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Der Deutsche correspondent. [volume] (Baltimore, Md.) 1841-1918, October 06, 1883, Der Sonntags-Correspondent, Image 7

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lin und Hetzel melden, daß er in der Mun
terkeit gleich sei wie bisher, das Abzehren
des Fleisches aber sich je länger, je meA
zeige. In der Kraft aber scheint er nicht
abgenommen zu haben, denn als ihn der
Geistliche Romig am 37. Fasttage besuchte
und er demselben erklärt hatte, daß ihm
sein Fasten in einer außerordentlichen Of
fenbarung und Gesicht aus inbrünstiges
Gebet von Gott zur Erlangung seiner
Freiheit befohlen worden sei, so ging er
hin, hob die Bettlade in die Höhe und
fragte den Geistlichen, ob er hierin nicht
selbst auch ein Zeichen von göttlicher Kraft
bei einem Menschen erkennen müsse, der
nun 37 Tage lang keinerlei Speise zu sich
genommen habe. Endlich am 29. Jan.
1739 endigte er sein Fasten damit, daß er
für den folgenden Tag ganz frühe an der
Glocke zu essen verlangte.
Als dann die Glocke am 30. Januar
ausgeklungen hatte, ließ ihm der Kornet
die vom Arzte zum Voraus bestimmten
(aber in den Akten nicht näher bezeichne
ten) Speisen vorsetzen, und ob er zwar nur
alle 2 Stunden 2 Lössel voll nehmen sollte,
fo aß er sie doch sogleich völlig aus und
verlangte noch dazu ein Stück Rindfleisch!
Und nirgends findet sich eine Notiz, daß
ihm diese gewiß unvorsichtige Erholungs
kur irgend Schaden gebracht habe. Je
unvorsichtiger nun aber er selbst, desto vor
sichtiger gingen die Aerzte während seiner
Fastenzeit zu Merke. Sie sorgten gründ
lich dafür, dast v. Pachelbl nie allein war,
und forderten u. A. von det medizinischen
Fakultät in Tübingen ein Gutachten ein,
wie sie sich dem fastenden Gefangenen ge
genüber verhalten sollten. Dieses Gut
achten ist vom 2. Jan. 1739 datirt und
lautet folgendermaßen:
„Auf die Frage: wie man den peinlich
Jnhaftirten nöthigen könne, Alimente zu
sich zu nehmen? melden wir in verlangter
nöthiger Kürze, daß, obwohl man vxompla
hat, daß dergleicken Leute, sonderlich in
statu et -»-uiiavo (im Zu
stand des Tiessinns oder Irrsinns), bei
Enthaltung von allem Essen nur mit Bei
behaltung des bloßen Wassertranks, das
Leben dennoch oft lang hinaus behalten
haben, Andere jedennoch viel bälder Hun
gers elendiglich gestorben, und dahero, da
heute schon der dreizehnte Tag der inoäiae'
(des Nicbtessens) ist, gleichbalden allen
Ernstes dahin zu trachten seye, daß dieser
Mensch noions vnlcms (gutmüthig oder
gezwungen) einige kliinvtttu, (Nahrungs
mittel) zu sich nehme. Da nun also die
bisherigen tristigen Vorstellungen und Än
dere gelinde Mittel nicht zulangen wollen,
auch in diesem <za«u aus nutri
cntiil (ernährende Klystiere), noch auf
lüjuori» laetoi (Einflößung
von Milch) wegen Unzulänglichkeit jener
und Schwierigkeit in Beibringung dieses
Mittels keine große Hossnung zu seyen ist,
so muß mit Gewalt dieser elende Mensch
gehalten, ihm vermittelst eines starken lan
gen Löffels, der bis in den Rachen und
Anfang des Schlundes hinabzustecken,
ljuicluü» uinnL (nicht allzuviel) eine ge
standene Sulz, Brey, gekochte und ver
rührte Suppe u. s. w. eingestopst'und ein
genöthigt werden. Wollte er den Mund
nickt öffnen, so könnte entweder durch eine
Zahnlücke, wo er eine hätte, mit einer
Spritze warme Milch, Fleischbrühe, wo
rin das Gelbe vom Ey wohl und gleich
aufgelöst, eingespritzt werden: oder man
