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New Ulm Post. [volume] (New-Ulm, Brown County, Minn.) 1864-1933, May 01, 1914, Image 5

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Roman von Balduin Möllhausen.
(9. Fortsetzung.)
„Ein Eisenbahnkönig! Ein Eiseu
^ahnkönig!" gellte es ringsum mit
hundertfachem Wiederhall, „ein Schur
1e, der in allen Verwaltungen mitre
det und von dem Schweiß und Blute
seiner Mitmenschen zehrt, auf den
'Thränen von Wittwen und Waisen
"seine Millionen aufbaut! Zum Sa
tan mit ihm! Verschont keine Knochen
An feinem fluchbeladenen Körper!"
Ein flammendes Holzscheit wurde
dem Zitternden vor das todtbleiche,
mit einem schwarzen Backenbart ge
schmückte Gesicht gehalten. Ein Ande
rer. -der entdeckte, dah das nicht minder
schwarze Haar in seltsame Unordnung
geraten, schien dasselbe unter Hohn
lachen ordnen zu wollen.' Er hatte
indessen. kaum die ölig glänzenden
Locken berührt, als er unter betäuben
dem Jubel ein« Perrücke hoch über dem
Haupte schwang und ein weiß glänzen
der Schädel den Umstehenden entge
setileuchieie. Dieser Umstand gereichte
dem elenden Besitzer gestohlener Mil
lionett zum Heile denn anstatt der
Volkswuth preisgegeben tmd unter die
Füße getreten zu werden, forderte sein
kahles Sünderhaupt zu Hohn und
Spott heraus. Schneeball auf
Schneeball zerschellte an feinem Hin
ictrfopf doch damit noch nicht zufrie
den, öffnete man eine Gasse vor ihm,
zugleich ihn auffordernd, unter den
auf ihn einregnenden Schneemassen
-um sein Leben gewissermaßen Spieß
ruthen zu laufen.
Doch wie er fouich fein Erscheinen
unbewußt die leberfleckige Lady, so ret
tete ihn vor noch grausameren Miß
Handlungen das Herbeirollen eines
Wagens, welcher das Gedränge rück
sichtslos zu durchbrechen suchte, jedoch
.von "der erregten Menge unter den
•grimmigsten Drohungen angehalten
wurde. Man riß -den Kutschenschlag
auf, beruhigte sich aber einigermaßen,
als man zunächst Flamingo, gefolgt
von Basta und demnächst Dagobert
und Japhet aussteigen sah. Und auch
hier waren einige Zeitungsjungen zur
Hand, welche bei Japhet's erstem An
blick sofort alle zunächst Stehenden auf
dessen Seite brachten.
„Japhet!" schrieen sie aus Leibes
kräften, „der weiß, ob ein Mädchen ge
stohlen worden! Japhet spricht nie
-eine Unwahrheit! Der soll's der Tear
greß in's Gesicht sagen und das
Weitere erstickte in dem triumphirenden
Gebrüll, unter welchem Japhet auf die
Schultern gehoben und nach dem Eiw
gange des erbrochenen Hauses hinüber-,
getragen wurde. Flamingo, Dagobert
vmd Basta waren ihm nachgefolgt.
Diesem hatten sich wieder einige unter
der Volksmenge zerstreute Konstabler
angeschlossen, welche nicht wagten,
.offen einzuschreiten, dagegen auf die
erste günstige Gelegenheit warteten,
die wilderregte Gesellschaft durch Ver
nunftgründe zum' Auseinandergehen
Zu bewegen.
Auf der mehrere Stufen erhöht lie
genden Hausthürschwelle kehrten die
mit Japhet beladenen Burschen sich
der Straße zu und indem der Vor
mann der Zeitungsträger sich anschickte,
eine Ansprache an die tolle Gesell
schaft zu halten, trat erträgliche Stille
ein.
„Gentlemen und Maats!" rief er
sus, „hier ist Japhet, der behauptet,
die Teargeß habe das Mädchen gestoh
len, die Teargreß aber leugnet es. Nun
fragt ihn selber und dann entscheidet,
.wer lügt."
„Hier drinnen in diesem Hanse be
findet sich die junge Lady!" fügte Ja
phet mit einer gewissen Todesverach
hing gellend hinzu, „ich sah's wie si
durch diese Thür geschleppt wurde
„Der Esel lügt!" ertönte eine wü
tende Stimme aus dem Hintergründe,
wo die Teargreß von mehreren handfe
stenBurschen bewacht wurde, „für seine
Lügen ist er von hinterlistigen Schur
ken bezahlt worden
„Hängt das Weib. Gebt ihm die
Hölle!" hieß es von der Straße dro
fiend herein und das Getöse nahm ei
nen neuen Aufschwung, als Dagobert
an Stelle Japhet's auf die Schwelle
trat' und durch ein Zeichen dasselbe
wieder beschwor.
