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Westliche blätter. [volume] (Cincinnati [Ohio]) 1865-1919, June 30, 1867, Image 2

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Die Augen des Königs hefteten sich mit
einem langen durchdringenden Blick auf
dieses edle, entschlossene Gesicht, das vsn
tiefem Kummer gebleicht schien, und auS
dessen großen schwarzen Augen chsch ein
fo kühnes Feuer leuchtete.
Er ist der Uebersetzer der Capitel aus
dem Tacitus, welche mir der Minister
Hcrzberg übergeben hatO fragte bee Kö
nig nach einer Pause.
Ja, Sire, erwiderte Moritz leise.
Ter Minister sagt mit, daß Seine tie*
ders-tzung gut ist, fuhr der König fort,
dessen beobachtender Blick immer noch
aus Moritz ruhte. Aber gestehe Er mir,
daß eö Ihm außerordentlich schwer ge
worden ist, die kurzgesügten, schlagenden
Worte des Taeitus in die weitschweifige,
langathmige deutsche Sprache zu überse
Ken.
Ich bitte um Vergebung, Sire, erwi
derte Moritz, dessen jugendlicher Unge
stüm sich nur mühsam von dem eigentli
chen Zweck seines Kommens ablenken ließ.
Die deutsche Sprache ist keineswegs weit
schweifig, und es hat mit daher gar keine
Schwierigkeiten gemacht, den lateinischer»
Schriftstellerin die deutsche Sprache'zu
übersehen, die es an Schönheit und Wohl«
laut mit jeder andern lebenden Sprache
ausnehmen kann an Gedankentiefe, Kraft
und Poesie sie alle übertrifft.
Diable rief de? König lächelnd, Er
spricht da als ein eingefleischter deutscher
Vhilolog, der wetttg von dem Klang und
Wohllaut versteht, und der Wortgeklingel
mit Gedankentiefe verwechselt. Cage
mir doch irgend ein kurzes Beispiel von
der Gedankentiefe, Kraft und Poesie, die
Üt an der deutschen Sprache rühmt.
Der junge Mann konnte eine rasche,
ungeduldige Bewegung nicht unterdrücken.
Der König sah es und lächelte.
Run, sagte er, besinne Er sich Es ist
immer gut, wenn man sich sammelt nnd
besinnt, ehe man spricht. Ich warte aus
Sein Beispiel!
Sire, erwiderte Moritz nach kurzem
Besinnen, hier ist es: „Der Jüngling
nahm einen letzten Abschied don seiner
Geliebten. Sie schaute ihn an mit ei
nem trübseligen Lächeln, er antwortete
daraus mit einem wehmuthSvollen Blick,
dann wandte er sich ah, ging hinaus in
die mitternächtliche Stille, und das Mäd
chett blieb mutterselig allein" Sire,
dies ist glaube ich, ein Beispiel von der
Schönheit unserer Sprache, und ich
glaube, daß selbst die lateinische Sprache
nicht im Stande ist, den Sinn desselben
in so kurzen Worten wieder zu geben,
denn es fehlt ihr dazu die christliche Ge
dankentiefe. Trübselig ist ein Wort, das
aus der christlichen Religion hervorge
blüht ist wie ein lächelndes Veilchen am
Fuße des blutigen Kreuzes, und wehmü
thig zu sein, das he ßt, muthig zu sein,
wenn Einem auch wehe ist, daß verstehen
auch nur wir Deutschen. DaS Wort
mutterselig allein könnte von der Jung
frau Maria gesprochen sein in der Stunde,
ia der Engel der Verkündigung ihr das
heilige Geheimniß ihrer Zukunft entdeckt
hatte.
Friedrich nickte lebhaft. Er hat recht,
sagte er. Sein Beispiel war gut, und
Die durchbohrenden Blicke des Königs
fänstigten sich jetzt und seine Züge verlo
ren den strengen Ausdruck. Der Mini
ster von Herzberg hat mit erzählt, er fei
3hm auf der Landstraße begegnet, und
Er habe den weiten Weg zu Fuß zurück
legen wollen. Ist das wahr?
Ja, Sire, es ist wahr?
Warum wollte Er daS
Sire, ich wollte es machen, wie die Ar
men, Schwerbeladenen es im Mittelalter
machten. Sie pilgerten nach Rom zu
dem heiligen Bater, welcher damals der
König der Könige war, und mit jedem
Schritte, den sie vorwärts thaten, schien
es ihnen, als wiche die Last von ihnen
und als näherten sie sich ihrem Glücke.
