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Luxemburger Gazette. [volume] (Dubuque, Iowa) 1871-1918, January 09, 1883, Image 4

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Dre G L > et t e.
Dicnftag, den 9. Jannar 188^.
Katholischer «irchen - Kalender.
Von der Hochzeit zu Canna. —loh. 2.
Sonnl. den 14. lanuar Nam. lesuf. Hilarius.
Mont. 15. . Maurus. Paul., C.
Dienst. , 16. „ Marcellus.
Mittw. . 17. „ Antonius, <*rzv. d. E.
Donnerst. , 18. ~ Petri Stuhls. Prisca.
Frcitag „ 19. , Kanut, K. u. M.
Samstag 20. , Fabian u. Sebastian.
A ch t u n g ihr « a t h o l i k e n !
Die Stimme des vcrst. Pius IX.
Wir ersuchen Sic instandigst, allen denen
mit eurem guten Willen und eurer Gunst
beizustehen, die, mit Geist begabt rmd mil
geniigcndcr Kenntnist auSgeriistet, sich an
die Arbeit machen und Biichcr und Zeitun
gen zur Vertheidigung und Verbreitung der
katholischen Lehrc verosfcntlichcn.
Cncyclica Pius IX.
Die Stimme Leo's \\\\.
Lasset ener Licht leuchtcn vor den Men
schen, damit sie euere guten Werke sehen.
Und der Herr gebe euch dazu Seinen Segcn!
Leo Xlll. an daS in Panna erscheinendcßlatt
„Luce" (Lkuchle), Anfang 1880.
Wir konnen euch in dem Vorsahe, ein
kathol. Blatt zu griinden, nur ennuthigen.
Wir hoffen, dah alle guten Katholiken, die
sich um die Religion und das Vaterland
verdient machen wollen, in dem Cifer und
der Thatigkeit fiir dieses Werk, das in un
sern Augen von der h S ch st e n B e d e u
t u n g i)t, wetteifern werden.
Leo Xlll. in 1882 an den Bischos von Ancona.
Charakierzttge des heiligen va-
ters.
Cin franzosischer Erzbischof entwirft in
einem Hirtenbrise folgende» schone Charak
terbild von dem hl. Vater, dem jeht regie
renden Papst Leo dem Dreizehnten: Er ist
ein Vater, welcher seine Giite bis zur Zart
lichkeit bezugt ohne jedoch zu vergesien, dast
er da» Haupt der Kirche ist, welches den
Anftrag Hat, sie zu regieren und zu leiten.
Wer sich ihm nahert, suhlt dah seine Augen,
welche gewohnlich so sanft und liebevoll
blicken, fahig sind, wenn es nothig ware,
Flammen und Feuer von heiligem Cifer
auszusenden. Unter dem sanfteften und
bedachtesten Anscheine erkennt man in ihm
unerschrockene vorher iibcrlegte Cntschlies
sungen und einen energischen machtigen
Willen, welcher zu jcdem Kampfe boreit
steht und zu jcdem auSdauernden Wider
stande fahig ware. Ja, Papst Leo Hat
einen Charakter welcher sich selbst behenscht,
sowie er die anderen beherrscht, und was
seiten bei den hochgcsteUten Personlichkei
ten zu finden ist, er wcist, wann er einen
feste» Willen haben und wann er verhan
deln oder ausfiihren soll in dem gehorigen
WirkungSkreise. Diese allgemcine Ueber
zeugung Hat schon allen denen, welche ihn
umgeben, ihre gehorigen Friichte gebracht.
Um ihn herrscht eine strenge Ordnung.
Dort ist die Arbeit Regel fiir Alle. Cr hat
einem Jeden seine bestimmte Stellung ange
wiesen. Der Papst ist der erste, welcher
die thatigc Wirksamkeit mit seinem Bei
spiel fortwahrend predigt. Die offeiltlichen
und cinzelnen Audienzen nehmen schon
einen grohen Theil des Tages hinweg;
dann seine wiederholtcn Berathschlagungs-
Zusammenkiinfte mit den Prafckten oder
Sekretaren der verschiedenen Congregatio
ne», mit den von ihm selbst eingefuhrten
Commissione» (oder Beauftragungen). Und
da ihm der Tag immer zu kurz ist, so ge
schieht es ofters, dast er halbe Nachte bei der
Arbeit oder im Gebcte wacht und wenn
schon Alle im Vatican tief schlafen, brennt
beim Papste noch die Lampe, bei welcher er
betet oder arbeitet. Immerwahrend sorg
faltig auf Alles, iibcrschaut er Alles, ohne
dast die kleinsten Cinzelnheiten seiner Wach
samkeit entgehen. Leo Xlll. dcnkt an
Alles, gibt von Allein Rechenschaft und rer
giht Nichts, denn er erinnert sich an Alles.
Und als ob diese immerwahrenden Beschas
tigungen seiner Thatigkeit noch nicht genu
gen wurden, setzt er selbst die bewunderungs
wiirdigen Rundschreiben auf, deren so schone
Sprache, wie tieser Grund der ganzen Welt
beweist, dast zu unsern Zeiten die klassische
latcinische Sprache einzig und allein das
Crbtheil der Kirche geblieben ist.
