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Der Deutsche correspondent. [volume] (Baltimore, Md.) 1841-1918, February 21, 1891, Der Sonntags-Correspondent, Image 10

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6
Ter alte Goldfisch
Hätt' ich eine Harse an seidenem Band
Und könnte ein Liedchen drauf spielen,
Ich stünde vor Deinem Fenster gebannt
Und sänge mit tiessten Gefühlen.
Und hätt' ich ein Roß, so schnell, wie der
Wind
Und könnie ich wacker d'ranf reiten,
Bor Deinem Fenster, da würde geschwind
Dann öfter vorüber ich gleiten.
Hätt' ich einen Garten voll Blumen und
Grün
Und lernte es, Sträuße zu winden,
Ten schönsten «traust schickte ich täglich Dir
hin,
Um Dir meine Größe zu künden.
Hätt' ich Leinwand und Pinsel und Atelier
Und veroünde recht herrlich zu malen,
Dein Aiitliv so weiß und so frostig, wie
Schnee,
Ich malt' es mit pochenden Qualen.
Und würdest Du mir einen Beutel voll Gold
Dafür, einen großen, verleihen,
Das wär' mir der herrlichste Minnesold,
Tann könnt' ich meiu—Jugendlich freien.
Liebes-Grammatil.
Als ich noch, ein dummer Junge,
Täglich in die Schule ging,
Dacht' ich von manch' wicht'ger Sache—
Wie ein Rind denkt, sehr gering.
Also ging mir's mit der Liebe,
Denn ich wußt' von ihr nur dies:
Daß man groß sie schreiben müsse,
Weil mau sie ein.H auptwort nennt
Aus der Schule baun entlassen,
Trat ich in die Lehre ein,
Bald begann's in mir zu dämmern:
„Lieb muß mehr als Hauptwort sein!"
Und so wurde mir die Liebe
Zum Empfindungsworte sacht,
Bis ich d'raus mit meinem Liebchen
Ein Berhältni gwor t gemacht.
Daraus hat sich rascht entwickelt
Ein geheiligt Bindewort
Fragt mein Weibchen nur, das holde,
Fraget meine Kinder dort!
Eo ersuhr ich, daß die Liebe
Und mir wird wohl bang dabei
Gar zu oft und zu empfindlich
Umstands- und auch Zahlwort sei.
Berliner Gerichtsszene.
WaS eine „verlobte Braut" zu bedeu
ten, darüber gehen die Ansichten der An»
geklagten und der Gerichtshöfe in dem
Falle sehr leicht auseinander, wenn es
sich um die Zurücknahme eines Strafan
trages Seitens einer solchen „Braut"
handelt. Dies war auch in Berlin mit
dem Schreiber Düricke der Fall, welcher
einem Mädchen eine Bettstelle nebst Betl
gestohlen hatte, und nun triumphirend
damit hervorrückte, daß seine Braut den
Strafantrag znrückgcnowmen habe.
Präs.: „Mit den Brautsachen ist es
manchmal solche Sache. Waren Sie
denn verlobt?"
Angetl.: „Ja, freilich."
Präs.: „Sie tragen doch gar keinen
Verlobungsring."
Angekl.: „Auf solche Äußerlichkeiten
geben wir Nichts."
Präs.: „Wie alt ist denn Jhreßrant?"
Angekl.: „28 Jahre."
Präs.: „Sic sind doch aber erst 22
Jahre."
Angekl.: „Das thut der Liebe keinen
Abbruch."
Präsi.: „Ist deuu Ihre Verlobung
irgendwie proklamirt worden?"
Angekl.: „Ich bin mit meiner Braut
in einen Kaffeegarten gegangen, und da
sind wir übereingekommen, daß ich sie hei
rathen werde."
Präsi.: „Das hätten Sie nur thun
sollen, dann würde jeder Zweifel geho
ben."
Angekl.: „Das ging nicht so schnell."
Präsi.: „Warum denn nicht?"
Angekl. (zögernd): „Weil meineßraut
Amme ist."
