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Der Deutsche correspondent. [volume] (Baltimore, Md.) 1841-1918, July 22, 1893, Der Sonntags-Correspondent., Image 7

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Kroat bittet höchstens um ein paar Kreu
zer für Schnapps, und wenn ich ihm
einen Zwanziger schenke, küßt er mir die
Stiesel dafür."
„Na, meinetwegen! Bei mir findet
man Nichts, denn ich bin schwarz, wie
gewöhnlich aber Du trägst immer ein
kleines Kapital in der Tasche. Nimm
Dich in Acht!"
Sie hatten noch nicht fünf Minuten
mit einander geplaudert, als sich ihnen
schon ein bis an die Zähne bewaffneter
riesengroßer Kroat, der das Deutsche
ein wenig radebrecht?, freundlich schmun
zelnd näherte.
„Schamsta!" grüßte er, liebenswür
dig mit dem Kopse nickend.
„Servus!" dankten die Komiker.
."Schenken's bisli wos orme Soldot!"
„Nix Praz!" sagte Scholz, indem er
alle seine Taschen umdrehie.
„Nix, nix? Orme Herr!" bedauerte
gutmüthig der Kroat.
„Du auch nix?" frug er Nestroy,
„bitt', bitt', nur klane Kreuzer für orme
Soldot!"
Nestroy lüftete feine gut gespickte Sei
deubörse. durch welche Zwanziger, Tha
ler und sogar einige Dukaten schimmer
ten, und reichte dem Kroaten großmü
thig ein paar Silbermünzen.
„O brave, gute Herr!" dankte der
Kroat gerührt. Dann setzte er hinzu,
indem er mit dem Finger auf die Zwan
ziger in der Börse tupfte: „Dos, dos
auch für orme Soldot, bitt', bitt'!"
Nestroy reichte ihm einen Zwanzi
ger.
„Ondern auch, bitt', bitt', für orme
Soldot!"
Nestroy zog fein Gesicht ein wenig in
die Länge, aber er mochte sich vielleicht
denken, derKlügeregibt nach, und reichte
dem Kroaten alle Zwanziger, dann auch
die Thaler, denn der Kroat hörte noch
nicht auf zu tupfen.
Endlich tupfte er auch aus die Duka
ten.
Nesiroy's Gesicht wurde noch bedeu
tend länger.
„Das das gilt Nichts!" sagte er.
„Es sind nur Spielmarken, mein Kame
rad!"
„Komrod nimmt Spülmorken auch,
bitt', sür orme Komrod!"
Nestroy gab ihm nun den ganzen Beu
tel.
Aber der arme Soldat hörte noch nicht
aufzutupfen. <
Sanft und zart, wie n verliebter al
ter Herr das Näschen eines hübschen
Mädchens tupft, tupft er milder Spitze
feines Zeigefingers die schwere goldene
Uhrkette des unglücklichen Komikers.
„Dös—dös schön—serr schön!"
Nestroy's Gesicht zog sich zehn Ellen
in die Länge, denn ihm ahnte das
Fürchterlichste.
„Onschaun lo„e, onschauu orme sol
dot! bitt', bitt'!"
Nestroy machte kleine Aeuglein, krauste
die Nase, krümmte den Mund, zog einen
Fuß in die Höhe, als ob er mit seinem
bekannten diabolischen „Xiok!" den
Kroaten zurückschrecken wollte. Aber
der starke, baumlange Kroat blinzelte so
bedeutungsvoll, spielte so naiv mit sei
nen Pistolen im Gürtel, tupfte so fleißig
an die Uhrkette und bat so zuckersüß, daß
Nestroy ja ein Menschenfresser oder ein
Rüste gewesen sein müßte, wenn er dem
kindischen Manne die Freude verdorben
hätte.
Langsam, aber sehr langsam zog er die
Uhr aus der Tasche und zeigte sie, ohne
sie aus der Hand zu lassen, dem armen
Soldaten.
