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Indiana tribüne. (Indianapolis, Ind.) 1878-1907, June 08, 1905, Image 5

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Jndiana Tribüne, 8. Juni 1905.
Indianapolis
Sffm Samstag, 10. Juni
Weß Washington Ztr. Gründen.
111 & BAILEI
VröKte Schanftellnng der Welt
Einzige repräsentative Schanftellnng
in Amerika.
Die größten Wunder der Erde vorführend.
Dreifacher Circus, 2 Menagerien, Hippo
drome, Luftkünftler, Museums, Menagerie
'audeville Unterhaltung.
Der Todes-Sprung
Eine Tame überspringt mit einem
Automobile eine Lücke.
Volo die Vilotante
überfliegt eine Schlucht mit Verach
tung des TodeS.
Eine vollständige Heerde irassen,
3 Heerden von Elephanten,
8 Heerden von ttameelen
Herrliches überrasckendes Schauspiel
Des reichen Durbar.
Hoch'yrinqendeVferde. desperate Wettrennen,
gymnastische Ausführungen, akrobatische
Thaten. Lustwunder, milde Thiere, 500
Pferde, 12 Zelte, trainirte Thiere,
kuriose Kreaturen etc.
Feinfte Menagerie der Welt
100 Aufführungen von
300 Meister -ArtiSen.
Für inder find spezielle Schauspiele
vorgesehen.
2 schauftellunken, um 2 und 8 Uhr
Thür-Oeffaung eine Stunde frühe?.
öintrittsprcis gi Allem mit Sitz 50c.
Kinder unter 10 Jahren die Halste.
Kußftüyen mit allen Z Yen.
PrivatL?gen und reservirte Sitze ertra. je nnch
der LoknUtät. Reservlrte Litze werden verkauft in
Huder'? potheke. Pennsylvania und Washington
Lkratze, und aas b:m Grund eine Stunde vor der
Erönung. Alle kicket werden zum regulären Preis
verkaust, Bit warnen vor Perfone die mehr dV
rechnen.
Aus den Buche: des Land
amtes ergiebt sich, wie aus Chamber
lain, S. D., berichtet wird, daß seit
Beginn des Jahres 1905 bis Anfangs
Mai 3800 Eintragungen für Heim
statten in dem Chamberlain - Lernt)
Distrikt stattgefunden haben. Die rie
sige Nachfrage für Land hat keine Pa
rallele seit dem Boom Anfangs der
80er Jahre, und unter diesen Umstän
den wird alles Bundesland, das nur
irgendwie von Werth ist. bald aufge
nommen sein. Heimstätten mit wenig
Berbeffezungen finden willige Käufer
für $1500 bis $1800. In Bezug auf
die Landsucher ist auch ein Unter
schied gegen früher; die jetzt kommen,
sind wirkliche Ansiedler, die sich auch
dauernd auf den Heimstätten nieder
lassen. Ein polnischer Jude Na
mens L. H. Gratner in Fort Dodge,
Ja., hat sich 134 Quadratzoll Haut
abziehen lassen, um das Leben feines
Töchterleins zu retten, das vor eini
gen Tagen schreckliche Brandwunden
erlitt. Ter Vater ließ sich zwei Haut
streifen von je einem Fuß Länge und
fünf Zoll Breite von beiden Oberschen
sein abnehmen, um sie auf sein Kind
zu verpflanzen. Zwei kleinere Haut
streifen wurden einem kleinen Bruder
des Kindes entnommen und ein kleines
Stückchen gab eine der Hospitalschwe
stern her. Das Opfer des Vaters war
ein erhabener Beweis von Vaterliebe,
und sein Heroismus wird allgemein
bewundert. Ohne sein Opfer würde
das Kind unrettbar dem Tode Versal
len sein, aber auch so ist das Wieder
aufkommen der Kleinen noch Zweifel
haft. Dem Kinde waren die Kleider
beim Spielen um ein Bouseuer in
Brand aeratbei
BoshafteBestätigung.
