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New Ulm Post. [volume] (New-Ulm, Brown County, Minn.) 1864-1933, July 24, 1914, Image 5

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Keitum ten Hons Richter.
Zweites Buch.
(Iii Fortsetzung.)
Einer Dame, sagte Konrad mit
scharfer Betonung. Bitte, menagire
Dich, Du sprichst in der That von einer
Dame, die aber wozu noch eine
lange Erklärung, die Du wahrschein
lich nicht glaubst und die auf jeden
Fall zwecklos ist? Komm zu Ende,
Altenegg, komm zu Ende Du ha^t
schon vor einer halben Stunde
Handschuh ausgezogen, den Du
in's Angesicht schleudern willst!
warte darauf!
den
mir
Ich
Hier ist er! schrie Altenegg, dessen
Wuth durch die Einwürfe Konrads
auf's Neue gereizt worden war, und
warf seinen Handschuh vor die Füße
des Gegners, sowie eine Karte auf den
Tisch.
Konrad verbeugte sich.
Binnen zweiStunden wird sich mein
Sekundant in Ihrem Hotel einfinden.
Herr Graf.
Krachend schloß sich die Thür zwi
sehen den geschiedenen Freunden.
Konrad schellte dem Kellner, befahl
die Rechnung und eine 2)rofrW und
fuhr zu Egon, der, eben im Begriff,
den Pelz anzuziehen, ihn.mit unwilli
gem Erstaunen empfing.
Sapristi, was thun Sie denn hier?
Es ist die höchste Zeit, daß wir fort
kommen. Ich habe Ihnen doch-meinen
Traber geschickt, Sie sollten längst bei
Fräulein Markowicz sein.
Mir winkt eine andere Partie, bei
der es sich aller Wahrscheinlichkeit nach
mehr um einen Leichenwagen als um
Rennschlitten handelt, erwiderte Kon
tab mit einem finsteren Läckeln und be
richtete in wenigen Worten, daß er zu
fällig den Grafen Altenegg getroffen
und einen Streit mit ihm gehabt habe,
der nur die Sühne durch die Waffen
zulasse. Um jede Oesfentlichkeit zu
vermeiden, müsse er Egon bitten, ihm
zu fecundiren.
Der Baron fluchte mehr, als dies
sonst seine Gewohnheit war. Erst
Konrad ganz zufällig erwähnte, daß
ihn der Graf mit Fräulein Markowicz
gescheit, leuchtete ein flüchtiger Blitz der
Befriedigung in seinen Äugen uf.
Nachdem er seinen Kutscher fortge
schickt, um sich und Konrad zu ent
schuldigen, bot er diesem eine Ciga
rette an und sagte mit anscheinend
freundschaftlichem Vorwurf: Ein böser
Handel, mein Lieber! Ließ es sich denn
nicht vermeiden? Wenn Sie dem ©ra
sen ein gutes Wort gegeben hätten
er war ja stets Ihr alter ego!
Er war es rechnen Sie nicht auf
eine etwaige gütliche Verständigung.
Sie ist unmöglich.
Das begreife ich keine heftigere
Feindschaft als zwischen ehemaligen
Freunden den schärfsten, erbittertsten
Haß gebiert immer die Liebe. Was
wollen Sie, Säbel, Degen, Pistolen?
Pistolen, wenn möglich. Alles an
dere überlasse ich Ihnen. Ich gehe auf
die schärfste Forderung, und eine solche
erwarte ich nur, ein.
Hm—bei Ihrer Gewandtheit würde
ich die Klinge vorziehen. Damit reicht
Ihnen der Graf nicht das Wasser,wäh
-tend er neun Mal unter zehnen das
Aß aus der Karte schießt. Steiftet
lich ebenfalls.
Wenn ich will, sagte Konrad mit
einem eigentümlichen Ausdruck, doch
so leise, daß ihn der andere nicht ver
stand.
Der Baron stand, nachdem noch
einiges Nöthige besprochen, bereits in
der Thür, um in das Hotel Alteneggs
zu fahren, als ihn Konrad, welcher ihn
hier erwarten wollte, noch einmal zu
rückrief.
Ich habe Melitta gesehen.
Unmöglich! rief Egon mit einem
leichten Erblassen, das auf seinen stets
farblosen Wangen freilich ein weit ru
higeres Auge, als das Konrads gerade
jetzt war, erforderte, um bemerkt zu
werden.
Täuschen Sie mich nicht in dieser
Stunde nicht. Ich erkannte sie genau,
sie mich ebenfalls. Oder sollte Ih
nen Ihre Anwesenheit unbekannt sein?
^Das ist doch unmöglich. Sie fuhr mit
J^eictenern Gespann, ist also nicht erst
heute angekommen.