Wenn man nur dieser Herzensgiite, dic
ser unermudlichen Wirksamkeit eine ganz
englische Frommigkeit, eine grenzenlose
duld, eine unverlehlichc Liebe zur Gerech
tigkeit, eine groste Freigebigkeit gegen dic
Armen und einen wahren Hah und Abscheu
gegen die Siinde beiseht, so werden wir die
Hauptziige dieser edlen und hl. Seele be
schrieben haben. Daher erklart e» sich,
wie der hl. Geist sobald auf ihn die Wahl
zum Oberhaupte der Kirche fallen lieh, der
uns an den Ausspruch der hl. Schrift er
innert: „Du hast die Gerechtigkeit geliebt
und die Gottlosigkeit gehaht; dehwegen
Hat dich Gott gcsalbt mit dem Oel der
Freude vor deinen Briidern." (P5a1m44,9.)
Da» Dcutfch-ameritanischc Leh
rerseminar in Milwaukee und
die freimaurerlogen.
Der Ausschuh des Deutsch-amerikani
schen Lehrerbundes veroffentlichte vor Kur
zem eine Statistik iiber den deutschen Schul
unterricht in den V. Staaten, u. wir theilten
in der zweitletzten "Nr. das Crgebnist mit.
Aus dieser Statistik geht klar hervor, dah,
so mangelhaft die mitgetheillen Zahleu auch
auch sein mogen, in den Ver. Staaten d i e
kirchl ich e n Schule n i m Ueber
gewicht iiber alle andern Sch
ule n sind, i n den e n Deut sch ge
l e h r t wird, und dast in z w e i t e r
L i n i e die k a t ho l i sch e n S ch u l e u,
i n den e n di e deutsche Sprache
L e h r o b j e e t i st, die p r o t e st a u t i
sch e u bei weite m und weite m
überw ieg e n und iiberfl ii gel n.
Zu derselben Zeit ward auch auf die pre
care Lage aufmerksam gemacht, in der sich das
Deutsch-amerikanische Lehrerseminar in
Milwaukee (nicht zu venvcchscln mit dem
katholisch e n Lehrerseminar in St.
Francis bei Milwaukee), bekanntlich eine
Schopfung der Turnvereine auf nicht christ
licher Basis beruhend, besinde. Dast den
StaatS - Schulmannern die katholischen
Schulen ein Dorn im Auge sind, ist langs
bekannt, dah unter den deutschen Staats
schulmonopolisten, die meisten geheimcn
Gesellschaften angehoren, die Crgebnisse der
Statistik und die diirftige Lage ihre» Semi
nars Crregung hervorgerufen, lastt sich den
ken. Um das Schoostkind doch nicht elen
diglich umkommen zu lassen und mit der
Zeit die Ingend, die Deutsch lernen will, in
die verruchten Kirchenschulen zu treiben, ha
ben sich jetzt 28 deutsche Freimaurerlogen
im Staate New Aork vereint und beschlos
sen durch Sammlungen einen Fond zu griin
den, um aus demielben die Unterhaltungs
kosten bcdiirftiger deutscher junger Manner,
dic das Lehrer-Seminar in Milwaukee be
suchen wollen, zu bestreiten. Cin (libera
les) Wechsclblatt meint dazu: „Aber mit
dem Senden von Schiilern ist cigentlich
noch nicht Alles gethan, was diese achtund
zivanzig Logen und andere deutschen Loge»
in dem weiten Gebiet der Ver. Staaten fiir
diese Sache thun konnten. Das Lehrer-
Seminar braucht auch noch Geld, um
sinanziell sicher gestellt zu sein, und ein
Theil der so gesammelten Gelder sollte
wohl fiir diesen Zweck verrvendet werden.
Die deutschen Logen—nicht nur die der Frei
maurer, sondern auch die der Sieben Wei
sen, Harugari, Sonderbaren Briider, Drui
den, nnb wie sie alle heisten mogen—repra
sentiren da» Deutschthum ebenso wohl, wie
die Turnvereine, Gesangvereine, und andere
derartige Gesellschaften, und haben in Folge
dessen auch die Berpflichtung, fiir die Befe
stigung und Crhaltung der deutschen Spra
che in diesem Lande zu wirken, und sicher
lich gibt eS kein besiereS Mittel, dies zu
bewerkstelligen, als durch die Unterstiihung
deS Lehrcr-SeminarS. Aus diesem Grunde
hoffen wir, dast die von den New horter
deutschen Freimaurern eingeleitete Bewe
gung einen freudigen Wiederhall in allen
anderen deutschen Logen finden wird."
Dast daS deutsche Lehrerseminar in Mil
waukee mit der Zeit ganz den Handen der
geheimen Gesellschaften anheim fallt, daran
ist kein Zweifel, ebensowenig als fiir unS
ein Zweifel daran besteht, dah die Anstalt
mit der Zeit trotzdem eingeht. Der Opfer
sinn der deutschen Geheimbiindler ist nicht
gar grost und die Unterhaltung eines Leh
rcrseminarS erfordert grohe und schwere
Opfer. Wird die deutsche Sprache in Ame
rika erhalten, dann thun es nicht die Staats
schulen, zu deren Hiilfe ja das Deutsch
amerikanische Seminar in Milwaukee ge
griindet ist, es thun dies die Kirchenschulen
und zwar meist die katholischen, da hilft alle
Opposition nicht», so lange uns die reli
giose Freiheit bleibt.
Der Tov Gambetta'».
