OCR Interpretation


Indiana tribüne. (Indianapolis, Ind.) 1878-1907, September 09, 1905, Image 7

Image and text provided by Indiana State Library

Persistent link: https://chroniclingamerica.loc.gov/lccn/sn83045241/1905-09-09/ed-1/seq-7/

What is OCR?


Thumbnail for 7

7
ff
M
5"5 4"? k 5
44 k-i
4
xe er i6
3"S
este
tt
.. ...
TT
4
4-4 kZ
f
4
(Fortsetzung.)
t
l.
Der Korso haite bereits seinen An
fang genommen. Auf der tiefblauen.
sonnenflimmerndenWasserflächeglitten
die blumengeschmückten Boote hin und
her. die einen wie langsam ziehende
Schwäne, die anderen wie vom Bogen
geschnellte Pfeile. Dazu spielte die
Musik, Lachen. Singen, scherzende, be
wundernde Zurufe klangen hin irnd
her, und Blumen flogen von Äoot zu
Boot und von den Zuschauern am Ufer
zu den Booten hinüber. . Der Spiegel
des S'es war wie mit Blüthen über
sät. ' Palmer hatte von einem öer feilvie
tenden Blumenmädchen eine Anzahl
Sträußchen gerauft, die Liane mit
kindlicher Freude zu den Booten hin
überwarf und glücklich lachte, wenn
eines derselben sein Ziel erreichte. Und
jedesmal schlug sie die Augen mit stol
zem Leuchen zu Palmer auf, als er
warte sie nun von ihm für ihre Ge
schicklichkeit eine besondere Anerken
nung. Lächelnd nickte er ihr zu und etwas
von ihrer Heiterkeit begann allmälig
auf ihn überzustrahlen.
Da klangen unter den Zuschauern
laute Bravorufe auf. Vom jenseitigen
Ufer herüber kam noch ein einzelnes,
prächtig geschmücktes Fahrzeug daher.
Eine große, schwarze venezianische
Barke, von schwarzgekleideten Gondo
lieri gerudert. Von goldenen Stäben
getragen schwankte in luftiger Höhe ein
schwarzsammtnes Zeltdach. Hoch
ftämmigeNiesensonnenblumen umstan
den dicht gereiht den Rand der Barke,
und hinter dieser goldenen Blüthen
fülle, von ihr verborgen, saß eine über
rnüthrge Gesellschaft, lachend und sin
gend zu Guitarren- und Mandolinen
klängen. Eine Weile strich die Gondel mit
sanftem Schaukeln in der Mitte des
Sees hin und her. dann machte sie
plötzlich eine Wendung und näherte
sich, von stärken Ruderschlägen getrie
ben, der Uferstelle, wo Palmer und
Liane standen. Dunkelhaarige Künst
lerköpfe und reizende Mädchengesichter
bogen sich lachend zwischen den Blü
thenstämmen heraus. In der Mitte
des Kahnes aber, wie emporwachsend
aus den goldenen Riesenblüthen, auf
recht stehend, im gelbseidenen Gewände
eine herrliche Frauengestalt, wje die
Verkörperung blühender Sommerson
nenpracht. Stolz flammten die dunk
len Augen, um die gluthenden Lippen
aber lag ein sinnbethörendes Lächeln.
.Frau Jutta!"
Liane hatte es gerufen, in entzückter
Begeisterung den Strauß sich von der
Brust gerissen und in schwingendem
Bogen zu der Barke hinübergeschleu-
St iCXt fcrrll rntl rti?Tf surrn?
Wtt Vlb IjW ü"jlk QVUV
Jutta hatte sich mit vorgestreckten Hän-
den die Blüthen erhascht, hob dieselben
an die Lippen und winkte dann grü-
ßend zu Liane hinüber.
, Dann war sie verschwunden hinter
den Sonnenblumen.
X!wne arer, mit uv.otn yanoen oem
Fahrzeug nachwinkend, rief noch ein-
mal: Frau Jutta Detlef, es war
ja Frau Jutta!"
Da hatte seine Hand ihren winkend
erhobenen Arm herabgezwungen. Was
fällt Dir ein! Wie kommst Du dazu,
sie so zu nennen!"
Sie bat mich doch darum," gab
Liane zurück, noch immer der Gondel
nachschauend.
Sie bat Dich darum sie, Dich?
Was soll das beißen? Wann hätte
sie Dich darum gebeten?"
Gestern, als ich bei ihr war." Lä
chelnd blickte Liane ihn an.
Es ging wie ein Riß durch ihn hin.