Vor drei Wochen, gestand Egon mit
der Miene eines bedrängten Bieder
mannes.
Und Sie schwiegen?
Weil ich mußte. Da Sie sie selbst
gesehen, kann ich wohl mein Wort bre
Äen.
Sie wohnt nicht bei Ihnen?
Nicht doch!
W o?
Ich darf es Ihnen nicht sagen.
Auf dem Polizeibureau erfahre ich
es sofort.
'3 ixj-V-
Denken Sie an Ihr Ehrenwort, ihr
v.: nicht nachzuforschen.
Ich habe es nicht gegeben.
Doch nahm sie oder ich in ihrem
Auftrage es Ihnen ab.
Wie Blitz und Schlag waren sich
Rede und Gegenrede heftig gefolgt.
Unwillig stampfte Konrad mit dem
Fuße und rief:
Thörichtes Versprechen, zu dem ich
Mf. mich zum zweiten Male verleiten ließ!
^Es wird wieder zum Unheil führen
soll es auch für diesen Tag gelten, der
vielleicht der letzte meines Lebens ist?
Ich fühle mit Ihnen, wie hart es ist,
und werde noch beute mit meiner Cou
fine sprechen, begütigte Egon freund-
schaftlich. Muth, mein Freund, Muth
und Vertrauen!
Er schüttelte jenem die Hand und
fltng.
a
Der frühe Dämmerschein des Win
»erabends schlich sich durch die weit zu
sammenf allenden Vorhänge in das
große Gemach, dessen etwas überladene
..stilvolle" Ausstattung in pompejani
schem Roth, Schwarz und Gold mit
ihrem Uebersluß an Schaustücken und
ihrem Mangel an den zahl- und na
menlosen Kleinigkeiten, mit denen man
sein heimisches Zimmer füllt, den mich
kernen Eindruck der „möblitten Woh
nung" machte. Nur ein Gegenstand
gehörte offenbar nicht der nach dem
Vreiscourant des Möbelmagazins zu
sammengestellten Garnitur an: das
über dem zierlichen Damensekretär
hängende Brustbild eines kühn und
trotzig blickenden, bärtigen, schönen
Mannes. Es war das Werk eines
berühmten Meisters und dessen großen
Namens würdig besonders gelungen
erschien der starre und dabei doch lei
denschaftlich heiße Ausdruck der unter
den überhängenden Brauen scharf her
vorblickenden Augen und die kräftige
Festigkeit der aufeinandergepreßten
Lippen eines jener Bilder, in denen
der Beschauer wie in einem Buche zu
lesen vermag, aus denen heraus ihm
gleichsam die Seele des Dargestellten
unverhüllt entgegentritt.
Das Halbdunkel verstärkte noch den
seltsamen Eindruck dieses Bildes, ließ
die wunderbar gemalten Augen noch
feuriger und trotziger glänzen.
Ihm gegenüber, den Blick fest, wie
gebannt, zu ihm hingewandt, saß Me
Iitta das Portrait war das ibres
Gatten. Das einfache, hochschließende
Trauergewand ließ sie noch bleicher als
sonst erscheinen. Um ihre Lippen hat
ten sich seine Fältchen eingegraben, die
Runenschrift des Schmerzes, der über
sie hereingebrochen, der sie in den we
nigen Monaten um Jahre hatte altern
lassen.
Wie ihr- Augen auf dem Bilde, so
weilten ihre Gedanken bei der Person
Roberts, bei dieser wie aus Stahl ge
fügten Riesengestalt, die noch immer,
zerschmettert und entstellt, in den Fel
senspalten der Alpen richte, bedeckt von
ungeweihtem, hartem Stein, von Eis
und Schnee, fern der Gruft feinet Ah
nen, unerreichbar der Frau, der selbst
der süßschmerzliche Trost geraubt war,
ihm die letzte Ehre und Liebe zu er
weisen.
Ehre und Liebe und Leben alles
verschlungen vom Schicksal, tierbraust:
im Sturm, zerschmettert vom Blitz,den
sie selbst auf sich gelenkt.
Mariettas Eintritt unterbrach das
gualvolle Sinnen. Sie zog die Vor
hänge zusammen, zündete die Lampe
an und fragte, ob sie den Herrn Baron,
der soeben in's Haus getreten sei, hier
her oder in den Salon weisen solle.
In den Salon, beschied die Baronin,
sich erhebend.
Inzwischen hatte Jacques im Vor
zimmer Egon den Pelz abgenommen
und auf die Frage, ob etwas Neues
oder sonst Bemerkenswertes votgefal
len. mit einem bedauernden Nein ge
antwortet es passire hier überhaupt
nichts mehr, man komme sich vor wie in
einem Leichenhause nur die Hoffnung
auf eine baldige Wendung zum bessern
durch den gnädigen Herrn lasse ihn
das noch länger ertragen, obwohl es
für einen Mann wie ihn bereits unet
träglich sei.
