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Luxemburger Gazette. [volume] (Dubuque, Iowa) 1871-1918, August 24, 1875, Image 3

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Bedingungen eine; die Geistlichkeit in
Mehrzahl und die klarsehenden Bolksfreun
de protestirten aber dagegen, indem sie
wohl einsahen, datz jcne Bedingungen
nichts Anderes bezweckten, als jene beiden
Stande, deren wachsende Macht und
Selbststandigkeit die Besorgnih Englands
erregten, in Abhangigkeit zu bringen.
Aber nicht an der Protestatio» Jrlands
scheiterte diese feine englische Politik, die
selbst einen O'Connell tauschte, sondern an
der Unduldsamkeit des Oberhauses, das
den Reformplan verwarf, wahrend es der
Bill zur Auslosung der katholischen Asso
ciatio» nicht den geringsteu Widerstand
entgegensetzte. Jrland gab diese m Gesetz,
welches die Jren nm ihre Association be
trog, ohne ihnen den geringsten Borthcil
zugewahren, den bezcichnenden Namen
«algierischer Alt".
O'Connell wetzte die seinem sonst so
klarsehenden Perstande beigebrachte Schar
te bald ans, grostcr, starker,
machtigcr von dem Schlage. der ihn fast
seines ganzen Einflusses beraubt halte.
Der ..algierische Alt" bestimmte ziemlich
genau, was von nun an nicht mehr erlaubt
sein solle. O'Conncll griindete eine „ncue
Assotiation," deren Statue» mit groster
Borsicht alles Berbotene umgingen, ohne
darum das cigenlliche Jicl aus dem Auge
zu setzen, Mitglieder des Bereins konnten
Christe» jeden Glaubens sein;
Forderung des osfenttichen Friedens und
der allgemeinen Ordnung, der Privathar
monie und des Einklanges unter allen Klas
sen der Gcsellschast, cines freisinnrgen, auf
geklarten, religiose» Erziehungsshstems, ge
grundet aus christliche iiicbc und Duldsam
keit; die*Zahlung der Povulation in Jr
land und die Aufstellung der Proportion
der verschicdenen christliche» Glaudcnsbe
kenntnisse zu einander und ganz besonders
die Aufsindung der Zahl der Kinder jedes
GlaUbensbekenntnisses, die Unterricht er
halten; Errichtung katholischer Kirchen
und stirchhofe; Berbesserung der Ackerba
uwissenschaft und Fdrdcrung des Berbrauchs
irischer Manufakturwaarcn, Ausbreitung
deS irischc» Handels und Forderungen ci
ner anfgeklurten und freisinnigen Presse;
Herbeischaffung einer detaillirten Uebersicht
aller Klagen, die im letzten Parlament ge
gen die Katholiken gemacht worden, und
authentische Widerlegung derselben: dies
waren im Allgemeinen die ausgesprochenen
Zwecke des Bereins. Ittagige Meetings
in jeder Grafschaft sollten die Abjchassung
der Miststande bctrciben und die Repeal
des „algierischen Akts" das erste Ziel der
Meetings sein. Mitglied der „neuen Asso
ciation" war Jeder, der jahrlich l Pfund
in die Vereinskasse zahlte. Die einzige
Folge der Regierungsmastregel war, das;
die Association, die sriiher ihren Sitz in
Dublin hatte, nun im Lande herumzog und
alle 14 Tage eine andere Stadt wahlte,
und diese Folge war der Association nur
zum Heil. Bald zeigte sich der ofsentliche
Geist, der aus diese» Meetings feine
Nahrung sog, so kraflig. das; dic Gegner
der irlandischen Selbststandigkeit ein auster
stes Mittel ergrisfen, ihn zu bcsiegen. Die
selbe Partei, die scit so langer Zeit die
Katholiken in geistiger Unwurdigkeit zu
erhalten gcsucht, bildete jeht Gcsellschaften
zum unentgeltlichen Untcrrichte der Kinder
der Jrlander. Man wollte Jrland nach
und nach reformiren, wie im Parlamente
ofsen ausgesprochcn wurdc. Die Jren
aber wiesen diese spekulircndc Menschen
frcundlichkeit mitdcmsehrlogischen Schlus
se ab: Wer mir feine Burgerrechte
zugestehen will, kann meinen Kinder»
feine Crziehung geben wollen.
War dies schlaue Manover zum Ber
drusse der Cnglander mistlungen, so
sollten diese bald noch eine andere Frucht
der Association sehen, eine Frucht, die die
irlandischen Jnteressen unendlich sorderte
und der englischen Partei nur dic TKahl
liest, Jrland Zugestandnisse zu machen oder
das Aeusterste zu surchtcn. Bei den bis
hetigen Emancipationsbestrebungen waren
nur der Mittelstand und die Geistlichkeit
dirckt thatig gewcsen; das Bolk, die Bau
ern hatten zwar ihre Beisteuer zu demßcr
cine gcgeben, nach altem Herkommen aber,
wie bemerkt, nur die englischen Landlords
und ihre Cmpfohleuen in das Parlament
gewahlt. Da tauchte 1828 zum ersten
Mal der Gedanke aus, die Landlords durch
ihre eigenen Bauern zu besiegen, ihre Stcl'
len im Parlament durch Freunde der
Cmancipation.zu besetzen. Ter (Gedanke
schien so iiberaus kuhn, das; die Cnglander
darubcr lachten, OConnell selbst an dem
Gclingen zweisclte. Aber die Association
und die Geistlichkeit. nachdcm sie denßor
schlag einmal ousgefatzt, verdoppelten ihre
Anstrengungen, schufen General-, Graf
schaft-, Baronh Komites und brachten cs
dahin, das; das Bolk an feine Macht, an
feine Wurde glaubte. Die Bauern schwu
ren Cide, das; sie, so lange die Wahlen
dauern loiirb *n, kcinen Tropfen Wiskey
trinkcn wollten, und hiclten
gelobten, das; sie sich in feine Privatstrei-
I tigleitcn und Rausereicn einlassen wollten
und lichen sich mihhandeln, ohne der Lei
denschaft Raum zu geben. Somit war
der erste groste Cckritt zur moralischen
Emancipatio» des Bolkes gethan und die
.! Association saumte nicht, dies vor aller
Welt kuttd zu thun. Sie beschloh, an ei
uem Tage ganz Jrland zusammcnzuberufen
und wie aus einem Munde gegen feine
Rcchtlosigkcit zn protestiren. Am 21.
