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Luxemburger gazette. [volume] (Dubuque, Iowa) 1871-1918, August 25, 1871, Image 2

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Feuilleton.
Nach dreißig Jahren.
Nach dem Vlämischen des Hendrit Conscienct,
Rudolph Muldener.
(Schluß.)
„Blind und taub“, murmelte der Frem—-
de voller Verzweiflung·“ „Welche Ver—
wüstung bringt die unerbitterliche Zeit in
dreißig Jahten hervor! Himmel, ich
wandie hier zwischen den Trüminern eines
ganzen Menschengeschlechts hin.“
„Ihr fragt nach Wagenmachers Rosa?“
ergriff die Frau das Wort. „Unser Wa—
genmacher hat fünf Tochter, aber da ist
keine Rosa darnnter, denn die älteste heißt
Beth und ist verheirathet mit dem Brief—
träger, die zweite, Gonde, hat sich auf's
Mützenmachen gelegt, die dritte heißt Nele
und die kleinste Anneken, und das Kind ist
etwas blödsinnig.“
Aber von diesen Leuten spreche ich ja
gar nicht,“ rlef der Reisende voll Unge—
duld, „ich meine die Familie des Kob
Meulinchr.“
„Oh ! die sind schon alle längst todt,
Mynheer !“ war die Antwort der Frau.
Der tieferschütterte Reisende bezahlte
sein Bier und verließ das Wirthshaus
mit fieberhafter Hast. Vor der Thür schlug
er sich mit der Hand vor die Stirn und
rief verzweiflungsvoll aus:
„O Gott, sie auch ? Meine arme Rosa
todt ! Immer, immer dieses unerbittliche
Wort: Todt, todt! Niemand auf Erden
erkennt mich wieder! Nicht einer soll mich
mit Freundschaft beirachten!“
Mit Schritten, wankend wie die eines
Trunkenen, wandte er sich nach der Ecke
eines Nadelgebüsches hin und blieb, von
Wehmuth und trauer übermannt, mit dem
Haupte an einen Baum gelehnt, stehen,
bis seine Aufregung sich nach uud nach
legte· Er ging dann trägen Schrittes
in's Dorf hinein. Sein Weg führte ihn
über ·den einsamen Kirchhof; am Fuße
des Kreuzes blieb er mit unbedecktem
Haupte stehen und flüsterte:
„Hier vor dem Bilde des Gekreuzigten,
gab mir Rosa ihr Wort/ daß 1 treu
bleibhen und warten würde, bis ich wie
derkehrte. Wir vergingei vor Schmerz;
auf diese Bank fielen unsere Thränen,
und außer sich vor Kummer empfing sie
das aelrent Kreuz, mein theuer ertkauf—
tes Liebesfand. .. Amme Freun
rin ienrior sert io jetzt auf Deinem
sank er muthlos auf eine Beibank nieder
und blicb dori eine Zeitlang wie bewußt
los sitzen. Mit trüben distea starrte er
auf den Kirchhof hin, auf welchem kleine
Hügel die Stelle ter jüngsten Gräber be—
Es that ihm leid, die vielen
vor Alter umgefallenen hölzernen Kreuze
zu sehen, ohne daß eine Kindeshand da
ran dachte, diese Erinnerungszeichen auf
dem Ruheplatze eines Vaters oder einer
Mutter wieder aufzurichten. Seine
Eltern schliefen auch in diesem Grunde,
wer aber konnte ihm sagen, wo ihre Grä—
ber wälen?..... A
So träumte er lange wehmüthige und
Träume; die undurchdring—
liche Ewigleit drückte wie ein bleiernes
Grabmonüment auf seinen Geist. . . ..
als Menschentritte ihn aus seinem ver—
zweifelten Nachsinnen aufschreckten.