EL wird in der That bald anders
werden, sagte Egon, indem er einGeld
stück in die Hand des schmeichelnden
Dieners gleiten ließ.
Rum' Frühjahr, wenn wir endlich die
Leiche gefunden haben. Vielleicht bringt
sie der schmelzende Schnee mit hervor.
Das erwarten wir alle. ..
Auch ich, wenn der Herr Baron gnä
digst erlauben es wird schon anders
werden. gestattete sich Jacques in ehret
bietigem Tone zu bemerken, schnitt
aber dabei eine so außerordentlich bos
haste und ironische Fratze, daß Egon,
wenn et sie beobachtet hätte, dadurch
sicherlich zu einem sehr ernsten Miß
trauen gegen seinen Spion veranlaßt
worden wäre. Aber Egon hätte sich
bereits zur Thür gewandt und sah die
ses geradezu sardonische Grinsen nicht.
So vorsichtig und klug er sonst rech
nete. beging er doch einen Fehler, auf
den ihn ein Kind hätte aufmerksam
machen können: er glaubte, daß der
Mann, den er für die Treulosigkeit ge
gen seine Herrin bezahlte, ihm selbst
treu sei, glaubte an die Ergebenheit
und Aufrichtigkeit dessen, den er selbst
zum Heuchler und Spion gemacht
hatte.
BNitta begrüßte ihn freundlich. Die
durch den Tod Baron Roberts nöthig
gewordene nähere Verbindung hatte sie
einander näher gebracht als je zuvor
und Egon ihren Charakter zu genau
erkannt, um nicht dürch seine Zurück
haltung im Kreise der aufopferndsten
und zugleich anspruchslosesten ver
wandtschastlichen Zuneigung sich all
mälig immer fester in ihr Vertrauen zu
setzen. Nachdem sie einige geschäftliche
Angelegenheiten besprochen hatten, trat
eine Pause ein. Beiden schien noch et
was auf dem Herzen zu liegen, das sie
sich auszusprechen scheuten, bis Melitta
endlich erwähnte, sie.habe gestern auf
der .Straße den Lieutenant Buchrodt
zu erkennen geglaubt und fürchte, daß
auch er sie erkannt habe.
Egon nickte.
Das war in der That der Fall, er
far. sofort zu mir und verlangte $hre
Adresse zu wissen, die ich ihm natürlich
verschwieg.
if
Ich danke ^nen, Egon. «M A»vgnff begangen sichte
Loben Sie mich nicht zu sehr, Cou-t »efuchetmnen zuemander führte. Sic
fine es fiel mir wahrhaftig schwer. versuchte einige erklärende Worte zu
mein Wort zu halten und ihn an daS stammeln, doch schnitt Melitta divsel
seinige zu erinnern, weil weil &en, rasch ab, indem sie, das Haupt zum
nun.'was soll ich Ihnen verschweigen, stummen Gruße neigend, die Wohnung
was Sie morgen doch mit allerhand
Zusätzen und Entstellungen erfahren
werden weil er im Begriff stand,
sich zu schlagen.
Wegen meiner? rief Melitta zusam
menzuckend.
Nein, antwortete Egon rasch, auf
mein Wort das Duell war bereits be
schloffene Sache, ehe er Sie erblickte.—
Er überlegte, ob er etwas von einer ich sie doch an der Thür abgewiesen!
wahrscheinlichen Ursache fallen lassen
sollte, und fand, daß es besser sei, die
erste Mittheilung andern zu überlassen.
Nichts ist so boshaft und wahrheitfäl
fchend, als das von Mund zu Mund
flatternde Gerücht hatte sie es ver
nommen, fo blieb ihm die beste Gele
genheit, es fürfeinen Zweck zu verwen
den und auszubeuten, während er zu
gleich jeden Anschein der Gehässigkeit
vermied.
Nun, fuhr er ruhig fort, drang er,
was ja in feiner Lage begreiflich ist,
in mich, ihm eine Unterredung mit Ih
nen zu vermitteln, doch fühlte ich mich
wahrhaft von einer drückenden Last be
freit, als ich Sie gestern Nachmittag
nicht zu HaUse antraf.
Ein seines Lächeln beutete an, .daß
er zu seinem Besuche absichtlich die Zeit
gewählt hatte, in welcher Melitta, aus
zugehen pflegte. Sie nickte mit stum
mer Billigung.
Und das Duell?