Präsi.: „So, so, nun dann werden
wir doch ein Interesse daran haben uns
das „Verlöbniß" näher anzusehen."
Angekl.: „Ich habe eine ganze Reihe
von Briefen bei mir, die immer mit den
Worten beginnen: Mein „süßer Bräu
tigam!"
Präsi.: „Auch die zärtlichsten Kosena
men können uns Nichts nützen, der Ge
richtshof muß vielmehr ermitteln, ob
hier ein wirkliches Verlöbniß vorliegt,
da nur ein solches zur Zurücknahme des
Strafantrages berechtigte."
Dem ans Hannover extra zum Ter
min zugereiste» Angeklagten, wurde nach
gegeben, daß die weiteren Feststellungen
nach dieser Richtung hin ohne seine per
sönliche Anwesenheit stattfinden sollen.
Vermischtes, aus der alten Welt.
—Ei »Sittenbild aus der
Großstad t—unter dieser Ueberschrift
berichtet eine Berliner Lokalcorrefpon
denz Folgendes: Mit dem Lynchen zweier
Masken, die in Folge dessen ärztliche
Hilfe auf einer Sanitätswache des Nor
dens in Anspruch nehmen mußten, endete
ein Maskenball in einem bekannten
Tanzlokale des Gesundbrunnens. Bald
nach der Demaskirung erschien ein etwa
9 jähriges, ärmlich gekleidetes Mädchen
an der Kasse des betreffenden Balllokals
und bat weinend den Billetkontroleur,
ihr doch Schwester Angnste, die d rin
auf dem Maskenball sei, herauszurufen,
da die Mutter zu Hause im
Sterben liege und nach ihr ver
lange. Man ließ die Kleine in den
Saal hinein, weil Niemand „Fräulein
Auguste" kannte, und bald entdeckte das
schluchzende Kind die Schwester am
Arme eines Herrn. „Auguste, komm
nach Haus, Mutter stirbt und will Dich
sehen," brachte die jüngere Schwester
mühsam hervor und faßte die Hand der
älteren. „Ach was, laß mich tanzen, so
schlimm wird's ja mit Muttern nicht ste
hen!" erklärte Auguste und wandte sich
ihrem Tänzer zu. Wieder bat das Kind
flehentlich, und nun vergaß sich der Tän
zer und Freund Augustens so weit, daß
er mit der geballten Faust der Kleinen
in's Gesicht schlug, worauf diese zu Bo
den taumelte. Im nächsten Augenblick
aber packten Fäuste kräftiger Männer,
welche Zeugen dieser Szene waren, den
rohen Burschen und dessen Tänzerin,
und schlugen Beide derartig, daß sie über
und über aus dem Lokal flüchten und
Hülfe auf der Sanitätswache nachsu
chen mußten Mehrere' Frauen brach
ten die Kleine nach der Wohnung ihrer
Mutter in der Bellermannstraße, sie ka
men recht, um der armen, lungenlei
denden Wittwe, die vergeblich auf ihre
Kinder gewartet, die Augen zuzu
drücken.
Die Gräfin Johann v.
DambSki war vom Schöffengericht
in Berlin wegen Betruges zu einer
Geldstrafe von fünfzig Mark, event, zu
fünf Tagen Gefängniß verurtheilt wor
den. Die dreißjährige aus dem Kreise
Trakehnen stammende Gräsin fuhr an
einem Augusttage deS vorigen Jahres
mit der Ringbahn nach Schmargendorf.