Januar 1828 sand eine gleichzeitige Bcr
sammlung in 500 katholischen Kirchen
Statt. die der Welt sagte, dast Jrland frei
sein. Burgerrechte besitzen wolle.
Mit Riesenschritten ging es nun vor
warts. Die Ernennung Lvrd Fitzgeralds
zum Minister ofsnete die Wahl in Clare.
Das Gelingen der vorigen Wahlen halte
das Bolk zuversichtlich gemacht, so dast
der Borschlag eines gewissen O'Gorman
Mahon, das; O'Connell als Kandidat
austreten solle, ein Borschlag, der nur we
\ nig sriiher als walmsinnig verworsen wor-
Iden ware, mit Bcifall aufgenommen wurde.
O'Connell selbst ergrisf den Plan mit Cifer
und Knhnheit. Cr wies nach, das; in den
Gesehen eine Lucke sei, indem nirgends
der '»nlritt eines Katholiken zum Parld
mente ausdrucklich untersagt sei und
Z. er den erledigten ParlamentSsih wohl
einnehmen tonne, wenn cs ihm ge-
linge, den verlangten Testeid zu um
gehen. Vielleicht glaubte er selbst nicht an
den Erfolg seines Unternehmens, aber es
dunkte ihn fur jetzt schon genug, dahJrland
durch eine so glanzrnde Demonstration den
Herren in England seine Wiedergeburt
verkunde. Er begab sich sofort als Kan
didat nach Ennis in der Grafschast Clare,
und mit dem Vcrsprechen, gegen den hoch
kirchlichcn Zchnten zu wirken, schlug er alle
noch übrigen Bedenllichkeiten der Wahler
nieder und trug am 5. Juli 1828 den Sieg
über seinen Rebenbuhler Bescy-Fitz-Gerald
davon. Er verlor keine Zeit, zu London
im Hause der Gemeinen zu erscheinen, wur
de jedoch, trotz feiner Protestation, der
Schwurformel unterworfen und musite den
Saal verlassen, um dies zu vermeiden.
Aber er verlieg ihn im Vorgefuhle des
Sieges. Im Parlamente entstanden so
gleich nach seinem Weggang lebhafte Dis
kussioneir über den BorfaU, die indch zu
keinem Resultate fuhrten, da die Session
bald darauf geschlossen wurde. Jh Jr
land rief seine Abweisung einen wahren
Sturm hervor, der einen blutigcn Biirgcr
krieg zu entzundcn drohte. Diesen abzu
wenden. bot O'Connell die ganze Macht
seines Einflusses auf, und sie bewahrte sich
auf die glanzendste Wcise. Tie Associa
tion saudte ihre Fricdensboten aus und
das Bolk gchorchte, beugte sich willig untcr
das Gesetz. Der von den Miuistcrn selbst
befurchtete Aufstand kam, Dank D'Eon
nells Politik, mcht zum Auslßuch. Eng
land aber wagtc es fiir jetzt nicht, die Wirk
samkeit dieser zum zweiten Male
auf die Probe Gleich imAnfang
der nachsten Session 1829 ward die Ka
tholiken-Emancipationsbill (romnn arrdo
lic relief l>iil), welche die Katholiken von
dem Supremacy-Eid cntband und ihncn
dafur einen einfachen Hnlbigungseid fur
die Rachfolger des protcstantischen Hauses
von Beaunschweig auflegte, sie fur wahlbar
erklartc zu allen Aemtcrn iln Staate, mit
AuSnahme der Acmter: Lordkanzler in
England und Jrland, Regent und Guar
dian des Konigreichs und Oommipio
ner in der Kirche von Schottland, cinge
bracht und durchgesetzt. Jrland jubelte.
OConnell, „der Befreier", wie er von die
sem Augenbliet an hies;, ward von Clare
zum zweiten Male in'sParlament gewahlt.
Mit dem Februar des Jahres 183 V, wo
er im Unterhause erschien, trat O'Connell
in einen neuen Abschuitt seines polischen
Lebens. Er wuhte wohl, das; der errunge
ne Sieg nur das Borspiel ciner Reihe von
Siegen sein muhte, wollte er der Begeiste
rung wurdig sein, mit der man seinen Na
men nannte, des felsenfesten Bertrauens,
das Jrland auf seine Thatkraft sctzte.
