OCR Interpretation


Der Deutsche correspondent. [volume] (Baltimore, Md.) 1841-1918, November 07, 1885, Der Sonntags-Correspondent, Image 6

Image and text provided by University of Maryland, College Park, MD

Persistent link: https://chroniclingamerica.loc.gov/lccn/sn83045081/1885-11-07/ed-1/seq-6/

What is OCR?


Thumbnail for

Der Ä>mlW-ssmM»öenl.
45. Jahrgang.
Ein Gedicht des Fürsten Nirola
von Montenegro.*)
Sei gegrüßt, gewalt'ges Meer!
Wie sich Deine Wogen dehnen!
Endlos bist Du und Du bist,
Seit wir athmen, unser Sehnen.
Sei gegrüßt in Deiner Pracht!
Selig will das Herz mir pochen;
Doch Dein Anblick mahnt mich auch,
Was die Welt an uns verbrochen.
Hielt sie denn nicht Zwei getrennt,
D'rauf noch frei die Herzen schwellen,
Zwei, die beide hehr und groß:
Meine Berge, Deine Wellen?
Doch vorbei! Ich fluch' ihr nicht,
Welches Leid uns d'raus entsprossen
Blaues Meer, nun bist Du mein
Durch das Blut, das wir vergossen.
Dank der schwarzen Berge Gott,
Dank der schwarzen Berge Helden,
Sing' ich heut' an Deinem Strand,
Deine Herrlichkeit zu melden.-
Und ich flehe, bleibe mein!
Mag der Herr dafür Dir hegen
Deine Perlen auf dem Grund,
Deine Fischlein, die sich regen.
Bleibe mein, so ties Du bist,
Mein in Deiner ganzen Weite,
Mein mit Deinem milden Hauch.
Mein mit Deinem Zorn und Streite.
Mit den Schissen bleibe mein
Und den Schiffern, die Du schaukelst;
Mein mit Deinem Farbenspiel,
Wenn im Licht Du schimmernd gau
kelst.
Bleibe mein, gewalt'ges Meer,
Schäum' an meinem Fels in Wonne
Bis zum Untergang der Welt,
Bis Dich ausgeschöpft die Sonne.
Mein Musiklehrer.
Eine Reminiscenz aus dem Studentenleben,
«on E. R. Hontftumb.
Als wir fröhlich die Gassen durchirrten,
Zu jeglicher Schandthat bereit
Ha, Das war eine köstliche Zeit,
Welchen Zweck haben eigentlich die bei
den ersten Universitätssemester? Das ist
eine Frage und ein Problem, die meines
Wissens noch niemals zur vollsten Zufrie
denheit und auch zu nur annähernder Si
cherheit beantwortet und gelöst worden
sind, zum Wenigsten nicht in den Augen
der betrübten Herren Väter und besorg
ten Frau Mütter, deren Söhne man nach
den glücklich zurückgelegten Gymnasialjah
ren und mehr oder minder mühsam über
standenem Abiturienten-Examen auf die
Hochschule schickt. Zum Studiren sind sie
doch sicher nicht da denn ein krasser Fuchs,
der studirt und in's hplleg geht, ist ja eine
Anomalie und Abnormität, die man auf
deutschenHochschulen ebenso wenig antrifft,
wie einen ausgewachsenen Corpsburschen
ohne Schulden. Ein Fuchs kann ja über
»)DicsrSGedlcht, welche? deutsch m der,.Ge
genwart" 1878 erichitn, i llustrirt vortrefflich
auch das jetzige Bestreben jener Völkeiichaf
ten, ihre Besitzungen auf Kosten des kranken
Mannes zu erweitern. Damals hielt der
Fürst den Hafen von Antivari besetzt.
Samstag, den 7. November 1885.
Haupt gar nicht studiren. Denn nach der
offiziellen landesüblichen Definition ist ja
der vulxes ein „alliwal siue meots »o
rationo, oixarrarum maZnaw
eoxisill sewxer seeuw portavs," in das
geliebte Deutsch übertragen: „Der Fuchs
ist ein Wesen ohne Verstand und Ver
nunft, das immer Cigarren und Taback
in schwerer Menge bei sich haben muß."
In dieser Erklärung liegt viel Wahrheit
und Weisheit, namentlich im ersten Tleile
derselben, und wenn man jetzt so in ruhi
gen Stunden in sich geht und denkt, was
sür ein tolles, unnützes Leben man doch
als krasser Fuchs geführt, was für boden
lofeStreiche man gemacht, und wie unver
antwortlich man die schöne Zeit, ganz ab
gesehen von den schönen Wechseln, ver
geudet, so möchte man mitunter doch wohl
die Hände über dem Kopf zusammenschla
gen und in Sack und Asche Buße thun.
Doch Das nützt ja Nichts mehr — tempi
xasssti! kuimus vulpes! und schön
war's ja doch!
Ich verlebte die krasse Fuchsenzeit
lang, lang, ein viertel Jahrhundert ist es