Längs der Kirchhofsmauer kam der alte
Todtengräber, den Spaten auf der Schul—-
ter, daher. Er trug die unverkennbaeen
Spuren des Alters und der Armuth; sein
Rücken war dnrch die immerwährende Ar
beit mit den Spaten gelthunn Sein
Haar war weiß, und sein Alsgesicht ganz
von Falten durchfurcht; in seinen Aügen
jedoch war noch Kraft uud ene
stärke zu lesen.
Der Reisende ertannte Lauw, seinen
Nebenbuhler, auf den ersten Blick und
wollte ihm sogleich entgegen eilen; die
bittern Täuschungen indessen, die er erfah—
ren, hielten ihn zurück, so daß er beschloß,
nichts zu sagen und erst zu sehen, ob Lauw
ihn erlennen würde.
Der Todengräber blieb einige Schritte
weit von n stehen, u. nachdem er ihn mit
einer anscheinend gleichgiltigen Neugierde
betrachtet hatte, fing er an, mit seinem
Spaten im Grase ein längliches Viereck
abzußechen, um dadurch den Platz zu ei
nem neuen Grabe abzugrenzen. Nichts
destoweniger warf er dann und wann ei—
nen Seitenblick auf den, der vor ihm auf
der Bank saß, und eine neidische Freude
blicktte aus seinen Augen.
Der Reisende, sich tuschend über den
Ausdrnck der plötzlich auf dem Gesichte
des Todiengräbers erschien, fühlte sein
Len trlen in der Erwartung, daß Lauw
zu ihm lommen und ihn bei seinem Na—
inen nennen würde.
Der Todtengräber aber benaquen ihn
noch einmal scharfen Blickes, griff dann
in die Tasde einer armseligen Weste und
zog ein altes, in schnutiges Pergament
gebuadenes Büchelchen hervor, an welchem
an einer Lederschnur ein Bleistift hing.
So umtkehrend, schien er etwas in das
Büchlein zu notiren.
Diese Handlung, in Verbindung mit
dem triumphirenden Ausdruck seines Ge—
sichts, überraschte den Reisenden derma—
ßen, daß er aufstand, zu ihm kinging
und ihn in voller Verwunderung frag—
te:
„Was schreibt Ihrdenn in dag Büchel
chen?“ :
„Das ist meine Sache,“ antwortete
Lauw Stevens. „Ihr steht schon erschreck
lich lang auf meiner Liste; ich mache ein
Kreuz bei Eurem Namen.“
„Ihr ertennt mich also ?“ rief der Rei—
sende freudig.
„Erkennen?“ sagte der Todtengräber,
„ich weiß es nicht; aber ich crinnere mich,
als ob es gesterst geschehen wäre, daß ein
böser neidischer Bursche mich in den Bach
warf, weil ich geliebt war von Wagen—
machers Rosa. Seitdem sind zwar schon
viel Osterkerzen geweiht worden allein. . . .
„Ihr von Rosa geliebt ?“ fiel der
Fremdling ihm in's Wort. „Es ist nicht
wahr, sag ich.,
Ah! Ihr wißt wohl, Mißgünster, der
Ihr waret. Hat sie nicht ein Jahr lang
den silbernen gewerhten Ring getragen,
den ich ihr von Scherbenheuvel mitge
bracht ? Und waret Ihr es nicht, der den
Ringeentriß und in den Bach warf ?“
Ein wehmüthiges Lächeln tauchte auf
dem Antlitz des Reisenden auf.
