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Luxemburger gazette. [volume] (Dubuque, Iowa) 1871-1918, October 23, 1894, Image 3

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1
mit Nadeln an denselben befestigt.
Dieselben trugen lateinische Namen,
welche Ruperts Liebhaberei für Natur—
geschichte' betundeten. Auch ein kleiner
hübscher Kasten mit Mineralien stand
da. Außerdem befanden sich allerlei
Sachen, als Fischgeräth, Schlittschuhe
u. s. w. in dem Zimmer.
Als die Comtesse eintrat, stand Ru—
pert auf und führte seine Mutter nach
dem Sessel, auf dem er gesessen. Dann
warf er sich ihr zu Füßen und verbarg
sein Gesicht in ihrem Schoß.
„Was ist Dir, mein Sohn?“ fragte
Gabriele ängstlich. „Bist Du krant?“
„Nein, Mutter!“ antwortete er.
„Ich befinde mich ganz wohl. Ich
wollte über mich selbst mit Dir sprechen.
Ich bin jetzt beinahe fünfzehn Jahre
alt. Hast Du schon einen Plan für
meine Zukunst entworfen?“
Ein banger Zug glitt über das Ge—
sicht der Comtesse, als sie mit ihren
schlanken Fingern durch das dichte Haar
ihres Sohnes strich, ohne zu antworten.
Die Stunde, welche sie schon lange
gefürchtet hatte, war gekommen. Ru—
pertks strebsamer Geist war erwacht zum
Ernst des Lebens.
„Soll ich ein Advokat, ein Theologe,
oder ein Arzt werden, Mutter? Oder
soll ich einen anderen Beruf erlernen?“
Stolz erhob Gabriele ihr Haupt.
Das französische Blut der von Chatrois
machte sich geltend.
„Mein Sohn will sich sein Brod ver—
dienen?“ rief sie aus. „Mein Sohn
will arbeiten für Geld? Rupert, wie
kommst Du auf solche Gedanten?“
Der Knabe erhob das Haupt. Seine
Wangen glühten.
„Mutter!“ entgegnete er ernsthaft.
„Weßhalb sellte Dein Sohn sich nicht
sein Brod verdienen können? Ist es
demüthigender für meines Vaters Sohn,
zu arbeiten, als für meines Vaters
Weib?“
„Still Rupert!“ erwiderte die Com—
tesse ihre Augen niederschlagend, wäh—
rend ihre Wangen ebenfalls erglühten.
„Du darfst solche Worte nicht sprechen.
Es ist eine Nothwendigkeit vorhanden,
welche mich eine Zeit lang noch von
Euch fern hält. Ich habe Dir die
Wahrheit gesagt. Ich bin eine Schau—
spielerin! Aber das Theater, in welchem
ich spiele, und der Name den ich dort
trage, darf meinen Kindern für's Erste
nicht bekannt sein. Die Stunde wird
einst kommen, in der Ihr Alles wissen
werdet. Bis dahin habe Geduld, mein
Sohn!“
„O, Muttter!“ rief Rupert aus.
„Und ich möchte doch so gern etwas
Großes werden und eine Universität be
suchen! Ich habe Lebensbeschreibungen
bedeutender sranzösischer Manner gele—
sen. Ich möchte so gern einst, wie ein
großer Mann gesprochen hat, sprechen
tönnen: Das Alles vecdanke ich meiner
Mutter!“
Gabriele zog ihren Sohn fester an
ihr Herz.
„O, ich habe es mir längst gedacht,
Rupert, daß Du den jungen Adlern
gleich bald Deine Schwingen regen
würdest. Ich will die Angelegenheit
mit Deinem Vater besprechen. Was
jedoch Deine Zukunst anbetrifft, so
tann ich Dich schon jetzt darüber beruhi—
gen. Du bist der Erbe Deines Vaters,
und wenn Du am Leben bleibst, so
wirst Du, wenn die Zeit da ist, einen
hohen Titel und einen geachteten, alten
Namen tragen. Du wirst große Reich—
thümer und viele Ländereien besitzen.“
Rupert sah seine Mutter auf's
Höchste verwundert an.
„Diese Mittheilung muß ein völliges
Geheimniß bleiben,“ fuhr Gabriele
fort. „Sprich mit Niemanden, auch
nicht mit Giralda darüber. Du mußt
Vertrauen und Geduld haben, mein
Sohn. Bedenke wohl, daß Dir eine
glänzende Zutunft bevorsteht!“
Sie umarmte den noch immer Ueber—
raschten so zärtlich, wie nur eine glück—
liche Mutter ihr Kind umarmen kann,
sich im Herzen freuend über den erwach—
ten Ehrgeiz in seiner jungen Seele.
Dann verließ sie das Zimmer, Rupert
seinen neuen Aussichten, nenen Hoff
nungen und neuen Träumen überlas—-
send.
Der Graf erwartete Gabriele in sei—
nem Studirzimmer. Er saß auf dem
Sessel bei dem Kamin. Junig schloß
er sie in seine Arme.
„Was wollte Rupert von Dir?“
fragte er nach kurzer Pause.
