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Luxemburger gazette. [volume] (Dubuque, Iowa) 1871-1918, August 17, 1875, Image 2

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Feuilleton.
lü 2 d
er Löwe von Fandern.
Von Heinrich Conscience. j
———
Erster Theil.
(Fortsetzung.)
Der Kranke hatte seit seiner Verwundung
noch nicht wieder verständlich gesprochen;!
es schien sogar, daß er die Worte, welche
man ihm zuflüsterte, nicht hörte. Dem
war aber nicht so. Wenn Mechthilde ihm!
ĩn den ersten Tagen seiner Krantheit sreund—-
Jich mit den Worten zuprach: Gencse
mein armer Adolph, mein lieber Bruder,
ãch werde für dich beten; denn dein Tod
würde mich noch unglücklicher machen,
und noch mehrere Redensarten, die sie ganz
arglos an seinem Bette sprach; dann hatte
Adolyh dieses wohl gehört und verstanden,
wenn es ihm auch an Kraft fehlte um zu
spreehen.
Während der verflossenen Nacht war ei
ne mertliche Besserung in Adoph's Zustan
eingetreten. Die Natur hatte ihm nach
angem Kampfe cinen heilsamen Schlaf
verlaehen, und er war aus demselben mit
neuer Lebenskraft erwacht. Der Seufzer,
den er bei seinem Erwachen ausstieß, war
Aauter und länger, als seine Wunde es ihm
Hishe- erlaubt hatte.
AMS Mechthilde den Becher von setem
Mund- weggenommen, erstaunte sie nicht
wecnig; denn er sprach mit schwacher aber
arer Stimme:
O edle Jungfrau! mein Schutzengel!
Trust, den er mir durch Euch verliehen. /
Bin ich der Sorgfalt würdig, edle Dame,!
DHaß Eare durchlauchtigste Hand mein
Haupt so freundlich unterstütt? Seid ge
jegner sur Eure Sorge um einen armen
Aitce:
Das Mädchen sah ihn erstaunt an; (
dann bemerkend, wie sehr er an Lebenskraft
Zewonnen, schlug sie die hoch erhobenen
Hnde zusammen, und gab ihre Freude
Irohlodend zu ertennen.
O, Ihr werdet genesen, Herr Adolph!
citf ?e. Nun will ich nicht mehr trauern
ich werde jetzt wenigstens einen Bruder!
Hoben dea mich tröstet.
Als ob sie sich in diesem Augenblick er
innerte, etwas vergessen zu haben, hörte!
ihre hestige Bewegung plötzlich auf; ihr
Gesicht wurde ernst, und sie warf sich tnie
end vor einem Kreuze am Kopfende des
Benes nieder. Sie faltete ihre Hände,
unt rithtete ein langes Dantgebet an den
Herr, der. ihrezn Freund und Bruder
ph hatte genesen lassen. Ausstehend
denaete sie noch einmal den Ritter und
jproch zu ihm mit froher Stimme:
Haltei Each till, Herr Adolph, rütri
Euch , dexn Meister Rogaert hat's be
oßu.
5 habt Ihr nicht alles für mich ge
ihen. durchlauchtigste Tochter meines
Herrn, sprach Adolph. Ich habe bestän
dig Eure Gebete gehört, Eure tröstende
Sücmme hat mir so manchmal das Herz
gestärt:! Ja, es hat mir im Schlum
mer geichienen, daß ein Engel Gottes den
Tod von meinem Bette abwehrte ein
snge der mein Haupt unterstützte, meinen
Grennenden Durst mitleidig stillte, und!
mich unaushörlich versicherte, daß ich nicht
Aerven würde. . .. O möge Gott mir einst
meine Gesundheit wieder verleihen, auf daß
ch mein Blut sür die Eurigen vergießen!
tonnte.
DHerr von Nieuwland, antwortete das
Mädchen, Ihr habt Ener Leben sür meinen!
VBater gewagt
hn liebe; ziemte es mir da nicht, Euch
mxine Dankbarkeit zu beweisen, und Euch
wie meinen Bruder zu behandeln? Der
Engel, den Ihr gesehen habt, war der hei—-
Zige Michael, den ich bat, daß er Eunch zu
Hülfe ?ommen möge. Nun gehe ich ge
schwind Eure gute Schwester Marie zu ru—
fen, damit sie sich mit mir Eurer Besser
ang jreue!
Sit- verließ den Ritter, und kam nach ei
nigen Augenblicken in Begleitung Mariens
an's Gemach zurück. Die Freude, welche
Je übrr den günstigeren Zustand Adolph's
fühltc, war in ihren Zügeu und in ihrer
ganzen Haltung sichtbar. Ihre Bewegun—
gen ·waren rascher und bestimmter; ihre
Thränen slossen nicht mehr, und dem treu
en Vogel wurde wieder heitrer zugespro
qhen. Sobald sie mit Marie in das Ge
mar zurüctgekommen war, hatte sie den
Falten vom Stuhle auf ihre Hand genom
men, und sich mit ihm dem Beite Adolph's
genhert.