„Hoffentlich bezweifelt Niemand,
daß eine junge Dame von der Tear
greß tückischer Weise hierher geschleppt
wurde," erklärte er und nachdem der
zustimmende Lärm sich einigermaßen
gelegt hatte, fuhr er, um fein Ein
schreiten zu rechtfertigen, ungesäumt'
fort: „So hört denn: Die junge Dame
ist meine Braut von Japhet geführt,
bin ich hier erschienen, um sie zu be
freien. Ihr habt die Sache bereits in
die Hände genommen und rechtschaffen
vorgearbeitet dafür bin ich zu?n größ
ten Dank verpflichtet. Nunmehr aber
beginnt meine eigene Aufgabe, die erst
endigt, nachdem die junge Dame ge
funden worden. Jetzt hört meinen
Rath: Dringen zu Viele in dies Haus
ein, fo steht zu befürchten, daß sie in
Folge des unvermeidlichen Lärms sich
31t Tode ängstigt. Ich erlaube mir da
her vorzuschlagen, daß mich außer dem
ehrentoerthen Herrn Flamingo und
Japhet höchstens anderthalb Dutzend
Gentlemen begleiten, wogegen die übti
yen Herren höflichst gebeten sind, das
..Haus von außen streng zu bewachen.
Ss waltet sonst die Gefahr, daß die
'.Teargreß uns einen neuen Schurken^1
streich spielt und daß sie der größten
Verbrechen fähig ist, wird jetzt wohl
kaum noch Jemand bezweifeln. Wollt
Ihr später diesem Scheusal eine gute
Lehre geben, so hindert Euch daran
Niemand."
Das erschütternde zustimmende
Johlen und Pfeifen dauerte noch, als,
Dagobert und Flamingo, gefolgt von
'den Constablern und einigen anderen
Zeugen bereits in das Haus eingetre
ten waren. Vor dem ersten Treppen
absatz stießen sie auf die gefangene
Teargreß.,
„Wollen Sie die junge Dame jetzt
gutwillig herausgeben, oder foll ich zu
Zwangsmaßregeln greifen!" redeteFIa*
mingo sie drohend an.
Aus den Augen des Weibes schoß'
ein Blitz des wllthendsten Hasses auf
den alten Herrn: dann antwortete es
giftig:..
„Also Sie sind es, der den infamen
Mob angelte, eine verruchte Gauner
bande zum Angriff auf ein ehrsames
Hauses anfeuerte?"
„Nebensache!" erwiderte Flamingo
mit seinem boshaftesten Grinsen. „Ich
frage zum letzten Mal: Wollen Sie
das entführte Kind freigeben oier zie
hen Sie es vor, von den Herren Con
stablern an einen sicheren Ort geführt
zu werden?"
Die Teargreß hatte indessen. ihre
hoffnungslose Lage längst übersehen.
Verschlimmern konnte sie dieselbe nicht
mehr und so erklärte sie mit einem
höhnischen Ausdruck der Unschuld:
„Was soll ich gegen sinnlose Ankla
gen mich vertheidigen, so lange Ge
walt vor Recht geht? Das Haus ist
offen, die Schüssel zu allen Räumen
stelle ich zur Verfügung, es hindert Sie
also. nichts, das ganze Gebäude abzu
suchen, jeden: Winkel umzukehren. Da
gegen werden Sie gerechtfertigt finden,
wenn ich, nachdem Sie von Ihrem
Jrrthume sich überzeugten, Sie an be
treffender Stelle für allen Schaden ver»
antwortlich mache."
„Sehr gerechtfertigt!" pflichtete Fla
mingo sorglos bei, dann zu den Um
stehenden: „und nun, meine Herren,
wenn's gefällig ist. Sie sind Män
ner vom Fach, werden alfo wissen, wie
die Angelegenheit zu handhaben."
Es folgte eine kurze SSerathung und
nachdem man sich hinlänglich mit Licht
versehen hatte, wurden zunächst die
Räume des Erdgeschosses mit peinlicher
Aufmerksamkeit durchforscht. Nir
gends entdeckte man- eine Spur von
der Verschwundenen, woraus in dersel
ben Weise die Gemächer des ersten
Stockwerks schonungslos abgesucht
wurden. Auch hier fand man nichts
Anderes als die Merkmale, welche von
dem Gewerbe 'der mit schnöden Be
merkungen und beißendem Hohn um
sich werfenden Hausbesitzerin zeugten. I
Als man sich dem Saale näherte,
glaubte Dagobert, der sie fortwährend
argwöhnisch überwachte, auf ihren
Zügen einen. Anflug von Unruhe zu
bemerken. Derselbe schwand indessen
wieder, sobald die Flügelthür sich öff
nete und man in einen wohlgeordneten
Raum hineinsah, dessen Atmosphäre
allerdings darauf hindeutete, daß er in
jüngster Zeit reich und belebt gewesen.