„O —dös ichön—serre schön!" rief die
ser begeistert, das große Maul spitzend,
als ob er Nestroy küssen wollte. „O—
o, so woS Hot orme Soldot not!"
„Es wär' auch Nichts sür Euch, lie
ber Herr Kamerad, denn es ist keine
Militär-, sonden, eine ganz ordinäre
Civiluhr.
..Lieb' ich Civil.—bitt', bitt' ols An
denken on brove Civil!"
„Aber —es ist ein miserables Zeug —"
„Auch ein miserobles Zeug >s' gut ge
nug für orme Soldot."
„Sie ist nix nutz —sie geht schlecht."
„O, sie geht gut, wenn's geht zu
orme Soldot, bitt', bitt' gor schön!"
Und indem der arme Soldat gar so
schön bat, fing er mit der einen Hand
etwas stärker zu tupfen an, indeß die
andere Hand den Kolben seiner großen
Pistole streichelte, und Alles so beschei
den. wie eine erste Sängerin, und so
zuckersüß, wie ein Steuerexekutor, daß
es unmöglich war, ihm länger zu wider
stehen.
Nestroy krauste die Nase, als ob er
Pulver röche, würgte und gurgelte, als
ob ihm ein kleiner Kapuziner in die un
rechte Kehle gerathen wäre, und ließ
seine schöne kostbare Ankeruhr mit der
schweren goldenen Erbftnkette in die
Hand des vraven Kroaten gleiten.
Der brave Kroat küßte mit Thränen
der Dankbarkeit im Auge, die Hand sei
nes edlen Wohlthäters, sondirte dessen
lange Linie von der Kravatte bis zum
Stiesel, ob nicht irgendwo noch ein
Plätzchen zum Tupfen wäre, und legte
die Hand militärisch grüßend an die
Kappe.
„Schamsta!" sagte er.
„Servus!" antwortete Nestroy ge
dehnt und Grimassen schneidend, und
der Kroat entfernte sich, um die Uhr
dem ersten besten Inden für ein paar
funkelnagelneue Zwauziger zu ver
kaufen.
„Es sind recht liebe Leut', die Kroa
ten!" bemerkte Scholz malitiös.
„Hol' sie der Teufel!" donnerte
Nestroy ingrimmig. „O, ich wünschte,
wie Nero, sie hätten alle einen Hals,
um mit einem einzigen Streich Alle
auszurotten."
Ter Tempel zu Jerusalem.
Die „Wiener Allgemeine Bauzeitung"
hat in ihren Heften I—4 von 1893 eine
Abhandlung über den „Tempel zu Je
rusalem" von Heinrich Becker, dem
Frankfurter geographischen Schriftstel
ler, publizirt. Die Schrift enthält vier
Kapitel: 1., „der Tempel des Salomo."
2., „der Umbau durch Zerubabel und
Herodes." 3. „der Felsen-Dom von Kai
ser Constantin," 4. „der Kunstwerth
des Tempels." Der Verfasser Hai sich
an die Frage gewagt, die im Jahre 1875
von einem Congreß von Architekten, Ar
chäologen und Theologen nicht gelöst
wurde. Jener Congreß sprach die An
sicht aus, der Tempel sei zwar von Sa
lomo ervÄut, der gewaltige Unterbau
aber nur theilweise von Salomo herge
stellt und später erst von Herodes d. G.,
sowie von den Römern vollendet wor
den. Tann rühre auch der heute noch
stehende Felsen-Dom weder von Con
stantin, noch einem Khalifen, fondern
vom Kaiser Justinian her. Der Ver
fasser weist nun in geologischer und me
teorologischer Begründung nach, daß der
Tempelberg „Moria" aus einem Jura-
Gebirge besteht, in dem Sand- und
Kalkstein-Lagen wechseln. Diese stehen
in schräger Neigung zu Thal; von der
Sonne werden sie ausgeglüht, dann von
den Regengüssen aufgelöst und hinab
gestürzt.
