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Der Deutsche correspondent. [volume] (Baltimore, Md.) 1841-1918, August 10, 1895, Der Sonntags-Correspondent., Image 10

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6
Fürst Alexander von Bulgarien als
Feldherr.
Die Ansichten über die Fcldherrnthä
tigkeit dcs verstorbenen Grasen von Har
tenau im Kriege zwischen Serbien nnd
Bulgarien weichen bedeutend von ein
ander ab. Während die Einen darin
nichls mehr als Glück eines jungen Ka
vallerit-OssizierS erkennen, haben die
Anderen Mit ihrer Anerkennung nicht
gekargt und dcn Bnlgarensührer in die
Reihe der Feldherren erhoben. Die bis
herigen Urtheile ans beiden Lagern ent
behrten jedoch einer hinreichenden Be
gründung, sie waren mehr eineEingabe
des Gefühls als der Untersuchung. Für
eine stichhaitende Untersuchung war bis
her lein hinreichendes authentisches Ma
terial zugänglich gewcsen, namentlich
hatte noch kein Militär von Ansehen
seine Meinung über de-! Bulgarensür
sten öffentlich ausgesprochen. Dcr be
kannte östreichische Oberst Karl Regens
purcky ist nun soeben mit einem sehr
beachtenSwertheii Werke: „T)ic Kämpfe
bei slivnitza am 17., 18. und 19. No
vember 1885," Wien, L. W. Seidel,
hcrvorgetret' n. NegenspurSki) hat näm
lich vom Grasen Hartenau selbst die M
otive scilicr Entschlüsse erfahren uud mit
ihm eingehend die Zicke besprochen, wei
che dem Bulgarensührer vor Angeu
schwebten; er hat ferner den Kriegsscha
uplatz bereist, und außerdem konnte er die
Dokuiiirnie des bulgarischen KriegSiui
msteriumS benutzen. Auf dieser breiten
und sicheren Iliiterlägegciviui-t f nie An
fiel)! über den Fürsten Alexander eine
Bedcutuug. die allgemeinen Interesses
gewiß sein dürste. Wir widerstehen der
Versuchung, ans die politischen, operati
ven und taktischen Erscheinungen dieses
letzten aus dem europäischen Festland?
geführten Krieges einzugehen, die Fach
männer seien aber auf sie ernstlich auf
merksam gemacht, namentlich diejenigen
Kreise, wclchc nicht geneigt sind, dem
Natioualgcfühl seinen berechtigten Platz
lnlter den verschiedenen Motiven großer
militärischer Leistungen einzuräumen.!
Dagegen halten wir es für geboten, Ne-!
genspursky's Urtheil über A exander von
Bulgarien wiederzugeben. Nachdem der
blos 28 jährige Fürst Alexander sich an
die Spitze der Uiliouö-Beweguug gestellt
hatte, brach über ihn und das Land ein
Üugemach nach dem anderen herein.!
Die Türkei mobilisirte, Rußland drückte
seine Mißbilligung über die Unions-
Bewegung aus. entzog der bulgarischen
Armee fast alle Compagnie-Couiman-j
danteil uud strich dcn Fürsten auS der
Rangliste des russischen Heeres. Im
eigenen Lande regten sich die unzufrie
denen Mohainedaner, und im benach
barten Maccdonien schien ein Aufstand
gegen die Türkei bevorzustehen, welcher
die Sache dcr Union bcioer Bulgarien
nur noch schwcrercompromittiren mußte.
Die Krone beider Bulgarien schien da-!
nials ein gar stacheliges Geschenk, und
fast übc'.atl in Europa gab man den
FürstenAlexander verloren. Man kannte
eben zn jener Zeit drei Faktoren noch
nicht, die hohen persönlichen Eigen-!
schaslen dcs Fürsten, die daraus qucl-!
leude Anhänglichkeit seines Volkes und!
die KriezSlüch'.igkcit der bulgarischen Ar
mee.
Nebcu vorzüglichen militärischen Ei
genschaften, einer edlen Ritterlichkeit u.
Schneldigkeit, besaß Fürst Alexander die
ungemein seltene Gabe, schwierige und
verwickelte Fragen mit den einfachsten
Mitteln zu lösen. Seine klaren, schlich
ten Argumente leuchteten Jedermann
ein, denn er war stets einfach und na
türlich im Ausdrucke und Feind jedes
gelehrten Wortschwalles. Einfachheit
und Natürlichkeit bildeten überhaupt die
Gruudzüge seines Charakters. Dazu
kam eine große Selbstlosigkeit, Bedürf
nißlosigkeir, physische Ausdauer und eine
sehr bereuteude Arbeitsfähigkeit .Ar
beitslust. Diesen hervorragenden Ei
genschaften des Geistes und Charakters
ist es zuzuschreiben, daß Fürst Alexander
Schwierigkeiten siegreich überwand, an
welchen viele Andere gescheitert wären.