her im schönen Göttingen und zwar zu
einer Zeit, als auf der Georgia Augusta
ein entsetzlich leichtsinniger Ton, zum We
nigsten bei den Corps, herrschte, und ge
stehen will ich es, daß ich mich als Fuchs
sehr leicht in diesen Ton hineinfand; es
war eben die Wiederholung der alten Ge
schichte vom „verlorenen Sohn" Balthasar
von Mesopotamien, den man auch „auf
das Studium" in Babylon that, und von
dem dann Viktor Scheffel so erbaulich
singt:
Dort lebt er in
Und in einem ew'gen vudilo;
Wein und Bier, wie auch Likör
Trank er täglich mehr und möhr.
Leider aber die Collegien
Ließ er gänzlich unterwegien;
Von dem Babylonier-Corps
Wurde er bald Fuchsmajor.
In den Gärten der Semiramis
Spielt er manchen Schlauch und Bierra
mis
Und ergab sich allgemach
Pharao und derlei Sach'.
Ja, Das war eine köstliche Zeit, und mir
war sie um so köstlicher, als es sehr streng
verbotene Früchte waren, von denen ich
naschte, denn wenn mein übermäßig solider
Herr Papa es geahnt hätte, daß ich gleich
im ersten Semester mich oon Austo und
freventlichem Leichtsinn in den Strudel
des Corpslebens gestürzt hätte, so würde
er mich wahrscheinlich ohne viele Umstände
sofort „eingeheimst" haben. Aus diesem
Grunde vermied ich denn selbstverständlich
in meinen Briefen „nach Hause" jegliche
Anspielung auf meinen leichtsinnigen Le
benswandel, und da diese gelegentlichen
Schreibübungen doch nur immer den einen
praktischen Zweck hatten, den Herrn Papa
von der ewigen Wahxheit des wichtigen
Satzes zu überzeugen:
Brav Gelder muß der Vater schicken,
Wenn der Herr Sohn studiren soll,
so kam es in diesen Bliesen lediglich da
raus an, „nöthige Ausgaben," die man
gehabt, zu erfinden; wie der Finanzmini-
ster eines mit einem übermäßigen Defizit
gesegneten Staates sein Hauptaugenmerk
auf die Erfindung „neuer Steuern" rich
tet, war in den ersten Semestern das Stu
dium der „nothwendigen Ausgaben" das
weitab wichtigste, und mit einerGenialität,
auf die ein Edison oder irgend ein anderer
Erfinder von internationaler Berühmtheit
hätte stolz sein können, wurden diese Aus»
gaben „erfunden;" eine ganze Reihe von
Kollegien wurde belegt, obschon ich z. 8.,
da man mindestens ein Colleg belegen
mußte, um nicht seiner Rechte als Livis
aeitäon'-.cu!; verlustig zu gehen, thatsäch
lich im erstenSemcfter nur ein einzigesCol
leg belegte, und zwar über „praktischen
Hufbeschlag," das den großen Vortheil
hatte, nur einen Thaler zu kosten und oes
halb von Theologen, Juristen, Medizinern
und Philologen ebensowohl belegt wurde,
wie von den „Mistfinken," d. h. den des
Studiums der Landwirthschastßeslissenen,
für die es höchst wahrscheinlicher Weise al
lein bestimmt war; ferner mußten sehr
viele theure Lehrbücher und Compendien
angeschafft werden, und wenn diese und
ähnliche Quellen erschöpft waren, griff
man zu anderen findigen Mitteln, und ich
erinnere mich noch mit vieler Freude einer
„Erfindung," die ich machte, die mir nicht
nur ein ganz hübsches Stück Geld, son
dern sogar einen lebhaft anerkennenden
Brief meines werthen, fo schnöde hinter's
Licht gesührt«n Herrn Papas eintrug,
und damit hatt« es folgende Bewandt
niß.
Mein Papa war ein großer Musiken
thusiast, und jegliches Familienmitglied
wurde von Kindesbeinen an entweder wil
lig oder mit Gewalt zur praktischen Musik
angehalten; auch mir hatte man schon als
kleinem Jungen die Geige in die Hand
gegeben, und ich mußte das Geschäft des
Geigenspielers, obschon ich im Grunde ge
nommen gar keine Anlage dazu hatte, in
späteren Jahren fortsetzen. Ich besaß so
gar eine ziemlich werthvolle alte Geige,
die ich natürlich nebst diversen Violinschu
len und Etüden mit auf die Universität
nehmen mußte. Die Geige war, wie schon
bemerkt, ziemlich werthvoll, und so wird
sich wohl Niemand, der sich jemals Studi
rens halber und mit leichtem Sinn und
leichtem Wechsel auf einer deutschen Uni