Mein theurer Bruder, rief Marie, ihn
aus die bleiche Wange tüssend, du genesest,
aun werden die trüben Träume mich ver—
lasen. O, ich bin so froh. Wie ost ha—
de ich an deinem Bette mit bitterm Herz
leid geweint, wie oft habe ich gedacht, daß
du sterben würdest! aber jetzt verschwindet
meine Betrübniß. Willst du trinken Bru—
dor
Nein, gute Marie, antwortete Adolph,
ĩch hab- nie in meiner Krantheit Durst
gelitte die edelmüthige Mechthilde hat
mich so sorglich gelabt! Es soll aber auch
das ersiemal, wo ich zum heiligen Kreuz“)
wandern tann, mein Gebet den Segen
Gottes auf sie herabftehen, daß nie ein
Unglct sie treffen moge.
Während er dies sagte, war Mechthilde
emsig beschäftigt, ihrem Falten von der er—
Ireulichen Besserung zuzuflüstern, Der
Vogr!, der seine Gebieterin so froh sah,
sehüttelte seine Federn, als ob er sich zur
Jagd bereiten müßte.
E mein treuer Vogel, sagte das
Mädchen, während sie ihn mit dem Kopjs
nach Adolph wandte, sieh, nun genes'
Herr von Nieuwland, den wir so lange
prachlos da liegen sahen. Nun können
wir heide zusammen sprechen, und werden
) Ein Dorf in geriager Entfernung vo! der
e Dei Es war daselbst eine berühmte
Kapelle zum heiligen Kreuze.
nicht mehr im Dunkeln stzen. Jett
chwindet unsere Furcht, und so werden oh—
ne Zweifel auch unsere andern Betrübnisse
chwinden, denn nun siehst du wohl, daß
Gott gütig und gerecht ist. Ja, mein schö
ner Falte, so endet auch einmal di- bittere
Gefangenschaft voen..
Hier merkte Mechthilde, daß sie etwas
sagen wollte, was der Kranke nicht wissen
durfte. Wie kurz sie ihre Rede auch ab
brach, so klang doch das Wort „Gefangen
schaft, sehr befremdend in Adolph's Ohr.
Dies und die Thränen, die er bei seineia
Erwachen auf des Mädchens Wangen be—
merkt hatte, erfüllten ihn mit einem ben—
gen Vorgefühle.
Was sagt Ihr, Medchthilde? rief er,
Gefangenschast, von wem? Ihr weint!
Himmel, was ist Euch wiederfahren?
Mechthilde antwortete nicht; aber Ma—
rie, die vorsichtiger war, flüsterte ihm in's
Ohr:
Die Gefangenschaft ihrer Tante Philip—
pe sprich nicht mehr davon, —denn sie
weint beständig. Nun du besser bist, wer
de ich gleich, wenn Meister Rogaert es er—-
laubt mit dir über wichtige Dinge spre—
chen; aber die junge Dame darf uns nicht
hören, auch erwarte ich Meister Rogaert.
Nun verhalte dich ruhig, mein Bruder, ich
werde Mechthilde in ein anderes Zimmer
bringen.
Der Ritter ließ sein Haupt in die Kissen
sinken und stellte sich, als ob er ruhe.
Hierauf wendete sich Marie zu Mechthilde
und sprach:
Kommt, Fräulein, laßt uns gehen; denn
mein Bruder wünscht etwas zu schlafen,
seine Dankbarkeit gegen Euch läßt ihn viel
sprechen.
Das Mädchen folgte willig ihrer Freun—
din. Kurz natchher trat der Wundarzt
Rogaert in die Thür und wurde von Ma—
rie zu ihrem Bruder geführt.
Nun, Herr Adolph, rief Rogaert, wäh—
rend er ihn bei der Hand saßte, es geht
gut, wie ich sehe. Nur alle Furcht bei
Seite, wir sind gerettet. Es ist nicht nö—-
thig, daß ich Eure Wunde jetzt verbinde.
Trinki nur reichlich von diesem Wasser,
und haltet Euch so runig, wie möglich.
In weniger als einem Monat werden wir
einen Spaziergang zusammen machen.
Wenigstens vermuthe ich das, es müßten
denn unvorhergesehne Zufälle uns wieder
zurücksetzen. Weil aber Euer Geist nicht
so krant ist, wie Euer Körper, erlaube ich,
daß Fräulein Marie euch von dem trauri—
gen Ereigniß in Kenntniß setze; aber ich
bitte Euch, Herr Adolph, erschreckt nicht zu
sehr und verhaltet Euch immer ruhig.
Matrie hatte bereits zwei Stühle heran—-
gezogen, und setzte sich mit Meister Roga—-
ert am Kopsende des Bettes nieder. Der
tranke Ritter betrachtete sie mit gespannter
Aufmertsamkeit. Man klonnte in seinen
Zügen lesen, daß er sich bereits im Voraus
vetrübte.
Laß mich bis zu Ende sprechen, sing
Marie an, unterbrich meine Rede nicht und
sei vernünftig, mein Bruder. An dem
verhängnißvollen Abende rief unser Graf
seine getreuen Lehnsleute zusammen und
erklärte ihnen, daß er nach Frankreich reisen
wolle, um dem König Philipp zu Füßen zu
sallen. Gwyde von Flandern zog also
mit den Edeln nach Compiegne; aber dort
angekommen, wurden sie alle gefangen ge—-
nommen, und nun ist unser Land unter
französischer Regierung. Raoul de Nesle
beherrscht Flandern ..
