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Der Deutsche correspondent. [volume] (Baltimore, Md.) 1841-1918, June 19, 1903, Image 4

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Z>er Deutsche Borrelponvent.
Donnerstag, den?B. Jnni
Sängerfeste ver Zukunft.
Ansichten eines Prominenten im
Bunde. Empfiehlt die Balti
morer Methoden als Muster für
kommende Feste. Aus einem
Saulus wurde ein Paulus. —An-
dere Festnotizen.
„„Eine neue Aera ist über den
-„Nordöstlichen Sängerbund von Ame
rika" hereingebrochen. Der Bund hat
durch dieses großartigste aller Feste
neue Lebenskräfte erhalten, die seine
Existenz auf Jahre hinaus sichern.
Wäre das Fest ein Fehlschlag gewesen,
so wären gleichzeitig die Stunden des
alten Bundes gezählt gewesen.
Schwerlich würde sich dann noch eine
Stadt gefunden haben, die ein Fest
nach dem Muster der bisher arrangir
ten Festlichkeiten abgehalten hätte."
In diesem Sinne sprach sich gestern
ein prominentes Mitglied des „Nord
östlichen Sängerbundes" aus. Der
betreffende Herr fuhr, zu einer Anzahl
Herren sprechend, welche seiner Mei
nung zu sein schienen, fort:
„Das Baltimorer Sängerfest wird
das Sängerwesen, soweit das Arran
giren von Sängerfesten in Betracht
kommt, revolutioniren. Dieses Fest
war eben ein Experiment, das sich be
währt hat. In Zukunft wird keine
Sänger-Vereinigung, falls sich in
ihrem Kreise nicht genügend Leute be
finden, die einen großen Theil ihrer
Zeit den Sängerfest - Vorbereitungen
widmen können, sich scheuen, Leute
außerhalb des Sängerkreises herbei
zu ziehen. Die Sänger werden ja
dennoch den Credit für das Abhalten
des Festes erhalten. Ich bin sogar
der Ansicht und ich glaube, daß der
Zeitpunkt gekommen ist.wo Feste ganz
und gar wie ein rein geschäftliches
Unternehmen von einer von den Sän
gern unabhängigen Behörde betrieben
werden, während die Sänger den ge
sellschaftlichen Theil besorgen. Ich
muß gestehen, daß ich seit der Spe
zial-Direktorensitzung in Philadelphia
von einem gewissen Vorurtheil gegen
die „Sängersest - Gesellschaft" beseelt
war, indem es mir damals vorkam,
als ob die „Sängerfest - Gesellschaft"
einen „allzugeschäftlichen" Stand
punkt einnehme und der Gemüthlich
keit zu wenig Rechnung trage. Heute
bin ich bekehrt, und die Sänger kön
nen ihrer Festbehörde nicht genug
dankbar sein; denn der Erfolg dieses
Festes ehrt hauptsächlich sie. Ich be
greife, daß wenn die „Sängerfest-Ge
sellschast" ihre Geschäfte erledigt hat,
dieselbe sich auflöst, um vielleicht bin
nen kurzer Zeit nicht mehr in Verbin
dung mit dem Sängerfest genannt zu
werden, während man immerdar von
dem großartigen Sängerfest in Balti
more, welches im Jahre 1903 von den
hiesigen „Ver. Sängern" veranstaltet
ward, sprechen wird.
Wenn ich ein Newarker wäre, so
würde ich heute bei den „Vereinigten
Sängern von Newark" dahin wirken,
daß sofort eine Gesellschaft organisirt
würde, welcher man die geschäftliche
Leitung des Festes anvertrauen könn
te. Fortschritt ist nun einmal die Pa
role unseres Zeitalters und wenn in
Zukunft irgend eine Stadt ein Fest
wie dasjenige in Baltimore abhalten
will, dann muß sie vor Allem die hier
eingeführten Methoden adoptiren. Hut
ab für eine solche Festleitung! Hut ab
vor dem Manne, der es verstanden
hat, sich solche Mitarbeiter zu sichern,
wie Leopold H. Wieman es gethan
hat!"
Diese Worte wurden von den Um
stehenden. welche eben von der Parade
nach ihrem Hotel zurückkehrten, höchst
beifällig aufgenommen. Ob alle Sän
ger so denken? Qui vivera verra.
Depesche für den deu ti
sche n K a i f e r.
Der Verband der deutschen Chor-
Dirigenten von Amerika hielt gestern
Morgen in Hrn. Kurt RudolphStern
berg's Pabst - Hotel seine Versamm
lung ab, und zwar wohnten derselben
die folgenden Dirigenten bei: Arthur
Claassen, David Melamet, Carl Hein,
Wassih Leps, Henry Zander, August
O. Pfalz, Adolph Hansen, H. Stein
bruch, Richard Wolf, Joseph Seubert,
Edward Böckner, Carl Schwarze.Eu
yen Bamberger. Theodor R. Reese.
Jacob Schmidt. Chas. H. Pattberg.
E. Rampermann. Emil Engel, Carl
Kapp, H. Schorcht, H. G. Kuenne, C.
A. Hartmann und E. H. Colell.
' Präsident Arthur Claassen führte
den Vorsitz und Hr. A. G. Pfalz fun
girte als Protokollführer. Eine statt
liche Zahl von neuen Mitgliedern aus
den östlichen Städten wurde aufge
nommen und die Zahl der Vorschläge
war beinahe doppelt so groß. Die
Preisrichter des letzten Sängersestes
befanden sich unter den neuausgenom
menen Mitgliedern. Ferner wurden
aufgenommen die HH. Felix Jäger
von Brooklyn. E.Engel von Wilming
von, Georg Benkert von Lancaster,
Edwaro Heimendalzl von Baltimore,
Ulrich, Louis V. Saar und Lorenz
von New - Aork. Im Verlaufe der
c.llgenie.nen Debatte wollte Hr.Claaf
scn v:'n den jvestlichen Dirigenten wis
sen. wie es dort um den Dirigenten-
Verband stehe, da von so wenige
neue Vorschläge eingelaufen seien.
Daraufhin antworte:? Hr. Reese im
?Vamkn seiner westlichen Ccllegen. daß
er zwar versucht habe, neue Mitglieder
für den Verband zu gewinnen, daß
dl-jks jedoch ein sey: un.'ankvaresGe
schäft sei, da die westlichen Dirigen
ten zum guten Theil aus Schustern
und Schneidern rekrutirt seien, welche
etwas musikalische Bildung besäßen.
