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New Ulm Post. [volume] (New-Ulm, Brown County, Minn.) 1864-1933, June 05, 1914, Image 3

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-7
Ostener Schreibebrief des
Philipp Kauerampfer.
1063.
Mein lieber Herr Redaktionär!
Wie 'ich sellen
Abend, wo met, die.
Diebeht iwwer den
War gehabt Hen,
heim ftn komW, da
hen ich arig gut ge
fühlt. Ich hen mich
in mei Klappt gelegt,
atotoer ich hen nit
einschlafe könne. SBei
Galle, ich hen Händs
mit mich geschehkt,
daß ich die Feger sö
diesent Pies von mein Meind
gewwe hen. Oe ei tell juh, wenn es
drauf ankomme *5uht, Pairiotissem zu
zeige, dann sin ich da. Wie ich noch
so da liege un mich mitDenke battere^
auf einmal is mich ebbes" in mein
dumme Kopp komme. Das duht so
selten häppene, daß es mich immer
eckseite duht. Schiewiß, hen ich ge
denkt, den Name Huerta hen jch doch'
schon "ental gehört! Un ich sin auch
mit den Feller eckwehntet geworde!
Se könne sich darauf verlasse, daß
ich mir mein Kopp puttinier in Stik
ker" gebroche hen un auf einmal is es
mich so klar/wie Klösbrüh geworde.
Sie wisse noch gut genug zu die Zeit
wo ich mit den Teddie Ruhsefelt in
Saut Afrikah gewefe sin. Dort is
es gehäppend. Mein Freund Teddy
hat sich sellemols en Indien geheiert,
wo so kwasie und gewissermaße die
«4. dreckige Ärweit for ihn geschafft hat,
das meint alles, was der Teddie nit
hat duhn wolle. Uff en schöne Dag
sin ich emal uneckspecktet in unser
Tent komme un da sehn ich wie der
Kunne den Teddie sein Sätschel auf
gebroche hat un grab dabei is, sich
das GeÜ was drin war, anzueigne.
Wie er mich gesehn hat, da hat er
puttinier die Fitz kriegt er hat mich.
geöitt, ich sollt doch for Pittie Sehks
nicks sage, "sonst deht ihn der Mister
Ruhsefelt doht schieße un bieseids deht
er noch sein Schapp verliere. Er hat
auch gesagt, er hatt en Hönsch,- daß
er es noch zu ebbes großem bringe
deht und er war einige Zeit reddig,
einiges.for mich zu duhn un es deht
nicks ausmache, Was es war. Well,
ich hen gedenkt, er -hat ja nicks ge
stohle un ich gleiche nit Trubel zu
mache und so hen ich denn nicks von
den Inzident gesagt. Awwer jetzt
mit einem mal is mich der Spitzbub
Huerta Widder eingefalle.
yZ Jch sin schuhr gewefe, daß es der
nämliche Kerl war, wo jetzt in
Mecksiko all den Trubel mache duht.
Wenn Se jetzt denke, daß ich die
ganze Nacht gar kein Wink geschlafe
hen, dann sin Se so ebautrecht. Wei,
Sie mache.sich gar kein Begriff von
en Eidie wie eckseitet ich gewefe sin.
Bei Gasch, hen ich zu mich gesagt,
das war atowe^ Pietsch wenn ich
den ganze Kuttelmuttel auffickfe
könnt. Well, am nächste Morgen sin
ich nach Washington gefahre un sin
deireckt in das Weiße Haus. Ich hen
auch das gute Glück gehabt, daß der
Mister Wilson heim war un mich hat
fehlt könne. Wie ich mich indroduhst
gehabt hen, da hat er gesagt: „Was
die Kränk, Sie sin doch nit seller
Philipp'Sauerampfer, po immer die
sonnige Stories schreiwe duht? Jch
hen gesagt, Mister Prässendent, es
vfreut mich ganz schrecklich, daß Sie
y'v
denke, meine Stories sin sonnte. Die
r$S!