In der Racht vom Sonntag auf Montag
l. W. meldete der transatlantische Tele
graph den erfolgten Tod Gambetta'6. Wie
die Leser wisien, war derselbe schon seit lan
aerer Zeit leidend; angeblich halte er sich
beim Versuchen eines Revolvers an der rech
ten Hand verwundet, gemah der chronique
gcandaleuse aber soll ihn ein Frauenzim
mer, mit dem er in unehelichem Umgange
gelebt, und dem er die Heirath weigerte,
venvundet haben. Soviel ist sicher, dast
die wahre Todesursache noch nicht liber das
Krankenzimmer hittausgekommen ist. Die
Aerzte behaupten, er sei an Blutvergiftung
verstorben.
Gambetta wurde am 60. Oktober in Ca
hor» geboren und stammte von einer aus
Genua eingewanderten jiidischen familie
ab. Cr erhielt guten Schulunterricht, soll
aber storrischen BenehmenS gewesen sein
und sich das eine Auge ausgestochen haben,
als der Vater sich weigerte, ihn aus einer
dem Schuler nicht paffenden Lehranstalt
hinwegzunehmen. Im Jahre 1859 wurde
er Advokat in Paris, war aber lange ohne
Beschaftigung und suchte sich durch seine
Oppositio» gegen das Kaiserreich bemerklich
zu machen. Bei den slieuwahlen zum Ge
seygebcnden Korper in 1866 trat (siambetta
durch emsige Thatigkeit fiir die republikani
sche Sache hervor, besonders durch seine
Wahlreden. Als Advocat gewann er sich
durch Verthud gungpolitischerßergehenAn
geklagter einea gewissen Rus. 1869 ward
er Candidat der „unversohnlichen Opposi
tion" sn Paris und Marscille. An beiden
Playen ging er siegreich aus der Urne her
vor und nahm die Wahl in Paris an. Dcch
an einem Augeniibel leidend, crschien er nur
selten in der Kammer und machte sich auch
sonst nicht bemerklich. s)kach der "Nieder
lage von Seda» in 1870 beamragte er die
Absehung Rapoleon's in der Kammer und
proclamirte von den Stufen des Pa>la
mentSgebaudes die dritte Republik. Als
Paris von den deutschen Armeen cinge
schlossen war, verliest Gambetta in einem
Luftballon die Stadt, verfiigte sich nach
Tours, wo er das Kriegsminifteriunl iiber
nahm, und waltete seitdem aIS Dictator.
Cr organisirte eine Masienerhebung, stellte
wirklich drei neue starke Armeen in das
Feld, um PariS zu entsetzen, proklamirte
den Krieg bis auf'S Aeuherste fla guen-e n
outrance) und verbreitete wahrhaft colos
sal liigenhafte Siegesberichte. Das Un
gliick des Baterlandes benutzte er, um sich zu
bereichern und tausendmal haben ihm die
osientlichen Blattervorgeworfen, dast er don
Millionen bei Seile geschoben. Uebrigentz
konnte er nie Rechnung liber die gemachten
AuSgaben ablegen und erst im letzten Jahre
entledigte ihn die Kammern dieser Pflicht.
AIS fpater Tours von den Deutschen be
droht wurde, ging Gambetta nach Bor
deaur. Nachdem Paris capitulirt hatte u.
von der Regierung der Nationalvertheidi
gung die Wahlen fiir eine Gesehgebende
Versammlung ausgeschrieben waren, erliest
er von Bordeaur aus eine Proklamation,
in welcher alle Mitglieder der friiheren
Herrscherfamilic, alle friiheren Beamten
des Kaiserreich'», alle Persone», welche je
mals unter dem Kaiserreich als sog. offis
zielle Candidaten fiir den Gesetzgebendcn
Korper aufgetreten waren, des «Vtiven so-
Luxemburger Gazette.
wohl als des passivcn WahlrechtS fur' ver
lustig erklart wurden. Die Regierung von
Paris erklarte diese Proklamation und die
durch dieselbe ausgesprochenen WahlrechtS
entzichungen fiir null und nichtig.
Gambetta entfernte sich nun fiir cinige
Zeit nach Spanien, erklarte sich aber nicht
gegen die Communarden-Revolution in Pa
ris, nnd trat fpater wieder dic Fuhrung der
radikal-republikanischen Linken in der Na
tionalversammlung an. 1872 unternahm
er Aaitationsreisen in die Proviin, don
nerte wie einst Danton gegen Monarchisten,
Aristokraten und Priester, hielt jedoch seit
lanuar 1876 etwas an sich, um nicht mit
ThierS, dem Prasidenten der franzosischen
Republik, der ihn den rasenden Narren,
skou furieux) betitelte, zu brechen, der die
..conservative" Republik zu griinden ver
suchte, die Gambetta als die Briicke zu der
radikalen, wie sich als Nachfolger von
ThierS belrachlete, westhalb er damalS den
Namen ..republikanifcher Pratendenl"
fDaupbin de )a Rcpublique) erhielt. Scit
1875 fand cr es opporlun, fiir den gemastig
ten Fortschritt zu plaidiren, und cs gelang
ihm, das Centrum der Abgeordnetenkam
mer mit der Linken zu verbinden und da
durch eine rcpublikanifche Mehrheit herzu
stellen, die ihn fpater nach.Grevy's Antritt
der Prasidentschaft, zum Vorsitzenden der
Deputirten-Kammer machte. Des Listen
scrutiniums wegen trat er ab, wirthschaftete
sich innerhalb scchs Wochen als Ministcr
prasident zu Tode, indem er um seinem
Glanze keiiun Ciutrag zu thun, sich meist
mit unfahigen Mannern umgab. Jmmer
noch auf die Prasidentschaft der Republik
speculirend, arbeitete er mit allen Schli
chen des Demagogen auf sein Ziel loS.