Hr. David Melamet erbot sich, einen
Lokal - Verband von Vereins - Diri
genten zu gründen, welcher dem Na
tional - Verband untergeordnet sein
solle. Hl. Claassen sprach sich gegen
einen solchen Plan aus, da nach seiner
Ansicht vorläufig der Verband die
Aufmerksamkeit sämmtlicher Mitglie
der ausschließlich bedürfe, um die O
rganisation auf eine lebcnsfähigeßasis
zu bringen. Wie Hr. Edward Böckner
mittheilte, scheint übrigens der Ver
ein der Chor - Dirigenten auch in
Baltimore von vielen Dirigenten nicht
als eine Nothwendigkeit erachtet zu
werden, indem ihm verschiedene Her
ren, welche er fragte, dem Verbände
beizutreten, die Antwort gaben, daß
sie darin keinen Vortheil sähen. Trotz
solcher nicht gerade ermuthigenden
Aeußerungen beschloß der Verband,
nunmehr mit einer recht lebhaften
Agitation zu beginnen. Ein Comite
wurde ferner ernannt, welches prak
tische Vorschläge zur Gründung von
Zweig - Vereinen und allgemeine Agi
tation ausarbeiten soll. Die Aus
nahmegebühr wurde auf einen Dollar
sltgeMt. .
Herner wurde beschlossen,emenFond
aufzubringen, um hilfsbedürftigen
Mitgliedern im Nothfälle finanzielle
Unterstützung zu gewähren. Hr. Me
lamet schlug oor, wohlhabende Musik
freunde um freiwillige Beiträge zu
diesem Fond zu ersuchen. Hr. Claas
sen berichtete, daß Hr. Tieman von
Brooklyn sich in einem Rundschreiben
an die Städte - Vereinigungen wen
den werde, um Beiträge zu diesem
Hülfsfond zu erlangen. Im Uebri
gen wird sich das Wirken des Diri
genten - Verbandes vorläufig auf die
Förderung collegialifcher Gefühle
zwischen den Mitgliedern beschränken.
Die Musikzeitung inßeading wurde
abermals als offizielles Vereinsorgan
für das lommende Jahr auserkoren.
In der Sitzung erschien auch ganz
unerwarte: Hr. Fl'ro. Berger von
Pitisburg, welcher n: der letzten Si
tzung in New - Jork von Hrn. Mela
met vorgeschlagen sollte, dessen
Name jedoch Hr. M:lamet damals
vergessen hc/te. Er wurde aufgenom
men.
Nach der Sitzung wurde ein ge
meinschaftliches Mittagsmahl einge
nommen, für welches Hc. Kurt Ru
dolph Starnberg ausgesuchtes
M-nu ausgeteilt hatic, oas der Küche
des Pabst - Hotels alle Ehre erwies.
Nach aufgehobener Tafel begann der
Redeaktus, während welchem Hr. Fi
que das Präsidium führte. Hr. Fique
selbst hielt eineAnsprache zum Schluß,
welcher er einen Toast aus den Präsi
denten der Ver. Staaten solgen ließ.
Hr. Arthur Claassen beantwortete
den Toast auf den deutschen Kaiser.
Besonders ging in semer Ansprache
Hr. Claassen auf die Frankfurterßede
des deutschen Kaisers ein. Redner er
klärte, daß er mit dem Kaiser na
mentlich in dem einen Punkte überein
stimme, daß das Kunstlied wohl seine
Berechtigung habe für Vereine, welche
aus geschulten Sängern rekrutirt sei
en. daß es jedoch für Vereine, welche
aus Arbeitern zusammen gesetzt seien,
die den ganzen Tag über in der
Werkstätte schassen, seinen Zweck ver
fehlt habe. Ferner erklärte Hr. Claas
sen, daß es in Amerika nur einen oder
höchstens zwei Vereine gebe, die mit
den deutschen Lehrer - Vereinen ver
glichen werden können. Zum Schluß
ließ Hr. Claassen ein dreifaches Hoch
auf den Kaiser als den Förderer deut
scher Kunst ausbringen.
Die Anwesenden wurden durch Hrn.
Claassen's Worte so sehr begeistert,
daß auf einstimmigen Beschluß nach
folgende Kabeldepesche an den Kaiser
gesandt wurde:
Kaiser Wilhelm Berlin: Der Ver
band der deutschen Chor - Dirigenten
in den Ver. Staaten von Amerika
feiert enthusiastisch Seine Majestät
als Protektor des deutschen Liebes.
An den Präsidenten der Vereinigten
Staaten wurde eine Depesche folgen
den Inhalts gesandt:
Präsident Roosevelt, Washington.
D. C.: Der Verband deutscher Chor-
Dirigenten der Ver. Staaten, welcher
zur Zeit hier versammelt ist, übersen
det Ihnen hiermit die Versicherung
seiner vollkommenen Hochachtung für
das rtge Interesse, welches Sie dem
deutschen Liede entgegenbringen.
Auch an den Piano - Fabrikanten
Wießner in Brooklyn wurden Depe
schen ähnlichen Inhalts gesandt.
Nachdem diese drei Depeschen verle
sen und abgesandt waren, hielten noch
die HH. David Melamet. Bamberger,
Schmidt, Weißenborn. Wolsf. Reese
und Colcll Ansprachen. Hr. Melamet
legte seinen Collegen besonders an das
Herz. daß. falls sie zu Sängerfest-Di
rigenten auserkoren werden sollten, sie
unter allen Umständen leichte Preis
lieder aussuchen sollen, da er erst Zu
spät eingesehen habe, daß er für das
soeben zu Ende geführte Sängerfest et
liche allzuschwierige Werke ausgesucht
habe.
Bei dem Bankett waren anwesend:
die HH. David Melamet. A. Claassen
und Frau. Carl Hein. Wassih Leps,
Henry Tander, Aug. G. Psalz u.Fruu,
Adolph Läusen, Hugo Steinbruch, R.
Wolf, Jos. Leubert, Ed. Böckner. C.
Schwarze, Eugen Bamberger. Theo.
R. Reese, I. Jakob Schmidt, Chas.H.
Pattberg. E. Rampermann. EmilEn
gel, Carl Kapp, H. Schorcht. H. G.
Künne und Frau. C. A. Hartmann u.
Damen und E. H. Colell.
Der Ausflug nach Steel
t o n.
Von den sür die Exkursion nach
Steelton auf dem Eisboot „Latrobe"
eingeladenen Gästen nahmen genau
257 Personen Theil. Viele konnten
das Boot nicht zur rechten Zeit errei
chen, da der Verkehr der Waggons
durch die Parade bedeutend beeinträch
tigt worden war. Da außerdem das
Direktorium des „Nordöstlichen Sän
gerbundes," das ebenfalls eingeladen
worden war, am Nachmittag seine so
hochwichtige Sitzung hielt, konnte sich
natürlich keiner dieser Herren einfin
den. Präsident L. H. Wieman, L. C.
Wagner, Henry Gieseking. Peter I.
Campbell, A. W. Eisenbrandt und
andere am Sängerfest wirkende Her
ren machten den Ausflug mit. Au
ßerdem befand sich eine größere An
zahl der Präsidenten hiesiger und aus
wärtiger Vereine, sowie Mitglieder
des früheren und jetzigen Stadtraths
mit deren Damen aus dem „Latrobe."
als dieser eine Stunde nach der festge
setzten Zeit die Commercial - Werfte
verließ. Den Ausflüglern wurde
gleich zu Anfang ein interessanter An
blick geboten. Das Feuerboot „Cata
ract" war nämlich in Bereitschaft ge
halten worden und verließ wenige
Minuten vor dem „Latrobe" seine
Werfte unter dem eigenartigen Getön
seiner „Dampfsirene," deren schriller
Klang durch Mark und Bein ging.
