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Der Deutsche correspondent. [volume] (Baltimore, Md.) 1841-1918, July 26, 1884, Der Sonntags-Correspondent, Image 6

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meinen Vetter ermordet aus Rache, daß
er mir mein Mädchen abspenstig gemacht!"
Das waren die ersten Worte, die Willy,
nachdem er von seiner Ohnmacht wieder zu
sich gekommen, ausstieß.
Und nun erzählte er, ohne einer Auffor
derung des Vorsitzenden zu bedürfen, den
ganzen Vorfall: wie er den Vetter an der
Gartenpforte getroffen; wie er demselben,
als dieser ihm freundlich die Hand entge
genstreckte, plötzlich einen furchtbaren Hieb
mit dem bereit gehaltenen Stocke über den
Kopf versetzt und den dadurch Besinnungs
losen durch einen Stich in den Hals vollends
getödtet habe. Der letzte Blick des Todten
habe ihn überführt, er könne nicht mehr
leugnenl
Drei Tage darauf ward der Mörder ge
henkt.
„Nun, was fagenSie zu diesem Faktum?"
wandte sich der Erzähler an den kleinen,
jähzornigen Doktor, indem er, nachdem er
geendet, läckelnd sein Glas austrank.
Ter Angeredete zwinkerte ein wenig mit
den Augen und erwiderte: „Und dennoch
glaubeich nicht daran; Das ist Humbug,
echter Humbug!"
„Nun, so ganz unrecht haben Sie mit
Ihrer Meinung nicht, Herr College,"
mischte sich jetzt Doktor Brune in das Ge
spräch, „denn —"
„Nun? denn —?" fragte Amtmann
Kropp neugierig.
„Weil Das damals eine einfache Ls
terna magica war, mit der ich die schwa
chen Argumente meines lieben Advokaten
unterstützte. Nach einer alten Photogra
phie hatte ich selbst den Uebelthäter in sei
ner drohenden Stellung auf das Glas ge
malt und muß ihn doch ziemlich gut getrof
fen haben, da er sich getroffen fühlte. Ich
habe Das niemals verrathen; es wäre mir
am Ende doch übel bekommen."
Die ganze Gesellschaft lachte.
„Nein, so 'was kann auch nur in Ame
rika sich ereignen!" sagte Amtmann Kropp
etwas ärgerlich.
„Auch dort kaum!" fügte leise Advokat
Smith hinzu, indem er mit lächelnder
Miene seinem Freunde Brune zublinzelte.
tAuSder RuKNje Wedomosti.)
Weiteres über die ludenhatz ia
Strshnei Nowgorod.
Die Ruhestörungen brachen gegen 8 Uhr
Abends unweit der jüdischen Synagoge
aus. Diese ist in einem hölzernen ein
stöckigen Hause untergebracht. In demsel
ben Hause wohnen Christen und eine arme
jüdische Familie mit zwei Töchtern, deren
älteste etwa B—9 Jahre, die jüngere 6—7
Jahre alt ist. Um die genannte Zeit be
merkten die auf der Straße spielenden
Mädchen, daß ein kleines Mädchen in ei
ner Kothlache stecken geblieben war, sie eil
ten dem Kinde zu Hülfe und führten es,
wie sie erklärten, nacb Hause, um es rein
zu waschen. Zum Unglück bemerkte irgend
ein Weib dieses Beginnen und rief der un
weit befindlichen Mütter des Kindes zu:
„Feoktista! sieh', die Jüdinnen schleppen
Dein Kind weg, um es zu schlachten."
Das in dieser Art angerufene Weib brüllte
nun: „die Jüdinnen schlachten mein Kind"
und befreite das Mädchen aus den Händen
der Judenkinder. Auf ihr fortgesetztes
Geschrei sammelten sich Arbeiterhaufen um
sie; die Menge wuchs immer mehr und
mehr; die allgemeine Losung war, da bei
einer solchen Menge von Leuten eine Ver
ständigung unmöglich war: '„die Juden
haben ein Mädchen geschlachtet." Die P
olizeisoldaten versuchten, die Menge zum
Auseinandergehen zu veranlassen, aber es
war vergebliche Mühe. Als der Pristaw
erschien, gab er Befehl, die Hauptschreier
zu arretiren, Dem widersetzte sich aber die
Menge und befreite die schon festgenomme
nen Rädelsführer aus den Händen der Po
lizei. Bis der Gouverneur und Ober-Po-
lizelmeister an Ort und Stelle erschienen,
war die Straße so mit Menschenmassen an
gefüllt, daß an ein Durchkommen nicht zu
denken war. Der Gouverneur und Poli
zeimeister wurden von der Menge mit Ge
johl und Pseisen empfangen. Unter all
gemeinem Gelächter und einem Hurrah
wurden in diesem Augenblicke verschiedene
Gegenstände aus der Synagoge hinausge
worfen. Ein Jammergeschrei erfüllt die
Lust, dann ist Alles wieder still.
