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Indiana tribüne. (Indianapolis, Ind.) 1878-1907, October 11, 1905, Image 5

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Jndiima Tribüne, 11 Yktobcr 1905
Regen.
(Von Gisela Bogenhardt.)
Es senkt der 9!ußbaum feine vollen Aeste.
Die großen Blätter schaukelt still ttx
. Wind
In. langen Tropfen trieft der , Sommer-
regen
In Blüthenkclche. die weit offen sind.
,
Der grau vcrstanbtc Zaun hat feuchte
Flecke.
Tie Weitzdornheckcn brauen schtveren
Tust
Won den Akazien lösen sich die" Vn
Und taumeln trunken durch die schwüle
Lust.
Der Regen zeichnet ctringeT in die Pfützen
Und singt ein monotones Lied dabei
Es ist. als ob von seinem müden Singen
Tie Erde lächelnd eingeschlafen sei.
Meine Frau Wirthin.
Skizze aus dem Leben von Mar Wundtke-
Wieder einmal schritt ich durch die
Straßen an der Peripherie der Riesen
stadt und studirte die an den Hausein-
gängen hängenden Plakate: Hier ist ein
möblirtes Zimmer zu vermiethen. Ich
fand auch bald, was ich gesucht hatte,
im vierten Stockwerk ein einfach, aber
freundlich' - und sauber ausgestattetes
Zimmer. Der Blick ging auf eine Reihe
Zimmer- und Kohlenplätze hinaus.
Hier werde ich Licht, Luft und Sonne
genug haben, und ich sehe es gern,
wenn mir die Wetterwolken ein bischen
nahe 'sind. Kindergeschrei und Stra
ßenlärm dringen nicht so grell in mein
Ohr. Ich mag nicht auf sie verzichten;
sie gemahnen mich immer an das heiß
pulsirende Leben der Gegenwart und
an die großen Fragen der Zukunft;
aber sie sind doch hier oben nicht mehr
stark genug, um mich abzulenken. Und
dann kann ich hier oben Tag und Nacht
die Fenster offen lassen. ohi fürchten
zu müssen, meinen Schreibtisch all
mählich im Staubsande der Metropole
versinken zu sehen, wie die Stadt' Tak
lamakan in die Wüste Gobi. Und was
die Hauptsache ist ich wohne hier für
22 Mark im Monat recht angenehm;
unten ist's bedeutend theurer und lan
ge nicht so gut, wenn auch die Möbel
manchmal ein bischen, besser sind. Ich
hab's gut hier oben; alles ist spiegel
sauber und die junge Frau zumeist.
' Ein bildhübsches Ding! Und so
jung. Kaum dreißig, so möcht' ich schä
tzen. Einfach und sehr bescheiden geklei
det, aber durchaus geschmackvoll. Fast
möchte ich sagen, es liegt Schick in ih
rer,Art, sich anzuziehen, wenn das
Wort nicht an dieser Stelle gleich an
Frivolität klänge. Wie sie mir bei ei
nem Gespräch gestanden hatte ich
bleibe gewöhnlich aus dem Sofa liegen
und consumire meine Zeitung, wenn
sie das übliche tägliche Aufräumen des
Zimmers vornimmt, und da kommen
wir dann manchmal ins Plaudern
macht sie sich ihre Kleider selbst. Eine
alte Nähmaschine hat sie noch von ihrer
Mutter da. Sie hätte einmal ein be
sonderes Geschick dazu. Sie brauch:
nur einmal ein Kleid, das ihr gefällt,
oder ein Modebild zu sehen, sofort ist
sie im Stande, es nachzumachen. Sie
hätte ihrem Manne noch keinen Pfen
mg gekostet. Sie sagte das mit einem
gewissen, leuchtenden Stolz. Es schien
ihr wohlzuthun, so frei dazustehen von
der Hilfe ihres Mannes. Aber ich
konnte mir nicht helfen wenn ich
die Fraü so sah ich mußte sie mir
stets vorstellen in dem Gewände besser
gestelltes Gesellschaftsschichten. Sie
hätte den Charakter als Dame von
Rang und Bildung bejjer gewahrt als
manche, die jenen Kreisen angehört.