Gambetta war ein grimmiger Feind der
Kirche. Der franzosische Culturkamps, die
Klostersturmerei, die Austreibung der Or
den, die gehassigen Schulgesehe, sind haupt
sachlich sein Werk. Von der Frcimauer
logc zu dem gemacht, was er war. war er
ein thatiges, ruhriges'Mitglied. Wir wol
len seine guten Seiten gern anerkennen,
seine unbeugsame Cnergie, sein rastloses
Streben, seine Beredtsamkeit verdicnen al
leS Lob. Aber dic Schatten seines Cha
racters sind dunkel. Cs war etwaS Darno
nisches in dieser Natur, das sich in bren
nendem Chrgeiz, in unbandigem Hasie ge
gen alles Gottliche kundgao. Doch eine
groste Dosis Windbcutelei und Grostspre
cherei fchlte auch nicht. Cr war die Per
sonisizirung deS Rachegedankens, und in so
fern ist sein Tod ein wahres Gluck fiir
Frankreich. Die Folgen seines AbftcrbcnS
auf dic Parteiverhaltniffe in dem schonen
Lande sind bis jeht nicht bercchenbar.
«irchliche Zustande in Portugal.
Ueber die kirchtichen Zustande in Portu
gal brachte dic London „Times" kurzlich
Folgendes:
„Die Beziehung zwischen dem Vatican
und der portugiesischen Regierung sind kri
tischer Natur. Seit betrachtlicher Zeit ist
eine Anzahl BischofSsihe vacant gewesen,
da der Nuntius sich weigerte, die von der
Regierung Crnannten zu acccptiren, welche
sammtlich auSgesprochen libcralen Tenden
zen huldigen. diesen Sihen gehort
auch daS Patnarchat von Lissabon. Der
gegenwartigc Patriarch, Cardinal Cordoso,
wunscht wegen seines Alters und seines
Siechthums zu resigniren, aber es war un
moglich, zu irgenb einer Cntscheidung we
gen seines Nachfolger» zu gelangcn. Seine
Resiguation wurde aufaehalten und daS
Patnarchat wurde durch den GeneralVicar,
der selber erzbischoftiche Wurde Hat, admi
nistrirt. Der jehige Nuntius, Monsignore
Masella, folgte 1870 dem verstorbenen
Cardinal : iti und Hat seitdem stets
vergeberis versucht die Schwierigkeit zu He
ben. Da keiner von beiden Seiten nachge
ben wolte, blicben die Sihe vacant. Tie
Regierung Hat jeht Bisthumer unterdnickt
und geht mit dem Gedanken um, dem "Nun
tius seinen Past zu geben, wenn er fortfah
ren sollte, die von der ?Itegierung fur die
iibrigen Diocesen prasentirten Candidaten
nicht anzuerkennen. Als vor einigen Ta
gen Se. Crzcellenz (der Nuntius) zum lu
stizminister gebeten war, empfing ihn der
Drener sihend und rauchend. Der Posten
an der Thur benannte ihn mit einem der
unschmackhaften Namen, welche in Lissabon
so oft von rohen Gesellen auf die Priester
angewendet werden. Dies wird eine Ah
nung von der Behandlung geben, welche
man dem Nuntius angedeihcn lastl. Man
spricht davon, dast seitnes des diplomatischen
Corps dagegen Protest eingelegt werden
soll. Das wahrscheinliche Resultat der gan
zen Asiaire wird wohl die Unterdrirckung der
Hierarchie in Portugal und die Herstellung
apostolischer Vicariate sein, indem Pcrtugal
fur ein „Missionsland" erklart wird. f?)
Dies wurde ernstlich vou der grohen Masse
deS VolkeS empfunden werden, da die por
tugiesischen Bischofe sich grohcr kirchlicher
Privilegien erfreuen. Der Patriarch von
Lissabon Hat deren inehr, aIS irgend ein
anderer, auSgenommen der Papst, und die
Crzbischofe von Braga haben stets den Pri
mat nicht blos über Portugal allein, sondern
von der ganzen Halbinsel in Anspruch ge
nommen. Die Nuntien am Lisiaboner
Hofe sind stetS die „Protectoren" drcier
Institute gewesen, welche englischen Unter
thanen gehoren, nLmlich eines Collegiums
zur Ausbildung katholischer Priester fur
Cngland, ivelches über 50 Alumnen zahlt,
und zweier der irischen Provinz des Doini
nicanerordens gchorender Kloster, eines fur
Monche u. eines fiirNonne». Diese irischen
Dominicanerinnen haben die Crziehung der
Tochter der „Clite Portugals." So der
wahrscheinlich protestantische Conespondent
des englischen Blattes. Wir haben schon
fruher ahnlich klingende Meldungen gefun
dcn und es ilt ebenso wenig Grund vorhan
den, den Bericht der„TimeS" anzuzweifeln,
als demselben wegen der bekannten Frei
mauerivirthschaft in Portugal einen Com
mentar zu geben.
Locialivmus und Christenthum.