Der Saal an sich war leicht übersehbar,
und den anstoßenden kleineren Gemä
chern wendete man sich zu, als Japhet,
der unablässig angstvoll um sich spähte,
unbeachet nach dem Winkel zwischen
Klavier und Außenwand hinüber
schlich. Gleich darauf stieß er einen
Jubelruf aus. Alle kehrten sich nach
ihm um und sahen, wie er, eine Harfe
hoch emporhebend, aus dem Winkel zu
rücktrat.
„Miß Eva's Harfe! Miß Eva's
Harfe!" rief er fast athemtlos vor
Glückseligkeit aus, indem er aus -Fla
mingo zuschritt. Dieser faßte die ge
gen Bestürzung kämpfende Teargreß
fcharf in's Auge.
„Was sagen Sie jetzt?" fragte er mit
Unheil verkündender Ruhe.
„Nicht mehr und nicht weniger,
als daß es mehr als eine Harfe in der
Welt gibt," hieß es tückisch zurück.
„Diese ist dasselbe Instrument,"
fuhr Flamingo unbeirrt fort, „auf
welchem ich Miß Eva Rüdiger manche
Stunde spielen sah. Doch Sie sind
noch nicht mürbe, werden es aber viel
leicht, wenn die Herren hier sich an
schicken, Sie unter ihre besondere Ob
hut zu nehmen. Das wird ein luftiger
Gang durch die Straßen. Hören Sie
nur, wie die Leute draußen jubeln und
nach der ehrentoerthen Frau Teargreß
schreien. Japhet, trage die Harfe nach
dem Wagen und geselle Dich, uns wie
der zu. Ich denke, Gentlemen, wir
setzen unsere Nachforschungen sort, und
wundern sollt's mich nicht, finden wir
recht bald die Besitzerin der Harfe fel
6er."
Die Teargreß zuckte die Achseln ge
ring schätzig und folgte ddn nunmehr
wieder von Gemach zu Gemach fchrei
tenden Männern in herausfordernder
Haltung. Dagobert, welchem tiefe Be»
sorgniß fast die Besinnung raubte,
eilte Allen voraus. Thür auf Thür
öffnete er, um indessen jedesmal wieder
die dahinter liegenden Räume ent
täuscht zu verlassen. So erreichte er
•das Ende des Corridors. Achtlos
schritten Alle an der beweglichen Bret
terwand vorüber, und Zimmer nach
Zimmer wurde in entgegengesetzter
Richtung aufmerksam durchsucht, bis
man schließlich auf dem anderen Ende
des Corridors sich dahin einigte, eine
Treppe höher zu steigen. Die Tear
greß erklärte sich spöttisch verbindlich
zur ferneren Führung bereit mit jeder
neuen Minute schien ihr Selbstbewußt»
fem zu wachsen. Unter den auf ihr
ruhenden argwöhnischen Blicken sann
sie einigeSekunden nach, dann bemerkte
sie sorglos: .'
„Ein Vergnügen ist es am wenig
sten für mich eine Gesellschaft rück
sichtsloser Männer meine Wohnung
durchstöbern zu sehen, und so will ich
denn ein Ende damit machen. Ja, ich
räume ein: je«e Eva Rüdiger hat
seit gestern Abend in diesem Hanse
geweilt, jedoch mit eigenem freien Wil
Ken.
„Eine Luge!" schrie Dagobert ihr
zu, und er hob die Hand, wie um sie
schwer auf die leberfleckige feiste Wange
fallen zu lassen.
„Schlagen Sie zu!" höhnte das
Weib, nunmehr 'den letzten Zwang ab
werfend, „eine Frau zu schlagen ist
keine Heldenthät. Uebereilen Sie sich
indessen damit nichi denn ich bin be
reit, Ihnen den Brief vorzulegen, in
welchem die. junge Person um Aufnah
me in meiner Familie bat. Ich hatte
keine Veranlassung, sie zurückzuweisen,
ebenso wenig lag es in meinem Inter
esse, ihre Freiheit irgendwie zu be
schränken. Als 'das Getöse sich auf der
Straße erhob, mochte sie ahnen, daß
man sie verfolge, und so schloß sie sich
Denjenigen an, welche, um nicht Zeu
gen peinlicher Auftritte zu sein, die
Flucht ergriffene
„Da" und sie öffnete die schmale
Tapetenthür, „dies ist der Weg, wel
cher im Nebenhause auf die Straße
hinausführt. Durch diese Thür sah
ich sie verschwinden für das Weitere
bin ich nicht verantwortlich."