„Er sehnt sich, seine Flügel zu erpro—
ben, wie es die jungen Adler thun!“
antwortete die Comtesse zwischen Scherz
und Ernst. „Die Stunde, vor welcher
wir uns fürchteten, ist getommen, mein
Gemahl. Rupert wollte wissen, wie
wir über seine Zukunft beschlossen ha—
ben.“
„Ich wünschte, uns wäre diese Frage
noch erspart geblieben,“ versetzte der
Graf. „Wie können wir ihn sortschi
cken, ohne ihm das Geheimniß seiner
wahren Abkunft zu ertlären?“
Bekümmert sentte der Graf das
Haupt.
Gabriele umschlang ihn liebevoll mit
beiden Armen.
„O, gräme Dich nicht darum!“ rief
sie aus. „Die Hand des Höchsten, die
uns bis hierher so sichtbarlich beschützt,
wird uns auch einen Ausweg aus die—
sem Labyrinth zeigen. Laß' diese
Sorge Dich nicht quälen, Geliebter!
Laß' uns hoffen, daß Alles gut werde!“
Er zog sie initig an sich, gab ihr alle
nur erdenkbaren zärtlichen Namen und
segnete sie für ihren Glauben, ihre
Liebe, ihre Hoffnung und ihr Ver—
trauen. Und, ruhend an der treuen
Brust des theuren Gatten, empfand
Gabriele erst voll und ganz, wie süß
das Leben sei, ein Leben von echter,
treuer Liebe geweiht.
In dieser glücklichen Stunde, welche
sie in traumhafte Sicherheit wiegte,
vergaß sie all' ihre Furcht, vergaß sie
Eugen von Lamartin, vergaß sie oie
ganze Welt!
Der Morgen, welcher dem Tage
folgte, an welchem das von uns im
vorigen Kapitel beschriebene, so glück—
liche Zusammensein stattgefunden, zog
dunkel und schwer über die Villa Larose
herauf.
Der Wind rauschte in den Zweigen
der dicht belaubten Bäume des Gartens
und sang seine Trauerweisen und schüt—
telte gleich Thränen den Regen der letz—
ten Nacht von den Aesten nieder.
Mochte aber auch die Natur ihr
Trauerkleid nicht gewechselt haben, die
Freude und das Glück, welches die kleine
Familie, die hier im Verborgenen lebte,
empfand, konnte nicht dadurch geschmä—
lert werden.
Schon in früher Stunde versam—
melten sich Alle im Frühstückszimmer.
Der Graf sah düster aus, wie immer,
doch glitt ein freudiger Schimmer zu—
weilen über seine Stirn. Aus Gabrle—-
lens schönem Antlitze strahlte das Glücl,
als ob sie nie empfnnden, was Sorge
und Gram heißt. Der kleine Alfred
war lauter Fröhlichkeit, bei seiner Mut—
ter sein zu können. Rupert's ernstes,
aber freundliches Gesicht war ein Spie—
gel seines zufriedenen Herzens; hatte
ihm doch die Mutter gesagt, daß sein
Lieblingswunsch, eine hohe Stellung
einnehmen zu dürfen, erfüllt werden
sollte.
Nur ein Gesicht von allen blickte ern—
ster als gewöhnlich darein, nur eine
Stirn war gedanken- und schwermuths—
voll. Giralda, welche immer nur an
das Wohl Anderer dachte und sich selbst
mit ihren Wünschen verläugnete, sie
nahm fast gar keinen Antheil an der
Unterhaltung.
Nach eingenommenem Morgenimbiß
suchte Gabriele das Studirzimmer auf,
um ihrer Tochter die zugesagte Unter—
redung zu gewähren.
In's Gemach eintretend, fand sie
dasselbe leer.
Sich nachlässig auf das Ruhebett mit
dem Tigerfell ausstreckend, erwartete sie
die Ankunft des jungen Mädchens.
Kaum war eine Minute vergangen,
als Giralda eintrat. Sie sah bleich
und überwacht aus und die Gräfin be—
merkte, daß ihre dunkelblauen Augen
schwarz glänzten vor innerer Beweg—
ung.
Auf Gabriele zueilend, unschlang sie
dieselbe mit ihren Armen und barg ihr
Haupt an der Brust der Mutter.
„Giralda! Was ist Dir, mein
Kind?“ fragte Gabriele überrascht.
„Was kann mein kleiner Liebling für
Wünsche hegen?“
„Mutter, bitte, sprich nicht zu mir
in diesem Tone!“ rief Giralda voll
innerer Erregung aus. „Ich bin ktein
Kind mehr!“
Gabriele blickte sie überrascht an und
mußte die Ueberzeugung gewinnen, daß
ihre Tochter die Wahrheit gesprochen
hatte.
„Kein Kind mehr!“ wiederholte Ga—
briele traurig. „Hast Du wirklich
schon diese Grenze überschritten? Dann
hast Du den glücklichsten Theil Deines
Lebens bereits hinter Dir! O, wäre
Dir doch noch jahrelang die kindliche
Sorglosigkeit erhalten geblieben!“
„Mutter, wie kann das sein,“ ver—
setzte das junge Mädchen rasch, .„wenn
ich weiß, daß ich Alles, was mir das
Dasein bietet, Deiner harten Arbeit
verdanke?“
Das Antlitz der Gräfin erglühte; ihre
Lippen zitterten vor Erregung.