Die Ankunft des Fürsten in Philippopel
Harle genügt, um den dort drohenden
Straßenkampf zu verhindern. Das kluge
Entgegenkommen, das er seinen neuen
mvhamedanischen Unterthanen bewies,
indem er deren religiöse Gebräuche ach
tete und ihre Moscheen besuchte, erwarb
ihm nach kurzer Zeit deren Vertrauen.
Die unruhigen Elemente in Macedonien
machte der Fürst dadurch unschädlich,
daß er sie als Freiwillige anwerben ließ
und später unter Hauptmann Panitza
gegen die Serben verwendete.
Mit welcher glücklichen Hand der
Fürst, nach dem Abgehen der russischen
Oisiziere, aus der Menge seiner jungen
Offiziere die Fähigsten herausgriff und
aus den richtigen Platz stellte, bewiesen
die Leistungen dieser Männer in den
nachfolgenden ernsten Ereignissen, sowie
die Thalsache, daß eine Anzahl dcr da
mals ans wichtige Plätze berufenen jun
gen Offiziere, z. B. dcr 1885 zum Ge
neralstabs - Ehef der Armee ernannte
Hauptmann Petrow u. A., noch heute
hervorragende Posten bekleiden.
Welches hohe Maß von Umsicht und
Arbeitskraft die Durchführung des stra-i
tegischen Aufmarsches der ostrumelischen
und bulgarischen Armee an der türkischen
Grenze, die Ausbringung und Herbei
schassiliig des Materials. Kriegsbedarfs
und der Verpflegung für alle Truppen
kann nur ermessen Verden,
wenn man sich vor Augen hält, daß die
!KricgSereignisse ganz unvorhergesehen
hereingebrochen und keinerlei Vorberei
tungen getroffen raren, daß alle Stäbe
mit jungen, noch uuersahrencn Offizie
ren besetzt waren, und der Fürst fast
überall selbstthätig eingreifen mußte.
Neben diesen militärischen Pflichten lag
dem Fürsten noch die Sorge ob um die
Eiulichtung der Verwaltung in den
neuen Gebieten von Ost-Numelieii nnd
die Vcrschung dcr lanfendcn Rcgie
ruilgsgeschäste. Trotz aller Anstrengung
fand er noch die Zeit zur wiederholten
Jnspiziruiig dcr an der ostrumelifchen
Grenze versammelten Truppen. Mitte
Oktober trat der Fürst Alexander eine
Rcisc behuss Besichtigung der im Stru
ma-Thale, gegcuübcr Dzuma und Egri-
Peilauka, bcsiudlichen bulgarischcnTrup
pcu an. In Radomir erhielt er am 19.
Oktober die Nachricht, daßitönig Milan
sich geweigert habe, Grekoiv, dcn Ucber
bringer seines versöhnlichen Schreiben.
:n cmpsaiigen. Er erkannte nun, daß
Serbien den Krieg suche, und gab noch
in Radoniir die Bcschle zur Verstärkung
der Truppen dcr Wcst-Division durch
etwa 13,000 Mann. Sodann nnter
uahin er cinc Recognoszirung längs d:r
scrbisch-bulgarischen Grenze uud befahl,
nach eingehender Besichtigung dcr Loka
litätcu, die Befestigung dcr Grenzpuuktc
Tow-Vrapea, Earibrod u. f. w., des
Tragoinan-Passcs, der Stellung von
S.iviiitza, der Linie des VladajSka Ba
chcs westlich Sofia, des Desilecs von
Vladaja uud der Stellung am Ihliman-
Poß.
Die Ende Oktober in Sofia einge
langte Note, daß die hohe Pforte eine
eventuelle Betretung bulgarischen Ge
bietes durch serbische Truppen als eine
Verletzung türkischen Territoriums be
trachten würde, und die ziemlich gleich
zeitige Unterbrechung der schon begonne
nen Vorwärtsbewegung der serbischen
Armee ließen auch bei Alexander die
Hoffnung auskommen, daß die serbische
Kriegsgesahr beseitigt sei. Um so sehr
schmerzlicher war seine Ueberraschung,
als er in der Nacht vom 13. zum 14.