Durch die Emancipationsbill hatten die
katholischen Jrlander zwar ihre. durch ein
historisches Unrecht ihnen entrissenen Bur
gcrrechte wieder erhalten ; aber noch waren
die Ketten des irrschekl Bolkes nicht gebro
chen und es bedurfte aller Anstrengung,
um es wach und fiir die Jreiheit cmpfang
lich zu erhalten. Es war nicht ein Eeies
Geschenk, das England mit der Emancipa
tio» gab, es war ihm abgedrungen, und
es sctzte auch diesmal seinen Werth selbst
hcrab durch die Bedingungen, unter denen
es dasselbe gab. Aufhebung der Associa
tion und die Erhohung des Wahlcensus
von 10 Schilling aus 10 Pfund Sterling
waren diese Bedingungen, durch welche
England selbst beitrug, seinem grosten Geg
ner dic Fortsetzung des Ikampfes zu crleich
tcrn. Stillstand ist Ruckjchritt, und ein
Sieg verleitet so leicht znm Stillstand.
„Nehmt Altes, was bclowmen konnt,
und gebt nichts auf!" Vas war und blieb
sein Wahlspruch. „Es gibt keine Unmog
lichkeit fiir den," rief LConncll seinen
Wahler» zu, „dcr kein andercs Streben
auf Erden Hat, als das Beste seines Lan
dcs, und der cntschlossen ist, mit osfenen,
ehrbaren und konstitutioncllen Mitteln die
WirderhersteUung seines Geburtslandcs zu
vollenden!" Mit dieser Sicgeszuversicht
trat er auf den neuen Kampfplatz. Wah
rend er den Arbeiten des Parlaments mit
unverdrossenem Eiser folgte und mit seinem
Worte, das im Hause der Gcmeinen nicht
minder nachdrucksvoll, obwohl aus anderer
Tonart erschallte, als in der Bolksver
fammlung, und feiner Stimme die meisten
Borfchlage des Whigministcrium, das nach
Georgs IV. Tode an die Spitze der Ver
waltung getrrlen war, unterstiitzte, sprach
er von Abschassung der Aehnten, welche die
katholischen Jren an die protestantischcn
Pfarreien entrichten mntzten, und vom
Widerruf der legislativen Union
zwischen England nnd Jrland. Repeal
hies; hinsort das Zauberwort, mit dem
D'Eonnell die Massen eytstammte, mit dem
er auf alle Abschlagszahlungen antwortete,
mit dem er als ein hartnackiger, nimmer
miider Mahner unablaffig an die Tblire
des Schnltzners klopfte. Kaum war der
jin Jrland gestiftete Repealverein von der
Regierung ausgehoben wordcn, als schon
ein anocrer Bercin zur Sammlung von
Petitionen gegen dic Union entstand.
ward DEonnell 1831 deshalb ver
hastet und in Anklagestaud gesetzl; aber
die Gewandtheit, mit welcher er sich ver
theidigte, indem er jeden feiner Schritte
als vollkommen gesctzlich darzustellen wnsi
te, schutzte ihn vor der Berurtheilung.
Rachdem er nach Georgs . Tode 1830
fur Waterford und 1831 fiir seine heimalh
liche Grasschaft Kerry im Parlament ge
sesse», wurde er 1832 von der Stadt Dub-!
lin gewahlt. Er trat mit cruenter und
gesteigerter Kraft in die Schranken; dcnn
von 100 Deputirten, die Jrland in's Un
terhaus sandte, waren 10 nur unter der
Bedingung gewahlt worden.fiir u. mit ihm
zu stimmen. Mit dieser Macht, die man
„O'Connells Schweif" (tlu* o’t!onnell t iil)
zu nennen pflegte, unterstiitzte er die „Re
sormbill", welche Jrland sDepurtirte mcyr
gewahrte, sonst aber die von O'Connell
und seinen Landsleuten erwartetcn Fruchte
nicht trug. Und so chrfurchtgebietend war
diese Macht des krafligen Bolksfuhrers,
des kuhnen Demagogen im eldesten Sinne
des Worts, das; ihm England Abhulfe fiir
alle Bcschwerden versprach, wenn er durch
seinen Einflus; das durch neuc Gcwaltinas;
regcln gegen die Associatione» ausgeregte
Jrland iu Ruhe erhalten wolle. Ein Ber
sprechen kostete nicht viel; es war so leicht
gegeben. L'Eonncll erkannte auch dies-
L«xemb nrg e r Gaze tt e.
mal die Triiglichkeit der englische» Ver
heisiungen bald und ward wiederum das
Organ der von ihm erweckten Bolksstimme.
(Fortsryung folgt.)
A « s k a n d.
Deutschland.
Rheinland und W e st sale n.
Mainz, 17. luli. In Folge eines wol
kenbruchartigen Regens in dieser 9tacht,
wodurch ein Theil der Bahnboschung der
Ludwigsbahn in der Gemarkung Oberin
gelheim weggerissen worden war, entgleiste
ein Guterzug mit Lokomotive und drei Wa
gen. Der lugsuhrer und ein Wagenwar
ter wurden unbedeutend verletzt.
Vom Niederrhein, 24. Juli. Die Rog
genernte ist bei den Dag fur Tag eintreten
den hestigen und durchdringenden Gewit
terregen im Laufe der letzten Tage nur we
nig gefordert worden. Kaum mehr als die
Halste der Felder ist abgemaht und nur sehr
wenig konnte eingescheuert werden, da es
nur an zwei Tage leidlich trocken blieb.