Du warst bei ihr Du allein?"
Sie schob die Hand unter seinen
Arm. Es kam ganz zufällig. Ich
ging an ihrem Hause vorbei, da war
sie im Garten und rief mich hineien."
Uno das verschwiegst Du mir?"
Unnatürlich ruhig kam es von seinen
Lippen, während seine Augen dsrthin
gingen, wo mit ihren flammenden
Sonnenrosen die schwarze Barke zog.
Liane bog sich gegen ihn vor und sah
ihn halb neckend, halb mit einem leisen
Fragen, an. Ich dachte nicht daran,
es Dir zu verschweigen wie Du es
mir verschwiegen hattest, daß Du auch
bei ihr warst."
Da fiel ihm der Arm, darauf Lia
nens Hand ruhte, schlaff am Körper
herab. Das sagte sie Dir?"
Hätte sie es mir nicht sagen sollen?
War ein Geheimniß dabei?"
Wieder das neckende Fragen Doch
plötzlich hatte sich ihr Gesicht verwän
delt durch einen Blick, der von Palmer
zu ihr herübersprang. Ein bis auf's
Unerträglichste gepeinigter Blick, der es
ihr zuschrie: Ja, es war ein Geheimniß
dabei!
In ihre Augen kam ein leerer, irren
der Ausdruck. Was hatte denn das zu
bedeuten? Was verbarg er ihr da?
Welches Geheimniß hatte ihn zu Frau
Jutta getrieben, die. ja . auch nicht
wußte, was er von ihr gewollt. Oder
wußte sie es vielleicht doch und hatte es
ihr nur verheimlichen wollen, so wie er,
damit sich ihr schönes Köpfchen" nicht
besckwerte?
s
LJE Ji .Ti A juL Jufi
T IT
,, .f. -. .. I- JL .- -- -- -- J, .f.
'' w V 4 w V V , . TT
K
m
Roman von
ilcirntijx Erlitt
tdjmcdtclncr 4
L!
Alles vor ihr lüzwamm wie tn einem
dunklen Flor. Ihre Hand tastete wie
der nach Palmers Arm.
Detlef, was ist es. das Du vor mir
verbergen willst?"
Ihre bebende Stimme klang hinein
in seinen Zorn gegen sie, die sich in kin
discher Blindheit gebrauchen ließ zu
dem frevlen, verderblichen Spiel. Oder
wäre ihre Blindheit auf dem Wege des
Sehendwerdens? Käme ihr ein Ahnen
davon, was ihm Frau Jutta war?
Wie ein gewaltiger Herzstoß ging es
durch ihn hin: Wär's an dem! Käme
es doch dazu, daß von Liane die Lö
sung eines Verlöbnisses ausging, das.
auf Lüge aufgebaut, immer tiefer in
Trug und Lüge hinein verstrickte!
Von dem Uferrand, aus der Hör
irnd Geficktsweite der Schaulustigen,
waren t zu öen einsamen Anlagen
hinübergeschritten.
Da beizte er sich gegen Liane vor
und sah sie mit athemlosem Warten
an. Sprich, was denkst Tu was
glaubst Tu, daß ich vor Tir verbergen
will?"
Und im nächsten Augenblick hätte er
hellauf lachen mögen, ein selbstverhöh
nendeö Lachen, daß er gewähnt, Liane
könne Zweifel hegen an ihm, an seiner
Liebe für sie. an seiner Wahrhaftigkeit
an seiner Ehre.
Sie glaubte an ihn! Wie sie die
Augen aufschlug und ihn ansah, das
war der Glaube selber. Und an diesen
Glauben rührte kein Arg und Miß
trauen, den müßte er ihr schon mit bru
talen Händen aus dem Herzen reißen,
wenn es ihn gar zu sehr anwiderte,
noch länger der erbärmliche Komödiant
zu sein, als der er vor ihr sich fühlen
mußte.
Deine Sorgen willst Du vor mir
verbergen, Detlef! Mit Deinen Sorgen
bist Du hin zu Frau Jutta gegangen,
hast Dich gegen sie aussprechen wollen.
Dir vielleicht Raths bei ihr erholen "
Lachen hätte er mögen, nur immer
lachen! Mit seinen Sorgen hin zu
Frau Jutta, seinen Geldsorgen viel
leicht einen Borg bei ihr anlegen!
Beißender Hohn verzerrte seine Lip
pen, wie er ganz langsam fragte: Hat
sie Tir das vielleicht erzählt das da
von meinen Sorgen?"
