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Der Deutsche correspondent. [volume] (Baltimore, Md.) 1841-1918, August 19, 1893, Der Sonntags-Correspondent., Image 11

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in Gold aus und übergab es ihr mit
der Weisung, ihn dafür anständig zu
beerdigen; besonders legte er ihr an's
Herz, ihm neue Stiefel zu kaufen und
keine Todtenfchuhe anzuziehen. Die
Frau versprach es. Sobald aber der
Mann todt war, wurden ein Paar Tod
tenschuhe gekauft und der Leib der Erde
anvertraut. In der "Nacht hatte sie die
Vision, ihr Mann erscheine an ihrem
Bette, knirsche mit den Zähnen und
werfe ihr die Todtenfchuhe vor's Bett,
und Dies wiederholt sich jede Nacht.
Sie läuft nun nach einander zum Pfar
rer, Amtsvorsteher und Doktor, aber die
gewünschte Erlaubniß zur Wiederaus
grabung bekommt sie nicht. Alle erklä
ren ihre Vision für eine krankhafte Ein
bildung. 'Nun kauft sie ein Paar große
Stiesel und geht auf den Friedhof. Hier
schaufelt sie das Grab wieder auf, öffnet
den Sarg und zieht die Stiefel auf beide
Füße des Todten. Nachdem sie ihm
noch die Brille aufgefetzt, die Schnupf
tabaksdose, etwas Geld u. die Brannt
weinslasche beigegeben hatte, schloß sie
den Sarg, schaufelte das Grab zu und
wanderte getrosten Muthes nach Hause.
So geschehen im Jahre 1893.
—E i n e Ne g erf a m i li e, welche
neulich in Berlin in stolzer Karosse die
„Linden" passirte, erregte überall die
Aufmerksamkeit der Passanten. Sobald
die Equipage vor irgend einem Ge
schäftslokal hielt, sprang ein schwarzer
Diener vom Bock und machte die Hon
neurs. Die farbigen Gäste gehören ei
ner der reichsten Familien in San Do
mingo an. Die schwarzen Herrschaften
beabsichtigen, nach Karlsbad zu reisen,
dessen Quellen das Familienoberhaupt
auf Anrathen amerikanischer Aerzte zur
Heilung eines Magenübels zu gebrau
chen gedenkt. Dann wollen sie die Haupt
städte Europa'S besuchen.
Vom KYff h ä u ser g e b ir g e
schreibt man: Die Barbarossahöhle auf
dem Kyffhäuscrgebirge, die zu den groß
artigsten und vielbesuchtesten Höhlenge
bilden Deutschland's zählt, aber in Folge
derEigenthumsstreitigkeiten, die sich zwi
schen der Bergwerks-Gesellschaft, bei de
ren Muthungen sie vor etlichen zwanzig
Jahren entdeckt war, und dem Eigen
thümer der über ihr liegenden Forstge
läude, Kammerherrn Baron von Rüx
leben, seit mehreren Jahren dem öffent
lichen Besuche verschlossen war, ist kürz
lich wieder geöffnet worden. Die zum
16. Bezirke des „Harz-Clubs" gehörigen
Ziveigvereine Nordhaufen, Roßla und
Kelbra haben sich um diese Gegend
nicht nur, sondern um das gesammte
reisende Deutschland das Verdienst er
worben, TicS erzielt zu haben. Die
Höhle wird alljährlich von Tausenden
von Fremden besucht, so daß die Schä
digung, die ihre Schließung für die
ganze Gegend im Gefolge Halle, eine
ganz beträchtliche war.
Bekanntlich hat der Thü
ringer Wald eine altehrwürdige,
schon zu den Zeiten des Bonisazius be
kannte wundersame Straße aufzuweisen,
wie sie kein anderes Gebirge kennt, den
Rennsteig, der sogar keinen Geringeren,
als Viktor von Scheffel zu einer poeti
schen Verherrlichung begeistert hat. Die
ser Gebirgspfad läuft auf dem Kamm
des Franken- und Thüringer Waldes in
einerLänge von etwa 110 englifchenMei
len von dem eifenachischen Dorfe Hör
schel an bis zum reußischen Dorse Blan
kenstein an der Saale und ist mit Aus
nahme einer kurz.'n Strecke am Jnscls
berg heute noch fast überall fahrbar.