November zu Philippopel die Nachricht
von dcr erfolgten Kriegserklärung em
pfing. DaS fcheinbar Unmögliche, die
rechtzeitige Verstärkung der Westgruppe,
um die Serben noch westlich von Sofia
auszuhalten, war durch die Energie dcs
Fürsten und die Hingebung seiner Trnp
pen möglich gemacht worden. Nach dem
Erlaß dcr dringendsten Befehle für die
Einleitung der Rochade von Ost nach
West, fuhr Alexander am 15. November
von Philippopel nach Sofia. Hierblieb
er mit den Offizieren feines Stabes bis
znm 16. November Nachmittags. Am
Abend dieses Tages erschien er, von sei
nen Truppen jubelnd begrüßt, bei Sliv
nitza uud nahm mit seinem Gefolge Un
terkunft in einer bescheidenen Hütte.
Mit sicherem Blick erkannte Fürst Alex
ander die Vortheile, weiche ihm die ra
scheren Conzentrirungsbewcgungen sei
ner Truppen, sowie die Stärke der Stel
lung gegenüber dem langsam anrücken
den Feinde boten. Deshalb befahl er
dem Commandanten der Westdivisiou,
Major Gutschein, die Stellung von
Slivnitza zu behaupten. Von da an
war alle Sorge dcs Fürsten daraus ge
richtet, möglichst viele Kräfte bei Sliv
nitza zn versammeln. Mit welchem au
ßerordentlichen Erfolge dies geschah, ist
bekannt. Aber auch die ausreichende
Versorgung der allniälig bei Slivnitza
eintreffenden Massen unt Kriegsmatc
lial, Munition nnd Verpflegung war
wesentlich der rastlosen Umfichl und der
Energie des Fürsten zu verdanke. Ne
benher griff er durch >eine Anordnungen
in den Gang des Gesechtcs dort selbst
ein, wo Gefahr im Verzug schien, oder
wo nur das Einsetzen der eigenen Per
son das Ausharren der Truppen beimr
len konnte. Am 17. 'und 18. Norem-i
bcr war der Fürst vom Morgen bis
Abend am Kampsplatze. Setncm direk
ten Besehlist dcr Vorstoß dcs rechten
Flügels am 17. srüh, die Besitznahme
der Meka Erev-Höhe am 13. Nachmit
tags, aber auch die Vermeidung jeder
Zersplitterung dcr Truppen in dcr oh
ncdics sehr ausgedehnten Stellung, die
zweckmäßige Verwendung dcr neu an
kommenden Rescrv n zu verdanken.
Kein Unbefangener kann die Ritterlich
keit und Selbstlosigkeit des freiwilligen
! Entschlusses dcs Fürsten, dcr sich in der
Nacht vom IL. zum 19. nach Sofia be
gab, verkennen, um unter höchst kriti
schen Verhä.tnissen im Rücken der Ar
mee Ordnung und Sicherheit zu schas
sen. Uns scheint der Fürst gerade am
19. November aus dem Höhepunkte sei
ner Leistungen als Regent und Führer
zn stehen. Der Fürst ordnete in Sofia
das Nöthigste und legte in kurzer Zeit
12 Meilen zurück, um noch vor Einbruch
dcr Dunkelheit wieder in Slivnitza ein
treffen zu können. Den 20. und 21.
November widmete der Fürst dcr Reta
blirung seiner durch die andauernden
Kämpfe in Unordnung gerathenen Trup
sten. Am 22. November wurde die
! Offensive seiner Armee durch das sieg
reiche Gefecht bei Dragoila eingeleitet.
! Mährend desselben gelangten wichtige
Aktenstücke politischen Inhalts an ihn.
i Das war jedoch kein Anlaß für den Füh
rer der Armee, den Gefechsichauplatz zu
verlassen. Auf einem Heuhaufen sitzend,
diktirte dcr Fürst den Offizieren seines
jGefolges die Antwort an die Hohe Pfor
te, worin er die von dieser proponirte
iEntseuduug eines politischen Commls
!särs nach Philippopcl ablehnte und er
klärte, daß er erst nach vollständiger
! Räumung des bulgarischen Gebietes
durch die serbischen Truppen an die Ein
stellung der Feindseligkeiten denken kön
ne. Eine analoge Note diktirle Fürst
! Alexander an die Adresse seiner bei den
> Großmächten beglaubigten Vertreter.
!Nach Beendigung dieses „Staats-Ge
schäftes" setzt: er die Beobachtung d:s
Gefechtes fort.