Nach einem vom Ches - Ingenieur
George Horton, der sich auf dem „La
trobe" befand, gegebenen Signal setzte
der „Cataract" seine sämmtlichen
Spritzen in Thätigkeit und ließ mäch
tige Ströme Wassers aus seinen sechs
stationären Mundstücken entströmen.
In dieser Weise fuhr er nun um den
stillgehaltenen „Latrobe" herum, so
daß ein jeder der Ausflügler das
prächtige Schauspiel genießen konnte.
Mit einem Abschiedsgruß begab sich
dann der „Cataract" nach seiner
Werfte zurück und der „Latrobe" setzte
seinen Weg nach Steelton fort. In
der Zwischenzeit hatte Hr. Frank
Schneider einen guten Lunsch vorbe
reitet, dem Alle genügende Ehre an
thaten.
Bei der Passirung der im Hafen
liegenden Kriegsschiffe ließ die Kapelle
die Nationalhymne ertönen, während
deren die Matrosen in Paradestellung
den Gruß entgegen nahmen. In
Steelton kam man kurz nach 2 Uhr
an. Hier harrte der Gäste ein Beob
achtungszug, auf dem Unter Führung
des General - Betriebsleiters der
Werke, Fred. W. Wood, eine Rund
fahrt angetreten 'wurde. Dem Hoch-
osen galt der erste Besuch, und kam
man hier gerade zur rechten Zeit an,
um das Ausfließen von etwa 185
Tonnen Eisens zu beobachten.
Der Prozeß der Herstellung von
Schienen konnte nun Schritt für
Schritt vom Puddleofen, der Walz-
Streckmühle verfolgt werden, bis zu
letzt die Schienen zum Verladen auf
Waggons fix und fertig bereit lagen.
Während der Fahrt wurden die Aus
flügler von den Bewohnern von
Steelton auf's Herzlichste durch das
Schwenken von Taschentüchern be
grüßt. Das Marine - Departement
wurde dann zunächst besucht und die
„Maine" und deren Schwesterschiff
„Missouri," deren Bau nahezu beendet
ist, bewundert. Der Rundgang dau
erte bis kurz nach 4 Uhr und endete
am Bahnhof der Eisenbahn. Ein kur
zer Weg durch das schön gelegene
Sparrow's Point brachte die Besucher
nach den elektrischen Waggons, welche
die Ausflügler in wenigen Minuten
im „River View Park" landeten. Der
Ausflug war ein sehr schöner und
ebenso interessanter, und Alle sprachen
sich lobend über die Arrangements für
die Bequemlichkeit und Bewirthung
aus. Er war. wie alles bisher von
der Sängerfest - Gesellschaft Arran
girte, ein vollständiger Erfolg. Nur
wenige der Ausflügler benutzten den
„Latrobe" zur Rückfahrt. Die Gesell
schaft war eine sehr lustige und zu
harmlosen Späßen ausgelegte. Hr.
Chas. B. Becker veranstaltete auf ei
gene Faust ein Preissingen, das er
selbst dirigirte und das nach seiner
Ansicht Bedeutenderes leistete, als Di
rigent Melamet mit seinen„Wenigen"
in der Wassenhalle. Die Mitwirkenden
stimmten diesem Urtheil vollständig
bei. Zu bemerken ist noch, daß Spar
row's Point, wie Baltimore vom Gei
ste des Sängerfestes ergriffen ist.
Nicht nur tvehten Fahnen auf den ver
schiedenen Gebäuden und dem gewal
tigsten der Hebekrähne, sondern auch
war die Lokomotive des Beobach
tungszuges für die Gelegenheit ihrer
gewöhnlichen Nummer so und so viel
entkleidet und auf den Namen „Wil
helm der Große" umgetauft worden,
welcher Name mit Kreide in großen
Buchstaben auf der Kabüse, den Gä
sten zugekehrt, prangte.
Auf dem Wege nach dem Boot in
Baltimore fanden sich Zufälliger Weise
etwa 10 bekannte und unter einander
befreundete Herren. Wie es kaum an
ders zu erwarten war, wurde ein
Frühschoppen vorgeschlagen, für den
die HH. W. F. Assau, Chas. Becker,
E. I. Gallagher, C. W. Coady, Rud.
Thornton, Henry Schmitz und W. E.
Schlögel mit großem Enthusiasmus
mit einem lauttönenden „Ja" stimm
ten. Dies trug sich an der Thames-
Straße zu. Eine Wirthschaft wurde
betreten, und jeder der Herren nahm
ein oder zwei Finger Feuerwasser,
für das Hr. Assau den nöthigen Obo
lus opferte. Wie groß war aber sein
Erstaunen, als er bei'm Nachzählen
des Wechsels fand, daß ihm das
Opfer ganze 20 Cents gekostet hatte.
Die Herren erklärten später auf dem
Boote, noch nie in ihrem Leben besse
ren ! ! Whiskey getrunken zu haben.
Ueble Effekte waren nicht zu bemer
ken.
Ein unternehmungslustiger Kauf
mann, ebenfalls an Thames-Straße,
verband gestern seinen Lokalpatriotis
mus mit Geschäft. Er dekorirte näm
lich seinen Laden mit sechs Paar Her
renunterzeug in Gruppen von drei,
die eine schwarz, weiß und roth und
die andere roth, weiß und blau.
Reist nach Deutschland.
Hr. Joseph Zapf, ein Mitglied des
„Eichenkranz," reiste am Dienstag via
New-Dork nach Deutschland. Er be
theiligte sich am Montag Abend noch
am Conzert und wurde von dort aus
von seinen Sangesbrüdern und deren
Damen nach dem Union-Bahnhofe be
gleitet.
Ein Mißton.
Wie bei so manchen Sängersesten,
so kann auch das diesjährige nicht ohne
Mißton verklingen. Es ist Dies für
die Baltimorer um so mehr bedauer
licher, als das Fest soweit von allen
Seiten als ein unbestrittener Erfolg
erklärt wird. Der Mißton, der jetzt
verlautbar wird, ist glücklicher Weife
nur einem unvermeidlichen Umstand
und keiner Vernachlässigung von Sei
ten der „Sängerfest - Gesellschaft,"
noch der Sänger von Baltimore Zuzu
schreiben, sondern einzig und allein
dem Publikum, das sich am Montag
zum Preissingen nicht zeitig genug
einstellte und das durch das unver
meidliche Geräusch des Eintritts in die
Halle und das Suchen nach den Sitzen
das Urtheil der Preisrichter beein
trächtigte.
Die „Fairmount-Liedertasel" von
Philadelphia verweigert die Annahme
des 3. Preises in der 3. Klasse für
Einzelvereine und wird denselben
heute an die „Sängerfest-Gesellschast"
zurücksenden. Letztere wurde gestern
Abend, kurz nach der Vertheilung der
Preise, von der Entscheidung des Ver
eins durch dessen Dirigenten, Hrn.