Dame (die ein Paar Schuhe, welche
neue Absätze brauchen, zum Ausbes
fern in eine Schuster - Werkstatt
trägt): Na. wie geht's Geschäft?
Schumacher: Ach, liebes Fräulein,
mein Absatz läßt sehr viel zu wünschen
übrig.- Dame: Ja, das finde ich
auch."
Die neue feyrerin.
Novellette von Gerhard Walter.
Haben Sie's denn schon gehört.
Daß die kleine Wedelsprung fort
geht?" fragte der Assessor Blume den
Referendar, mit dem er. bisher nur zu
zweien, am Stammtisch saß.
Ich wüßte nichts, was mir gleich
gültiger wäre!" antwortete der Ange
redete gelangweilt.
Nach vierzehn Tagen, wie die
Herbstferien vorbei waren, kam die
neue Lehrerin, vielseitig mit Span
nung erwartet; seitens der Kinder ein
mal, und dann auch seitens der Her
ren der Gesellschaft. -
Die neue Lehrerin ist da!" rief der
Assessor Blume, in die Tanne" tre
tend, den Herren zu, die um den Tisch
versammelt saßen.
Ich wüßte nichts, was mir gleich
gültiger wäre!" schnarrte der Referen
dar wieder.
Na, na, reden Sie sich nichts an
den Hals!" entgegnete der Assessor;
ich habe sie vorhin bei Oberpfarrers
gesehen; dagegen ist die vorige ja ein
Waisenkind!"
Wieso?" ging es interessirt im
Kreise.
Erstlich ist sie bildhübsch!" fuhr
der Assessor fort. Keine engelmäßige
Schönheit, aber etwas beautö du
diuble". Sie ist außerdem tadellos
gewachsen, und dann ein Gesicht, auf
dem alles liegt: Schalkheit, Frohsinn,
Humor, und ihre Augen sind ja die
eines Sprühteusels. Dabei ist sie
aschblond, mit einer unglaublichen
Fülle von Haar und hat schwarze Au
genbrauen und schwarze Wimpern."
Na, da kann man ihr wohl gleich
zur Verlobung gratuliren." sagte der
Rechtsanwalt in seiner trockenen Art.
Die Woche fängt gut an, sagte der
Dieb. Da wurde er am Montag ge-
hängt."
Ach, gehen Sie doch," gab der As-
seffor ärgerlich zurück. Dazu gehört
mehr; fröhlichen Umtrunk!"
Die Humpen klirrten zusammen.
Aus das Wohl der neuen Schönheit!"
rief einer. Aber es war nicht der
ANcssor.
Es wurde in den nächsten Wochen
fast nur von dem Fräulein gesprochen.
Sie hatte aber auch etwas ganz Be
rückendes. Heute Abend war der erste Ball in
der Harmonie. Sie wurde mit Amts
richters erwartet, in deren Nähe sie
wohnte. Der Saal füllte sich früh mit
den tanzbaren Herren, und alle schau
ten, so oft sie sich aufthat, nach der
Thür, durch die das Fräulein von
Block denn so hieß sie eintreten
mußte.
Soll aber ein armer Deubel sein,
trotz ihres Adels!" sagte ein junger
Krautjunker der Umgegend.
Hoho!" antwortete ein andrer,
fehlgeschossen! Noch hat sie nichts,
aber wenn die Tante stirbt, erbt sie ein
patentes Vermögen! Ich weiß es.
Sie ist aus meiner Gegend!"
Nun wurde sie mit doppelter Span
nung erwartet. Jetzt ging die Thür
wirklich vor ihr auf, und bildschön
erschien sie unter dem zurückrauschen
den Thürvorhang; aber ohne eine ein
zige Spur von Schmuck an sich zu tra-
gen.
Es entstand eine starke Bewegung
im Saale, als sie eintrat. Den scho
nen blonden Kopf ein wenig zur Seite
geneigt und in den Stacken gelegt, kam
sie daher in ihrem ganzen Liebreiz an
der Selte der Frau Amtsrichter.