Eure Majestät sind in unseren Tagen das,
was im Mittelalter die Päpste waren,
und darum bin ich zu meinem König ge»
pilgert, der die Macht hat, zu binden und
zu lösen, und von dem ich mit mein per
sönliches G.ück erstehen möchte, aber nicht
allein das meine, sondern auch das eines
edlen, guten und herrlichen Mädchens,
welches ich liebe.
Ah. es handelt sich also um eine Lie
besanaire, rief der König. Stun ja, wenn
man Ihn ansieht, so begreift sich das. Er
ist jung und feurig, wie es" scheint, und
die Mädchen haben Augen. Na, was
ist /s, und wie kann ich in einer Aventure
d'Amour helfen?
Sire, dadurch, daß Sie gnädigst ein
Adelsdiplom nicht ausfertigen und ab
senden lassen, oder wenn Eure Majestät
es absenden, die Bedingung aufheben,
welche an dasselbe geknüpft war.
Ich verstehe Ihn nicht, sagte der König
streng. Spreche Er nicht in Räthseln I
Was ist es
das Adelsdipwm ausgefertigt und dem
Banquier Ebenstreit zugesandt ist.
Der Kötüg nickte. Für welches SDv
plom der neugebackene Edelmann an das
Jnvalwenhaus hundert Louisd'or zuzah
len i)tiy Aber waß geht dies Alles Ihn
an, und welchen Zusammenhang hat das
Adelsdiplom des reichen Bankiers mit
dem Eonrector Moritz?
Sire rief Moritz mit aufleuchtendem,
bewegtem Angesicht. Sire, ich liebe die
Tochter des Generals von Leuthen, und
sie erwidert meine Liebe. Sire, es liegt
in den gnädigen und gütevollen Händen
Eurer Majestät, zwei Menschen, welche
sich lieben, welche nichts weiter begehren,
als Hand in Hand in freudiger Liebe,
in standhafter Treue durch das Leben zu
gehen, |Ä den glücklichsten, beseligtesten
Geschöpfen Gottes zu machen, indem
Eure Majestät das Adelsdiplom für den
Banquier Ebenstreit nicht ausfertigen
lasse».
Das wäre genügend für seine Wön«
(che fragte der König mit einem durch
dringenden Blick.
Moritz schlug vor diesem Blick die Au
gen nieder. Nein, erwiderte er, nein,
das genügt nicht. Sire, ich fühle erst
jetzt, da ich Eure» -Majestät gegenüber
stehe, das kühne Wagniß meines Unter«
KehmenS, und ich finde nun keine Worte,
das auszusprechen, was in meiner Seele
glüht und in tausend Flammen von mei
nen Lippen sprechen möchte. Oh, Sire,
ich weiß nur, daß ich die Tochter des Ge
nerals liebe, daß Marie mich wieder liebt,
und daß diese Liebe auf meinem düstern
und dornenvollen Lebenöpfade der erste
Sonnenstrahl ist, der in mein einsames
Herz gefallen und alle Blüthen meines
Empfindens geweckt hat. S-re, ich sehe
Sie lächeln, und in Ihrem großen Geiste
verspotten Sie wohl das arme Menschen
kind, das unter dem Rollen der Weltge
schichte, die seht auf dem Schlachtfelde um
eines Gedankens willen daS Leben von
Tausenden zerschmettert, noch Gedanken
hat für sein persönliche? Gluck. Aber sagt mir, daß ich ein
mein Aeben, Sire, ist ein großes Schlacht
seld gewesen, aus dem ich immer habe
ringen müssen mit allen Dämonen, welche
aus der Büchse der Pandora hervorge
gangen sind. In Entbehrungen und
Roth bin ich aufgewachsen, habe ich ge
lebt und gelitten, bis Gott in meinem
fiebe
erzen diese Liebe, diese erwiderte
ausleuchten ließ, und durch sie mich
entschädigte für ein freudloses, verarbei
tetes, verhungertes Dasein. Mir ist da
her dieses Gefühl für meine Geliebte
mehr als ein schöner Schmuck meines Le
bens, sie ist mein Leben selber, und ihr
entsagen, hieße dem Leben selbes entsagen
müssen Und ich bin noch so jung, Sire,
und ich sehne mich so sehr nach diesem
unbekannten Paradiese irdischen Glücks,
welches mein Fuß bisher niemals betre
ten, und daS ich nur an der Hand meiner
Geliebten erreichen kann. Ich sehne mich
so sehr, auch einmal, wie andere bevor
zugte Menschen, unter dem Sonnenglanze
deö Glücks einen langen, schönen heißen
Sommertag zu genießen und dann bei dem
goldigen Abendroth aus meine Kniee nie
derzusinken und zu rufen: ,3ch danke
diese Worte sind wahrhaft poetisch. Aber Dir, Gott, denn ich habe Deine Erhaben
gestehe Er nur, daß unsere Sprache sie! heit erkannt in Deiner Güte, und Du
bisher nicht gekannt hat. Er ist nicht
blos ein Gelehrter, wie eS scheint, son
dern auch ein Dichter, und Er hat sich da
mit feinem Sinn und Geschmack, für wel
chen ich Ihn loben muß, ganz neue Worte
zusammengesetzt.