'^11
Lizzie, was meine Alte is, denkt in
den Käs ganz different. Well, es
hat nit lang genomme, da. hen ich
alles aus mein Sisiem eraus gehabt
un hen gesagt, wenn er keine Ab
scheckschen hätt, dann deht ich auf
meine eigene Eckspenzes nach Mecksiko
gehn un deht mit den Huerta settele,
mitaus daß .auch nur noch ein
Droppe
Blut vergösse werde deht.
Da hat der Prässendent/ gesagt:
„In die erschte Lein bitt ich'Ihne um
Entschuldigung, daß ich Ihne Philipp
*ntfe, un ich gewwe Ihne. auch das
Mriffiletfch, mich Wuddie zu rufen
zwische gute Fremde folle keine For
mallithes herrsche. Also Philipp, mir
rufe uns bei unsere Frontname un ich
deht dich gern einlade, eins an mich
zu nemme, awwer du weißt ja, daß
ich an den Wasserwage ftn. Weißt
Adu, wenn en Mann verHeirat is, dann
f. muß er manches duhn for seine Frau
zu pliefe un „Newer meinö, Wud
die, hen ich gesagt, das brauchst du
mich gar nit zu sage, ich sin ganz in
den nämliche Boot un ich muß bei
meine Alte auch manchmal eins bis
mehrere Auge zudricke. Was die
Drinks konzerne duht,-kannst 'du das
ganz genau mache wie du willst ich
mache es auch wie ich will un wenn
ick ietzt von dich fortgehn. dann kauf
ich mich Battel Wein un drinke se
auf deine Gesundheit un das duht
mich auch ganz gut schmecke, mitaus
daß du dabei bist. Es war mich off
Kohrs- am liebste, wenn du ein von
deine Leut mit mich schicke könnst,
bikahs .ich sin in den mecksikanische
Linkvxnit so recht gepohstet. "Newwer
Meind, hat der Mister Wilson gesagt,
en Mann wie du wo so viele Leng
Wilsches tahke duht, kann sich auch
mit seile Mausfallekrämer berdeitsche.
Geh du nur alleins un machs gut."
Dann hem mer Händs gescheht un
ich sin fort. Es duht ntich doch
tickele, daß ich so gute Riesepschen
gehabt hen.
C: Womit ich verbleiwe
'":v .' Ihne Ihm liewer
Philipp Sauerampfer.
Die wuaderbare
Humoreske von Dolorosus.
Auf der Hohen Schule zu Barce
lona befleißigte sich Don Ramixo del
Punco feit erheblichen Semestern^des
Studiums der Medizin.. Er war ein
Neffe des ordentlichen Professors und
Vorsitzenden der Prüfungskommission
der medizinischen Fakultät, Pedro, del
Punco aber trotz der
lichen Beziehungen
Verwandtschaft-
zu
deren
dem großen
Manne gelang es ihm nicht, jenem
ähnlich zu werden sintemalen er eine
unüberwindliche Abscheu vor W gro
ßen Staatsprüfung hatte, nachdem er
durch das Physikum mit Hilfe eines
intelligenteren Kommilitonen gescho
ben worden war, und zwar mit Auf
Wendungen
an Zeit, Kraft und Geld,
mittels
man
auch
ein Kamel'
das bewußte Nadelöhr hätte passieren
lassen können. Don Ramiro also
war im besten Sinne des Wortes ein
bemoostes Haupt er brachte nun
schon das zwanzigste Semester hin,
ohne eine irgendwie begründete Aus
sicht zu haben, sich in absehbarer
Zeit sein Brot als Medizinmann zu
verdienen.
Der Geheirnrat Pedro del Punco
war keineswegs erbaut von der passi
den Resistenz seines Neffen. Selbst
in seiner Stellung -als Vorsitzender
der Prüfungskommission konnte er
dem ewigen Studenten nicht helfen,
alldieweil Ramiro in des Nichts
durchbohrendem Gefühle der eigenen
Verblödung sich erst gar nicht zur
Prüfung meldete, fondern infolge
chronischer, pessimistisch angehauchter
Selbsterkenntnis auf alle Würden
der auch im Lande des Weins und
der Gesänge nicht gerade sehr »inträg
lichen ärztlichen Laufbahn verzichtete
oder vielmehr verzichten wollte.