Nach den beim gemachten Crfahrun
gen wird die Frucht quantitativ nicht so be
deutend sein, als man vor acht Dagen er
hofft. Audem sind die Korner von Was
sergossen dermasien durchdrungen, dasi die
O.ualilat auch nicht befriedigen wird. Der
Weizenschnitt wird, wenn es nur einige
Tage trocken und warm wird, dem Roggen
auf dem Fusie folgen, so dasi die Arbeils
krafte iiber die Masien in Anspruch genom
men werden. Der Hafcr Hat sein schones
Ansehen behalten, jedoch Hat sich an vielen
Stellen die zu uppig emporgewachsene Frucht
durch die hestigen Regengusse gelegt. Die
Heuernte Hat sich durch die anhaltende Nasse
hinsichtlich der Qualitat zu einer der schlech
iesten seit vielen lahren gestaltet. Das in
der letzten leit gemahte und kaum trocken
eingefahrcne Heu ist zum Futter nur mit
Borsicht zu gebrauchen. Luzerne Kleehen
Hat 2000 Pfd. Grasheu aber nur 1000
Pfd. per Morgen gegeben. Das Pflucken
des Flachses konnte, da die Accker victfach
unter Wasser stehen, nur zur Halste been
digt werden. Was die Kartoffeln betrifft,
so Hat sich als nothwendige Folge der an
haltenden Nasse sowohl an der Fruh- als
Spatsorte die Krankheit eingestellt, so dasi,
wenn nicht chestens ein Umschlag der Wit
terung eintrirt, Schlimmes zu befurchten
steht. Die Besserung im Fruchtgeschafte
machte im La'ife der Woche, was Wetzen
und Roggen betrifft, bedeutende, noch kurz
lich kaum geahnte Fortschritte. Ter Be
such der Markte war stark, und hikt.en sich
Vcrkaufer im Angebat zuruckhaltend. Bei
Weizen namentlich war die Stimmung sehr
aufgeregt, und gingen die Forderungen ge
gen die letzte Notirung polle 2 M. hoher,
wozu flott gehandelt wurde.
Koln, 19. luli. Trotz der vielen und
schweren Gewitter, welche wir im Laufe
dieses Monats schon zu notiren hatten, ist
Luft noch fortwahrend mit Clektrizitat
angefullt, die sich bald hier bald dort über
Stadte und Fluren mit ungewohnlicher
Heftigkeit, mit Wolkenbruchen, Platzregen
und Hagelschlag entladet. So gingen vor-
gester» und hier wieder mehrere anhaltende
. Gewitter nieder. Am Samstag Nachmit
! tag wurden bei einem Gewitter in Deutz
! zwei Leute auf der Strasie von einem Blitz
l strahl zu Boden gestreckt, der daraus an ei
' ner Pappel in die Hohe fuhr, vou dieser
mehrere Aeste abschlug, zu einer anderen in
' der Nahe stehenden Pappel übersprang und,!
nachdem er auch an dieser seine Spuren zu- '
! ruckgelassen/ iit den Boden verschwand.
Die beiden Leute kamen bald wieder zu sich.
Um dieselbe leit fuhr ein elektrischer Funke
! an dem Blitzableiter der Drinitatiskirche am
Felzengraben herab in die Crde. Gestern
' am Abend gegen 8 Uhr zog von Deutz her
uber eine tiefgehende auf- und niederwo
i gende Wolkenmafje über unsere Stadt her,
, die Gemuther vieler unserer Rtitburger mit
> Angst und Schrecken crfullend. Sofort
! verwandelte sich der Dag in Nacht, welche
! unaufhorlich von grellen Blitzen erleuchtet
wurde. Cin Strahl fuhr in die Bentila-
tion des Zivilkasinos nieder, ohne jedoch
Schaden anzurichten. Bon Deutz aus ge
! sehen, bot das Wolkenmeer, wie es in fast
> unmerklichen Intervallen seine blendenden
Blitze entsandte, einen majestalischen An
blick. Nach etwa einer halben Stunde
hatte die herrschende starke Luftstromung
das Gewolk wieder auseinander getrieben
und nur in der Ferne leuchten ab und ztt
noch die feurigen lickzacke am Himmel auf.
Ueber die schweren Gewitter, von wel
chcn in den jungsten Dagen wiederum weite
Strecke» heimgesucht wurden, laufen von
allen Seiten Mittheilungen cin. Wie aus
Hochfelo geschrieben wird, wrtrde dort am
Freitag, 17. d., cin jttnger Mann vom
Blip erschlugen, ebenso in Buchholz ein
achljahriger Knabe, welcher im Wohnzim !
mer zwischen seiner Mutter und einer Nach-
barsfrau sland; die beiden Frauen blieben
unversehrt. Iu Mundelheim wurde die
alte Schule in Asche gelegt.—Bei Hohen- i
Budberg wurde ebenfalls ein Zinabe vom
Blitz erschlagen.—ln Huckingen wurde ein
junger Mensch in einem Neubau, worin er!
als Handlager beschaftigt war, vom Blitz
getroffen, und. blieb auf der Stelle todt;j
ein anderer erhielt nur eine Berletzung am
Arm, wahrend ein dritter bedeutender am
Kopf beschadigt wurde. In einem anderen
Hause hielt ein Mutter ihr kleines Kind auf
dem Schoosi; ein furchterlicher Blitzstrahl
schleuderte das Kleine todt weitab vom
Arme, wahrend die vor Schrecken starrc
Mutter ohne Berletzung todt blieb.—
Wie aus Ne usi genteldet wird, wurden
auf den Seitzhofen zwei Kinder vom
Blitze getroffen, glucklicheriveise nur uner
' heblich verletzt. Ueber Cssen entluden sich
ebenfalls zur selben leit unter hestigen
Regenguffen starke Gewitter. Der Regen
Hat laut der „Css. Itg." besonders auf den
I Feldern arge Berheerungen angerichtet und
liegt das Getreide an vielen Stellen ganz
darnieder. Der Blitz traf in der Gegend
von Kctlwig einen Mann. welcher unter
einem Baume sitzend seine Pfeise rauchte u.