Abgefallen vom Christenthum und das
Lichl der Offendarung freiwillig cntbehrend,
vermag der SocialismuS die Welt und ihre
gesellschaftlichen Verhiiltnisse unmoglich zu
begreifen; sie sind ihm eben so viele un
dmchdringliche Geheimnisse. Die Idee
eincr abzubuhenden Schuld und die Hoff
nung auf eine einstige Vergeltung, Gedan
ken, wie daS Christenthum dem Kinde sie
klarlcgt und wodurch eS dic ersten Forschun
gen des ManneS befriedigt,—der unglau
bige Socialist will sie nicht anerkennen und
belacht und vcrachtct sie; sieht sich aber
eben desthalb vor eine Menge ungeloster
Rathfel hingestellt.
Von Zeit zu Zeit sucht nun der Socia
lismuS diese Rathsel selbst zu losen, bald
mehr theoretisch, bald furchtbar praktisch
mit Dynamit und Petroleum, durch Allf
stande und Revolutionen, oder wenigstens
durch Strahenkrawalle, wie jiingst in
Montceau und Wien, iinmer aber zersto
rend und niederreihend, mit wustem Sie
gesgcschrei beginnend, mit klaglicher Rie
derlage endend und nichtS als Triimmer zu
rucklasiend. In seiner Idee ein Gebaude
ohne Fundament, ist der SocialismuS in
semen sporadischen, gewaltthatigen Crschei
nuilgen ein reistendcr Strom, der Alles
überfluthet und verwustet. Wie dic ele
mentare Gewatt im unalucklichcn Tirol
weite Landstrecken verwustete, so tritt die
damonische G e w a l t d e s S o c i'a
l is m u s ganze Stadte, ganze Bolker nie
der; verhcerend wie Wafsersiuthen und
Waldbrande tritt er auf. „Das Schrcck
lichste der Schrecken, das ist der Mensch in
seinem Wahn." Mit bluthrother fackel
beleuchtete der SocialismuS in Frankreich
daS Cude des vorigen lahrhundsrts, wo
unter der Devise non „Freiheit und Gleich
heit" alles Beftehendc zusammenbrach, und
ein neueS Zeitalter der unerhortesten Bar
barei und des zugelloseften Lebens gekom
men zu sein schien. Die Nachwehen der
grohen franzosischen Revolution machen sich
bis zur Stunde noch bemcrkbar, selbst
wenn wir gar nicht an die luli-Revolution,
an daS Jahr 1848 und den letzten Pariser
Conlmune-Aufstand denken wollen. CS
tritt aber noch ein Umstand hinzu, den man
nicht übersehen sollte; die socialistischen
Bestrebungen der Gegenwart gehcn mehr
oder weniger aus einer s y st e m a t i s ch e n
Organisation hewor, die, was Auf
wand an Zeit und Kraften, was Geldmit
tel und ParteidiSciplin anbelangt, einer
bessern Sache wiirdig ware. Cs moge hier
genugen, die Hauptvertreter der socialisti
schen Systeme kurz namhaft zu machen: eS
sind dieS in Frankreich Saint Simon
ff 1825 zu Paris) und Fourier (f 1867);
in Cngland Robert Oven (t 1848) und in
Deutschland Ferd. Lassalle, der in einem
Tuell bei Genf siel sG"0). Die Ideen
des Lehtern sind ziemlich allgemein bekannt,
und die beiden Crsteren durften weniger un
ser Interesse beanspruchen. Robert Oven
dagegen ist ein Socialist, der mit grohem
Crfolge seine Plane velfolgte. Geboren
1771 zuNewton, übernahm er 1801 die
Leitung einer grohen Baumwollspinnerei zu
Rewlanark in Scholtland, trat bald darauf
mit seinen socialistischen Ideen hervor,
wandte sich, in Schottland verfolgt, 1826
nach Nordamerika, kaufte in Indiania eine
Colonie zur Crrichtung einer kommunisti
schen Gemeinde, dic aber bald in sich zer
siel, kehrte dann 1827 nach Cngland zunick
und mirkte hier literarisch fur sein System,
zugleich mit der Gnlndung und Organisi
rnng von Arbeitervereinen beschaftigt. Was
die Theorien dieses sociale» Reformator»
betrifft, so ist er wohl der radikalst e
unter allen. Nach ihm ist der Mensch nichls
als eine organisirte Materie, das Dasein
eines Geistes, menschliche Freiheit im christ
lichen Sinne und moralische Verantwort
lichkeit wird von ihm geleugnet. Das ei
gentliche Gluck besteht nach Ove» „als
Frucht der Crziehung und Gefnndheit in
dem Wunsche, das Wohl der Mitmenschen
zu vennehren und durch Associati n g.eich
-fuhlenber Wesen zur Berwirklichung dieseS
Zwecke» beizutragen: Um dieses liel zu er
reichen, solle» alle gesellschaftlichen Unter
schiede, die Reichthum, Stand und Rang
hervorbringen, veuvischt werden. Die das
nicht wollen, sind in den Aug.n Svens
Feinde der menschlichen Gesellschaft. Dast
Oven aber nicht überall solche inde",
sondern sehr viele Freunde nnd Anhanger
Hat, das beweist uns das offene und ge
heime Wirken der Internationale.