August Schmidt, benachrichtigt. Der
Verein selbst wird in einer für heute
Morgen einberufenenVerfammlung die
Handlung des Dirigenten ratifiziren.
Herr Schmidt gab einem Berichterstat
ter des „Deutschen Korrespondenten"
die folgende Erklärung über die Han
dlungsweise seines Vereins. Er sagte:
„Am Dienstag erklärte mir Hr. Otto
Richter aus Chicago, einer der Preis
richter, in einer Wirthschaft an West-
Lexington-Straße, daß der „Fair
mount - Liedertafel" von Philadel
phia aus dem Grunde etliche Punkte
abgeschrieben wurden, weil die Preis
richter in Folge der Störung durch das
Publikum nicht im Stande waren, den
Beginn des Chores zu hören und zu
beurtheilen, wie sie es bei den Vorträ
gen der folgenden Vereine im Stande
waren. (Der in Frage kommende Ver
ein trat bei dem Preissingen am Mon
tag als erster aus. A. d. R.) Herr
Richter wollte sich Dessen heute Abend
zuerst nicht erinnern, gab aber die
Richtigkeit meiner Behauptung schließ
lich mit der Bemerkung zu, daß
sämmtliche Preisrichter sich über die
Unruhe des Publikums bei dem ersten
Preisliede beschwert hätten."
Der der „Fairmount-Liedertafel"
zuerkannte Preis wurde bei der Ver
theilung im Casino von Hrn. Albert
Schmidtlin, einem Mitgliede des Ver
eins in Abwesenheit des Präsidenten
entgegen genommen, wozu er. wie der
Dirigent erklärt, kein Recht gehabt
habe. Herr Schmidt sagte, daß er
sofort nach der Preisvertheilung einen
Protest mündlich bei Hrn. L. H. Wie
man in Abwesenheit des Dr. L. Wey
land und der HH. L. C. Wagner,
Henry Gieseking. Otto Richter und
sechs Sänger seines Vereins einlegte
und erklärte, das Diplom nicht anneh
men zu können. Wie schon gesagt.
wird diesem mündlichen ein schrift
licher Protest folgen.
Der Unterschied in der Punktenzahl
im Preissingen der 3. Klasse der Ein
zelvereine zwischen dem 1. und 3.
Preis ist 13. Der „Orpheus-Lieder
kranz" von Newark erhielt 58 und die
„Fairmount - Liedertafel" 43 Punkte.
Die Frage, ob letzterer Verein den 1.
Preis bei dem Conteste bei vollständi
ger Ruhe hätte gewinnen können oder
nicht, kommt, wie Herr Schmidt wei
ter sagte, nicht in Betracht, Alles, was
er wünscht, ist vollständige und unbe
einflußte Unparteilichkeit, und er und
sein Verein ist, so behauptet Herr
Schmidt, zu jeder Zeit bereit, mit den
selben Vereinen vor denselben oder
anderen Preisrichtern nochmals in
Konkurrenz zu treten.
F e st n o t i z e n.
Während des ganzen Sängersestes
wurde keine Verhaftung vorgenom
men, die mit dem Feste in irgend wel
che Verbindung gebracht werden
konnte.
Die auswärtigen Gäste sprechen sich
in anerkennender Weise über die mä
ßigen Preise aus, welche ihnen aller
wärts für Kost sowohl, als für Woh
nung verlangt wurden, während zu
oft bei solchen Gelegenheiten die Leute
rein auf das Geldmachen los sind.
Die hiesigen Gesangvereine können
sich nicht erklären, weshalb sie bei'm
Knabepreissingen so niedrige Punkt
zahlen erhielten. Verschiedene wollen
darin eine Erklärung finden, daß die
Preisrichter, welche professionelle Kri
tiker sind, die Vereine vom Künstler-
Standpunkte beurtheilten.
Der „Frohsinn" von Pittsburg hat
es Prof. D. Melamet zu verdanken,
daß er einen Preis in der zweiten
Klasse erhielt. Der Verein hatte sich
in der dritten Klasse angemeldet. Als
jedoch Prof. Melamet in Pittsburg
die Probe abnahm und die Leute sin
gen hörte, veranlaßte er sie, sich in der
zweiten Klasse anzumelden.
Der „Arion," der „Frohsinn," der
„Mozart-Männerchor" und die „Har
monie" gaben nach dem Picnic in ih
ren Vereinslokalen noch Festlichkeiten
zu Ehren ihrer Gäste.
Sind zusrieden.
Mitglieder der Sängerfeft-Gesell
schaft und ganz besonders Präsident
Wieman haben alle Ursache, mit dem
finanziellen sowohl, als auch dem ar
tistischen Erfolge Des Sängersestes
zusrieden zu sein. Viele unserer pro
minenten Bürger, die Geld für das
Fest hergegeben haben, werden jeden
Cent zurück erhalten. Sowohl Hr.
Friedrich H. Gottlieb, der Vorsitzer
des Finanzbüreaus, als auch Hr.Wie
man sagten gestern, daß kein Defizit
da sein wird, welches die hiesigenSän
ger gut machen müßten.
Schwere Aufgabe.
Welch' schwere Aufgabe die Preis
richter in dem Contest um den Kaiser-
Preis zu lösen hatten, geht aus den
Commentaren hervor, die von ver
schiedenen Dirigenten und sachver
ständigen Sängern auf dem Picnic
gemacht wurden. Das Urtheil wird
allgemein als ein gerechtes anerkannt
und die technische Durchführung des
Preisliedes von Seiten des „Arion"
und des „Jungen Männerchors" als
tadellos bezeichnet. Manche Dirigen
ten Auffassung des Dirigen
ten Classen vor, doch war der „Arion"
nach denselben Autoritäten in der drit
ten Strophe etwas unsicher. Wäre
dies nicht vorgefallen, dann wäre
u. s. w.
Schweizer in Baltimore.
Letzten Dienstag Abend wurde der
Schweizerwirth Adolph Herzog, Nr.
119, Hanooerstraße, von dem Schwei
zer - Sängerbund Philadelphia und
einer Anzahl Mitglieder des Schwei
zer - Männerchors von Philadelphia
besucht. Im Namen der anwesenden
Schweizer von Baltimore dankte Hr.
Carl Huber für den Besuch auf's
Beste und munterte die werthen
Freunde auf, auch fernerhin das
Sprüchwort: „Wo man singt, da laß
Dich ruhig nieder, böse Menschen ha
ben keine Lieder" zur 'Geltung kom
men zu lassen. Aber auch dem „Gotte
Bacchus" wurde die gebührende Ehre
erwiesen, bis dann nur zu bald die
vorgerückte Stunde uns zum Ab
schiedsgruße mahnte.
Lenz versus Wieman.
