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Luxemburger gazette. [volume] (Dubuque, Iowa) 1871-1918, September 08, 1871, Image 2

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Feuilleton.
Die Nacht auf einem Walsisch.
Das gute Schiff King Harold kreuzte
bei den Königsinseln in der Hoffnung,
während des Winters dort einige Potfische
zu fangen und dann beim Eintritt der
milderen Jahreszeit nördlicher auf den
Walfischfang zu gehen. Monate lang hatte
die Mannschaft indessen schon Wind und
Wetter Trotz geboten, ohne auch nur ei—
nen Fisch gesehen zu haben. Ungläubig
lächelnd sahen die Matrosen einander defß—-
halb auch an, als eines Morgens Patrick
O'Craine, ein zu dem Rang eines Bot—
führers und Harpunirers erhobener Sohn
der Smaragdinsel, die Leute allarmirte.
Es sollte in nicht weiter Ferne ein großer
Fisch aufgetaucht sein, und auf Befehl des
Kapitäns wurden alsbald vier Boote her—
abgelassen. · Bei einer solchen Erpedition
herrscht in der Regel die regste Thätigkeit,
und die Eifersucht der Bootführer auf
einander ist groß, da es nicht allein die
Ehre, den er Sitoß zu thun, sondern
auch die Prämie ist, welche für dieselben
gegeben wird, um die der Wettkampf ent—
brennt. Die drei schnellsten Boote hatten
dießmal die gleiche Chance, auf Stoßweite
an das Thier heranzukommen ; das vier
te indessen, welches unser Irländer be—
fehligte, konnte trotz aller Anstrengungen
der Ruderer den Vorsprung der andern
nicht gutmachen und war fast eine Ka—
bellänge hinter dem ersten zurückgeblieben,
dessen Harpunirer fich schon zum Stoße
fertig machte. In diesem Augenblicke sah
Patrick, wie ein zweiter Fisch zu seiner Rech—
ten Wasser aufwarf, und steuerte zur gro—-
Ben Freude seiner Kameraden, die im Ue—
brigen froh waren, einen Bewerber um
das Prijengeld los zu sein, auf die Stel—
le zu. Inzwischen hatte der Führer des
erstern Boots seine Harpune geworfen
und die andern zwei folgten ihm, um den
Fisch nicht entkommen zu lassen. Das
verwundete Thier schoß pfeilschnell in die
Tiefe und schwamm in nördlicher Rich
tung davon, wobei es die drei Boote min—
destens eine Meile weit mit sich fort zog,
so daß deren Mannschaft vollauf zu thun
hatte, das über den Bug ee
Wasser auszuschöpfen. Endlich kam der
Körper wieder herauf und ward nun mit
Leichtlgleit abgethan. Da es unmöglich
war, mit der unförmlichen Masse im
Schlepptau zum Schiffe zurückzurudern, so
erwarieten die drei Boote das Schiff, wel—
ches endlich nach langem Hin-und Her
trun zu ihnen kam. Die Besatzung
der Boote, nachlässig mit dem Ruder in
der Hand die Ankunft des Schiffs erwar
tend, hatte nun vollauf Zeit, sich nach den
Kameraden im vierten Boote umzusehen;
dasselbe war ihnen jedoch ganz aus Sicht
gekommen. Sie trösteten sich indessen
mit der Hoffnung, daß der Mann, welcher
im Mastkorb auslugte, dessen Manöver
gefolgt und demnächst die Richtung anzu
geben im Stande sein werde, wo dasselbe
aufzufinden sei. Es war fast Nachmit—
tag, ehe der Fisch neben dem Schiffe fest—
gemacht und die Bemannuug der drei
Boote an Bord zurückgekehrt war. So
wie dieß geschehen konnte, sandte der Ka—
pitän einen Mann in den Mast, um sich
nach dem vierten Boote umzusehen, das
vermuthlich fest neben einem andern Wall—
fisch lag. „Nun, Jack, ist es weit ab von
uns? rief er dem Ausluger zu. Ich seh'
gar nichts von dem Boot ! lautete die
Antwort zurück. Unsinn! du brauchst
nicht seewärts zu sehen, dort kann es nicht
sein! rlef der Kapitän, guck nach dem