Pedro del Punco überlegte also in
seinem untadeligen Gemüte, wie er
dem Neffen Helfen könnte, und da er
ein einflußreicher Mann war, fo
nahm er mit den Mitgliedern der
Prüfungskommission Rücksprache, um
dem ewigen Studenten über den
Himalaya des Staatsexamens hin
wegzuhelfen. Aber wie die gelehrten
Herren auch überlegten, sie kamen zu
keinem Resultate, denn Don Ramiro
del.Punco war in allen ärztlichen
Dingen von einer absoluten Unwis
senheit, daß es Massenmord gewesen
wäre, ihn als approbierten Mediziner
auf die Menschheit loszulassen.
Schließlich kam einer aus dem
Kollegium auf den.Gedanken, man
folle Don Ramiro del Punco appro­|
bieren, wenn er sich ehrenwörtlich ver
pflichte, keine Praxis auszuüben und
dieser Ausweg fand die freudige Zu
stimmung aller, nur Onkel Pedro
war- von diesem Vorschlag nicht ganz
erbaut, denn der Neffe sollte doch
nicht honoris causa, fondern der zu
verdienenden Däuser wegen Arzt wer
den. Und wieder überlegten sie alle
scharfsinnig, was zu tun sei, und
schließlich wurde, der Vorschlag dahin
modifiziert, daß Don. Ramiro appro
..liiert werben sollte, wenn er sich
ehrenwörtlich verpflichte, allen in
feiner Praxis* vorkommenben Fällen
ausschließlich „aqua Icturocerasi" zu
verordnen, denn damit könne er auch
gegen feinen Willen keinen Schaden
anrichten.
Und Pedrp del Punco ließ sich den
bemoosten Neffen kommen und wusch
ihm ergiebig ben Ktzpf für feine
chronische Faulheit, und ließ ihn ei
nen heiligen Eid schwören, daß er
über alles, was sich in den nächsten
Tagen ereignen würde, Stillschwei
gen geloben wolle unb tun, wie ihm
geheißen würde. Und Don Ramiro,
der lieber das Jubiläum des 100.
Semesters auf ber Hohen Schule Hon
Barcelona gefeiert, denn ben wirklich
I anstrengenden Beruf eines Ärztes er
griffen Hätte, merkte, daß er mit dem
Onkel Pedro nicht spaßen durfte, und
daß es dieses Mal „um die Wurst
ging." So leistete, er denn den schwe
ren körperlichen Eid sogar ohne Blitz
ableiter und ohne die sonst sehr
praktische „reservatio. mentalis", und
nahm in diesem Augenblick Geoan
ken Abschied bon seiner sorglos ver
lebten Jugend, von der Mandoline,
pom blitzenden Schläger und den ihm
in zwei' Generationen bekannten
Schönen Barcelonas. Den wirklichen
Abschied feierte er nach bestandenem
Examen bann fo gründlich, daß er
einige Tage fem eigener 'Patient sein
mußte.
Onkel Pedro hatte alles klug und
fem eingefädelt, und nachdem Ramiro
in einer geheimen Sitzung ber Prü
fungskommission' das große und doH
kleine Ehrenwort verpfändet hatte, in
feiner Praxis sich nicht nur jedweder'
chirurgischer Eingriffe -zu enthalten,
fondern auch in allen Fällen aus
schließlich „aqua laurocerasi" zu ver
schreiben, bestand er nach mehrfachen
Arrangierproben das' Staatsexamen,
und durfte sich-nuw Visitenkarten mit
,,3X med. Ramiro del Punco, prak
tischer Arzt" machen lassen, da man,
um die Sache kurz zu machen, ihn
auf demselben Wege und unter den
selben Umständen „rite" hätte promo
vieren lassen.
