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Der Deutsche correspondent. [volume] (Baltimore, Md.) 1841-1918, February 03, 1918, Image 13

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Edvardo Ehicharro: Schmerz.
rvllas erkennen. Aehnlich liegen die
Verhältnisse bei den, emch im Ausland
ziemlich bekannt gewordenen Earles
Vasqucz. Mehr Virtuose ist der Land
schafter Conslantino Goinez, bei des
sen unleugbarem Talent man be
dauert. daß er die Sonderheiten der
verschiedenen spanischen Gaue nicht
markiger herauszubringen versteh!,
fluch von Munoz Tcgrain. der im
Ausland ja ziemlich bekannt gewor
den ist, darf man gleiches behaupten.
Ter Katalonier Rnjinol lbekannt auch
durch seine umfangreiche, sehr wert
volle .Kunstsammlung auf seinem
Landsitz Ean Ferrat bei Sitges) ge
hört noch immer zn den beliebtesten
spanischen Landschaftern, doch ist seine
Kunst nicht besondres anspruchsvoll.
Maltechnisch verrate die Bildnisse
von Aniclmo Miguel p Nieto ganz
ungewöhnliche Kenntnisse. Ter ver
hältnismäßig noch junge Künstler be
sitzt eine besondere Begabung für de
korative Wirkung: glänzend versteht
er ei, in leichter dekorativer Stilisie
rung schöne Frauen gefällig zu por
trätieren. Leider gebricht er ihm im
mer noch an der nötigen Dnrchgeisü
gung seiner Werke; man darf ihn,
wenn man sein bisheriges Schassen
überblickt, so etwas wie den Fritz
August von .Kanlbach Madrids nen
nen. Er ist den auch der beliebteste
Maler der schönen Madrider Frauen
welt.
Einer der allerbedeutendstcn mo
dernen Schilderer des spanischen Vol
tcs ist aber Eduardo Ehicharro ge
worden. Dieser Sohn Madrids (ge
boren lB7ck> begann seine Tätigkeit
ganz im naturalistischen Fahrwasser
seines Lehrers Sorolla, versuchte es
dann etwas mit der Art der engli
schen Präraffaeliten. bis er sich vor
Jose Ramoa Zaragoza: Maisarbeiteriaara.
Spamsrhe Malerei der Gegenwart.
Pon Dr. Dtignll -L A'tiiwr, T'riiinlüeir.
etwa sechs Jahren ganz gefunden hat
nnd, nun immer reifer werdend, seine
männliche Kunst kraftvoll entfaltet.
Seine Banernszenen, den Dörfern des
kaflilischen Hochlandes entnommen,
sind weder theatralisch-pathetisch noch
bei aller Farbenfreudigkeit virtnosen
mäßig dekorativ oder nur illustrativ.
Sic besitzen alle die echt kastilische Zu
rückhaltung, einen großen Ernst, der
mehr als einmal an Herbheit grenzt.
Auch sein großes Gemälde „Schmerz"
ist ganz von dieser Art. Wie tief er
greifend. mit welch wundervoller
Schlichtheit und wahrhaft monnmen
taler Wucht ist hier der Schmerz der
Familie um den dahingeschiedenen
Vater, dessen Stuhl nun verwaist da
steht, zum Ausdruck gebracht! Ehi
charro erweist sich hier als ebenso be
deutender Menschenschilderer wie als
Meister der großen Komposition und
stilistischer Maler. Die großen Anre
gungen. die auch er, gerade in rein
malerischer Hinsicht, von den Altmei
stern der spanischen Kunst erfahren
hat, sind von ihm viel selbständiger
verarbeitet worden, als wir das bei
seinen berühmten Kollegen Zuloaga,
Sorolla u. a. feststellen können.