Von London fKarl Marr) aus' gehen ihre
faden über alle europaischen Lander, so
wohl nach Rustland zu den Nihilisten, die
ihre Ordres via Genf erhalten, als nach
zu den Communisten, nach Ita
lien zu den „Unversohnlichen", nach Deutsch
land zu den Socialdemokraten, und sogar
in Desterreich scheinen die Agitatoren der
Internationalen Boden zu fassen, wie die
jungsten Borkommnisse in Wien und Lem
berg beweisen. Ist'S Zufall oder nicht, —
fast allenthalben finden wir Juden an der
Dpihe der socialistischen Bewegung. Vom
Christenthum ist bei all' diesen Leuten keine
Rede; das beweisen die verschiedenen inter
nationalen Arbeitercongresie, welche zu
Lausanne, Brussel, Basel, Antwer
pen re. gehalten wurden, die gottlosen Ti
raden der Rothen in Paris, Lyon und Mar
seille und die Gotteslasterungen, welche die
russische» Nihilisten unter dem Galgen noch
ausstiesten. Der totale Umsturz aller be
stehenden Berhaltnisie ist das Ziel der In
ternationale, und dah ganz Europa vou
dieser Seite eine unberecheubare grohe Ge
fahr droht, ist klar. Aufhebung jeder Re
gierung, des Crbrechtes, der Religion, der
stehenden Heere und des KapitalbesitzeS,
das will der SocialismuS in seiner Conse
quenz. „Wir appelliren an die Massen,"
schrieb am 27. Marz 1870 ein socialdcmo
kratischeS Blatt, „und sind überzeugt, dast
sie allein das Geheimnih ihres Berufes ha
ben, dah sie allein das Losungswort der
Zukunft geben. Recht der Arbeiter ist un
ser Princip, Organisation der Arbeit unser
Agikationsmittel, sociale Reoolu
tion unser Zweck." Bebel nannte die
Flammen Kommune „die Mor
genrothe einer bessern Zukunft," die Flege
leien und Riedertrachtigkeiteil eine» loh.
Bkost und Hasselmann aber will er nicht
iviederholen. Wo sind nun die Berbunde
ten der Socialdemokratie zu suchen? Sind
es die Bertreter, die Anhiinyer und Beken
ner des Christenthum», die man so gern
unter dent Namen der „schwarzen Interna
tionale" mit der rothen auf eine Linie stellt,
oder ist es der glaubeuslose, indisferente
Liberal i S m u s?
Wo keine lebendige, religiose
gung, da ist zunachst Verrath an der eige-
nen Person, aber anch nicht minder an der
menschlichen Gesellschaft. DaS Chri
st e n t h u m allein ist ein Damm gegen
den SocialiSmuS der Gegenwart; in ihm
ist Schuh deS CigenthumS, Anerkennung
des RechtS, Hochhaltung der Autoritat; in
ihm allxin ist Heil fur den Cinzelnen, fur
die Familien, fur die Staaten! fC. Ztg.)
Lollen und miisien abgemurkst
werden.
Johann Bkost, so crzahlt dic „JllinoiS
StaatSzeitung" in ihrer FreitagSauSgabe,
Johann Most hielt gestern Abend eine Rede
in der Aurora Turnhalle vor einer grohen
ZuhSrerzahl, welche eine vermchrte und ver
besserte Auflage der am Dienstag Abend in
der BorwartS Turnhalle gehaltenen war.
Cr befunvortete darin die Aufhebung aller
Gesehe, welche dic Thatigkeit der Cinzelnen
hemmten, die Hinrichtung aller hoheren
Beamten, Geistlichcn und Richter, Confis
catio» aller Zeitungen, sammt Lettern,
Presien und Zubchor, soweit dieselben nicht
die Revolution predigten, und ahnliche
LiebenSwurdigkeiten. Cr theilte seincn lu
horern mit, sie hntten lange genug unter
dem loche von Tyrannen gescufzt und cs
sei jeyt ihre Psticht somohk, wie ihr Bergnu
gen, besagte Tyrannen vennittelst Dolch
messer und siseuerbrand von ihrem Throne
zu vertreiben. Mord sei unter den herr
schenden Umstanden überhaupt kein Berbre
cken, und es sei nur zu bedauern, dah der
Mord noch nicht mehr in Mode gekommen
sei. Priester, Beamte, Advokatcn, Redak
teure und audere Leute, lvelche vom Schwei
he der Arbeiter lebten, sollten abgemurkst
werden, wie Schlachtochsen. Cs sei eine
Echmach, dah die Sozialisten nicht schon
langst dies eingesehen und Hand an's Werk
gelegt hatten. Nachdem die Bersammlung
durch die blutdurstigen Bemerkungen des
gahrenden Most zur Geniige unterhalten
war, wurde ihr Cnthusiasmus durch Ver
anstaltung einer Collekte zur „Bestreitung
der Kosten" bedeutend abgekuhlt, trohdem
es hieh, dast ein etwaiger Uebcrschust zur
Forderung der Sache der Revolution ver
wcndet werden solle.
«eine Passionsipiele in New
«ork.
Der Mayor von 9iew Pork Hat dem
Theaterunternehmer Morse die Licenz fur
seine neue Halle, in welcher die Passions
spielc aufgefuhrt werden sollten, venveigert.
Cs ware aber auch ein Schimpf und eine
Schande gewesen, einer Schauspielerbande
von Unglaubigen und Religionsspottern zu
gestattcn, dic Leidensgeschichte des Welterlo
serS auf'S Theater zu zerren und zu einer
Komodie herabzuivurdigen. lieet
.Jovi non licet bovi" sagt ein a Ites Sprich
wort. Was dem lupiter erlaubt ist, das
ist nicht jcdem Ochsen erlaubt. Wenn es
den frommen Leuten im Ober-Anunergau
erlaubt ist, PassionSspiele aufzufuhren, um
ein Gelubde zu erfullen, so darf es dcshalb
noch lange keiner Bande von professionellcn
Theaterspielern gestattet werden, „Pas
sionsspiele" zum Geldmachen aufzufuhren.
sGlaubensbote.)