> sofort geiodtet wurde. In Altencsseu wur
de eine Scheune entzundct, welche ganzlich
> niedcrbraunte. Wir erwahnten bereits,
dasi in der Nahe des Dorfes 'Bachen (bei
Koln) der Blitz in einen Stall schlug u. drei
Pferde todtete. Der Knecht, der im Stalle
schlief, erlitt, wie es von anderer Ceite ge
meloet wird, nicht die germgste Beschadi
gung. Zwischen Netnhof und Sulz fuhr
der Llitz in einen Fruchtschober; in letzterem
Orte entwurzelte derselbe einen starken
Baum.
B a i e rn.
„Ganz abgesehen davon, dasi der „libe
rale" Sieg in zwei Stadten ersten Ranges,
! Wurzburg und Regensburg, gan; zweifel
hafter Natur ist, musi constatirt werden,
dasi nahezu die Halste der baierischen Stadte
ultramontan gewahlt Hat. In Schwaben
wahlte von 24 Stadten gerade die Halste
i „liberal", in Dberbaiern, mit Ausnahme
von Munchen, Erding und Laufen alle
iibrigen Stadte, ebenso in Niederbaiern u.
Dberpfalz, wo unseres Wissens nur Pas
sau, Pfarrkirchen, Regensburg (nothdurf
> tig genug), Sulzbach, Weiden „liberal"
wahlten. —In Dberfranken wahlten be-
Bamberg, Forchheim, Cbcrmann
sradt, Schesilitz, Herzogenaurach, Hochstadl
und andere ultramontan, ebenso in Uitter
franken tnchrere klcinere Stadte. Wenn
die Mchrheit der grosieren Stadte den „Li
beralen" zufiel, so ist dies begreiflich. Hier
konnte das indirecte Wahlsystem seine
schlechtesten Seiten zeigen. Die Bureatl
kratie, die Magistrate und Fabrikherren ur
beiteten mit Hochdruck auf die abhangigen
Lente. „Wir miissen siegen!" war die
Wahlparole der.,Liberalen". Und sie sicg
ten. Wie? —das Hat man in Augsburg,
Regensburg und Wurzburg bis zum Ckel
erfahren. Man machte den Gegnern eiu
fach den Sieg umnoglich durch Willkurlich
keiten und einen Misibrauch deS indirecten
Wahlsystems, der als erschlichcn oder er
> zwungen erscheinen lasit."
S ch l e s i e n.
Wie die breslauer Blatter berichten, ist
scit einigen Dagen aus den Strasien der ge
nannten Stadt und in deren nachster Um
gebung eine eigenthumliche Crscheinung be
merkbar. Cs sind namlich übcrall eine
Art grosier, schwarzer Ameisen, mit ausfal
lend starkem Hintcrkyrper, sichtbar, die
thcils vereinzelt, theils in ganzen Trupps,
auf den Fahrwegen, den Drottoirs und
Platzen der Stadt umherlaufen. Sogar
in den Hausern und Wohnstuben machen
sich diese Insecten bemerkbar. Im lu
sammenhang mit der gcschilderten Crschei
nung stattd das plopliche Hervortreten feuch
ter Punkte» wie von grosien Regentropfen
herruhrend, die sich auf dem Drottoir und
dem Strasicnpflaster zeigten. Da sich Datn
sende fener grosien Ameisen auf der Crde
niedergelassen hatten, so konnte man kaum
einen Schritt thun, ohne etliche dieser In
secten zu zertreten. Noch am spalen Abend,
als die Insecten wieder vcrschwunden wa
ren, zeigten sich die Flecken.
Oestcrreich-Ungarn.
Die ftreikendenArbeiterßri'tnn's haben am
23. Jttli die Arbeit in tnehreren Fabriken
wieder aufgenontmen. Dieselben haben ihre
auf Aufstellung emes Normaltarifs gerich
tete Forderung aufgegeben, dagegen sind in
denjenigen Fabriken, in welche» bisher ge
ringere Lohne gezahlt worden, Aufbesserun
gen gemahrt worden.
Schwciz. O
Die Heuschreckenplage ist in den lehten
Tagcn, ausier im Bundener Laude, auch am
Bieler See bei Binelz aufgetreten. Dort
ist man schon tausend Mann hoch zur Ver
tilgung des Ungeziefcrs ausgeruckt, jedoch
ohne besonderen Crsolg. Als sicheriles
Dlittel zttr Bernichtung der Brut wird dort
Untenvasfersetzung des ganzen Gebiets an
gerathen.
Kraukreich.
Der grosie Teich des Boulogner Gehol
zes zu Paris, gewohnlich „Ie luo"
sder grosie See) genannt, wurde bisher von
23 Ruderbooten und einem Segelschisse
befahren. Gegenwartig wird auf demsel
ben ein Dampfboot eingerichtet. Dasselbe
ist 11 Fusi lang, Hat drei Pferdekrafte und
kann 15 Personen an Bord nehmcn. Cs
Hat eine Schraube nach neuer Art, deren
Crsinder, Herr Fleuret, hosft, den Ber
brauch des Brennmaterials um mindestens
cin Biertel des gewohnlichen Bedarfes her
abzumindern. Die Maschine wiegt 132
und der Dampfkefsel 740 Pfund. Der
Dampfer wird zwanzig Minute» gcbrau
chen um den
folglich alle halbe Stunde eine Fahrt ina
cheit konnen.
