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Der Deutsche correspondent. [volume] (Baltimore, Md.) 1841-1918, July 22, 1893, Der Sonntags-Correspondent., Image 6

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chen Hut von grobem Stroh mit einem
Zweig natürlicher Theerosen und JaS
minblüthen. Einen gleichen hatte ich
in der Drapirung meines Kleides an
gebracht und einen dritten auf der
Schulter befestigt, ganz hoch, nahe am
HalS. Ich tanzte nicht, ich tanzte nie,
ich kenne ja Niemanden. Er, mir gegen
überstehend, am anderen Ende des gro
ßen Saales, verzehrte mich mit den Au
gen. Man spielte „An der blaueu Do
nau," meinen LieblingSwalzer, und ich
verspürte eine wahrhaft tolle Lust, auf
ihn zuzugehen. Plötzlich, nach kurzem,
merklichem Zögern, durchschreitet er den
Saal, kommt direkt auf mich zu und
sagt mit einer Stimme, deren vollen
Klang ich nie vergessen werde:
„Wollen Sie, Madame, mir die Ehre
zn Theil werden lassen, diesen Walzer
mit Ihnen tanzen zu dürfen? Ich bin
hier in T., sozusagen, zu Hause und habe
beinahe die Verpflichtung, Fremden ge
genüber dessen Honneurs zu überneh
men."
Paul warf mir ein paar schreckliche
Blicke zu, ich hütete mich wohl, zu thun,
als ob ich es bemerke, stand auf, nahm
den Arm meines Tänzers und dann tra
ten wir an.
Ach. das war ein Walzer! Niemals
habe ich so gewalzt, instinktiv schmiegte
ich mich an ihn, mich seinen Bewegun
gen 'gut anzupassen. O, das ist sicher
kein Franzose!
Während einer kurzen Pause sprach
er übrigens von Paris, das er von
Grund aus zu kennen scheint, ohne je
doch irgend Etwas zu erwähnen, was
über seine Position näheren Aufschluß
gegeben hätte, im Gegentheil, es schien
mir, als vermeide er geflissentlich, über
seine Person wie seine Stellung zu spre
chen. Während des Tanzes entfiel mir
eine Blume, er hob sie auf und schob sie
in seinen Handschuh. Tas war auch
wieder nicht srauzösisch.
Nach dem Tanze führte mich Paul
gleich nach Hause, wo ich eiueu längeren
Sermon anhören mußte. „Ich durste
diesem Menschen Nichts sagen," schrie
er, „denn wenn er seinerseits, als er
Sie aufforderte, mit ihm zu tanzen,
Mangel an savoir vivre gezeigt, so ha
ben Sie dies durch Ihre Bereitwilligkeit
in noch weit höherem Grade gethan!
Ein anderes Mal jedoch—"
Jch'hörte AlleS an, ein stilles Lächeln
auf den Lippen. Wahrhaftig, ich liebe
ihn!
22. Juni.
Ich bin in's Herz getroffen, verzwei
felnd, vernichtet! Ah, welch' entsetzliches
Ereigniß! Ich werde mich niemals dar
über trösten können!
Diesen Morgen, wie wir in's Kur
haus eintreten, bemerkt Paul, daß er
vergessen, seine Briefe mitzunehmen, er
kehrt daher sosort um und ich gehe allein
in den Saal. Der Unbekannte saß be
reits an seinem kleinen Tischchen, ich
setzte mich auch, und da die Hitze uner
träglich war, bat ich den Kellner, das
große hinter mir liegende Fenster zu öff
nen, er erwiderte, es sei unmöglich, da
immer nur das zweite Fenster aufge
macht werden könnte.
„Er" war inzwischen ausgestanden
und sagte:
„Madame, ich bin so glücklich, neben
meinem Tische ein Fenster zu haben,
das geöffnet werden kann, und stelle Ih
nen denselben zur Verfügung. Wollen
Sie diesen Plan annehmen?"
Dabei hatte er sich mir genähert, sei
nen Tisch mit kavalierster Liebenswür
digkeit anbietend.
In diesem Moment kam Paul herein.
Wüthend, zu sehen, daß Er in seiner
Abwesenheit zu mir gesprochen, trat er
auf uns zu und fuhr den Unbekannten
rasch und heftig an. Der wurde blaß
vor Zorn, und da Paul sehr laut
sprach, sagte er ihm in seltsam gebieteri
schem Tone:
„Keinen Lärm, ich bitte, mein Herr,
Das ist vollständig überflüssig. Ich stehe
zu Ihren Diensten."
Und Paul und Er wechselten die
Karten.
Es ist abscheulich, es gestehen zu müs
sen, aber in diesem Augenblick, wo ich
nur an die Gefahr hätte denken sollen,
der mein Mann sich aussetzen würde,
erfaßte mich eine ungeheure Neugier.
Endlich würde ich es nun erfahren, wer
er wäre!
