OCR Interpretation


Der Deutsche correspondent. [volume] (Baltimore, Md.) 1841-1918, March 28, 1885, Der Sonntags-Correspondent, Image 11

Image and text provided by University of Maryland, College Park, MD

Persistent link: https://chroniclingamerica.loc.gov/lccn/sn83045081/1885-03-28/ed-1/seq-11/

What is OCR?


Thumbnail for 7

liche Zigeunerbanden und ein vornehmes
Publikum erschienen, sondern, daß auch
der LandeScommandirende von Ungarn,
Baron Edelsheim- Gyulai, unter den
Trauernden sich einfand. Racz hatte näm
lich unter dem General den italienischen
Feldzug mitgemacht. Uebrigens waren
Leide schon stark clvilisirt, der Urwüchsigere
von Beiden war freilig Racz, während
Berkes seine Force im Spielen vou Ou
vertüren, Opern und Operetten zeigte.
Berkes war erst 47 Jahre alt, aber seit 3 7
Jahren bereits Primas. Auch er hatte
die große Europa-Tour mitgemacht, wel
che neuestens zur Carriere der Zigeuner
barone oder Wojwoden so werden sie
von ihren Leuten genannt zu gehören
scheint. Seine Würde vererbt sich auf den
ältesten seiner vier Söhne nach dem zi
geunerischen Erbsystem. Neben seinem
Ruhm hinterließ Berkes noch ein großes
Vermögen.
Der „Färber" und sein
„Gesell." —Im Freundes Kreise er
zählte Justus von Liebig gern fol
gendes Erlebniß, das bis jetzt wenig in die
Oeffentlichkeit gedrungen ist.„„Als ich
noch Professor in Gießen war, geschah es,
daß einem Bauer aus der Umgegend bei'm
Transport in die Stadt sein ganzer Eier
vorrath zerbrach. Unten im Korb hatte
er sein Sibergeld verborgen, womit er
Steuern zahlen wollte. Da die Eier nun
nicht mehr srisch gewesen waren, hatte das
sich in ihnen entwickelnde Schweselwaffer
stoffgas sein sämmtliches Silbergeld schwarz
" gefärbt; dies zweideutige Geld aber wies
der T leuerbeamte zurück. Nun war mein
Bäuerlein in großer Verlegenheit. Da
sagte ihm ein anwesender Spaßvogel:
„Kommen Sie nur mit mir, da ist bald
Rath geschafft." Er führte ihn vor mein
HauS: „Da gehen Sie nur hinein
und fragen Sie nach Herrn Professor
Liebig, der kann Ihnen das Geld wie
der blitzblank machen." Wer war froher,
als mein Bauer. Er trat gleich mit
der Frage in mein Haus: „Ist Er der
Liebig, der schwarzes Geld wieder weiß
färben kann?" „Jawohl," sagte ich
„Das kann ich!" In wenigen Mi
nuten hatte ich durch einige Bäder verschie
dener Säuren den Schaden wieder gut ge
macht. Der Bauer, der sehr zweifelhaft
zugeschaut hatte, lachte nun über's ganze
Gesicht: „Na, na, umsonst wird Er doch
nickt färben, genir' Er sich man nicht, was
kost's?" „Nichts." „Na" und
damit griff er in die Tasche und legte einen
Sechser auf den Tisch, „dann kann Sein
Gesell sich dafür 'n Schnapps kaufen."
Mein „Gesell" war aber Niemand
anders, als mein Assistent, Doktor Nie -
mever .—Das Trinkgeld hat uns nicht
wenig Spaß gemacht.""
Orthodoxe Knochen.
Am 13. Nov. v. I. wurden in Kasan im
Gebüsch einer alten Festungs-Courtine
menschliche Knochen gefunden. Der Pri
ftawsgehülfe des 6. Stadttheils verfügte,
daß die Knochen der Erde übergeben würden.
Ueber jegliche Beerdigung muß aber in
den Friedhofsregistern die gesetzlich vorge
schriebene Eintragung gemacht werden.
Der „Wolschski Westnik" erzählt, wie man
sick mit dieser gesetzlichen Bestimmung An
gesichts des absonderlichen Casus abgefun
den hat. In der Rubrik für Tauf- und
Familien-Namen des Verstorbenen, Ge
schlecht, Stand:c. schrieb man: „Mensch
liche Knochen von der Courtine, unbekann
tenStandcs,dem Anscheine nach orthodoxen
Glaubens und unbekannten Geschlechtes."
In der Rubrik: „Woran gestorben?" heißt
es: „Im Gebüsch gefunden. Unterzeichnet
Priester K. und Diakon O."
—E injunges Ehepaar aus ei
ner größeren süddeutschen Stadt verfiel
nach der üblichen italienischen Hochzeits-
reise auf den unglückseligen Gedanken, die
Rückfahrt über die Riviera mit Aufentball
in Monte-Carlo zurückzulegen. DerGalte,
welcher Prokurist eines bedeutendenErport
hauses ist, hatte während seines Ausent
