vierziger-Jahren, von den
schweiz. Schützensesten aus der zündende
Anstoß gegeben wurde zu allen jenen po
litischen Aktionen, welche schließlich den
losen Verband der Kantone in einen Bun
desstaat umgestoßen haben. Der Charak
ter der schweiz. Schützenfeste ist seither
mehr ein allgemein patriotischer geworden.
Vergessend allen Parteizwist, vereinigten
sich da alle Schweizer von nah und fern
zur Feier der nationalen Zusammengehö
rigkeit, und diese Feier erhält durch die
Uebung in der Schießkunst einen mächti
gen Schwung. Bei dem diesjährigen
Feste wird gleichzeitig das vierhundertjäh
rige Gedächtniß der Aufnahme der Städte
Freiburg und Solothurn in den Schwei
zerbund begangen, ein Gedächtniß, welches
die beredte Aufforderung in sich schließt,
im Schweizerlande fort und fort eine ver
söhnliche patriotische Gesinnung zu bethä
tigen. Vor 400 Jahren nämlich hatte
die ungestüme Kraft der alten Eidgenossen
in den blutigen Schlachten von Grandson
und Mutten den Herzog Karl den Kühnen
von Burgund auf's Haupt geschlagen.
Mächtiger und gesürchteter denn je stand
damals der Schweizerbund gegen Außen,
im Innern aber erhob die Zwietracht ihr
Haupt und aus dem Tage zu Stans war
der Bund nahe daran, sich aufzulösen.
Die Städte Freihurg und Solothurn, wel
che gegen Burgund mitgekämpft hatten,
wollten nemlich nunmehr ebenfall Bundes
glieder werden. Die Länderkantone be
fürchteten dadurch aber ein Uebergewicht
der Städte auf den Tagsatzungen und wi
dersetzten sich der Ausnahme, zudem konnte
man sich über die Theilung der reichen
Burgunderbeute nicht einigen. Da er
schien im kritischen Momente der Einsied
ler Niklas von der Flühe in der Versamm
lung der eidg. Abgeordneten und verei
nigte die Entzweiten. Freiburg und So
lothurn wurden in den Bund ausgenom
men und das Stanser Vorkommniß bildete
seither die neue Grundlage des Schwei
zerbundes.
Dr. Tissot, dessen Berufung zur Re
daktion der Festzeitung so große Indigna
tion in Teutschland hervorgerufen hat, ist,
man weiß nicht, ob freiwillig oder auf Er
suchen des Fest-Eomite's, zurückgetreten,
und damit wurde auch dieser Stein des
Anstoßes sür die Schützen aus dem deut
schen Reiche beseitigt.
Der Festplatz befindet sich auf einem
sehr zerrissenen Terrain, das die Inge
nieure und Architekten jedoch nur durch
die paffende Anlage der Festbauteil zu be
herrschen gewußt hatten; die letzteren bie
ten einen imposanten Anblick dar und man
genießt von ihnen eine prachtvolle Fern-
und Rundsicht auf die Alpen und Jura
kette, sowie die Feststadt. Die ,Zesthütte
bietet sür l.Z'Xi Personen Raum. Schlag
10 Uhr setzte sich der Festzug in. Bewe
gung. der 20M Theilnehmer mit gegen
50 Fahnen zählen mochte. Regierungs
rath Falkener von Baiel überreichte die
Bundessabne, Rechtsanwalt Bielmann
aus Freiburg nahm dieselbe entgegen.
Bei'm Bankett brachte Regierungspräsi
dent Schüller von Freiburg den ersten
Toast auf das Vaterland aus. Die er- !
sten großen Becher wurden geschossen von !
Rherer und Blösch aus dem Kanton B'rn, !
Habisreutinger aus Zürich und Eolvini !
aus dein Kanivil Waliis.
6
Vom Münchener Schützenfeste.