Unterwegs entstand in dem Nebenkupee
Lärm, und die Angeklagte, sowie ein
Theil der neben ihr Sitzenden erhoben
sich von ihren Plätzen, um über die
Scheidewand zu blicken, welche sie von
den Streitenden trennte. Bei dieser Ge
legenheit entfiel einer Dame, welche der
Gräsin gegenübersaß, ihr Portemon-
naie, ohne daß sie es merkte. Ein an
derer Fahrgast, der Arbeiter Schmidt,
fand das Portemonnaie, hob es auf und
fragte, wer es verloren habe. „Es ge
hört mir," sagte sofort die Angeklagte,
worauf ihr dasselbe auch ausgehändigt
wurde. Da die rechtmäßige Eigenthn
merin noch den Streitenden ihre Auf
merksamkeit schenkte, so war ihr diese
kleine Szene entgangen. Erst bei'm
Aussteige» in Schmargendorf vermißte
die Verlieren», Fräulein Thomas, ihr
Portemonnaie, sie beklagte laut ihren
Verlust, und nun theilte ihr der Finder
mit, was sich kurz zuvor ereignet. Fräu
lein Thomas stellte die Angeklagte zur
Rede. Diese, gestützt darauf, daß
Schmidt sich bereits entfernt hatte,
leugnete, ein Portemonnaie erhalten zu
haben, und erbot sich zum Beweise, daß
ein solches überhaupt nicht von ihr ge
führt werde. Sie rief selbst de» Sta
tionsvorsteher herbei und bat ihn, ihre
Taschen zu durchsuchen. Da thatsäch
lich ein Portemonnaie nicht bei ihr ge
funden wurde, so legte man ihrer Ent
fernung kein Hinderniß in den Weg.
Ein anderer Fahrgast hatte aber be
merkt, daß die Angeklagte vorher in die
Tasche gefaßt und dann etwas iu ihren
Schiri» hatte falle» lasse». Er theilte
dem Fräulein ThomaS seine Wahrneh
mung mit, man eilte der Angeklagten,
die sich bereits auf der Chaussee nach
Schmargendorf befand, nach und unter
suchte ihren Schirm. Hier wurde das
fünf Mark uud einen Ring enthaltende
Portemonnaie gefunden, worauf Gräfin
Dambski in Begleitung eines Kriminal
beamten den Rückweg nach Berlin an
treten mußte. Da die Angeklagte sich
bei dem ersten Erkenntnisse nicht beru
higte, so gelangte die Sache vor
der zweiten Strafkammer des Landge
richts II zur Verhanlung. Die zweite
Instanz wollte ebensowenig wie die erste
den von der Angeklagten erhobenen Ein
wand, daß sie das Opfer eines unglück
lichen Zufalls geworden sei, gelten las
sen; das erste Erkenntniß würde viel
mehr bestätigt.
Ein heirathslnftiger
Landmann aus dem Kreise Mese
ritz, der Eigenthümer 8., lernte vor
Kurzem in der Nähe des Schlesische»
Bahnhofs in Berlin auf der Straße eine
„Dame" kennen, welche zwar etwas ält
lich, aber sonst durchaus wohl konservirt
und respektabel aussah. Das Pärchen
fand bald Gefallen an einander, und so
wurden denn verschiedene Lokale besucht
und in denselben bei „einem" Gläschen
Mittheilungen über die beiderseitigen
persönlichen und Familienverhältnisse
ausgetauscht. Fräulein Johanna
St 5 hr, so hieß die 37-jährige „Da
me," theilte dem biederen Rustikalen
unter Anderem mit, daß ihr jüngst
eine Erbschaft von 100,000 Mark
zugefallen sei und sie jetzt mit dem
Plane umgehe, zu Heirathen; aber kei
nem reichen, sondern nur einem unbe
mittelten Manne werde sie Herz, Hand
und jene 100,000 Mark anvertrauen,
da sie, selbst aus ariner Faniilie stam
mend, ihren Auserwählten mit „ihrem"
Gelde glücklich zu mache» gedenke. Da
»lachte unser Provinziale denn große
Augen, wurde liebenswürdiger und
liebenswürdiger und traktirte seine „Zu
künftige," daß die Tische sich bogen.