Diese zu sichern, mußte salomo die
riesige Mauer bauen. sie ist heute
noch 54 Meter hoch entdeckt wolden mit
Blöcken von 8 bis 10 Meter Länge und
4 bis 5 Meter Breite. Solch' riesige
Arbeit vermochten weder HerodeS, noch
die Römer zu vollbringen, denn jener
war ein „Miethling," diese aber Fremd
linge. Nur ein souveräner Herrscher
von Macht und dem Reichthum eines
Salomo vermochte 80,000 Bauleute
und 70,000 Lastträger aufzubieten, um
das Ungeheuere zu vollenden. TerTeni
pel wurde zweimal zerstört: durch Nebu
cadnezar, dann durch Titus. Keiner
von diesen konnte aber die ungeheueren
Mauern stürzen. Nehemia baute in 52
Tagen die Mauern und binnen einem
Jahr den Tempel wieder auf. Es war
nur das Holzwcrk verbrannt und ein
zelne Mauerstücke geborsten. Trotzdem
kein Krieg bis zu HerodeS Tempel und
Mauern zerstörte, waren zerfallen
in Folge der ungeheueren Regengüsse,
welche die unter dem Tempel herziehen
den Höhlen, sowie die großen Wasserbe
hälter sprengten und in gewaltigem
Felsenbruch die Rieseumauer zu Thal
stürzten.
Auch Titus hatte nicht mehr, als das
Holzwerk verbrannt. Ein mörderisches
Klima — 8 Monde Gluthhitze. 4 Monde
Regensturz verwüstete aber die Trüm
mer zu einem Schutthaufen. Die
fromme Kaiferin Helena, die Mutler
Constantin's des Großen, fand zu Beth
lehem die Höhle, in der Jesus geboren
sein sollte; zu Jerusalem die Stätte, wo
sein Kreuz lag, und die dritte, wo er
nach ihrer Meinung begraben wurde.
Sie vermochte veu großen Sohn, daß er
diese Orte mit Tempeln verherrlichte.
Zu Bethlehem entstand eine Basilika;
zu Jerusalem an der Krcnzcs-Stclle eine
zweite; dann über dem Felsen „Moria"
in dem die Kaiserin die Grabstätte
wähnte ein dem römischen „Pan
theon" nachgebildeter Kuppel-Bau. An
den Bau - Formen weist der Verfasser
nach, daß diese drei Werke nur zu Con
stantin's Zeit entstanden sein konnten.
Aus der hohen Stellung Constantui's
gibt er gleichfalls den Nachweis, d> ß
wie nur ein souveräner Köuig von Js
real den Tempel mit feiner gewaltigen
Terrasse vollführen auch nur der uni
versale Beherrscher vom ganzen Römer-
Reich, der enthusiastische Veiehrer des
Christenthums, den zweiten Bau, deu
Felsen-Dom, an dessen setzen
konnte. Es solgen in spannender Ent
wickelung die politischen und staats
wirthschaftlichen Motive, sowie die Er
klärung von den Bauformen, deren
planvolle Eöenmäkigkeit den Baukünst
ler in Staunen setzt. Tann werden die
Zeitgeschichte, die Einweihung des Tem
pels durch Salomo, die Ausstellung der
Chöre durch Esra und Nehemia, das
erste Laubhüttenfest, die Erlebnisse von
Jesus Christus, die Passionsgcschichlc
u. s. w. in die Beschreibung eingesloch
ten. Damit wird ein ebenso künstlerisch
exaktes, wie kulturgeschichtlich fesselndes
Bild von dem Bauwerk gegeben, welches
unter allen auf der Erde stehenden für
die gebildete Menschheit von dem höch
sten Interesse ist.
Neue Bezeichnung. —„In ei
ner Gesellschaft fragt eine Dame einen
Künstler, was er eigentlich male. Hier
auf erwidert der junge Mann: „Thiere!"
„Ah," bemerkt die Dame, „Sie sind
also Veterinär-Maler!"
„Ter Schaute vom Vullenwintel."