„Nacht für Nacht,“ fuhr Giralda
schnellen, leidenschaftlichen Tones fort,
habe ich darüber nachgedacht, wie Du
singen mußt vor all' den fremden Leu—
ten, um uns das Leben angenehm zu
gestalten. Diesen Gedanken, Mutter,
tann ich nicht ertragen!“
Die Röthe auf den Wangen Gabrie—
lens hatte einer Leichenblässe Platz ge—
macht. Thränen entquollen ihren Au—-
gen und benetzten das liebliche Haupt,
das an ihrer Brust ruhte.
„O, mein Kind, mein Kind!“ mnr—
melte sie mit zitternder Stimme.
„Mutter meine Worte schmerzen
Dich,“ sprach das junge Mädchen wei—
ter. „Aber dennoch muß ich Dir Alles
sagen, was mir auf dem Herzen brennt.
Du Liebe, Gute, bis stets bereit, Dich
für uns anfzuopfern. Ich aber kann
nicht länger die Hände in den Schoß
legen. Der Vater hat mich sorgfältig
erzogen. Ich habe Vieles gelesen und
gelernt. Es ist Zeit, daß ich Dir eine
Last abnehme. Du hast immerdar für
uns Alle gesorgt und es kann deßhalb
teine Schmach sein, wenn ich Deinem
Beispiel folge. Mutter, ich will in die
Welt hinaus und in einer Stellung als
Gesellschafterin oder Erzieherin mir
mein Brod selbst verdienen!“
„Du eine Gesellschafterin?“ rief Ga—
briele und ihre Stimme bebte, „Kind,
was weißt Dn von dem Leben mit sei—
nen vielen Demüthigungen Mühselig—
keiten?“
„Ich werde Alles zu tragen wissen,“
entgegnete Giralda fest. „Trägt nicht
meine Mutter ohne Murren die Trenn—
ung von den Ihrigen? Was ich auch zu
tragen haben werde, es tann nicht här—
ter sein als dies. Das Bewußtsein.
Dir eine Stütze sein zu koönnen, wird
mir über alle Prüfungen hinweghel—
fen!“
Sie sprach so bestimmt, daß Gabriele
erkannte, sie würde nicht so leicht ihren
Vorsatz aufgeben. O, sie hatte es er—
wartet! Doch nun, da die Stunde ge—
tommen, traf sie der Schlag mit ver—
nichtender Schwere und ihr Herz quoll
über in Liebe für ihr Kind.
Eine wilde, mächtige Sehnsucht regte
sich in ihr, dem jungen Madchen Alles
zu entdecken, ihr zu enthüllen, daß sie
die Tochter einer Gräfin von Chatrois
und daß das Theater, auf dessen Bühne
ihre Mutter mitwirkte, daß große Thea—-
ter des Lebens, die Weltbühne sei, auf
der sie, ein Stern der eleganten Gesell
schaft, glänzte.
Aber sie ersticlte den Gedanken im
Entleimen.
Sie gedachte der nächtlichen Thränen
die Giralda vergossen hatte, weil sie
ihre Mutter für eine bezahlte Schaun
spielerin hielt; nein, sie konnte nicht
diese reine Seele mit der duntlen Ge—
schichte ihres Lebens, mit der Enthüll—
ung der Wahrheit, befassen. Sie fand
nicht die Kraft in sich, der Tochter Alles
zu sagen wenigstens nicht jetzt.
Später später vielleicht konnte
Giralda immer noch früh genug Alles
erfahren.
Mehrere Male durchschritt sie un—-
ruhig das elegante Gemach.
„Giralda,“ sprach sie endlich zärt
lich, sich wieder neben dem jungen
Mädchen niederlassend, „ich erkenne
Deine Liebe zu mir vollkommen. Du
besitzest ein großmüthiges Herz Gott
segne Dich darum! Aber ich kann Dich
niemals von hier fortlassen. Du darfst
Deines Vaters Haus nicht verlassen.
Nur hier bist Du beschützt vor der Welt.
Es wird die Zeit kommen, in der Deine
glänzendsten Erwartungen sich zur
Wirtklichleit gestalten werden bis da—
hin, mein Kind, harre in Geduld!“
„Ich kann es nicht!“ rief Giralda in
Thränen ausbrechend.
„Du mußt es, mein Liebling! Du
taugst nicht für die kalte, herzlose Welt,
die Du früh genug tennen lernen wirst.
Du mußt hier bleiben, bis doch laß'
uns davon abbrechen für heute. In
der nächsten Woche, wenn ich wieder—
tkomme, werde ich Dir vielleicht etwas
von Wichtigkeit zu sagen haben. Bis
dahin verbanne die Schatten von Dei—
ner Stirn und dente nicht mehr
daran!“
O, wenn doch nur ein- Vorahnung,
oder ihr Schutzengel Gabriele zugeflü—
stert hätte, der Tochter noch in dieser
Stunde Alles zu offenbaren!
Unter wehmüthigen Gefühlen küßte
sie wieder das liebliche Antlitz des jun—
gen Mädchens. Dann suchte sie den
Grafen auf, der im Familienzimmer
ihrer Rücktunft harrte.
Er sah sie fragend an und Gabriele
wiederholte ihm das ganze Gespräch.