„Lauw, Lauw!“ rief er aus, „wir ir—-
ren; wir werden wieder Kinder durch die
Erinnerung ! Glaubt mir, Rosa hat Euch
nicht geliebt“ wie ihr wohl denkt ; sie nahm
Euren Ring nur aus Freundschaft und
der Weihe wegen. Ich war in meiner
Jugend rauh und barsch und habe nicht
immer edelmüthig an meinen Kameraden
- ehandelt; aber sollen vierunddreißig
Me die über Alles, über Menschen und
Dinge, so zerstörend dahin gegangen sind,
unsere schlimmen Leidenschaften unerkal—-
tet gelassen haben ? Ach, Lauw soll der
einzige Mensch, der mich nicht vergessen
hat, mein Feind sein u. bleiben? Kommt,
reicht mir die Hand; laßt uns Freunde
sein; ich will Euch den Rest Eures Lebens
vergolden.“
Der Todtengräber zog seine Hand
voll Bitterkeit zurück und sprach im dü—
stern Tone:
„Vergessen ? Ich Euch vergessen? Es
ist zu spät! Ihr habt mein Leben ver—
-7
7 nicht an a dachte. Geschah
es, um Euren Namen zu segnen? Urtheilt
selbst darüber, Ihr, der Ihr mich unglück
lich gemacht habt ?“
Die bebenden Hände zusammengefal
tet, hob der Reisende seine Augen zum
Himmel und rief mit Verzweiflung aus:
„Gott! Gott! Der Haß allein er
lennt· mich! Der Haß allein vergißt mich
nicht!“
„Ihr habt wohl gethan,“ ergriff der
Todtengräber lachend das Wort, „daß
Ihr hierher gekommen seid, um bei Eu—
ren seligen Eltern zu schlafen. Ich habe
Euch ein gutes Grab aufgehoben: ich
werde den stolzen „Langen Jan“ unter die
Dachtraufe legen, da kann das Regen—
wasser die Bosheit von seiner Leiche spü—
len.
Ein plötzliches Zittern schüttelte die
Glieder des Reisenden, .und ein Blitz der
Wuth und Entrüstung schoß aus seinen
Augen. Diese gewaltige Aufregung ver
schwand indessen schnell, um einem Ge—
fühle der Muthlosigkeit und des Mitlei—
leidens Platz zu machen.
„Ihr weist die Hand eines Bruders
zurück, der nach vierunddreißigjähriger
Abwesenheit in seine Heimath wieder
kehrt: der erste Gruß den an Euren
alten Kameraden richtet, ist bitterer Spott?
O Lauw, Ihr handelt nicht recht ! —Doch
sei es: sprechen wir nicht mehr davon.
Sagt mir nur, wo meine Eltern begraben
tiegen.“
„Ich weiß es nicht,“ murmelte der
Todtengräber. „Es ist länger denn fünf—
undzwanzig Jahre, daß sie todt sind, und
seitdem habe ich schon dreimal auf dem—
ng Platze ein frisches Grab gegra—
hen. . . -
In diesen Worien lag für den Reisen—
den etwas außerordentlich Peinigendes ;
kraftlos ließ er sein Haupt auf seine Brust
niedersinken, während den Blick starr
zu Boden gerichtet, in einer schmerzlichen
Verzweiflung versunken blieb.
Der Todtengräber nahm seine Arbeit wie
der auf, doch mit einer gewissen Trägheit,
als wenn auch ihn plötzlich ein tiefes
Nachsinnen ergriffen hätte. Er r und
erkannte das bittere Leid des Ressenden
und erschrak selbst innerlich über die ge—
heime Rachsucht, die sich bei ihm geregt
und ihn angetrieben hatte, seinen Neben
menschen so mitleidlos zu martern. Diese
Umwandlung seines Errtne prägte sich
sichibar auch auf seinem Antlitze aus ; das
xemburger Gaze
höhnische Lächeln verschwand von seinen
Lippen und er betrachtete seinen trauernden
Kameraden mit steigendem Mitgefühl.
Langsam näherte er sich ihm, faßte seine
Hand und mit leisex, · doch eindringlicher
Stimme sprach er— :
„Jan, Freund, vergebt Ihr mir, was
ich gethan und gesagt habe? Ich habe
freventlich und bös gehaudelt; aber, Jan,
wißt Ihr, was ich durch Euch gelitten
babe?
„Lauw“ rief der Andert, voll Rühb—
rung seine Hand erfassend, „es. waren
Irrthümer nuserer Jugend! Und sieh, wie
wenig ich an unsere Feindschaft dachte.