südlichen Horizont! Der Mann that, wie
ihm befohlen war und blickte so lange
durch das Fernrohr, daß der Kapitän zu—-
let ungehalten wurde und selbst die
Wanden hinaufstieg um nach dem Boote
auszuschauen, dessen sonderbares Ver—
schwinden ihn beunruhigte. Ganz weit
in der Ferne war es mjr, als ob ich einen
dunklen Puntkt sähe, ie der Matrose,
dem Kapitän das Fernrohr reichend ; aber
wenn ich genauer dorthin blicke, verschwin—
det derselbe wieder. Der Kapitän blickte
aufmertsam in der angegebenen Richtung,
aber kopfschüttelnd richzete er sein Fern
rohr weiter südlich. Trotz aller Anstren—
gung war er indessen außer Stande, eine
Spur von dem Boot zu entdecken, und
als die Sonne sant und den südlichen Ho—
rizont weithin erhellte, war er ebenso
im Unllaren liber das Schidssal seiner
Leute wie vorher. Sein erster Steuer
mann, den er zu sich hinauf gerufen hat—
te, war ebenso wenig erfolgreich wie er
selber, und beide waren darüber einig, daß
Patrid und seiner Mannschaft ein Un—
glück zugestoßen sein müsse. Um dem
Boote nachzuspüren, mußte vor allen
Dingen der der neben dem Schiffe
trieb, gesichert werden, und dieß konnte
nur gqe en, indem man eine Flagge auf
denselben sieckte. War es auch dann noch
fragli ob er ihn wiederfinden würde, so
wollte der Kapirän doch die Beruhigung
haben, nlchts unversucht zu lassen, um den
« Vermißien, wenn sie noch lebten, Hülfe zu
bringen. Strömung und Winb trieben
das Schiff indessen in südlicher Nichtung,
und er entschloß sich daher kurz, während
der Nacht den Fisch im Schlepptau zu be—
halten und erst gegen Morgen zu suchen,
bis Sonnenaufgang aber halbstündlich
einen Allarmschuß abzufeuern und Later—
nen an den Mast zu hängen, damit, wenn
die Leute noch am Leben seien und das
Schiff zu erreichen suchten, sie nicht an
demselben vorbeitrieben, denn die Nacht
war finster und der Himmel bewölkt. Es
war noch eine Möglichkeit, daß das Boot
so weit aufgetrieben sein konnte, daß ee
selbst dem geübten Auge eines Seeman—
kes entging —ein Boot ist nur ein kleiner
Punkt auf dem weiten Meer, aber
es war eine schwache Hoffnung, an die
der Schiffer sich klammerte, denn im Ge—
heimen war er überzeugt, daß ein ver—
wundeter Fisch das Boot zertrümmert
hatte und daß dessen Bemannung ertrun--
ken war. Zwar war die See ziemlich ru
hig, aber der gefräßige Hai witterte nur
zu bald, wo es Beute gibt; waren doch
bereits ein halbes Dutzend dieser gierigen
Thiere in die Nähe des Schiffes gekom—-
men und machten fortwährend Versuche,
aus der glatten, zähen Haut des Wal—
fisches Stücke herauszureißen. War des
halb das Boot umgeschlagen, dann wehe
dessen Besatzung —sie mußten den Räu—
bern des Meeres zum Opfer fallen! Die
Nacht verstrich, ohne daß von dem Boote
etwas gehört und gesehen ward; während
derselben war der Fisch zerhauen, der
Speck vom Fleische getrennt und an Bord
geschafft; um keine Zeit zu verlieren, hat
te man auch alsbald mit dem Auskochen
begonnen, weil unter der Linie nament—
lich das Fleisch sehr schnell in Fäulniß
üübergeht. Fackeln, welche mit Stücken
Speck unterhalten wurden und in großen
errirran oder Drahtnetzen über Bord
hingen, erhellten weithin das Meer und
gaben den schäumenden Wogen einen ei—
genthümlichen Glanz. Mit Tagesan—
bruch war die Arbeit vollendet und der
große Kopf des Ungeheuers ward mit der
großen Winde an Bord gehißt. Sobald
die Sonne aufstieg, schickte der Kapitän
zwei Mann mit guten Fernrohren in den
Mast, um nach dem Boote auszusehen.