Ein tiefer Ernst senkte sich bei ihren
Worten auf ihn herab und sie mußte
ihre ganze Liebenswürdigteit aufbieten,
um die Schwermuth, die sich auf seine
Seele gelegt hatte, wieder zu verscheu—
chen. Durfte doch, außer den treuen
Dienerinnen, welche die langen Jahre
hindurch tiefes Schweigen bewahrt hat—-
ten, Niemand den wahren Sachverhalt
wissen. Giralda und Rupert mußten
in Unkenntniß bleiben, bis der Zeit—
punkt, in dem sie Alles erfahren dürf—
ten, gektommen sein würde.
Eine Stunde noch blieben die Gatten
in traulichem Zwiegespräch zusammen;
den übrigen Theil des Tages verbrach—
ten sie in der Gesellschaft der Kinder,
die in der Gegenwart der Mutter fröh—
lich und glücklich waren.
Nur zu schnell ging für Alle der Tag
dahin. ;
Bald nach Einbruch der Duntktelheit
kam der Moment des Abschieds heran.
Nur von Giralda begleitet, schlüpfte
Gabriele nach dem oberen Zimmer, das
sie bei ihrer Antunft zuerst betreten, um
die Verktleidung wieder anzulegen, die
sie bei ihrem Kommen getragen hatte.
Die kleine Familie harrte ihrer in
der Halle. Nur der Graf war abwe—
send. Gabriele fand ihn im Familien—
zimmer. Unter Thränen und zärtlich—
sten Worten sagten Beide sich Lebewohl;
Die Gräsin mußte sich gewaltsam los—
reißen, ob ihr gleich das Herz blutete
im Weh des Scheidens.
In der Halle nahm sie von Alfred
und Rupert rührenden Abschied. Am
längsten hielt sie Giralda umschlungen,
von der ihr das Fortgehen noch nie so
schwer geworden war, als dieses Mal.
Flüsterte ihr in diesem Moment eine
geheime Ahnung zu, daß es ein Schei—-
den für lange Zeit sein sollte?. ...
Marguerite half ihrer Herrin in den
vor der Thür harrenden Wagen; noch
einmal tauschte sie mit Allen ein Lebe—
wohl aus, noch einmal reichte sie Allen
die Hand zum Abschied; dann wurde
die Wagenthür geschlossen, das Gefährt
setzte sich in Bewegung und rollte sich in
den duntlen Abend hinaus.
„Ade! Ade nun wieder Leben voll
Liebe und Glück!“ murmelte Gabriele
vor sich hin, sich in den Kissen des Wa—
gens zurücllehnend und in einen Strom
von Thränen ausbrechend. „Ade, für
eine lange, schwere Woche, was mein
Dasein mit leichtem Glanze erhellt!
Die talte, herzlose Comtesse Gabriele
kennt Nichts von der Seligteit, die die—
ses Herz für flüchtige Stunden beglüt—
ten durfte.“
Giralda blieb unter dem Portal ste—
sten, bis das letzte Geräusch der Wagen—
räder verhallt war, dann flüsterte sie:
„Es wird lange Zeit vergehen, ehe
ich die Mutter wiedersehe. Wenn sie
nächste Woche wiederktommt, werde ich
nicht mehr hier sein, sondern weit
weit von hier!“
Und mit einem Blicke trauriger, aber
heiliger Entschlossenheit trat sie in das
Haus zurück.
Es war noch nicht spät am Abend,
als Comtesse Gabriele in ihrer einfachen
Verkleidung langsam dem glänzenden
Palais ihres Vaters zuschritt. Die
Straße war nur matt erhellt von den
im Winde hin-- und herflackernden Gas—
flammen. Nur verhältnißmäßig we—
nige Passanten befanden sich unterwegs
in diesem eleganten Stadttheil. Nie—
mand gab Acht auf sie.
Aber plötzlich stutzte Gabriele.
Gegen einen Laternenpfahl gelehnt
stand ein Mann, anscheinend die An—
tunft von Jemandem erwartend.
Dieser Mann war Jean Frossard,
der Polizeispion.
Gabriele schritt unerschrocken dicht an
ihm vorüber. Er veränderte seine
Stellung nicht. Sicher vermuthete er
in dieser alten, nur mit Mühe ihres
Weges schreitenden Dame nicht die
schöne, stolae Comtesje von Chatrois.
Tuxemburger Gazette.
Gabriele athmete erleichtert auf. Ihr
Verdacht, der sie bei'm Anblick dieses
Mannes ergriffen, war gewiß ein unbe—
gründeter gewesen.
Sie tlopfte gegen die Seitenpforte,
durch welche sie am Abend vorher das
Haus verlassen hatte. Sogleich wurde
dieselbe geöffnet. Jeannette hatte ihre
Antkunft erwartet.
„Komme herein, liebe Tante,“ sagte
die Dienerin laut, ihr den Arm zur
Stütze gebend. „Komme in mein
Zimmer und wärme Dich!“
Beide erreichten Jeannette Souchel's
Zimmer, ohne daß ihnen Jemand be—
gegnete.
Schnell war die Verkleidung abge--
legt, und in ihr Ankleidezimmer tre
tend, sank Gabriele am Kamin, in dem
ein helles Feuer prasselte, erschöpft auf
einen Sessel nieder.
„Ich verließ Alle im besten Wohlbe—
finden in der Villa Larose,“ sagte sie
seufzend. „Marguerite sendet Dir
herzliche Grüße. Du wirst sie am
Sonntag besuchen. Was gibt es hier
Neues? Ist mein Vater wohl?“
„Ja, gnädige Comtesse,“ versetzte
Jeannette. „Der Herr Graf befindet
sich wohl. Aber hier ist Etwas vor—
gefallen.“
Zögernd kamen die Worte über ihre
Lippen. Gabriele sprang auf und sah
ihre Vertraute bestürzt an.