Ein patentes Mädel!" flüsterten
die Herren einander zu, und manch
leises Donnerwetter" entfuhr un-
hörbar den Llppen.
Sie sah unendlich ruhig aus; nur
die Augen blitzten tn feuchtem Glanz.
die prächtigen Augen mit den schwar-
zen Brauen und Wlmpern.
Ich möchte bloß wissen, warum die
Herren sich so haben um die!" sagte die
Tochter des Amtsraths übelgelaunt
und laut genug; ich finde, sie sieht
lmpertment aus!
Die bildet sich wohl was auf ihren
Adel ein? klang eine andere Stimme:
Dumme Gans!"
Und fortan hieß sie unter den jün
geren und älteren Mädchen nur noch
mit diesem anmuthigen Namen; einige
nannten sie auch die Schulmamsel".
Wo sie einem jungen Mädchen vorge
stellt wurde, fiel die Begrüßung sehr
kühl aus. Anders bei den Herren
Es dauerte nicht lange, da war ihre
Tanzkarte voll besetzt.
Ich finde das einfach schmachvoll!"
sagte die Tochter des Kreisarztes, als
der Assessor Blume mit ihr den Ball
eröffnete.
Wie tanzt sie?" hieß es erwar
tungsvoll. Und sie tanzte prachtvoll.
Aber shocking fand cs die Frau Ju
stizrath, daß sie während des Tanzens
mit ihrem Herrn sprach und dabei ihre
wundervollen Zahne zwischen den ro
then Lippen glänzen und leuchten ließ.
Das ist ja ein ganz ekelhast koket-
tes Frauenzimmer!" klang es unter
all denen, die sitzen geblieben waren.
Und sie selbst blieb nicht ein einziges
Mal sitzen. Aber anzumerken war ihr
nichts von der Anstrengung solchen
Tanzens.
Es gab an dem Abend nur zwei
Parteien im Saal; die eine war sich
einig darin: Werft das Scheusal in
die Wolfsschlucht!" und die andere
war bereit, jede Lanze für sie zu bre
chen nach dem Vorgang des Assessors.
So eine haben wir noch nicht gehabt!
sagte ec überzeugungsgewiß und
machte thr rasend mt Cour.
Nachher aina es zu Tisch. Der As-
sessor war jetzt schon ganz und gar in
ibrem Bann und übertraf sich selbst m
Ritterlichkeiten unterhaltender Art.
Einmal lachte dabei Fraulem von
Block so hell auf. daß eswie ein Helles
Glockengeläut klang. Es war wirklich
111 n jr. ... jc.
jenes gollttcye Lacyen unenoiiajeii
Frohsinns. Alles sah nach ihr hin.
So lachen Kellnerinnen!" sagte die
Frau Oberpfarrer erzürnt.
Weiter unten am Tisch steckten ei-
nige mittelalterliche Damen die Köpfe
zusammen und tuschelten eifrig.
Na, wissen Sie, ich will keine star
ken Ausdrücke gebrauchen, aber ich
finde das zum wenigsten unerhört!
Sie hat ihre Schultern geschminkt!
Besonders, wenn man so stark
ist ". Es wurde heftig gehustet
unten am Tisch. Ich finde sie rei-
zend!" sagte nur Die Frau Apotheker
harmlos.
Sie wußte das alles: und sie horte
alles mit dem feinen Gehör der Seele;
aber noch stolzer tanzte sie dahin nach
Tisch und sieghafter noch tönte ihr
Lachen. Sie war der Mittelpunkt der
ganzen Festfreude. Und die andern
langweilten sich. Und das vergaben sie
ihr nicht. Es war eine Stärkere,
Lieblichere als sie alle zusammen über
die Gesellschaft der Frauen und Mäd-
chen gekommen.
Am nächsten Tage begegnete ihr der
Oberpfarrer. Er grüßte kühl und
rief sie dann zurück.