Die Bewegung, welche den Ritter bei
dieser kurzen Erzahlung ergriff, war nicht
so hesidg, als man es hätte erwarten sollen.
Ohne zu antworten, schien er in tiefes
Nachdenken versunken.
Ist das nicht ein Unglück? fragte Ma—
rie.
O großer Gott! seufzte Adolph, welche
süße Seligkeit bewahrst du dann für Gwy—
de, da er so viele Erniedrigungen auf die—
ser Welt erleiden muß! aber sage mir,
Marie, ist der Löwe von Flandern auch
gefangen?
Ja, Bruder, Robrecht van Bethune sitzt zu
Bourges in Berry gefangen, und Wilhelm
inßouen. Von alb den Edeln, die mit
dir beim Grafen waren, ist nur einer die—
sem traurigen Schicksal entgangen und
das ist kein Anderer, als der listige Died—
rich.
Nun begreife ich die abgebrochene Rede
und die Thränen der unglücklichen Mew—
thilde. Ohne Vater ohne Familie, muß
die Tochter des Grasen von Flandern bei
Fremden ein Untertommen suchen!
Bei diesem Ausruf glänzte ein helles
Feuer in seinen Augen, sein Gesicht nahm
einen begeistecten Ausdruck an und er fuhr
fort:
Das theure Kind meines Fürsten und
Gebieters hat mich wie ein Schutzengel be—
wahrt! Sie ist verlassen unglücklich
der Verfolgung ausgesetzt: aber ich
werde mich der Wohlthaten des Löwen er—
innern, ich werde über sie wachen wie ein
Heiligthum. O, welch' schöner, welch' er
habener Beruf ist mir vergönnt! Wie kost—
bar ist mir nun das Leben, da ich es ganz
der Dantlbarteit weihen kaun.
Nach einem kurzen Augenblicke tiefen
Nachdenkens versinsterte sich plötztich sein
Gesicht; er sah flehend den Arzt an und
sprach:
O Gott! wie peinlich wird mir nun
meite Wunde, wie unerträglich das Bett!
Bein werther Freund Rogaert, ach, macht
mich doch um Gottes willen bald wieder
gesund, damit ich auch etwas für die thun
tann, die mich so liebreich in meiner Krant—-
heit gepflegt hat. Sparet lein Geld,
brancht die kostbarsten Hräuter, die edelsten
Arzneien, damit ich aus dem Bette komme,
denn da ist jetzt teine Ruhe mehr für mich!
Aber, Herr von Nieuwland, antwortete
Rogaert, es ist nicht möglich, die Heilung
Eurer Wunde zu beschleunigen, die Natur
muß immer Zeit haben, um die verwunde—
ten Theile wieder zu vereinigen. Geduld
und Ruhe werden Euch besser helfen als
alle Arznei. Aber dieses ist nicht alles,
was wir Euch sagen wollten. Wißt, diß
die Franzosen überall Meister sind, und
daß sie mit jedem Tage übermüthiger wer—
den. Bisher haben wir die junge Mech—
Lurxremburger Gazette.
thilde ihren Augen noch entzogen, aber wir
fürchten, daß sie entdeckt werde, und es
ist immerhin möglich, daß dann die arme
Dame auch an Johanna von Navarra
ausgeliefert wird.
O Gott! rief Adolph aus, Ihr habt
Recht, man würde ihrer nicht schonen;
aber was sollen wir thun? Wie unglücklich
liege ich hier darnieder, während sie meiner
Hülfe bedarf. ..
Ich weiß einen Platz, erwiederte Roga—-
ert, wo Mechthilde in Sicherheit sein wür—
de.
O, rettet mich aus der Verzweiflung,
nennt rasch den Ort!
Düntkt Euch nicht, Adolph, doß sie im
Jülichschen Lande bei ihrem Neffen Wil—
helm in aller Ruhe bleiben könnte?
Der Ritter erschrack sichtlich bei dieser
Frage. Sollte er Mechthilde in fremde
Lanoe ziehen lassen? Sollte er sich selbst
die Möglichkeit rauben, ihr zu helsen, sie
zu vertheidigen? Dazu konnte er sich nicht
entschließen, indem er sich bereits im Geiste
die Aufgabe gestellt hatte, Mechthilden ih—
ren Vater zurück zu geben, und sie vor je—
der Beleidigung zu wahren.
Während dessen sparnte er alle seine
Seelenkräfte an, um ein anderes Mittel
zu finden, welches sie nicht so weit von ihm
entfernte. Als er glaubte, dasselbe gefun—
den zu haben, verbreitete sich ein freudiger
Ausdruck über sein Gesicht, und er antwor—-
tete:
Wahrlich. Meister Rogaert, dieser Aus—
enthaltso-t scheint mir sehr günstig zu sein
aber Euern Worten zufolge sind die fran—-
zösischen Truppen über ganz Flandern zer
streut; deshalb ist es wohl sehr gefährlich
für eine Dame, diese Reise zu unterneh—
men. Ein Geleit darf man ihr nicht ge—-
ben, das wäre noch schlimmer. Und sollte
ich Mechthilde allein mit wenigen Dienern
ziehen lassen? O nein! ich muß sie wie
mein Seelenheil bewachen, denn Robrecht
van Bethune wird von mir einst seine Toch—-
ter zurückfordern.