Nachdem Paul die empfangene Karte
mit Staunen betrachtet, warf er sie hes
tiz auf den Tisch, und sich zu dem
Herrn begebend, der gelassen und ernst
sich niedergesetzt nnd ruhig zu frühstük
ken begonnen, sagte er:
„Sie begreifen wohl, mein Herr, daß
von dem Augenblicke an, wo ich weiß,
wer Sie sind, die Sache nicht weiter
ausgetragen werden kann."
Der Unbekannte sah auf.
„Warum nicht?"
„Weil ein Mann meiner Stellung
sich mit einem Manne der Ihrigen nicht
schlägt."
Er verbengte sich höflich.
„Mein Herr," erwiderte er, „wie auch
meine Stellung sei, ich wiederhole, daß
ich Ihnen zu Diensten stehe."
Während dieser Zeit hatte ich die
Karte aufgenommen und ich glaubte
in den Boden sinken zu müssen —las:
Lncian Franz,
Vertreter des Hauses de Pont-Landais
Eo.,
Bordeaux.
Und in der Ecke daö Wappen der
Firma de Pont Landais!
Ich wars die Karte wieder auf den
Tisch und verließ mit Paul den Kur
saal, dem Herrn einen Blick voll Haß
und Verachtung zuschleudernd. Im
Begriff, aus der Thüre zu treten,
wandte ich mich noch einmal um. Er
war ausgestanden und hielt die Karte,
die ich hingeworfen, in der Hand. Ohne
Zweifel nahm er sie wieder an sich, seine
Prinzipale hatten ihm vielleicht nicht ge
nügend mitgegeben; wen er sie am
Ende nicht gar als Andenken an mich
aufzuheben gedenkt! Und ich habe sie be
rührt, diese Karte! Und diese Blume!
„Meine besten Eomplimente zu Ihrer
Eroberung!" sagte Paul ironisch.
Seit diesem Morgen weine ich vor
Wuth. Ich weinen über meine schändli
chen Irrthum, vor Allem aber über
meine entschwundenen Illusionen. Ich
will dies verwünschte Land hinter mir
haben!
Wein, 11. Juni.
Nachdem wir ganz Tyrol durchwan
dert, sind wir in Wien angekommen, wo
wir viele unserrer Bekannten getroffen
haben. Ich glaube, daß ich mich hier
omusiren könnte, wenn das Andenken an
die dumme Geschichte mich nicht fort
während verfolgte. Mein Leben lang
werde ich mit Schaudern daran denken,
daß ich drei Wochen hindurch mich aus
schließlich mit einem Reisenden beschäf
tigt, ja, daß ich sogar nahe daran war,
ihn zn lieben! Immer noch glaube ich
diesen ruhigen, ernsten Kopf, umrahmt
von rothem Backenbart, zu erblicken.
Hier selbst, im Prater, glaubte ich ihn
vorbei reiten zu sehen! Es ist
werden!
Ich versuche mich zu zerstreuen. Die
sen Abend will uns Gilberte in die Oper
führen, wir gehen in die Gesandtenloge.
Ah! Wenn ich nur einmal nicht mehr
daran denken müßte —mon I>ien!
12. Juli.
Ich bin zusreieden, zufrieden!
Gestern Abend—wir hatten kaum in
der Loge Platz genommen —warf ich ei
nen Blick durch -den Saal, und mir ge.
genüber, in der kaiserlichen Loge, fehe
ich—wen? Den Herrn aus X., den Gem
senjäger, den Weinreisenben!
Mein Geist sing wahrhaftig an, sich
zu verwirren. Während des Zivischen
aktes, als mein Mann mit dem Gemahl
Gilberte's hinaus ging, fragte ich sie:
„Wer ist dieser Herr da uns gegen
über?"
Gilberte sah ihn.
„Ter," sagte sie, „das ist der Erzher.
Zog!"
„Erzherzog!"
„Ja ja. Ah. richtig," rief sie la
chend, „mit dem ist Euch ja eine ganz sa
mose Geschichte passirt in X!"
„Woher weißt Du?"
„Er hat Dich neulich im Prater mit
uns gesehen und meinem Manne erzählt,
was ihm in T. begegnet. Ich wünsche
Dir Glück, meine Theure; er ist ganz
entzückt von Dir, und Du weißt, es ist
kein gewöhnlicher Mann, der Erzher
zog!"
Ich war pass!
Gilberte erzählte weiter:
„Als Dein Mann ihm seine Karte
hinwarf er scheint nicht übel in Hitze
gerathen zu fein, Dein Herr Gemahl—
wollte ihm der Erzherzog die seine ge
ben, bekam aber irrthümlich eine Karte
in die Hand, die ihm der Vertreter eines
Weinhauses den Augenblick vorher über
reicht hatte. Als er den Irrthum ge
wahr wurde, zog er vor, ihn fortbeste
hen zu lassen, und reklamirte nicht.
DieS löste Alles in einfachster Weise."
Während Gilberte mir dies Alles er
zählte, beobachtete mich der Erzherzog
aufmerksam, und ich fühlte wieder wie
in X. sein großes, blaues Auge auf mir
verweilen, die ineinigen magisch an sich
ziehend.
Dir Lieblinge der Wiener.