Aber vergeblich hatten sie bereits den Ho—
rizont mehrere Male überschaut, ohne eine
Spur von demselben zu entdecken. Da
ward plötzlich der Eine der Leute in wei—
ter Ferne einen Punkt gewahr, der nicht
wieder verschwand. Die Entfernung war
aber so groß, daß sich gar nicht be—-
stimmen ließ, was es war. Ohne Säu—
men ward der Kapitän davon unterrich
tei und eiligst stieg er selbst in den Mast.
Auch er sah luywärts einen Gegenstand
schwimmen, den sie während der Nacht
passirt sein mußten. Sofort ward einer
der Harpunirer mit sechs Mann abge—
schickt, um zu sehen, was es sei, selbst wenn
es nicht das vermißte Boot war—denn
es glich demselben ganz und gar nicht,
würde es der Mühe verlohnen, Aufklär—
ung darüber zu erhalten, ob es ein todter
Walfisch sei, und war dieß der Fall, wür—
de die ausgeschickte Mannschaft unter al—
len Umständen dadurch Spuren von den
Verunglückten finden, da der Fisch eine
oder mehrere Harpunen im Leib haben
mußte. Fast eine Stunde lang ruderten
die Leute, stets den ihnen vom Schiffe
aus gegebenen Signalen folgend, ohne
irgend Etwas entdecken zu können. End—
lich glaubte der Harpunirer, der vexne am
Bug auslugte, gerade vor sich einen dunk—
len Gegendstand zu erblicken. Legt aus,
Jungens! rief er den Matrosen zu; bei
Gott! es ist ein Mann, der auf einem
Floß oder Boot oder etwas Aehnlichem
steht; legt aus, denn es scheint, als ob wir
noch eben zur rechten Zeit kommen. Dann
ließ er ein lautes Halloh! erschallen, um
eine Antwort zu erhalten; dieselbe. kam
aber nicht, und im Flug schoß das Boot
auf den sonderbaren Gegenstand zu. Ein
Mann ! ein Mann ! riefen die Leute im
Boot fast einstimmig. Ich glaube, es ist
Patrick! rief der Bootführer. Ja Pat—
ricdk ists ! entgegnete der Mann am Steuer,
aber wo sind die andern geblieben? Alle
ferneren Fragen wurden durch erneuert
Ausrufe des Erstaunens unterdrückt, als
ü näher kommend, nicht allein den jun—
gen Irländer erkannten, sondern auch
zu ihrer größten Verwunderung sahen,
daß derselbe auf einem todten Walfisch
kniete, der nur wenige Zoll über der Was—
serfläche emporragte. Die linke Hand
Patrick!s war sest mit der Harpunirleine
umwicdkelt und er hielt sich allein dadurch
auf dem schlüpfrigen Rücken des Thieres,
während die Rechte so krampfhaft den
Stiel welchen er abgeschnitten hatte, er
faßte, daß er denselben selbst nicht losließ,
als das Boot neben ihm lag und alle
Hände sich nach ihm ausstreckten.
Der anne Mensch war blaß wie der
Tod und unfähig, auch nur ein Wort
zu sprechen; als dje Kameraden sich
ihm näherten, erhob er sich ganz mecha—
nisch, um in das Boot zu steigen; aber
sein Auge war so stier wie das eines Blöd
br und sobald er die Planken mit
den Füßen berührte, brach er oyumgrus
zusammen. Patrid O'Craine· hatte eine
rxemburger Gazet
fürchterliche Nacht verlebt. Wir müssen,
um seine Erlebnisse kennen zu lernen, zu
dem Augenblick zurückkehren, wo er sich
von den andern drei Booten trennte, um
auf seiue eigene Hand einen Walfisch zu
jagen. Er hatte, um das Thier, welches
noch keine Ahnung von der ihm drohenden
Gefahr hatte, einholen zu können, seine
Segel aufgehißt, denn der Fisch trieb mit
Wind und Strömung vor ihm her. Aber
ro aller Anstrengungen dauerte es ge—
raume Zeit, ehe er khm den Vorsprung
abgewinnen konnte, und als er ihn dann
auf Wurfweite erreichte, tauchte der Wall—
sisch unter, so daß das Boot über die Stel—
le hinwegschoß, wo er so eben noch Wasser
aufgeworfen hatte. Streicht das Segel!