Ueber die Bedeutung dieses Rennsteiges,
der im großen Ganzen als die Slam
mesgrenze zwischen vorwiegend thürin
gischem und vorwiegend fränkischem
Bolksschlage zn betrachten ist, hat man
die verschiedensten Hypothesen ausge
stellt. Am meisten Anklang fand die
Erklärung, wonach der Rennsteig ein
Rain-, d. h. ein Grenzweg zwischen
Franken und Thüringen sein sollte.
Neuerdings aber hat Dr. Hertel in
Greiz eine sprachwissenschaftliche Unter
suchung veröffentlicht, in welcher er an
der Hand eines reichhaltigen Urkuuden
materials und gestützt auf mundarllichc
Formen (der Verfasser ist auch Heraus
geber eines Salzunger Wörterbuches)
und allgemeine Erwägungen zu dem Er
gebniß kommt, daß der Rennsteig in der
That ein Renn-, d. h. ein Bergpsad für
reitende Boten war. Er glaubt in die
sen Rennern oder Reitern die Grenz
wächter der Hermunduren zu erkennen,
die in langer Kette ans der Zinne des
Waldgebirges von einer Wane zur an
deren ritten, immerwährend scharf in's
mittägliche Land auslugend nach den
Marken feindseliger Nachbarn. Der
Rennsteig wäre also ein Kurier- oder
Palrouilleniveg der alteu Hermunduren.
Bei den die sjähr i g e u Ma
növern spielen die Radfahrer eine
Rolle. Nicht nur haben sich zwei Rad
fahrer zur Uebernahme des Staffetten
dicnstes freiwillig bei einem Garde-Re
giment gemeldet, sondern der als Kunst
fahrer bekannte Maschinen-Fabrikant
Robert Quasdorf. Nr. 5, Luisenstraße,
Berlin, ist vom 28. August bis zum 17.
September nach Wittenberg zum 20.
Infanterie-Regiment durch die Militär
behörde als Radfahrer einberufen wor
den. Er bezieht als solcher die Compe
tenzen eines Seconde-Lieutenants und
außerdem für feine Maschine 25 Mark.
Er wird mit Schuhen, Drillichhose,
Waffenrock und Mütze bekleidet und
kann nach Art der Fahrer die Strümpfe
bis über die Kniee hinauf tragen. Sol
datengepäck sührt er nicht mit sich und
wird dem Stabsquartier zugesellt. Wei
tere Einberufungen von Radfahrern
finden, soweit bis jetzt bekannt, bei der
12. Jnsanlcriebrigade des 3. Armce-
Eorps statt. Das Garde-Schützenba
taillon (Lichterfelde) hat für seine bei
Rheinsberg jetzt stattfindende Uebung
aus feiner Mannschaft zwei Radfahrer
in Dienst gestellt, von denen der eine,
der Sohn des Berliner Kürschncrmei
sters L., als bewährter Mcistersahrer sich
schon vielfach ausgezeichnet hat.
Der König von Por t n
g a l hat, wie bereits gemeldet, vor eini
gen Tagen eigenhändig einen Mann fest
genommen, der einen andern zu Boden
geschlagen und schwer verwundet hatte.
Nach dem Bericht der „Times" ist die
Verhaftung nicht so leicht gegangen.
Auf der Fahrt von der Eisenbahnstation
in Eintra nach dem Palast bemerkte der
König das Handgemenge und sah den
einen der Beteiligten fallen. Ilm
Schlimmeres zu verhüten, sprang er mit
dem Adjutanten vom Wagen, es ent
spann sich eine Schlägerei, und der Kö
nig mußte seinem Adjutanten, der in
Gefahr schwebte, überwältigt zu werden,
zu Hülfe kommen. Er schlug den Geg
ner mit dem Stock über den Kopf, aber
erst den gemeinsamen Anstrengungen des
Königs und des Adjutanten gelang es,
den wie rasend um sich schlagenden
Mann zu überwältigen und zum Poli
zeibürcan zu bringen.