Bon Wildclm Bratr.
t. Wciijtl Scholz uu die Strakenräuber.
Der Komiker Wenzel Scholz hatte in
sideler Gesellschaft im Wiener Hotel
„Zum Erzherzog Karl" foupirt und
ging erst nach Mitternacht nach Hause.
Als er in der rauhen finstern Winter
nacht ohne Begleitung über das men
schenleere Glacis seiner Wohnung zu
schritt, standen plötzlich, wie aus der
Erde getaucht, zwei zerlumpte baumlange
Kerle vor ihm und sielen wie weiland
Meister Graset und sein Geselle über
ihn der.
„Heda, guter Freund, wir brauchen
eine volle Brieftasche, eine hübsche Uhr,
goldene Ringel und einen warmen Win
terrock!" rief der Eine.
„Seien Sie so gut und helfen Sie
uns mit diesen Kleinigkeiten aus der
Noth!" fügte der Andere mit gedämpfter,
aber fester Stimme hinzu, indem er den
Komiker bei der Brust hielt. „Rücken's
heraus, und wenn Ihnen etwa einfallen
sollte, etwas laut zu protestiren, haben
wir da ein paar scharfe Messer, mit de
nen wir entweder Euer Gnaden zu Ader
lassen oder vielleicht auch ganz stumm
wachen müßten."
„Das wird nicht nothwendig sein!"
erwiderte Scholz gemüthlich. „Wir
können uns ja in Frieden und Eintracht
mit einander verständigen. Plündert
mich ganz nach Belieben, es wiro mir
ein außerordentliches Vergnügen sein."
Der Klang dieser Stimme schien die
beiden Wegelagerer zu verblüffen, denn
sie zogen eiligst ihre Hände vor dem
Manne zurück, den sie zu berauben, im
Begriffe waren.
In diesem Augenblick brach der volle
Mond aus einer dunklen Wolke und be
leuchtete dienstfertig das Gesicht des Ko
mikers.
„Der Teufel, Das ist ja unser Wenzel
Scholz!" riefen überrascht die Straßen
räuber.
„Zu dienen, meine Herren ! Ich bin
sehr erfreut, Ihre Bekanntschaft gemacht
zu haben. Aber haben Sie die Güte,
mich geschwind anszurauben, denn Er
stens ist es sakrisch kalt, und Zweitens
könnte uns eine Patrouille überraschen,
was ich unendlich bedauern würde."
„Unseren Scholz ausrauben, der uns
schon so viel Vergnügen gemacht hat? —
Unseren g'spaßigen Scholz? Ne, eher
ließen wir uns die Händ' abhacken, alle
Zwei!"
„O bitte, bitte recht sehr, beschämen
Sie mich nicht, meine verehrten Herren.
Aber viel hätten Sie so nicht bei mir ge
sunden. Zwei blanke Zwanziger sind
des FausteS ganze Habe. —Da sind sie !
Es wird mich sehr freuen, wenn Sie ein
paar Halbe Wein auf meine Gesundheit
trinken."
„Plauschen's nicht und st-cken's Ihre
paar Zwetschgen ein. Kommen's, wir
werden Sie nach Haus' begleiten, damit
Ihnen Nichts geschieht. Es stehen noch
fremde Eollegen von uns auf dem An
stand. Aber wer unserem Scholz ein
Haar krümmt, hat aus dem letzten Loch
gepfiffen."
Die beiden Spitzbuben ergriffen die
Arme des beliebten Komikers und führ
ten ihn, ganz gemüthlich plaudernd,
nach Hause.
11. Nestroy und der Kroat.
Das tolle Jahr hatte ausgetobt
die Barrikaden waren abgetragen, die
Calabreser aus der Mode gekommen,
und eine große wunderschöne schwarz
gelbe Fahne flatterte lustig auf dem
Wiener Stephansthurm.
Die Kroaten, die Zuaven Oest
reich's, marfchirten langsam aus dem
Prater die Jägerzeile herauf, nicht in
geschlossenen, sondern in ungezwunge
nen Gliedern, denn hin und wieder tra
ten einige aus Reih' und Glied, um sich
hier und dort ein bischen 'was zu thun
zu machen.
Die bösen Leute sagten: Sie plünder
ten !
Plündern? O, ein Kroat plündert
nie!
Er bittet nur in einer eroberten Stadt
sehr artig und devot um etwas Kleines
wenn er das Kleine hat, noch artiger
um etwas Größeres, und wenn er das
Größere hat, am Allerartigsten um das
Größte.
Und wie kann der Besiegte dem Sie
ger Etwas versagen, wenn gar so Ue-
wird!
„Schau'il wir uns die Kroaten ein
Bissel an!" sagte dr Komiker Nestroy,
indem er mit seinem Eollegen Scholz
aus dem Theater trat. „Ich hab' die
Kroaten sehr gern für mein Leben
gern!"
„Ich auch aber noch ist die Zeit
nicht günstig, sie zu lieben," anworleie
Scholz. „Wie wär's,wenn sie uns plün
derten, die lieben Kroaten?"
„Plündern? Warum nicht gar? Ein

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