Daß Ihr nur meinen Namen nanntet,
das ist schon ein unnennbares Glück für
mich.. . . ich bin Euch noch dankbar da—-
für, obwohl Ihr mir das Herz gebrochen
habt durch Euren bittern Spott. . . .ï
Und nun, Lauw, sagt mir, wo liegt Rosa
begraben? Im Himmel noch wird sie sich
freuen, wenn sie uns versöhnt und ver—
brüdert an ihrer letzten Ruhestätte stehen
sieht!“
„Begraben ?“ fragte der Todtengräber.
„Gäbe Gott, daß sie begraben wäre, die
Arme!“
„Was ? Was wollt Ihr damit sagen?“
rief der Reisende, „lebt Rosa noch ?“
„Ja, sie lebt ;“ war die Antwort,
„wenn man das schreckliche Loos, welches
sie zu tragen hat, so nennen kann.“
„Dhr macht mich zittern. Um Gottes
Willen, sprecht, welches Unglück hat sie
denn getroffen?“
„Sie ist blind.“
Blind? Rosa blind! Keine Auge mehr,
um mich wiederzusehen! Wehe mir!“
Vom Schmerze übermannt, ging er
wankend nach der Bank zurück und sank
darauf nieder.
Der Todtengräber näherte sich ihm.
„Seit zehn Jahren ist sie blind“, sagte
er, und sie bettelt um ihr tägliches Brod—
ich gebe ihr jede Woche zwei Stüber—
und wenn wir backen, da ist immer ein
kleines Brod für sie dabei.“
Der Reisende syrang auf und des Tot
tengräbers Hand kräftig drückend, rief er
aus:
„DTant, Dant! Gott segne Euch für
Eure Liebe zu ihr! Ich nehme es auf
mich, Euch in soinem heiligen Namen zu
belohnen. Ich bin reich, sehr xeich. Heute
noch werden wir uns wiedersehen. Aber
nun ohne Zögern, sagt mir, wo Rosa ist;
jeder Augenblick ist eine Zeit des Unglücks
Bei diesen Worten zog er den Codten
gräber an der Hand mit sich fort und
wandte sich nach dem Auggange des
Kirchhofes hin. An der Mauer wies
Lauw mit dem Finger in die Ferne und
sprach: ;
„Seht Ihr dort hinter dem Busche den
kleinen Schornstein rauchen ?Es ist die
Hütte des Besenbinders Nelis Oems.
Dort wohnt sie.“ ;
Ohne fernere Nachweisungen abzuwar—
ten, schritt der Reisende in der bezeichne—
an Richtung durch das Dorf und bald
erreichte er die einsame Wohnung.
Es war eine niedere, von Reisholz und
Lehm erbaute Hütte, aber außen reinlich
mit weißem Kalk beworfen.
Unweit vor der Thür lagen vier Kin—
der in der warmen Sonne, wühlten in
der Erde umher, oder machten Kränze aus
blauen Kornblumen und rothen Kornro—
sen. Sie waren batfuß und fast halb—
nackt: das ãlteste Kind, ein kleiner Junge
von sechs Jahren, irug nichts als ein lei—
nenes Hemdchen auf dem Leibe. Wäh—
rend seine drei Schwesterchen den Unbe—
kannten mit Schüchternheit und gewisser
mahßen beschämt anblickten, betrachtete das
Knäbchen ihn im Gegentheil mit einem ge
wissen, mit Berwunderung und Aufmerk—
samleit gemischten Freimuthe.
Derßeisende lachte den Kiudern freund
lich zu, trat aber unverweilt in die Hütte,
wo er den Mann in einem Winkel beim
Besenbinden, die Frau am Heerd beim
Spinnrade fand.