Fand heute Vormittag statt. Ich
secundirte. Buchrodt schoß unbegreif
Iichetweife in die Luft und bekam eine
Kugel in die Brust nicht lebensge
fährlich, aber doch ziemlich ernsthaft.
Sein Gegner, vornehmet Herr, Ofsi
cier, wünscht die ganze Angelegenheit
geheim zu halten, es müssen da recht
seltsame Beziehungen mit unterlaufen,
übet die ich mich nicht auslassen kann,
da ich nicht eingeweiht bin. Mit sol
chen Geheimnissen ist es freiP" trie
mit ätherischen Oelen man mag ju
noch so fest verschließen, sie verflüchti
gen sich doch und ein jeder riecht ein
wenig davon. Deshalb, um Sie nicht
durch Fremde überraschen und er
schrecken zu lassen, hielt ich es für meine
Pflicht, Ihnen diese Angelegenheit mit
zuteilen, welcher Sie, ich wiederhole
es Ihnen, so fern als möglich stehen.
Wenn, fuhr Egon fort, doch ein?
Dame genannt werden sollte, sind Sie
es sicherlich nicht. Nochmals mein
Wort daraus!
Et lächelte dabei in eigentümlicher
Weise. Dann verabschiedete er sich, die
Einladung zum Zhee ablehnend. Er
hielt es für vorteilhafter, Melitta
allein übet das neue Räthfel, et
ihr geschickt in die Hände gespielt,nach
denken zu lassen, anstatt sie durch eine
weitere Unterhaltung zu zerftreuen.—
Genau vierundzwanzig Stunden
später schellte die Baronin an derThüt,
die unter dem Namen „Frau vetw.
Müller" eine Visitenkarte Konrad
Buchrodts trug. Frau Müller, eine
ältliche, gutmüthtg aussehende Person,
hatte als Zimmertiermiethertn bereits
die Welt und Menschen genügend ken
nen gelernt, um sofort zu begreifen,
daß der Besuch dieser tief verschleier
ten, eleganten Dame nicht ihr felöst
aalt. Ohne sie erst durch eine zwecklose
Frage in Verlegenheit zu setzen, führte
sie sie in das hübsch ausgestattete
Wohnzimmer ihres Miethers und
sagte: Es geht dem Herrn Lieutenant
gut nur das Wundfiebet hat ihn hef
tig gepackt, doch hofft es der Arzt in
einigen Tagen beseitigen zu können.
Der arme Herr, der stets so freundlich
und oft auch fo traurig war.
Die Thür 'des Nebenzimmers war
ein wenig geöffnet und durch den Spalt
sah Melitta das Kopfende des Bettes
zum zweiten Mal stand sie neben
dem Krankenlager des Mannes, den
das Geschick so seltsam und verhäng
nißvoll in ihreLebensbahn gestellt hatte
aber, ach! mit welchen ganz andern
Empfindungen, mit welchen bitter
schmerzlichen Erfahrungen!
Wer pflegt den Kranken? fragte
Melitta, während sie einen Veilchen
strauß, den sie bisher unter dem Man
tel verborgen, aus den Tisch legte. Da
sie sich entschlossen, persönlich nach dem
Kranken zu fragen— freilich erst nach
langem Zaudern —, sollten ihm die
Blumen, die er über alles liebte, den
Namen verrathen, den sie der Wirthtn
nicht zu nennen wagte.
Ich selbst! antwortete diese mit
Selbstbewußtsein. Das lasse ich mir
bei einem so nobeln, lieben Herrn nicht
Melitta hörte es. Rasch ließ sie
denSchleter fallen von einem seltsamen
Gefühl durchzuckt blickte sie forschend
in das erregte schöne Antlitz der Ein-,
getretenen, die bei ihrem Anblick nicht
minder überrascht stehen blieb. Und
mehr alsErstaunen: Mißtrauen,Furcht,
Eifersucht und Haß, im Moment em
porflammend, lag in den sich kreuzen
den Blicken der beiden Frauen..
Erst jetzt wurde Frau Müller inne,
daß sie wahrscheinlich einen sehr fatalen
verließ.
In Adas Erinnerung tauchte die vor
geshrige Scene an der Ecke der Linden
unid der Wilhelmstraße auf.
Wer war die Dame? fragte sie
rasch.
Ich kenne sie ja gar nicht, nicht ein
mal ihren Namen hat sie genannt, ant
wartete Frau Müller kläglich. Hätte
Das wäre sehr unrecht gewesen
es kann eine Schwester oder sonstige
Verwandte sein.
Frau Müller schüttelte energisch den
Kopf. In ihrer langjährigen Praxis
I als Zimmervermietherin hatte sie schon
mancherlei Damen bei ihren Herren Be
suche machen sehen und die Erfahrung
gewonnen, daß Schwestern anders auf
zutreten pflegen.