Ein glückliches Ländchen
ist Liechtenstein. Es hat keine Militär,
pflichten und Militärlasten, auch keine
Staatsstcuer, und dem dortigen Landtag
wurde kürzlich von der sürstlichcn Regie
rung und dem Landesausschuß erklärt,
„die günstige Lage der Laudesfinanzcn
mache eine Erleichterung der ans Grund
und Boden haftenden Zinslast zur
Pflicht." Natürlich war der Landtag
gern dabei, dieser angenehmen Pslichr so
schnell, als es die Geschäftsordnung ei
laubte. nachzukommen.
—E in Rechtsanwalt in der
Rheinprovinz halte für einen In
genieur einen Prozeß in zweiter Znstanz
verloren. Die Kosten bcliefen sich laut
einem Kostenfcftscyungsbcschlusse auf 25
Mark 10 Pf. Der Ingenieur zahlte
die 25 Mark 10 Pf. auf eine Postanwei
sung an den Anwalt ein, bedachte aber
nicht, daß auch der Gelder spendende
Stephansbote seinen bescheidenen An
theil in Gestalt eines Fünfpscnnig
slückes von dem Betrage heischte. So er
hielt denn auch der Sachwalter nur 25
Mark 5 Pfennig. Der Anwalt kassirre
die Abzahlung einstweilen ein, benach
richtigte jedoch den früheren Klienten,
daß noch 5 Pfennig fehlten. Diese Mah
nung schien der Ingenieur nicht ernst
genommen zu haben und ließ sie unbe
achtet. Der Anwalt schickte ihm aber
den Gerichtsvollzieher, um die aus dem
vollstrcckbarcnKostenfestsctzungsbcschlnssc
noch fehlenden 5 Pfennig, die inzwischen
durch Schreibereien und weitere Kosten
aus 2 Mark 80 Pfennig angewachsen
waren, einzutreiben. Der Ingenieur
zahlte, schrieb aber gleichzeitig an den
Borstand der Anwallskammcr, dem er
den objektiven Sachverhalt mittheilte.
Zum Schlüsse knüpfte er noch seine sub
icktive Ansicht daran, die für den Rechts
anwalt wenig schmeichelhaft war. Auf
feine Eingabe erhielt er jedoch die Ant
wort, daß kein Grund vorliege, auf dem
Disziplinarwege gegen den Rechtsan
walt einzuschreiten. Der Letztere stellte
wegen der subjektiven Ansichten des In
genieurs gegen diesen Strafantrag. Der
Beklagte wurde von der Straskammer
wegen Beleidigung zu einer Geldstrafe
von 50 Mark verurtheilt. Der Verur
theilte legte Revision ein, die aber, wie
das „Leipziger Tageblatt" meldet, dieser
Tage verworfen worden ist.
Laut einem nach Löban
gelangten Schreiben der Reisebegleitern?
der Tochter Emin Paschas aus Baga
moyo, Frl. Lies Bader, lebt Emin Pa
scha noch unter befreundeten Arabern,
ist aber total erblindet. Er erwartet
dort die nöthigen Mittel, um die Reise
nach der Küste anzutreten, für welche er
eine Dauer von sechs Monaten in Aus
sicht nimmt.
Eine verhäng nißvolle
Verwechslung hat die 24 Jahre
alte Psörtnerin Mane Pricsemnth in
Berlin an den Rand des Grabes ge
bracht. Vom Durste geplagt, wollte sie
am Samstag Nachmittag Bier trinken,
griff nach den in ihrer Kellerwohnung
aufgestellten Flaschen und setzte eine der
sclben an den Mund. Mit einem Auf
schrei brach die Frau zusammen, denn
der Inhalt der Flasche bestand aus Salz
säure. Mit schweren inneren Verletzuu
geu wurde die Frau der „Eharite" ein
geliefert.