Rein, nichts hat sie mir erzählt,
gar nichts. Aber ich weiß ja, fühl's ja,
immer mehr fühl' ich es. daß Dich
Schweres drückt und weiß auch, warum
Tu es yor mir verheimlichen willst.
Aus Liebe, aus Zartgefühl, weil ich
Dir ja doch nicht helfen könnte, weil ich
arm bin. so bettelarm!"
Das schmerzliche Beben ihrer Stim
me rührte sein Herz. Unwillkürlich
legte seine Hand sich um die ihre. Laß
das, Liane schweig davon!"
Aber leidenschaftlich fiel sie in sein:
Worte: Nein, heiß mich nicht schwei
gen, weiche Tu selber mir nicht aus!
Sag mir die Wahrheit, Detlef Du
bist sie mir ja doch schuldig, mir
Deiner Braut, die bald Deine Frau
werden soll. Ich aber weiß ja doch, daß
Du mich liebst, wie ich Dich liebe,' aber
sag's mir: hast Tu's gewußt, wirklich
gewußt, daß ich so völlig arm bin?
Meine Kleider und was mir sonst die
Tante geschenkt hat, das kann leicht
täuschen, euch Frau Jutta hatte ge
meint, ich müßte vermögend sein. Also
sag, Detlef, hättest auch Du nicht dck
vielleicht geglaubt "
Wie ihre Augen nach Wahrheit rie
fen und doch flehten: laß es nicht
Wahrheit sein!
Und in sich selber vernahm er ein
anderes Rufen: Laß es sie glauben!
Mach' ein Ende, erspar' ihr die Krän
kung des Betrogenseins! Laß sie's
glauben, daß Tu in einem Augenblick
der unbeherrschten Leidenschaft veraa-
ßest, was Vernunft und des Lebens
Anforderungen Tir anders geboten
hätten, laß sie's glauben.- daß Du kein
armes Mädchen Dir heimführen durf-
test!" '
'uctv Zerles Palmer illZwreg uno
schaute zur Erde nieder.
Liane drängte sich dicht an ihn ber-
an, bangende Angst immer mehr m
Herzen. Es ist so. Detlef, mit Deinem-
Schwelgen saast Tu es irnr, daß es so
ist. Unschuldig hab' ich auch Dich mit
falschem Schein getäuscht. Hättest Tu
von allem Anfang an meine völlige Ar
muth gewußt. Du hättest mich vielleicht
nicht weniger geliebt, aber Du hät
test Dich nicht mit mir verlobt!"
. Noch immer schwieg er und hol? den
Blick nicht vom Erdboden empor.
Da deckte Liane ganz langsam die
Hände über die Augen, als könne sie
nicht noch mehr der grausamen Helle
ertragen, die über sie hereinbrach. Ich
weißes ja jetzt, daß Du nur eine reiche
Frau heirathen durftest."
Der hoffnungslose Klang ihrer
Stimme riß ihn zusammen. Er trat
wieder an ihre Seite und zog ihr die
Hände von den Augen herab Nicht
so. Liane. Laß unö warten, ein paar
Tage, ein paar Wochen noch. Morgen
beginnt auf den Feldern der erste
Schnitt. Vielleicht wenn die Ernte ein
gebracht ist, hat auch alles wieder ein
helleres Aussehen bekommen. Darum
quäl Dich und mich jetzt nicht unnütz,
Kind!"
Leise strich er über ihr geneigtes Ge
sicht. ' Da fuhr -ihre Hand empor, und
klammerte sich um die seine. Deine
Liebe für Deine Liebe dank' ich Dir,
Detlef! Ob's hell wird oder dunkel.
Aber jetzt möchte ich nach Hause gehen,
Detlef ganz allein. Leb wohl, bis
wir uns wiedersehen."
Er drängte ihr seine Begleitung
nicht auf. Ein heimlicher Schmerz
durchzuckte ihn. Wehe thun, so wehe
thun das hatte er nicht gewollt.
Aber es war das beste so und
das ehrenhafteste! Und es mußte sein!
Sie zwang es ihm auf. daß es sein
mußte, Frau Jutta, von der nicht frei
kam, wer einmal der ihre gewesen.
Am nächstenTag deckt schwüle Gl::th
den Himmel wie ein graues, flimmern
des Tuch. Regungslos, stehen die
Bäume und sehen einander ängstlich
an. Wann zuckt der Blitz hernieder,
der droben hinter bleiernen Wolken
lauert? Wann fährt in die lastende
wfihi?il der brausende Sturm?
DaS !ärihh5äT Hübsches . geben.'
sagt Frau Mathilde und .schließt be
sorgt die Wohnstubenfenster. Hätte
auch ncch ein: Weile warten können,
bis die Ernte herein ist."