Aber, Herr Adolph, erlaubt mir, Euch
zu sagen, daß Ihr die Dame größerer Ge—-
fahr aussetzt, wenn Iht sie in Flandern
behaltet; denn wer soll sir beschirmen?
Ihr nicht, Ihr lönnet nicht. Die Herren
der Stadt werden es auch nicht thun, sie
sind zu abhängig von Frankreich. Was
sollte aus der armen Dame werden, wenn
sie von den Franzosen entdeckt würde?
Ich habe ihren Beschützer bereits gefun—
den, antworteie Adolph, Marie, willst
du einen Knecht zu demn Zunftmeister der
Wollenweber senden, daß er kommen möch
te, mich zu besuchen? Meister Rogaert, ich
bin Willens, unsere junge Edeldame unter
den Schutz der Gemeinde zu stellen.
Dentt Ihr nicht, daß dies eine gute Ein—
gebung sei?
O ja, das ist lein übler Einfall, aber es
wird Euch nicht glücken, denn das Volk ist
iber alles, was sich edel nennt, sehr aufge—
bracht; es will nichts davon hoören. Und
wahrlich, Herr Adolph, sie haben nicht Un—
recht, denn die meisten der Edelleute halten
sich zu unsern Feinden, und sind Willens die
Rechte der Gemeinden zu vernichten.
Das kann mich an meinem Vorhaben
nicht hindern, Meister Rogaert. Die
Stadt Brügge hat der Fürsprache meines
Vaters viel- Vorrrechte zu verdanten, und
dies haben der Zunftmeister der Weber
und seine Amtsgenossen nicht vergessen.
Sollen dennoch meine Bemühungen nicht
glücken, so werden wir auf ein Mittel sin—
nen, die Dame nach dem Jülichschen zu
bringen.
Nach ungefähr einer halben Stunde trat
Meister Deconinck, Hauptvorsteher der
Wollenweber, in Adolphs Zimmer.
Er trug ein langes Wamms von braun—
wolleneni Tuche; dieses Kleidungsstück,
ohne Zierrath oder Borden, war unendlich
verschieden von der stolzen Kleidung der
Edelen. Man sah, daß der Vorsteher der
Weber absichtlich allen Putz vermieden hat—-
te, um seinen niedrigen Stand anzuzeigen,
und so Hochmuth gegen Hochmuth zu stel—
len; denn dieses wollene Wamms bedeckte
den mächtigsten Mann von Flandern. Auf
seinen Kopfe trug er eine platte Mütze, un
ter der seine Haare einen halben Fuß lang
über seine Otren herab hingen. Ein
Gürtel hiett die weiten Falten seines
Wammses um die Hüfsten zusammen, und
der Griff eines Dolches glänzte an seiner
Seite. Da er ein Auge verloren hatte,
waren seine Züge eben nicht sehr ange
nehm. Eine außerordentliche Blässe, her—
vorstehende Backenknochen und eine gefurch—-
te Stirn gaben seinem Gesicht einen tief
sinnigen Ausdruck. Im gewöhnlichen Le--
ben lonnte man an ihm nichts bemerken,
was ihn von anderen unterschied; aber so—
bald ihn etwas interressirte, ward sein
Blick durchdringend und lebendig; dann
leuchtete ein starter männlicher Geist aus
dem einen ihm noch gebliebenen Auge, und
seine Haltung wurde kühn und stolz. Bei
seinem Eintreten betrachtete er, wie ein
mißtrauischer Fuchs, die Personen, welche
im Zimmer waren, und ganz besonders
Meister Rogaert; denn er bemerlte gleich,
daß dieser listiger war, als die anderen.
Meister Deconinck, sprach Adolph, belie
be es Euch, mir näher zu kommen. Ich
habe Euch um etwas zu bitten, das Ihr
mir nicht verweigern werdet; denn meine
ganze Hoffnung ist auf Euch gegrüudet.
Aber Ihr müßt mir erst versprechen, das
Geheimniß, welches ich Euch anvertrauen
will, Niemand zu entdecken.
Die Gerechligleit und das Wohlwollen
des Herrn van Nieuwland sind unter den
Wollenwebern noch nicht vergessen, ant—
wortete Deconinck, deshalb mögen Ew.
Edeln auf mich als einen dankbaren Die—
ner rechnen. Dennoch, mein Herr, wenn
Eure Bitte mit den Rechten des Volkes
und der Gemeinde in Widerspruch steht,
würde ich Euch rathen, das Geheimniß für
Euch zu behalten, und von mir nichts zu
verlangen.
Seit wann, rief Adolph, etwas unwillig,
seit wanun, Meister, haben die Herren von
Nieuwland Eure Rechte verkürzt; diese
Sprache beleidigt mich.
Entschuldigt mich, mein Herr, wenn mei-
Worte Euch verletzt haben, antwortete De—-
coninck; es ist eht haden die Guten von
den Bösen zu unterscheiden, daß man mit
Recht Allen mißtraut. Erlaubt mir, Euch
ein Wort zu fragen, damit aller Zweifel
schwinde: Ist Ev. Edeln ein Leligert?
Ein Leliaert? rief Adolph entrüstet aus,
nein! Meister Deconinck, in mir klopft ein
Herz, das den Franzosen insgesammt nicht
wohlgefinnt ist; meine Bitte an Euch soll—
te gerade gegen sie gerichtet sein.