Es war auch ein seltenes Glück, so gleich
bei m ersten Fang einen Goldfisch mit
100,000 Mark im Netze zu haben. Der
galante Landmann nahm die Gelegen
heit bei'm Schöpse, erklärte dem Fräu
lein Stöhr seine Liebe, und Beide schie
den als Verlobte. In den nächste» Ta-
gen führte M. seinen Berliner Ver
wandten die reiche „Braut" vor und
machte mit derselben allerlei Einkäufe,
bei welchen er nach und nach 500 Mark
für dieselbe „verauslagte," weil Fräu
lein Stöhr nur einen Tausendmark
schein bei sich hatte, den sie nicht wech
seln mochte. Sie war indeß in der
Lage, zum Beweise ihres Reichthums
eine Postkarte im Original (!) vorzule
gen, auf welcher deutlich geschrieben
stand, daß sür Fräulein Stöhr bei dem
Rechtsanwalt so und so baare 30,W0
Mark zur Abhebung bereit lägen. Doch
lange dauerte es nicht, da gingen auch
unserem biedern Meseritzer die Augen
auf und über: die ganze Erbfchaftsge
fchichte erwies sich als purer Schwindel,
und Fräulein Stöhr, die Nichts ihr ei
gen nennt, als was sie auf dem Leibe
trägt, als eine wegen Betrugs schon fünf
mal vorbestrafte Person. In Folge der
Anzeige des Geprellten ist die Stöhr
verhaftet worden.
Der römischen Polizei
ist ein guter Fang gelungen. Aus dem
Bagno des Monte Marino waren letzt
hin nicht weniger, als fünf Mörder ent
wichen und hatten sich in die Cair.pagna
geschlagen. Dieser Tage hat nun die
Polizei nach einem regelrechten Kessel
treiben bereits wieder vier dieser saube
ren Gesellen eingefangen. Auch auf den
ebenso ehrwürdigen wie famosen Bandi
ten-Patriarchen Ansunini —der, wie die
römischen Blätter behaupteten, in
Mönchskutte und zu Pferde an der Spitze
seiner Leute einherziehe wird wieder
eifrigst Jagd gemacht. Letzthin soll der
biedere Ränbergreis sogar, von seinem
„Adjutanten" begleitet, die Nacht in ei
nem Bauernhause bei Formello zuge
bracht haben. So wenigstens läßt sich die
„Tribuna" von dort schreiben. Ande
rerseits verlautet jedoch, Siguor Ansu
nini das Haupt einer zahlreichen,
wohlsituirten Familie habe sich durch
seine Banditeuthäthigkeit ein so nettes
Sümmchen erworben, daß er den Win
ter über nicht zn „arbeiten" brauche.
In Folge Dessen halte sich Herr Ansu
nini den Winter über seiner Erholung
halber in Mailand und Paris auf!!
Wahrheit uud Legende sind gerade be
züglich des mysteriösen Ansunini überaus
schwer von einander zu uuterscheiden —;
immerhin dürste die Phantasie den grö
ßeren Theil an dem Ränberleben Ansu
nini's haben.
Der Sultan betreibt gegenwär
tig mit großem Eifer das Studium der
deutschen Sprache. Mit Herrn
von Hülsen, dem Abgesandten deS deut
schen Kaisers, unterhielt sich, wie türki
sche Blätter melden, der Sultan nach
Beendigung des Jenem zn Ehren verau
staltenen Prunkmahles im Mdiz - Pa
lais bereits mehrfach direkt in deutscher
Sprache, so daß der kaiserliche Dol
metsch, Muhir Pascha, nur noch zur
Ergänzung und Vervollständigung der
Worte des Sultans nothwendig war.
Abdul Hamid erklärte Herrn v. Hülsen,
daß ihm die Erlernung der deutschen
Sprache nicht allzu große Mühe mache,
nur sei ihm dazu eine sehr knappe Zeit
bemessen, glaube aber, daß, wenn
ihn Kaiser Wilhelm, wie er hoffen dür
fe, zum zweiten Male am Bosporus be
suche» werde, er dann seinen kaiserlichen
Freund in deutscher Sprache werde be
grüßen können. Der Sultan unter
hielt sich mit dem Major von Hülse»
über die deutsche Literatur und bedau
erte, daß aus demselben erst so wenige
Dichterwerke in's Türkische übersetzt
seien. Er, der Sultan, habe ein ganz
besonderes Interesse an den Liedern

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