Detlef wollte, heut mit dem Schnitt
beginnen lassen."
Na. da geb's Gott, daß ihm kein
Hagelschlag dazwischen fährt!"
Ja, das gebe Gott!"
Liane hat ihre Handarbeit beiseite
gelegt und ist aufgestanden. Schwer
athmend, als drücke die Gewitterluft
wie ein Stein auf sie.
Die Doktorin wirft einen prüfenden
Blick auf die Nichte und meint: Dir
scheint der Korso gestern ja merkwürdig
bekommen zu sein. Siehst ganz elend
aus. Hast Tu schlecht geschlafen?"
Ja. Tante Mathilde."
Nanu, warum denn?"
Ich hatte Gesellschaft, die mich nicht
müde werden ließ lauter schwarze
Vögel."
Da, ehe Frau Mathilde geantwortet,
ist es, als lege sich eine gewaltige dunkle
Hand über die Landschaft draußen,
als breiteten sich Schattenschleier über
jeden Gegenstand. Und dann von ferne
ein unheimlich langgezogenes Pfeifen,
Winseln, wie von einem Thier, das die
wartende, lauernde Mordwollust nicht
länger mehr dämpfen kann.
Um Gottes willen, was gibt das!
Ich muß auf den Boden, die Luken sind
offen."
Frau Mathilde stürzt hinaus. Liane
eilt an's Fenster. Der Himmel wie ein
drohendes Angesicht, mit einem Lachen
darüber, wie der Neid lacht, gelber,
hämischer Neid.
.Lieber, lieber Gott, laß es nicht ge
scheben!" Sie'hat die Hände gefaltet, ringt sie
verzweifelt und blickt starr empor.
Lieber Gott, lieber Gott nicht
für mich, nur für ihn!" . '
Und das lauernde Raubthier springt
auf, stößt ein Siegcsgeheul aus, hebt
die Pranken und wirft sich auf seine
Beute.
Die Stirn an's zitternde Fenster
kreuz gepreßt, steht Liane wie entgei
stert. Da öffnet sich die Thür, der Doktor
tritt ein. ihm folgt seine Frau.
Hermann, ich sage Dir das ist
wie das jüngste Gericht! WtVs wohl
in der Stadt sein mag? Der June.
ich bitte Dich in seinem Wolken
kratzer!" Föhrenbach tritt zu Liane. Kind,
geh vom Fenster weg!"
Nein. Onkel, laß mich!"
- Hermann, ich bitte Dich, Du mußt
Dich mit mir auf's Sofa setzen, ich
fürchte mich. Und Du darfst auch
nicht reden. Bei Gewiter schwatzt man
nicht."'
Und sie setzen sich auf's Sofa mit
einander, wie Frau Mathilde es wollte.
Blendender Schein erfüllt das Zim
mer. . ,
Eins zwei drei vier "
zählt die Doktorin. Da prasselt der
Donner, das ganze Haus erschüt
ternd. Nicht bis fünf bin ich gekommen.
Es ist über uns. Hermann. Liane.
Du bist wohl wahnsinnig so aus
dem Fenster zu starren!"
Die rührt sich nickt. Lieber Gott.
auf den Halmen sieht die reise Ernte!"
Ihre Lippen beben es, doch niemand
hört sie. An die Fenster prasseln plötz-
lich eisige Körner, und der Sturm
peitscht sie in wildem Tanze durchein
ander. Die gelbe Faust des Neides auf
Menschcnwerk!! Heisa, wie sie in gol
dene Hoffnungen schlägt und ihr
mitten in's Herz hinein, die das blonde
Köpfchen in die gefalteten Hände birgt
und um die Kraft der Liebe bittet, die
alles kann und alles trägt und alles
duldet.
Und Blitz auf Blitz wie Schlachten
feuer, und Donner auf Donner wie
Gewehrsalven! Dazwischen jauchzen
des Heulen und, wie von frevelnden
Händen geschleudert, mörderische Wurf
geschosse, faustgroße Hagelstücke. Schlag
auf Schlag! Und mit jedem Schlag ein
stummer Schrei: ihn trifft es, ihn!
Liane hört kaum, daß der Doktor
zu ihr spricht, sie beruhigt sie lauscht
in sich hinein, der Stimme, die da ruft
und fordert: Um Deiner Liebe willen
sei stark! Hilf ihm auf Deine Weise!