Nach dieser Erklärung leuchtete ein
Constabler in den Gang hinein, der
in kurzer Entfernung an eine schmale
Treppe führte. Flamingo stand neben
ihm. ..
„Wenn das Weib auch keinen Glau-
ben verdient," bemerkte Elfterer, „so
möchte es doch rathsam sein, bevor wir
im Hause selbst die Nachforschungen
fortfetzen, diesen Gang etwas genauer
in Augenschein zu nehmen. Drei oder
vier Mann genügen die Uebrigen mÖ
gen hier unserer Rückkehr harren.
Wie er angeornet hatte, geschah es.
Flamingo rief Dagobert zu, Augen
und Ohren offen zu halten, und gleich
darauf verhallten die schweren Schritte
auf der Treppe.
In diesem Augenblick erschien Ja
phet, der unter dem betäubenden Jubel
der Volksmenge 'die Harfe nach dem
Wagen geschafft hatte, oben. aus der
Haupttreppe. Flamingo und Dagobert
suchend, sandte er zuerst einen Blick
nach dem leeren Ende des Corridors
hinüber, wo er trotz der unzureichenden
Beleuchtung Basta unterschied. Keine
Schranke zwischen diesem und sich wis
send, eilte er zu Dagobert.
„Der Hund, der Hund", raunte er
diesem zu, und mit Augen und Ar
men wies er auf das gefürchtete
Thier.
Ohne ein Wort der Erwiderung be
gab Dagobert sich zu demselben hin
über. Einige Sekunden beobachtete er
es argwöhnisch Dann gab er den bei
dem Pförtchen Versammelten ein Zei
chen, sich ihm zuzugesellen. Gleich
darauf hafteten alle Blicke gespannt auf
dem Hunde, der bald hier, bald da die
breite Doppelnase an die untere Ritze
•der Bretterwand preßte, den Athem
schnaubend von sich stieß und abwech
selnd mit der rechten und der linken
Pfote an dem Holzwerk kratzte.
„Liegt noch ein Raum auf der an
deren Seite dieser Wand?" fragte Da
gobert die Teargreß drohend.
„Wie sollte das möglich sein?" ant
wortete diese frech, „betrachten Sie doch
das Haus, ob's hier nicht seine Grenze
findet."
„Drüben findet es ebenfalls feine
„Grenze", verfetzte der eine Constabler,
„und doch führt ein Weg durch die
Mauer."
Dagobert schlug mit der Faust auf
die. Wand.
„Das klingt hohl!" rief er leiden
schaftlich aus, „und ohne Ursache kratzt
der Hund nicht. Frau Teargreß, wol
len Sie öffnen oder soll ich Gewalt an
wenden?"
„Sie verlangen, ich soll eine Mauer
durchbrechen?" fragte das Weib trotzig
zurück.
Ein Constabler leuchtete ihr in's
Gesicht. Dasselbe hatte wieder eine
Kalkfarbe angenommen, daß der Le
berfleck sich wie eine tiefe Oeffnung
auf der zitternden Hängewange aus
zeichnete.
„Wenn das nach einem guten Ge
wissen aussieht," bemerkte er, „so hat's
überhaupt noch kein schlechtes gege
ben"
„Was soll das Zögern?" versetzte
Dagobert auf dem Gipfel feiner Erre
gung, und mit dem ganzen Gewicht
seines Körpers warf er sich gegen die
Bretter. „Das genügt nicht," fuhr et
zähneknirschend fort, als dieselben nicht
nachgaben, „noch zwei Mann hier her!
So, jetzt alle drei zugleich: Eins
zwei drei und splitternd bra
chen die Fugen aus, infolge dessen die
Wand sammt den Männern polternd
nach außen stürzte.
„Licht her!" rief Dagobert aus, der
sich zuerst wieder aufraffte, „Licht
Licht!"
Da öffnete sich seitwärts von ihm
eine Thür heller Lichtschein strömte
ihm entgegen, und bevor feine Augen
sich an den schnellen Wechsel der Be
leuchtung! gewohnten, hing Eva an sei
nem Halte, sich Hm anschmiegend, als
hätte sie nie mehr von ihm lassen tool
len.