Fräulein von Block, ich muß Sie
zu meinem Bedauern darauf aufmerk-
sam machen, daß Sie sich gestern
Abend nach dem Urtheil der Damen
reichlich weit vorgewagt haben
Sie sah ihn an wie eine hochmüthige
Königin, mit zurückgeworfenem
Nacken:
Ich bin es nicht gewohnt, mir auf
offener Straße Vorstellungen machen
zu lassen," sagte sie heftig, und ich
verbitte mir das!"
Auch er wurde roth: Und ich nicht,
mich von meinen Lehrerinnen zur Rede
stellen zu lassen."
Es schoß wie ein Blitz aus den Au
gen mit den Sprühteufelchen: Ich
danke Ihnen! Ich werde gehen, so
bald Sie einen Ersatz haben!"
Sie wandte ihm kurz den Rücken
und ging davon.
Unerhört!" sagte er und sah ihr
verwirrt nach.
Stolz erhobenen Hauptes, mit fe
derndem Schritt ging sie weiter; ihre
Brust wogte stürmisch im Zorn. Sie
ging draußen durch den Wiesengrund,
am rauschenden Fluß entlang. Da
sah sie plötzlich den Assessor sich entge
gen kommen. Erst blieb sie unschlüssig
stehen. Dann ging sie ruhig weiter.
Sein Herz schlug hoch auf. Er liebte
das Madchen letzt mtt voller, weißer
Gluth. Aber was war das? Sie
ging ja gerade auf ihn zu.
Herr Assessor, eben ist mir gekün
digt worden!" Ihr Mund lachte mit
seinem süßesten Lächeln, aber ihre
Stimme zitterte doch noch in bebendem
Zorn.
..Was?" rief er entsetzt.
Wie ich Ihnen sagte," entgegnete
sie; vor einer Viertelstunde! Ich
gehe, sobald Ersatz gefunden ist.
Nein, bei allen guten Geistern,
nein! Sie Holdseliaste von allen!
So lasse ich Sie nicht fort!
Sie denken ja freundlich über mich,
das weiß ich, aber Die Frauen und
Mädchen hassen mich, obwohl ich ihnen
nichts gethan
Er stand vor ihr, lodernd in Liebe,
Zorn und Leidenschaft.
Und die Schmach soll über uns
ergehen, daß man Sie hinausweist?
Dann weiß ich noch eine Stelle für
Sie, Sie einziges, prächtiges Weib.
An meinem Herzen, in meinem
Hause!"
Sie sah ihn innig an und schüttelte
leicht das blonde Haupt.
Nein, Herr Assessor; ich will mir
nicht mein ganzes Leben lang Vor
würfe machen und machen lassen, daß
ich schwach war einem Manne gegen
über wie Sie! Glauben Sie ja nicht,
daß ich einmal reich werde ich bin
und bleibe ein armes Mädchen, das
von seiner Arbeit lebt."
Es lohte auf in seinem Herzen und
tn semen Augen:
Du süßes Weib!" sagte er mit lei
ser Stimme und sah sie an. Dann
fügte er hinzu: Nun höre: Und wenn
ich dick vor versammeltem Kriegsvolk
auf memen Armen aus dem Gefech
tragen sollte bei Gott ich thäte
es. Ich kenne kein Besinnen, ich kenne
nur dich in deiner Lieblichkeit!"
Sie wich vor ihm zurück.
Erbarmen!" rief sie und hob die
Hände.
Da fuhr es hell über sein Gesicht.
Sehen Sie, wer da kommt?"
fragte er.
Sie schaute zurück und erschrak, daß
sie blaß wurde: Um Gotteswillen; der
Herr Oberpfarrer mit seiner Frau;
nun bin ich verloren!
Da lachte der Assessor mit hellem
Siegfriedslachen und seligem Herzen
auf: Vertrauen Sie mir? 5a? Dann
ist's gut! Dann kommen Sie!"