Dem wohlbestallten neuen Doktor,
dem Neffen des Geheimen Rates
Pedro Punco,
wurde
trotz seiner
bereits in die Erscheinung tretenden
Glatze manch oerlockender Antrag ge»
macht, aber Onkel Pedro blieb uner*.
btttlich und bestand darauf, daß Dr.
Ramiro sich eine Landpraxis einet
Gegend suchte, wo nach den statisti
schen Angaben der Gesunbheitszu«
stand ber Bevölkerung ein so günsti
get war, daß die Leute unter hundert
Jahren Seltenheiten waren, wobei
allerdings dahingestellt bleibt, ob die
Führung der Kirchenbücher über jeden
Einwand-erhaben war. So mußte
denn Dr. Ramiro del Punco nach 34
Semestern die Stätte seiner langjäh
rigen, erfolgreichen Wirksamkeit
räumen und verschwand auf Nimmer
wiedersehen irgendwo im Lande.
ii
In Puerta, einem Flecken, de.»
felbst die spanische Generalstabskarte
nicht kennt, tat er sich als praktischer
Arzt auf, und siehe, es gedieh ihm,
was tXr auch angriff. Die' Leute
I waren von einer robusten Gesundheit,
aber es gab viele, die sich krank fühl
ten. Sie glaubten auch ihr Anfehen
zu erhöhen, wenn sie sich um jede
Kleinigkeit in ärztliche Behandlung
gaben. Außerdem vermehrte sich die'
Bevölkerung in geradezu beängstigen
der Weise, und die.Wohlhabenden
hielten es für zektgömäß, auch hierbei
den Dr. med. Ramiro del Punco in
I Mhrung zu setzen. Obzwar er
eigentlich yur. Gelegenheit hatte, sich
bei dem Tausschmaus zu betätigen.
Er aber ließ es sich Wohl sein'in
Puerta.
I Er behandelte gelegentliche Bein
brüche, zerschlagene Kinnladeq,
Dolchstiche, Wöchnerinnen u. f. iq,
durchweg mit „aqua laurocerasi," und
hatte die besten Erfolge. Denn die
gute Natur der Kranken half sich
selbst, sintemalen ihr durch Mixturen
und Pülverchen keine Hindernisse in
den Weg gelegt wurden, mti „aqua
laurocerasi" im Verein mtt der nie
versagenden, von Ueberzeugungstreue
getragenen Suada des Doktors den
Leutchen den zeitweise verlorenen
Humor wiedergab. Und so übte denn
Dr. Ramiro del Punco an zehn
Jahre in Puerta die ärztliche Praxis
aus, und er, als auch seine Mitbür
ger waren fehr erbaut davon. Kon
sequenz verfehlt ihre Wirkung nie,
und da der Doktpr immer nur das
eine Medikament verschrieb, und in
den zehn Jahren seiner Tätigkeit nur
ein alter Mann im gesegneten Alter
von 107 Jahren (sofern das Kirchen
buch zuverlässig war) gestorben war,
so hielt die Bevölkerung schließlich
„aqua laurocerasi" für eine Art von
Wundermittel und wurde, wenn je
mal einer erkrankte, prompt gesund.
Eines. Tages aber, Dr. Ramiro
saß gerade beim Mittagessen, erschien
mit großem Geschrei der barfüßige
Kegeljunge aus dem fürnehmften
Gasthof des Ortes: Der Doktor
müßte sofort kommen, es läge jemand
im Sterben.
Der Arzt erschrak, denn er ahnte,
daß ein fremder feiner Dienste be-1
durfte, und er wußte nicht recht, wie'
ein solcher auf „aqua laurocerasi"
reagieren-würde. Der Pflicht gehör
chend aber folgte er dem Boten klop?
senden Herzens und beäugte im'Gast
haus des „Goldenen Columbus" mit!
unsicherer Miene einen alten, wiirdi-'
gen Herrn, der dem Ersticken nahe^
war. Die Wirtin erzählte händerw
gertd, dem .Gast sei Anscheinend ein
Hühnerknölhelchen, das sich in .die
Suppe verirrt, im Halse stecken ge
blieben. Dr. Ramiro tiel Punco
aber steckte sein geistreichstes Gesicht
auf, fühlte, die Uhr ziehend, den Puls
des alten He^rn, und murmelte, den
Kopf mit der Routine eines Weltwei
sen hin und her wiegend: «aqua lau-
JÄSSI3 Xv
rocerasi Hilst sofort ich will nur
das Rezept schreiben."
