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Der Deutsche correspondent. [volume] (Baltimore, Md.) 1841-1918, September 04, 1886, Der Sonntags-Correspondent, Image 7

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schießen liev und ein mörderisches Blut
bad anrichMe, so forderte doch das Voll
immer tühnervdie Furcht und Zaghaftig
keit fahren zu und den allgemeinen
Landsturm sonder damals, wie der
Chronist malitiös bemerkt, meistens aus
Weibern bestund den Feind auf
zubieten.
Seit der lustigen Weiberwacht in
Schorndorf langte alle Augenblicke die
Kunde vsn einem neuen Handstreich ein,
worunter der von Weibern „mit unter
mengten Männern" angezettelte Ausstand
in Göppingen einer der gelungenste war.
Der Göppinger Weiberrummel fiel bereits
in die Zeit, als endlich zu Weihnachten der
seit einem halben Jahre versprochene Er
satz, bestehend aus vier Regimentern und
den Starhembergischen Dragonern, ange
rückt kam. Ueberall, wo die Truppen
durchzogen, eilte die alte Landsturm-Miliz,
ohne aufgeboten zu sein, freiwillig unter
ihre Fahnen: Bauern, Holzknechte, Forst
leute, Handwerker u. s. w. Die erfolg
reichen Kriegsthaten dieses allgemeinen
Ausgebots gehören auf ein anderes Blatt
der Geschichte. Gewiß aber ist, daß vec
Kriegslage in ihrem verzweifeltsten und
demülhigendsten Stadium vie Frauen zu
erst und unerwartet eine andere Wendung
gegeben haben.
Ter Chronist sagt die Wahrheit, wenn
er der Nachwelt verkündet: „Haben also
die Weiber, weilen die Männer vor Knie
beugungen und Gnadenseufzern völlig er
starben, den ersten Anfang und Aufstand
gemacht, und sind also die stolzen sranzösi
fchen Kriegswellen durch Weibereouraze
zu deren ewigem Ruhmzedächtniß, den
hochmülhigen Reichsfeinden aber zu im
merwährendem Spotte glorreich niederge
leget worden."
Ter Teufel und der Branntwein.
Aus Moskau schreibt man dem „Neuen
Wiener Tageblatt:" „„Der berühmteste
jetzt lebende russlichcßomanschriftstellerGras
Leo Nikolajewilich Tolstoi ist umer die
Dramaturgen gegangen. Er hat nämlich
soeben eine sechsa!tig,e Posse unter dem
Titel „der erste Branntweinbrenner" vol
lendet und der Censurbehörde BehusS Be
willigung der Ausführung dieser seiner er
sten dramatischen Schöpsunzen vorgelegt.
DieseLetztece hat von der Censur Nichts zu
befürchten, denn sie ist weder politischen,
nock sozialistischen.noch religiösen Charakters
und basirt aus dem russischen Mährchen von
der Erfindung des Branntweins durch den
Teufel. Die Teufel spielen in diesem
Stücke des Grasen L. N. Tolstoj über
haupt fast die ausschließliche Nolle. Der
Inhalt des Stückes ist solgenoer: DieTeu
sel verführen die Menschen und geben da
rüber dem Oberteufel Rechenschaft. Der
Oberleusel theilte seine Teufel nach Stän
den und Geschlechtern ein: die Einen ver
lähren die Adligen, die Anderen die Kauf
leute, die Tritten die Frauen und Mäd
chen. die Vierten die A»vokaten u. f. w.
Endlich ist ein Teufel da, welcher denßauer
versührt. Alle Teufel erledigen ihre Au
fgaben zur höchsten Zufriedenheit de-Ober
teufels. nur der Teufel, welcher den Bauer
verführen soll, bereitet dem Oberteufel
leine Freude. Da läßt dieser Letztere ven
armen Bauernleusel niederlegen und ihn
so lange hauen, bis der also Negalirte ver
spricht, seiner Ausgabe zur Zufriedenheit
des Oberleusels gerecht werden zu wollen.