halts in Italien namhafte Beträge bei
verschiedenen Kunden seiner Firma einkas
sirt, im Ganzen mehr,als 40,000 Francs.
In Monte-Carlo übergab er diese Summe
seiner jungen Frau zur Aufbewahrung,
damit er nickt in Versuchung käme, das
Geld zu »erspielen, glaubte jedoch, sich die
Zerstreuung des Spiels nicht ganz versa
gen zu sollen. Er begab sich allein in die
Spielsäle und setzte mit wechselndem Glück
einigeLouisdors.bald gewinnend,bald ver
lierend. In bester Stimmung kehrte er nach
dem Hotel zurück, um seine Gattin zur
lablv ä'kote zu sühren. Unbeschreiblich
jedoch war sein Erstaunen und später sein
Entsetzen, als er seine Gattin nicht in dem
Zimmer fand, und als alle Nachforschun
gen vergeblich blieben. Mit der Frau
war auch die Handtasche mit dem oben er
wähnten Geldbetrage verschwunden. Der
bedauernswerthe Mann eilte zum Spiel
commiffär, zur Direktion der Spielhölle,
begegnete aber überall bedauerndem Ach
selzucken, ohne die geringste Auskunft zu
erhalten. Er bereiste nun die ganze Ge
gend, um die Spur der Verschollenen wie
der aufzufinden. Die französischen und
italienischen Behörden unterstützten ihn bei
seinen Nachforschungen, aber Alles blieb
vergebens. Niedergedrückt von Gram und
Schmerz, kehrte er nach Monte Carlo zu
rück. Als er sich eben anschickte, die Heim
reise nach Teutschland anzutreten, trat ein
Bediensteter des Kasinos an ihn heran und
theilte ihm mit, daß er seine junge Frau
am Spieltisch gesehen habe, wo sie eine
Note nach der anderen verloren habe. Als
sie bemerkte, daß die Tasche geleert war,
habe sie in größter Aufregung und Ver
wirrung den Spielsaal verlassen. Sie
sei eiligen Schrittes durch den Park bis
zum marmornen Geländer gegangen, habe
sich, ehe der Sprecher hinzuspringen konnte,
über die marmorne Brüstung gebeugt und
sei in der Tiefe verschwunden. Die schreck
lich verstümmelte Leiche sei in aller Stille
aufgehoben und am nächstenTage auf dem
Friedhofe bestattet worden.
Dieausgespannten Pferde
bewunderter Künstlerinnen gehören, wie
man bisher glaubte, der Legende früherer
enthusiastischer Jahrzehende, in denen das
Theater die Hauptrolle Im öffentlichen Le
ben spielte, an. Dem ist nicht so. Auch
die modernen kühleren Theaterbesucher
können, wie uns aus einem oberschlesischen
Städtchen berichtet wird,diese höchsteSluse
der Begeisterung erklimmen. Als die be
kannte Violinvirtuosin Tua
vor Kurzem in dem Städtchen spielte, ent
brannte ein so heißer Enthusiasmus für
die Künstlerin, daß die dortige
doree" beschloß, die Pferde von dem Wa
gen, in welchem die Künstlerin nach dem
Conzert heimfahren sollte, auszuspannen
und den Wagen selbst zu ziehen. Dies
geschah auch. Als nun die begeisterten
Herren am andern Tage in ihrem Hotel
zu Tische kamen, fand jeder von ihnen auf
seinem Teller ein kleines—Bündchen Heu
und etwas Hafer vor. Welcher Spaßvo
gel sich diesen „animalischen" Scherz ge
macht, hat man nicht erfahren können.
(Aus der „Westl. Post.«)
Prophezeihung.
«u» »i„t« alten Handschrif«, aefunven in »er
Bencdittincr-Sldtei zu Lttobeuer».
Im Jahre achtzehnhundert neunzig und
drei
Wird Europa eingetheilt sein ganz neu,
Und besser, als es vorher gewesen;
Denn ein gewaltiger Völkerbesen
Wird Alles zusammenkehren sein,
WaS stets hätte sollen beisammen sein.
Das stolze England nach langem
Kampf
Und umsonst vergeudetem Puloerdampf
Wird sein eine freie Republik,
Und der Prinz von Wales, sich in sein Ge
schick
Ergebend, wird in Wales refidiren
Und dort ein beschauliches Leben sühren
Als englischer Bürger mit hübschem Ti
tel
Und durchaus nicht ohne klingende Mit
tel.
Irland wird frei nach viel Weh
und Ach,
Den Papst beherbergen unter seinem
Dach
Und auch eine Republik genannt sein,
Doch unter den beil'gen Pantoffel gebannt
sein.
Spanien wird bleiben ein König
reich
Und Marokko prügeln ganz windelweich
Und es zuletzt in die Tasche schieben,
Nackdem es die Heiden daraus vertrieben.
Frankreich wird unter dem En