Der Assessor zog vor den Daher
kommenden tief den Hut. Fräulein
von Block sah ihnen stolz und femd-
seng entgegen.
Ich habe mich soeben mit Fräulein
von Block verlobt und möchte Ihnen
davon die erste Anzeige machen zul
Vermeidung von Irrthümern!
Wo sah Lots Weib aus, als nc
zur Salzsäule wurde!" dachte Hedwig
von Block, und es trat ern Lächeln um
ihren Mund.
Und nun, Herr Oberpfarrer, bitte
ich, daß wir unsere Verlobung bei Jh-
nen feiern dürfen; wir sind beide obne
Vater und Mutter; und lch kenne Ihr
freundliches Herz!"
Ste sollen sich darin nicht abtauscht
faoen!" sagte der Oberpfarrer mit
schneller Herzlichkeit und streckte ihnen
die ftände bin: ..und Sie. Fräulein
von Block, können Sie verzeihen?"
Sie konnte es in ihrem Glück!
Als sie auseinander gingen, sagte
der Oberpfarrer: Mit dem Versetzen-
assen, das überlegen Sie sich nur; ich
meinestheils bin dagegen! Ich habe
viel gelernt heute Abend!"
Ich auch!" rief seine Frau.
Aber zum Glück sah sie es doch
nicht, wie er seine Braut küßte vor ih-
rer Hausthür auf der stillen Straße.
Das hätte ihr doch wohl zu lange ge
dauert. Sie mußten sich aber schnell tren-
nen. l5 kam zemano die strafte yer
unter. Es war der Referendar. Der
Assessor ging auf ihn zu.
Ich habe mich mit Fräulein von
Block verlobt. - Wenn Sie nun aber
sagen: Ich wüßte nichts, was mir
gleichgültiger wäre," dann verhaue ich
Sie nach aller Form rechtens!"
Nein, erwiderte der Referendar,
da sage ich nur: Hat der Kerl emen
Dusel! Denn gegen Ihr Fräulein
Braut war die kleine Wedelsprung al
lerdings nur ein Waisenkind. Und
die war auch nicht von Kakao! Gute
Nacht!"
Des Todten Rache.
Von Guy de Teramond. Autorisierte Ueber-
fetzung von Wilhelm Thal.
Der Vater Baudruche war ein lusti-
ger Geselle, der das Leben leicht nahm,
ohne nch übermäßig aufzuregen. Er
war stets vergnügt und befolgte den
Grundsatz des guten Meisters Nabe
lais, daß das Lachen die beste Medizin
ist. Zahllos waren die Leute, die er
gefoppt, und sein Kapital an losen
Streichen unerschöpflich; auf zwanzig
Meilen in der Runde stand sein Ruf
fest begründet, und wenn man von dem
Spaßvogel von Vater Baudruche ge
sprechen, so hatte man alles gesagt.
Daher paßte man auch scharf auf,
wenn man ihm irgendwo begegnete,
namentlich in der Schenke, die er kaum
noch verließ; der gute Mann verwickelte
jeden in eine Mystifikation, legte einen
in eine Falle, aus der man nur unter
allgemeinem Gelächter herauskam,
was für die empfindliche Eigenliebe
innrer sehr verletzend ist.
Vater Baudruche, wenn der Tod an
Eure Thür klopft, Ihr findet am Ende
noch ein Mittel, um ihn umzuwerfen."
Der Vater Baudruche. der ein Greis
von neunzig Jahren und dabei kräftig
wie ein Eichbaum war, steckte sich eine
tüchtige Prise Schnupftabak in die
Nase, wischte sie sich dann mit dem
Handrücken ab und versetzte:
Mag er doch kommen, dieser Kerl,
wir wollen doch sehen, ob ich ihm nicht
die Lust benehme, auf längere Zeit wie
der vor mir zu erscheinen!"
Die Sache hatte sich in der ganzen
Gegend verbreitet.
Der Vater Baudruche," sagte man.
wird uns noch nach seinem Tode einen
Streich spielen!"