Nach Erbalt der Prügel gebl der Tewel
zu dem Bauer hin und trttt bei demselben
als einfacher Knecht im Dienil. Nun ar
beitet er für den Bauer so fleißig, daß die
ser sichtlich immer reicher und reicher und
endlich so reich wird, daß er nicht weiß,
wo.' mU dem vielen Geiraide, welches er
eiiibeimst, anzulangen. Da belehrt ihn
dessen Knecht, aus demGetraite—Brannt-
wein zu fabrlziren und denselben zu genie
ßen. Derßauer thut es, und derßrannt
wein schmeckt ihm vorzüglich. Er läßt den
selben seine Frau, seine Kinder, seine
Nachbarn und andere Bauern kosten, und
Alle finden das GetȊnk samos, fangen an
tüchtig zu trinken, dann zu singen, zu tan
zen, zu schreien, zu schimpfen, sich zu prü
geln und allerlei Unarten zu begehen. Da
erscheint der Oberteufel, sieht diesem Trei
ben der berauschten Bauern zu, freut sich
über die Aufführung seines Untergebenen,
und belobt ihn inmitten des Lärms der be
rauschten Menge. Die Tendenz dieser
Posse ist klar, und sür Rußland kann man
sich kein besseres Volksstück wünschen.""
Tir geraubte Alt-Heidelberger
Bibliothek.
Von Interesse ist, was Prof. Bruno Fi
fcher, der Festredner bei der Heidelberger
Feier, über das Schicksal der im Vatikan
befindlichen, von Tilly geraubten Heidel
berger Bücher bemerk! hat.
Die Pfälzifche Bibliothek war nach dem
Tode Otto Heinrich'S gewachsen, sie war
namentlich durch daSVermächtniß deSFrei
herrn Ulrich Fugger von Kirchberg und
Weißenhorn, der von Augsburg nach Hei
delberg übergesiedelt war und feine herr
liche Sammlung handschristlicher Schätze
dem Kurprinzen Friedrich hinterlassen hatte
(1584), vermehrt worden. Dazu kamen
die Erwerbungen, welche Prinzen undPrin
zefsinnen des Kurhauses zu machen liebten,
insbesondre Friedrich IV. selbst, der ein
leidenschaftlicher Bücherfreund war. Die
Schätze der Palatina bestanden nicht blos
in einer großen Zahl orientalischer, grie
chischer und römischer Codices höchst selte
ner und werthvoller Art, sondern in einem
wichtigen und mit Liebe gepflegten Theile,
auch in einer Sammlung von Hanvfchrif
ten aus unserer alten vaterländischen Lite
ratur. So hatte Otto Heinrich eineHand
schrifl des Rolandsliedes vom Pfaffen
Konrad, Ulrich Fugger eine der Eoange
lienharmonie des Mönches Otfrld, Fiiev
rich IV. die sog. Manesse'sche Sammlung
von Liedern der Minnesänger erworden.
Mit Recht hieß diese Bibliothek „optima
(Zermauiso literatae tlresaurug." Sie
war der Stolz der Fürsten, der Universität
und des Landes. Damals diente sie der
klassisch-philologischen Forschung, wie sie
in unserem Jahrhundert der germainiti
schen gedient hat. Sie wurde von vorzüg
lichen Bibliothekaren geleitet, nicht blos
ausgezeichneten Professoren, wie MikylluS
und Zylander, sondern von Gelehrten, die
sich ganz der Ausgabe widmeten, eine soihe
Bibliothek zu verwalten und zu verwer
then, wie Sylburg und Janus GruteruS,
der letzte Bibliothekar der Palatina. U n
ihretwillen kam der junge ElaudeSaumaise
nach Heidelberg und wurde den 4. Oktober
1606 als „ClaudiusSalmasius Burgu»do
Gallus" immatrikulirt. Er vertiefte sich
Nächte lang in Allerthumsschätze der Bib
liothek und konnte sein Glück, au- einer
solchen Quelle zu schöpfen, nicht genug
preisen. „Ich freue mich mit Dir," schrieb
der berühmte Philolog Jiaa' Casar- o
nus, „aber empfinde es peinlich, daß ich
solche Schätze niitt mitgenichen kann."
Wider alles Recht und felbft Wider den!)e
febl des Kaisers machte der Herzog von
Bayern diele Bitlioihek, die hier in der
Heiliggeislkirche auigeiieltt war, zurmie v?-
beute und schenkte sie demPavitZrcgorXV.