Major Carl Lentz, der Präsident
des „Nordöstlichen Sängerbundes,"
gab den Berichterstattern ein Inter
view, in dem er unter Anderem er
klärte: „Bei Beginn des Empsangs-
Conzertes am Sonntag kam Herr
Wieman zu mir und sagte: „Mit
Rücksicht auf das Publikum, das
größtenteils aus Amerikanern be
steht, werde ich meine Ansprache in
Englisch halten. Sie werden doch bei
Uebergabe der Fahne dasselbe thun?"
Ich erwiderte ihm darauf, daß ich ein
guter Amerikaner sei, daß ich aber auf
einem deutschen Fest, das nicht nur der
Hebung der Musik, sondern auch
der Weiterverbreitung der deutschen
Sprache dienen soll, ganz entschieden
nur Deutsch sprechen würde. Darauf
hin stellte mich Herr Wieman über
haupt der Versammlung nicht vor, so
daß die meisten Leute im Publikum
ganz im Unklaren blieben, wer ich bin.
Desgleichen sinde ich es unpassend,
daß Herr Wieman den Präsidenten
sür sich mit Beschlag belegte; es hätte
sich jedenfalls gehört, den Ehrengast
auch dem Präsidenten des Bundes,
dessen Gast er war, vorzustellen. Ich
kann Dies um so eher sagen, da es sich
bei mir nicht um verletzte persönliche
Eitelkeit handelt. Herr Roosevelt ist
ein langjähriger guter Freund von
mir, so daß ich seine Bekanntschast
nicht erst in Baltimore gemacht hätte.
Ich sinde aber in Hrn. Wieman's Ver
halten eine Mißachtung des Bundes,
dessen erster Beamter ich bin."
Trinkt Kenny's Thee und
Kaffee. —Seit 30 Jahren berühmt
wegen Qualität und Preise. C. D.
KennyC 0., 60 Läden. (60jaT)
Viertausend D o l l a rs
will Wm. Brown haben von Abee und
Lena Sneiderman, weil sie ihn angeb
lich einen Dieb genannt haben. Isidor
Gilöstone ist sein Anwalt.
Hin ktarer Kopf,
gute Verdauung und ein hohes rüsti
ges Alter sind zwei Resultate, dn
durch den Gebrauch von Tutt's Leber.
Pillen erzielt werden.
Eine krwitltNt Thatlacht.
Kopfschmerzen, Malaria, Magen
säure, Verstopfung, Dyspepsie, Gal
lenleiden und ähnliche Krankheiten
werden vollständig geheilt durch den
Gebrauch von
Tutt's Leber-Pillen.
„Feder ation of Labor."
Die Versammlung der „Baltimore
Federation os Labor," welche gestern
Abend stattsand, war eine sehr leb
hafte. Delegat Sullivan von der
Hausmaler - Union protestirte dage
gen, daß der Union der Wagen- und
Kutschen - Anstreicher Sitz und Stim
me in der Federation gegeben würden,
denn dieselbe hätte als Union keine
Berechtigung, sie müßte dem Verbände
der Hausmaler beitreten. Es ist ganz
dieselbe Frage wie bei den Brauerei-
Maschinisten, wie diese zum Brauar
beiter - Verband gehören, gehören die
Wagenanstreicher zum Wagenbau-
Verband. Die Angelegenheit wurde
auf den Tisch gelegt, bis die Exekutio-
Behörde der „American Federation os
Labor" in Washington die Frage ent
schieden habe. Auch die Zwistigkeiten
zwischen den Hausmalern und den
Bühnen - Dekorateuren bezüglich der
Dekorations-Arbeiten an dem Ehren
hof auf dem Schlachten - Monument-
Platz und an den elektrischen Ehren
pforten kam zur Sprache. Die Büh
nen - Dekorateure thun das Anstrei
chen der Säulen und sagen, es sei
Bühnenarbeit. Die Hausmaler aber
behaupten, die Arbeit schlage in ihr
Fach. Der streitige Punkt wurde
schließlich an die Gewerkschafts - Sek
tion der Federation verwiesen. Die
Bäcker berichteten, daß noch süns große
Bäckersirmen den Contrakt nicht un
terzeichnet hätten.
Getraut. Frl. Florentine
Weiß, Tochter von Hrn. und Frau
Frederick C. Weis von Nr. 2007, Or
leansstraße, wurde gestern Abend in
der Wohnung der Eltern der 'Braut
von Pastor C. M. Eyster mit Hrn.
Frederick W. Gebauer, Nr. 12, Nord-
Rosestraße, zum Bunde sür's Leben
vereint. Als Brautjungfer fungirte
Frl. Wilhelmine C. Weis und Braut
führer war Hr. John Schaaf. Die
Neuvermählten werden in Nr. 12,
Nord-Rosestraße, wohnen.
Eine Schadenersatz - Kla
g e für §2500 wurde gestern im
Stadtgericht von Joshua Rosett durch
seinen Anwalt Wm. Colton gegen die
„Automatic Vending Co." ange
strengt. Der Kläger ist der Vater
des Walter Rosett, der angeblich durch
has Fallen einer der vielen Automa
ten der Gesellschaft einen Beinbruch
erlüten hat.
Scheidungsklage. Sarah
Zins machte gestern im Kreisgerichte
Applikation für eine Scheidung von
ihrem Gatten Harry Zins, der sie an
geblich böswillig verlassen hat. Sie
will Allimente und Anwaltsgebühren
haben.
Clara Gibson denkt, ihr Mann
John M. Gibson liebt Andere besser,
wie sie, und hat deshalb Anwalt G.
Guy Wilson beauftragt, eine Schei
dung sür sie zu erlangen. Sie hatten
sich im Juni 1900 verheirathet.
Klage gegen Nachlaß.
Die Anwälte Chas. Stein und How
ard Bryant ersuchten gestern das
Kreisgericht im Namen von H. Am
rhine um eine Entscheidung um ein
Zahlungsurtheil von §7OOO gegen die
Vonderhorst'sche Brauerei. In der
Klageschrift wird angegeben, daß die
Brauerei am 20. Juli 1900 in die
Hände von Thomas R. Clendinen u.
Edward C. Carrington überging und
daß die Bestände verkauft und alle
Gläubiger bezahlt wurden, mit Aus
nahme von ihnen.
Die „Baltimore u. S u s
quehannaSteam C o." begann
heute im Kreisgerichte eine Klage ge
gen die „Hammond Jce Co." und ge
gen die Verwalter der „City Banking
u. Trust Co.", um die Zahlung von
§42,000 zu erlangen, die angeblich
noch fällig sind von dem Ankauf des
Grundstückes an Block- und Paintstr.,
woraus sich die Gebäude der „Ham
mond Jce Co." befinden. DasGrund
stück wurde von Hrn. Howard Ham
mond für die Eis - Compagnie an
gekauft für §82.000 und ein Grund
zins von §2250. §40,000 wurden an
gezahlt und §42,000 wurden am 9.
Juni 1903 fällig, und ist bis jetzt noch
nicht bezahlt worden. Um dieses Geld
zu erlangen, wurde die Klage ange
strenat.