Und die Legende hatte so festen Bo
den gefunden, daß Niemand bei der
Leiche wachen wollte, als der große
Mäher den Greis bat, ihm in das dü
stere Land zu folgen, vqn des Bezirk
kein Wanderer wiederkehrt .
Indessen war in der Dorfherberqe
ein Student abgestiegen, ein Medizi-
ner, der hier übernachten wollte. Am
nächsten Morgen wollte er den Omni
bus benutzen, der ihn zu einer seiner
Tanten bringen sollte, die einige Mei
len weiter wohnte. Er hörte natürlich
auch von dem Vater Baudruche, und
wie sich die Nachbarn vor seiner Leiche
ängstigten. Er war ein starker Geist,
zuckte über die Leichtgläubigkeit der
Bauern die Achseln und erbot sich
prahlerisch, bis zum Tagesanbruch bei
der Leiche zu bleiben.
Ich habe keine Furcht vor Todten;
ich habe zu viele in meinem Leben ge-
sehen und an ihnen gearbeitet, um zu
wissen, was an ihnen ist; euer Vater
Baudruche mag noch so tolles Zeug
mit mir anstellen, es wird nicht im
Entferntesten an das heranreichen, was
die Studenten in den Sezirsalen zu-
wellen anrichten "
Man ging auf den Vorschlag mit
Begeisterung ein und führte den Stu
denten in die kleine Hütte, die der Ver
storbeiiö am Ende des Dorfes besessen
hatte.
Der Vater Baudruche lag auf sei
nem Bett und schlief den letzten
Schlummer unter dem Leichentuch;
auf dem Tische, neben dem von dem
Pfarrer geliehenen Kruzifix, warf eine
rauchige Kerze ihren fahlen, zitternden
Schein in das Zimmer.
Der Mediziner näherte sich der
Leiche und hob die Decke hoch; der Va
ter Baudruche war wahr und wahrhaf-
tiq todt; der Leichnam war kalt, und
die Verwesung begann bereits ihr
Werk.
Gute Nacht!- sagten die Bauern.
die ängstlich auf der Schwelle stehen
geblieben waren, und zogen sich zurück.
Besten Dank, meine Freunde, und
schlaft wohl!"
Im tiefsten Herzen jubelten sie;
denn sie waren fest überzeugt, der Va
ter Baudruche würde schon ein Mittel
finden, diesem Grünschnabel von Pa
riser eine Lektion zu ertheilen, der klü
ger als sie fein wollte, und dessen ver
Lchtlicher Skeptizismus sich über ihre
Fahnenflüchtigkeit lustig machte,
uoq aarn 3ioo 'qjnqa in&"
ihnen, der der allgemeinen Ansicht
Ausdruck gab, noch ist nicht aller Tage
Abend; warten wir bis morgen!"
Indessen legte der Student, der sich
entschlossen hatte, die Nacht bei der
Leiche zu verbringen, feine Bücher in
einen Winkel und zündete die kleine
Lampe an, die man ihm geliehen hate.
Doch bevor er sich setzte, öffnete er
das Fenster und lehnte sich hinaus.
Der Abend war warm; Tausende
von goldenen Sternen gliZerten an der
olauen Wölbung des Firmaments; ein
Stern huschte von Zeit zu Zeit durch;
er tauchte aus dem großen, unbekann-
ten Etwas auf, um wieder in die Un-
endlichkeit zu versinken.
Das war das Bild des Lebens. Wo
kommt man her? Wo geht man hin?
Niemand weiß es, ein jeder beschreibt
feinen Kreis im weiten Raum und
verschwindet fast sofort wieder, ohne
daß in der Unendlichkeit der Zeit auch
nur das Geringsie von ihm zurück-
bleibt.
Und im Schweigen der tiefen Nacht,
neben diesem der Verwesung geweihten
Leichnam, der ihn an die Vergänglich-
keit alles Irdischen erinnerte, dachte
der junge Mann an das Alles, bis er,
des Träumens müde, wieder zu seinen
Büchern zurückkehrte.