Von hier begab sich der Volkshaufen,
nachdem er sein Zerstörungswerk vollendet
hatte, zum Comptoir des Kaufmanns Dei
zelmann (oder Deutzelmann). Hier spielte
sich eine schreckliche Szene ab; der wü
thende Volkshaufen drang in das Haus
ein, die Thüren und Fenster wurden aus
ihren Angeln gerissen, Möbelstücke und
Menschen-Leichen flogen zum Fenster hi
naus. Noch ehe die entseelten Körper den
Erdboden erreicht hatten, wurden sie von
Dutzenden von Armen aufgefangen und
dann von der rohen Menge mit Füßen
getreten. Die herbeieilende berittene Po
lizeiwache wurde mit Knütteln empfangen;
einem der Polizisten wurden die Kinnladen
zerschmettert.
Nun war die Bande unbehindert in ih
rem Thun, und alle rohen Instinkte der
Menge erwachten, um frei zu schalten und
zu walten. Ein Christ wäre fast um's Le
ben gekommen, weil er einem Juden ähn
lich sah. Erst dann wurde er befreit, als
er zum Zeichen Dessen, daß er kein Jude
sei, ein am Halse hängendes Kreuz vor
wies. Ein anderer Christ, ein LO-jähri
ger Mann, wäre von der Menge fast er
schlagen worden, weil er sie bat, von ihrem
Zerstörungswerk abzustehen. Im Ganzen
wurden sechs Häuser zerstört. Im Hofe
der Synagoge liegt ausgestreckt der Leich
nam eines ältlichen Mannes, das Gesicht
ist mit geronnenem Blute bedeckt, an den
Füßen hat er ein Paar blutige Socken an,
der Körper ist bis zum Gürtel entblößt;
ein anderer Leichnam gehört einer ältlichen
Frau an, das Gesicht ist blutig geschlagen,
die Augen sind aus ihren Höhlen gerissen,
die Kleider sind vom Körper gerissen, der
fast ganz nackt ist. Nicht weit davon liegt
die Leiche eines Knaben mit tiefen klaffen
den Wunden auf dem Gesicht. Am Ein
gang zum Hause sperrt der Leichnam eines
anderen Knaben den Weg, der Schädel ist
gespalten, das Gehirn quillt hervor. An
der Ecke der 5. Linie und der Piroschnikow-
Straße liegt der entsetzlich verstümmelte
Leichnam des Commis des Kaufmanns
Deizelmann. Dem unglücklichen greisen
Manne war es zwar gelungen, den Fäu
sten seiner Peiniger zu entschlüpfen und
auf die Straße hinauszulaufen, dort aber
wurde er von der Menge wiederum ergrif
fen und durch einen Schlag auf den Kopf
zu Body, gestreckt. Deizelmann selbst
wurden die Kleider vom Leib gerissen und
ihm seine Brieftasche mit dem darin ent
haltenen Geld entrissen. Es wurden ihm
vier Rippen zerbrochen. Außerdem erhielt
er noch verschiedene Kopfwunden. Die
Leiche eines gewissen Kopylewskij war so
verstümmelt, daß sein alter 70-jähriger
Vater den Sohn nur an den Unterbeinklei
dern erkannte das Gesicht war vollstän
dig verschwunden. Die Plünderungen
und anderen Schandthaten sind hauptsäch
lich den vagabundirenden Arbeitern :c. zu
zuschreiben, die eigentlichen Bewohner des
Stadttheils Kunawino verhielten sich bei
den Ausschreitungen passiv oder sogar den
Plünderern feindlich. Ein Hausbesitzer,
Hr. Perlow, hat in seinem Hause allen ob
dachlosen Juden Aufnahme gewährt. Bis
her sollen circa 90 Personen arretirt wor
den sein; unter den gefangenen Ruhestö
rern und Mördern sollen viele in Frauen
jacken und Hüten gewesen sein. Das Mi
litär erschien, als die Unruhen aufgehört
hatten, d. h. als die Menge Nichts mehr
zu zerstören vorfand.