Der Herr Lieutenant hat mir mehr
als einmal gesagt, er stehe ganz allein
in der Welt, habe weder Eltern noch
Geschwister oder sonstige Verwandte.
Warum soll er aber denn nicht Freun
binnen haben, ein so lieber, freundlicher,
hübscher Herr! Und es war gewiß eine
sehr vornehme und seine Dame, darauf
verstehe ich mich. Die erste beste hätte
ich nicht hereingelassen, das kommt in
meinem Hause nicht vor... Frau Mül
ler zeigte eine sehr tugendhafte Miene,
patschte energisch mit der Hand auf das
Zeichen ihrer Hausherrinwürde, den ge
wichtigen Schlüsselbund am Gürtel,
und fuhr flüsternd fort: DerHerr Lieu
tenant Ihnen, mein liebes, gnädiges
Ffäuletn, kann ich wohl sagen hat
da in seinem Schreibtisch die Photo
graphie einer Dame, die er oft stunden
lang betrachtet, wonach er meist sehr
traurig gestimmt ist. Sobald ich in's
Zimmer trete, schließt er sie sogleich
wieder sorgfältig ein, obwohl et sonst
gat nicht mißtrauisch ist und bei mir,
Gott sei Dank, auch keine Ursache dazu
hätte. So von weitem Hab ich aber doch
hin und wieder einen Blick darauf ge
worsen, und ich möchte wetten, es ist
das Bild dieser schönen, vornehmen
Dame in Trauer.
Ada hatte die kleinen Zähne fest in
die Unterlippe gegraben, das einzige
Zeichen ihrer Erregung. Jetzt athmete
sie einige Mal tief und heftig auf, nahm
das Veilchensträußchen der Baronin in
die Hand und sagte: Das mag wohl
sein, vielleicht auch nicht was geht es
uns an! Herr Buchrodt wird aus den
Blumen die Gebmn erkennen... wie
herrlich diese bescheidenen Blümchen
duften, Frühlingsgrüße, während drau
ßen die Flocken stauben!... aber, Frau
Müller, unterbrach sie sich erblassend
und eilte in das Schlafzimmer, ho
ren Sie nicht, er beginnt zu phantasi
rat!
Wie von einer fremden Gewalt ge
trieben, war Melitta die Treppe hin
abgeeilt. In der Hausthür mußte sie
einen Augenblick stehen bleiben die
Hand auf das heftig klopfende Herz
gepreßt, schöpfte sie Athem, erst müh
sam ringend, dann ruhiger und immer
ruhiger. Ja, unter dem verhüllenden
Schleier begann sich ihr Antlitz zu rö
then, ihr Auge in einem fast freudigen,
milden Glänze zu strahlen. Ein ruht
ges, sieghaftes Lächeln ergoß sich über
ihre Züge.
Fahren Sie mich wieder nach dem
Potsdamer Platz, befahl sie dem
Droschenkutscher, der sie hierher ge
führt und auf sie gewartet hatte. Als
sie den Schlag öffnete, um einzusteigen,
glitt eine hohe Männergestalt, das Ant
litz von 'dem hochgeschlagenen Kragen
des Havelocks und dem ties in die
Stirn gedrückten, breitkrempigen Hut
völlig verhüllt, aus dem Schatten des
Hauses hervor, dicht, fast ihren Man
tel streifend, an ihr vorüber und ver
schwand hinter der Droschke, unheim
lich und geräuschlos wie ein Gespenst.
Mit einem erstickten Schrei warf sie
sich in die Kissen.... zwei glühende
Augen hatten sie angestarrt, die fun
kelnden, trotzigen Augen, welche sie
tagsüber stundenlang auf dem Bilde
über ihrem Schreibtisch betrachten
mußte und foie des Nachts sie in ihren
Träumen verfolgten. Aeffte sie ein
Spuck, der Wahnsinn? War es mög
lich, daß die Todien zurückkehrten?
Das Fortrollen des Wagens brachte
sie aur Besinnung. Sie schalt sich eine
Thörin... wer anders konnte es gewe
sen sein als ein Zudringlicher, dem ihr
langes Verteilen an der Hausthür aus
ae'fauen war? •**-...
nehmen. Für die Nacht hat der Herr! *auJe
Baron von Nicolai einen Krankenwär- J.ri1. betrachtete es lange mt
ter geschickt und außerdem kommt feuchtschmtmernden Augen.