Ich habe mich immer wundern müssen,
wie ihr Mann, der doch ein gewöhnli
cher, roher, trunksüchtiger Patron war,
zu dieser Frau gekommen war. Fragen
wollte ich nicht, und Frau Kestner
sprach von sich selber niemals. Es war
immer die gleiche Freundlichkeit,? von
einer gefaßten Resignation wie von ei
nem Schleier überzogen. Immer hatte
ich die Empfindung, als müßte diese
Frau recht unglücklich sein; aber sie
verrieth nichts davon. Es lag ja doch
auch auf der Hand! Wie hätte sie glück
lich sein können in dieser Umgebung,
sie, die sich hier wie eine verirrte Bach
stelze unter einer Heerde Spatzen aus
nahm. Unwillkürlich wurde mein Ton ihr
gegenüber ein wenig wärmer, und sie
war dankbar dafür und umgab mich
mit einer Fülle von Aufmerksamkei
ten, die dem an das frostige Chambre
garnistenleben Gewöhnten doppelt
wohlthaten. Trotzdem schien sie sich
ängstlich zu hüten, mich einen Blick in
ihr Leben und Fühlen thun zu lassen.
Das änderte sich erst, als ich sie eines
Morgens mit einer blutunterlaufenen
Wange und einer Beule an der Stirn
ecke in mein Zimmer treten sah: Zwar
hatte sie ein weißes Tuch um das Ge
ficht geleat, daß es den Anschein er
weckte, als litte sie an einer Zahnge
, schwulst, aber blitzschnell zuckte mir die
Erinnerung an die vergangene Nacht
durch den Kopf. Da war ich munter
geworden von einem wüsten Lärm, von
zankenden Stimmen, Poltern,
Schreien, das über mir oder unter oder
neben mir stattfinden mußte. Am An
fang war ich ärgerlich über diese Stö
rung meiner Nachtruhe, und die glei
ehe Empfindung schienen auch andere
Hausbewohner zu haben; doch es hörte
deswegen nicht auf. Eine rohe, heisere,
fast krächzende Männerstimme bellte
auf eine Frauenstimme ein, die hörbar
bemüht war, sich zu unterdrücken. 62
war eine gedämpfte, weinende, wim
merrche Stimme, die nur zuweilen in
ein lanieres Aufkreischen überging.
Plötzlich ein lautes', gellendes Auf
schreien, begleitet von dumpfem Pol-
tern, als würden Möbel umgeworfen,
dann ein langes, immer schwächer wer
dendes Wimpern, und der Spektakel
schien einzuschlafen. Ich lag noch eine
Weile, schon von Anfana an wohl nock
ein wütig inSchlaftrunkenhelk gelauqr
lauschend und sinnend, bis mich mit
der die Jugend so glücklich machenden
Sicherheit der Schlaf wieder in seinen
Bann zog.
Am Morgen dachte ich nicht mehr
an die kleine Episode, aber sie stand
mir plötzlich mit aller Lebhaftigkeit
wieder vor der Seele, als meine Wir
thin mit dem verschwollenen Gesicht
eintrat.
Ich hatte mir einen Zusammenhang
zwischen den beiden Thatsachen herge
stellt und ging auch nicht davon ab, als
die Frau, meinen verwunderten und
fragenden Blick gewahrend, leichthin
erklärte, sie hätte sich gestern versehent-
lich an der offenen Kuchenthur gesto
ßen. Ich sagte nichts dazu, aber sie fühlte,
wie ich sie ur gläubig beobachtete. Ganz
'verloren, nach einer geraumen Zeit,
fing ich scheinbar unvermittelt an, von
dem wüsten, nächtlichen Lärm zu spre
chen.' wie sich die ganze Nachbarschaft
darüber erzürnt habe. Nun schien es
mit ihrer Selbstbeherrschung vorüber.
Sie ließ sich plötzlich, als wäre sie
mit einem Male an das Ende ihrer
Selbstbeherrschung gekommen, auf ei
nen Stuhl sinken, schlug die Hände vor
das Gesicht und weinte bitterlich vor
sich hin.
Ich ließ sie gewähren und fand auch
nicht den rechten Ton, sie zu trösten.
Offen gestanden, ich fürchtete, zu viel
zu sagen. Einmal, weil ich nicht ivuß
.te, wie, weit sie mir einen Einblick in
ihre Verhältnisse gestatten wollte, dann
aber auch, weil ich leicht allzusehr mein
eigenes Empfinden verrathen konnte.
Denn darüber war ich mir klar: für
diese Frau hätte ich etwas mehr thun
mögen, als sonst ein Chambregarnist
für seine Wirthin zu thun bereit war.