Fürst Alexander hat die in seiner Per
son vereinigten Würden des Herrschers
!und ArmeesührerS in dcr glücklichsten
Weise zur Geltung gebracht. Als Herr
ischer wußte er in der Seele des Volkes
edelsten Empfindungen wachzurufen
In. zu erhalten. Voll Begeisterung dräng
ten sich Tausende Fre.williger, Chri
sten uud Mohainedaner, zu den Was
!seu! Alle Kräfte nnd Hülssmiitel des
Landes wurden für die Zwecke der Ar
mee nutzbar gemacht nnd jedes von dem
Fürsten verlangte Opser freudig gebracht.
Vom Beginn der Feindseligkeiten ange
hörte das ganze Fühlen und Denken dcS
edlen Fürsten der Armee, deren Führer
er war. Während der Kämpse wich er
jTag nnd Nacht nicht aus ihrer Mitte
und theilte mit den Soldaien Mühe,
Gefahr und physische Best,werden. Alle
seine Handlungen haNen nur daS eine
Ziel —de Sieg! Andere Rücksichten,
besonders solche ans die eigene Person,
traten zurück.
So bietet der erste Fürst von Bulga
rien seinem nach fast sünshundertjähri
ger Unierdrückllng politisch wiedererstan
denen Volke sür alle Zeit das Vorbild
männlicher Pflichtreue, Hingebung und
Opferwilligkeit. Sein edles Beispiel
seuerte die Armee zu den Nuhmesthatcn
an, welche heute den Stolz des bulga
rischen Volkes bilden.
Auf der Slivnitza-Höhe, im Centrum
der in den schweren Tagen vom 17. bis
19. November so heldenmütbig verthei
digten bulgarischen Position, soll das
Denkmal Alexanders sich erheben, als
weithin sichtbares Heichen des Dankes
und dcr Bewunderung dcr Armee und
des Volkes Bnlgarien's sür seinen ersten
Fürsten.
Ausgrabungen am Colostrum.
Nachdem seit fast zwei Jahren keine
größere Ausgrabung in Rom vorgenom
men wurde, ist in jüngster Zeit auf Ver
anlassung des Ministers Baccelli und
unter Mitwirkung der römischen Stadt
verwaltung eine solche in großem Stil
und mit bedeutenden Mitteln in Angriff
genommen worden. An dcr Ostseite
Colostrums nach dem Esguiltn zu
ten bisher noch so bedeutende Schutt
uiassen, daß die moderne Straße (Via!
del Eolosseo) säst in der Höhe des
Stockwerks des Amphitheaters
sührte. Man ist nun im Begriss, die
moderne Straße zu verlegen und na h j
der Esquilin-Seiie zu einen geräumigen'
Platz zu schassen, so daß dieser Theil
dcr Colosseunis-Facadc, der am besten
von allen erhalten ist, sich bald in weit
großartigerer Weise repräsentireu wird,
als bisher. Die Arbeiten, seit Ansaug
letzten Monats mit großer Energie
trieben, haben unter Anderem einen
Fund zu Tage gefördert, welcher für die
Einrichtung des Niefengebäudcs und
daS römische Schanspiclwcscn im All
gemeinen von großein Interesse ist.
Man glaubte bisher, daß die äußere
Grenze deS Amphitheaters bezeichnet!
wurde durch die der unteren Arkaden-!
reihe vorgelegte Stuse aus Traveriiu
(Kalkstein) und daß gleich davor die
öffentliche Straße daS Gebäude umge
ben habe. Man sieht jetzt, daß dies
falsch istt
Das Colosseum war zunächst umge
ben von einem mit großen Travertin-
I Platten gepflasterten Gürtel in einer
Brciie von 15 M.; erst au dessen äuße-
Seite lies eine mit den üblichen
schwarzen lßasaltblöcken gepflasterte
! Straße. Auf der Grenze beider Zonen >
stehen große quadratische Psosten (Cippi)
gus Kalkstein noch an ihrem ursprüng
lichen Platze. Sie sind elwei 1.75 M.
hoch, 0,60 M. breit nnd oben abgerun
>det; ein quadratisches Loch auf dem'
diente zum Einlassen
! Stange, die eine Tafel getragen haben
mag. Bis zu diesem Cippi hat sich also
der Bezirk des Amphitheaters ausge
dehnt; zu der ca. 23,000 M. betragen-j
den Grundfläche dcS Gebäudes selbst ist
also noch eine Zone von ungefähr
hinzu zu rechnen, wenn man die
Gesamiulsläche des Riesen-Gebäudes!
schätzen will. Aber die Psosten hatten
auch einen practischen Zweck. Ihre
!Rückseiten zeigen Gruppen von quadra-!
tischen Löchern, die zum einlassen von,
Holzstanzen gedient haben. 'Nun stehen
die Cippen so, daß sie immer
einem der Arkaoenpfeiler des Unterge-j
schgsses und der Mitte einer Arkade ent-!
sprechen, und zwar stehen die fünf bis
her gefundenen Exemplare gegenüber den
! Eingängen, welche mit den antiken
Nummern 23 und 25 bezeichnet sind.