Gib ihm den Weg frei, den ihm Deine
Armuth verstellt. Keine Last darfst
Du ihm werden! Gib ihn frei! Ein
Mann vergißt, verwindet Du aber
mußt es können in dem Bewußtsein.
einmal von ihm geliebt worden zu
sein!"
In die Knie zusammengesunken ist
Liane, über sie hin flammt weißes
Leuchten, als habe der Himznel sich ge
öffnet, und dazu ein Rollen und Knat
tern, daß die Wände schüttern.
Eingeschlagen hat's!" ruft der Dok
tor und stürzt an's Fenster.
Im Garten draußen ein Brechen
und Rauschen die Krone eines
früchteöeladenen Birnbaumes liegt am
Boden.
Liane hat den Blick erhoben und
starrt auf den Baum. Vom Blitz ge
troffen, um alle Hoffnungen betrogen,
wie der da draußen mit seinen Früchten
erschlagene Baum! .
Und wieder flammt das Zimmer.
Hellauf schreit FrauMathilde. Her
mann, ich bitte Dich die Welt geht
unter!"
Ja. es geht unter, mein ganzes,
ganzes Glück."
Die es mit bleichen Lippen geflüstert,
gleitet in's Dunkel hinein und lehnt
sich gegen die Wand.
Endlich ermattet das Hagelgeprassel,
das Donnergrollen, und dann rauschen
Reaenschauer hernieder, wie ein unend
liches Weinen über die Macht derer, die
da zerstören.
Gott sei gelobt und gepriesen, die
Geschichte kriegt wieder ein menschliches
Anseb
zer orior rnar. ,,s ya: ncy aus-
getobt, wie's scheint."
Da tritt aus dem Hintergrund des
Zimmers wieder Liane hervor, lang
sam mit geisterhafter Ruhe, die Hände
gegen die Brust gedrückt, und wieder
holt es: Ja. es hat ausgetobt auch
in mir. Und im Sturm hab' ich mei
nen Weg gefunden. Helft mir, daß ich
ihn bis zu Ende gehen kann. Sobald
das Wetter es zuläßt, gehe ich nach
Moorheide und bringe Detlef seine
Freiheit zurück."
Hätte es nochmals eingeschlagen,
Frau Mathilde wäre nicht fassungs
loser gewesen als jetzt, wo ihr sogar
das Wort versagt. Auch der Doktor
starrt in völliger Verständnißlosigkeit
Liane an.
Ja," ruft Liane, ohne daß in ihrem
erblaßten Gesicht ein Muskel zuckt, ich
thu's, weil ich es thun muß! Die ganze
Nacht hab' ich umsonst um den Muth
dazu gekämpft. Jetzt fand ich ihn.
Das Schicksal hat gesprochen, hat ihm
die Ernte zerschlagen, hat neue Sorgen
auf die alten gehäuft! Da will ich ihm
helfen in meiner Weise. Er soll stch
nicht mit einer armen Frau belasten,
soll kein Leben der Entbehrungen an
meiner Seite führen."
Aber Kind, Kind ... Du bist ja
krank komm doch zu Dir!"
Der Doktor klopft ihr begütigend
auf die Schulter, Frau Mathilde läuft
aufgeregt hin und her.
Solch ein Mädel, nein, so was von
Ueberspanntheit! Um so eine einzige
Ernte! Wird ja wohl Moorheide noch
nicht umschmeißen. Was ist denn nur
in Dich gefahren?"
Sie preßt die Hände ineinander und
stößt in flehender Angst heraus:
Macht es mir nicht schwerer, was ich
auf mich nehmen muß. In einer schwa
chen Stunde hat seine Liebe über seine
Vernunft gesiegt. Mein Lebtag werd'
ich ihm für diese schwache Stunde dan
ken. Aber ihn zu seinem Unglück an
meiner Liebe zu mir festhalten nein,
das will ich nicht! Ich selber würde
ja in Noth und Elend mit ihm gehen.
Daß er's nicht könnte, das hab' ich
gestern gefühlt. Und darum fragt mich
nichts, "helft mir, laßt mich zu ihm
gehen jetzt auf der Stelle!"
Ueber's Fenster gleitet leise ein erster
Sonnenstrahl wie ein verweintes Lä
cheln. Liane deutet hinaus und nickt, als
spräche einer vor seinem letzten Gang
im Leben: Da es ist so weit."
Und mit schweren Füßen geht sie zur
Thür, als ihr Frau Mathilde nach
stürzt, sie festhält und rüttelt, als wolle
sie eine Todte erwecken.
Mädel. Mädel, was willst Du uns
denn für Geschichten machen? Liane,
ich frage Dich, das hat einen anderen
Grund! Und den sagst Du mir!