Das war mir ganz deutlich zum Be
wußtsein gekommen in dem Moment,
da ich die mir so furchtbare Verbin
dung zwischen ihrem geschwollenen Ge
sicht und der nächtlichen Skandalscene
hergestellt hatte. Da war ein grenzen
loses Mitleid und räthselhafterweise
zugleich eine Art Schuldbewußtsein
über mich gekommen, als ob ich durch
mein Verhalten die blasse, hübsche,
schweigsame Frau in dieses Elend ge
bracht oder doch daxin belassen hätte;
wenn ich mir auch schlechterdings nicht
hätte sagen können, was ich hätte thun
sollen.
So verging eine geraume Zeit, bis
sie endlich, zuerst stoßweise, abgerissen,
anfing, zu reden. Es wäre ja wohl
umsonst, mir noch etwas vorzumachen.
Ich hätte ja wohl schon längst gemerkt,
wie es draußen bei ihr stände. Mühe
hätte sie sich genug gegeben, ihr Leid
zu verstecken, aber es fei nicht möglich.
Alle Leute im Hause wüßten, wie sehr
ihr Mann sie manchmal schlüge. Der
Wirth habe ihm schon einmal die Woh
nung kündigen wollen, da die anderen
Miether sich beschwert hatten, daß er
nicht Ruhe halte.
Wodurch denn- dieses jammervolle
Leben so gekommen sei, fragte ich sie,
und ob er schon immer so gehandelt
habe.
Gott", meinte Frau Kestner, am
Anfang ging's ja, wenn er auch da
mals schon jähzornig war und zuwei
len betrunken nach Hause kam. Aber
das ist nun immer schlimmer gewor
den." Und der Grund?"
Sie zuckte die Achseln.
Was an mir liegt, thue ich gewiß.
Ich halte meine Wirthschaft in Ord
nung und besorge ihn, wie er sich's
nicht besser wünschen kann."
Aber dann versiehe ich nicht "
Gott, er ist ein Unzufriedener. Er
ist ärgerlich auf Gott und die Welt.
Ich bekomme ja den ganzen Tag nichts
weiter zu hören als Geschimpf. Wenn
er nid i über mich schimpft, dann über
die Arbeit, über die Menschen. Und
er muß jemand haben, an dem er seine
Wuth austoben kann. Wenn er dann
noch etwas getrunken hat, dann ist das
Unglück fertig."
Sie schwieg und weinte vor sich hin.
Ich wollte etwas sagen, aber jedes
Wort erschien mir so furchtbar über
flüssig und banal, daß ich davor, zu
rückschreckte. Nach einer Weile fing sie
selbst wieder an, mit jener müden, lei
sen Stimme, als spräche sie mit sich
selbst.
Und dann ist er wohl auch sehr ei
fersüchtig oder er thut nur so. Ich
selbst gebe ihm wahrlich feine Ursache
dazu. Hier kommt niemand her. und
wenn, dann bringt er sie selbst mit un,d
er ist immer dabei. Draußen auf der
Straße sehe ich niemand an. Aber
er findet mich hübsch und weiß, daß
ich mich mit ein bißchen mehr Ge
schmack kleide alsdie Frauen unseres
Standes, und er hat es auch gern so;
aber er bildet sich immer ein, daß die
Männer nach mir blicken, und das
bringt ihn so in Harnisch. Nun mag
es ja auch fein, daß er recht hat, wenn
er behauptet, ich behandle ihn und seine
Verwandtschaft und seine freunde so
j von oben herab. Ich hab es schon so
oft anders machen wollen, aber tch
kann nicht. Ich weiß nicht, wie es
kommt, ich bin doch auch bloß aus ei
ner Arbeiterfamilie, aber mich widert
das alles an, fo viel ich mir auch Mühe
gebe, mit ihnen zu lebe??. Das mag
ja wohl auch dazu beitragen, daß er
mir mißtraut." s
' Ich war eine Reihe von Tagen un-
fähig, mich in irgend einen Gedanken
einzuspinnen. Jmmxr wieder mußte
ich an die bittere Tragödie denken, wel
che die arme Frau zu durchleben hatte.
Sie ging mir nicht mehr aus dem
Sinn. Sie selbst mußte 'etwas wie
Scham und Reue empfinden, daß sie
mich einen so tiefen Einblick hatte thun
lassen, denn sie war scheuer und einsil-
biger die nächsten, Tage als sonst. .