rief der Harpünirer hastig, indem er mit
erhobener Lanze den Augenblick erwarte—
te, wo er zustoßen konnte. Der Mann am
Steuer hatte die Schoten des flatternden
Segels in der Hand und betrachtete auf
merksam jede Bewegung des Harpu—
nirers, um dessen Befehle prompt ausfüh—
ren zu können, während die Ruderer in
das klare Wasser blickten in der Hoffnung,
die Richtung zu entdecken, in welcher der
Walfisch geschwommen war. Da sehe ich
Etwas aus der Tiefe auftauchen, sagtt ei
ner der Matrosen in einer ängstlichen
halbgeflüsterten Ton, hier, gerade unter
uns. Stille, stille! entgegnete Patrick,
Ihr müßt behutsam sein, sonst verscheucht
Ihr ihn wieder —wo ist er? Da kommt
er! da kommt er! riefen mehrere Matro—
sen gleichzeitig, während sie instinktmäßig
die Ruder senkten. Eingelegt —zurück,
wenn Euch Euer Leben lieb ist! schrie
Patrick Angesichts der Gefahr, die dem
Boote drohte, wenn der aufsteigende Ko—-
10ß dasselbe berühren würde. Das Com—
mante ward prompt ausgeführt, kaum
war aber das Boot um eine Länge rück
wärts dirigirt, als der ungeheure runde
Kopf eines mächtigen Walfisches aus dem
Wasser tauchte und vorwärts schoß um der
Gefahr auszuweichen. Vorne am Bug
des Bootes neben Patrick stand der zweite
Harpunirer mit erhobener Lanze, aber sein
Arm zitterte, als er die Femahe vor sich
auftauchen sah, und er wagte nicht, den
blitzenden Stahl nach dem gefährlichen
Gegner zu werfen, der sie Alle mit einem
Schlage zermalmen konnte. Gib's ihm!
donnerte Patrick furchtlos und nur an das
Prisengeld denkend, hol' dich der Teufel,
wenn du den Fisch davonkommen läßt!
Ungeduldig wollte er den Andern bei Sei—
te schieben, um seine Harpune in die Flan—-
ken des Fisches stoßen zu köbnnen, aber schon
hatte Jener seine Geistesgegenwart wie—
der gewonnen, im nächsten Augenblick
sauste seine Waffe durch die Luft und
drang tief in den Rücken des Ungeheuers.
Mit einem Lächeln der Befriedigung sah
Patrick der Operation zu, dann aber folg
te er mit seiner Lanze, um dem Thier den
Todesstoß zu geben. Wüthend peitschte
dasselbe mit seinen mächtigen Flossen die
Wogen und hob sich hoch aus dem Was—
ser empor, als ob es seinen Feinden entge—
hen wollte. Aber schon holte Patrick zum
zweiten Male aus. Ehe er jedoch den
Stoß wiederholen konnte, wandte der Fisch
sich um, daß das Meer hoch aufschäumte.
ẽ ickes Blut!“ jubelte die Mannschaft,
aber der Donnerruf Patricks: zurück, sonst
sind wir verloren! machte sie plötzlich ver—
stummen. Mit kräftigem Arm drehte der
Mann am Steuer die Pinne und zog die
Schoten an, um das Fahrzeug vor den
Wind zu bringen; ehe aber noch einer der
Matrosen ein Ruder geregt hatte, schoß das
wüthende Thier mit weit geöffneten Kie—
fern auf das Boot zu und zermalmte das—
selbe zu Atomen, als ob es von Papier ge—
macht wäre. .
Patrick hatte die Gefahr gesehen und
wußte, was kommen würde; mit fester
Hand erhob er aber seine Harpune und
stieß sie tief in das Auge des Ungeheuers,
konnte jedoch das Boot nicht retten. Das
dicke schwarze Blut färbte ringsumher die
Wogen, die über der unförmlichen Masse
zusammenschlugen und Mannschaft und
Bruchstücke des Bootes mit sich fortrissen.