versität aufgehalten, darüber wundern,
daß sie nach einigen Wochen von meinem
Zimmer verschwand und ich sie wie wir
uns damals auszudrücken pflegten he
bräisch studlren ließ, d. h. sie einemPsand
onkel anvertraute; doch damit nicht ge
nug, schrieb ich meinem Herrn Papa, dcp
ich einen Musiklehrer engagirt hätt,
jede Woche vier Stunden nähme und «n
größten Theil meiner freien Zvt mit Mu
sijiren zubrächte. Die schnöde Gaumrei
gelang in der That ganz prächtig, aber
beinahe wäre mir „mein Musiklehrer
doch sehr theuer zu stellen gekommen, uns
Das ging so zu. /
Es war im zwekn Semester, und
lebten in einer bewegten Zeit, wir haten
Stiftungsfest schabt, die Füchse wastn
„rezipirt," selbst die im Grunde ge
nommen dich etwas zweiselhafte Ehrt zu
Theil geworden, zum zu
avancten, und da gingen natürlich die
Wogn des Uebermuthes und des Leicht-
Nr. 2«i7.
Sinns um verschiedene Thürme höher, denn
sonst.
Da finde ich nun eines Nachts, als ich
„nach schwerem Tagewerk" aus meiner
„Bude" anlange, daselbst eine Depesche
von meinem Bruder vor, die also lau
tete:
„Papa heute Abend Ferienreise ange
treten; vermuthe, daß er Dich besuchen
wird."
Himmel, hast Du keine Flinte?! Das
war eine schöne Bescheerung; aber nach
dem der erste Schrecken vorüber, dankte ich
meinem Schöpser und meinem vorsichtigen
Bruder, daß ich noch frühzeitig gewarnt
war. Frühestens konnte der Herr Papa
am nächsten Nachmittag eintreffen, und
da hatte ich noch Zeit genug, mich „solid"
einzurichten. Ich legte mich daher ruhig
hln, aber am nächsten Morgen ging ich
.frühzeitig an die Arbeit; ein im selben
Hause wohnender Bekannter, der kein
Eorpsstudent und daher fleißig war, wur
de in die heikle Situation, in der ich mich
besand, eingeweiht, und so wurden meine
Corpsinsignien, als da sind Mützen, Bän
der, Schläger, Dedicationen usw. usw., in
dessen Studirzimmer geschafft, während
seine Studirlampe, Schreibmaterialien,
diverse Bücher usw. in mein ödes Gemach
wanderten.
Im Laufe des Morgens gelang es mir
auch, noch mehrere Kollegienhefte, ver
schiedene angeblich von mir gekaufte Bü
cher und diverses anderes „gelehrtes Rüst
zeug" aufzutreiben; desgleichen benach
richtigte ich während des Diners im „Ho
tel Gebhardt" meine Corpsbrüder von der
Stchlage, ersuchte sie, mich nicht zu besu
chen, mich eventuell auf der Straße nicht
zu lennen usw. usw., und so erwartete ich
denn mit einiger Seelenruhe, jedoch im
merhin noch mit etlichem Herzklopfen die
Anlunft des Herrn Papa. Des Nach,
mittags um vier Uhr konnte er da sein,
und um diese Zeit saß ich vor meinem
Schieibtisch, der über und über mit Pa
pieren, Heften und Büchern bedeckt war,
und war ganz vertieft in die Lösung ir
gen eines schwierigen Problems aus der
Asserential-oder Integral-Rechnung, und
mein Kalkül war richtig, denn in der
that war der Herr Papa einige Minuten
,ach vier Uhr da; ich war natürlich auf's
Höchste überrascht, mein Papa jedoch sicht
lich erfreut, seinen Herm Sohn so fleißig
?i finden. Wir sprachen über Dies und
Las und Das und Dies, und als ich auf
mein vorsichtiges Fragen und auf den
Buschklopfen ermittelt hatte, daß der Herr
Papa bereits mit dem Nachtzug weiter
fahren wollte, bedauerte ich Das natürlich
sehr, athmete aber im Stillen erleichtert
auf. Mein Papa schlug mir dann vor,
ich sollte mich anziehen, wir wollten einen
Spaziergang aus den Hainberg machen
(mein Papa hatte ebenfalls seiner Zeit
sein akademisches Triennium in Göttingen
absolvirt und wollte sich doch auch 'mal das
Leinethal wieder etwas genauer ansehen),
dann in der '„Krone" zu Abend essen und
so lange zusammenbleiben, bis der Zug
abfuhr. Ich war natürlich vollständig
mit diesem Programm einverstanden, aber
während ich mich im Schlafzimmer fertig
machte, mußte er wohl in meinem Zimmer
Umschau gehalten haben, denn plötzlich

xml | txt