. Es konnten also von den Cippen bis
zum Gebäude hin Schranken oder Sta
kete aus Holz angebracht Verden, so daß
aus jede EingangSarkade zwei schmale
Gänge zuliefen sür'die „Queue" bildende
und deS Einlasses harrende Menge. Der
räum deS Colosseumö zerfiel,
! abgesehen von den kaiserlichen Logen
!nnd dem Podinm für die vornehmen
Besucher, in drei Ränge (Maciiiana)
mit Sitzplätzen, wozu dann die Steh
plätze auf dem Dache dcr Säulenhalle
ribcr dem dritten Rang kamen. Die
Plätze waren genau verlheil: und jeder
erhielt fein Billet (Tcsscra),
auf welchem Rang und Abtheilung ge
nau vermerkt war.
Es mag keine kleine Aufgabe sür die
'Platzanweiser (Difsignatores) gewesen
' sein, die schaulustige Menge, die schon
vor Morgengrauen (denn die Spiele be
gannen zn srühestcr Tagesstunde) sich
vor dem geschlossencn Schaugcbäudc
drängte, richtig zn dirigiren, und das
- Colosseum faßte, wenn auch nicht 87,-
000 Personen, wie in allen Büchern zu
lesen steht, doch über 10,000; also muß
ten durch jede Cingangsariade in kurzer
Zeit über ein halbes Tausend Znschaucr
einströmen. Schon aus der Anordnung
der treppen ergibt sich, daß jede der 76
Elngangsarkaden des Colosseums den
Zniritt zu zwei verschiedenen Ausgäugen
vermittelt hat. Die Eingänge mit ge
raden Nummern scheinen meist in den
ersten und zweiten Rang (maenianuiu
primuui et seculiduin), die mit ungera
den zum dritten Rang (inaenianuiii ter
tiuln) und znm „Olymp" aus dem Dach
dec oberen Säulenhalle geführt zu ha
ben. (Die vorueijnien Zufchaucr auf
dem Podium bcirate-i ihre Plätze wohl
von den kaiserlichen Haupteingängen an
der kleinen Achse deS Gebäudes.)
Wir's,hen nunmehr, daß die Sonde
rling der Zusch.ruer schon außerhalb dcs
Gebäudes begann. Jede dcr 152 be
schriebenen Abtheilungen konnte bei ci
ncm Flächenranm von gegen 600.-M.
etwa die Hälfte dcr zum Eiulritt berech
tigten Personen fassen; auf den Billcteu
wird vcrmcrke gcwefcn fcin,
daß beispielsweise Diejenigen, wclchc
ihren P.atz im Sector 53 des obersten
Ranges einzunehmen hatten, dcn Ein
gang 53 an der rechlenScite zn wählen
hatten, während der Eingang 53 links
für die Benutzer der entsprechenden Sek
toren des unteren Ranges diente. Wei
tere Sonderling nach dcn Plätzen fand
dann innerhalb des Gebäudes felbsi
statt.
TrunksuchtuiiS Selbstmord.
Gegen zehnlausend Deutsche nehmen
sich alljährlich das Leben; da haben wir
wohl Veranlassung, nach den Ursachen
der Selbstmorde und dcs vorausgehen
den Elends zu fragen und gcgen diese
Ursachen anzulämpsen. Ein gelehrter
Ulmer Arzt, Dr. Prinzing, kommt in
einem ausführlichen Werke i Truuksucht
und Selbstmord. Leipzig, I. C. Hin-!
richs) zu dem Ergebniß, daß dcr Trunk
als wichtigste Ursache anzusehen sei, und
cs gelingt ihm, durch Vorsührung dcr
Thatsachen, seine Ueberzeugung anch
dem Leser mitzutheilen.
Schon Aristoteles sagt, daß „sich Biete
auch in der Trunkenheit todten," und
daß „sich Vi.ler während des Trinkens
oder auch nach demselben eine melancho-!
lische und ängstliche Stimmung bemäch
tigt." Im Mittelalter fragte man we
nig nach den Ursachen dcr Uebel, wie
man auch sür ihre Vorbeugung wenig
sorgte. Erst in unserem lahr'hund.rt
machte man auch ans dein Selbstmord
ein Stndinin und suchte seine Veran
lassungen statistisch zu lassen. DaS ist
nun überall nur recht mangelhaft gelun-!
gen. Sehr viele Selbstmorde werden
nicht als solche gebucht, nnd ihre Ursa
chen werden sehr osi salsch angegeben.