München, 25. Juli. —Nachdem gestern
der Festzug (in letzter Nummer geschildert)
gegen 2 Uhr am Festplatze angelangt war,
marschirten die sämmtlichen Fahnenträger
vor der Festhalle auf, welche nun feierlich
eröffnet wurde, die Fahnen der Schützen
vereine wurden zu beiden Seiten dersel
ben aufgehißt und es begann nach Be
grüßung der Schützengäste durch den Eh
renpräsidenten Se. k. Höh. Prinz Ludwig
in der sestlich geschmückten Halle an den
reich servirten Tafeln das Festbankett,
woran sich ungefähr 700 Personen bethei
ligt haben mochten. Das Menu lautete:
Schützensuppe, Rindslenden mit Blumen
kohl und Mixed Pickles, Wildpret auf
La»casier-Art. Karpfen, junge Hühner
mit Salat, Pudding, Früchte und Back
werk, Käse und Butter, daneben wurde
vorzügliches Bier, sowie die feinsten Weine
gereicht. Die Bankettmusik wurde von
der Kapelle Hünn trefflich erekutirt. Toaste
wurden ausgebracht von den Herren Land
gerichtsdirektor Dr. Sterzing aus Gotha,
Vorsitzender des Gesammtgusschusses des
deutschen Schützenbundes, auf Se. Maj.
König Ludwig 11. von Bayern, Bildhauer
und Erzgießer von Miller, I. Präsident
des VII. Deutschen Bundesschießens, auf
Se.Maj. denKaiserWilhelm von Deutsch
land, Reinartz aus Düffeldorf auf Se. k.
H. den Prinzen Ludwig, Bürgermeister
Dr. v. Ehrhardt auf den deutschen Schüt
zenbund, die deutschen Schützen und Gäste,
und endlich Reichstagsabgeordneter Dr.
Kopp aus Wien, Vorstand des östreichi
schen Schützenbundes auf die Stadt Mün
chen. Die sämmtlichen Toaste sanden be
geisterte Aufnahme. Nach beendetem Fest
bankette verkündeten Böllerschüsse den Be
ginn des Eoneurrenzschießens um die er
sten zehn Becher auf der Feld- und Stand
scheibe.
Tie Schweizer mit ihren vorzüglichen
schnellen Vötter- und Martinistutzen hol
ten sich den Löwenantheil. Nach Beendi
gung der Preisevertheilung begann das
allgemeine Coneurrenzschießen. Auf dem
Festplatze selbst conzertirte während des
Schiebens auf dem Musik-Pavillon die
Kapelle des k. I. schweren Reiterregiments,
in der Festhalle eine andere Militärmu
sik. Abends von Uhr fand in der
dichtbesetzten Festhalte ein Eonzert der Ge
sammtkapelle des k. k. östr. 38. Jnsan
terie-Regiments aus Wien statt, wobei
das anwesende Publikum förmlich enthu
siasmirt wurde. Während des ganzen
Nachmiltags und Abends bei prächtiger
Beleuchtung des Festplatzes herrschte dort
selbst das lebhafteste, fröhlichste und ge
müthlichste Treiben einer nach Tausenden
zählenden Menschenmenge. Das Arran
gement war vortrefflich und kam nicht die
mindeste Stöuing vor. Ueberall war Ju
bel und humorvolles Leben.
?! u s l a u S.
Ter aus Leipzig ausgewiesene
Schneidermeister Heinrich benachru',-
tigte vor einigen Tagen die Leipziger Be
hörde telegraphisch, das; er aus der durch
reise von Treben nach Halle Leipzig pas
siven, sich aber nicht dort aushalten werde.
T.e Antunstszeit in Leipzig war genau
angegeben. Bei seiner Ankunst wn-de
Heinrich aus dem Bahnhofe
von der Polizei empfangen und nach dem
Magdeburger nhese gelei!,t. Es ist
also, oem.rkt da:u die "Volkszeiiung",
noch diesem Falle zu urtheilen, eine an
gezeigte Turchrei'e durch belagertes Ge
biet nicht als Bannbruch anzusehen.