Da schüttelte den Körper des alten
Herrn ein Krampf, seine Züge ver
zerrten sich zu einer scheußlichen Gn
masse, aus seiner Kehle kam ein Gur
geln, ein Würgen, ein Husten und
plötzlich ein Lachen, das kein Ende
nehmen wollte. Die Wirtin bekreuzte
sich in frommer AnHacht, denn sie
glaubte nicht anders', als daß das
letzte Stündchen des Fremden gekorn
men fei auch 9r. Ramiro del Punco
zog die Augenbrauen hoch und harrte
mit einigem Unbehagen der Dinge,
die da kommen sollten und siehe
da, es kam nichts als das Hühner
.knöchlein, das dem alten Herrn so
arge Pein bereitet und Mn durch den
plötzlichen Lachanfall des Patienten,
wieder ans Tageslicht gefördert
wurde.
Der Fremde aber lachte noch im
mer lachte, daß ihm die Tränen über
die geröteten "Wangen herunterliefen
schließlich ctber :faßte er sich und
reichte dem Landarzt die Hand:
„Lieber Kollege, ich danke Ihnen
von Herzen! Sie haben mich wirk
lich mit „aqua laurocerasi" von einem
qualvollen Tode gerettet!" Und auf
einen erstaunten Blick Dr. Ramiros
flüsterte er ihm ins Ohr: „Jch ge
hörte damals zur Prüfungskommif
sivn in Barcelona, vor der Sie Ihr
Staatsexamen machten und ich
gab damals den Rat,. Sie ehrenwört
lich zu verpflichten, in Ihrer Praxis
nur „aqua laurocerasi" zu verordnen.
Sie sehen, ich habe Recht gehabt! Als
Sie mit der Miene des Wissenden vor
sich hinsagten, „aqua laurocerasi hilft
sofort," stand die Szene von damals
vor.meinen Augen, upd ich mußte so
herzlich lachen, daß der. Knochen sich
löste und. ich wieder ißtift bekanü
Also, Kollege Sie haben mir das
Leben gerettet
„Tja!" bemerkte Dr, Ramiro, del
Punco tiefsinnig, „durch meine
Dummheit."
Gwe Uiertelstimde.
pl.. Skizze von 'Eugen Isolam.
Wir saßen kürzlich auf der Ter
raffe ., eines Hotels und plauderten
von diesem und jenem..
„Haben Sie die entsetzliche Ge
schichte heute früh gelesen, die aus
London telegraphiert wird?" meinte
der Eine.
„Jawohl," erwiderte Einer gleich
miitig.
„Was ist denn geschehen?" fragte
ein Anderer.
„Bei Quebec in Kanada "hat ein
Lotse, der einen Dampfer auf dem
Lorenzostrom führte, vorn^Schiff aus
zusehen müssen, wie sein Häuschen
aus einer Insel, in dem sein Weib
und seine sechs Kinder schliefen, ratze
kahl niederbrannte. So etwas kann
doch nur in einer Filmtragödie vor
kommen!"
„Wahrscheinlich war dt« ganze Cho
se von einer Film Fabrik gestellt
worden!" höhnte einer.. 1
„Scherzen Sie nicht!" sagte ein
Fünfter so ernst,. daß unwillkürlich
eine Pause entstand und alle ihn an
blickten in der Erwartung, er kviirde
seinen kurzen Worten noch
veine
Er­
klärung nachschicken.