Die Leutchen mochten ungefähr dreißig
Jahre erreicht haben und schienen beim
ersten Blick mnit ihrem Loose zufrieden zu
sein. Uebrigens war bei ihnen Alles um—-
her so sauber, wie das Landleben es in
einer so beschränkten Wohnung nur zu—
zulassen vermag. :
Sein Eintritt überraschte sie sehr we—
nig, obwohl sié shm aus Höflichkeit entge
genkamen, umn chm zu Diensten zu sein.
Gewiß, so dachten sie, wollte er sie nach
dem Wege fragen und der Mann war
schon bereit, zur Thür zu gehen und ihm
den Weg zu zeigen.... ser aber sicht
bar aufgeregt und vor e bebend
fragte :
hier ? —Da wechselten beide Ehegenossen
einen unbeschreiblichen Blick mii
und wußten vor Verwunderung · kaum,
was fie sagen sollten.
„Ja Nyuherr- antwortete endlich der
Mann, „ osa wohnt hier, aber sie e
ben betteln gegangen. Wollt Ihr sie gern
sprechen ?“ ;
„Gott/ Gott! wo ist sie?“ ief der Rei—
sende. „Kann man sie nicht augenblick—
lich finden?“
„Das dürfte schwer halten, Mynheer;
sie ist mit unsrer Trientje weggegangen,
um ihre wöchentliche Runde zu machen;
in einer Stunde aber wird sie sicher zu
Hause sein“
„Darf ich denn hier so lange warten,
gute ·Leute ?“ fragte der Reisende.
Kaum waren diese Worte aus seinem
Munde entfallen, so eilte der Mann auch
schon in das Seitenkämmerchen und holte
einen Sessel herbei, der, obschon rauh und
grob von Form, gleichwohl reinlicher
schien, wie die lahmen Stühle, die im
Zimmer standen. Damit nicht zufrieden,
zog die Frau noch ein schneeweißes Tuch
aus einem Kasten hervor, und dasselbe
über den dargebotenen Stuhl breitend,
wollte sie, daß der Fremde sich darauf
niederlasse. Dieser war erstaunt über ei—
ne so einfältige, doch aufrichtig gemeinte
erternat! und gab das Tuch unter
lauten Dankbezeugungen an die Frau zu—
rück. Hierauf nahm er Platz und in dem er
seine Augen durch das Zimmer schweifen
ließ, schien er etwas zu suchen, was ihm
von Rosa sprechen möchte. Wie er nun
das Hanpt nach der einen Seite hinge—
wandt hatte, fühlte er plötzlich eine kleine
Hand sanft in die seine niederfallen und
seine Finger streicheln. Durch dieses Zei—
chen der Zuneigung überrascht wandte er
sich um. :
Da siel sein Blick in die blauen Augen
des Knäbleins, das ihn mit einem freund—
lichen Lächeln anblickte, als wenn er sein
Vater oder Bruder gewesen wäre.
Komm hierher, Peerken;“ rief die Mut
ter, „Du mußt nicht so zudringlich sein,
mein Kind!“
Peerken indessen schien diese Ermah—
nung nicht zu hören, er starrte den Unbe
kannten nach wie vor an und streichelte
seine Hand, so daß dieser nicht wußte, was
er davon denken sollte, so unbegreiflich
war der Eindruck, den die Zuneigung des
Kindes auf ihn machte.
„Lieb Kindchen,“ seufzie et „was sind
Deine blauen Augen doch so schön: sie
rühren mich in der Seele! Komm'; ich
will Dir etwas geben, weil Du so artig
bist.“
Er nahm eine Aleine mit silbernem
4 und bunten cen Geld
e aus der Kectia ; ni 1
Münzen hineing eiten und gab ttut
Jungen, der das Geschenk woöhl mit
Erstaunen betrachtete, doch die Hand des
Reisenden darum nicht losließ.