Ter To? des plötzlich in Blanken
berg bestreich, am Scharlachj.eber ver-
storbenen Grafen Hieronimus
M a n n s 112 e l d, früheren Ackerbauminl
sters im Kabinet Auersperg, hat große
schmerzliche Ausregung in deutschen Krei
sen hervorgerufen. Mannsfeld wurde
allgemein als Dauphin der Versassungs
partei angesehen, man hoffte in ihm den
Nachfolger Taaffe's bei etwaigem System
wechsel zu finden und gestand schon jetzt
dem noch jungen Manne die Führerschaft
der Partei zu. Das ansänglich nicht ge
rade unfreundliche Verhältniß Manns
fcld's zu Taaffe hatte sich in letzter Zeit
fehr verschlechtert. Auch für die Ackerbau-
Interessen Böhmen's ist der Tod Manns
seld's als des besten böhmischen Land
wirths und Besitzers mehrerer Muster
wirthschastcn ein großer Verlust. Durch
den Tod des Grafen Mannsfeld wird ein
Mandat im böhmischen Großgrundbesitze
erledigt. Bekanntlich erfolgte die letzte
Mahl aus Grund eines Kompromisses und
entsendete der böhmische Großgrundbesitz
13 Verfassungstreue und 10 Äutonomi
ften in den Reichsrath. Es entsteht jetzt
die Frage, ob beide Parteien das geschlos
sene Kompromiß als für die ganze Legis
latur-Periode bindend ansehen, in wel
chem Falle selbstverständlich an Stelle des
verfassungstreuen Grasen Mannsseld bei
derseits wieder ein verfassungstreuer
Großgrundbesitzer kandidirt werden müßte.
ES ist jedoch auck möglich, daß man die
sich darbietende Gelegenheit benutzen wird,
um die gegenwärtig beide Parteien be
hauptende Majorität im böhmischen
Großgrundbesitze zu haben. Die Er
gänzungswahl dürfte unter diesen Umstän
den jedenfillszu lebhaften Diskussionen
Anlaß geben.
In Wien ist am 28. Juli der
Korporal Julius Hartl von dem Trainsol
daten Max Nußbaum meuchlings erschos
sen worden. Der Korporal Julius Hartl
vom 32. Infanterie-Regiment war vor
einigen Monaten beauftragt worden, ei
nige Schneider als Freiwillige anzuwer
ben. Hartl nahm damals unter anderen
auch den eben dienstlosen Schneidergehül
fen Franz Mar Nußbaum auf. Dieser,
ein aus Ober-Oestreich gebürtiger, Zl
jähriger, schmächtiger Bursche, der sich zu
dem als sehr nachlässig und unreinlich er
wies, wurde ansänglich dem Train des
Regiments zugecheilt und rückte erst vor
wenigen Tagen ,ur Truppe ein. Am 28.
früh unternahm das Regiment einen
Uebungsinarsch nach dem einige Stunden
entfernten Perchtholdsdorf. Nußbaum
soll sich dabei mancher kleiner Vergeben
schuldig gemacht haben, was den Korpo
ral Hartl, einen sonst gutmüthigen Mann,
veranlaßte, dem Nußbaum zu befehlen, er
labe sich Abends in feldkriegsmäßiger
Ausrüstung und rein gewaschen, ihm zum
Rapport zu stellen. Hartl hatte sich ge
gen zwei Uhr Nachmittags im Korporal
lchaftszimmer, in dem zur selben Zeit etwa
zehn Soldaten ihre Gewehre putzten, auf
sein Bett gelegt und war bald eingeschla
fen. Pölich krachte ein Schuß: Nuß
baum hatte sein Gewehr unbemerkt scharf
geladen, sich dann zum Bette des Korpo
rals begeben, die Waffe an dessen Rücken
gelegt und dann losgedrückt. Dem Kra
cher des Schusses folgte ein Augenblick
großer Verwirrung, wclcher von Nußbaum
dazu benutzt wurde, sein Gewehr neuere
ding« zu laden und den ihn umringenden
Sc.da:en zuzurufen, daß er Jeden nieder
ließen welde, der in seine Nähe toiume.
Thatsächlich legte er auch auf den herbei
geeilten Feldwebel Christen an, wurde je
doch im gleichen Augenblicke von kräftigen
Händen gepackt und unschädlich gemacht.
Bei einem sofort vorgenommenen verhöre
suchte oer Mörder fein Verbrechen damit
zu enuck u'digen, daß er von seinem Bor-
schlecht behandelt worden jei und
, daher den Entschluß 'gefaßt habe, zuerst
seinen Feldwebel, Korpo
! ral und Gefreiten und sann sich selbst zu
erschießen.