Endlich sagte wieder der Gleich-
mutige: „So brutal kann ja das
Schicksal nicht sein, so Entsetzliches
passieren zu lassen. Das wäre ja
zum Wahnsinnigwerden!"
„Ja, meine Herren"', sagte nun je
ner Erste, „es ist zum Wahnsinnig
werden. Ich habe selbst einmal er
lebt, wie ein Mann, dem Aehnliches
in meiner Anwesenheit geschah,
wahnsinnig wurde. Es war das
Grauenvollste, was mir in' meinem
Leben passiert ist!"
Er machte eine kleine Pause. Dann
fuhr e^ fort:
„Ich faß in der Eisenbahn, es war
in einen Schnellzug, der nach H.
fuhr. Ich weiß nicht, ob Sie die
Tour genau kennen. Bevor der Zug
sich der Stadt nähert, fährt eine
ganze Meile am rechten Ufer des H
Flusses entlang, muß dann eine Ei
senbahnbrücke befahren und läuft
dann in die Station ein, die also
auf dem linken llfer des Flusses liegt.
Dieses linke Ufer ist vor der Stadt
H. noch ganz im Gebirgscharakter ge
halten eine schmale Chaussee führt
unten am Felfenabhang dicht am
Ufer bis zur Bahnstation hm. Hin
ter dieser breitet sich erst die «Thene
aus* in der die Stadt, liegt, wenn's
auch nicht sonderlich bequem ist, zum
Bahnhof hinaufkraxeln zu müssen
oder in die Stadt zahlreiche Stufen
hinabzusteigen. I'
Mein Gegenüber im Kupee, ^ein
Herr von etwa vierzig Jahren,*er»
zayue, er, yave es angeneymer, er
wohne nicht in der Stadt selbst, son
dern habe eine Villa bei H., am Bec
gesabhang. Von der »Villa aus kön
r,e man die Eisenbahn kommen sehen
jetzt lauern gewiß schon die Kin
der, jeder an einem andern Fenster,
um aufzupassen, wer .erst den Zug
sehe, in welchem der Vater kommt.
Der Wagen, der ihn holen soll, steht
schon angespannt, und wenn die Kin
der das Nahen des Zuges verkün
deten, dann setzen sich alle in den
Wagen, um mit nach dem Bahnhof
zu fahren!1 Da der Weg ton der
Villa zum Äahnhof näher ist, als
der, den der Zug zurückzulegen hat,
weil dieser 'noch über die Brücke
muß, kommt der Wagen dann doch
noch eher an.
Während mir all das der Äann
da erzählte, waren auch die anderen
Zuginsassen, noch drei Herren, auf
ihn aufmerksam geworden, und mehr
oder weniger nahmen 'sie alle schließ
lich an seinen Worten Interesse, wenn
auch vielleicht der eine oder andere
mit jenem Beigeschmack von Ironie,
die man zuweilen allzu zärtlichen El
tern gegenüber hat.
Jedenfalls, aber wurde jeder auf
merksam, als mein Gegenüber plötz
lich Dijf mir sagte, das sei feine
Villas Er zeigte dabei in die Ferne,
wo wohl der Eingeweihte irgendeinen
Hausgiebel entdecken konnte, mir war
es nicht möglich.
Er aber blieb von nun an mit ge
spanntester Aufmerksamkeit am Fen
ster stehen und sah intensiv in die
Ferne."
Plötzlich rief er: „Ich sehe den
Wagen!"
Nicht nur ich, auch die anderen
Herren guckten nach' der Richtung, in
der er ausblickte, und der eine odet£
andere sah wohl auch den Wagen.
Schließlich aber holte der Eisenbahn
zug den Wagen ein, wir waren nur
noch durch den Eisenbahndamm und
den Fluß vom Wagen getrennt. Wir
konnten ihn alle, genau erkennen und
auch sehen, wie Frau und Kinder mit
TüHer- und Händewinken die Grü
ße des Vaters erwiderten,
Plötzlich gclb es einen Pfiff ob
von unserem Zuge, ob vom nahen
Bahnhof oder' vielleicht von einem
Dampfschiff auf dem Fluß her, war
nicht zu erkennen, ich kam auch gyr
nicht zu Besinnung, darüber nachzu
denken, denn im folgenden Momen
schon packte mich mein Gegenüber am
Arm an und rief: „Der Pfiff! Da?