Eine bekannte Berliner Figur, der
„Narr vom Bullenwinkel," ist dieser
Tage gestorben. Viele Berliner, die in
der Gegend des Hausvoigtei - Platzes
wohnten oder dort verkehrten, werden
den sonderbaren Alten gekannt haben,
der ein Menschenalter hindurch tagtäg
lich die Geschäfte des HauSvoigteiplatzes
besuchte und sich durch sein anssälliges
Benehmen und auch seine groteske Klei
dung in den Kreisen der Consektionäre
den bezeichnenden Beinamen „Schaute
vom Bullcniviukcl" erworben hat. Der
alte Herr, der auf den Sammelnamen
Müller hörn-, war ein eigenartiger
Kauz; in der größten HuudStagshitze
trug er einen Winterüberzicher. der Hals
war mit einem dicken Tuch, die Hände
mit Wild - Lederhandschuhen bedeckt.
Schweigend trat er. überall geduldet, in
die Läden und beobachtete stundenlang
das geschäftliche Treiben. Er war na
türlich die Zielscheibe des Spottes der
Angestellten, die den Alten ost in arger
Weise hänselten. Die größten „Bären"
wurden ihm ausgebundcn, ohne daß er
die oi't unzarte Witze jemals übel ge
nommen hätte. Vor mehr, als sünfzehn
Jahren wurde eine „Thal" des Narren
viel besprochen.
Der Inhaber eines Geschäftes am
Hausvoigteiplatze hatte sich durch ver
fehlte Börsenspekulationen dem Banke
rotte nahe gebracht. Von der bevorste
henden Pleite hatte Müller bei einer
Nachbarfirma gehöit; anf die lieblosen
Bemerkungen, die über den unglücklichen
Spekulanten gemacht wurden, erwiderte
der alte Herr: „Der I. wird Euch noch
Alle auslachen." lind damit verließ der
Alte den Laden und ging schnurstracks
zu T. Was er in dem Comptoir des
vordem so angesehenen Kaufmannes
gethan, hat man erst später erfahren.
Jedenfalls erholte sich der Letztere
sehr bald, sein Geschäft ging flotter und
flotter, und nach einem Dezennium war
er „Markmillionär" geworden. Der
Alte hatte ihm ein größeres Kapital ge
liehen und damit Hrn. X. vor dem Ruin
bewahrt. Solche Streiche hat sich Mül
ler des Oestcren geleistet, und mancher
Coniptorist ?c. weiß dem sonderbaren
Alten noch heute Dank.
Die größte „That," durch welche
Müller je die Nachbarschaft in Aufruhr
brachte, ist wohl die folgende gewesen :
Vor etwa 10 Jahren wurde ein junges
Mädchen, die Tochter einer blutarmen
Wittwe, aus einem Cousektionsgeschäfl
des Hausvoigteiplatzes entladen, weil sie
einen kühnen Griff in die Ladenkasse ge
than haben sollte. Alles glaubte an die
Schuld des Mädchens, nur Müller
nicht; er nahm sich des Mädchens an.
und bald bemühte sich ein Rechtsanwalt
cisrigst um die TicbstaylSassairc. Leider
vergeblich. Der Makel blieb auf dem
Mädchen sitzen. Das genirte aber den
Alten nicht : der KO-jährige Mann war
so von der Unschuld desMädchens über
zeugt, daß er dasselbe bald darauf an
den Altar führte. Erst ach mehreren
Jahren kam es an den Tag, daß er
Recht gehabt: die Kassirerin des Ge
schäftes, aus welchem Frau M. entlas
sen worden war, wurde als die Diebin
entlarvt. Seit seiner Verheirathnng
hat der alte Herr die Besuche in den Lä
den nach und nach aufgegeben. Mit
zärtlicher Sorgfalt von seiner getreuem
Gattin gepflegt, ist M. vor einigen W
ochen in hohem Alter gestorben. Wenige
alte Freunde aus der Confeklionsbranchc
gaben ihm das Ehrengeleit auf seinem
letzten Wege.
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