Fräulein: ... I Jetzt, sprach f« leise, jetzt weiß ich:
Sie unterbrach sich und eilte hinaus. trotz allem, was ich sprach und that,
Es hatte leise geschellt. Vor sich ließ was ich unterließ, und duldete tn unselt
fie eine mit ein klein wenig extravagan- Ger Verblendung, trotz allem, was zwt
ter Eleganz gekleidete Dame eintreten, schert uns getreten, habe ich dtr doch nte
iie Treue gebrochen, stets dich und dich
allein geliebt, und mein ganzes Leben
gäbe ich darum, es 'dir nur einmal noch
sagen zu können!
welche noch im Vorsaal mit hastig
ängstlicher Stimme gefragt hatte: Wie
geht es. doch nicht schlimmer, hoffe ich?
Ist das Fieber noch so stark? Schläft
er? O, wer doch wüßte, wie feine
Schmerzen zu lindern sind!
Zu Hause trat sie vor das Bild Ro
Egon von Nicolai hatte wieder ein
mal sehr klug gerechnet, als er es der
Fama überließ, Melitta die Einzelhei
ten des Duells zuzutragen. So wenig
Verkehr sie auch unterhielt, ganz gegen
die Welt konnte sie sich doch nicht ab
schließen, und da man in ihren Kreisen
ihres Vetters enge Beziehungen zu
Buchrodt kannte, wurde hier das Ge
rücht nur umsomehr erörtert. Ein
Gerücht mit allen den bekannten Ver
drehungen, Zusätzen und Entstellungen,
aus einem Fünkchen Wahrheit aufge
bauscht, das, wie sich ein rollender
Schneeball ins Riesenhafte vergrößert,
au8 jedem Munde, der es weiter gab,
mit einer neuen Erfindung ausgestat
tet wurde, oft so sinnlos und albern,
daß Egon beim Zuhören sich nicht we
ma ergötzte. Man sprach von alten
Beziehungen 'des Gegners zu einer Da
me vom Theater, zwischen welche Kon
rad Buchrodt getreten sei, von einem
tätlichen Rencontre auf offner Stra
ße, an 'dem auch die Dame betheiligt ge
Wesen, von Verm ttlu.ngsverswhen der
selben. die einen ungemein pikanten
Beigeschmack haben sollten, von tausend
andern noch viel sinnlosem Einzelhei-
Seine musterhafte Discretion be- derschmettecnde Nachricht erhalten, dafe
wahrte Egon auch Melitta gegenüber, Melitta noch immer bei ihrer Weige-
Hin und wieder berichtete er von Kon
rads günstig fortschreitender Genesung,
scheinbar ohne eine Antwort daraus zu
erwarten, und nur einmal gab er durch
die Blume zu verstehen, Konrad habe,
trotz seiner, Egons, Abmahnungen,
stark gelebt, viel mit Theaterdamen ver-
Vergebens suchte er durch Jacques
die Wahrheit zu erfahren, der Kammer
dienet wußte nur bedeutungslose Klei
nigkeiten zu berichten und entschuldigte
sich damit, daß eben, leidet! nichts
mehr passire vergebens suchte er Kon
rad auszuhorchen, und so mußte er sich
daraus beschränken, seine eigene Person
bei Melitta in das günstigste Licht zu
setzen.
Konrads Wunde heilte, nachdem ihn
das Fieber verlassen, ausfallend schnell,
obwohl er in der That nur um eines
Haares Breite dem Tode entgangen
war. Es schien, als trage sein energi
scher Wille, bald zu genesen, mehr dazu
bei als alle ärztliche Kunst. Sobald
er aus jeder Gefahr war, hatte Fräu
lein Markowicz ihre Besuche eingestellt.
Eines Tages jedoch, als er im Lehn
stuhl ruhte, hörte er ihre Stimme im
Votsaal, und da er von Frau Müller
gehört, wie treulich sie ihn während sei
nes Wundfiebers gepflegt und wie sie
ihm auch später täglich jene kleinen, den
Kranken so erfreuenden Aufmerksam
keiten, Zufendung von Blumen, Friich
ten, Büchern und dergleichen erwiefen
hatte, ließ er sie bitten, für einen Au
genblick bei ihm einzutreten.
Sie kam sofort ohne jede Ziererei.
Ihre Hand schmiegte sich warm in die
seine und ihr schönes, lebhaftes Auge
glänzte freudig, als er ihr feinen Dank
aussprach.
Während er halb liegend im Lehn
stuhl saß und sie am Schreibtisch stand,
dicht vor ihm, plauderten sie über ge
meinsame Bekannte, Theater und kleine
Stadtereignisse, ohne des Duells ferner
mit einem Worte zu erwähnen. Adas
scharfer Blick bemerkte sofort ein ver
trocknetes Veilchenbouguet, das sorgsam
auf der Schreibtischplatte aufgestellt
war. Ihre Lippen zuckten, sie kannte
das Sträußchen noch, unwillkürlich
griff ihre Kinderhand darnach, und da
bei bemerkte sie, tote des Freundes
Blick sich umwölkte, mit dem Aus
druck ängstlicher Besorgniß ihrer Hand
folgte.