I. N. Zaragoza bietet in seinen
Bildnissen Ausgeglicheneres als in
seinen großen Kompositionen mit Mo
tiven aus dem Volksleben. Er hat
hier vielfach seine Studien außerhalb
Spaniens gemacht, seine Modelle ähn
lich wie der viel sicherere und ge
schicktere Manuel Benedito dem hol
ländischen Fischervolk und den Bauern
der Bretagne entnommen. Man spürt
noch zu sehr die Atelierarbeit, es fehlt
diesen Bildern die Selbstverständlich
keit und Sicherheit, wie sie etwa die
sehr flüssig gemalten Stücke des Se
villaners Gonzalo Bilbao ausweisen,
der besonders gern die Säle der Se-
villaner Zigarettenfabrik zum Bor
wurf seiner Arbeiten wählt. Fast all
zu geschickt wiederum ist der in Bar
celona tätige Elaudio Eastellncho, des
sen temperamentvolle Bilder zu sehr
die Nähe Frankreichs verspüren las
sen. Auch der noch sehr junge Andre
aus Barcelona, eine der vielseitigsten
nnd begabtesten unter den Hoffnun
gen des heutigen Spaniens, der mit
seinen kunstgewerblichen Arbeiten ersi
jüngst in Deutschland berechtigtes
Aufsehen erweckt hat, begibt sich in
seinen durch raffinierten Farbenge
schmack ausgezeichneten Bildern etwas
zn sehr des nationalen Eharakiers.
Dagegen versteht Roberto Domingo
in hervorragendem Maße das große
Nationalspiel, das Stiergefecht, in
modernstem malerischem Vertrag K>
besingen. Gewiß geht Domingos
Kunst nicht tief, gewiß stellt er sich
nirgend sehr hohe malerische Aufga
ben. Aber es ist doch nicht nur eine
sehr dekorative Kunst, seine Bilder
fallen nicht nur angenehm durch ihr
Format nnd ihren frischen Kolons
mus auf. sie sind wirklich ehrlich ge
meint, durchaus rassig empfunden
nnd temperamentvoll hingeschrieben
ohne den faden Beigeschmack, das oft
zn geleckte sentimentale und süßliche
Wesen, das die Arbeiten eines Ribera
zum Beispiel so unangenehm macht,
jenes Künstlers, der meist im Pariser
Salon seine Bilder ausstellt, wo ja
„Earinen" und „Don Jose" in sran
zösisch süßlicher Aufmachung alljähr
lich in zahlreichen Varianten immer
wieder auftreten.
Sehr gediegen ist die Kunst des I.
Rodriguez Acosta. Kein Posieren und
kein gezwungenes Stilisieren. Das
frische Bildnis der kleinen Franziska
Paquilla zeigt den Maler von einer
ganz besonders liebenswürdigen
Seite. Ueberaus national - spanisch
muß man sein Bild „(in der Wall
fahrtskirche" nennen. Es is, ein Mu
surbeispiel des gute religiösen
Genrebildes, daS die ganze Schärfe
spanischer Ratlirbcobachtiing und die
starke, gleichfalls echt altspanische Re
ligiosiiät in ebenso eigenartiger wie
glücklicher Weise miteinander verei
nigt. Auch in Italien versuchen sich
hin und wieder Künstler an ähnlichen
Motiven. Aber wie äußerlich, spie
lerisch wirken all jene Bilder neben
einen! solchen wahrhaft innerlich
. empfuitdenen Gemälde! Es lebt hier
noch etwas von den, Geist der großen
religiösen Maler Spaniens des sieb
zehnten Jahrhunderts, vor allem der
Geist Znrbarans nach. Sie alle, die
Gedrückten, sic schaue wirklich das
Himmelreich.
Ein ähnlicher Zug geht durch Ge
mälde von Elias Salaverria, wie
die „Fronleichnamsprozession in
Lero". Er steht freilich als Künstler
nicht ganz auf gleicher Stufe mit
Arosta, er kommt noch weniger vom
Modell los. es fehlt ihm auch die
wirklich monumentale Note. Seine
Bilder wirken vor allem durch die
Stärke der religiösen Empfindung,
der Gläubigkeit dieser Bauern, die
etwas eigentümlich Resigniertes bil
den.