Was hast Tu dem Palmer vorzuwer-
fen? Bist Du gar etwa eifersüchtig
auf auf irgendwen?"
Liane versteht die Frage kaum, sie
drängt nur fort in verzweifelter
Flucht vor des eigenen Herzens Feig-
heit.
Ta schrillt die Hausglocke.
Frau Mathilde sinken die Arme von
Lianens Schultern. Bei dem Wet
.ter kommt wer? Hermann, das wird
was für Dich sein."
Tas Mädchen kommt und meldet:
Der Postbote mit 'nein ei.qeschriebe-
nen Eilbrief für's Fräulein ist da!"
Liane erzittern die Kniee, sie weiß
nicht warum.
Da steht schon der Postbote, den
Frau Mathilde in die Stube gerufen,
vor ihr und reicht ihr einen groszen
dicken Brief entgegen. Mit bebenden
Fingern unterzeichnet sie die Quittung,
studirt den Abgangsstempel und ruft
alsdann erleichtert und doch zugleich
betroffen: Aus Meran! Aber fremde
Schriftzüge sind's."
(Fortsetzung folgt.)
DZeMikasa," Admiral
Togos Flaggschiff in der Seeschlacht
gegen Rofchdjestvensky, führt den Na
men eines mäßigen, aber prächtige
Fernsicht bietenden Berges, - des Mi
kasa, Drei-Hut," bei der ehemaligen
Hauptstadt Nara.
Die Wa?)f.
Von Gin) de Teramond.
Da sie nicht zusammen leben konn
ten, so ließm sie sich scheiden. Die Ge
schichte ist mehr als alltäglich. Wie ge
wohnlich gegenseitige Abneigung; das
Urtheil gab in seinen Gründen keinem
von beiden Recht; das Unrecht und
die Schuld waren auf beiden Seiten.
Und da Kinder vorhanden waren
Zwillinge so entschied das Gericht,
die Mutter sollte sich das eine wählen,
und der Bater sollte das andere be
halten. Herr und Frau Girianne batUi: sich
aus Liebe geheirathet. Es war eine
Liebe auf den. ersten Blick, ein Blitz
schlag, ein Sturm der Leidenschaft.
Sie war eine zierliche und zarte Blcn
dine, er ein kräftiger, stattlicher Mann.
Das ewige Gesetz der Kontrasie hatte
diese Ehe zu Stande gebracht. Zwei
Monate nach ihrer ersten Begegnung
fuhren sie als Neuvermählte nach
Nizza, sich im Luxuszuge innig um
schlungen haltend. Ein reizendes Paar,
sagte man in ihrer Umgebung. Und
das war auch richtig. Im fünften
Jahre verkehrten sie nur noch durch
ihren Anwalt mit einander. Kurz nach
den Flitterwochen war ihnen das ge
meinsame. Leben zu einer Hölle gewor
den. Als die Leidenschaft der ersten
Wochen vorüber war, hatte ihr Charak-
ter die Oberhand gewonnen. Er hatte
sich als eifersüchtig, brutal und mür
risch gezeigt; sie war nervös, zanksüch
tig und launenhaft geworden. Im
Grunde waren sie beide nicht bösartig,
aber die Liebe war schon entschwunden;
sie konnten ihre beständigen Zänkereien
nicht mehr durch gegenseitige Konzes
sionen mildern. Und von einem Tag
zum andern wurde der unüberbrückbare
Graben zwischen den beiden Gatten,
die nach und nach Feinde geworben
waren, immer tiefer.
Die Geburt zweier kleinen Jungen.
Pierre und Paul, hatte die Eintracht
in der Häuslichkeit für einige Zeit wie
der hergestellt und die Gatten in gegen
seitiger Liebe zu den kleinen Wesen
einander näher gebracht. Dann hatten
die Streitigkeiten von Neuem wieder
begonnen; die Haushaltungsgegen
stände flogen von Neuem durch die
Stuben; die Schwiegereltern hatten
sich hineingemischt und das Feuer ge
schürt, das nur eines Hauches bedürfte,
um hell aufzuprasseln; dem Schmollen
waren die heftigsten Szenen gefolgt;
dann war jeder wüthend, empört,
außer sich seine eigenen Wege gewan
delt. '
Indessen mußte man nun vollstän
big ein Ende machen; die Kinder wa
ren während der Scheidung ihre: Groß
mutter anvertraut gewesen; diese
Situation konnte nicht ewig so weiter
gehen; der Anwalt des Herrn Girianne
theilte dem der Madame Girianne mit.
sein Klient wünsche, daß das Urtheil
zur Vollstreckung gelange, seine Frau
solle also Pierre oder Paul mitnch
men, damit der andere in die väterliche
Wohnung zurückkehren konnte.