müßte ilmi beide Naslöcher fest zutlemmen,
so daß er hieraus genöthigt würde, durch
geössneten Mund zu schnaufen, da man
dann gleich etwas Hartes, Dickes von
Holz oder Metall, zwischen die Zöhne brin
gen und dent Löffel Platz machen müßte,
um die oben erwähnte Nahrung einzu
flößen. Wollte man hiezu einen spoou
luiu oris oder sogenannte Mundschraube
gebrauchen, wäre dies dabei zu beobach
ten, daß man den Mund nicht zu weit auf
gesperrt ließ, in vorsehender Hinabschlun
dung, denn sonstens würde diese absolut
dadurch verhindert werden. Wann er an
fänglich innerhalb 21 Stunden doch etwa
nur ein halbes Pfund von einem uutri
monto (Nahrungsmittel) bekommt, ist es
genug, ja, besser und sicherer, als wenn er
aus Einmal den Magen überladete. Mit
einer ooruu eorvi oum susoo et
tlavoclino citri (Hirschborngelatine mit
Eitronensast und Eitronenschale) hätte er
Speise, Trank und Arzney zugleich. Ist
nun der Weg zur Aufnahme von Nah
rungsmitteln gebahnt, fo kann man zu
gleich auch mocliesluonta töinporimU!»,
(beruhigende, gegen
die Hypochondrie wirkende Arzneimittel)
und °andere taugliche appliziren, zumal
doch auch vera iueuti« alivu-itio (wirkliche
Geistesstörung) vorhanden zu sein scheint."
Dieser vorsichtigen ärztlichen Verord
nung ist der Arrestant nach dem oben Er
zählten recht schlecht nachgekommen.
(St. f. W.>
Auö der Ingend de» deutschen
Kronprinzen.
Die Geschichte soll schon vor langer, lan
ger Zeit passirt sein. Ob sie aber jemals
in weitere Kreise gedrungen ist, glauben
wir nicht. Jedenfalls verdient sie der Ver
gessenheit entrissen zu werden, um als ein
Zeugniß für die strenge Erziehung, welche
der deutsche Kronprinz in seiner Jugend
genossen hat, zu dienen. „Unser Aritz"
—wie ihn die Deutschen nennen —war in
seiner Jugendzeit, wie eben alle Knaben zu
fein pflegen, etwas ausgelassen und über
müthig; ein kleiner Schabernack, den er ir
gend Jemandem spielen wollte, machte ihm
ebenso viel Vergnügen, wie jedem anderen
jugendlichen Menschenkinde. Mit seinem
gestrengen Erzieher fuhr der Prinz täglich
spazieren, um nach den anstrengenden Stu
dien srifche Lust zu schöpfen und sich an
Gottes freier Natur zu erfreuen. Da
pasfirte es denn eines Tages, daß die
Kopfbedeckung der jugendlichen königlichen
Hoheit auf die Straße flog. Der Wagen
hielt natürlich sofort an, der Diener sprang
mit Blitzesschnelle vom Bock herunter, hob
die Kopsbedeckung auf, putzte sie fein säu
berlich ab und überreichte sie ehrerbietigst
dem Prinzen. Das wäre nun nichts 'Auf
fälliges gewesen. Aber dieses Wegsliegen
der Kopsbedeckung wiederholte sich verschie
dene Male, ebenso natürlich das Aufheben
derselben Seitens des Dieners, so daß dem
gestrengen Erzieher die Sache schließlich
verdächtig vorkam und ihn-zu der Annah
me veranlaßte, sein prinzlicher Zögling,
der sich über die Maßen zu sreuen schien,
wollte sich einen kleinen Ulk gestatten.
Das erheischte strenge Ahndung und Zu
rechtweisung. Wieder suhr man aus, und
wieder flog nach einiger Zeit, als ob der
Wind sie nur so weg geweht hätte, die Kopf
bedeckung auf die Straße Der Wagen
hielt an, aber der Diener blieb wie -festge
nagelt auf dem Bock sitzen, und—die junge
„königliche" Hoheit mußte aufGeheiß ihres
strengen Mentors selbst aus dem Wagen
steigen und die .ttopsbedeckung höchsteigen
händig aushebe». Seit dieser Zeit brauchte
der Wagen nickt mehr anzuhalten und der
Diener nicht mehr vom Bock herabzustei
gen.
Räuberischer Ueberfall unwcit
« Memel.