"bei diesem unerwarteten Änölick war
plötzlich tiefe Stille eingetreten. Nur
das bedrohliche Getöse auf der Straße,
gedämpft .durch die Entfernung und
dazwischen liegende Mauern, war ver
nehmbar und Eva's vor Schluchzen
halb erstickte Stimme. Ihr bleiches,
von Thränen überstromtes Antlitz hatte
sie zu Dagobert erhoben jeder einzelne
Zug desselben verrieth wilde Verzweif
lung, indem sie gleichsam hervorstieß:
„Retten Sie mich! Um Gottes Ml
len' retten Sie mich bringen Sie
mich fort von hier ich sterbe vor
Entsetzen." ^.7^ ,.K .1
«Sie sind in Sicherheit," fiel Dago
bert tröstlich ein und fester legte er sei
nen- Arm um die iheyte Gestalt, „fas
sen Sie sich. Es sind nur Freunde,
welche Sie hier umgeben —Onkel Fla
mingo weilt ebenfalls hier da
Sie sehen seinen Hund" und er
wehrte Basta, der sich mit täppischen
Liebkosungen an ihr emporrichtete
„wir haben nur noch nöthig, auf die
Straße hinauszugehen, wo unserer ein
Wagen harrt."
Sanft 'drängte er sie dem offenen
Zimmer zu, und wiederum umschlang
sie ihn krampfhaft.
„Nein, nicht da hinein,", flehte sie,
und wie auf der Flucht vor den zahl
reichen auf ihr ruhenden Blicken, barg
sie ihr Antlitz an seiner Schulter,
„nicht da hinein es ist furchtbar
fort, nur fort aus diesem Hause,
wenn ich nicht zu Ihren Füßen sterben
soll
In diesem Augenblick trat Flamingo
heran. Sein zerknittertes Gesicht hatte
einen eigenthiUnlich weichen Ausdruck
angenommen obwohl kein Tabaks
rauch dieselben marterte, funket W
Thränen in 'den zwinkernden Augen
spalten.
„Ja, noch einmal hinein," rieth er
grämlich, „draußen ist's kalt sollen
wir wohlbehalten meine Villa erreichen,
so ist's nothtoendig, sich winterlich ein
zuhüllen."
Beim ersten Ton seiner Stimme
hatte Eva von Dagobert abgelassen.
Helle Gluth brannte auf ihren Wan
gen. Die Blicke wagte sie nicht mehr
zu erheben, kein Wort mehr verließ
ihre Lippen, seitdem sie Flamingo's
Arme ergriffen hatte. Stumm dul
dete sie, daß Dagobert das Deckentuch
um ihre Schultern schlug. Mechanisch
befestigte sie den ihr dargebrachten Hut
auf ihrem Haupte. Sie fchieri zu träu
men. Der Uebergang von Todesangst
und Entsetzen zu dem Bewußtsein der
Rettung war ein zu jäher gewesen.
Wie im Traum nahm sie auch Dago
berts Arm, als Flamingo diefen auf
forderte, sie nach dem Wagen zu füh
re» wie im Traum lauschte sie seinen
innigen Worten, indem sie das Haus
verließen und zwischen der wie rasend
jubelnden und tobenden Menge einher-^
schritten. Harmlos erschien ihr nach
•den jüngsten Erfahrungen, was ihr
früher Furcht eingeflößt hätte. Sie
fühlte sich geschützt an seiner Seite.
Es erquickte sie die frische Nachtluft
es beruhigten sie sogar die eine zwar
wilde, jedoch unverkennbar aufrichtige
Theilnahme verratenden Zurufe.
Flamingo fäumte, bis er Japhet
mit Eva's Habseligkeiten ebenfalls nach
dem Wagen abgeordnet hatte dann
kehrte er sich den Constablern und den
übrigen Zeugen zu. Vergeblich sah er
sich nach der leberfleckigen Lady um.
Die hatte nach dem Zusammenbrechen
der Wand die erste Verwirrung be
nutzt, sich heimlich zu entfernen. Den
ihn darum befragenden Constablern
erklärte er, keine Anklage gegen die
Teargreß erheben zu wollen, weshalb
von weiterer Verfolgung und Verhaf
tung abzustehen sei. Er ging davon
aus, daß manche Ereignisse am besten
der Öffentlichkeit entzogen blieben,
das elende Weib ohnehin schon eine
empfindliche Strafe erlitten habe.
Als er etwas später zu Dagobert
neben den Wagen hintrot, zog er ihn
zur Seite. Dringend gebot er ihm, sich
sofort auf den Heimweg zu begeben und
nicht ungerufen nach der Rädervilla zu
kommen.