Wer eine Planke erfassen konnte, klam
merte sich im Gefühl der Selbsterhaltung
an dieselbe fest. Mechanisch hatte Patrick
nach der Leine gegriffen, an welcher seine
Harpune befestigt war; wie einen Feder
ball zog der Fisch ihn mit sich fort und er
würde ohne Zweifel ertrunken sein, hätte
der Koloß noch einige Minuten länger ge
lebt. Aber der erste en hatte die rechte
Stelle getroffen u. nach einigen verzweifelten
Umwälzungen kam er wieder an die Ober
fläche und trieb dann ruhi- und todt auf
den blutgetränkten Wogen. Ohne Zau—
dern schwamm Patrick zu dem Korper hin,
ergriff die noch in demselben steckende Har
pune und richtete sich an derselhen auf,
zeitig genug, um dicht hinter sich einen
durchdringenden Schrei zu hören. Er—
schreckt wandte er sich um der Hülferuf
war zu schrecklich gewesen; aber es war
ihm, als wenn ihm das Blut erstarren
müßte, als er in nicht weiter Ferne von
sich die dunklen Rückenslossen zweier Hai—
sische erblickte, die gierig hin- und her
schossen, während dieotlione in Was
ser und die zusamme nden Wogen
te.
ihm die Stelle zeigten, wo einer seiner
Kameraden mit einem dritten Hai umsein
Leben rang. Hier und da schwamm noch
einer der nglücklichen, sich verzweiflungs
voll an ein Ruder oder eine Planke an—
kllammernd; aber was half ihnen der
machtlose Faustschlag, mit dem sie die
Hyänen des Meeres von sich abzuhalten
bemüht waren, oder der Angstschrei, wel—
cher den Ungeheuern bei deren Annähe—
rung entgegen tönte ? Es war Musik für
die Ohren dieser schrecklichen Riesen mit
den katzenähnlichen Augen, und der blu—
tige Schaum, welcher im nächsten Augen—-
blick die Oberfläche des Wassers bedeckte,
war das Leichentuch der Verunglückten.
Schrecklich! schrecklich!“ stöhnte Pa—
trick, der kaum Kraft genug in sich fühlte,
sich auf dem Rücken des Walfisches auf
recht zu erhalten, schrecklich, so ohne Hül
fe sterben zu müssen! Verzweiflungsvoll
blickte er über die Wasserfläche zu dem fer
nen Schiffe hinüber, welches weit, weit
weg am Horizont sichtbar war und den
drei Booten lavirte. Wenn sie lhn nun
vermißten und selbst Tage lang nach ihm
suchten, welcher Trost für ihn lag in die
ser Hoffnung ? Nur Stunden, vielleicht
sogar nur Minuten waren ihm vergönnt,
denn der unersättlichenßlutgier des Hai's
würde auch er schließlich zum Opfer fallen
müssen. Schaudernd bedeckte er sein Ge—
sicht mit beiden Händen, um den Todes—
kampf seiner Kameraden nicht mit anse
hen zu müssen —war es doch nur ein Bild
dessen, was ihn erwartete. Aber das dem
Menschen innewohnende Gefühl der
Selbsterhaltung, mir dem er sich an einen
Strohhalm anklammert, brachte auch ihn
endlich zum Bewußtsein und ließ ihn auf
Mittel denken, die ihn retten oder wenig—
stens das über ihm hängende Geschick ver
zögern sollten. Die Harpune, welche tief
in die zähe Haut des Walfisches einge—
drungen war, gewährte ihm einen ziem—
lich sichern Halt auf dem schlüpfrigen Ko—
loß. Zwar dachte er daran, dieselbe her—
auszuschneiden und sich ihrer als Ver—-
theidigungswaffe gegen den gierigen Feind
zu bedienen; aber er gab diesen Gedan—
ken wieder auf, denn wenn er einmal aus
glitt und ins Meer fiel, würde ihm selbst
der scharfe Stahl keine Sicherheit bieten
gegen den gelenkigen Hai, dem er schließ—
lich doch zum Opfer fallen würde, wenn
derselbe ihn trotz aller Wunden mit sich
in die Tiefe zog. Aber Etwas konnte er
dennoch thun. Der Stiel der Harpune,
ein ungefähr vier Fuß langer, beinahe
zwei Zoll dicker, eichener Prügel saß noch
in dem Stahl befestigt; er zog denselben
heraus, schnitt mit dem Messer, welches
jeder Seemann stets bei sich führt, die
Leine ab und befestigte solche in dem Ring
der Harpune. Dann wand er sich dieselbe
um seinen linken Arm, um die Haltung
nicht zu verlieren, nahm den Stock mit
wachsendem Vertrauen in die Rechte und
erwartete mit zusammengebissenen Zähnen
und blitzenden Augen den Angriff seiner
Feinde. Die Haifische waren indes—
sen für den Augenblick gesättigt und spiel—
ten in dem blutgetränken Wasser, indem
sie Stücke des zertrümmerten Bootes zwi—
schen die Zähne nahmen oder sie träge
mit dem spatenförmigen Oberkiefer vor
sich her stießfen. Zum Glück war das
Wetter ruhig und die See nicht bewegt;
nur hin wieder spritzte eine Welle über
Patrick hinweg, aber keiner der Haifische
kam ihm nahe, so daß er sich der Hoffnung
hingab, von ihnen verschont zu bleiben,
bis dem Schiff gelang, ihn aufzunehmen.