lire, erwiderte Moritz einfach, diese
hast mit Deine Herrlichkeit offenbaret in
der Seligkeit, welche Du mir gegeben I"
Dies Alles wird Eurer Majestät klein
und unwichtig vorkommen, denn das Herz
eines Königs ist nicht wie das Herz an
derer Menschen, und das kleine, persönli
che Glück des Einzelnen muß Dem ge-
Worte gehören nebst hundert und hundert ring erscheinen, welcher sinnet und schafft I Ihn, der wir so viel von Seinem Glück
anderen schönen sinnigen Wortbildungen für das Glück ganzer Völker. Sire, aber I und von dem Seiner Geliebten gesprochen
seit dreihundert Jahren schon unseres die Fliege, welche auf dem Helmbusche .hat, ich frage Ihn, wo stebt's denn eiaent
Sprache an, denn Martin Luther Hat sie des siegreichen König« sich sonnt, hat lich geschrieben, daß der Mensch glücklich
schon nt seiner Uebetfetzung der Bibel auch ihre Berechtigung auf Glück, denn sein muß, und wo ist denn die Nothwen
angewandt. Gott hat sie erschaffen mit derselben
Er ist nicht blos gelehrt, sagte der Kö- Sorgsalt und Liebe, mit welcher er das
nig zu sich selber, er ist auch ein ehrlicher edelste seiner Geschöpfe, den Menschen
Mann, der die Wahrheit bekennt, und
den B.ocken, den ich ihm hinwarf, nicht
zu eigennützigem Vortheil verwendet.
Setzt, da ich Ihn geprüft habe, jetzt muß
wan wohl Nachsicht haben mit Seiner
Ungeduld.
Der König schüttelte langsam sein
Haupt. Er vergißt nur, daß der Gene
ral, welchem ich Dank schulde, meine
Einwilligung zu dieser Vermählung als
Sire, der General Wert ig von Leuthen' eine Gnade von mir begehrt hat, und dab
hat uch an Eure Majestät gewandt, und ich sie gegeben habe.
um Dero gnädige Einwilligung zu der
Verheiratung feiner Tochter mir dem
Banquier Ebenstreit gebeten. Eure Ma
jenat haben ihm diese Einwilligung gnä
dig« bewilligt, aber hinzugefügt, dap der
^benstreit den Namen seine?
zukünftigen Schwiegervaters annehmen,
und daß die Vermahlung des jungen
PaareS erst dann Ntsiftdcn M, wenn
Sire, ich beschwöre Sie, nehmen Vie
Ihre Einwilligung zurück. Sire, auf
meinen Knieen stehe ich Sie an, nehmen
Sie diese Einwilligung zurück. Wollen
Sie nicht zwei Menschen unglücklich ma
chen, welche von Eurer. Majestät Gnade
nichts weiter begehren, als die Erlaubnis),
sich einander lieben, mit einander leben
zu
kennen.'
Und der junge Mann »arf sich, die
Wangen geröthet vor innerer Bewegung,
die Augen vor Shrär.en umdüstert', auf
seine Kniee nieder und bob die gefalteten
Hände flehend zu dem König empor.
Stehe Er auf, sagte Friedrich lebhaft.
Kniee Er nicht vor mir, wie vor einem
Gott, da ich doch nur ein schwacher Mensch
bin, denselben Gefahren unterworfen, wel
che Ihn, welche die ganze Menschheit be
herrschen. Stehe Er auf! Und nun beant
Worte Er mir eine Frage. Ist Er reich
Nein, Sire, erwiderte Moritz, sein
Haupt stolz emporhebend, nein, ich bin
arm.
Und Seine Geliebte? Weiß Er, daß
der General von Leuthen arm ist wie
Hiob, noch ärmer, denn er hat Schulden.