Als ein Maler von ungewöhnlicher
Begabung, gerade ans dem Gebiet
der Kircheimialerei, hat sich in ver
letzten Zeit der junge Javier Eortös
zu erkennen ,gegeben. Sein „Ex
Eonsmntinv Gvmez: Platz iu
Albnrracin.
voto", mit dem er zuerst die Auf
merksainkeit weiterer Ztreise aus sich
lenkte, zeichnet sich sowohl durch
seine großen malerischen Werte wie
seine Monumentalität und echt spa
nische Herbheit aus. Vielleicht gelingt
es diesem jungen vielversprechenden
Künstler, die reine Kirchenmalerei
wieder einer neuen Blüte zuzuführen,
denn wenn auch, wie aus den bis
herigen Ausführungen wohl zur Ge
nüge hervorging, die Spanier in dem
setzten Jahrhundert nicht zu der un
persönlichen, kraftlosen kirchlichen
Kunst gekommen sind, wie etwa wir
Deutsche oder die Italiener, so mußte
man doch ein nicht unbeträchtliches
Nachlassen der künlllerischen Kräfte
aus diesen! Gebiet gegen früher fest
stellen.
Wenn die bereits gewürdigten Ma
ler Domingo und Ehicharro in ihren
Schöpfunden den Zusammenhang
mit deni Impressionismus noch im
mer erkennen lassen und dem rein In
haltlichcn eine recht beträchtliche Rolle
zuweisen, so versucht eine andere,
kleine Gruppe, als deren Führer
man Hennoso betrachten darf, eine
mehr stilisierte und zugleich inhaltlich
Murillv Rams: Rach der Taufe.
absichtslosere Malerei zn Pflegen,
eine Kunst, die das Lineare stärker
betont und, wenn man so sage darf,
eine erhöhte Volkstümlichkeit er
strebt, ohne, wie schon betont, dabei
die national-spanischen Requisiten zn
benutzen, also eine Malerei, die eine
gewisse Verwandtschaft mit der un
sers Hans Thoina und seines Kreises
ausweist. T,
Im schroffen Gegensatz zn der
Art Hermosos steht die des Eordo
besei, Julio Roinerv de Torreö. Tie
fer noch verhältnismäßig junge
Künstler galt eine Zeitlang unter
den kampflustigen jüngeren Elemen.
ten für die große Hoffnung der mo
dernen spanischen Malerei. Er be
gann als pinselgewandter Schüler
LarallaS. Toch freute ihn die geht
lese Art dieser pseudamvdernen, im
vressianiskischen Malerei bald nicht
mehr, und er versuchte nun, sich eine
in jeder Hinsicht stark stilisierte Ma
lerei auszubauen. Jede Natürlich
keit, die bei Hermosa noch sa ange
nehm berührt, wird bei ihm tramps
hast vermieden, seine Kunst ist in
jeder Weise z absichtlich, und das ist
ihr Hauptfehler. Herbheit wird allgi
leicht bei ihm zur Starrheit, und die
gesuchte Monumentalität läßt einen
kalt. Tie Kraft des Künstlers reicht
dach nicht zur Darstellung der großen
allegorischen Gedanken, die er gern
wiedergeben möchte. Alle seine
Schöpfungen jüngeren Tatums, seine
große „Verherrlichung Andalu
siens", sein „Altarwerk der Liebe"
El Retabla del amor), dem wir hier
die neue Fassung der „Himmlischen
und irdischen Liebe" entnehmen, van
Romero „Die beiden Wege" benannt,
beweisen das Wohl deutlich genug.
Es ist im Grunde genommen müde
und fast tragisch wirkender KlassiziS
mus, der in den Werken dieses von
I. Rodrigurz Acosta: Fn dcr Wallfahrtskirche.
Haus aus hochbegabte, ernsten
.Künstlers zutage tritt. Eardaba ist
von jeher eine Pflegeskätte der mann
iiieiilnlen Zeichenkuiist gewesen, und
so ist es eigentlich gar nicht verwun
derlich, daß die Bestrebungen, einen
neuen, auf zeichnerischer Monumen
talität beruhenden Stil zn schassen,
gerade van dieser altberülimten Ka
lifenstadt ausgegangen sind.