Die ersten Deutschen ia Michigan.
Der 7. Lieferung von dem interessanten
neuen Buche „In der neuen Heimath,"
herausgegeben von Anton Eickhoff (Verlag
von E. Steiger <d Co. in New-York) ent
nehmen wir folgende Beschreibung:
Wann die ersten Deutschen sich nach Mi
chigan gezogen haben, ist nicht bekannt.
Wahrscheinlich waren es Deutsche aus
Pennsylvanien, New-York und Canada.
Im Jahre 1839 schrieb Dr. Clemens Ham
mer, der als katholischer Missionspriester
in Michigan wirkte, über die deutsche Be
völkerung: „„Eigentliches deutsches Leben
wie man es in Amerika finden kann
trifft man in Michigan nur an 3 Orten;
an den übrigen Plätzen leben unsere Lands
leuteLu zerstreut, um gottesdienstliche Ver
sammlungen mit einem beständigen Predi
ger in ihrer Muttersprache halten zu kön
nen. Detroit hat zwei zahlreiche deutsche
Gemeinden; die stärkere (die katholische)
hält ihren Sonntags - Gottesdienst in der
Kathedrale nach 8 Uhr; die protestantische
hat eine eigene Kirche mit dem Prediger
Hrn. Schade. Die Glieder beider Glau
bensbekenntnisse leben in seltener Einigkeit
und verstehen es, wie man bei Religions
verschiedenheit bürgerlich und im gesell
schaftlichen Leben tolerant sein kann. Bei
Kindtaufen und Hochzeiten denket man nicht
daran, ob der katholische oder protestanti
sche Pastor die HI. Handlung verrichtete,
sondern wie man sich einmal gut deutsch
vergnügen und aufheitern kann. Doch
unabhängiger, als die Deutschen in der
Stadt, von denen viele nur so lange da
bleiben, bis sie Geld genug erspart haben,
um auf's Land gehen zu können, und am
Besten im Wohlstande von allen anderen
Mitbewohnern dieses Staates ist die deut
sche Ansiedlung der Württemberger mit
Herrn Pastor Schmidt (prot. Prediger) in
der Nähe von Ann Arbor. Ihr Getraide
bau und Viehstand hat verhältnißmäßig
nicht seinesgleichen in Michigan. Der
dritte vorzüglichste Ort der Deutschen ist die
die deutsche Niederlassung am Grand
Flusse in der Nähe von Lyons, Jonia-
County, mit dem Pfarrer Kopp aus West
falen, in einer ebenso schönen, als frucht
baren Gegend.—Diese wird „Westphalia"
genannt und wird ein nettes Städtchen.""
I. G. Kohl, der auf seinen Reisen im
Nordwesten im Jahre 1855 zu der von Dr.