Mehrmals war Madame Girianne
zu ihrer Schwiegermutter gegangen,
um sich eins der Kinder zu holen; doch
sie war verwirrt, perplex fortgegangen,
ohne sich entschließen zu können. Sie
liebte sie beide gleich. Wenn sie sich
noch ähnlich gesehen hätten, vielleicht
hätte sie dann den Muth gehabt, sich
zu entschließen und einen, gleichviel
welchen, mitzunehmen, aber es war
nicht möglich, zwei so verschiedenartige
Naturen zu finden, wie es diese beiden
Kinder waren; der eine war das
-Ebenbild semer Mutter, der andere das
seines Vaters; Pierre war ein feiner,
zarter Blondkopf; Paul, der ihn weit
überragte, war brünett und kräftig
und versprach später ebenso stark wie
Herr Girianne zu werden.
Welchen sollte sie wählen? Ihr
lebendes Abbild oder das des Man
nes, den sie trotz allem angebetet und
an den sie nicht denken konnte, ohne
daß sich ihr Herz heftig zusammen
schnürte. Eine entsetzliche Wahl, und
willenlos stand sie vor der dringenden
Nothwendigkeit, zu der sie sich selbst
verurtheilt hatte. Denn sie durfte sich
nicht täuschen; das Kind, das man ihr
nahm, kannte sie nicht mehr; trotz des
Rechtes, das ihr das Gericht zugestand,
es in der Woche einmal 'zu sehen
als Austausch sollte sein Bruder an
diesem Tage zu seinem Vater gehen
würde sie für ihn nur noch eine Fremde
sein, wenn Herr Girianne seinen Sohn
nicht gar sie hassen lehrte.
Es ist , doch etwas trauriges um
solche Scheidung, denn sie traf sie ja
grade in den geheiligten Gefühlen ihrer
Mutterliebe! War es etwa ihr Schick
sal, von jetzt ab ohne Zuneigung und
ohne Schutz durch das Leben zu c;ehen?
Sollte sie die schönsten Jahre ihres Le
bens verstreichen sehen, bis ihre Haare
grau waren, und die Runzeln sich in
ihre Stirn gruben, ohne jemals den
unendlichen Genuß der erwiderten
Liebe kennen gelernt zu haben.
Und sie, sie hatte das alles so ge
wollt . i . und das Uebel war nicht gut
zu machen... einsam und allein, so
lautete das traurige Loos. das entsetz
liche Schicksal, das ihr hier auf Erden
noch vorbehalten war . . . Und doch . . .
war das nicht doch besser, als die
furchtbaren Szenen, die ihr Leben in
diesen Jahren gebildet hatten, und die
ihre grausamen Narben für immer in
ihr zurückgelassen?
Vielleicht war es sogar das Beste!
Und dieses Wort Vielleicht." in dem
gleichzeitig die Hoffnung und Be
dauern lag, das neben derDämmerung
der Vergangenheit auch die Morgen
röthe der Zukunft bedeutete, quälte sie
mit unsagbarer Angst.
Indessen wurde Herr Girianne un
oeduldiaer: er wiederholte fortwäb
rend seine Aufforderung, und zwar
immer gebieterischer. Um der Sache
ein Ende zu machen, drohte er, selbst
eins der Kinder zu holen, und das an
dere der Mutter zuzusenden.
So mußte sie denn die letzten Stu
fen des Kalvarienberges hinaufsteigen,
und ohne zu wissen, wie sie -ten festge
setzten Termin wieder einmal hinaus
schieben sollte, begab sie sich gebroche
nen Herzens zu ihrer Schwiegermutter,
fest entschlossen.' diesmal nicht allein
nach Hause zurückzukehren.
Infolge eines unerklärlichen Zufalls
befand sich ihr, Mann im Salon, als
sie eintrat.
Er erhob sich und begrüßte sie still
schweigend. Seit mehr als einem Jahre
hatten sie sich nicht gesehen; sie betrach
teten sich verstohlen; er schien ihr schö
ner als je mit seinen Athletenschultern,
seinem Siegerschnurrbart, seinen lusti
gen. schwarzen Augen; sie kam ihm
noch entzückender vor als früher mit
ihrem Teint einer blassen Rose, ihrem
schmachtenden Blick und ihrer zarten
Taille, die so schlank wie ein Schilfrohr
war. Doch wozu noch daran denken?