Nun, da ich aufmerksam geworden,
fand ich, daß fast alle Tage schlimme
Scenen vorkamen; aber ich hatte nicht
den Muth, davon zu sprechen. Wie
der einmal war es in ganz früher
Morgenstunde es mochte die Zeit
sein, da er auf Arbeit" ging beson
ders stürmisch hergegangen. Als sie
nachher :n meinZimmer kam, um Ord
nung zu schaffen, erschien sie noch recht
aufgeregt.
Wenn das Leben für Sie so furcht
bar ist", fing ich ganz unvermittelt an,
können Sie denn da nicht loskommen
von dem Mann? Das 'ist ja ein
Elend."
Sie sah mich schmerzlich lächelnd
mit ihren großen Augen an.
Ach, wenn das wäre", sagte sie.
Ich hab's ja schon versucht. In un
seren Kreisen ist ja, Mißhandlung kein
Scheidungsgrund. Meine ' Klage
wurde zurückgewiesen, und er wurde
noch roher gegen mich, als hätte ich
durch meinen Befreiungsversuch den
letzten Rest von feiner Achtung verlo
ren. Ja, Sie haben recht, es ist ein
Elend! Wie lange ich das noch ertra-
gen werde? Ich fürchte manchmal, es
nimmt ein Ende mit Schrecken. Du
lieber Gott, wer das gedacht hätte!
Und ich soll einen Schutzengel haben?"
setzte sie mit bitterem Auflachen hinzu.
Ich sah sie verwundert an ob ihrer
eigenthümlichen Wendung.
Ja", fuhr sie mit schmerzlichem
Zucken der Mundwinkel fort, einen
Schutzengel! Als kleines Kind bin ich
einmal beim Spielen aus dem Flur
fenster gestürzt und mit ganz heiler
Haut davongekommen. Meine Mutter
war außer sich. Ich müßte einen ganz
besonderen Schutzengel haben, sagten
die Leute. Und dann später noch ein
mal. Ich war schon zehn Jahre alt.
Da fuhr ich mit unserem Milchfritzen
auf's Dorf hinaus. Noch ein Spielka
merad war dabei. Damals hatte man
ja noch nicht den Verstand ich hätte
es sonst nicht zugelassen. Unser Milch
fritze jagte nämlich mit dem Fuhrwerk
über die Bahngeleise weg. gerade als
der Schlagbaum geschlossen werden
sollte. Eine Lokomotive faßte die
Karre und warf uns auseinander. Als
ich meine Sinne wiederfand, war ich
völlig unverletzt. Das Pferd. war voll
ständig zermalmt worden. Der Milch
fritze starb nach zwei Tagen, und min
Spielkamerad ist heute noch ein Krüp
pel. Nur ich! Ja, damals war es
ganz gewiß, daß ich unter Obhut eines
besonderen Schutzengels stehen müßte."
Wieder dieses harte, bittere,' kurze
Auflachen, das so schrecklich in die
Seele schnitt. '
Schutzengel!" fuhr sie fort indem
sie sich mit einem Ruck aufrichtete und
wieder mit ihrem Staublappen zu
Hantiren begann. Ihre Stimme klang
jetzt fester, als wollte sie ihre wehmü
thige Stimmung mit Gewalt abschüt
teln. Ach, ich wollte, der Schutzengel
hätte sich damals nicht so angclegent
lich um mich gekümmert, damals
schon, als ich aus dem Fenster stürzte,
und dann später er hätte barmher
ziger gehandelt! Was ist denn mein
ganzes Leben bisher gewesen? Schla
ge von der Mutter, Schläge vom Va
ter, Schläge in . der Schule man
wollte ein frommes und fügsames
Kind aus mir machen, und es ging
doch nicht! Dann mit 14 Jahren in
die Fabrik, jeden Pfennig zu Haufe
abgegeben, bis ich diesen Mann heira
thete, heirathen mußte, weil es mir ein
gebläut worden war, daß Kinder ihren
Eltern Gehorsam schuldig sind. Und
nun wieder eingeengt in die Mauern
des Argwohns und der Beschränktheit,
abgeschnitten von jedem befreienden
Lufthauch, kümmerlich gefüttert und
reichlich geprügelt großer Gott, ich
ertrag' dieses Leben nicht länger."
In eine plötzliche Erschütterung
ausbrechend, warf sie den Lappen ha
stig auf die Erde und ließ sich auf einen
Stuhl fallen. Ein krampfhaftes
Schluchzen ging durch ihren Körper
und schüttelte sie so, daß ich ängstlich
wurde. Ich stammelte wirklich einige
Worte, die sie trösten sollten, aber was
konnte sie denn trösten?