(ausdemHauseLutools').J>idei>Tige»vo n
16.—l 9.September 162,! Halle Till? Hei
delberg erobert; jcyon den 6 Okioder danki
der Kardinal Ludovisi, den 21.
der Kardinal Scipiv, der Prafekl der .'<a
liccwa, dem Herzog )Nar>milian iür 'ein
Ce> : enk. Der Präiett l»ndet den
durch tir»« seiner Bi!4!?tde' beaml >->. den
Dr. Mal'U'- sAl!a;i). der b?aimciil
war, die Bibliothek zu holen und nach Rom
zu bringen. Im Dezember 1623 kam Al
latius in Heidelberg an, im Februar 1K23
wurde die Bibliothek von einigen Hundert
Maulthieren fortgeführt und über die Al
pen geschleppt. Urban VIII. ließ sie
ordnen und in dreißig Schränken der Va
ticana aufbewahren. „Xodilis Haielul-
vletorlitc wavubias" nennt eine
Marmortafel den Inhalt dieser Schränke.
Maximilian hatte 8800 Etiketten verferti
gen lassen, damit jedes der geraubten Werke
feine Herkunft verkünden sollte.*) Da
nach der Angabe des Allatius der Codices
x,egen 3000 waren, so muß nach der Zahl
jener Etiketten die der gedruckten Bücher
über 5000 gewesen sein. Die Zahl der
griechischen Handschriften betrug 432, die
der lateinifchen (1956) und französischen
1973, die der hebräischen 289, die der
deutschen 8-18. Abgesehen von einer gewis
sen noch nicht näher bekannten Zahl ara
bischer und türkischer Handschristen, betrug
demnach die Gesammtzahl aller Codlee-?
3542. Vergeblich ließ Karl Ludwig vier
zig Jahre später die Bibliothek in Rom
zurückfordern. Nach dem Frieden vonTo
lentino zwischen dem Papst und Frankreich
(1797) kamen 500 Handschriften der Va
ticana nach Paris, darunter 26 griechische
und 12 lateinische, die zur Palatina ge
hörten. Nach dem zweiten Pariser Frie
den (20. November 1815) erhielt unsere
Bibliothek diese 38 Codices zurück, Dank
den Bemühungen preußischer und badi
scher Staatsmänner, Dank vor Allem dem
Siege von Waterloo, ohne welchen auch die
Vaticana ihre 432 Codices nicht wieder
gesehen hätte. Im Februar 1816 richtete
die Universität an Papst Pius VII. ein
ehrsurchtsvcllesSchrciben, verfaßt von dem
Philologen Fr. Kreuzer, unterzeichnet von
dem ?heclogen K. Daub als Prorektor,
worin sie um die Rückgabe der noch übn
nur jene 848 deutschen Handschriften und
vier lateinische, welche die Universität Hei
delberg betrasen, im Mai 1816 zurücker
stattet, fo d.'ch die hiesige Universität- dib
llvthek im Ganzen 890 ihrer handschriftli
chen Schätze wiederbekommen und die Va
ticana 2652 zurückbehalten hat, ungerech
net die arabischen und türkisch n Hand
schristen. Es heißt, daß die
gieruna im Jahre 1846 schon ent'chloss n
war, die ganze Sammlung zurückzugeben,
als ibr von dem Abbate Carega, einem
Scrittore der Vaticana, der Einwurf
gemacht wurde, daß die Palatina kein Ge
schenk, sondern nur der Ersatz für die
Subsidien gewesen fei, die der Pavst da
mals der katholischen Liga in Teutschland
geleistet habe. Indessen ist dieser E nwurs
unbegründet, da in den u-kundlichen Z >g
nissen nicht von der Bezahlung euicr
Schuld, sondern nur von einem Ge'ckenk
die Rede ist. „Es war seit lange zu wün
schen," schloß KunoFischer diesen Rückblick,
„daß wir durch einen genauen und'gr.invli
chen Katalog, der sowohl die Codices, als
die gedruckten Bücher umfaßt, die Schaye
der Palatina, die noch in Rom sind, we
nigstens bibliographisch kennen ,u lernen
vermöchten. Ein solches unterrichtende?
und den schönsten Bildungszustand unierec
alten Universität erleuchtendes
Papst Leo XIII. nun von kundigster >.ind
ausfübren lassen, um mit diesem hoch > b
tigen Geschenk den Großherzig und >!.'kior
zu dem fünfhundertjährigen Jud'läu'n sei
ner Universität zu erneuen und aach die
ser seilst sich huldreich zu crweii'n."