Die fur 1873 fertiggestellte Perbre
chersiatislik enthalt wiederum sehr beherzi
genswerthe Aufschlusse. Scit vicrzebn lah
ren ist 1872 das fruchtbarste an Perbrechen
gewcsen, und 1873 Hat ihin nichts nachge-!
gebcn. Von 4009 Angeklagten wurden 20
Procent freigeiprochc», und ein Serhstel
derselben gehorte dem Scinedepartcment an
Nach diesem folgen Unterseine-, Nhonentun
dungen-, Gtronde- und Nhonedeparment,
also gcnau diejenigcn, welche an der Spiye
der modernen Civilisation und Ausklarung
stehen. Das Rhunedepartement zahlt
zwanzig Angeklagte auf 100,000, wahrend
die Dcpartements der Dber- und Niederpy
renacn nur 10 auf 100,000 aufweisen.
Dafur sind sie auch Hauptsitze des schreck
lichsten Ultramontanismus, und besipen
zahlreiche Wallfahrtsortcr. Die stadtische
Bevolkcrung stclll 22 Pcrbrccher auf 100,-
000, die landliche nur 10. Wie immer, so
waren auch 1873 die meisten freigesprochenen
Perbrccher solche, die sich gegen Personen
vergaugen hatten. siur Berbrechen gegen
das Eigenthum dagegen zeigcn sich die
Schwurgerichte glcich unerbittltch. Diesel
ben Geschwornett, welche cben einer Frau
und deren Liebhaber, welche mit kaltcster
Nebrrlegung den Chmann der ersteren cr
mordet, mildernde ttinstaiche zugebilligt, um
so diesem sauberen Paare das Leden ztt
retten, sprachen ohne laudern das volle
> Schuldig über dett bedauernswurdigsten der
Diebe aus. Das liegt nun einmal in der
' „liberalen" Nloral. Nothzuchtverbrechen
, gegen Kinder kamen 187:'» 783 uttd 1872
, 682 vor; die Pcrmehrung ist schreckcnerre
; geno.
Der Prin; von Joinville hatte
dieser Tage beinahe das Schicksal seines
altesten Bruders, des Herzogs von Drle
ans, gehabt. Nach der Sipung der Natio
nal-Pecsammlung hatte er einen Fiaker ge
nommen, um nach dem Bahnhose zu fah
ren. In der Rue du Reservoire brach die
Deichsel desselben und das erschreckte Pferd
ging durch. Cin Ungluck erschien unver
meidlich, als auf dem Boulevard de la Reine
ein Arbeiter das Pferd am Kopf ergrisf u.
es zum Stehen brachte. Der Prinz, der
seine Kaltbllitigkeit nicht verior, stieg ruhig
aus dem Wagen und begab sich zu Fuh
nach dem Eisenbahnhofe, nachdem er sei
nem Retter eine Belohnung in die Hand
gedruckt hatte.
Jtalien.
Rom, 26. Juli. Nach der ausieren
Dbersiache zu beurtheilen, musite sich unsere
Politik in der vollkommensten Nuhe besin
den.' Minghetti, Gisconti und Ricotti sind
in Matland mitten unter ihren Getreuen
und planen bereits die Cainpagne fur die
nachste Dihungsperiode derZiamitter. Vor
Allem braucht Minghetti unter allen Um
standen C)eld, viet Geld, sehr viel Geld,
denn das geraubte, aus zwei Milliarden ge
schapte Kirchengut Hat nur 500 Millionen
eingebracht und es ist kcin Centesimo davon
übrig! Dcsbalb gedenkt tnan nun die An
nerion der milden fLaicn-) Stiftungen zu
vollziehen, wogegen sich aber namentlich in
Norditalien und zwar i» spt*»-!»* zu Nlai
lund eine bcdeutcnde Dpposirion erheben
wird, die im Keime zu vernichten, der Imeck
der Neise Minghettis und seiner Collegen
dorthin ist. Tiese milden Stiftungen
sßlindenhauser, Hospitaler, Waisen- und
Armenhauser:c.) besitzen cin Grundver
mogen von zwolfhundert Millionen; das
sclbe soll nltn verkauft und die e.rpropriirten
Stiftungen mit Rentenbriefen der „conso
lidirten Nente" entschadigt iverden. Wenn
man nun aber, wie man der Regierung
schon gerathen, „das Schuldbuch des „ge
eigneten" Jtalien" vernichtet, odcr sich der
italienische Staate bankerott erklart? Dder
wenn man auch nur die Nente von 5 auf
3 Procent reducirt? Wo blcibt dann das
Geld der Wittwen itiib Waisen? Das
Alles wird. freilich das kautschukartige Ge
wissen ungerer Minister wenig irritiren:
npfnon» b> ! Das Hauptquartier
der Dpposition ist jetzt in S i cil ie n und
etablirt cinc Cnquote sur sich zum Schreckcn
aller Senatore», ob der zu erivartenden Cnt
hullungen; ttnd ein suchsscucrrothes Mi
nisterium mit Garibaldi, als Prasidenten
wird vielleicht bald nicht mehr zu den Un
wahrscheinlichkeiten gehoren. Auch Prcu-
Heit, dem die Zusammenkunft in Venedig
zwischen Pictor Cmmanuel und Franz lo
leph wenig behagt, ist nicht unthatig, son
dern namentlich in Sicilien und Calabrien
an der Arbeit; Herr v. Keudell reist von
Nom nach Ancona, von da nach Bari, dann
nach Neapel n. s. w. und ist fortwahrend
unterwegs, wahrend alle seine anderen Col
legien Ferien halten. Gottes Zulassung
konnte uns wohl noch eine Allianz Bis
marck-Gambetta-Garibaldi zusenden uni
noch einmal tie zu strasen, die aus dem
lahre 1870 'Nichts lente» wollten!