Weiß Er das
Majestät, wenn die Tochter des Gene
rals von Leuthen reich, oder auch nur
wohlhabend wäre, so würde ich nimmer
und nimmer den Gang zu Eurer Majestät
gewagt haben, denn ich hätte gewußt, daß
Eure Majestät mein Wollen mißdeuten
und glauben könnten, meine Liebe sei mir
von Eigennutz eingegeben worden Aber
zu meinem guten Glück ist Marie von
Leuthen arm, besitzt nichts, als ihr edles,
schönes Selbst, und führt unter der har
ten, lieblosen Zucht ihrer Eltern ein so
freudloses Dasein, daß ich mit frohem
Muthe sagen kann: sie wird an meiner
Seite nichts entbehren, was. sie besessen,
ich werde ihr geben können, was sie bisher
wmmer genossen, ein eingefriedigtes, stil
les Dasein, ein bescheidenes Glück
Wie viel Gehalt hat Er denn von
Seiner Lehrerstelle?
Majestät, ich habe als Eonrector am
Gymnasium des grauen Klosters einen
Gehalt vott dreihundertundfünfzig Tha
lern.
Und damit will Er nicht allein leben,
sondern auch eine Familie erhalten
Sire, ich werde noch auf andere Weife
Geld verdienen können, ich werde Bücher
schreiben, wie ich es schon gethan. Man
v'
e 1
geschaffen hat, und es wäre grausam, sie habe, daß ich jemals glücklich gewesen bin?
ohne Roth und ohne Nutzen zu tobten. Vraiment, die Menschen haben wohl dafür
Sire, ich uberhebe mich nicht, ich weiß, gesorgt, daß ich bfcfc Götterspeise niemals
daß ich tn Ihren Augen nicht mehr bin, gekostet, und es frühzeitig gelernt habe
als die arme Fliege auf Ihrem Helm- daraus zu renonciren. Das Leben ist
busch, aber ich flehe auch nur: gönnen
Sie mir gnädigst mein Leben, denn Gott
hat es mir gegeben.
Das heißt, Et will damit sagen, ich
soll dem General don Leuthen verbieten,
seine Tochter an den reichen Menschen zu
verheiraten, welcher um sie wirbt, nnd
zu dessen Vermählung, versteht Er mich
wohl, zu dessen Vermählung ich schon
Einwilligung gegeben habe?
Sire, ich verstehe nur dies, daß diese
Vermählung nicht blos mich in Verzweif
lung stürzen, sondern daß sie auch das
Elend und Unglück des edelsten und Herr«
lichstcn Wesens sein würde, welches Gott
jemals geschaffen Die Tochter des Ge
nerals von Leuthen liebt den ihr ausge
drungenen Bräutigam nicht, sie verab
scheuet ihn Und sie hat wohl ein Recht
dazu, denn der Banquier Ebemtrcit ist
ein kaltherziger, eitler Geldmensch, ent
nerbt und entkräftet von einem schwelge
tischen, lasterhaften Leben, ohne Sinn
für etwas Höheres und Edleres, und in
dem Mädchen, welchem er feine Hand
angetragen, nichts sehend, als die Tochter
des Generals, der ihm durch die Gnade
des Königs einen adeligen Namen und
Titel verschaffen kann. Majestät, ich
siehe seht nicht mehr für m?ch, sondern ich
stehe sür die Tochter eines Mannes, der
einst das Glück gehabt, Eurer Majestät
in der Schlacht das Leben zu erretten
Möge Eure Majestät Mitleid haben mit
der Tochter dieses Mannes, und sie nicht
einem trostlosen, hoffnungslosen Leben
an der Seite eines ungeliebten, eines
verabscheuten Mannes hinopfern
nicht unbeliebter
die Buchhändler
Schriftsteller Bin, und
bezahlen mich gut.
Aber wenn Er morgen front tvird, so
ist es vorbei mit Seinen Einnahmen, und
Seine Familie kann dann mit Ihm hun
gern Nein, nein, Er ist ein Idealist,
der sich das Leben träumt, wie es sein
sollte, und nicht, wie es in Wahrheit ist.
Ich habe Ihn angehört, denn ich dachte
mir, Er würde mir doch irgend ein greis
bares Argument präsentiren für Seine
Prätentionen. Aber ich finde nichts als
die Phantasterei eines Verliebten, der
vermeint, die Welt'müßte sich drehen uyt
die Achse seiner Liebe und seines Glückes.