„Onkel Flamingo," bat dieser leise
und preßte dessen Hand, als hätte er sie
aus dem Gelenk brechen wollen, „stelle
Dich auf meine Seite verhilf mir zu
meinem Glück Dein Rath soll hinfort
Gesetz für mich fein."
„Gut", unterbrach Flamingo ihn
grämlich, „fo rathe ich Dir zunächst,
zu Deiner Mutter keine Silbe über die
heutigere Ereignisse verlauten zu las
sen. Innerhalb zweier Tage schreibe
ich an sie fo lange gebrauche ich Zeit,
um einen gesunden Plan zu entwerfen,
und weniger bedarf das Kind nicht,
um sich nach den empfangenen fchreck
lichen Eindrücken! einigermaßen zü
sammeln. Aber ich wiederhole: Un
gerufen kommst Du nicht." Dann zu
Japhet: „Hinein mit Dir den Wa
gen. Vorläufig bleibst Du bei mir,
wenn Du nicht lieber in Deinem bis
herigen Heim von wüthenden Weibern
totgeschlagen werden willst. Dafür,
daß Du rechtzeitig auf der Zeitungs
expedition bist, sorge ich schon. So
so setze Dich rückwärts neben die
Harfe. Basta, hinein hopp" und
munter kletterte er selber als letzter
nach. Dagobert fand kaum noch Zeit,
seine Hand hineinzureichen und sich von
Eva, die seinen Händedruck schüchtern
erwiderte,. zu verabschieden, fo schnell
rollte der Wagen davon.
Vor dem Hause der Teargreß hatte
unterdeffen der Lärm einen «neuen Auf
schwung genommen. Galt es doch
jetzt, eine überführte Verbrechens zu
Grafen,sie selber fand man nicht dage
gen hieß.es folgenden Tages in den
Zeitungen, daß in dem berüchtigten
Hause kein Stück Hausgeräth, kein
Spiegel, kein Bild, keine Flasche, kein
Glas unzertrümmert geblieben daß es
nur der Umsicht der Sicherheitsbeam
ten zu verdanken, wenn der ganze Bau
nicht in. Flammen aufging.
Und so hielt Eva heute zum zweiten
Male ihren.Einzug.in die.Rädtrvilla
und mit ihr Japhet, in welchem einen
Freund zu verehren Basta hereits ge
lernt hatte. Als sie dann Wieder vor
dem krummbeinigen Ofen saß, aus
dessen Köboldsmaul ihr nach alter
Weise das bwue, Flammchen polternd
e^tgigenzünKelte/ da mußte, sie sich fra
gen, ob sie wirklich alles erlebt hotbe,
was ihr jetzt wie Bilder einer fieberhaft
erhitzten Phantasie vqrfchwebte. Sin
nend betrachtete sie das lebhafte Spiel
des Feuers. Oft horte sie nur halb die
Beruhigungsgründe ihres alten queren
Beschützers. Wie in früheren Tagen
drängte sich auch heute ein Antlitz zwi
schen ihrcAugen und den mit Flamingo
um die Wette plaudernden Ofen, allein
es hatte feine Schrecken für sie verlo
ren.—
Zu dieser Stunde saß die körperlich
und geistig zerschlagene und geknickte
leberfleckige Lady bei ihrer Greundm,
der aufgedunsenen Wirihin. Außer
Verwünschungen wechselten sie nur we
nige Worte mit einander. Sie warte
ten auf die Heimkehr Japhets, um vor^
läufig an ihm, dem Urheber so vielen
Unglücks, ihre Wuth zu kühlen. Hät
ten sie ihn nur sehen können, wie er in
einem Winkel 'des Laboratoriums so
friedlich zwischen einigen Büffelhäuten
Mief!
Die von Flamingo anberaumte Frist
war verstrichen und pünktlich-hatte Da
gobert sein Verbrechen gehalten. Auch
Flamingo war nicht säumig gewesen.
Einen kurzen Brief hatte er an seine
Schwester geschrieben, und da es sich
um die Prüfung seines Testaments
handelte, war Frau Lisette Park sei
ner Einladung nach der Rädervilla zu
der bestimmten Stunde gefolgt. Und
so saßen denn heute bald nach dem
Mittagessen die beiden Geschwister im
Laboratorium friedlich bei einander,
Flamingo hielt ein Schriftstück von
mäßigem Umfange in den Händen und
las aus demselben vor:
Um nun meinen bevorste­
henden Lebensabend freundlicher zu ge
stalten, ist es durchaus nothtoendig,
nicht nur in meiner Umgebung eine
Wandlung zu bewirken, sondern auch
Menschen heranzuziehen, von deren
treuer Anhänglichkeit und Dankbarkeit
ich überzeugt sein bars." Hier neigte
Frau Lisette zum Zeichen des Beifalls
ihr Haupt sehr erhoben, und Flamingo
las weiter: „Ich werde daher zunächst
aus der Stelle, auf welcher meine Rä
dervilla so lange gestanden hat, ein
Haus errichten, in welchem zwei Fami
lien mit nicht allzu großen Ansprüchen
bequem Platz finden. Die Rädervilla
wird in den äußersten Winkel meines
Grundstücks geschoben und bleibt so
lange ungetastet, bis sie, vom Alter zer
morscht, auseinander fällt. Ich muß
einen Ort haben, wohin ich Mich zurück
ziehen kann, wenn in dem neuen Haust
die Menschen mir den Kopf warm
machen."