In der Nacht vom 27. zum 28. August
wurde bei dem an der Chaussee in der
Nähe des Gutes Clausmühlen bei Memel
wohnhaften Eigenkäthner Goods, der als
wohlhabender Mann bekannt ist, ein räu
berischer Uebersall verübt. Nachts zwi
scken 12 und 1 Uhr drangen drei mit Re
volvern bewaffnete Männer in das Haus
des Goods, das dieser mit seiner Frau
und Tochter bewohnt, und gelangten zuerst
in das Zimmer, in dem Letztere schlief.
Tie Räuber schleppten zunächst das Mäd
chen nach dem Kamin, in dsm sie es ein
sperrten. Daraus gingen sie nach der
Stube, in der Goods mit seiner Frau
schlief, kamen aber nicht sogleich hinein, da
Eoods, ein kräftiger Mann, der inzwischen
erwacht war und das Ankommen der Ein
dringlinge hörte, die Stubenthür von
innen zuzudrücken versuchte, was ihm jedoch
nicht vollständig gelang, da die Räuber
einen Knüttel zwischen Thürpsosten und
Thüre zwängten; Goods rief seiner Frau
wiederholt zu, ihm seinen Säbel zu reichen.
Mannhast vertheidigte Goods den Ein
gang zu seinem Zimmer; als jedoch die
Räuber durch die schmale Oeffnung an der
Thür einen Revolverschuß abgaben, der
ihm eine stark blutende Wunde an der
Seite beibrachte, mußte er der Gewalt
weichen, und nun im Zimmer, schössen die
Räuber auch auf die Frau, welcher eine
Kugel in die Lunge drang. Während sich
diese Szene im Zimmer abspielte, hatte die
Tochter sich aus dem Kamin herausge
drängt und war nach dem Hofe geeilt, um
Hülfe zu rufen. Hier gewahrte sie zwei
Männer, welche ihre Revolver auf sie ab
feuerten. Der erste Schuß ging dem Mäd
chen durch das eine Auge in den Kopf und
drängte auch das zweite Auge aus seiner
Höhle; ein zweiter Schuß ging durch den
Rücken in die Lunge. Durch die Schüsse
und das Geschrei des Mädchens wurden in
der Nähe wohnende Gutsleute aus Klaus
mühlen aufmerksam gemacht und eilten
den so räuberisch Angegriffenen zu Hülfe.
Inzwischen hatten die Räuber die Flucht
ergriffen. Während Goods nur eine
leichte Verwundung davontrug, sind seine
Frau und seine Tochter so schwer verletzt,
daß der Arzt an dem Auskommen der Bei
den zweifelt. Aus die Räuber wird ge
fahndet, und hoffentlich wird es gelingen,
die Schurken zu ergreifen und der wohl
verdienten Strafe zu übergeben.
Selig entschlafene LebenSversiche
rnußS» Gesellschaften.
Tie „Chicago Tribüne" hat eine trau
rige Liste veröffentlicht: die Namen von
mehr, als vierhundert kooperativ-Lebens
versicherungsgesellschaften, die während der
letzten acht Jahre bankerott geworden sind.
Und diese Zahl, groß, wie sie ist, kann kei
nen Anspruck aus Vollständigkeit machen,
denn erst, seitdem in den einzelnenStaaten
die Versickerungsdepartements in's Leben
gerufen und auch diese Cooperativ-Gesetl
schasten ihrer Controle unterstellt worden
sind, wurden Listen geführt, aus denen zu
ersehen ist, welche und wie viele solcher Ge
sellschasten zu bestehen ausgehört haben.
Nicht wenige derselben trugen schon bei
ihrem Entstehen den Keim des Todes in
sich. In vielen Fällen hatte die Organisi
rung ja überhaupt nur den Zweck, einem
Viertel- oder halben Dutzend Personen für
einige Jahre gutbezahlte Stellen mit mög
lichst wenig Arbeit zu verschaffen. In
den meisten Fällen wurde bei der Aus
nahme von Mitgliedern dieser kooperativ-
Verbindungen ohne auch nur die allernvth
we'ndigste Vorsicht zu Werke gegangen
die Menge mußte es bringen, tlio morv,
tlie inerrier man wollte und mußte in
Zeitungsanzeigen und Prospekten, in Vier
tel- und Halbjahrsberichten über den
Stand der Gesellschaft mit der großen Zahl
der Versicherten, der großen Einnahme:c.