„Etwas vorgefallen? Was ist es?“
stieß sie hervor. „Sprich, Jeannette!“
„Gestern Abend,“ versetzte die Die
nerin, besorgt ihre Herrin noch mehr
zu erschrecken, „brach hier im Gemach
Feuer aus, indem ein Sammettleid,
das auf dem Sessel dem Kamin zu nahe
lag, in Brand gerieth. Aus dem Zim—
mer drang Rauch auf den Corridor.
Die Dienerschaft allarmirte den gnädi—-
gen Herrn und derselbe eilte nebst Graf
Lamartin, der noch zu Gaste im Palais
war, hierher. Beide erbrachen die
Thür —“
„Und entdeckten meine Abwesen—-
heit?“
Gabrielens Antlitz war todtenbleich
und ihre Augen leuchteten wie zwei
feurige Sterne daraus herbor.
„Ja, der gnädige Herr entdeckte, daß
Sie nicht in Ihrem Zimmer seien.
Aber er entschuldigte Sie bei dem Gra—
fen Lamartin, so daß derselbe keinen
Verdacht von dem wirtlichen Sachver—-
halt geschöpft haben tann. Diesen
Morgen tkam er selbst herauf und
brachte eigenhändig das gestern Abend
in Unbrauchbarkeit versetzte Thürschloß
wieder in Stand.“
„Welch' ein unglückseliges Ereig—
niß!“ rief die Comtesse aus, in größter
Aufregung im Gemach auf- und ab—
schreitend. „Graf Lamartin ist mein
Feind, ungeachtet seiner erheuchelten
Liebe für mich. Daß gerade ihm unter
allen Menschen der Schlüssel zu meinem
Geheimniß in die Hände fallen mußte!
Mir ist es, als drohte mir eine Gefahr
mir und Jenen, die mir theurer
sind, als mein Leben.
Verzweiflungsvoll rang sie die Hände
und durchwanderte auf's Neue in hefti—
ger Bewegung das Gemuach.
„Gnädige Comtesse,“ begann Jean—
nette nach einer Pause, „ich machte
gestern Abend noch eine Entdeckung, die
mir seltsam erscheint. Es war um
Mitternacht, als ich Ihre Juwelen weg—
geräumt hatte und, an das Fenster
Ihres Boudoirs tretend, auf die Straße
hinaussah, da plötzlich fesselte meinen
Blick die Gestalt eines Mannes, der,
gegen einen Laternenpfahl gelehnt, da—
stand und auf Jemanden zu warten
schien. Ich beobachtete ihn jedoch stun—-
denlang und sah ihn endlich allein sich
entfernen, ohne Jemanden getroffen zu
haben.“
Gabriele sah ihre Dienerin überrascht
an.
„Wie sah der Mann aus?“ fragte
sie hastig.
Jeannette machte eine sehr genaue
Beschreibung, und auf der Stelle war
Gabriele davon überzeugt, daß es der
selbde Mann gewesen war, den sie bei
ihrer Antunft vor dem Palais erblickt
hatte.
„Es ist ein Spion Graf Lamartin's,
kein Zweifel!“ rief sie aus. „Er hat
mich kommen sehen! Jeannette, wir
müssen ihn täuschen, daß er glaubt, ich
habe das Palais wieder verlassen. Hilf
mir schnell bei meiner Toilette für den
Salon und daun verlasse Du in meiner
Verkleidung durch die Seitenthür das
Haus und kehre nach einer halben
Stunde in Deiner eigenen Kleidung zu—
rück. Jeder Verdacht ist damit abge—
ichnit.ren und der Spion wird ge—
täuscht!“
Jeannette folgte willig den Worten
Gabrielens. Mit großer Geschicklich
teit half sie ihr bei der Toilette. Strah—
lend, wie am Abend vorher, stand Ga—
briele bereits nach Verlauf einer halben
Stunde in der Mitte ihres Gemaches,
dessen hohe, venetianische Spiegel ihre
majestätisch schöne Erscheinung zurück—
strahlten.
Mit der Haltung einer Königin
schritt sie dann den Corridor entlang
und die Stiege hinab. Keiner konnte
vermuthen, welche schweren Sorgen
hinter dieser lilienweißen Stirn wohn—
ten.
In der Vorhalle hemmte sie plötzlich
mit hochtlopfendem Herzen den Schritt.
Aber nur einen Moment dauerte dieses
Schwantken; dann theilte sie rasch ent—
schlossen die Portiere und Gabriele
stand ihrem Vater gegenüber!
Starr vor Ueberraschung bei'm An—
blick Gabrielens, verharrte der Graf
minutenlang regungslos in seiner Stel
lung.
Wie sie ihm so gegenüberstand, stolz
und unnahbar, wie die herrliche Ver—
törperung einer idealen Kleopatra, er—
schien es undentbar, daß diese unbe—
weglichen Lippen jemals ein sonnig
mildes Lächeln umspielt, daß diese ktalt
blickenden Augen je im Ausdruck von
Liebe und Zärtlichteit zu leuchten ver—
mocht batten.