Gab es überhaupt einen Trost für
das arme, gequälte Weib, das ein un
barmherziger Schutzengel zweimal für
eine freudlose Kindheit, für eine jam
mervolle Gegenwart und für eine tröst
lose Zukunft gerettet hatte. Sie fühlte
es auch wohl und wehrte ab; indem sie
mit den flachen Jnnenhänden die
Thränen in ihren Augen fortwischte,
sagte sie mit müder Stimme:
Ach. lassen Sie nur! Sie meinen's
ja gut, aber mir kann nichts helfen. Ich
wünschte, ich hätte iamals sterben kön
nen!" ,Jch sprach dann noch eine Weile auf
sie ein, aber sie cfcb nur spärliche, ein
silbige Antworten.
Als ich eines Abends spät nach
Hause tarn, fand ich auf dem Schreib
tisch, in einer großen Thonvafe einen
gewaltigen Busch blühender Linden
zweige. Es flog wie ein wohlig war
mer, Strom durch meine Nerven. Ich
hatte neulich ' davon gesprochen' wie
gern ich Lindenblüthen r?che, und nun
hatte sie mir diese Freude bereitet!' O,
dieses Weib! . Sie Ware das Glück des
Besten geworden! Lange hab' ich vor
diesem Strauß gesessen und mich n
quickt an dem köstlichen Duft, indeß
meine Gedanken sich um meine junge,
schöne, duldende Zimmerwirthin
spannten, schmerzlich -süße, wonnig-
wehmüthige Gedanken, gute und
unerlaubte.
Der Lindenbusch verblühte, und
mein Koffer war, gepackt zu einer klei
nen Sommerfahrt in den Harz. Am
nächsten Morgen in aller Frühe wollte
ich aufbrechen. Am Abend kam sie noch
einmal und erkundigte sich nach meinen
Wünschen. "Meine Wünsche? Ich
wußte augenblicklich wirklich nichts; es
.fei denn der Wunsch, daß ein wenig
von dem goldigen Sommerwetter
draußen auch in ihre Seele dringen
möge. Es wäre mein schönster Tag,
sie einmal fröhlich zu sehen.
Sie lächelte trüb und drückte dank-
bar meine Hand, 'denn sie wußte ja,
daß es mehr als Phrase war.
Sie müssen stark sein. Frau Kest
ner", meinte ich und gab den Druck der
Hand zurück.
' Wozu stark sein? Und wodurch
stark sein?" fragte sie. Zum Weiter
tragen? . Ohne Ziel? . Ich denke, jeder
Versuch, stark zu sein, erhöht und ver
längert die Qual. Nein, schwach sein,
ganz schwach sein, damit's ein Ende
hat."
. Sie beugte sich vor und ich sah an
ihrem Hinterkopf, nach dem rechten
Ohr zu, eine Stelle, von der die Haare
gewaltsam entfernt schienen. Diese
Stelle war dick angelaufen und'Pfla
Iter klebte darauf.
Eine wilde maßlose Wuth kam über
mich. Sie verstand meine Blicke und
griff hastig noch einmal nach meiner
Hand.
Leben Sie wohl", flüsterte sie;
dann war sie hinaus.
Ich habe sie nicht wieder gesehen.
Als ich nach sechs Wochen zurückkehrte,
klopfte es an meiner Thür. Das mir
so widerwärtige Gesicht des Kestner
im übrigen wohl. gar kein so unübler
Mann schob sich herein.
Ich würde wohl Bescheid wissen. Ich
möchte mich nur einige Tage noch so
behelfen; er würde schon dafür sorgen,
daß alles in Ordnung käme. Es sollte
alles so bleiben wie früher.
Ich verstehe ihn nicht. Was das be
deuten solle? ;
Nun, seine Frau wäre doch wäre
doch gestorben.
Frau Kestner gestorben? So plötz
lich? Wie denn das zugegangen sei?
Nun, das sei ja eigentlich eine recht
unangenehme Geschichte, aber- mach'
einer was mit den Frauen. Sie muß
wzhl etwas im Kopfe gehabt haben.
Er machte mit dem Finger eine be
zeichnende Gebärde.
Mir schien das Blut stocken zu wol
len. Was hat Ihre Frau
gemacht?" rang es sich schwer aus mei
nem Munde.
Er deutete auf das Fenster.
..'Da hinaus ist sie gegangen. Ja.