Das Jubiläum ihreS drcihun
dertjährigeu Bestehens beging dieser
Tage die berühmte „Gosenkneipe" in
dem unweit Leipzig gelegenen Dorse
Gohlis, in welchem Schiller 1875 das
„Lied an die Freude" dichtete. Göthe,
Schiller, Roderich Benedix und andere
Literaturgrößen haben in dem ehrwürdi
gen Gemäuer dieser urdeutschen Kneipe
so manche vergnügte, an Anregungen
reiche Stunde verlebt.
Die sechs Eigenschaften
eines KäseS legt ein lateinisches Disti
chon inLuther's Schriften in gedrungen
ster Kürze dar:
I-II'AI!-!; I>YN
Xml ist^
IwIIUS.
Eine gelungene (von Prof. Schau
zeubach herrührende) Uebersetzuug dieses
Distichons, die natürlich viel länger sein
muß, als daS Original, um verstänlich
zu werden, geben die „Süddeutschen
Blätter für höhere Untcrrichtsanslalteii"
(Stuttgart, Neff):
Soll der Käse etwas taugen,
Hab' er nicht in,>oo Augen,
Wie einst Argus. Auch nicht klein,
Breit und dick, so soll er sein!
Kein Methusalem au Jahren
Werd' er durch zu langes Sparen;
Nein, der Büß'riu reich au Thränen
Soll er gleichen, Magdalenen.
Habaknk einst kochte Brei;
Breiig nicht der Käse sei,
Was man liest von Lazarus,
Gelte auch vom
Dort hört man's im Klagetou,
Hier als Ruhm: „Er stinket schon!"
humoristisches.
Zer st reu t. Frau A' (Gattin
eines Arztes): „Mein Mann ist fürch
terlich zerstreut."
Frau B>: „Was Sie sageu!"
Frau A.: „Ja, denken Sie sich, als
wir am Altar die Ringe wechselten, da
faßte er mich an dem Puls und sagte,
ich sollte die Zunge heransstreckcu!"
Verkehrte Empfehlung.
„Als Sc m'r Ihren Sohn in die
Lehre gaben, empfahlen Se m'r mit ihm
Nachsicht zu haben! Gestern is er mir
mit tausend Mark durchgegangen! Hät
tet Se m'r seiner Zeit doch lieber Bor
sicht ihm gegenüber empfohlen?!"
Verschieden Gläubiger:
„Ich habe ja gar nichts dagegen, daß
junge Menschen einmal Schulden ma
chen, aber sie müssen auch an Abzahlung
denken. Mir machte in jüngeren Jah
ren nichts größere Freude, als Schul
den abzutragen."
Schuldner: „Das glaube ich geru,
verschiedene Menschen haben eben ver
schiedene Freuden."
Na ch un d n a ch. Richter:
„Wie kam es, daß Sie sich mit den An
geklagten verfeindeten?"
Zeuge: „Erst warf er mir ein Bier
glas an den Kopf, dann ich ihm ein's,
dann warf er eine Weißbierflasche nach
mir, ich warf sie zurück und so haben
wir uns dann gegenseitig überw or
fe n."
H off n u n g s l os. „Den Brief
hat meine Braut mir sogar uuveröffuet
zurückgeschickt!"
„Du, da ist es aus. Da ist ihre Ab
neigung ja sogar größer als ihre Neu
gierde! Da ist keine Hoffnung mehr!"
Berkann t.— „Der Herr Direk
tor scheint ja seinen Schauspielern ge
genüber einen riesigen Hochmuths-
Dünkel 'rauszukehren."
„Das ist keineswegs der Fall: nur
hält er sich von ihnen aus - Vorschuß
weite fern."
Offenherzig. Sie: „sieben
Sie mich auch treu und wahr?"
Er: „Von ganzer Seele, Theuerste.
Warum fragen Sie erst?"
Sie: „Weil ich weiß, daß Mama
zuhört."
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