Wie oft wird eine „augenblickliche" Gei
stesstörung" erfunden! Aber auch wo
Alles ehrlich hergeht, notirtman ost nur
z. B. Lebensüberdruß, körperliche
den, Geisteskrankheit, Reue, Gewissens-!
bisse, Aerger, Schulden u. dergl., wo
eigener Trunk oder Trnnk eines Nahe
stehenden erst diese Zustände hervorge
rufen hat.
Prinzing weist nach, wie die Trunk
sucht auf den verschiedensten Wegen zn
dem Selbstmord führt. Wir folgen
seinen Ausführungen zumeist wörtlich:
Im Rausche selbst werden Attentate ge
gen das eigene Leben verübt; es kann
eine eingebildete 'Noth oder aber eine
wirkliche Noth, die nur von dem durch
Alkohol verwirrten Geist vergrößert ge->
sehen wird, den Gedanken de: That
erwecken; auch ängstliche Hallucinatio
nen können es sein, wie sie namentlich
durch den Absinlhgennß hervorgerufen
werden sollen, oder eine durch den Rausch
erzengte melancholische Stimmung und
dergleichen. Die Selbstmorde des Trun
kenen werden oft ohne alles Bewußtsein
vollsührt. So erzählt Lombroso von
einem Manne, der, nachdem er nur we-,
uig getrunken, Streit bekam, sich in den
Po stürzte und gerettet von der ganzen
Geschichte nichts mehr wußte. Ebenso
erzählt .r vom Hänker von Nuinea, der
!fich im Rausche erhängte, weil man ihm
!eine neue Guillotine anschaffen wollte.
1854 kam nach Brierre de BoiSmont in
! Paris folgender Fall vor: Einem Ar
beiter erschien in der Betrunkenheit das
!Elend deS LebenS unerträglich; er wollte
ihm entrinnen und hängte sich an einen
j Baum, aber der Ast brach, der Strick
wurde abgeschnitten und der Arbeiter
nach der Polizei gebracht. Er wußte
nicht, wie er dazu kam, sich das Leben
nehmen zu wollen; nüchtern geworden,
'war er über seine Rettung hocherfreut
und bewahrte den Strick zum ewigen
Andenken auf.
Im Delirium Tremens kommen in
! Folge dcr schreckhaften Hallncinationen
häufig Selbstmorde vor. Die massen
haften Thiergcslalten, die den Kranken
izn bedrängen scheinen, regen ihn derart
!anf, daß er in seiner Angst zum Fenster
-hinanSsprinzt oder anf eine enidere Art
seinem Leben ein Ende macht. Nc häu
figer kommt es bei den eieienilichcii
holpsychosen, insbesondere bci'iu Säu
ferwahnsinn znm Selbstmord. Auch
hier sind cs Sinnestäuschnnaen schreck
haften InhalrS; der Kranlc ficht dro
hende Gestalten, den t Beschimpfungen,
die ihm zugerufen werden, er hat Wahn
loccil aller Art, glaubt, daß er verfolgt
verde, daß sein Leben bedroht verde,
daß seine Frau untreu sei, daß er ein
Verbrecher sei und hingerichtet verde
n. dergl. In dcn lahrcn 1883—'91
nahmen sich durchschnittlich 138 Perso
nen in Prcußcn im Säuferwahnsinn
daS Leben.
Die meisten Selbstmorde durch Trunk
sucht haben aber einen anderen Grnnd.
Die mürrische Stiinmnng, die den Trin
ker in seinen nücht-rnen Stunden cr
saßt, wird ost znm Lebens
überdruß. Ist noch ein mcrrlischer
Funke in dein Tnnkcr vorhanden und
macht er sich Vorwürfe über sein jam
mervolles Laster, so wird er auch als
bald zu der oft irrigen Ueberzeugung
kommen, daß er nicht im Stande sei,
von demselben zn lassen, und in der
hierüber kann er sich das
Leben nehmen. Sehr häusig ist dcr
! zuletzt mit einem so hoch
gradigen Magenkatarrh behaste?, daß er
gar nichts mehr vertragen kann, und da
der gewöhnte Reiz sür das N.rrensystem
ansbleibk, nimmt die trübe, selbstmörde
risch: Snmmung, di: sonst durch einen
! kräftigen Schluck Branntwein verlrie
ben werden konnte, üderhand. Dcr Rück
gang dcs Geschäfts, Entlassung ouS
d m Amte, überhaupt Nahruugösorgcn
sind oft Ursachen des Selbstmordes.