In Anklagezustand ver
setzt. Der ehemalige Polizist
Walter C. Handy wurde gestern den
Großgeschworenen vorgeführt. Es
liegen sieben Anklagen wegen Groß
diebstahls gegen ihn vor. Deshalb
wurde Handy auch von der Polizei
entlassen.
Briefbeförderung nach dem Auslande.
Die auswärtige Post sür die mit
dem 20. Juni endende Woche schließt
(in allen Fällen pünktlich) im hie
sigen Postamte, wie folgt:
Die Packet-Post ist offen täglich von
9 Uhr Morgens bis 5 Uhr Nachmit
tags (ausgenommen Sonntag); die
Packet-Post für Deutschland schließt
um 11 Uhr Vormittags am Montag
und Mittwoch.
Die Dampfer verlassen New-Uork,
N.-N-, bis anderweitig angegeben.
Transatlantische P o st.
Donnerstag 9 Uhr Abends: für
Europa per Dampfer „Cedric" via
Queenstown (Briefe müssen per Dpfr.
„Cedric" bezeichnet sein).
Freitag 9 Uhr Abends: für
Europa per Dampfer „Etruria" via
Queenstown.
P o st für Süd- und Central-
Amerika. Westindien elc.
Donnerstag: 1 Uhr Nachmittags:
für Jamaica per Dampfer von Bo
ston.
Freitag 12 Uhr Nachts: für
Neufundland per Dampfer „Silvia;"
für Bermuda per Dampfer „Trini
dad;" für Porto Rico per Dampfer
„Ponce;" für Curacao und Venezuela
per Dampfer „Maracaibo;" für Ja
maica und Greytown per Dampfer
„Valencia;" für Euba per Dampfer
„Mexico" via Havana; für Hayti per
Dampfer „Prins Maurits;" für
Nord-Brasilien per Dampfer „Gre
gory" via Para und Manaos.
Post für Neufundland via North
Sydney und für Miguelon via Boston
schließt hier täglich um 3 Uhr Nach
mittags; für Euba via Tampa, Fla.,
täglich um 1 Uhr Nachmittags; für
Honduras, Costa Rica und Guatema
la via New-Orleans täglich um 8 Uh:
Abends.
Trans-Pacific-Post.
Samstag 7 Uhr Abends: für
China und Japan via Tacoma; für
Australien, Neu-Seeland, Fiji, Sa
moa und Hawaii via San Franzisco.
Trans-Pacific-Post wird täglich
zum Abgangshafen befördert und Ar
rangements sind getroffen für deren
ununterbrochene Ueberland - Beförde
rung.
S. Davies Warfiel d,
V oft meister.
Peter und sein Reich.
Mehr fürstliche Gratulationen.
Kaiser nranz Zosepli und König Vik
tor (smanncl wiinschcn dem
ncncn König Glück.
Oestreich's Monarch denunzirte jedoch
zugleich die Meuchelmorde in Bel
grad. Wie der königliche Pa
last nach der Metzelei aussah.
Alle Opposition gegen die neue
Regierung durch die Zustimmung
des Czaren aus dem Wege ge
räumt. Hochtrabendes Mani
fest des neuen Königs an seine ge
treuen Serben. „Für das hei
lige Kreuz und die Freiheit."
Belgrad, Serbien, 17. Juni.
Die Minister und andere höhere serbi
sche Regierungsbeamten jubiliren
über die gestrige Depesche des Czaren
an den König Peter und erblicken da
rin einen Beweis der Freundschaft
Rußland's. Peter hat an den Czaren
telegraphirt und ihm auf's Wärmste
für seine Botschaft gedankt. Auch zwi
schen dem Kaiser Franz Joseph und
dem König Peter sind in cordiale
Worte gefaßte Depeschen gewechselt
worden, allein der Kaiser nahm bei
seiner Gratulation die Gelegenheit
wahr, die Meuchelmorde in Belgrad
zu denunziren. Ferner hat König
Viktor Emanuel, welcher bekanntlich
ein Schwager des Königs Peter ist,
demselben eine Gratulations-Depesche
geschickt und die besten Wünsche sür
die Wohlfahrt und den Frieden Ser
bien's unter dem neuen Regime ge
äußert.
Ein Korrespondent der „Associirten
Presse" erhielt heute Erlaubniß, den
Palast zu besichtigen, in welchem Kö
nig Alexander und Königin Draga er
mordet wurden. Im Schlaszimmer
sind das Bett, Bettzeug, Schränke und
Möbel von Kugeln durchlöchert, da die
Verschwörer in ihrem Suchen nach
den Opfern in allen Richtungen um
sich feuerten. Ein kleines Garderobe
zimmer neben dem Schlafgemach, kaum
7 Fuß breit und 15 Fuß lang, war
der Schauplatz des Schlußaktes der
Tragödie. An den Wänden desselben
stehen drei große Kleiderschränke und
aus dem Boden, wo das Königspaar
niederstürzte, sind noch Blutslecken zu
sehen. Auch die zerbrochenen Läden
an den Fenstern, aus welchen die Lei
chen der Gemordeten geworfen wur
den, sind noch nicht reparirt. Alle drei
Zimmer zwischen dem Vestibül und
dem Schlafgemach zeigen Spuren des
blutigen Ereignisses in Gestalt zerbro
chener Spiegel, demolirter Möbel und
Kugelspuren an allen Ecken u. Enden.
Die Reparaturarbeiten beschränken sich
soweit auf das Anbringen neuer Thü
ren an Stelle derjenigen, welche die
Verschwörer bei ihrem Eindringen mit
Dynamit sprengten.
Das zuerst angegriffene Haus des
königlichen Adjutanten Lasar Petro
vici ist noch schlimmer verwüstet, als
der Palast. Der Eingang desselben
wurde mit Dynamit total zertrüm
mert. Der Adjutant entkam aus sei
ner Wohnung, wurde später im Vesti
bül des Palastes niedergemacht, und
Spuren seines Blutes sind dort noch
zu sehen. Königin Draga's zwei
Brüder wurden auf Stühlen in einem
Zimmer des Quartiers des Comman
danten, neben dem Palast, erschossen,
und die von den Kugeln zersplitterten
Stühle stehen noch dort. Alle Um
stände zeigen, daß das Königspaar
nicht entkommen konnte, selbst wenn
ihm die Flucht aus dem Palast gelun
gen wäre, denn derselbe war von Sol
daten und Geschützen umringt, und die
Verschwörer waren entschlossen, lieber
das ganze Gebäude in Trümmer zu
schießen, als den König und seine Ge
mahlin am Leben zu lassen.
Das diplomatische Corps in Bel
grad hat soweit die neue provisorische
Regierung ignorirt, allein man ist
überzeugt, daß alle Mächte schließlich
der Führung Rußland's solgen und
die Sachlage acceptiren werden. Die
östreichische Regierung hat dem König
Peter den unentgeltlichen Gebrauch
ihrer Staatsbahnen sür die Reise an
geboten. Die Munizipalbehörde von
Belgrad hat eine beträchtliche Summe
sür Festlichkeiten bei der Ankunft Pe
ter's bewilligt. Unter Anderem soll
eine große Illumination veranstaltet
werden.