prahlen, unbekümmert darum, ob bei'm
Eintreten von Sierbefällen eine Gesell
schaft, die keine oder dock nur einen sehr
ungenücMden Reservefond befaß, im
Stande fein würde, aus den bloßen Auf
laqeqcldern (assvsLments) die mit Pauken
und Trompeten verkündete hohe Versiche-
rungsfumme pünktlich auszuzahlen. So
lange es eben nur einzunehmen gab—die
regelmäßigen Beiträge waren ja nicht groß
und wurden in den ersten paar Jahren
willig bezahlt —und nur selten ein Sterbe
fall-Asseßme<it ausgeschrieben wurde, ging
Alles gut und schön, und in rosigem Lichte
erschienen die Verhältnisse der Cooperatio-
Versickzerungen; als aber die Zahl der
Tedessälle sich zu mehren begann, als es
hieb so und so viel ausgeben, da haperte
es mit den Einzahlungen der Asseßments,
und die nächste Folge war, daß auch die
Mitgliederzahl abnahm und von neuem
Zuwachs keine Rede war. Das Eingehen
der Gesellschaften war unter solchen Um
ständen eben nur eine Frage der Zeit.
Das größte Contingent zu der Liste die
ser nicht mehr bestehenden Gesellschasten,
von denen die meisten durch die Versiche
rungsbehörden gezwungen wurden, ihren
Betrieb ein «stellen, hat der Staat Penn
sylvanien gestellt; Ohio ist der nächste in
der Reihe; dann kommt New-?1ork, dem
sich die Neuenglandstaaten anreihen. In
einzelnen Staaten, wie z. B. Indiana,
Michigan, Missouri, hat die Staatsbe
hörde für Versicherungswesen erst seit ein
paar Jahren' auch diese Art Gesellschaften
in den Bereich ihrer Controle gezogen, und
es wird nicht lange mehr dauern, da wer
den auch diese Staaten zur Verlängerung
der schwarzen Liste beigetragen haben.
Um etwaigen Mißdeutungen vorzubeu
gen, sei gleich hier hinzugefügt, daß die im
Schooße von Logen bewirkten Versicherun
gen der Controle der Versicherungsdepar
tcments nicht unterzogen sind und das oben
Gesagte sich auch nicht auf sie bezieht.
Ein Theater-Panik. AuS
der russischen Stadt Chorol wird Folgendes
über die Katastrophe herichtet, welche sich
am 29. August in dcm dortigen Sommer
theater ereignete. Während der Vorstel
lung wurde bei'm Ausziehen des Vorhan
ges durch denselben eine Petroleumlampe
umgeworfen und zerschlagen. Das Petro
leum ergoß sich über die Bühnenbretter,
welche lichterloh zu brennen anfingen. Im
Publikum, welches alle Räume des Saales
füllte, und unter den Schauspielern ent
stand ein unbeschreiblicher Panik. Alles
drängte zu den Ausgängen, deren nur zwei
waren. Einige versuchten die hölzernen
Wände des Theatergebäudes niederzusto
ßen, doch vergeblich. Die zwei Thüren
waren so eng, daß durch dieselben gleich
zeitig nur zwei Menschen durchschlüpfen
konnten. Die Wände des Gebäudes waren
aber zu stark, und so sah sich die ganze nach
Hunderten zählende Menschenmasse dem
Feuertode geweiht. Viele Personen, meist
Damen und Kinder, fielen in Ohnmacht
und wurden durch die übrige Menge zu
sammengetreten, und Alles schrie und jam
merte. So dauerte es eine Weile, und es
wäre sicherlich zu einer ähnlichen Katastro
phe, wie im Berditscbewer Cirkus, wo be
kanntlich über dreihundert Menschen ver
brannten, gekommen, wenn sich unter dem
vcrzweisellen Publikum nicht ein muthiger
Bauer gefunden hätte, der aus die bren
nende Bühne sprang und die Flammen mit
seinen eigenen Kleidern erstickte.
Ein verkommener Gerichtsvollzieher
inßerlin, der seinen Schwager schon
wiederholt um Geldanlehen angegangen
hatte und auch kürzlich wieder 50t) Thaler
von demselben verlangte, aber abgewiesen
wurde, begab sich zu seiner Schwester, in
der Hoffnung, das Geld von ihr zu bekom
men, wurde aber auck dort abgewiesen und
gerieth dadurch in eine solche Wuth, daß
er einen Revolver aus sie abfeuerte und sie
schwer verwundete. Der Mann richtete
die Waffe gegen sich selbst, brachte sich rasch
hintereinander drei Schüsse bei und stürzte
todt zu Boden.
3

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