O, dann fprecht frei, mein Herr, ich ste
he zu Enren Diensten.
Nun wohl, Ihr wißt, daß unser Graf
Gwyde mit allen seinen Edlen gefangen
ist; aber es ist noch Eine in Flandern ge—
blieben, die nun aller Hülfe und olles Bei—
standes beraubt, das Mitleiden der Flam—
länder um ihres Unglücks und ihrer Durch—-
lauchtigkeit willen verdient.
Ihr sprecht von Jungfrau Mechthilde,
der Tochter des Herrn van Bethune, fiel
Deconincdk ein.
Wie wißt Ihr das? fragte Adolph er
staunt.
O, ich weiß noch mehr, mein Herr.
Ihr habt Mechthilde so geheim nichi in
Eure Wohnung bringen können, daß De—
coninct es nicht geèwußt hätte, und sie wür—
de dieselbe auch nicht ohne mein Wissen
verlassen haben. Aber seid nur ruhig,
denn ich kann Ew. Edeln versichern, daß
wenige Personen in Brügge mit mir um
dieses Geheimniß wissen.
Ihr seid ein wunderbarer Mann, Mei—
ster; indessen Euer Edelmuth bürgt mir,
daß Ihr die junge Tochter des Löwen von
Flandern gegen die Gewalt der Franzosen
beschützen werdet, falls es nöthig wäre..
Deconinck war ein Manu aus dem Vol—
ke geboren, aber einer jener seltenen Gei—-
ster, die, mit Verstand und Vernunft be
gabt, als Beherrscher ihrer Zeitgenossen in
die Welt treten. Sobald die Jahre seine
Anlagen gereift hatten, rüttelte er seine
Brüder aus ihrem trägen Schlummer, zeig
te ihnen die Macht der Einheit, und stand
mit ihnen gegen die Tyrannen auf. Die—-
se wollten das Erwachen ihrer frühern
Sklaven mit Gewalt hindern, aber es war
unmöglich. Deconinck hatte durch seine
Beredsamkeit den Geist seiner Brüder 'jo
gehoben, daß sie kein Joch mehr tragen
tonnten. Wenn sie dennoch zuweilen mit
gewaffneter Hand unterdrückt wurden,
beugten alle demüthigst den Nacken, und
Deconindk stellte sich, als ob ihm Sprache
und Veistanb fehle; aber dann schlief sein
rastloser Geist keineswegs, denn sobald er
er den Muth seiner Brüder in der Stille
wieder gestählt hatte, warfen sie sich vereint
gegen die Beherrscher auf, und die Gemein
de erlangte ihre Freiheit wieder. Alle die
politischen Entwürfe der Edelleute gingen
in Rauch auf vor Deconincks Geiste, und
sie sahen sich durch ihn aller ihrer Rechte
auf das Volt beraubt, ohne daß sie solches
hindern konnten. Mann kann in Wahr—
heit sagen, daz Deconinck einer der größten
Reformatoren in den politischen Verhält—
nissen der Edeln zu dem Volte war; alle
Entwürfe dieses berühmtern Mannes waren
lediglich auf die Erhebung eines Voltes
gerichtet, das so lange in der niedern Stta—
verei der Lehnsherren geschmachtet hatte.
Als Adolph von Nieuwland die junge
Mechthilde unter seinen Schutz stellte, läch—
elte er befriedigt, denn dieses war ein Tri—
umph für das Bolk, welches er repräsentir—
te. Er berechnete die Vortheile, welche die
Gegenwart der durchlauchtigsten Dame
ihm bei der Ausführung des großen Befrei—
ungs-Entwurfs bringeu tonnte.
Herr von Nieuwland, antwortete er,
Euer Anfuchen ehrt mich sehr. Nichts soll
zum Schutz eines so edlen Sprößlings ge—
spart werden. Willens, dem Volte noch
mehr Gewichi zu verschaffen, fügte er ab—
sichtlich hinzu:
Es ist aber möglich, daß sie von hier
entsührt wird, ehe ich ihr zu Hülfe tommen
kann.
Diese Rede verdroß Adolph sehr. Er
vernahm aus den Worten des Vorstehers,
daß er sich der Sache nicht so recht von
Herzen weihen wollte, und erwiederte:
Wenn Ihr uns nicht mit der That hel—
sen könnt Meister, so bitte ich Euch um
Euren Rath, was am besten zum Schutz
der Tochter unseres Landesherrn gethan
werden tann.
Die Weberzunft ist stark genug, um die
edle Dame vor allem Unheil zu bewahren,
antwortete Deconinck listig, ich kann Euch
versichern, daß sie hier in Brügge eben so
sicher wie Deutschland würde wohnen kön—
nen, wenn ich ihr Rathgeber sein könnte.
Aber wer hindert Euch daran? fragte
Adolph. ;
O, mein Herr! ein geringer Bürger
kann so nicht über seine Landesherrin ge—
bieten; dennoch falls es ihr belieben wür—
de, in Zukunft nach meinem Rathe sich za
verhalten, so würde ich für sie verantwort—
lich sein.
Ich verstehe Euch nicht recht, Meister,
verlangt Ihr denn von der Dame Ihr
wollt sie doch nicht anderswohin bringen?