Aber seh' Er 'mal, die Liebe ist eine Ein»
tagsfliege, die nur ein paar lustige Stun
den in der Sonne flattert und mit der er
sten Abenddämmerung stirbt. Und Er
meint, um solcher Eintagsfliege willen
sollte ein König sein gegebenes Wort
brechen? Sollte einem Manne, dem er
Dank schuldig ist, es damit lohnen, daß
er ihm einen reichen Schwiegersohn, der
ihm willkommen ist, fortchaßte, und ihm
dafür einen armen Schwiegersohn oc
troyirte, von dem er niemals hoffen könnte,
daß er ihm auf feine alten Tagen ein be
quemes, behagliches Dasein gewähren
könne Aber so seid Ihr jungen Leute!
Denkt immer nur an Euch, und es küm
mert Euch gar nicht, ob die Alten verge
hen und hinsiechen in Kummer und Sor
gen, wenn Ihr nur auf ihrem Grabe Euch
eine Hütte für E»#R AU ,-*
aufrichten könnt Ich frage Ihn
Glück
aber,
digkeit dazu, Ihn glücklich zu machen?
Meint Er denn, daß ich, der ich doch ein
langes thatenreiches Leben hinter mir
kein Plaisir, sondern das Leben ist eine
Arbeit, und ich denke mir, das Glück be
steht nur darin, daß man, wenn man end
lich ermüdet ist von dem harten Tage
werk, in das Grab sinken kann, um endlich
auszuruhen. Arbeiten muß nun ein je
der Mensch nach seinen Kräften und ge
maß der Stelle, auf welche daS Schicksal
ihn placirt hat, und wenn er diese Steile
verläßt, so ist er ein Deserteur, der daS
Höchste verloren und verspielt hat, waS
dem Menschen zu eigen gegeben, seine
Ehre. Er wird kciti Deserteur sein
wollen, und nicht am Leben zweifeln, weil
eS ihm nicht Sein geträumtes Glück ge
ben kann.
Sire, rief Moritz Alt einem Aufschrei
des Schmerze?, kein, geträumtes Glück,
sondern ein wirkliches!
(Fortsetzung folgt.)
(Kür die „Westlichen Blätter.")
Bas geheim,tis einer Ztachl.
Der Sanct-Sebaldus-Kapelle in Nürn
berg gegenüber, an der Ecke der Traban
tenstraße, erhebt sich eine kleine schmale
und hohe Herberge mit zackigem Giebel,
staubigen Fenstern und einem Dache, daS
von einer Gypsstatue der Jungfrau über
ragt wird. Dort habe ich die traurigsten
Tage meines Lebens verbracht. Ich war
nach Nürnberg gegangen, um die alten
deutschen Meister zu st^diren, aber aus
Mangel an Geld hatte ich Portraits ma
len müssen.... und was für Portraits!
Dicke Gevatterinnen, mit ihrer ebenso
dicken Katze auf dem Schooß, Schoppen in
Perrücken, Bürgermeister mit dreieckigem
Hut, und Ocher und Scharlach durften da
bei nicht gespart werden.
Von den Portraits stieg ich zu den
Skizzen und Entwürfen tmo don diesen
endlich bis zu Silhouetten herab.
Es giebt für einen Kunstler nichts kläg
licheres als unaufhörlich einen Wirth auf
dem Racken zu haben, der jeden Tag mit
zusammengekniffenen Lippen zu einem
kommt, und dann mit schneidender Stim
me und Wv^schämtem Tone zu einem
sagt: i
„Run, Herr, werden Sie mich endlich1
bezahlen? W ssen Sie wcU. woraus sich
Ähre Rechnung schon belauft? Nein, ich
toeiß, das beunruhigt Sie nicht! Der Herr
i i n k u n s u i o
giebt ja tzen kleinen Vögeln zu essen,
warunp.: Herr, Ihre Rechnung be
läuft sich schon auf 200 Gulden und 10
Kreuzer.... Allerdings, eine Bagatelle,
die bei einem Künstler der Rede nicht
Werth ist."
Diejenigen, welche diese ^offWiter der
Unveyckämtteit noch nicht gehört Hab eh,
können sich keine Idee davon machen. Die
Liebe zur Kunst, die Einbildungskraft, der
Enthusiasmus vertrocknen bei dem Hauche
eines solchen Kerls. Man wird linkisch
und furchtsam. Alle Energie schwindet
zugleich mit dem Gefühl der persönlichen
Würbe und schon aus weiter Ferne her
verbeugt man sich ehrfurchtsvoll vor dem
Herrn Bürgermeister SchneeganS.