Aber wo war das Schiff ? Gerechter
Gott! Da war keine Aussicht auf Ret—
tung für eine lange, lange Zeit, denn es
entging dem geübten Auge des Seemanns
nicht, daß das Schiff, so weit die Entfer
nung auch war, von ihm abhielt. Die
andern Boote hatten aller Wahrscheinlich
keit nach ihren Fisch gefangen und konnten
mit ihrer Beute im Schlepptau ihm nicht
zu Hülfe kommen. Heiß brannte die
Nachmittagssonne auf seinen Schädel und
die Zunge begann am Gaumen kleben zu
bleiben. Wasser! zu seinen Füßen wog
te das Meer, und er sollte vor Durst ster
ben? Er kniete nieder und wusch sich
Stirne, Wangen und Lippen, um nur
eine kuwe Erfrischung zu haben, er band
sich sein Taschentuch um den Kopf, denn
seine Mütze hatte er bei dem Fall in's
Wasser verloren. Durch diese Bewegung
wurde indessen die Aufmerksamkeit der
Haifische exregt, und das Beilengtn nach
mehr Beute, wenn gleich sie übersättigt
sein mußten, ließ sie näher kommen,
Kaum hatte Patrick die Hände erhoben,
als er eines der größten Thiere auf sich
zukommen sah, so daß er kaum so viel
Zeit behielt, sich zu erheben und nach sei—
ner Waffe zu greifen. Ein über zwoölf
Fuß langes Thier schoß mit erstaunlicher
Schnelligkeit auf ihn los und warf sieh
mit weit geöffnetem Rachen auf den Rük—
ken, um nach ihm zu schnappen. Mit
der Gefahr aber kehrte auch der Muth in
dem jungen Irländer zurück; mit nervi
er Faust erfaßte er den gewichtigen Stock,
hu sest an der Leine in der Linken, und
versetzte dem Ungeheuer einen solch gewal—-
tigen Hieb auf den Kopf, daß dasselbe
halb betäubt vom Körper des Walsfisches
herabglitt und seinen Angriff nicht wie—
derholte. Aber durch das Geplätscher
im Wasser angezogen, kamen nun auch
die andern Haifische heran und wenn gleich
sie auch für den Augenblick keinen Angriff
auf den kühnen Sterblichen versuchten, der
ihnen in ihrem eigenen Elemente Wider—
stand entgegenzusetzen wagte, so schwam— :
men sie doch in engen Kreisen um die
Stelle herum, auf der er stand, und nö—
thigten ihn einige Male nach ihnen aus—
zuholen, um sie in respectabler Entfer
nung zu halten. Aber der Hai ist einzu .
gieriger, hartnäckiger Fisch, !als daß er,
selbst wenn er gefährlich verwundet wird,
seine Beute im Stich läßt, so lange er
Kraft benug besitzt. Wieder und immer
wieder wurde es nöthig für Patrick, den
schweren Stock zu gebrauchen, und er that
es mit Erfolg, so lange er sich stark genug
fühlte, gegen Hunger, Durst und die sen—
gende Sonne anzütämpfen und die Auf—
regung ihn nicht geschwächt hatte. Und
das Schiff ? —von dort her kam ihm keine
Rettung!