Langsam.zog sie dieselbe zurück und
sprach mit hart klingender Stimme:
Ich füge Ihren Blumen kein Leid zu
sie scheinen Ihnen sehr theuer zu
sein.
Das sind sie allerdings, antwortete
hit
O, nicht viel ich kam nur hieHqx,
18 Dame JWn das BouqM, M
brachte. Sie ist sehr schön und, wie
!s scheint, nicht minder stolz sie hatte
keinen Gruß für mich, ja, betrachtete
mich sogar mit Blicken, die mir deute
lich sagten, daß sie mich für eine Zu
dringliche hielt, wohl noch für mehr
»der weniger, wie Sie es nehmen wob
Im. Vielleicht glaubte sie, ich habt,
trotzdem oder deshalb, ein besonders
Recht, bei Ihnen zu sem oder meine
Nähe beflecke sie, denn sie rauschte ohne
Gruß davon wie Mira Stuart im er
sten Act, und ist, soviel ich weiß, nicht
ten, nannte sogar, allerdings ungemein wiedergekommen
vorsichtig, den Namen Ada Markowicz, Die Schauspielerin hatte mit fast
und konnte nUr eines nicht errathen,1 übertriebener spöttischer Betonung ge
den Namen des Gegners, von dem man sprachen. Aus ihrer
nur wußte, daß er ein Dragoner-Offi- Hang zur Grausamkeit, der sich so oft
cier von sehr hoher gesellschaftlicher wunderbar mit der Liebe des WeibB
Stellung sein sollte. Man bezeichnete verbindet, und desto stärker, je wenige
heute diesen, morgen jenen Garde-Ossi- die je Liebe hoffen darf. Dennoch er
cier und wiederrief es sofort wieder an schrak sie, als sie die Wirkung ihre,
den Dragoner aus der Provinz, der Worte bemerkte: in die
nur zwei Tage im Hotel Continental Wangen Konrads trat eine scharf abge-
Iogirt, dachte Niemand. Die Presse grenzte Rothe, feine Augen öffneten sich
schwieg, einige unbedeutende Skandal-1 we't, als fluten sie etwas Entsetzli
blättchen ausgenommen eine Untersu- ch-s, krampfhaft zuckten und schlössen
chung konnte nicht eingeleitet werden, sich seine Hände, um sich dann fest gegec
da man von allen Betheiligten nur die wunde Brust zu pressen.
Buchrodt kannte. Er hatte heute durch Egon die nie-
rung, zu sehen, beharre, ja,''daß sie
in eigentümlicher Weise gegen ihn ein*
genommen scheine .tun wurde ihm
alles furchtbar klar.
Ada, die sich besorgt über ihn neigte,
zurückstoßend, richtete er sich mühsam
empor und keuchte: Das habe ich nicht
kehrt, überhaupt lockere Gesellschaft ge- geahnt Niemand hat mir davon ge
sucht, wie dies von je seine Gewohnheit sprachen und Sie scherzen jetzt nur*
gewesen, und sein Duell mit Altenegg
sei in der That lediglich die Folge eines
erbitterten Streites gewesen, in wel
chem Fräulein Markowicz, die be
rühmte Heroine des **=Thcatos, eine
nicht ganz vorwurfsfreie Rolle gespielt
habe.
Freilich beeilte er sich, sofort hinzu
fühen, daß Konrads unsichere Verhält
nisse ihm zur Entschuldigung dienen
müßten, daß sein lebenslustiger, genuß
froher Charakter ihm ein solides Phili
sterleben zur Unmöglichkeit machten und
bekanntlich auch der unschuldigste nur
aus Kunstbegeisterung hervorgehende
Verkehr mit Schauspielerinnen von der
urtheiisilofen Menge übel gedeutet
wurde Beschömgungsgründe, die
zumTheil eigentlich noch schlimmer wa
ren als die vorher erhobenen Ankla
gen.
blieb der Eindruck, den Egon von sei
nen wohlberechnten Worten erwartet
hatte, vollständig aus. So scharf er
Melitta beobachtete, es zeigte sich kein
Schimmer von Unruhe, Eifersucht,
Schmerz oder Zorn in ihren Augen und
Mienen, höchstens Mitleid. Er sand
sich damit urplötzlich vor ein Räthfel
gestellt, für das er wohl zwei Lösungen
fand entweder hatte sich Melitta eine
fast übermenschliche Selbstbeherrschung
angeeignet oderBuchrodt war ihr gleich
giltig geworden doch erschien ihm
die eine ebenso unwahrscheinlich wie die
andere.
um mäch zu necken, gestehen Sie es eint
darf und kann ja nicht Wahrheit sei#
es wäre zu schrecklich!