So lange noch Credit da ist, wird fröh
lich weiter gelebr, aber eines Tages steht
die Familie vor dem Nichts, nnd der
Moralisch hcrabgekomniene Trinker, der
glicht im Stande ist, durch Arbeit sei-!
neu Pslichieu nachzukommen, entzieht sich
dem Drängen seiner Gläubiger durch
deu Slrick. Daß er nichts zn cssen hat,
daß die Familie darbt, ist ihm glcich,
aber daß er keinen Pscnnig mehr in der
Tasche hat, um Branntwein zu kaufen,
erträgt er n.cht.
In der Boodtiii-Zlililicnrett.
Schwerlich ist jemals cin Weißer in
unserem Lande dcr Zeuge euicr wirt
lichen „Voodoo-"Feier gewesen, und so
häufig man anch gelegentlich uni:r den
Zeitnngsneuigkeitcii dem Voodoo-Zau
b.r dcr Wollköpfc begcgnet, Hai das
Publikum im Allgemcincu nur höchst
unklare Vorstellungen von dem Charak
ter derselben.
Viele sind geneigt, bei „Voodoo" ein
fach an krassen Ncger-Abcrglaubcn und
die plumpe Ausbeutung desselben zu al
lcrhaud unsauberen Zwecken zu denken,
und haben keine Ahnung davon, daß sie
hier, wenn ihnen Gelegenheit würde,
den Schleier zu heben, auch aus Dinge
stoßen würden, welche in enger Verbin
dung mit hrchmoderncii Scnfationö-
Tagesfragen, besonders mit dem Hypno
usmus, zu stehen scheinen und vielleicht
eines Tages auch den vergleichenden
Kullursor scher, der vielleicht soeben von
einem lrilischen Studium der geheim
nisvollen Kunst: indischer Fakire und
sonstiger rälhsclhaftcn Menschenkinder
kommt, lebhaft intcrejfircn werden.
Aber dieser Schleier ist nicht leicht zn he
ben, und unsere Farbigen, soweit sie
üi-ervaupt eine befliLunts'Kenntniß von
der Sache haben, können ebenso ver
schlossen sein, wie irgendein Magier des
Asiens oder Westens.
Es ist merkwürdig, daß der Juni,
welcher als Johannistag für Katholiken,
Angolaner nnd auch sür Freimaurer
ciuc besondere Bedeutung hat, auch in
der Voodoo-Zauberei eine gewisse Nolles
spielt. An diesem Tage, welcher unge
fähr der Zeit entspricht, da der Sommer
in seiner ganzen Glorie steht, die Naiur
im Süden den Höhepunkt ihres.Schaf
fcus erreicht hat, und—nicht zu verges
sen! —die Giftpflanzen am saftigsten und
gcsährlichstcn sind, versammeln sich Far
bige in der Nähe von Ncw-Orlcans an
abgelegener Jnfclstätte, wohin selbst der
Zägcr bei Tag nur höchst selten kommt,
und begehen ihre nächtlichen Voodoo-
Nitcn mit Schlangenlultus, geheimniß
vollen Sprüchen und Gebeten u. s. v.
Tiese unheimlichen „Sommernachts
feste," obwohl sie nur wollköpfigeu
Gläubigen, und auch diesen nicht un-
entgeltlich, zugänglich sind, haben aber
noch immer wenig auf sich und können
nur als Vorhof zum VoodooiSmuS gel
ten. Die wirklichen Adepten deS Voo
doozanbcr und deren Zahl ist sehr
beschränkt nehmen nicht an solchen
Massen-Riten theil und machen sich
manchmal sogar über dieselben lustig.
Jeder dirfer Meister oder vielmehr Mei
sterinnen —die eS in der Mehrheit der
Fälle sind—haust ganz für sich und ist,
obwohl als gewöhnliches Zudividunm
Tausenden bekannt, in beruflicher Ei
genschaft fast so schwer sür Fremde nah
!bar, wie die MahatmaS in Thibet.
Ursprünglich ist die Voodoo-Zauberei,
und waS drum und dran hängt, von
den Usern des Congo zu uns gekommen,
und zwar schon mit der ersten Einsuhr
asrikautscher Sklaven vor mehr als 20L
.Jahren. Alle nach den Ver. Staaten
oder damaligen Kolonien gebrachten Nc
gcr gehörten den schwächeren und weni
ger kriegerischen Stämmen dcS Guinea-
Landes, an dcr wcstasrikanischcn Küste
und am Congo entlaug, au. Anch die
Sklaven der britisch-westindischen In-
Cnba'S n. s. w., stammen von dort
yer. Sie haben sich wenigstens in dcr
Erhaltung dcr Bräuche und deS Kult
ihres alten Hcimathlandes ziemlich sta
criricseil.