Wie uran in Nutzland Vekehrnn
gen macht.
Cin auS den Diensten cincs russische»
Grostfurften ausgetretener angesehener Hut
tenbeamter verburgt sich fur die Wahrheit
folgender Geschichte, „wie man russische
Bekehrungen macht". Borausgeschickt sei,
dast sich sammtliche Mitglieder der russische»
Kaiserfamilie durch groste Leutseligkeit ihren
Untergebenen gegenuber auyzeichncn, und
dast im russischen StaatSgebrauch „Russisch"
so viel bezeichnet, als die russisch-schismati
sche Ztirche.
Cin Mitglied des niederen polnischen
Adels in den ostlichen Provinzen f„ostlich"
namlich vom Konigreich Polen aus gerech
net im Gouvernement Minsk) NamenS
Michael, war aus der Stellung entlasien
worden, die er auf den Gutern des Grostfur
sten N. bekleidet halte, der in jener Ge
gcnd cin grostes Berg- und Huttenwerk Hat.
Bor wenigen Monaten begegnete er in den
Strahen Moskau's dem Adjutanten des
Grohfursten. dtachdenr der Adjutant die
traurige Lage deS Ntichael, deil er von fru
her her kannte, und seiner familie erfah
ren, ve.spricht er, ihm durch ein Cmpfeh
lungSschreiben an den General-Bevollmach
tigten des Grohfursten auf dessen Gutcrn
einen der soeben frei gewordencn Posteu zu
verschaffen. Michael reist überglucklich
fort nach St. PeterSburg und überreicht
dem Bevollmachtigten das Cmpfehlungs
schreibcn des Adjutanten. Der Beamte
erklarte jedoch, sein Gesuch noch nicht sofort
bescheioen zu konuen, fordert ihn aber auf,
mit chrn zum Grohfursten zu kommen. Sie
treffen diesen im Begriff, auszugehen. Und
nun, gleichsan zwischen Thur und Angel,
entspinnt sich zwischen dem Grohfursten,
dem ein vorzugliches Gedachtnih zu Gebote
steht, und dem Bittsteller, der nochmals
sein Gesuch vortragt, folgendes Gesprach:
Grostfurst: „AH, siehe da, Michael, ich
ware zwar nicht abgeneigt, Dich ich meine
Dienste zu nehnen, allein es besteht ein Hin
dernih.
Michael: WaS kSnnte das sein, kaiser
liche Hoheit ‘{
Grostfurst: Du bist katholisch!
Michael: la, kaiserliche Hoheit.
Grohfflrst: Nun, siehst 'Du, oie dorti
gen ostlichen Provinzen miissen alle russisch
werden. Weiht Du, Du kannst es auch
werden. Du Glaubst au denselben Gott,
nicht wahr?
Michael: la, kaiserliche Hoheit.
Grohfurst: Nun also! Und eS ist ja
ganz gleich, ob Du das Kreuz so smacht
das latcinische Kreuzzeichen) oder so (schlagt
das griechische Kreuz) machst! Nicht wahr'^
Der schou halb betaubte Michael bejaht.
Grostfurst: Nun, also weiht D», da
kannst Du gleich getauft werden. Meine
Gemahlin soll dir Pathin sein. Auch ich
stehe Dir zu Pathen, will mich aber hier
durch meinen Bevollmachtigteu, Deinen
kuilftigen Borgesehten, dabei vertreten las
sen, damit er Dich gleich kennt und nicht
etwa in Zukunft so shalt die auSgespreizten
lUnger vor die Augen) ansieht fd. h. scheel
ansieht). Ich schicke noch zum Herrn
f
Grostfurften D., der wird Dir auch Pathe
sein.
Der Neuzubekehrende wird nun nicht
mehr aus dem Garne gelasse»; in einer
halben Stunde sind der Hauspope fgriechi
scher Geistliche) und die hohen Pathen um
den zitternden Michael versammelt und die
Ceremonie der Wiedertaufe sindet kurzer
Hand in der Hauskapclle statt. Bei der
Ceremonie crhalt der arme eine grohc bren
nendc Kerze in die Haud, die ihm erklarli
cher Weise heftig zittert, so dast die srau
Grohfurstin noch zugreift und ihm den Arm
halt. Nach der Taufe, die ihm die ge
wunschte Dtellung gesichert Hat, wird der
neue „Nusse" zum Thee bei den hohen Herr
fchaften geladen und bei demselben fragt die
hohe Pathin ihr „Pakhchen": Aber sage,
warum Hat denn dein Arm bei der Ceremo
nie so gezittert? Michael antwortete demu
thigst: Nun, es ist doch eben keinc Kleinig
keit, wenn man den alten dem man
achtundvierzig Jahre gedient har, abschwo
ren muh.
la, ja, ich glaube es schon, antwortete
huldvoll die Frau Grohfurstin. Und die
dic Geschichte ist abgethan, hier wenigstcnS
ohne die mit der der russische
Glauben in den sog. ostlichen Provinzen
eingefuhrt wird. Do gibt es in densel
ben eine weite Eegend, in der noch vor
zwei bis drei lahren nur eine einzige russi
sche, dagegen sehr vielc katholische Kirchen
zu finden waren.s^Heute sind sie sammtlich
russisizirt. DieS pflcgt auf folgende Weise
zu geschehen: Die katholische Gemeinde ist
in ihrer Kirche versammelt. Da tritt in
ihre Mitte, wahrend Kosacken drauhen be
reitstehen, der russische Pope und verliest
eine Schrift, in welcher an die Gemeinde
der Befchl ertheilt Dwird, sofort russisch zu
werden. Der Aeltcste der Gemeinde wird
mit Namen aufgerufen, und muh nun im
Namen der ganzen Gemeinde die Cchrist
unterzeichnen, und damit gilt Kirche und
Gemeinde fur russisch. Schon am andcrn
Tage beginnt man, die Kirche nach den Bor
schriften des i-ussischen Cultus und Bau
styls umzubauen und wer etwa Widerstand
leistct, fallt in die rohen Hande der Kosak
ken.