Pferd bäumt sich!" Und unwill
kürlich sahen wir alle vier- anderen
hinüber, wo wir den Kutscher des
Wagens im Kampfe mit den scheugs
wordenen Pferden sahen. Die ra
ften,' dicht am steil abfallenden
Ufer dahin, während der Kutscher
sichtlich sich Mühe gab, sie atif Sit
Seite zu reißen und sie zum Still
halten zu bringen.
Keiner wagte einen Laut auszu
stoßen, wir hielten gespannt den
Atem an und sahen, wie die Insassen
des Wagens, die Frau Haß mit
drei Kindern in diesem, während ein
Knabe neben dem Kutscher auf dem
Bock sich befand, —voller Entsetzen
sich festhielten und dabei wiederholt
erhoben, als ob sie unentschieden wä
ren, ob sie abspringen oder im Wa
gen bleiben sollten.
In dem Augenblick, alles ge
schah weit schneller, als ich es hier
zu erzählen vermag, bäumten sich
die Tiere unter dem Druck des vom
Kutscherx.gehaltenen Zügels von neu
em in die Höhe und setzten im nach
schung
%tn
der Ausbück wieder frei war sah
nichts von dem Magen mit seinen
Insassen, nichts'^auf der Chaussee,
nichts in den Fluten des StrvmeS,
den wir fchon in dem nächsten Au
genblick zu durchqueren begannen, der
Wagen schien mit Pferden, mit
Mann und Maus auf dem Grunde
des Wassers zu sein. A
Der Unglückliche in unserer Mitte
sah nichts er schrie und'tobte, und
wir mußten uns mit der ganzen
Kraft anstrengen, um ihn die wenigen
Minuten, die wir poch von der Sta
tion entfernt waren, festzuhalten.
1
Dann hielt der Zug. Einer von
uns, .möglich, daß ich es selbst r\
war, rief hinaus: „Hilft, ein 5-1
Wahnsinniger!" Was tut man nicht
in solcher Aufregung. Wir waren
ja selbst halb wahnsinnig, die Kraft
hatte uns verlassen, und kaum war
der Zug zum Stillstand gelangt, da -tj
entsprang uns der Kranke.
Er eilte auf den Perron, vor ihm
stoben Passagiere und die^sie erwar
tenden Angehörigen auseinander. In
wilder Flucht stürzte er davon,
seilte Kinder, die ihm frisch und ge*
sunt» entgegensprangen, schleuderte et
zur Seite. Er erkannte sie nicht
mehr, bestürzt eilten sie zur Mutter,
die langsam vom Wagen aus nach
kam. Sie riefen uns Hilft, man
setzte dem in rasender Flucht Davon
eilenden nach, man konnte ihn nicht
mehr einholen mehrere Personen, die
sich ihm-entgegengestellt hatten, schüt
telte er mit übermenschlicher Kraft
-von sich ab, um, sobald er den Fluß
erreichen konnte, in die Fluten zu
.springen, in denen er seine Lieben er
trunken glaubte. Man hat ihn nicht
lebend mehr herausgeholt.
Seine Familie konnte has Ent
setzliche überhaupt nicht begreifen.
Die Schreckensfzene, die den gelieb
ten Gatten und Vater in den Wahn
sinn und in den Tod gestürzt hatte,'
hatte sich in Wirklichkeit viel harm
loser abgespielt, als er uns im fah
renden Schnellzuge und aus der Ent
fernung erschien. Von dort aus hat
ten wir auch in der Aufregung-^md
Eile die Felfenkulisse nicht wahrneh
men können, die zuletzt den Wagen
unfern Blicken verbarg.