O nein; aber daß sie sich nicht ohne
mein Wissen auf die Straße begebe, und
sich auch nicht weigere auszugehen, wenn
ich es für nöthig halte. Uebrigens soll
es Euch frei stehen, mir diese Macht zu
entziehen, sobald Ihr an meiner Redlich—
keit zweifelt.
Da Deconinck in Flandern fsür einen
der verstäündigsten Männer gehalten wurde,
dachte Adolph, daß seine Forderung auf
Vorsicht beruhe, und gestand ihm deshalb
alles zu, was er verlangte, unter der Be—
dingung, daß er persönlich für die Dame
einstehe. Der Vorsteher ertllärte dann,
daß er die edle Mechthilde nicht lenne;
hieraus wurde sie durch Marie ins Zimmerc
geführt.
Deconick verbeugte sich tief u. demüthig vor
ihr; inzwischen besah ihn das Mädchen mit
Erstaunen, denn sie wußte nicht, wer er war.
Während er in dieser Stellung verharrte,
hörte man plötzlich einen Lärm auf dem
Gange, als ob zwei Menschen sich stritten.
So wartet denn, rief einer von ihnen,
damit ich gehen kann, um zu fragen, ob
Ihr eintreten dürst.
Was ? rief eine andere kräftigere Stim—-
me, ihr wollt die Fleischer da ausschließen,
wo die Weber sind? Rasch macht Euch
aus dem Wege, oder Ihr werdet es be—
reuen!
Die Thür ging auf, und ein junger kräf
tiger Mann mit stoizen Zügen trat ins
Zimmer. Ein Wamms, gleich dem Deco
nincks, aber mit mehr Geschmack verziert,
war seine Kleidung, und ein großer Dolch
hing an seinem Gürtel. Im Augenblick,
als er ins Gemach trat, warf er seine blon
den Haare zurück und blieb erstaunt an der
Thüre stehen. Er hatte geglaubt, den
Vorsteher der Weber mit einigen seiner
Genossen zu sinden; aber jetzt wo er diese
herrlige Jungfrauw und Deconinck gebeugt
vor ihr stehen sah, wußte er nicht, was er
darüber denken sollte. Dennoch ließ er
sich weder hierdurch noch durch Meister
Rogaer.'ʒ forschende Blicke aus der Fassung
bringen. Er entblößte sein Haupt, ver
beugte sich bastig vor allen anwesenden
Personen, und ging gerade auf Deconinck
zu. Ihn freundschastlich auf die Schulter
tlopfend, rief er:
Ha, Meister Peter, ich suche Euch bereits
seit zwei Stunden, die ganze Stadt habe
ich durchlaufen, und nirgends konnte ich
Euch finden; aber Ihr wißt noch nicht,
was im Werke ist, welche Nachricht ich Euch
bringe.
Nun gut, was wißt ihr denn, Meister
Breydel? fragte Deconinck mit Ungeduld.
Seht mich doch nicht so starr mit Eurem
grauen Auge an, rief Jan Breydel, denn
Ihr wißt wohl, daß ich mich vor Eurem
Katzenblick nicht fürchte, doch das ist ei
nerlei. Nun gut, König Philipp der
Schönr und die verfluchte Johanna von
Navarra ktommen morgen nach Brügge,
und die saubern Herren vom Magistrat ha--
ben hundert Weber, vierzig Fleischer und
ich weiß nicht, wie viel Volk mehr, zur An—-
fertigung von Triumphbogen, Wagen und
Gerüfsten verlangt.
Und was bedeutet denn das so Großes,
daß Ihr so lauft?
Wie, Meister, was das bedeutet? Mehr
als Ihr dentt; denn da ist nicht ein einzi
ger Fleischer, der an irgend etwas Hand
anlegen will, und es warten dreihundert
Weber auf Euch, vor dem Pand.*“) Was
mich angeht, da sollen noch Jahre vergehen,
ehe ich mich für die rühre. Die Goeden—
dags) stehen bereit, die Messer sind ge—
schliffen . . . Ihr wißt wohl, was das bei
meiner Zunft sagen will.
*) Die Zünfte hatten besondere Gebäude, wo
sie sich versammelten und ihr dFestgeräth, als
Standarten -c. bewahrten. Vies nannte man
„de Pand.“
) Tie Brügger hatten eine fürchterliche
Waffe, die sie mit großer Behendigkeit zu gebrau
chen wußten. Es waren lange Speere mit einer
eisernen Spitze versehen. Sie hatien dieselbe
aus Scherz Goedendags genannt, was so viel be
deutetr, als daß sie den Feind damit tüchtig be—
grüßen tonnten.
(Fortsetzung folgt.)
——— ———
Daniel O'Connell.
der ratholische Resormator.
Daniel O'Connel, der große Agitator,
der Besreier Irlands, wie seine Landes--
und Glaubensgenossen ihn nennen, gehört
zu den wenig Auserwählten, die berufen
sind, das Schicksal eines ganzen Volles
mit ihrer einzigen Hand zu leiten, zu den
hervorragenden Geistern, mit deren Leben
und Wirten sich die Geschichte ihres Vol—
tes so eng und innig verschmilzt, daß beide
getrennt nicht mehr cedacht werden können.