Lparrierr.
Nach Meldungen aus dem carlistischen
Hauptquartier, die wir in franzosischen
Blattern finden, steht Dorregaray, nach
dem er sich im Norden mit nenen (Reming
ton-) Gewehren und hinreichender
M unitio» aus den koniglichen Waffen-
und Laboratorien versehen, mit
einer Armee von 14,000 Mann Jnfanterie,
1000 Pserden und einigen Geschutzen san
Artillerie und CavaUerie leidetdie konigliche
Armee immer noch einigen in der
Nahe von Dremp, (Provinz Lerida,) wah
rend eine andere starke Colonne, circa 5
0000 Mann der koniglichen Centrums
armee die Provinz Taragon besetzt halt;
aus seinxn sammtlichen Gewaltmarschen
Hat Dorregaray nur etwa ein Dutzend Leute
—mit Aqsnahme der 180 Mann verschiede
ner carlistischer Corps, die sich in den
Pyrenae» verirrt hatten uitd hierbei nach
Frankreich gerathen sind —und etwa 8 bis
10 Pferde eingebusit!—Der tapfere Bri
gadier Don lose Agramont wurden am 3.
d. Nt. vom (General Aloarrz auf Caspe
dirigirt, wo er der Ordre gemasi und zwar
nur mir Hilfe einer Barke iibcr den Cbro
septe, sich als Am regarde der Dorrega
rayschen .Armee anschlosi und sotnit den
> ganzen Marsch bis nordlich von Huesca
> gegen deit zeittoetse nachdrangenden Feind
' deckte. Bei Huesca durch Delatre von
seiner Berbindunq »tit D orregaray abge- !
schnitten, beschlosi er, sich nach Navarra!
durchzuschlagen; auf seinem Marsche quer
durchs alle betvohntcn D rtschaften
vermeidenv, liesi er alle ihm Begegnenden
! so lange festnehtncn, bis er in Sicherheit
> war, wodurch dent Ici ude jegliche Nachricht
i über il)ii cntzogen wurde; uitd so gelangte
er endlich nach schwcrcn Muhsalen und Ge
fahrcn über Oavascucz glucklich nach Alsa
sua, ohnc auch nur eine» Mann vcrlorcn zu
haben. Der Konig beorderte ihn dann
mit seiner wackeren Truppe nach Dolosa,
wo Don Carlos Reoue über dieselbe hielt;
obwohl die meisten dicser I'eute ihren Konig
noch nie gesehen hatten, erkannten sie ihn
doch sosort beim ersten Anblick und begrusi
ten denselben alsbald ntil einem begeister
ten: N iva el Key! Dorregara y
selbst in augenblickiich in der Lage, den
Ebro zu überschreiten, sobald es ihm'deliebt.
ohne auf Widerstand stosien zu musscn.
Das Centrum halten übrigens noch mehrere
sclbststandige Detachements besetzt.
Asien.
Itl Palaestina sind sich zur Abwechslung
die luden einmal gegenseitig in die Haare
gekommen. Cin russischer lude, der in
Amerika das Burgerrecht und einiges Ber
mogen erworben hatte, lieh sich in Diberia
ain See Genezareth nieder, um.daselbst
Landwirthschaft zu treiben und seine sich in
einem elenden Instande besindlichen Glau
bensgenossen an» ihrer Berkommenheit zu
Heben. Anfangs schien sein Slreben cini
gen Crfolg zn haben. Cs nahm aber keine
lange leit iGAnspruch, so hetzten die Rab
biner alle luden gegen ihn auf und steckten
den Neuerer 5 Lage in ein Loch, mihhan
delten ihn und jagten ihn aus der Stadt
hinaus. Endlich nahm sich der amerikani
sche Consul der Sache an und lieh die tiir
kische Regierung auf sein Andrinqen den
Rabbiner sammt neun Hauptschuldigen ge
fangen nehinen, was zu entem argen Tu
multe unter der gesammtenJudenschaftoon
Tiberias-Anlasi gab. Das turkische Ge
fangnisi murde gesturmt und die gefangenen
luden bcfreit. Die turkischen Gerichte
konnten dagegen nicht einschreiten, da ihre
geringePolizei-Mannschaft kaum hinreichte,
das amerikanische Consulats - Gebaude vor
einem Angrisfe des Pobels zu schiitzen.
Grotzbritannierr.
Der englische Capitan Webb, welcher
deii Canal schwimmend kreuzen will, Hat
zur Probe eine gleiche Strecke im Meer,
aberin der Nahe derKuste, durchschmckMmen.
Er legte die zwanzig Meilen betragende
Entfernung von Dover nach Newgate in
acht Stunden und funfundvierzig Minuten
zurilck. Des schlechten Wetter wegen mih
land die Probe im Canal.
Bnrrtes AUerlei.