Bekden Weibern muß es manchmal im
Koppe nich recht richtig sein. Aber las
sen Sie man, Herr Doktor; ich werde
für eine gute , Aufwartung sorgen."
Nein, ich danke. Ich ziehe sofort
wieder aus."
Nanu?"
Ja! Sofort! Und bitte, verlassen
Sie mich; ich möchte allein sein".
Der Mann schob sich unwillig hin
aus. Großer Gott! Todt! Aus dem Fen-
ster gestürzt! Nun war sie also doch
schwach geworden, ganz schwach! Sie
hatte ja auch wirklich nichts mehr zu
hoffen. Und zum dritten Male hat
sie ihr Schutzengel nicht retten mögen.
Wäre er doch nur schon beim erste
Male so barmherzig gewesen!
G e g e n K e u ch-, B l u t- u n d
Krampf-Husten wird das fos
gende Mittel empfohlen. Einige weiße
Zwiebeln werden in heißer Asche ge
braten, dadurch entwickelt sich ihr
scharferStofs mehr und ihr Mark wird
breiartig erweicht. Nachdem die äü
ßere verbrannte Schale entfernt ist,
l:gt man das zerdrückte Mark auf ein
Stück, Zeug. Dieses Pflaster wird
nun so warm, als es vertragen werden
kann, auf die Herzgrube oder Magen
gogend gelegt, und zwar so, daß das
Mark auf der bloßen Haut liegt.
Nach dem Erkalten, ist nicht mehr
zu verwenden, sondern es muß frischer
Brei aufgelegt werden.. Bei nicht ge-
fährlichem Husten reicht es hin. diesen
Ueberschlag täglich 4 bii 5 Mal zu
wiederholen, bei sehr schmerzhaftem
Krampfe aber ist eine stündliche Er
Neuerung geboten. Bei Kindern hält
oft solcher Husten trotz aller Mittel
viele Wochen an. Dann hat meist ein
veränderter Ausenthalt (Wechsel des
Zimmers) und ine Luft großen Ein
fluß auf die Genesuug. Ueberhaupt
ist Lüften eine unumgängliche Noth
wendigkeit, nur hat man hierbei den
Kranken vor Zugluft zu. bewahren.
Schmutz flecke, die um die
Thürknöpfe herum entstehen, sind' mit
leichter Mühe durch Abreiben mit
troleum zu entfernen,- ohne daß die
Farbe der Thüren beschädigt Hürde.
. I x n't gegenfianve wie ave
wannen, Ausgüsse u. s. w. können
leicht gereinigt werden, wenn man s
mit - einer dicken Mischung vo
Schlemmkreide (Whitinz) . und Essig
überrekbt. - ';
Der japanische Fnndergott Jotei.
Qint lustige volkstümliche Kigur uud ein
intereffante Legende.
,' Der buddhistische Göttertempel
kennt neben Jdealgestalten auch recht
realistische Darstellungen, die meist
durch Uebertreibung gewisser körper
licher Formen einen grotesken, bald
Furcht erregenden, bald Lustigkeit er-,
weckenden Eindruck machen. Unter
ihnen der lustigste und volksthümlichste
ist Hotei. der Gott der Kinder. Sein
dick hervorquellender Bauch, das fette
Dqppelkinn. das runde lachende Gesicht
mit dem breiten Munde und den lan
gen Ohren wird jedem in fröhlicher
Erinnerung bleiben, der jemals den
dickbauchigen Alten gesehen hat.
Hotei ist einer der sieben Glücksgöt
ter Japans und obgleich der wenigst
würdevolle, ist er. der beliebteste. Sein
Bild beginnt erst im 15. Jahrhundert
in Japan bekannt zu werden. Die Le
gende erzählt, daß im 10. Jahrhundert
n. .Chr. ein Priester in China mit
dickem Bauche gelebt habe, der mit
Vorliebe in den Straßen mit Kindern
spielte. Er konnte im Schnee schlafen,
mied stets das Wasser und besaß die
Gabe, die Zukunft zu wahrsagen. So
wurde er eine volksthümlich und ver
ehrte Straßenfigur, deren eigenartige
Gestalt auch nach dem Tode in Erin
nerung blieb. Im Volke gilt er weni-
ger als Gott denn als ein glücklicher,
alter Geselle mit übernatürlichen Be
gabungen, dessen Herz stets eine.jugend
liebe Frische bewahrt. Die Kinder
schätzen ihn wie einen guten Spiel-
kameraden, und deshalb wird er auch
häufig umgeben von spielenden Kin
dern dargestellt. In der Regel trägt er
einen großen, vollgestopften Sack auf
dem Nucken, dessen Bedeutung nicht
feststeht. Wahrscheinlich hat er seine
Betten mit sich, aber das Volk erzählt,
daß er den Sack als Kinderfalle be
nutzt. Neugierige Knaben und Mäd
chen läßt er hineinkriechen, damit sie
den angeblich werthvollen Inhalt ge
nau besichtigen können, dann schnürt er
den Sack zu. und die Gefangenen müs
sen lange bitten, bis sie ihre Freiheit
wiedererlangen.