„Dergleichen wird sich nimmermehr
ereignen", schaltete Frau Lisette zuver
sichtlich ein, „nein, mein alter Stoffel
denn wer Dich erst genauer kennt, muß
trotz Deiner kleinen Schrullen nur
allein Deine Wohlfahrt und Bequem
lichkeit berücksichtigen."
Flamingo grinste boshaft und be
merkte, wie feine Worte von dem Pa
pier ablesend: „Es ist doch wohl siche
rer, alte Schraube, mir für unvorher
gesehene Fälle ein Asyl zu bewahren.
Die Zeiten ändern sich und die Men
schen ebenfalls."—
„Ich ändere mich nie, Stoffel", be
theuerte Frau Lisette, die Hand be
schwörend auf's Herz legend, „und von
Dagobert kann ich mit gutem Gewis
sen dasselbe behaupten."
„So bliebe er nach wie vor ein Tau
genichts und das wäre schümm", ver
setzte Flamingo listig, „aber'höre, Li
fette, fährst Du fort, mich nach jeder
Zeile zu unterbrechen, fo mögen Tage
hingehen, bevor Du den Inhalt meines
Testaments kennen lernst."
„Ich höre, Stoffel, ich höre," hieß es
verbindlich zurück, und Flamingo fuhr
fort zu lesen:
mir den Kopf warm machen.
Ilm den Contrast zu mildern, welchen
sie zu der neuen Villa bilden würde,
foll sie mittelst anzufangenden Ge
sträuchs versteckt werden."
„Nein, Stoffel, jedem Menschen foll
ein Blick auf Dein altes ehrwürdiges
Heim vergönnt fein,"
„So fei doch still, alte Schraube,
versteckt werden. Ueberhaupt will ich
mein ganzes Grundstück in einen präch
tigen Garten verwandeln, in welchem
ich mindestens noch fünfzig Jahre mich
zu erfreuen gedenke."
„Länger, Stoffel, länger."
„Du bist unverbesserlich, Lisette, und
ich will nur wünschen, da Du am
Schluß ebenso milde Gesinnungen ge
gen Deinen Bruder und dessen elenden
Hühnerstall hegst, wie 'jetzt. Also:
werde ich indessen über kurz oder lang
einmal heimberufen, so fällt nicht nur
mein Grundstück, fondern auch meine
ganze übrige Habe Derjenigen zu,
welche mir die letzten Lebenstage er
leichterte und mit heiteren Licht
strahlen aus ihren treuen Augen
schmückte." Durch einen grinsenden
Seitenblick iiberzeüg!«Flamingo sich,
daß Frau Lisette vorsichtig ein Thrän
lein schwesterlicher 'Rührung vvn ihrer
Wange entfernte, und sorglos ertönte
seine schnarrende Stilpme wieder durch
das Laboratorium: „Und so ernenne
ich denn mit vollem Herzen als.meine
Universalerbin Diejenige, 'die mich &iiF
an mein Lebensende getreulich pflegte
und mir schließlich mit leichter Hvnd
die Augen zudrückte die aber wird und
soll und kann keine Andere sem, al»
Fräulein Eva Rüdiger, meine bitige»'
liebte Adoptivtochter."
Frau Lisette,lehnte sich wie erschöpft
zurück. Merklich verlängerte sich ihr
Antlitz, indem sie fragte:
„Wer?"
Einige -.SAutkdm' weidete Flamingo'
sich zwischen den zusammengekniffe
nen Lidern hindurch an der schlicht
verheimlichtenBestihrzung seinerSchwe
ster, dann wiederholte er gleichmüthig:
„Fräulein 6vä Rüdiger. Ich habe
Dich nämlich hierher gebeten, memt
gute Lisette, nicht nur, um Dich mit
meinem letzten Willen vertraut zu man
chen, sondern auch das Versprechen VON
Dir zu erlangen, daß Du, solltest Du
mich überleben was nicht gut denk
bar die Testamentsvollstreckung ge
wissenhaft überwachst."