Sie verneigte ihr Haupt leicht vor
ihrem greisen Vater, der ihre Begrüß—
ung ernst, fast talt erwiderte.
„Setze Dich zu mir, Gabriele,“
sagte er, einen Sessel dem seinigen ge—
genüber rollend. „Ich habe mit Dir
zu sprechen!“
„Du wünschest mit mir über Graf
Lamartin zu reden, Vater?“ erwiderte
Gabriele, dem Greise gegenüber Platz
nehmend.
„Nein, nein! Es betrifft einzig und
allein Dich selbst,“ unterbrach der Graf
sie hastig. „Ich sprach bereits gestern
Abend mit Dir darüber, aber Du fer—
tigst mich mit leeren Worten ab. Jetzt
aber will ich Auftlärung von Dir
haben. Du verbirgst ein Geheimniß
vor mir. Ich will es wissen!“
„Du sprichst in Räthseln, Vater!“
versetzte Gabriele ruhig.
„Du weißt, wovon ich rede! Gestern
Abend entstand in Deinem Zimmer
Feuer. Graf Lamartin und ich erbra—
chen die Thür. Deine Juwelen lagen
auf dem Toilettetisch, das Sammet—-
tleid, das Du getragen, war über den
Sessel neben dem Kamin gebreitet, Du
selbst warst fort! Ich weiß, daß Du
auch die letzte Nacht über nicht unter
meinem Dache warst. Wo Du gewe—
sen, bei wem, das ist mir ein
Räthsel. Aber diese Entdeckung hat
mich entsetzt dies Geheimniß birgt
Schmach und Schande!“
„Vater!“ und Gabriele fuhr heftig
empor. „Nimm dieses Wort zurück!
Niemand, selbst mein Vater nicht, darf
ungestraft das Wort Schande mit dem
Namen der Comtesse Gabriele von Cha—
trois in Verbindung bringen!“
Ihre Wangen glühten, ihre Augen
schossen Blitze und der Greis erkannte,
daß diese Entrüstung keine erkünstelte,
sondern vom beleidigten, weiblichen
Stolze dictirt sei.
Bestürzt rang er rathlos die Hände.
„Mein Gott, was soll ich denn von
Alledem denten?“ rief er aus. „Ga—
briele, ich habe Dich stets geliebt, wie
nur wenige Väter ihre Kinder lieben.
Aber niemals habe ich Dein Vertrauen
besessen! Hast Du denn kein Herz, daß
Du es nicht siehst, wie ich leide?“
Die Comtesse wendete ihr Antlitz dem
Feuer zu, um den schmerzlichen Aus—
druck in ihren Zügen zu verbergen.
Ein leises Zittern durchflog ihre Ge—
stalt.
„Vater,“ sprach sie, „ich weiß, daß
Du mich liebst, wenn Du es mir auch
nicht zeigtest. Es ist nicht Herzlosigkeit,
wenn ich Dir keine genügende Antwort
geben tann. Du fandest mein Zimmer
gestern Abend leer, aber ich denke, ich
bin lein Kind mehr, daß Du mein Ge—
hen und Kommen zu beaufsichtigen
nöthig hättest.“
„Aber wo warst Du, Gabriele?“
rief der Graf erregt aus.
„Wenn Du mich zwingst, es Dir zu
sagen,“ erwiderte die Comtesse, und
ein rother Fleck brannte auf jeder ihrer
Wangen, „wohlan, so sollst Du es
wissen. Ich war unzufrieden mit mir
selbst, mit Graf Lamartin, mit der
ganzen Welt. Ich eilte in meine Ge—
mächer, wechselte meine Kleider und
verließ das Haus, um dort hin zu ge—-
hen, wo ich oft vorher gewesen bin, zu
Besuch bei einer Familie, in welcher
meine Gegenwart Glück und Sonnen—
schein verbreitet. Willst Du noch wei—
tere Erklärungen von mir, Vater?““
Der düstere Ausdruck schwand aus
des Grafen Antlitz. Alle geheime
Furcht entwich aus seinem Herzen.
„Nein, nein, Gabriele,“ versetzte er
tief aufathmend. „Du hast mir noch
nie eine Unwahrheit gesagt. Ich würde
meine Ehre auf Deine Wahrheitsliebe
verwetten. Aber, weßhalb bliebst Du
fort bis jetzt?“
„Die Familie, bei der ich war, ist
fern von hier!“
„Ich sah Dich nicht zurückkehren,
Gabriele —“
„Du mißtraust mir noch immer,
Vater?“ rief die Comtesse aus, und
ein leidenschaftliches Zittern ging durch
ihre Stimme. „Bin ich mit vierund—
dreißig Jahren noch nicht alt genug,
um meine eigenen Handlungen zu über—
wachen?“
Der Schatten kehrte auf des Greises
Stirn zurück.
„Ich will Dich nicht mehr befragen,
Gabriele,“ versetzte er traurig, „so
lange, bis Du einwilligst Graf Lamar—
tins Gemahlin zu werden. Bewahre
Deine Geheimnisse. Ich will meine
Augen verschließlichen und Nichts mehr
sehen. Du hast eine Scheidewand zwi—
schen Dir und Deinem Vater aufgerich—
tet. Sie wieder zu beseitigen, liegt in
Deiner Hand, nicht in der meinen.“
Er sah seine Tochter scharf sind prü—
fend an. Mit keiner Wimper zuckte
sie, aber ihre Wangen glühten vor
innerer Erregung.