Die unleserliche Handschrift.
In Budapest, so schreibt ein dortiger
Korrespondent, wirkt ein Schriftsteller
von Nuf und Talent, doch leider führt
er eine wahrhaft groteske Handschrift.
Ein Kenner des Chinesischen, der einst
eine Probe davon zu Gesicht bekam, er
klärte sie zögernd für wahrscheinlich
südtibetanisch," den Dialekt für ausge
storben und das Ganze überdies für
chiffrirt. Ein einziger Setzer in Buda
pest vermag bei günstiger Witterung
besonders langsam geschriebene Worte
zu entziffern, wobei persönliche
Freunde und Familienangehörige des
Autors' assistiren. Dafür bezieht der
Setzer eine Zulage und hat zwei Nach
mittage in der Woche frei. Da begab
es sich eines Tages, daß der Schrift
steller im Kafe eine politische Nachricht
von großer Wichtigkeit erfuhr. Schnell
verlangte er vom , Oberkellner einen
Zettel, warf einige Zeilen darauf:
Fejervary zum Ministerpräsidenten
designirt!" und schickte das Ding mit
der mündlichen Botschaft ' Aeußerst
wichtig!" auf die Redaktion. Dort
hielt man's zuerst für einen schlechten
Spaß; doch erkannte man zum Glück
bald den Schreiber. Na, dann ist ja
leicht geholfen; wir lassen unsern lie
ben Maroschi rufen," sprach der Chef.
O Aerhängniß! Maroschi hatte sei
nen freien Nachmittag. In die allge
meine Ratlosigkeit, die daraufhin ent
stand, platzte der jüngste Redakteur und
schlug vor, das Zettelchen in die
Apotheke zu schicken, wo sich die Herren
ja aus den diffizilsten Handschriften
einen Reim zu machen wüßten. Ge
sagt, gethan. Und als eine halbe
Stunde vergangen war, da kam der
bang erwartete Bote aus der Apotheke
zurück. Er stellte stumm eine
Flasche Mandelmilch auf den Tisch.
Auf dem Motorrad in die Havel.
Zwei Berliner Motorzweiradfahrer,
Otto Lüders und Alwin Boldt. haben
auf einer Fahrt nach Magdeburg ein
eigenartiges Mißgeschick erlebt, das
glücklicherweise noch glimpflich abge
laufen ist. Lüders und Boldt wollten
gerade die Strengbrücke bei Werder a.
H. Passiren. Kurz vor der Brücke ver
deckt hohes Buschwerk die Aussicht, so
daß die beiden in voller Fahrt hinsau
senden Fahrer nicht bemerken konnten,
daß die Brücke gerade zur. Durchfahrt
eines Havelkahnes geöffnet wurde.
Während Otto Lüders dank seiner
Geistesgegenwart vermochte, sein Mo
torrad auf etwa zehn Fards rechtzeitig
zum Stehen zu bringen, so daß er völ
lig Unversehrt blieb, gelang es seinem
hinter ihm liegenden Kameraden nich!
mehr, die Maschine anzuhalten. Roß
und Reiter sausten in mächtigem Bo
gen in die Tiefe. Boldt,' ein guter
Schwimmer, gewann jedoch schnell da?
nahe Ufer, während sich Lüdcrs sofort
mit Hilfe von Schiffern um die Ber
gung des versunkenen Motorrades be
mühte. Das gelang denn auch nach
einiger Zeit. Der Schwung war je
doch so groß gewesen, daß Boldt mit
seiner Maschine gegen den hochgezoge
nen Brückenkörper geschleudert wurde.
Er selbst blieb dabei unverletzt, dage-
gen ging das Vorderrad der Maschine
entzwei und mußte in Werder ausge
wechselt werden. 5 .