Fremdwortersucht der D e ut
sche n. Wie manche Leute mit Fremd
wortern umgehen, geihelt der Sonntags-
Feuilletonist der „Bresl. Zeitung" solgen
dermahen: Wie geht es Jhnen, Zrau
Schulye?" „Jch banfc schon, Fran
Muller! Ich habe mir jetzt eine Villa in
bernigf gekaust, die ich nachstens mit
meincr Tochter bezielien werde. Born her
aus haben wir eine schonc Reverende, hinten
einen Babylon. Von der ersten Etagere
bis ;nr zwerten filhrt eine Lavendeltreppe
von barbarischern Marmor in die Hohe,
und da Hat sich meine Tochte, die ja sehr
fcfjdit malt, eine kleine Artillerie eingerich
tet, und da sehen wir jeden Morgen die
Herren Offljicre vorbeidestilliren. Sie
mussen wissen, Frau Muller'n, meine Toch
ter leibet an zerrissencm Rervencostiim und
ich wollte mit ihr leythin zu einem Profes
sor fahren. Aber denken Sie sich nur, als
wir auf die Bahn kamen, war die Earriere
schon geschlossen, der Paragraph gezogen
und das Vomitio ging ab. Ra wir nah
men eme Droschke, und ais wir zum Pro
fessor kamen, war nur der Eriftenzarzt da
und der sagle: Ach bitte, nehmen Sie doch
einstweilen gesalligst im Feuilleton Platz,
der Herr Professor steht sofort zur Desin
fection. So mar's auch, und der Professor
sagte dann: Jhre Tochter, liebe Frau, lei
dct an kathedralische Assectation in den
Kniekehlen. —Daraus be;ahlte ich und wir
gingen nach Hause. Unterwegs begegnete
uns mein Reffe, der ist namlich, nrussen sie
wissen, Madame Mulieri», ein grosieS Vo
lumen und promovirt alle Tage auf der
Schweidnitzerstrahe. Der sagte, wir muh
ten noch hier bleiben und in das Theater
gehen. Wir lassen uns dazu auch bereden,
haben einen Platz in der Processionsloge
und da vcrliere ich mein Porlepee; Vas
musi ich in die Zeitung setzen und noch die
die Jnsurrectionskosten bezahlen. Denken
Sie nur, was Einem Alles pressirt!"
Allgemeines Er st aun e n erregt
zur Zeit in Paris ein Amerikaner Rameus
Holtum. Derselbe lenkte schon scit pange
rem die Aufmerksamkeit des Publikums
dadurch auf sich, datz er in dem Theater
Folies Beraeres Kanonenkugeln aus sich
abteuern liesi und dieselben mit den Handen
aussing. Jeden Abcnd war man Zeuge
dieser erstannlichen Leistung, und obwohl
die anwesenden Schauspieler wiederholt be
theuerten, dasi dabei kein fauler Knisf mit
unterlaufe, so wollte doch Pierre Veron,
der zum Stabe der Monde Jlluslrs' gehort,
nicht recht an die Sache glauben. Er sagte,
die sragliche Kanonenkugel musse Herrn
Holtum von der Buhne aus zugeworfen
werden. Der Lctztere bot nun eine auf
5000 Franes lautende Wette an, dasi er
das Kunststuck unter Bedingungen vorfuh
ren wolle, welche jeden Zweifel beseitigen
mutzten, und nach Annahme der Wette be
stimmte Veron Mabille als den Platz zur
Probe. Es waren dazu die sammtlichen
Pariser Journalisten einqeladeu, und als
sie an Drl und Stelle eintrafen, fanden sie
bereits Holtum vor seiner Kanone. Man
untersuchte diese auf das Allergenaueste,
und die schwere Kugel ging von Hand zu
Hand. „Jch stehe nun nicht mehr auf
mcinem eigencn Grund und Boden",
sagte Holtum, ..lhr seid hier Meister,
und Ihr habl auf alle Vorkehrungen selbst
Acht haben." Tie Kanone wurde nun
geladen, und Holtum stellte in einer Ent
fernung von ungesahr zehn Bards sich an
einer Brcrterscheibe auf. Durch diese
Scheibe sollte bewiesen werden, dah man es
wirklich mit einer Vollkugel ;u thun hatte,
und dasi auch die Pulverladung stark gcnug
war, nm das Ewschosi durch die Planken zu
treiben. Holtum richtete das Geschuy,
lehnte dann in einer gewissen Stellung sei
nen Kopf an die Bretterwand und gab das
Eommando zum Feuenr. Die Kugel
streiste ihm das Haar, schlug durch die
Wand und rollte ungesahr noch zwanzig
Vards weiter. Dieselbe Kugel wurde dann
von den Journalisten wieder ausgeboben und
neuerdings in das Geschutz geladen. Die
ses Bial aber fing Holtum dieselbe so schon
mit der Haud auf, wie er es auch allabend
lich aus der Buhne thut. Er gewann seine
Wette; Riemand aber zeigte sich zur An
nahtne seines Anerbi.tens von 3000 Franes
fur irgend Jemanden bereit, welcher dieselbe
wunderbare Leistung fertig bringen wilrde.
Die dabei ersorderliche physische Krast muh
eine enorme sein; aber Holtum bewies
seine Starke auch dadurch, dah er mit
schwere» Kanonenkugeln spielte, als ob es
Drange» waren. Die einzigen Vorsichts
nrahregeln, die er trisft, sind auserst ein
fach: er tragt nur sehr dicke pederhand
schuhe rind bedeckt sich die Brust mit vielen
Lagcn dunnen Papieres, so das; dies eine
Art von Euirasse bildek. Das Ganze sieht
hochst gefahrlich aus, und besonders lst dies
beim ersten Theile der Fall, wenn Holtum
seincn Kops an die Scheibe einen Zoll von
der Stelle entfernt anlehnt, wo die Kugel
aller Wahrscheinlichkeit nach einschlagen
musj. Bekoinmt es der Herr übrigens e»n
mal mit schlcchtem Pulver zn thun, so mochte
eines unschonen Tages ihn ein Unsall be
tressen und der Kopf il»n doch noch sehr
ungemulhlich hinweggerissen werden.
I

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