„Graf Lamartin wird seine Antwort
erhalten, sobald er sie von mir for—
dert,“ versetzte sie ernst. „Nie aber,
Vater wirst Du um meinetwillen zu er
röthen brauchen. Du sollst nie einen
Grund zur Klage haben, aber lasse das
Geheimniß meines Lebens von nun an
für immer zwischen uns begraben sein.
Vergiß, was geschehen ist, und dentke
stets daran, daß ich Deine Tochter,
Deine Tochter, welcher die Ehre mehr
gilt, als Alles in der Welt!“
Der Graf wagte es nicht, Gabriele
zurückzuhalten, als sie stolz aus dem
Salon rauschte.
Mit schwerem Herzen lehnte er in sei
nem Sessel am Kamin, in trübes Sin
nen versunken, bis die Pendule die
neunte Abendstunde verkündete.
Mit dem letzten Silberton, der durch
den Salon hallte, trat Jeannette ein
und meldete, daß ihre Herrin bereit sei.
Der Coup, den Gabriele so schlau er
dacht hatte, war glänzend gelungen.
Die Dienerin hatte in der Vertleidung
der alten Tante das Haus verlassen,
und Jean Frossard hatte nicht den ge—
ringsten Verdacht geschöpft. Nachdem
sie mehrere Straßen durchwandert,
„hatte sie in einer duntlen Partanlage
ihre Kleidung schnell gewechselt und war
in ihrer gewoöhnlichen Tracht in's Haus
zurückgetehrt. Der Spion Graf La—
martin's war getäuscht.
Während Frossard ungeduldig, er—
wartungsvoll vor dem Palais auf- und
abschritt, machte Gabriele glänzende
Toilette für das Ballfest der Herzogin
von Beauchamp. Am Arm ihres Va—
ters schritt sie an die gräfliche Equipage,
welche gleich darauf davonrollte.
Jean Frossard stand bestürzt. Hatte
sie das Palais am Tage vorher verlas—
sen, wie war sie dann in dasselbe zurück
gekehrt? Hatte er eine Erscheinung ge—
sehen?
Die Comtesse von Chatrois war die
Schöoönste der Schönen auf dem Ballfeste
der Herzogin. Sie war der Gesell
schaft niemals schöner, strahlender und
imposanter erschienen, als in dieser
Nacht. Keiner ahnte, wo ihr Herz
war, während sie auf alle ihr darge—
brachten Huldigungen talt lächelte.
Keiner ahnte das Geheimniß, welches sie
in tiefster Seele verbarg und welches
ihr ganzes Lebensglück umschloß.
Während Comtesse Gabriele ihre
Rolle in der eleganten Gesellschaft
spielte, weilten ihre Gedanken bei der
tleinen Familie in der Villa Larose mit
einer Angst, die sie nicht zu bannen
vermochte.
Nachdem sie die Ihrigen verlassen,
legte sich ein Allen fühlbarer Druck auf
die Gemüther, und den ganzen Abend
über wollte keine Fröhlichteit mehr auf—
tommen. Der nächste Tag verging in
gleicher Einförmigteit. Giralda war
die Ernsteste von Allen, aber da jeder
mit seinen eigenen Gedanten beschäftigt
war, so bemerkte es teiner.
Am Nachmittage war es, als das
junge Mädchen mit einer seltsamen
Aufmertsamteit die Anzeigen der letzten
Tage im,„Petit Journal“ einer Prüf—
ung unterzog. Plötzlich blieb ihr Blick
auf einer Notiz haften. Sie las:
„Ein alter, gichtleidender Edel—
mann wünscht ein junges, munter
angelegtes Mädchen aus guter Fami—
lie als Gesellschafterin um sich zu ha—
ben. Gesuche sind zu richten nach
Schloß de Vigny, bei Paris.“
Giralda las die kurze Anzeige wieder
und wieder.
Den ganzen Abend über war sie
schwermüthig und gedankenvoll.
Als Alle in der Villa sich zur Ruhe
begeben hatten, las sie wiederholt die
Anzeige und versank dann in ein tiefes
Nachsinnen. Augenscheinlich tämpfte
sie schwer mit einem Entschluß.
Sie hatte sich vorgenommen, das
Vaterhaus zu verlassen und in der Welt
sich eine Stellung zu verschaffen, um
der Mutter die Sorge für die Ihrigen
abzunehmen. Aber ach, nun, da sie so
nahe vor dem Entschlusse stand, er—
tannte sie erst, wie lieb ihr das Heim
war, in welchem sie den sonnigen Theil
ihres Lebens zugebracht hatte, nun erst
fühlte sie, mit welcher Liebe sie an den
Eltern und den Geschwistern hing.
„Nein, nein!“ sprach sie plötzlich zu
sich selbst, als sie die Thränen in ihre
Augen steigen fühlte, „ich darf nicht
schwach werden, ich muß daran denken,
was mir die Kindespflicht gebietet! Ich
muß gehen! Ich werde diesem Rufe
Folge leisten und noch diese Nacht nach
Schloß de Vigny aufbrecheu!“
Mit der ihr eigenen Entschlossenheit
machte sie sich nun daran, ihre Vorbe—
reitungen zum Verlassen des Hauses zu
treffen. Nach verhältnißmäßig gerin
ger Zeit hatte sie dieselben beendet.