Das lag ja schon so fern! . . .
Madame," sagte er endlich mit
möglichst fester Stimme, 'ich freue
mich, Sie hier zu sehen. Wir wollen
endlich einmal einer Situation ein
Ende machen, die sich nicht so endlos
hinziehen kann. Wollen Sie mir mit
theilen, welchem unserer Söhne Sie
den Vorzug gegeben haben?"
Sie konnte nicht gleich antworten;
Thränen stiegen ihr in die Kehle und
erstickten sie; die Mutter empörte sich
in ihr; endlich gewann ihr Schmerz die
Oberhand, und sie rief:
Mein Gott, haben Sie denn kein
Herz, daß Sie mich zwingen wollen,
einen solchen Entschluß zu fassen...
Kann ich denn meine Kinder anders
als gleich lieben?"
Etwas bewegt, stammelte er: Aber
das Urtheil, ich habe doch das Recht"
Ja, Sie haben das Recht, aber
trotzdem wundert es mich, daß Sie den
Muth haben, mir einen solchen Vor
schlag zu machen. Nehmen Sie einen
Ihrer Söhne mein Herr ... welchen
Sie wollen ... ich beuge mich vor dem
Gesetz . . . Aber verlangen Sie nie von
einer Mutter, sie solle eins ihrerKin
der freiwillig ihrer Liebe und ihrer
Zärtlichkeit berauben . . ."
Er fühlte, wie Thränen an seinen
Wimpern perlten.
Jeanne," murmelte er, Jeanne.
Sie sind besser als ich! ... behalten
Sie Ihre Söhne ... ich werde mich
opsern...ich lasse sie Ihnen alle
beide . . . vielleicht werden Sie mich
dann nicht mehr hassen ..."
Ich hasse Sie nicht ..."
Sie hielt ihm frei und offen die
Hand hin: Und der Beweis dafür ist,
daß ich Ihren Vorschlag nur unter der
Bedingung annehme, daß Sie sie tag
täglich bei mir besuchen ..."
Er neigte seine Lippen auf ihre klei
nen Finger, die in den seinen zitterten,
und murmelte:
Ja, ich werde kommen."
Eine Berliner Uikscnl:anonk.
Ueber die berühmte Riescnkanone
Asia," die auf Befehl Friedrichs I.
vor 200 Jahren, 1704. von Jacobi ge
gössen und vor dem Berliner Zeug
hause im Kastanicnwäldchcn eusge
stellt, aber unter Friedrich dem Großen
1744 wieder eingeschm.olzen wurde,
bringt Professor Weinitz in der Zeit
schrift für historische Wafsenkunde" in
einem Aufsatz näheren Aufschluß. Von
Interesse ist die Beschreibung, wie der
Guß des 370 Centner schweren Rohres,
das eine 100pfündige Kugel schoß, zu
stände kam. Obgleich die Waffe wohl
nur ein Prunkstück darstellen sollte und
an einen Gebrauch für den Krieg kaum
zu denken war, gab man doch vom Ba-
stion hinter dem Zeughause einen
Probeschuß ab. Die Kugel soll über
die Stadt hin beinahe eine halbe Meile
in der Richtung gegen Tempelhof ge
flogen sein. Die Kanone war eine
Sehenswürdigkeit ersten Ranges im
Anfange des' 18. Jahrhunderts; 1712
stieg der Zar mittelst einer Treppe auf
das Rohr, um sich darauf zu setzen.
Endlich entdeckt. Ein Zuhörer des
Professors Muretus (gest. 1585) er
laubte sich einmal, eine Klingel mit
in's Kolleg zu bringen und während
des Vortrages zu klingeln. Ter be
rühmte Gelehrte, durch seine schlagfer
tigen und beißenden Witze bekannt,
sagte gelasien: Also endlich ist er ent
deckt. Ich habe mich nämlich schon
lange gewundert, daß unter einer so
großen Menge von Schafen sich nicht
auch ein Leithammel befinden sollt?."
Das Auditorium lachte, und das Ge
klinge! hatte ein Ende.
Gedankensplitter.
Zufriedenheit ist das Vergnügen an eige
nem. Neid das Mii.vergnÜLen an fremdem
Glück.
Wenn zwei Menschen sich fremd werde?,
sind sie sich's im Gründe immer gewesen.
Gerade diejenigen, die nicht nnterschriden
körnen, ob etwas g::t ist, tvisien alles desier.
TaS ist noch kein helles Licht, H man nur
leuchten sicht, wenn es ringsherum ganz
kinfter ist. '

xml | txt