Die Mutter näherte sich ihm und sagte
verweisend zu dem Kleinen:
„Peerken, Peerken, Du mußt nicht un—
artig sein ; bedank' Dich bei Mynheer und
küß' ihm die Hand.“
Das Knäbchen küßte seine Hand, neig—
te das Köpfchen und sagte mit klarer
Stimme:
„Ich danke Euch, Mynherr, langer
2 1
Ein Blitzstrahl würde den Neisenden
nicht gewaltiger getroffen haben, als das
Aussprechen seines Namens durch dieses
unschuldige Kind. Thränen stürzten wi—
der seinen Willen über seine Wangen;
er nahm das Kind auf seinen Schooß und
blickte ihmn in die Augen, während er aus—-
rief:
„O, Du Engel!“ Kennst Du mich
denn? Mich, den Du noch niegesehen
hast ? Wer lehrte Dich meinen Namen?“
„Blinde Rosa“, svar die Antwort.
„Aber wie ist es möglich, daß Du mich
erkannt hast, oder ist es Gott selbst, der
Dein kindlich' Gemüth erleuchtete ?“
„Ach! ich erkannte Euch gleich“ er
zählte Peerken; „wenn ich Rosa betteln
führte, dann erzählte sie immer von Euch;
und sie sagt, daß Ihr so groß seid, schwar
ze Augen habt, die funkeln; und daß Ihr
wiederkommen und uns Allen schöne Sa—
chen mitbringen würdet,. . . . und ich fürch
tete mich auch nicht;, Mynheer, denn Rosa
hat gesagt, daß ich Euch lieb haben müß—
te, und. daß Ihr mir einen großen Bo—
gen und einen Pfeil mitbringen wlit
tit“
Der Reisende lauschte aufmerksam den
süßen, einfältigen Offenbarungen des
Kindes. Plötzlich nahm er es auf seinen
Arm, küßte es liebreich und sprach dann in
feierlichem Tone:
„Vater, Mutter, dies Kind ist reich!
Ich werde es erziehen, nuenidien und
reichlich beschenken! Daß es mich erkannt
hat, muß sein Glück auf Erden sein!“
Die Eltern waren ganz bestürzt vor
Verwunderung und Freude. Der Mann
antwortete stammelnd:
„Ach, es ist zu viel Güte. Wir er—
kannten Euch sogleich; aber wir waren
unserer Sache atgern Rosa hat uns
niqt gesagt, daß Ihr ein reicher Mynheer
e
„Und Ihr auch, guten Leute, Ihr
kennt mich ?“ rief der Reisende. „Ich bin
hier zwischen Freunden : ich finde eine Fa—
milie, Verwandtschaft da, wo bisher
Tod und Vergessenheit mir entgegentra—
ten“.
Die Frau zeigte auf ein vom Rauche
geschwärztes Liebfrauenbild das auf der
Schautafel stand, und sagte:
„Alle· Sonnabend wird hier eine Kerze
angezündet für die Rückkehr oder. -
die Seele des Jan Slaets!“
Betenden Blickes hob der Fremde die
Augen zum Himmel einpor und voller
Begeisterung-rief er aus:
„O*Gott! sei gesegnei, daß Du
die Liebe doch mächtiger gemacht hast,
als den Haß.... Mein Feind hat mei
nen Namen mit dem finstern Ändenken
seines Hasses in seinem Herzen verschlos—
sen; —meine Freundin hat in meinem
Gedächtnisse gelebt, Alles rings umher
mit ihrer Liebe beseelt, mein Vedadudio
hier erhalten, und hier beliebt gemacht,
während achtzehnhundert Meilen mich
von ihr trennten! Dank, o Gott, ich bin
ganz belohnt!“
Eine lange Stille herrschte, bis Jan
Slaets der Aufregung seines Gemüthes
Meister wurde. Indessen achteten die
Leute seine sichtbare Rührung. Der
Mann hatte selbst seine Arbelt wieder
aufgenommen, aber er gab sorgsam Acht,
um beim geringsten Zeichen züm Dienste
des Gastes herbei zu fliegen.