*) n >!<- f/>h!ic>t!ii>"> uuu,
3
Zu gendlicher Leichtsinn.
Ter neueste Milderungsgrund ImStraf«
gerichtsprozesse soll „jugendlicher Leicht
sinn" werden. Ein großer, breitschulteriger
Fleischergeselle trat am 8. d. Mts. in daZ
Sitzungszimmer des Berliner Schöffenge
richtes, blieb ln der Mitte des Saalsö ste
hen und sagte: „Morjen die Herren!"
„Guten Morgen," erwiderte der Präsi
dent, „Sie müssen auf der Anklagebank
Platz nehmen."
Angeklagter: „Lassen Sie mir da stehen
bleiben, Herr Jerichtshof, et hat doch 'n
Fleifcherjefelle noch so jewissermaßen 'n
Biskcn wat vons zwint a I» iwuliour."
Präs.: „Ich kann mit Ihnen keine Au
snahme machen."
Angell.: mich wat hier «ffbrum
men oder dort, det iS Jacke wie Hose.
Wenn ick 'mal zu Se rankoinme. dann kön
nen Se mir rinstecken, aber vor diesmal
lassen Se det jut sind."
Pris.: „Sie sind ja nicht zum Erstenmal
hier."
Angekl.: „Det janz Allererfchtemal "
Präs.: „In den Alien ist freilich keine
Vorstrafe verzeichnet,aber ich erinnere mich
daß vor nicht langer Zeit hier gewe
sen sind; Das können wir übrigens nöthi
gensallS constaliren."
Angekl.: „Machen Se Ihnen ke.-ne Um
stände, et komml ja dabei doch blos 'ne
lumpichte Woche Plötzensee raus."
Präl.' „Also hab' ich doch richtig ver
mutbet."
Angekl.: „Ja woll, Se haben den rich
tigen Schpurius jehabt."
Präs.: „Ihr Gesicht kam mir gleich be
kannt vor."
Angekl.: „Mit de verfluchte Phvsikoz
nomie fäll: man merschtendcsls rinn."
Präs.: „Nun treten Sie an die lnkla
gcbank heran."
Angekl. (zur Anklageban'
„Nu frag ick eenen Menschen, ob det nibt
Schicksalstücke is."
Präs.: „Sie einen Schuvmann
! beleidigt haben."
Angekl.: „Et niag sind, det ick 'mil 'ne
Lippe riskirt hab', aber schlimm war et
nick."
Präs.: „„Siesollen ge
sagt haben: „Cr soll kein so großes Maül
haben.""
Angekl.: „„Nu, ick hab' bloß
„HabenSe doch keene so jroßeSchnauze.""
Präs.: „Das ist ncck schllmmer "
Angekl.: „Woio?"
Präs.: „Das Wort Schnauze ist belei
digender, als das andere Wort."
Angekl.: „Wo decken Se hin! '.'>>»
ick so zum Beispiel meiner Ollen sa.'e: halt
die Schnauz?, denn weeß se, det' blos det
Maul halten soli, aber wenn ick sage: halt
d»t Maul, dann setzt et n'-h wit."
Präs.: „Das sind »übe Un
ter'cheidiingen."
Angekl.: „Ja, !el',i S? . o'l, et kimnt
immer blos uff de Begn
Präs.: „Haben Sie sonst >o.!S an«
zuführen?"
> Angekl.: „Jebc iSe mich no-b 'mal
mildernde Umstände, wo ick denn dos' d>.n
- Herrn Schutzmann t tos in meinem juzend
l ticken Leichtem', anjeichnauzt hab'."
Da? Erkenntniß lautete geaen den An
aeklogtpn auf eine "iellftraie vor 'ech-'zig
- Mail
Mcenrb Treue.
> Sie bat mir Zeiche, li >ü!oenen!i >,
So gülden fei ihre Treue,
i Tae bat sie n , talneu? M«le aeiag:,
! Ich brachte den Ring ;u»i > h u:
Der sugle, er »,! nicll von Eolee.
i Und bald darauf mir l
it einem d>> Holde

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