Es läßt sich schwer sagen, ob der Voo
doo-Kultu? je unter deu Farbigen in
den Neuengland-Staateu, oder in Ncw
land in beträchtlichem Maße geübt wor
!ecn ist. Testo gewisser ist es, daß er in
'den warmen Staaten au der süda'.laini
schcn Küste entlang alle Zeit c'.neu vor
züglichen Nährboden hatte, trotz aller
gelegentlichen Versuche, ihn zu uincr-
und noch heute im Briden eine
bedeutendere Macht ist, als viele Süd
länder selbst ahncn. Süd-Carolina.
! Florida, Georgia und Louisiana warcr.
!stets scinc stäristen Bollwcrkc. Im In
iiern dcr Inscl Jamaika gar blüht cl
noch mit allen scheußlichen Bräuchen de>
alten Zeit, welche zum au den bc
rnchtigten ltin MolochSdienst asiati
scher Pötkcrschaflen erinnern. Verein
zelte Menschenopfer sollen bei Voodoo
>'r'eg:rn in deu Mlisissipvi-Niedcrunge!
Louisiaua's noch um 1669 herum vor
gekommen sein.
Man hat auch bei den No?doo-Ein
geweihten odcrAdcplnt dcs „Ordens von
jvösen Geiste" vcrschiedcne Grade. Voll
ständige Kenner der Voodoo-Geheim
z Nisse soll es in unserem ganzen Südn'
nur eiwa ein Dutzend g> ben, und dar
unter wiederum nur vier, welche alle be
lresseiiden Kunststücke aussnhrcu köuner
oder auLzusühren veranlagt sind. All,
!sind offenbar praktische Hypnotiseure u
Mesuicristeu (wenn sie auch diese Be
zeichnungen vielleicht gar nicht kennen)
Es sind mehr Frauen als Männer unler
ihnen, nnd soweit man weiß, sind ee
sämmtlich Personen, die im Zenith ih
rcr Lebenskraft stehen, sich der besten
physischen Gesundheit crsrcuen und nie
mals Kinder gehabt haben. (Was z
an die Vestalinnen und Pythien des
Alt.rihums erinnert).
Als zwei der hervorragendsten Prie
stcrinn.n dcs Voodoo wers n „die groß!
,Mari." in nseicr Buudeshauptstad!
und die Halbtreolin Dolores laqniuo
in Neiv Orleans genannt. Wenn map
indeß die schwarzen nach diesen Namen
fragt, kaun es lange dauern, bis mar
Bescheid erhält, trotz Geld guten
WhiSkcy. Sie können sehr gefährlich
j werden, diese Voodoo-Hohepricstcrin
neu. Für entsprechende Bezahlung
ringen sie nicht blos Liebende zusam
men, sondern beseitigen auch unbequeme
Ehegatten und dergleichen mehr! Da
bei hüten sie sich, daß man ihnen je e'
was beireisen kaun; das „Gedanke:
l sen" sch inen sie auch meist za ver
stehen. Sie haben ohne Zweise. scho
viele gewöhnliche Verbrechen begange,
oder begehen lassen, um sich in Ansehen
oder Furcht zu erhalten. Manche ihrer
beglaubigten Leistungen jedoch find eben
so wenig bis jetzt erklärbar, wie die von
Hindu-Fakiren uud Anderen.
Dcr Schlaugcnglaube des Voodooi
iiltis erscheint, wie gesagt, nicht nur ii.
Asrtka und O stindien in ähnlicher Form
sondern auch bei unseren Zuni-und Na
vajo-Zndianern. Hi-r wärc in dcr That
noch ein dankbares Völkcr-Studicnseld.
(Eharlesion D. Ztg.)
Triftiger Gruiiv.
Der Marquis von St. Pierre wurde '
unter König Ludwig Philipp zun
Kapitän ernannt und erschien H
! darauf, obwohl er sich keinerlei kriege- '
rischer Thaten oder sonstiger Erfolgi
rühmen konnte, mit drei Orden deko
rirt. „Wofür hat denn eigentlich de'.
Marquis seine Orden erhalten?'
fragte damals ein Fremder den Jour
nalisten Bergeres. „Sehr einfach
lautete die Antwort, „den dritten ha,
er erhalten, weil er schon zwei besaß
den zweiten, weil er bereits einen hatte
und den ersten, weil er noch keinen seil
eigen nannte."
i
G l e i ch m u t h. Sonntagsjä
jger (der vergeblich auf Hasen schießt)
„Lauft Ihr nur zu, der memige is
jfchon reservirtl"

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