Die Verhaftung einer Zigeu
nerbande in Eöthen im Anhalti
' scken macht dort großes Aufseben. Die
Verhaftung erfolgte, laut der „Eöth. Ztg.",
auf Ersuchen preußischer Gendarmen von
Salzmünde, Wettin und Löbejün, welche
mit einem 9jährigen Mädchen in Eöthen
eintrafen, das von den Zigeunern in der
Nähe von Krotofchin vor 2 Jahren geraubt
worden zu sein behauptete; die' Bande
wurde zwischen Wulfen und Mücheln feft
! genommen. Das Mädchen giebt an, daß
es auf den Streifzügen angehalten wor
den sei, Diebstähle an Feldfrüchten zc.
auszuführen. Der Führer der Bande
j habe sie schon erschießen wollen, sosern sie
! nicht die gehörige Menge Kartoffeln und
Hafer stehle. Auch die sonstige Behand
' lung sei derartig, das sie den Entschluß ge
faßt habe, zu fliehen. Wie sie sich erin
nere, sei ihr Vater Förster gewesen. Sie
nannte ferner auch sofort den Mann, der
sie geraubt haben soll. Unter den vielen
Ansckuldigungen und Aussagen, welche das
Mädchen that, äußerte sie auch, daß noch
kürzlich ein Mädchen geraubt worden sei,
das Mimmi genannt werde. Dieses müßte
auf dem Wagen sein, wo sich noch drei
Kinder befänden. Man suchte sofort nach
diesem Kinde, allein man fand nur drei,
nickt vier Kinder auf dem bezeichneten
Wagen. Nach vielen Aufforderungen,
das Kind herauszugeben, schritt man da
zu, den Wagen zu untersuchen und fand
das kleine Mädchen in Lumpen gehüllt
unter den Röcken einer Frauensperson,
welche bei der Bande die Zigeunermutter
spielte. Die Zigeuner wurden nach Halle
zum Staatsanwalt transportirt. Des
kleinen Mädchens hat sich der Banquier
Emil Lüdicke in Eötheneinstweilen freund
lichst angenommen und für gehörige Rei
nigung und frische Kleidung gesorgt.
Neulich lag am Amtsgerichte zu
Meiningen den Schöffen ein Fall
vor, wie er vielleicht in Thüringen nicht so
bald wieder vorkommen wird. Von 2 Mis
sionspredigern, die schon lange in dem be
nachbarten Walldorf Wohnung genom
men und dort für ihre Zwecke thätig gewe
sen, hatte sich einer derselben in einem
dortigen Wirthschastslokale eingefunden,
woselbst sich eben ein Bürger ein Schnäpp
chen geben ließ, um sich durch unmittelba
ren Biergenuß bei der großen Hitze an
der Gesundheit nicht zu schädigen. Dies
gab dem Prediger Anlaß, zwei Traktätchen
auf den Tisch, woran jener saß, zu legen,
wovon eines den Titel trug: „Eine Nuß,
sür Ungläubige zu knacken," und das an
dere: „Ein Schwein unter den Menschen."
In letzterem war mit einem abschreckenden
Bilde und in warnender Weise das Laster
der Trunksucht und insbesondere des
Branntweingeiiusses zur Anschauung ge
bracht. Der Prediger entfernte sich hier
auf. Unser Bürger aber mochte feines
ScknAppschcnS halber doch nicht zu den
Schweinen sich zählen lassen und klagte.
Ter Angeschuldigte vertheidigte sich
zwar gut, indem er unter Anderem darauf
h nwies, das; die Stadtmissivnäre in Ber
ti:» fast täglich solche Traktats in den
Wirthschaften und Häusern niederlegen,
dc<> solches eben zum Missionswerke gehöre
u. i. w. (wie dann auch wohl die Absicht,
zu beleidigen, nicht vorlag): dessen unge
ack' .t wurde er zu 24 Mark Strafe oder
8 ?agen Gefängniß verurtheilt.
Vor einigen Monaten wurde von
den Lieutenant a. D. von Wussow in
BijchosS werder ein Bismarck-
Verein gegründet, der die Aufgabe ha
len 'ollte, sür die Wirthschaftspolitik
Propaganda ju machen.

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