Gewissermaßen eine,, Ausgleich
zwischen der Richtung Hermosos und
Romero de TorreS bildet die .Kunst
der Brüder Rainon und Valentin
Zubiaurre. Sie entstammen der bas
kischen Provinz, einem Land, das lei
der sehr wenig Maler von Beden
tnng, dagegen eine Reihe recht tüch
tiger Bildhauer hervorgebracht hat.
Sie beide sind lanbslntnni. darin Lei
densgenossen ihres großen Kollegen
Francisco Fcrnandez Ravarrete, ge
nannt El Mndo. Vielleicht ist die
eigentümliche Melancholie, die ans so
vielen ihrer Werke heransklingt, der
fragende, traurige Blick so vieler
ihrer Gestalten letzten Endes aus
dem körperlichen Gebrechen der beiden
Künstler zn erklären, jedenfalls nicht
ans ihrem spanischen Naturell. Auch
das Helle Gran, oft ins Grünliche
oder noch mehr ins Hellblaue spie
lend, das meist de Hintergrund
ihrer bänerlick' Interieure bildet,
hat etwas eigenartig Trauriges und
Müdes. Wenn sie die kaslilischcn
Bauernsraneii mit ihren schreiend
bunten Trachten malen, so erhalten
diese Farben keinen fröhlichen Eha
rakter unter ihrem Pinsel, das Blau,
Gelb und Rot iiinimt vielmehr einen
merkwürdig ernsten Ausdruck an.
Vielleicht wird man in Deutschland
finden, daß die Kunst der Zubiaurre
noch mehr als die Hermosos eine Art
llebcrtragnng der Malerei Hans
Thomas oder Fritz Bühles ins Spa-
Nische ist. Was sie van d-'r Cunst
Hermosos scheidet, ist die viel groK/re
Herbheit, dee schau gekennzeichnete
iiielauchalische Z,ng, der dein heiteren
Andaliisier ja völlig fremd ist. und
eine nach größere Monumentalität.
Tie scheitivare Priinitivilöt der bei
den Brüder beruh! ani iasi nuiinierl
zn nennender Berechnung. Manche
ihrer Lchöpsnngen verlang, eigentlich
gebieterisch da Fresko, nnd es wäre
sehr zn wünschen, wen diesen Neiden
sich immer ersrenlicher entwickelnden
Kiinsüern eine ganz grasn- mannmen.
talc Ausgabe, ein großes Fresko
geinälde zuteil würde. Bilder, wie
der „Bürgermeister van Tarreeabal
leras",die sehr bedeutende „Wallsahlt
zur Einsiedelei", da Partrat mei
nes Paters" van Balentin, se>ne
„Marienandachl", die wie eine Wie
dergeburt der gragen berb inann
nientalen Kompositionen Znrbarans
wirkt Ranions „Festiag in Gara'.
„Ter erste So!m" und seine Spinne
rinnen" werden überall ernstester Be
achtnng sicher sein.
Rückblickend kann man sagen, da
sich auch in der neueren svanischen
Malerei viele der klinischen Merkmale
finden, die die ältere kennzeichnet:
die graste Barliebe für starke nnd
reichliche Kontrolle im Inhaltlichen
sowalil wie im farbigen, das stre
ben nach einer monumental dekora
liveti Wirliitig, ivabei der NntiiraliS.
inns durch kein störendes. hemmendes
Element bildet. Es ist nicht nninter.
esrant, das; sich sehr vieles in der >'a
vielnimlritteneti Knust des Bakers
des Kubismus. Pabla Pieassos, der
bekanntlich ein Spanier ist ter stannnt
ans Malaga, ans der shanische
Herkunft dieses Malers erkennen
lösch, sa unwahrscheinlich dies viel
leicht manchem ans de,, ersten Blick
scheinen mag.
5

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