Eine Rächt, als ich wie gewöhnlich kei«
nen Kreuzer hatte und von meinem wür
digen Wirth, dem Meister Rap, wieder
mit dem Gefängniß bedroht war, beschloß
ich, ihn zur Streife für seine Hartherzig
keit, dadurch, daß ich mir die Gurgöl ab
schnitte, um sein Geld zu bringen. In
diesem angenehmen Gedanken überließ ich
mich, auf meinem Bette, dem Fenster ge
genüber, sitzend, tausend philosophischen,
mehr oder weniger ergötzlichen Betrach
tungen.
„WaS ist eigentlich der Mensch?" fragte
ich mich. „Ein Alles verzehrendes Thier.
Seine mit Vorder?, Schneide- und Bak
kenzähnen besehten Kinnbacken beweisen
es zur Genüge. Die Vorderzähne sind
ihm gegeben, um Fleischspeisen zu zer
reißen,—mit den anderen beißt er Früchte
an oder zerkauet und ^ermahnt die thieri
schen und vegetabilischen, dem Geschmack
und Geruch angenehmen Substanzen.
Wenn aber seine verschiedenen Zähne
nichts zu zerbeißen, zu zerkauen, zu zer
mahnen Haben, dann wird der Mensch ein
wahrer Utifinn in der Natur, ein fünftes
Rad am Wagen."
Das waren meine Gedanken. Und doch
wagte ich mein Rasirmcsser nicht zu öff
nen, aus Furcht, daß die unbesiegbare
Macht meiner Logik mir MutH einflöße,
endlich ein Ende zu machen. Nachdem ich
so argumentirt hatte, blies ich mein Licht
aus und vertagte die Fortsetzung meiner
Ideen auf morgen.
Dieser schändliche Rap hatte mich bot
lig zum Thier herabgewürdigt. In Sa
chen der Kunst ging ich nur noch auf die
Anfertigung von Silhouetten aus, da
mein einziger Wunsch dahin ging, mir
Geld zu verschaffen, um di« Wirth be
friedigen zu können. Aber diese Nacht
ging eine eigentümliche Revolution in
meinem Geiste vox. Ich wachte gegen ein
Uhr wieder auf, zündete meine Lampe an,
und warf dann eine rapide Skizze im
holländischen Genre auf's Papier et
was Sonderbares, Bizarres, das mit
meinen sonstigen Ideen in gar feiner Be
ziehung stand. Man stelle sich einen dü,
steren, finsteren Hos vor, der zwischen ho
hen zerfallenen Mauern eingepfercht lag.
Diese Mauern sind sieben oder acht Fuß
über der Erde mit Haken versehen. Aus
den ersten Blick trräth man eine Schläch
terei.
Links dehnt sich ein Lattengitter auS.
Durch dasselbe bemerkt man ein gevier
theiltcs Rind, das von dem Gewölbe he
rabhängt. Große Blutlachen stießen über
die ungeheueren Steinplatten und sam
meln sich in4 einet mit unförmlichen
Fleischtest,« erfüllten 9iuinc.
Das Licht fällt von oben zwischen den
Schornsteinen herein, deren Wetterfahnen
sich an dem kaum handgroßen Feftett des
Himmels abzeichnen, und die Dächer der
Nachbarhäuser werfen ihre Schatten von
Stockwerk zu Stockwerk kräftig auf die
gegenüberliegenden Mauern.
In der Tieje des Hofes befindet sich ein
Schuppen.... unter demselben ein Holz
stoß, auf dem Holzstoße Leitern, einige
Bund Stroh, Bündel von Stricken, ein
Hühnerhaus und ein altes unbenutztes
Kaninchenhaus.
Wie boten sich diese seltsamen Details
meiner Phantasie? Ich weiß es nicht. Ich
erinnerte mich nicht, je in meinem Leben
etwas dem Aehnliches gesehen zu haben,
und doch war jeder Strich meiner Blei
seder ein förmlich durch meine Phantasie
dem Leben abgelauschter Zug, so wahr
und lebensgetreu war er. Nichts fehlte
daran.
Aber an der rechten Seite blieb die eine
Ecke meinet Skizze weiß. Ich wußte
nicht, was ich dort anbringen sollte.