Plötzlich, als er die Augen zufällig
erhob, glaubte er zu bemerken, daß das
Leichentuch sich leicht bewegte; das
war jedenfalls der Wind; dabei aber
hatte die Flamme der Kerze sich nicht'
gerührt; vielleicht hatte er auch nur
falh gesehen.
Doch mehrmals hintereinander er-
eignete sich dasselbe Phänomen.
Das ist merkwürdig," sagte er,
ging an das Fenster und schloß es.
Indessen schien sich das Leichentuch
des Vaters Baudruche immer lebhafter
zu bewegen; bald hob sich die dünne
Leinwand wie unter einem Athem,
bald schien eine Kugel über seinen
Körper zu rollen.
Ich träume doch nicht," sagte sich
der Student und fuhr sich mit der
Hand über die Stirn, dieser Mann ist
wirklich todt, das unterliegt keinem
Zweifel; ich brauche keine Furcht zu
haben das ist ja lächerlich!"
Doch trotzdem mußte er unwillkür
lich an die Angst denken, die ein Jeder
vor dem Vater Baudruche hatte, und
dieser Gedanke quälte ihn am meisten.
Endlich beschloß er, sich Klarheit zu
verschaffen; doch alles hatte wieder die
Unbeweglichkeit der Vernichtung ange-
nommen.
Ich habe mich von einer Sinnes
täuschung ängstigen lassen; diese Leute
sind ja toll mit ihrer Summen Leicht-
gläubigkeit; schließlich hätte ich auch
geglaubt, ihr Vater Baudruche wolle
mir einen Streich spielen!
Doch er hatte noch nicht seinen Ses-
sel erreicht, als das Tuch sich von
Neuem zu bewegen begann.
Wieder ging er zu dem Todten.
Diesmal war kein Zweifel möglich;
seine Augen hatten ihn nicht getäuscht:
unter dem Leichentuch bewegte sich et
was. Er packte mit fester Hand zu,
während er mit der anderen das Lin-
nen hochhob.
Doch in demselben Augenblick stieß
er einen lauten Schrei aus; eine
schwarze Masse sprang ihm mit einem
Satz in's Gesicht und verursachte ihm
einen heftigen Schmerz. Bei der ver
theidigenden Bewegung, die er machte,
warf er den Tisch und die Kerze um,
verlor dann selbst das Gleichgewicht,
als er sie im Fallen fassen wollte, und
stürzte auf die kleine Lampe, die eben
falls niederfiel und das Zimmer in tie
fer Dunkelheit begrub, während das
unbekannte Thier, wie eine Kugel hin
und herspringend, durch das Zimmer
raste und wie toll fauchend Stühle und
Teller herunterriß.
Als am nächsten Morgen die Leute
mit dem Sarge kamen, fanden sie den
Studenten der Lange nach auf dem
Fußboden unter den umgerissenen Mö-
beln mit zerkratztem Gesicht, während
auf dem Fenstersims du kleine Katze
des Verstorbenen saß und sich in der
Sonne vergnügt die Pfoten leckte.
Schonung der Auge.
Dieses Aufsatzthema wurde der 2.
Klasse einer deutschen Gemeindeschule
gestellt und brachte u. a. folgende Stil
blüthen hervor:
Wenn Jemand schwache Augen und
wenn er lange liest und wenn es vor
seinen Augen flimmert und wenn er
merkt, daß es vor seinen Augen flim
mert und wenn es nicht aufhört, trifft
die Augenschwache ein.
Ferner muß man noch beachten, daß
bei Tage das Lichi und bei Abend die
Lampe von links auf unsere Arbeit
fällt.
Um das Auge vor Zug zu hüten,
darf man sich während der Fahrt nicht
aus den beiden Wagenfenstern hinaus
lehnen.
Man soll den Kindern, wenn sie im
Bett liegen, nichts von hinten zeigen,
denn die Kinder müssen dabei ih Äu
gen zu sehr verdrehen.