Keine Opposition mehr
gegen die neue Re
gierung.
Mit dem Empsang der Gratula
tionsdepesche des Czarcn ist, wie hier
allgemein geglaubt wird, jede Mög
lichkeit einer inneren Erhebung gegen
die provisorische Regierung beseitigt.
Die Depesche hat die Stellung der
Verschwörer dermaßen gestärkt, daß
von einer Opposition keinx Rede mehr
ist. Man hört jetzt Nichts mehr auf
den Straßen und in den öffentlichen
Lokalen, als Gespräche über den be
vorstehenden Empfang des neuen
Königs. Die Munizipalbehörde wird
ihm eine Deputation entgegen schicken
und beabsichtigt, drei Triumphogen
zwischen dem Bahnhof und der Stadt
zu errichten. Die neue königliche Ko
karde trägt den Anfangsbuchstaben
„P" und die Ziffer Eins „P. I."
Große Volksmassen stehen zur Zeit
täglich vor den Schaufenstern eines
Ladens an der Hauptstraße Belgrad's,
in welchem eine große Photographie
der Haupträdelsführer in der kürz
lichen Verschwörung zur Schau ge-.
stellt ist. Ob die parlamentarische
Deputation, welche den König Peter
aus Genf hierher abholen soll, heute
Nacht oder morgen abreisen wird, ist
noch ungewiß.
Der Senat und die Skuptschina
nahmen heute eine Modisizirung der
Versassung von 1888 an.
Ein Manifest des neuen Kö
nigs.
Genf, 17. Juni. König Peter
hat folgendes Manifest, welches in
Serbien veröffentlicht werden soll, per
Telegraph nach Serbien übermittelt:
„„Dank der Gnade Gottes und dem
Willen des Volkes werde ich auf den
Thron meiner Ahnen berufen. Ich
unterwerfe mich der Entscheidung des
Volkes und besteige heute den Thron
Serbiens.
„Ich erachte es als meine erste
Pslicht, Gott für seine mir erwiesene
Gunst zu danken, und ich gebe der
Hosfnung Raum, daß die Mächte
meine Thronfolge als ein Ereigniß be
grüßen werden, welches dazu geeignet
ist, Serbien eine -Aera der Ruhe, des
Fortschritts und der Ordnung zu ver
leihen. Ich verpfände mein Verspre
chen, die Rechte Aller zu achten. Ich
werde der Beschützer der Gesetze und
der Wohlfahrt des Volkes sein.
„Ich fordere die Häupter der Kirche,
des Militärs und der Cioilbehörds
auf, in ihren Aemtern zu bleiben und
die Pflichten derselben gewissenhaft zu
erfüllen.
„Ich erkläre, daß ich alle Thaten,
tvelche während der letzten vierzig
Jahre gegen mich und mein Haus be
gangen wurden, aus dem Gedächtniß
verbanne.
„Jeder ehrliche Serbe wird unter
meiner Regierung Schutz für sein mo
ralisches und materielles Leben finden.
Das Motto meiner Dynastie ist:
„Für das heilige Kreuz und die ge
liebte Freiheit."
„Mit diesem Motto, der Treue der
Armee und der Kirche sicher besteige ich
den Thron als Peter der Erste, König
von Serbien.""
Madame Christ ich vom
Sultan gewarnt.
Constan t i n o pe l, 17. Juni. —
Der Sultan hat die Madame Chri
stich, Mutter des jungen Milan, Soh
nes des verstorbenen Ex-Königs von
Serbien, ermahnt, sorgfältig über
ihren Sohn zu wachen. Er ertheilt
ihr den Rath, den jungen Burschen
vorläufig im Hause zu'behalten und
ihn nicht aus den Straßen erscheinen
zu lassen. Man munkelt von einem
Mordanschlag gegen Milan, obgleich
sehr wenig Aussicht darauf existirt,
daß er jemals den Thron Serbien's
besteigen wird.
Sehr diplomatisch.
L o n d o n, 17. Juni. Der Gen
fer Berichterstatter des „Daily Ex
preß" meldet seinem Blatt aus Genf,
daß Fürst Peter Karageorgewitsch bei
einem Interview emphatisch erklärt
habe, daß die Nation das Verbrechen
der Ermordung des Königs und der
Königin von Serbien rächen müsse.
„Ein König," sagte er, „der seine
Krone aus den Händen von Meuchel
mördern empfangen würde, würde sich
zu ihren Mitschuldigen machen." Be
fragt, ob er die Mörder bestrafen wür
de, antwortete er: „Ich habe dazu keine
Macht". Auf die Frage: „Wie ist es
aber, wenn Sie König sind?" gab
Fürst Peter die An,, ort: „Das mag
nie eintreffen".
Genf, 17. Juni. Peter Kcr:-
georgewitfch ist jetzt der Held der „Ge
sellschaft" und sein Haus ist fast be
ständig voll von Besuchern. Sein erster
Besuch als König galt der Familie des
Präsidenten der Cantonal-Regierung,
welcher gestorben ist und gestern begra
ben wurde.
Plant eine Rundreise.
Rom, 17. Juni. In einem hier
eingetroffenen Schreiben des neuen
Königs von Serbien theilt derselbe
mit, daß er, sobald er den Thron be
stiegen hat und die serbischen Angele
genheiten in Ordnung gebracht sind,
sämmtlichen Herrschern einen Besuch
abstatten wird. Er wird sich zunächst
nach Petersburg zum Besuche des
Czaren begeben, dann den Fürsten
Nikolaus von Montenegro und den
König von Italien besuchen. Die übri
gen Monarchen kommen später an die
Reihe.
Von einer Schlange gebissen.
New - Jork, 17. Juni. Um
das Leben eines gewissen Clyde
Powers zu retten, welcher von einer
Schlange gebissen wurde und mit ei
nem schrecklich angeschwollenen Arm
und Hals im „Reception - Hospital"
darnieder liegt, wurden Prof. Simon
Flexner von der Universität vonPenn
fylvanien und dessen Assistenten, da
runter ein japanischer Arzt, zu Rathe
gezogen. Auch „Rattle Snake Pete,"
Peter Gruber von Buffalo. welcher
mehr als zwanzig Mal von Klapper
schlangen gebissen wurde, ward zu
Hülse gerusen. um seine Erfahrungen
in Betreff derßehanvlung vonSchlan
genbissen zum Besten zu geben. Pros.
Flexner verlieh nach einer sorgfältigen
Untersuchung der Hoffnung Ausdruck,
daß Powers wieder genesen werde.
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I G 495 zrcd Street, pdilatielpdi f
Deutschland
Äcisende
sollte et
nickt unterlassen, sick mit einem
°
Reifende ersparen sich dadurch manche
unvorhergesehene Unannehmlichkeiten.
Edward R"ine.