Plötzlich bewegte und regte sich dort et
was. Ich sah einen Fuß, einen umge
kehrten, vom Boden entfernten Fuß er»
scheinen. Trotz der unwahrscheinlichen
Position dieses FußeS, folgte ich der In
fpiration, ohne mir über meine Gedanken
Rechenschaft zu geben. Auf diesen Fuß
folgte bald ein Bein und auf dem
Bein, das betnahe mit krampfhafter An
strengung ausgestreckt zu fein schien, ruhte
halb zurückgeschlagen ein Frauenkleid.
Kurz, eine alte, magere Frau, mit unge
ordneter Kleidung und aufgelösten Haa
ren, erschien unbewußt unter meinem
Bleistift. Sie war rückwärts über den
Rand eines Brunnens geworfen und rang
mit einer Faust, die ihre Kehle um
schnürte.
Ich hatte eine Mordseene gezeichnet.
Die Bleiseber fiel mir aus der Hand.
Diese Frau, in der entblößten Stellung,
die Seiten über dm Brunnenrand gebo
gen. das Gesicht von todtlichem Entsetzen
entstellt, die beiden Hände konvulsivisch
um den nervigen Arm ihres Mörders ge
klammert, flößte mir Furcht eiii. Ich
wagte zuletzt vor Grauen nicht mehr, sie
anzusehen, aber der Mann, er, die
Person, die zu jener Faust gehörte
es war mir unmöglich, ihn zu vollenden.
„Ich bin müde," sagte ich, vor Kälte
und Grauen schaudernd, und wischte mir
dabei den Angstschweiß von der Stinte.
„Mir bleibt nur noch die eine Figur zu
machen ich werde morgen zeichnen. Das
wird leicht sein."
Und ich ging nMer zn Bett, bebend
und zitternd über die Vision, die meine
Hand geleitet hatte. Fünf Minuten spä
ter war ich eingeschlafen.-
Aber am nächsten MoTgetttoat ich schon
ganz früh auf. Ich Hatte mich ebev an-
gezogen und war gerade im Begriff, die
unterbrochene Arbeit fortzusetzen, als ich
durch zwei leichte Schlüge an meine Thür
überrascht wurde.
„Herein!" rief ich neugierig.
Die Thür öffnete sich. Ein schon alter,
tfroßer, mageret Mann, ganz in schwarz
gekleidet, erschien auf der Schwelle. Die
Physiognomie dieses Maines, seine nahe
zusammenliegenden Augen, seine große
Adlernase, die von. einer breiten, knochi
gen Stirne überwölbt ward, hatten etwas
Strenges an sich. Er grüßte mich ernst.
/»Herr Christian BeniuS, der Male:?"
fragte er mich.
„Das bin ich, mein Herr."
Er verbeugte sich von Neuem, und
fugte hm zu: „Der Baron Friedrich Vau
SpreckSal."
Das Erscheinen des reichen Kunstlieb
haberS Van Spreckdal, Richters bei'nr
Etiminalgericht, in meiner armselig?«.
Mansarde, machte einen tiefen Eindruck
auf mich. Ich konnte nicht umhin, einen
verstohlenen Blick auf meine alten wurm-
stichigen Möbeln, auf meine feuchten Ta»
peten und meinen staubbedeckten Fußbc*
den zu werfen. Ich fühlte mich über die
ses armselige Aussehen meines Logis ge*
demüthigt. Aber Van Speckdal sch'en
darauf gar nicht zu achten. Er fetzte sich
vor meinem kleinen Tische nieder und be«"
gann: „Ich bin hierher gekommett
um
Aber in demselben Augenblick blieben
seine Augen auf der halbfertigen Skizze
ruhen, und er unterbrach die Phrase. Ich
hatte mich auf den Rand meines BetteS
gesetzt, und die plötzliche Aufmerksamkeit,
die mein Gast einer meiner Productionen
zuwandte, versetzte mich in ein Gefühl
unerklärlicher Befürchtung und rief star#
kes Herzpochen bei mir hervor. Nach un
gefähr einer Minute erhob Äan Spreckdal
den Kopf und sagte, indem er mich for
schend dabei ansah: „Sind Sie der Autor
dieser Skizze?"
„3a, mein Herr."
„Welchen Preis verlangen Sie dafür?"
I v e k a u e e i n e S k i z z e n y i
Dieö ist der Entwurf zu einem Gemälde."
„Ah," sagte er, indem et das Payiet
mit der Spitze seiner langen gelben Fin
ger aushob. „Und wie groß beabsichtigen
Sie das Gemälde zu machen, Meister
Veniuß?" fragte er mich dann, ohne mich
anzusehen.
„Drei Fuß hoch und vier Fuß breit."
„Wie theuer?"