Philadelphias Bürgermeister.
Sein Zhq im Kamps gegen den dortige
republikanische tHiitg."
Der Matior John Weaver von Phi
ladelphia, dessen Sieg im Kampfe ge
gen den dortigen republikanischen
Ring" in der Angelegenheit der Ver
Pachtung der städtischen Gasanstalt im
ganzen Lande die höchste Aufmerksam
keit erregt, ist 43 Jahre alt und Eng
länder von Geburt. Er kam im
Alter von 10 Jahren nach Amerika
John Weaver.
und bethätigte sich in Philadelphia zu-
nächst als Officejunge, sowie hierauf
als Clerk in einem TepartementSladen.
John Weaver erlernte die Stenogra-
pme, studirte die Rechte, wurde zur
Barre zugelassen und übte zehn Jahre
lang die Advokatenpraxis aus. Zum
Distriktsanwalt erwählt, führte er als
solcher einen energischen Kampf gegen
Wahlschwindler. Bürgermeister der
Stadt der Bruderliebe" ist Weaver
seit 1903.
John Weaver ist ein eifriger Nachts-
mann und der erste Engländer von
Geburt, der in einer großen amerika
Nischen Stadt das hohe Amt eines
Bürgermeisters bekleidet.
Kronprätendent als polarfahrcr.
Der Herzog von Orleans und sein neucstc
gefahrvolles Unternehme.
Fast gleichzeitig mit der Nachricht
von dem Ableben des als Förderer der
Nordpolarforschungen bekannten Mil-
lionärs William Ziealer auf Great Js-
land, Conn., traf die Kunde von der
Abfahrt der Velgica" von Tromsoe.
Norwegen, ein. An Bord des Fahr
zcuges befindet sich der französische
Kronprätendent Louis Philippe Robert
Herzog von Orleans, der die Belgica"
Der Herzog von Qrlezn.
gekauft und auf seine Kosten ausge
rüstet hat. Sein Programm besteht in
der Aufsuchung der unter der Leitung
Anthony Fialas stehenden Ziegler'schen
Nordpolarexpedition, die vor zwei
Jahren auf der America" Tromsoe
verließ und verschollen ist. Zwei seit
dem abgegangene Hilfsexpeditionen ha
ben vergeblich Umschau nach der
America" gehalten. Des Weiteren
will der Herzog einen Vorstoß nach dem
Nordpol versuchen.
Die Belgica," ein Dampf-Walfisch-fänger,
ist ein bewährtes Schiff. Auf
ihr führte eine belgische Expedition in
den Jahren 1897 bis 1899 eine antark
tische Reise aus. Der Kapitän, die
Mannschaft und der wissenschaftliche
Stab des Fahrzeuges besitzen reiche Er
fahrungen hinsichtlich der Verhältnisse
und Gefabren der Polargegenden.
Der Herzog von Orleans.' der jetzt
36 Jahre zählt, wurde in Twickenham.
England, geboren. Er war zwei Jahre
alt. als in Frankreich das Exilirungs
gesetz gegen seine Familie aufgehoben
wurde und seine Eltern mit ihm nach
der Heimath zurückkehrten. Louis Phi
kippe Robert absolvirte hier das Jesui-ten-Kolleg
Stanislaus und wollte eben
in die Pariser Universität eintreten, als
das Exilirungsgesetz erneuert ward
und die Familie wieder nach England
ging. Louis Philippe Robert besuchte
dort das Royal Military College in
Sandhurst und diente ein Jahr als
Leutnant in der englischen Armee. In
der Absicht, sich als Gemeiner in das
französische Heer einstellen zu lassen,
besuchte er eines Tages Frankreich, wo
er zu zwei Jahren Haft verurtbeilt.
nach vier Monaten jedoch freigelassen
wurde. Der Herzog von Orleans ist
seit 1890 mit der Erzherzogin Maria
Dorothea von Oesterreich vermählt.

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