„Gewiß geschieht das", erwiderte
Frau Lisette mit etwas veränderter
Stimme. Da sie aber die wunderli
chen Seiten ihres Brudes einigermaßen
kannte, so beruhigte sie sich auch jetzt
mit dem Gedanken, daß derselbe wohk
nur den Eindruck zu beobachten wün
sche, welchen die launenhafteVerfiigung
über sein Eigentum auf sie ausübe»
würde.
„Gut, alte Schraube," nahm Fla
mingo mit boshafter Zärtlichkeit als
bald wieder das 'Wort, '„ich'sehe,'-nch
habe mich in Dir nicht getäuscht, und
so höre denn weiter: Nachdem ich mei
nen letzten Willen unzweideutig kund
gegeben habe, schlägt mein Herz ruhi
ger, denn je zuvor in meinem Leben.
Es erfüllt mich die freundliche Hoff
nung auf kommende heitere Tage
nicht wahr, Lisette? recht poetisch aus
gedrückt. Soll aber meine innere
Befriedigung vollständig sein, so wird
Fräulein Eva Rüdinger ohne daß
mein Wunsch irgend welche bindende
Kraft für sie besäße meinen Neffen
Dagobert Park heirathen. Damit
wäre zugleich eine große Sorge von dev
Seele seiner vortrefflichen Mutter ge
nommen, die nicht länger zu befürchten
brauchte, ihrenSohn von seinem Leicht
sinn auf Abwege geführt zu sehen. Da
gobert hingegen, im Besitz einer ebenso
lieblichem wie rechtlich denkenden jun
gen Frau, würde ein streng geregeltes
sittliches Leben führen und sammt sei
ner liebenswürdigen Mutter wie
gefällt Dir das, alte- Schraube?"
schaltete Flamingo wieder spöttisch ein
„mir eine recht angenehme Nach
barschaft werben, ohne daß dadurch
meine Rechte als Herr meines Eigen
thums eine Schmälerung erführen.
„Das wäre also die Hauptsache,"
erklärte Flamingo nunmehr, und ec
legte das zusammengefaltete Papier
neben sich auf den Tisch, „das Wet
tere find Nebendinge, und jetzt sage
Du mit auf Pflicht und Gewissen,
wie Du als meine umsichtige Schwe
ster über: solche Verfügungen ur»
theilst."
(Schluß folgt.)
Viele Menschen
nur deshalb ehrlich, weil sie noch »je
mals in Versuchung waren.
Gauner stolz. Erster Dieb?
..Warum bist denn so stolz, Jaquerl?"
Zweiter Dieb: „Na. weißt, seit met
nent letzten schönen Diebstahl reißen
sich die ersten Vertheidiger um mich,*
Freundliche l
a 'h e. Herr (bei einem Festessen,
bei dem eine Kapelle schlecht spielt, zu
einem stark hustenden Herrn): „Ist
Ihnen vielleicht eine falsche Note in
die Kehle gekommen!?"
Meist richtig. Lehrer:
Spielt also ein Musiker allein, heißt
dies ein Solo, spielen zwei, ist es ein
Duett nun, Karlchen, und wenn drei
zusammen spielen, wie nennt man das?
Karlchen: Skat.
Aus der Kaserne. „Was
sind Sie in Ihrem Civilverhältnisse,
Einjähriger?" „T 0 ndichte r,
Herr Sergeant." „Thondichter!
Thun Sie nicht so geschwollen und
sagen Sie einfach Hafner!"
Gewohnt. Arzt: „Aber war
um haben Sie nicht früher gerufen, der
Herr Baron spricht ja lauter confuses
Zeug!" Jean: „Ja mei', Herr Doktor,
mir is nit aufg'fallen dumm hat er
ja alleweil g'red't."
Nach dem Kaffeekränz«
chen. Frau (zu ihrem Mann): Fritz,
kleb' mir mal die Freimarke auf die
sen Brief... wir hatten uns heute so
viel zu erzählen* daß mir die ganze
Zunge trocken geworden ist!
S3 a uls ich t. Studiosus:
„Wir wollen unser Stammlokal hier
her verlegen haben Sie einen genügend
großen Tisch?" Wirth: „Sehen
Sie sich diesen hier 'mal an... unter
dem können bequem fünfzehn Mann
liegen!"
S3 0 ß, „Ich soll mei
ner. Frau einige neue Musikalien be
sorgen, was können Sie.mir empfeh
len?" „VieHDhf einige neue Ca
pricen?" „Hn Gotteswillen, nur
die nicht! Ca.pricen hat meine
Frau ohnedies sch 0 viel
viel!"

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