Die Geschichte der Menschheit hat nicht viele
solcher Männer aufzuweisen, die, ohne auf
einem Throne geboren zu seyn, nur ausge—
rüstet mit der lebendigen Kraft der Idee,
sich emporschwangen zu Lenkern der Natio—
nen und die Zeit selbst, in der ihr erstes
Auftreten wurzelte mit sich fortrissen ausihrer
Siegeslaufbahn. Aber nicht tieiner, als der
ruhmumstrahlte Held der Schlachten, dünt
uns der Mann, dessen Name an der Spihe
dieser Zeilen steht, der Kämpfer, der kein
andere Waffe schwang, als die Waffe des
Rechies, di- Keiner noch so gewaltig als er
zu führen verstand, der Held, der ein tie
verletztes, schwer gereiztes, zu blutigen Auf—
ständen stets geneigtes Volt auf der Bahr
der Ordnung u. des Friedens der Freihei
entgegenführte, der angebetet von 7 Millio—
nen, wie nie ein Sterblicher angebetet ward
doch nichtis sein wollte, als der Freund, de-
Vater, der Befreier dieser Millionen, der i
seinem ächten Bürgersinn nicht an die Kro—
ne dachte, die auf den Wint seines Auge—
eben diese Millionen mit ungetheiltem Ju—
bel auf sein Haupt gesetzi haben würden
Napoleon fand eine kriegerisch gesinnte Na—
tion, die eben erst in dem Kampse geger
das vereinigte Europa ihre jugendlich
Kraft erprobt hatte, und er führte sie z
neuen Triumphen gegen Armeen, die, eins
siegessicher, durch ihre Besiegung ihrer
moralischen Halt, den ächten Kriegermutl
verloren hatten; er erlag, als dieser mora
lische Halt seinen Gegnern zurückgelehr
war. O'Connell aber trat an die Spit
eines in Jahrhunderte langer Schmads
gesuntenen Volkes, das kaum begonnen
seine Keiten lästig zu sinden, begann a
ahnen zu rütteln, und er bewoeg es, di
Wassen, durch die es sich immer selbs
am tiefsten verwundet, niederzulegen, zu
sittlichen Krästigung sich emporzurasfsen
er sührte einen Kampf gegen das stolze
starte England, wie er fast ohne Gleiche:
in der Geschichte dasteht, er sührte ihn s
geschickt, daß alle Aunstrengungen diese—
Englands, ihn von der Wahlstatt zu ent
sernen, sehlschlugen und fehlschlagen muß
ten, er setzte ihn fort, bis der Ted de—
Mund verschloß, der Millionen Herzen be—
wegte, ihre Gesinnung erstarlte, England
größte Staatsmänner erzittern machte
O'Connell, dieser Napoleon aus den
Schlachtfelde der Resorm, ist begraben unl
der trauernde Genius, des grünen Eri
hat einen Kranz von Lorberr und Cypres
sen auf sein Grab gelegt; aber er ist nich
todt. Männer, die nicht nur durch ihr
Zeit, sondern auch sür sie gelebt, sterbe
nicht; sie leben sort in der Geschichte wi
sin den Herzen der Voöller. Solch eir
Mann war Eemel ! Noch schwanker
die Urtheile über diese bedeutungsvoll
Erscheinung des 19. Jahrhunderts, nod
sitzen die Leidenschäften mit zu Gericht übe
den großen Todten und machen den Blic
befangen, aber immer mehr werden di
Schatten sinken vor dieser Lichterscheinurg
mitten in einer düsteren Zeit, unter einem
im Dunkel der Unwissenheit schmachtenden
Volke, und sein Name wird überall mit
Achtung und Ehrfurcht genannt werden,
wo das heilige Gefühl für Glaube, Men—
schenwürde und Menschenrecht Herzen be—
seelt und Wangen röthet.
Daniel OConnell wurde nach dem
„Parliamentary Guide“ den 6. Augnst
1775 (nach den Angaben seines Sohnes
John 1774) zur Carhen in der Grafschaft
Kerry geboren. Alte Sagen schwebten um
seine Wiege. Nach einer dieser Sagen
sollte die O'Connells in uralter Zeit mit
einer phönicischen Kolonie an die Ufer des
Oceans gekommen sein und ihr Schickhsal
mit dem der celtischen Race verbunden
haben, während sie nach einer anderen von
den Llans von Iverrah abstammten und
O'Connells Vater namentlich seine Her—-
kunft von der jüngeren Linie des königlichen
Hauses von Hermon herleitete. Geschicht
lich erwiesen ist nur, daß die Familie der
O'Connells ursprünglich in Limerit ansas
sig war, gegen Anfang des 17. Jahrhun—-
derts ihren Wohnsitz nach der Barony
Iveragh im äußersten Westen der Graf—
schaft Kerry verlegte, in den Aufstand von
1641 verwickelt, aber es rathsan fand, in
Clare sich anzusiedeln. Nur Daniel
O'Connell von Aghore hatte sich von dem
Aufstande fern gehalten und deshalb auch
an dieser Auswanderung nicht Theil ge—
nommen. Er behauptete sein Eigenthum
und überließ es seinem Sohne John
O'Connell von Aghore und Derrynane,
der 1689 an der Spitze einer Kompagnie
Fußvolt für Jakob 11. in's Feld zog, an
den Schlachten von Boyne und Aughrim
Theil nahm und in die Kapitulation von
Limerik mit eingeschlossen dard. Nach