Sin entstehendes Land-Pro-
letariat.
Dasi das moderne Mafchinenwcsen
schliestlich der Masse der Menschheit zu Gute
kommen wird, lastt sich hoffen; aber dast eS
vorlaufig eine Tendenz zeigt, die Kluft
zwischen Kapital und Arbeit znm grohen
Nachtheil der lehtern zu erweitern, steht lci
der scst. Aus dem Felde der Industrie ist
dies von anerkannten Autoritaten der "Na
tionalokonomie vielfach konstatirt worden.
Allein der Cinwirkung des moderne» Bia
schinenwcsens auf die Agrikulturverhaltnifse
ist weniger Aufmerksamkeit geschenkt wor
den.
Sensation erregt daher ein Aufsatz in der
Bkonatsschrift ./Atlantic Monthly" über die
tiese llmgestaltung, der das Ackerbauwesen
in unserm Westen durch dieselbe Ursache mit
raschen Schritten entgegengeht und die auS
unseren freien Bauern so etwas wie irische
und englische Pachter oder egyptische Fel
lahS zu machen droht.
Der Verfasier des Aufsatzes Hat seine
Angaben bei einem Besuch verschiedener der
Riesensarmen deS Westens gesammclt, de
ren rasche Zunahme die als sehr
nabe erscheinen lastt. Wir lassen hier daS
Wlchtigste darauS folgen.
Diese kolossalen Getreideplautagen (denn
kann man sie kaum noch nennen)
nehmcn 10,000 bis 50,000 Acres ein und
werden von New Parker, Bostoner, Phila
delphier und selbst europaischen Ziapitali
sten, die das Land um einen Spoltpreis er
standen haben, ausqebeutet. Der Nutzen,
den sie durch diese erzielen,
ist selbstverstandlich ungeheuer und lastt sich
aus der Angabe des Verfassers ermessen,
dah die 20 bis 22 Bushel Weizen, die l
Acre dort tragt, nicht mehr als $8.60 Her
stellungskosten verursachen, so dast das an
gelegte .Uapital sich mit 20 bis 25 Procent
und vielleicht mehr verzinsen soll.
Die Folgen dieser Grostmirthschast fux
den kleinen Farnier sind klar: er kann nicht
damit concurriren, gerath allmahlich in
Schulden und muh sein Stiickchen l'imb ver
kaufen, das dani» von dem Ungeheuer ver
schlungen wird. Dann wird er nothge
drungen besihloser Ackerknecht aus diesen
selben Monstrefarmen, wo er froh ist, das
Jahr hindurch 60 bis 70 Cents Tagelohn
ru verdieneu, vorausgeseht, dast er überhaupt
das Jahr hindurch Beschaftigung findet,
welches OUiuf nur einer sehr beschrankten
Zahl zu Theil werden soll.
Die so sich vollziehende „Versklavung"
unsereS Ackerbau's ist noch weit gefahrlicher,
ais die d r Industrie. Dean unsere Laud
beoolkerung, bisher durch ihrc selbststandige
Cristenz ein Haupthort unserer Freiheit, ist
zum mindesten doppelt so stark, als die iu
den Manufacturen und Minen beschastigte
und bereits in grShere Abhangigkeit gerar
thene.
Jmmer urehr drangt sich die Frage in den
Vordergrnnd, ob und wie das amerikanische
Volk der aus allen Gebieten seines wirth
schaftlichen LebenS sich vollziehendeu, ino
nopolistischen AuSbeutung seiner naturlichen
Reichthumer, seiner grohen Fahigkeiten und
daher hernihrenden Crsindungen steuern
kann. Die s e Frage ist nicht nur fur seine
materielle, sondern anch fur seine geistige
Zukunft unendlich wichtiger, als die „polt
tischen" Klopftechtereien, womit es voa sei
nen StaatsmLnnern und Zeitungen tagtag
lich gefuttert wird. (Buffalo Dem.)
Original-Correspondenz auS Eqypten.
Alerandrien am 5. Dez. 1882.
Herr Gonner! Cgypten fangt wieder
an seinen Handel und Wandel zu treiben
wie fruher, obschon eS traurig aussieht mit
den Trtimmern, da gerade der schonste Theil
der Stadt in einen Schutthaufen venvan
belt ward und manche europaische familie,
deren Hab und Gut gestohlen oder ver
brannt wurde, giinzlich ruinirt ist. sei
Dank, unsere Anstalt, das Collegium der
h. Catharina, das durch die christlichen
Schulbriider geleitet wird, Hat uur einen
Schadeu von 6000 bis 4000 FrS. erlitteu.
Alles ist bereits hergestellt, und die Lehran
stalt bliiht wie vorher. In den 12 Classe»
unseres Pensionates sind heute gegen 400
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