Vielleicht, erwiderte die Schauspiel
rin stockend, vielleicht habe ich Jhncr
die Scane etwas zu schroff geschil
dert. ..
Also Wahrheit?
Sie neigte stumm das Haupt. Wxt
gern hätte sie ihre raschen Worte zurück
genommen, da sie fühlte, wie schmerzlich
sie sein Herz getroffen! Nun wußte si,
daß er jene stolze,vornehme Dame Hebte
und daß sie nichts mehr-zu hoffen hatte.
Verzeihen Sie, murmelte freundlich,ma
Freundschaft.
Freundschaft? schrie Konräd mü
aller Kraft dazwischen. Ihre Freund
schaft raubt meinem Leben den.letzten
Halt, die letzte Hoffnung! Ich wer
fluche Sie, fluche dem Tage, an dem
ich Sie zum ersten Male sah, de&
Stunde, in der Sie zuerst den Fuß
mein Haus setzten diese Freund
schaft, lachte er gellend auf und faßte
den Kopf mit beiden' Händen. Rüh
men Sie sich Ihrer Freundschaft,
mich elend gemacht hat o, das W
entsetzlich!
Von einem unendlichen Weh erfaß!
war Ada zurückgewichen ihr Leben
hätte sie darum gegeben, ihn beruhigte,
und trösten zu können. Sie sah ihc
schwanken, die Adern auf feiner Stirn
anschwellen und den Puls an seine®
Schläfen hämmern, seine Brust keu
chend nach Athem ringen, in seiner«
weitgeöffneten Augen ein wildes, ar
den Blick eines Wahnsinnigen erinnern*
des Feuer glühen fühlte, daß jvdM
weitere Wort ihn nur noch.mehrcreizm
müsse. Stumm, mit ^rührendem Fle
hen hob sie beide Hände..empor.
Er beachtete es nicht.
Fort! donnerte er, nach der Thm
weisend. Haben Sie noch nicht -gemU
Gift in mein erbärmliches Dasein ge
träufelt fort! sein Gesicht be$=
zerrte sich plötzlich, zur Unkenntlichkeit
er schwankte, griff mit den Händen
die Luft, ein Blutstrom entquoll fernem.
Munde. Laut aufschreiend sprang die
Schauspielerin auf ihn zu und fing ihn
in ihren Armen auf.
(Fortsetzung folgti)
nen Sie doch den Einbruch nicht,..An»
geklagter schließlich wollen Sie moch
behaupten, Sie hätten einen Doppel
gänger!" Angeklagter: „Wenn.ich
wüßte, daß die Herren mir das glau
ben würden!"
E a a a
(Podagraist liegt prachtvoll verpsleK
auf feinem Lehnftuhl): So Frau.
Jetzt will ich schlafen! Sorg dafüx,
daß sich imHaus nichts rührt, und dcD
der Azorl nicht bellt! Verjag' mir
Fliegen und koch' mir derweil ein fei
nes Esse^l! Sobald nachher merU
daß ich was Unangenehmes träumt
aber ja net früher, weckst mich gleich
auf!
N a a
es wahr, daß Sie sich mit Julie Neu
mann verloben werden? Arzt: ',A
bewahre, wie kommen Sie darauf.? Ich
habe bei der Familie Neumann aK
Stellvertreter des Dr. Richter 'übet*
Haupt erst zum ersten Male einen Be
such gemacht. Junge Dame: Nur
eben/ Dr. Richter war doch aber m£i
Julie Neumann schon halb verlobt,
und Sie als Stellvertreter...
a a
Wetter. Erster Kunde: Schreckli
ches Wetter heute, nicht war? Barbier:
Ja, ganz entsetzlich! (Zehn Minuten
später.) Zweiter Kunde: Prächtige
Wetter heute! Barbier: Ja, 'solch
herrlichen Morgen haben wir langt
nicht gehabt. (Eine Viertelstunde spä-
Kvnrad. Sie verkörpern mir zugleich ter.) Dritter Kunde: Sagen Sie,
etne süße Erinnerung und eine no.'..
schönere Hoffnung.
Und die Dame int Schlitten, die Ge
berin.
Ada was wissen Sie davon?
was haben wir heute eigentlich für Wei
ter? Barbier: Ja, verehrter Hetk
das kann ich Ihnen wirklich nicht sa
gen, ich jvai heut noch nicht tior der
Thür!
1
Stimme
klangt»
eingefallen®,

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