„Fünfzig Dukaten."
Van Spreckdal legte meine Zeichnung
wieder auf den Tisch, und Aog eine lange
grünseidene Börse auS feiner Tasche,
schob die Ringe zurück und sapte dann:
„Hier sind die fünfzig Dukaten sür Ihr
Bild."
Mich überfiel eine Art von Schwindel,
so daß ich nichts zu antworten vermochte.
Der Baron war ausgestanden, grünte
mich, und ich hörte sein schweres Rohr
mit goldenem Knopf auf jeder Stufe bis
unten an der Treppe widerhallen. Da
erst aus meinet Betäubung erwachend,
dachte ich daran, daß ich ihm mit keiner
Silbe gedankt hatte. Mit blitzartiger
Geschwindigkeit stürzte ich die fünf Trep
pen hinunter, aber unten bei der Hausthür
angelangt, sah ich mich vergebens rechts
und links um. Die .Straße war ihrer
ganzen Länge nach einsam und leer.
„Jh," mufmclte ich verwundert, „das
ist ja merkwürdig."
Und keuchend stieg ich wieder nach met#
net Wohnung hinauf.
Die überraschende Weife, in welcher
Van Spreckdal mir erschienen war, ver
setzte mich in die größte Aufregung.
„Gestern," sagte ich zu mir, indem ich,
dabei den in der Sonne funkelnden Hau
sen Dukaten ansah, „faßte ich den abscheu
lichen Entschluß, mir ein paar lumpiger
Gulden wegen, die Gurgel abzuschneiden,
und heute fallt mir der Reichtum« förm
lich aus den Wolfen herab. Wahrhaftig,
ich habe wohl daran gethan, gestern mein
Rasirmesser nicht zu öffnen, und wenn mir
jemals wieder die Idee kommen sollte,
mir den Garaus zu machen, fo werde ich
nicht versäumen, die Sache bis zum nach
sten Tage aufzuschieben."
Nach diesen verständigen' Gedanken
setzte ich mich hin, um meine Skizze zu.
vollenden vier Lkeifederstriche, und es
wäre geschehen gewesen. Hier stieß ich
aber auf eine unbegreifliche Schwierig
keit. Diese biet Bleisederstnche wollten
mir absolut nicht gelingen. Ich hatte den
Faden meiner Inspiration verloren die
mysteriöse Figur wollte durchaus nicht aus
den Wolfen meine? Gehirns hervortreten.
Vergebens strengte ich mein Gedächtniß
an, fing an zu zeichnen, zu verbessern,
umzuändern. WaS ich hervorbrachte,
paßte nicht besser zu dem Rest meiner
Skizze, wie eine Figur Raphaels zu ei
ner «sseene von Teniers. lind doch strengte
ich mich dabei an, daß mir der Schweis
in dicken Tropfen auf dem Gesichte stand.
Mitten bei dieser qualvollen Geba
rungsaibeit meines Kopfes ward ich durch
Rap unterbrochen, der seiner löblichen
Gewohnheit gemäß, ohne anzuklopfen, die
Thür öffnete und inS Zimmer trat. Seine
Augen hefteten sich auf meinen Hausen.
Dukaten und mit triumphirender Stimme
rief er mir zu:
„Ah, ah! endlich ertapp? ich Kie ein
mal. Werden Sie mir noch sagen, mein
Herr Maler, daß Sie kein Geld haben?"
Und seine gekrümmten Finger streckten
sich mit jenem nervösen Zittern, den de*
Anblick des Goldes immer bei den Geizi
g/u hervorruft, nach meinen Dukaten aus.
Ich blieb ein paar Augenblicke wie be
täubt über diese Frechheit. Dann aber"
stürmte die Erinnerung an alle Gemein
deiten, mit denen dieser Mensch mich ver
folgt hatte, aus mich ein DieS, im Ver
ein mit seinen lüsternen Micken und sei
nem unverschämten Lächeln, nahm mir
alle meine Besonnenheit. Ich sprang auf
und, ehe er sich dessen versah, hatte ich ihy
bei der Brust gepackt, mit oeioen Händen
aus der Thür gestoßetf,' und btese thm vor
der Nase zugeschlagen. Das ALxtz war
im Handumdrehen vorgefallen.
Aber alS sich mein Wirth draußen nach
ein paar Minuten von seinem ersten
Schrecken wieder erholt hatte, fing er an,
ein förmliches Ochsengebrüll auszustoßen.
„Mein Geld! Der Dieb! Mein Geld

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