Hammer erwähnten württembergischen An
siedlung bei Ann Arbor kam, erzählt da
rüber: „„Ein paar Männer aus den Dör
fern bei Stuttgart kamen im Jahre 1830
nach Amerika. Und da es gerade die Zeit
war, wo Michigan das Modegeschrei war
und wo Alles von Michigan wie von ei
nem Paradiese redete, wie sie 12 Jahre
später von Illinois und Indiana und wie
der 12 Jahre später von lowa, Wisconsin
und Minnesota redeten, so machten jene
Männer sich auf nach Michigan und kamen
an die Stelle, wo jetzt die hübsche Stadt
Ann Arbor blüht. „Das Land war ge
rade damals erst angefangen," Feldarbei
ter, Handwerker und Tagelöhner waren
noch sehr wenig auf dem Flecke. Da aber
doch einmal eine Stadt hier entstehen soll
te, so legten selbst Doktoren und Kaufleu
te, Advokaten, Farmer, alte Bürger,
Rathsherren und Bürgermeister zuweilen
Hand an's Werk und hackten und schaufel
ten und gruben, wenn einmal eine städti
sche Arbeit, die Ausrodung eines Wald
stückes, der Bau einer neuen Straße, die
Boden - Obnung für ein Gerichtshaus,
Schulhaus oder dergleichen schnell ausge
führt werden sollte. Die Leute aus Schwa
ben halfen redlich dabei und sahen bald
ein, daß der kleine Anfang schnell zu Et
was führen müßte. Sie schrieben daher
hinaus, daß es hier sehr gut wäre. Die
Botschaft ging in den Dörfern von Mund
Z« Mund und vyn Ohr zu Ohr herum; und
es kam zuerst ein halbes Dutzend, dann
ein Dutzend Familien über den Ozean,
dann noch viel mehr, und am Ende fiedelten
sich rund um Ann Arbor 5000 oder 6000
Schwaben an und füllten die Umgegend
des Städtchens mit hübschen deutschen
Bauernhäusern und Gehöften. Soweit
die Yankees merkten, daß die Deutschen
sich in der Umgegend einzunisten anfingen,
waren sie gleich flink bei der Hand und
kauften rings umher das Land auf, sek
tionsweise, ganze Striche, wie sie sich denn
immer damit beeilen, wenn sie sehen, daß
ein „German Settlement" irgendwo entste
hen soll. Sie wissen wohl, daß der Grund
und Boden da bald viel werth wird, weil
die Teutschen sich nicht gern weit zer
streuen. Dadurch wurde zwar der Boden
Etwas vertheuert, aber nach und nach
wurde den Yankees ein Stück nach dem an
deren wieder abgekauft und nach und nach
ein kleines Schwabenland geschaffen.""
Von einem Besuche in dieser Ansiedlung
erzählt der Reisende weiter: „„Wir fuhren
zuerst bei Hrn. Jödele an, der uns sehr
freundlich bewillkommte, er und seine alte
spinnende Mutter. Ein Spinnrad, eine
spinnende Mutter, die findet man hier in
Amerika nur noch in den deutschen Settle
ments. Sie nahmen uns mit „Appelküch
le" und so schönem Weißbrode auf, wie ich
es lange nicht gegessek häbe. Als wir
unsern Weg fortsetzten, kamen wir bei'm
Schulhause des Distrikts vorbei und dann
zur Kirche, die beide ziemlich einsam im
Walde liegen. Darauf kam des Schusters
des Dorfes und endlich des Schneiders be
scheidenes Hüttlein. Die ganze Gegend,
so weit ich sie besuchte, war ein reizendes
Gewebe von Ansiedler - Gehöften, von
Aeckern und dazwischen stehen gebliebenen
Wald- und Wiesenpartie'n.""
Das von Alber.t Träger den
Teutschen Oestreich's gewidmete Gedicht,
wegen dessen die in Prag erschienene
Sammlung „Dichtergrüße" verboten wur
de, lautet:
Zum VruSe.
Und was einmal zusammen gehört,
Das kann kein Grenzpfahl scheiden,
Und nie wird treue Liebe zerstört,
Neu blüht sie auf im Leiden,
Ward auch zerrissen das alte Band
In unheilvollen Tagen,
Allüberall ist deutsches Land,
Wo deutsche Herzen schlagen!
Die wir im neugeeinigten Reich
Uns brüderlich umzufassen,
Wir denken liebend Aller zugleich,
Die d'raußen wir gelassen;
Der Muttersprache heiliger Laut,
Des deutschen Geistes Flammen,
Und was nur ein deutsches Herz erbaut.
Hält ewig uns zusammen.
Uns hält zusammen die gleiche Noth
Voll Mühen und Gefahren,
Wir müssen, von Feinden rings umdroht.
Die deutsche Freiheit wahren,
Für sie den Kamps bis zum letzten Hauch,
Und naht uns das Verderben,
Tann werden muthig nach deutschem Brauch
Wir für die Freiheit sterben.
Noch führen wir kräftig Streich auf Streich
Im heißentbrannten Streite,
Ihr deutschen Brüder in Oesterreich,
Steht fest auf Eurer Seite!
Es soll der Freiheit lodernden Brand
Die Uebermacht nicht dämpfen,
Allüberall ist deutsches Land,
Wo deutsche Männer kämpfen?
Verbore n.—Unteroffizier: „HZ
renfe Lachmann, ich globe nu selber, det
Ihnen das Maul so breet gewachsen is,
daß es immer aussieht, als ob Se Eenen
auslachten; Sie sind emal total lächerlich
verboren."

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