Wir waren nach diefer Erzählung
alle recht still geworden, bis der
Gleichmütige die Ruhe unterbrach:
„Na ja! Jedenfalls hattev ich doch
recht so brutal ^kflnn das Schicksal
nicht sein, daß es einem Menschen
bor seinen Augen die ganze Familie
entreißt. Nur der Wahnsinn kann
solche Ausgeburten der Phantasie er«
sinnen. Und das war auch in Ih
rem Fall dort in der Eisenbahik so!"
Niemand hatte recht Lust, über das
Thema zu streiten. Aus dem Innern
des Lokals ertönte eine neuer Wal
zer. Der brachte uns auf andere Ge
hrrnken. ...
Russische Zustönve.
Der große Dirigent Felix Mottl
war nach Petersburg berufen, um an
de« Kaiserlichen Oper „Tristan und
Isolde" einzustudieren. Während ei
net Orchesterprobe ruft er dem
EnglischhornblLfer auf der Bühne
zu, er solle sich auf die andere Sei
te stellen. Der Musiker geht auf
die andere Seite. ,Warum blasen
Sie nicht?", ruf! Mottl ihm zu. Ant
wort: „Weil meine Noten mit dem
Pult nicht herüben sind." „Na,
dann holen Sie doch das Pult", ruft
... .v .... Mottl. „Das nicht meine Sa
sten Moment "an, um' direkt die Bö-
den Fluß hinabzusausen. Mottl etnem Arbeiter, der mu
Doch wurden wir vor diesem entset
zensvollen Anblick bewahrt durch ei
nen Eisenbahnzug, der von H. kom
mend, jetzt an unfern Zug vorbei?
sauste und uns jede Aussicht nahm.
Der unglückliche Mann in unserer
Mitte rief nach der Notleine.
„Was wollen Sie tun, Unglückli
cher!" rief ihm einer zu. „Von hier
aus können Sie ja nicht heran an
die Unglücksstätte. Wir sind ja in
einer Minute auf der Station und
jenseits des Flusses!"
Aber der so sprach, konnte kaum
ausreden, wir alle vier Mayn muß
ten zugreifen, um den unglücklichen
Mann, [der wie ein Tobsüchtiger sich
zu gebärden begann, aus dem Coup^
des dahiusausendm Zuges heraus
springen wollte und mit wilden Ge
bärden um sich schlug, festzuhalten.
Und während ich das tat, wandte
ich meinen Kopf, um aus dem Fen
ster zu sehen. Dir Zug, der an uns
vorbeifuhr, schien kein Ende zu neh
men. Man weiß, wie gespensterhaft
sonst den in den
sitzenden Passagieren, die Erscheinung
eines vorbeisausenden Zuges vor
kommt, diesmal schien es mir 'eme
Ewiakeit zu dauern. Und alö endlich
3UL^n?,toört
N"n
ßig dasteht, zu: „Tragen Sie das
Notenpult auf die andere Seite",
worauf auch dieser erwiderte: „Das
ist Sache des Kalkanten". Es blieb
nun dem armen Mottl nichts übrig,
als daß er eigenhändig das Unglück
selige Notenpult von der einen Seite
holte und es dem Bläser auf der an
bereit Seite hinstellte.
Seine Auffassung.
„Warum sind Sie denn aus unserem
Gesangverein, ausgetreten, Herr
Schwapper?"
„Wissen Sie, wegen meines Hal
ses der Arzt chat mir die größte
Schonung anempfohlen, st Ich bin
jetzt Mitglied eines Kegelklubs ge
worden!" UZ
„So? Beim /Kegeln wird aber
doch eigentlich noch^ mehr getrunken!"
Die Phantasie des
Gou a s. Restaurationsko
chin (erstaunt zum Bewerber): „Wie,
Sie machen mir einen Heiratsantrag,
wo Sie mich heute zum ersten Mal
sehen?"
„O Fräulein, seit Jahren esse ich
aber Ihre zarten und köstlichen Bees
steaks —. Sie entsprechen ganz dem $
Bilde, dys ich mir von Ihnen gemacht
tt

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