Dieser hatte den kleinen Peerken auf
seine Knie gehoben und fragte jetzt:—
„Mutter, wohnt Rosa schon lange bei
Euch?“
Die Frau schickte sich an, ihm die
Sache des Langen und Breiten ansein—
ander zu setzen, sie rückte ihr Spinn—
rad näher zu ihm heran, und nachdem
sie sich niedergelassen hob sie an:
„Ich will Euch sagen, Mynheer, wie
das gekommen ist. Ihr müßt wissen,
als der alte Meuliuckr todt war, da ha—-
ben die Kinder getheilt; und Rosa, die
um alles in der Welt nicht geheirathet
würde, —es ist unnöthig, daß ich Euch
sage, warum Rosa hat ihren Antheil
san ihren Bruder unter der Lu
grgetrrien. daß er sie Zeit Lebens bei sich
behalten solle. Daneben beschäftigte ste
sich mit dem Mügtzenmachen. Siet ge
wann einen schönen Stüber, u. brauchte
dieses Geld ihrem Bruder nicht abzu
geben. Allen ihren Verdienst verwandte
sie auf gute Werke; sie besuchte die Kran—
ten und tteß den Dottor auf ihre Ko—
sten kommen, wenn's bei den Leuten gar
zu kñapp herging. Sie hatte alle Zeit
ein gutes Wort im Munde, um Jeder
mann zu trösten, und Erquickendes in
der· Dasche-· um die Krantën zu erfreu—-
en. So geschah es auch, daß mein
Mann, wir waren noch kein halbes
Jahr verheirathet, —eines Tages mit ei—
ner tödtlichen Erkältung nach Hause kam
—hört, daher hat er auch noch diesen töd—
lichen Husten behalten. Wir haben es
nächst Gott der guten Rosa zu danken,
daß unser guter Nelis noch nicht auf dem
Kirchhofe liegt! Ach! Mynheer, hättet
Ihr sehen koönnen, was sie aus reiner
Menschenliebe für uns that! Sie brach
te Decken— denn es war kalt, und wir
waren sehr arm ; —sie ließ noch zwei Dot—
toren aus einer anderen Gemeinde kom—
men, um zusammen über unseren Nelis
Rath zu pflegen; sie wachte bei meinem
Manne, sie erleichterte seine Leiden und
meinen Kummer durch ihre liebreichen
Worte, und gab uns all' das Geld,
welches noöthig war, um Speise zu kau
fen ·und die Medizin zu bezahlen;
denn Rosa war überall beliebt u. wenn
sie auf den Hof zn Mevruw, oder in
die Nähe zu den reichen Pächtern ging,
um Hülfe für die Armen zu bitten, so
wurde eine milde Gabe ihr niemals ver—
weigert. Und, Mynheer, das hat so
sechs Wochen lang gedauert, daß unser
guter Nelis krank im Bette lag, und
Rosa hat uns beschützt und hat uns ge
holfen, bis er nach und nach wieder an
fangen konnte zu arbeiten“
„Wie müßt Ihr dießlinde lieb haben!“
seufzte der Reisende.
Der Mann richtete sich einen Augen
blick von der Arbeit auf: Thränen glänz
ten in seinen Augen und mit wahrer Be
geisterung rief er aus:
„Könnte mein Blut ihr das Gesicht
wiedergeben, ich ließe es mir abzapfen bis
zum letzten Tropfen!“
Dieser Ausruf machte einen tiefen Ein
druck auf Jan Slaets. Die Frau be—
merkte dies und gab ihrem Manne mit
dem Kopfe ein ermahnendes Zeichen, um
ihm Esle anzubefehlen. Dann fuhr sie
fort:
„Drei Monate später schenkte uns Geit
ein Kind: es sitzt auf Eurem Schooße.
Rosa, dle lange zuvor um seine Ankunft
wußte, wollte es über die Taufe halten,
und Peer, der Bruder meines Mannes,
sollte Paihe sein. Am Tage der Tauf—
handlung war die Rede von dem Namen,

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