Tiefer und tiefer sank die Sonne und
noch lag dasselbe mit seinen hell blinken
den Segeln dicht beim Winde; die Hai—
sische aber wurden mit jedem Augenblicke
kühner und versuchten wiederholt sich in
der glatten Haut des Walfisches festzubei—
hen. Und als endlich die Sterne am Fir
mament erglänzten und er die am Schiffe
ausgehängien Laternen sah, wie sank da
seine Hoffnung! Wie konnte er erwarten,
in der Dunkelheit aus seiner verzweifelten
Lage befreit zu werden, wenn ihn Nie—
mand mehr sah! Würde seine Kraft aus
reichen bis zum Morgen? Schon fühlte
er sich so schwach, daß er, nur um einen
Augenblick der Erleichterung zu finden,
niederkniete oder sich der Länge nach auf
seinem ungewöhnlichen Floß ausstreckte,
so lange die Haifische es erlanbten. Was
machte es ihm aus, wenn er auch bis auf
die Haut durchnäßt war! Aber seine Pei—
niger ließen ihm nicht lange Ruhe, und
die Gefahr, von denselben überrascht und
in's Wasser hinab gezogen zu werden,
war zu groß, um erst auf ihren Angriff zu
warten. Der gierigste von allen war ein
junger Hai von kaum acht Fuß Länge,
denn er ging selbst so weit, die Harpune
zu erfassen, und sie so lange festzuhalten,
daß sein Körper zur Hälfte trocken über
dem Walfisch lag. Aber ein mit aller
Macht auf sein tückisches Auge fallender
Hieb Patricks machte den kecken Angrei—
fer seinen Halt loslassen und, den weißen
hans nach oben gekehrt, sank er in die
Tiefe. Aber andere Ungeheuer nahmen
seinen Platz ein und der helle, glänzende
Streifen im Wasser warnte Patrick vor
deren Annäherung. So verging Stunde
um Stunde in dem fürchterlichen Kampf
um das Leben. Da meinte er zu be—
merken, das Schiff komme ihm näher
und frische Hoffnung schwellie seine
Brust. Er hörte ganz deutlich die Sig—
nalschüsse und erkannte nach und nach so—
gar die auf dem Deck sich hin und her be—
wegenden Gestalten. „Schiff ahoi!
ahoi !“ rief er so laüt er konnte, als er zu
seinem Schrecken sah, daß seine Kamera—-
den ihn nicht bemerkten und an ihm vor
über trieben. Aber wieder mußte er sich
in Vertheidigungszustand setzen, denn
durch den Ton der menschlichen Stimme
angelockt, kamen die Haisfische von allen
Seiten. Gewichtig fiel sein Stock zu
wiederholten Malen auf die Köpfe der
Angreifer. Hiebe theilte der junge Ir
länder aus, die einen Ochsen zu fällen im -
Stande gewesen sein würden, aber keine
andere Wirkung auf die Haisische her—
vorriefen, als sie für einen Augenblick zu
verjagen. Wieder ertönnte ein Signal
schuß vom Schiffe herüiber, und wieder
ließ Patrick seinen Hülferuf erschallen;
aber der Wind stand ihm entgegen und
wenn gleich er fast die Stimmen seiner
Kameraden unterscheiden konnte, er war
und blieb unfähig, sich ihnen bemerklich
zn machen. Je lauter er rief, desto küh—
ner wurden die Feinde und er war kaum
mehr im Stande, sich den vereinten An—
griffen derselben za erwehren. Seine
Kraft sank, und Muth und Hoffnung ver
ließen ihn, als er das rettende Schiff vor
übertreiben sah. Nur die Liebe zum Le—
ben und die Furcht vor einem elenden To—
de hielten ihn allein aufrecht und sporn—
ten ihn an, sein Dasein so theuer wie
möglich zu verkaufen. Endlich graute der
Tag, aber viel zu langsam für sein ängst
lich Hopfendes Herz; er sah die Sonne
aus dem Meere steigen, er erkannte noch
die Umrisse des Schiffes, wie es mit voll
fegrlien Segeln über die rubige Was—
erfläche dahin glitt. Noch einen Ver—
such wollte er machen, sich bemerklich zu
machen und bemühte sich, sein Hemd ab—
zustreifen, um es als Flagge zu benützen.
Aber er war unfähig dazu, denn
GOlieder waren steif und kalt, selbst die
Stimme versagte ihm den Dlenst und er
konnte nur ñnoch tinlee heisere Gurgelto—
ne herworbringen. Srine Augen glühten
wie Feuer, sein Kopf schwindelte und ein
Gedanle, wild und schrecklich beschästigte
seine Phantasie. Er beabsichtigie,

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