kelsohn
EineS Mannes, genannt Napoleon,
Als Kaiserreich im Glanz sich zeigen.
Aber doch nur die zweite Fidel geigen.
Doch wird es von Belgien den größten
Theil
Sich einverleiben ganz wohlfeil.
Das deutsche Reich wird vergrö
ßert sehr,
Sich strecken gar mächtig die Kreuz und
die Ouer,
Wird Holland mit sich vereinigt
seh'n,
Das als Königreich aber wird fortbe
steht;
Auch wird sich's Deutsch-Oestreich einver
leiben,
Dem als A u st r i e n soll der Titel blei
ben.
Nur Tyrol wird dem Bayernkönlg
gegeben
Soweit dort herrschet deutsches Leben;
Was wälsch spricht, fällt an Italien
zurück.
Das immer leidet am „falschen Blick."
Der Kaiser von Oestreich brummt in den
Bart,
Doch nimmt er's am Ende nicht gar zu
hart,
Daß er nach Osten muß retiriren
Und in Ofen fein Regiment weiter süh
ren.
Man rührt ihm in seinen neuen Brei
Bosnien, Moldau und die Walachei;
'S wird heißen: „er hat's nicht Keffer ge
wollt,
Mit seinen Deutschen zu gröblich ge
schmollt."
Das schöne Wien wird eine sreie
Stadt,
Wie das deutsche Reich dann mehrere
hat;
Denn auch Augsburg, Spe yer
und Stettin
Nehmen dankbar einen Freibrief hin.
Der König von Bayern wird, was zur
Pfalz
Gehört, stets erhalten! „So Gott er
halt's!"
Der König von Sachsen steckt ganz
fein
Die kleineren sächsischen Ländchen ein.
Einen König wird's geben in G r i e -
chenla nd,
Er wird verschlagen und gar gewandt
Den Türken aus Europa vertreiben,
Und Byzanz wird seine Hauptstadt
bleiben,
Athen wird sein eine freie Stadt,
Wie im Alterthum es gestanden hat;
Und der Sultan, zwar stolz, doch re
signirt,
In Damaskus hinten dann residirt.
7
Ter Czar wird Iwporator
genannt
Uns England ganz aus Indien ver
bannt,
Das dann wieder eigenen Fürsten gehört.
Nicht länger von britischer Habgier ge
stört.
In dem großen Meer, dem Chinesen
reich nah,
Wird Inseln man finden fern und
nah,
Und die besten wird England und Deutsch
land besitzen
Und, was dort wächst, für den Handel sich
nützen.
Und ein weites Land, das von Meer zu
Meer
Sich ausdehnt, an Gold und Meilen
schwer,
Wird heißen „die große Repub
lik «
Und bestimmen manches Volkes Geschick
Und der Welt ein neues Gesicht aufprä
gen
Und viele Kronen und Scepter durchsä
gen.
Wenn das zweitausendste Jahr gekom
men,
Wird's jedem Christen gedeihen zum From
men,
Und eh' mit dem Nachbar er brüderlich
theilt.
Was immer er hat, wo immer er weilt.
Dann gibt's keinen geistigen Borzug
mehr,
Und die Welt wird flach und öd' wie das
Meer.
Zeitbild.
Ich lese von schlechten Zeiten,
Von Armuth und Elend gar oft,
Von Raub, Mord und Einbruch alltäglich,
Von „Pleite" ov Zink- unverhofft —
Von Krankheit, von Hunger und Elend,
Von Krieg und vom falschen Prophet,
Von China, von Tongking und Khartum
Und wie es im Zulu-Land geht—
Von Bismarck, von Gladstone's Erkran
kung,
Von der großen Nil-Erpedition,
Von allerhand Dynamit-Helden
Und der nahenden Revolution.
Mir wird ganz unheimlich zu Muthe,
Ich komme Nacht nichts mehr zur Ruh',
Ich träume von Erplosionen
Und schwitze vor Angst noch dazu.
Die Welt scheint mir närrisch mitunter,
Ihr Ende dünkt nah' mir zu sein—
Hör', Wallv, bring' mir 'mal ein' Gu
lasch
Und einGläschen vom herrlichenßheln!-
So setz' ich mich nieder und trinke,
Stärk' so mir den sinkenden Muth;
Der Tcusel hol's Politisiren,
Da schmeckt selbst das Beste nicht gut!
D'rum zieht nur nach China und Khar
tum,
Annexirt g'rad, wasJhr nur wollt—
Ick bleibe im Lande und trinke
Des Rheinweins belebendes Gold!
. (Puck.)
JndenFlitterwo chen —Frau:
„Wir find kaum drei Monate verheirathet,
Adolph,undDu bist schon mir gegenüber die
reine Prosa. Früher, als wir noch ver
lobt waren, machtestDu Gedichte auf mich,
suchtest mir heimlich Blumen und Bänder
zu entwenden. Ach, vonAlledem ist jetzt
Nichts mehr— Du hast nur Sinn für Es
sen, Trinken, Dein Geschäft und Deine
Ruhe wann, Adolph, werden wir wie
der einmal bei Mondschein schwärmen?"
Mann: „Wenn mir die Haare ausge
gangen sind!"

xml | txt