Das Neue Testament
wird in Heer. Und Flotte Japans unge
hindert und stark verbreitet. ;
Der
to M Store
(ablirt 1853.)
..Jndiana'S größter Laden.
Frische Partie garnirter Putz-
Waaren.
Am Donnerstag macht eine neue
Partie prächtiger Hüte ihr Erscheinen,
von denen ein Haupttreffer die Aus
wähl von und Z6 Hüten sein wird
und Muster, die alle zu auch jwr an
nähernd ähnlichem Preise leicht über
treffen. Hüte die alle die neuesten
Lerbst-Jdeen in sich schließen-die
Farben Nangirung ist gefallend
zu kS und Hg
Fertig zum tragen gemachte
Hüte.
Jeder Tag bringt etwaS Neues her
vor in fertig gemachten Hüten. Hübsche
und praktische Facons in schwarz und
Farben. Sehr speziell
zu 8125 bis $4.45
Hüte zum Garniren bereit, sowie
Jet, Seide und Sammet Hüte die
sehr wenig Garnitur bedürfen,
zu.... 95c bis 82 .'45
Zweiter Stock.
rn-iE W? mm co.
Desertionen in der Vundcsmanne.
vorschlüge zur Beseitigung des ZNikstanSes.
Mariekorps-5rten.
Die von Jahr zu Jahr sich stci
gernde Zah! der Desertionen im Heere
Onkel Sams machen der Armeever
waltung viel Kopfschmerzen, und aller
Hand Mittel werden in Überlegung
gezogen, um diesem Uebelsiande abzu
helfen. Die Zahl der Desertionen in
dem Jahre 1904 betrug 6842, also un
gefähr 10 Prozent der ganzen Armee.
In den fünf Jahren, die mit dem 31.
Dezember 1304 abschlössen, Mies sich
die Zahl der Desertionen auf 27.388.
Der Judge Advokate des Tcpartc
ments von Kalifornien. Major Mor
row, empfiehlt als AbHilfsmittel vor
nehmlich eine Erhöhung des jetzt $13
im Monat betragenden Soldes der ge
meinen Soldaten. Er weist darauf
hin, daß ein Vergleich mit europäischen
Armeen hinsichtlich des Soldes nicht
angestellt tödrden könne, weil dort der
Dienst eine Pflicht sei, welche Jeder zu
erfüllen habe. England allein könne
zum Vergleich herangezogen werden,
weil auch dort die Soldaten angewor
ben würden. Der Sold daselbst sei
niedriger, aber er stehe in gleichem Ver
hältniß zu der Erwerbsmöglichkeit im
Civilleben, wie hier. Ueberdies habe
man in England noch mehr Schwierig
keit, gutes Soldatenmaterial in die Ar
mee zu bekommen, -als hier. Wenn un
sere Soldaten einen höheren Lohn er
halten, so würde es nach der Ansicht
Morrows leichter sein, gute Leute an
zuwerben und solche in der Armee zu
halten.
Eine andere Illustration, wie schwer
es ist. brauchbare Leute als Rekruten :
zu erlangen, geht aus den Resultaten
der Rekrutirung für das Marinekorps )
hervor. In der Zeit vom 1. Septems, '
ber bis zum 10, September d. I. wur
den 716 Applikanten geprüft und un
tersucht, und nur 89 von diesen waren
annehmbar. Die Werbe-Vureaus be
finden sich in Baltimore, Vuffalo, San
Francisco. Chicago, Boston. Michiaan,
Minnesota, Missouri. New York. Öhio.
Philadelphia. Pittsburg. Rhode Js
land. Man sieht also, daß so ziemlich
das ganze Land, ausgenommen die
Südstaaten, ihre Quota zu den An
Meldungen lieferten. Das .Marine
departement braucht 1900 Mann, um
seine Präsenzstärke zu vervollständigen,
und aus all' den genannten Landes
theilen konnten, wie gesagt, nur 89 zu- .
sammengeholt werden, die tauglich wa
ren, trotzdem überall schöne, einen ver
lockenden Anblick bietknde Bilder von
Marinesoldaten in Lebensgröße ange
klebt waren
Im Pariser städtischen
Leih. Hause werden jährlich etwa
250.000 Taschenuhren und 6000
Trauringe versetzt.
fe DZÄ
Wechsel.
Creditöricsc,
Postmlveisnngen,.
auf alle Städte Europas.
chiffsscheins
von und nach Europa.
Nn- und Serkauf auSlSuSZk
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No. 35 Süd Meridian Str.
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