dem kinderlosen Tode seines ältesten Soh—-
nes erbte sein zweiter, Daniel, die Güter
dieses Familienzweigs und ward Vater
dvon 22 Kindern, von denen der zweite
Sohn, Morgan, Katharine, die Tochter
des John O'Mullane von Whitechurch in
der Grafschaft Cork, heirathete. Der erfte
dieser Ehe entsprungene Sohn war der
„Befreier“ seines Vaterlandes, unser Da
viel O'Connell. Mag die Wahrheit oder
Unwahrheit jener Sagen auf sich beruhen ;
es ist gleichgültig, ob das Blut der alten
irischen Könige wirklich in den Adern der
O'Connells fließt. Wir bedürfen des ein—
gebildeten Glanzes der Abstammung nicht,
um den unmittelbar von Gott gegebenen
Adel des Geistes und Herzens in dem spä—
ten Enkel zu erkennen, und überlassen die
Untersuchung seines Stammbaumes gern
den Bedauernswerthen, die an allem Gro—
ßen einen Makel erkennen, das nicht
durch den Zufall einer sogenannten hohen
Geburt seine Berechtigung erweist. Ob
OConnells Ahnen auch auf Königsthronen
gesessen, der Glanz, der seine Vorfahren
geschmückt, war bei seiner Geburt längst ge
schwunden ; seine Verwandten dachten nicht
daran, eine Rolle in der Geschichte ihres
Volles spielen zu wollen und lebten still in
in ihrem beschränkten Familienkreise. Des
Agitators Vater war ein einfacher Pachter
des protestantischen Kollegs zu Dublin, der
als solcher das Land bebaute, das vordem
seiner Familie gehört hatte, mit einen
Kramladen das nahe Städtchen Cahirce—
veen und dessen Umgebungen versorgte.
Seine Kindes- und Knabenjahre ver
brachte Daniel im väterlichen Hause. Ein
Wintelschullehrer, David Mahony, lehrte
ihn die Anfangsgründe; seine weitere Er
ziehung übernahm ein alter Priester, Vater
Murphy, einer jener enthusiastischen Gei
ster, einer jener glühenden Charaktere,
wie sie sich noch in Irtand trotz und viel
leicht in Folge der namenlosen Bedrückung
seiner Glaubens-und Standesgenossen als
Ueberbleibsel einer urkräftigen Civilisation
bewahrt haben. Mit der Liebe zur katho—
lischen Religion verband der Erzieher eine
eben so lebhafte als tiefe Anhänglichteit
an den vaterländischen Boden: was Wun—
der, daß die empfängliche Seele des Zög--
lings bald für beide in eben so heißer Liebe
glühte, als das Herz des greisen Priesters.
Irland, seit 7 Jahrhunderten durch die
scheußlichsten Mittel unterjocht, hatte eben
die ersten Schritte zu seiner Emancipation
jgethan. Einzelne Bauernaufstände hatten
England belehrt, daß der Stlave seine
Ketten fühle und sich ihrer zu entledigen
suche; der nordamerikanische Freiheitskrieg
hatte dem englichen Parlamente Furcht ein
geslößt, daß ho ein Waffenplatz für die
nsurgirten Kolonien werden und seine ei
gene Freiheit an die der werdenden trans
atlantischen Republit tnüpsen könne, und
aus diesem Grunde waren der Jusel Zuge
ständnisse gemacht worden, denen England
durch andere Unterdrückungsmaßregeln
doch zugleich wieder den Stempel eines
traurigen Geschenkes aufdrückte. Zu die
sen Zugeständnissen gehörte die Abschasfung
des Strafgesetzbuches, wie die Sammlung
der von einer Reihe von englischen Köni
gen gegen die armen irischen Heloten erlas
ssenen Versolgungsbesehle hiceß, das Necht
Käufer und Pächter zu werden, lebens—
langlich oder erblich Freigüter zu haben,
Schulen eröffnen und klatholischen Unter
sricht geben und empfangen zu dürfen,
während das lettere namentlich bisher bei
schwerer Leibesstrafe verboten war. Den—
noch war die Unterdrückung noch stark ge
nug, um ein edles Herz zu heiligem Zorn
zu entflammen, und obgleich O'Connells
VBater in einer abgelegenen wildroman
tischen Gegend wohnend, die Unbilden der—
selben weniger fühlte, als seine Landsleute
auf dem stachen Lande, so sorgte Murphy's
Unterricht doch dasür, daß ein tieser
Schmerz um das allgemeine Leid des Va—
terlandes dem Knaben sich einprägte.
Daniels und seines jüngeren Bruders
Maurice häusige Besuche. bei ihrem kinder
losen Oheim, Maurice O'Connell, auf
Derrynane, hatten diesen bewogen, die bei
den Neffen an Sohnes Statt anzunehmen
und für ihre fernere Erziehung zu sorgen.
Demzufolge sandte er sie zunächst in die
neuerrichtete latholische Schule des Pfar
rers Harington in Redington auf Long—-
Island, wo sie 2 Jahre lang blieben, nach
deren Ablauf sie eine höhere Lehranstalt be
ziehen sollten. Weil aber eine solche ir
Irland noch nicht existirte, so wurden die
beiden Brüder Inach dem Kontinente ge
sandt, und zwar znnächst nach Lüttich.

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