öffentlich er Not a r,
Südwest-Ecke Baltimor-str.
und Pokt-cMre-Avenue.
Späteste Kabelberichle.
Weiteres iibcr die Rcichtagstvahlen
Erfolge der Sozialisten gestalten sich
immer größer. Das Königreich
Sachsen ein sozialistischer Staat.
Die Genossen gaben dort 100,-
000 mehr Stimme ab, als alle
anderen Parteien .zusammen.
Riesige Zunahme ihres Votums in
Berlin und anderen Orten.
Berlin. 17. Juni. Die So
zialisten beanspruchen, gestern 23
Sitze im Vergleiche zu dem ersten
Wahltage des Jahres 1898 gewonnen
zu haben. In 1898 erwählten sie in
98 Stichwahlen 24 weitere Mitglieder.
Sie behaupten, soweit 57 Reichstags-
Abgeordnete erwählt zu haben, und
hoffen, ihre Vertretung durch die
Stichwahlen auf 80 Mitglieder zu
bringen.
Während die beiden Faktionen der
Freisinnigen und die Agrarier große
Verluste erlitten, hat das Centrum
seine Stärke behauptet. Es hat so
weit 68 Mitglieder erwählt, allein 44
Wahlbezirke, aus welchen noch keine
Berichte vorliegen, werden, wie man
glaubt, diese Zahl beträchtlich erhöhen.
Am ersten Wahltage von 1898 er
wählte das Centrum 82 Mitglieder.
Die Nationalliberalen, welche im letz
ten Reichstage 48 Sitze hatten, er
wählten am ersten Wahltage fünf
Mitglieder gegen sieben in 1898 und
werden an 56 Stichwahlen theilneh
men.
Fürst Herbert Bismarck wurde ge-,
stern nicht erwählt und muß sich einer
Stichwahl gegen einen Sozialisten
unterziehen. Bis heute Mittag lang
ten im Reichsamt des Innern die
Wahlberichte aus 330 von den 397
Wahlkreisen des deutschen Reiches
vor. Hiernach wurden im ersten
Wahlgang 57 Sozialdemokraten ge
wählt; in 89 Wahlkreisen kommen die
sozialdemokratischen Candidaten in
die Stichwahl. Außerdem sind defi
nitiv gewählt 21 Confervative, vier
Reichsparteiler, 60 Centrumsleute,
ein Landwirthsbündler und fünf Po
len. Von Mitgliedern der freisinni
gen Volkspartei und der freisinnigen
Vereinigung ist bisher kein einziger
gewählt.
Von Mitgliedern der freisinnigen
Volkspartei kommen 26, von der frei
sinnigen Vereinigung 10 in Stich
wahl, desgleichen von den Conserva
tiven 44. von der Reichspartei sieben,
vom Centrum 28, von den National
liberalen 65; bis jetzt sind erst sechs
Nationalliberale gewählt. Von den
bekannten Agrarierführern sind Rö
sicke, Hahn, Lücke im ersten Wahlgang
unterlegen, Oertel kommt in die
Stichwahl.
Bemerkenswerthe Einzelresultate
sind u. a.: Die Liberalen Crueger,
Schräder und Frese sind im ersten
Wahlgang unterlegen; Eugen Richter
kommt in Stichwahl und kann sein
Mandat nur mit Hülse des Centrums
und der Nationalliberalen behaupten.
Das Fiasko der Candädaten der
beiden radikalen Parteien bei der er
sten Wahl bedeutet nicht unbedingt,
daß sie im nächsten Reichstag keine
Vertretung haben werden; ihre Can
didaten werden in den Stichwahlen
von den Wählern aller Gruppen mit
Ausnahme der Sozialdemokraten un
terstützt werden. Im Jahre 1898 wur
den im ersten Wahlgange auch nur
Eugen Richter und Dr. Barth ge
wählt, und doch brachten bei der
Stichwahl beide Fraktionen es auf 48
Mandate.
Die größten Gewinnste machten die
Sozialisten im Königreich Sachsen,
wo sie 18 von den 23 Mitgliedern er
wählten und in den übrigen fünf Di
strikten mit den besten Aussichten in
die Stichwahlen kommen. Die „Dres
dener Nachrichten" schätzen, daß die
Sozialisten in Sachsen 1(X),lX)l) mehr
Stimmen abgaben, als alle anderen
Parteien zusammengenommen. Das
Sozialistenorgan „Vorwärts" erklärt
heute, Sachsen sei ein sozialistischer
Staat. Das Blatt beansprucht auch,
daß das Sozialistenvotum in Berlin
und Vorstädten um 100,()()() Stim
men zugenommen hat.
In Duisburg, Preußen, gaben die
Sozialisten 2.?.09() Stimmen ab ge
gen 7800 in 1898.
Be rl in, 17. Juni. Nach den
bis um 11 Uhr heute Abend eingelau
fenen Berichten aus 381 Distrikten
stellt sich das Resultat wie folgt:
Confervative 30. Centrum 82. So
zialisten 53. Polen 14. Frei-Conser
vative 6. Elsässer 6. Nationalliberale
6, andere Parteigruppen 7, zusammen
erwählte Mitglieder 204. Stichwahlen
sind in 177 Distrikten nothwendig.
Die Sozialisten werden im nächsten
Reichstag wahrscheinlich 80 Sitze ein
nehmen.
Die Detroit - Cleveland - Dam
pferlinie hat das Fahrgeld für die
Fahrt zwischen Detroit und Cleveland
auf ihrem Dampfer „City of the
Stroits" auf 2oCents heruntergesetzt.
Die Gesellschaft führt zur Zeit Krieg
mit der Barry - Linie.
Schiffsnachrichten.
New - Vork. 17. Juni. Ange
langt die Dampfer ..Aura
nia" und „Majestic" von Liverpool,
und abgefahren sind die Dampfer
„New-York" nach Southampton und
..Rotterdam" nach Rotterdam.
L i z a r d. 18. Juni. Gesichtet
wurde hier der Dampfer „Patricia,"
von New-Uork nach Hamburg unter
wegs.
Pl ymouth. 17. Jnni. An
gelangt und nach Hamburg weiterge
fahren ist der Dampser „Moltke."
Abfahrtstage von New-Dork.
Dampfer „Menomine" am 19. Juni
nach London.
Dampser „Cedric" am 19. Juni
nach Liverpool.
Dampfer „König Albert" am2o.
Juni nach Neapel und Genua.
Dampfer „Finland" am 20. Juni
nach Antwerpen.
Dampfer „Etruria" am 20. Juni
nach London.
Dampfer „Pretoria" am 20. Juni
nach Hamburg.
Dampfer „Anchoria" am 20. Juni
nach Glasgow.
Dampfer „Kaiser Wilhelm de
Zweite" am 23. Juni nach Bremen.
Dampfer ~Aurania" am 23. Juni
nach Liverpool.
Dampfer „Lombardia" am 23. Ju
ni nach Neapel und Genua.
Dampfer „United States" am 24.
Juni nach Kopenhagen.

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