Jetzt blieb ihr noch die schwerste Auf
gabe, einen Brief an ihre Eltern zu
schreiben, aber endlich hatte sie auch das
überwunden. Sie erzählte darin im
einfachen Tone ihre hochsinnigen Absich—
ten und versprach, bald zu schreiben.
Wohin sie ging, verschwieg sie, aber
ihre kindliche Sorge war aus jeder
Zeile herauszulesen.
Der Brief zusammenfaltend, ver—
schloß sie ihn in ein Couvert, das sie
auf ihr unberührtes Bett niederlegte.
Dann kleidete sie sich zu der nächtli—
chen Wanderung an; als das geschehen
;
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Ou hidenlendrlen Fahritanin vn Nen and Rangts in der Melt
swar, sah sie sich zum letzten Male in
dem Raume um, darinnen sie ihre glück—
lichsten Stunden verträumt hatte. O,
wie hart war es, Alles zu verlassen!
Noch einen letzten, langen, bangen
Blick, dann öffnete sie schnell die Thür
und trat, ihre Reisetasche in der Hand,
auf den Corridor hinaus.
Leise schlich sie vorbei an Ruperts
und Alfreds Zimmer, ihnen im Herzen
Lebewohl sagend. An ihres Vaters
Thürschwelle tniete sie nieder und sprach
ein inbrünstiges, stilles Gebet.
Geräuschlos schlüpfte sie hierauf die
Stiege hinab, durch die Halle und be—
strat ein Seitengemach, von welchem
seine Thür in den Garten führte. Sie
sschloß dieselbe anf und trat in die
duntle, stürmische Nacht hinaus.
Hastig schritt sie in den tiefen Schat
sten, der draußen herrschte, hinein. In
einiger Entfernung blieb sie stehen und
blickte zurück. Ein Licht schimmerte
hinter den Fenstern des Studirzim—
mers. Ihr Vater wachte noch, ahnungs
los, was in dieser Stunde vorging.
Eine wilde Sehnsucht überkam Gi—
ralda, umzutehren. Aber heldenmüthig
bekämpfte sie sich selbst. Sie mußte
den Weg weiterschreiten, den sie als den
seinzig richtigen erkannt und betreten
hatte' Also vorwärts, vorwärts!
Gewaltsam, verzweiflungsvoll raffte
Giralda ihre Selbstbeherrschung zusam—
men und schritt durch die Duntkelheit
dahin, dem Gartenthore zu. Sie öff—
nete dasselbe und trat hinaus, die Thür
hinter sich anlehnend. Hastigen Schrit
tes eilte sie die Landstraße entlana, der
nicht fernen Eisenbahnstation zu, um
den Nachtzug noch zu benutzen.
Sie kam noch rechtzeitig an, löste sich
ein Billet und saß gleich darauf in
einem Waggon des Zuges, der bald
davonbrauste.
Eine neue Periode ihres Lebens be
gann mit diesem Schritt, den sie gethan
hatte. Sie trat in die Welt hinaus,
von der sie Nichts kannte, um rettungs
los ihrem Schicksal in die Arme zu ren
nen.
Sie war im Begriff, geradewegs zu
ihres Vaters erbittertstem Feinde zu
gehen zu dem rachsüchtigen, erbar
mungslosen Marquis de Vigny!
Giralda setzte, mit Ausnahme von
ein paar Stunden, während welcher
Zeit sie auf einer Station wegen Wa—
genwechsels warten mußte, ihre Reise
ununterbrochen fort.
Es war ein kalter Märzmorgen, als
sie bei grauer Dämmerung auf der dem
Gute des Marquis de Vigny am näch—
sten gelegenen Station antam.
Sie verließ den Waggon und ging
den Perron entlang. Es war noch zu
früh, um nach dem Schleß des Mar—
quis zu gehen; zudem fühlte sie sich sehr
angegriffen von der langen Fahrt.
Es kam ihr deßhalb der Gedanke, sich
erst ein wenig auszuruhen und zu er—
quicken. Sie durchschritt das Warte—
zimmer des Bahnhofes.
Erst jetzt bemerkte sie, daß sie die ein
zige Passagierin gewesen war, welche
auf dieser Station ausgestiegen sei.
Sie trat auf den Platz vor dem Sta—
tionsgebäude hinaus, wo einige Wagen
hielten, denn auch der Frühzug von der
Hauptstadt sollte bald eintreffen. Un—
entschlossen blickte sie sich um.
„Wünschen das Fräulein eine
Droschte?“ schreckte sie ein hinzutreten
der Kutscher aus ihren Träumereien
auf. ;
Das junge Mädchen antwortete be
jahend, gab ihm als Ziel ihrer Reise
den nächsten Gasthof an und nahm in
dem Wagen Platz.
Das alte Gefährt rasselte den etwas
steil ansteigenden Weg hinauf. In der
Ferne tauchten allmälig Häuser des zum
Schlosse gehörigen Dorfes auf, welches
jenseits des Hügels in einem Thale lag.
Endlich war der Gasthof erreicht.
Der Wirth trat heraus und geleitete
das junge Mädchen in ein kleines Pri
vatzimmer, welches angenehm durch
wärmt war.
(Fortsetzung folgt.)

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