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New Ulm Post. [volume] (New-Ulm, Brown County, Minn.) 1864-1933, December 11, 1914, Image 5

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Setbette Netze.
Roman von 8tcm 1)0lb Ortmens
(15. Fortsetzung.)
Und Sie selbst, Herr Alström
Sie selbst gehören zu diesen Männern?
Auch Sie also haben die Bitterkeit sol
cher Enttäuschung bereits erfahren
müssen?
Die Vertraulichkeit, mit der sie sich
Am genähert, hatte im ersten Augen
blick fast etwas Beklemmendes für ihn
gehabt dann aber war ihm der weiche
Klang ihrer schönen, volltönenden
Stimme unbeschreiblich wohlthätig in
txis Herz gedrungen. Und mit einem
Male erfaßte ihn fast- unwiderstehlich
das Verlangen,' sich rückhaltlos einem
andern menschlichen Wesen anzuver
trauen und all das tiefe Leid, das er
bis dahin in seiner Seele verschlossen
gehalten, auszugießen in eine theilneh
Utende Brust.
Ohne daß er selber sich hätte Re
chenschaft darüber geben können, wie es
eigentlich geschehen war, hätte er ihr,
der beinahe Fremden, die ganze Ge
schichte seiner ersten Liebe erzählt, diese
kurze und für ihn doch so inl^altorchc
Geschichte, die mit himmelhohem Jauch
gen begonnen hatte, um in wehmüthig
hoffnungsloser Resignation zu enden.
Er hatte keinen Nam-en genannt,
aber als sie sich sein ganzes Herz hatte
ausschütten lassen,fragte Victoria plötz
lich: Und die Dame, von der Sie spra
chen sie heißt Gabriele Gorbach
nicht wahr?
In höchster Betroffenheit sah Frith
jos zu ihr auf.
Woher können Sie wissen...
€}, ich weiß vielleicht noch mehr als
das! Der Ihnen von dem reichen
Bewerber mit der V'Jtta am Lago
Maggiore erzählt hat, es war Ihr
Freund Konstantin Nikolajewitsch
nicht wahr?
Allerdings! Ich erfuhr es aus
dem Munde des Fürsten. Aber so sa
gea Sie mir doch um Gottes willen,
woher Sie wissen können...
Und fragten Sie ihn denn nicht nach
dem Namen dieses Glücklichen? Da
er doch einmal so gut unterrichtet war,
mußte er da nicht auch diesen ken
nen?
Nein, er kannte ihn nicht. Denn
welchen Anlaß hätte er sonst gehabt,
ihn mir zu verschweigen?
Eine sehr triftige vielleicht. Er
fürchtete möglicherweise, daß Sie ihn
zu Boden schlagen würden, wenn er
Ihnen den Namen Ihres Nebenbuh
lers nannte. Denn er hätte einen sehr
bekannten Klang für Sie gehabt
dieser Name.
Frithjof Alström öffnete. die Augen
weit, und Victoria erschrak von der
Heftigkeit,mit der er von feinem Stuhle
emporfuhr.
So nennen Sie ihn mir, wenn Sie
ihn wissen! Sie können ia nicht ahnen,
eine wie schreckliche Deutung Ihre
_$5rte zulassen.
'.uenn diese Deutung die richtige
Wenn Fürst Konstantin Apra­
xin selbst das Gewicht seines Reich
thums gegen Sie in die Wagfchale ge
worfen hätte? Würden Sie mir
dann glauben, daß ich recht hatte, als
ich sagte, daß dem Egoismus der Man
Her nichts geheiligt sei?
Was Sie da sagen es ist nur eine
Vermuthung ein aus dem Nichts
geschöpfter Argwohn nicht wahr?
Oder oder haben Sie etwa einen
wirklichenAnhalt für diesen entsetzlichen
Verdacht?
Ich denke wohl! Aber was hin
dert Sie daran, sich volle Gewißheit
au verschaffen? Wenn Sie Ihren
Kreund, den Fürsten, nicht fragen wol
len, so steht es Ihnen doch immerhin
frei, sich bei Fräulein Gabriele selbst zu
erkundigen, und ich zweifle nicht, daß
die junge Dame Ihnen bereitwillig
Auskunft ertheilen werde.
Wieder griff Frithjof sich an die
Stirn.
Gabriele! Ja, Sie haben recht!
Ich werde zu Gabriele gehen, um sie zu
fragen. Und sie wird mir sagen, daß
es nicht wahr sei. Denn es kann ja
nicht wahr sein es kann nicht
es fann nicht! Sie wollten meine
Freundschaft für den Fürsten auf die
Probe stellen, mein Fräulein aber
Sie sollen ihm nicht sagen, daß ich nur
«ine Secunde lang an das Unglück
liche geglaubt hätte. Leben Sie
wohl!
Er stürzte davon und Victoria sah
ihm mit düster brennenden Augen
nach.
Victoria legte sich auf die Ottomane
«nd nahm den Novellenband wieder zur
Hand, den sie vorhin beiseite geworfen
hatte. Sie versuchte zu lesen, aber der
Beginn der ersten Erzählung erschien
.. ihr in seiner idyllischen Einfachheit
schal und abgeschmackt, so daß sie das
Buch nach einigem Blättern ungedul
dig wieder zuschlug. Da wurde drau
tzen die Glocke gezogen ganz leise
und vorsichtig, wie wenn der Einlaß
heischende vermeiden wolle, daß der
Klang bis in die vordem Zimmer ver
nehmlich werde.
Victoria erhob lauschend das
Haupt.
Das ist er! murmelte sie. Nun
werden wir ja sehen, mein Fürst,
aus welcher Seite die Ueberraschung
ist.
Der gedämpfte Klang einer Stimme
wurde vernehmlich und dann ein kur
Klopfen an die Thür, die auch in
demselben Auaenblick schon aufgerissen
wurde. Fürst Konstantin Äpraxw
stand auf der Fchwelle,mit einem Aus
druck erheuchelter Erregung auf dem
blassen Gesicht und vielleicht mit einem
wohlüberlegten, heftiger! Wort auf den
Lippen. Aber die gewaltige Enttäu
schung, da er Victoria allein sah,machte
ihn verstummen. Er erkannte, daß des
Doctors verwegener Plan hoffnungs
los gescheitert sei, und er wünschte sich
im Stillen weit hinweg von der Stelle,
auf der er stand.
Ich store dich, wie es scheint, der
Lektüre, Victoria, sagte er mit unsiche
rer Stimme,indem er um einigeSchritte
näher trat, aber ich glaubte Alström
noch bei dir zu finden.
Du siehst, daß er mich bereits ver
lassen hat, mein Freund, erwiderte sie
scheinbar ruhig, ohne sich ganz aus
ihrer bequemen Stellung aufzurichten.
Ich würde ihn länger zurückgehalten
haben, wenn er mir gesagt hätte, daß
ihr euch hier ein Rendez-vous gege
ben.
Ein Rendez-vous? O nein, meinte
der Fürst mit verlegenem Lachen. Ich
wünschte nur, ihm etwas mitzutheilen,
was indessen durchaus nicht eilig ist.
Und es ist mir sogar sehr lieb, daß wir
jetzt Gelegenheit haben, ganz ungestört
miteinander zu reden. Ich habe etwas
auf dem Herzen, das nothwendig aus
gesprochen werden muß, damit endlich
volle Klarheit geschaffen werde zwischen
dir und mir.
Unsere Wunsche begegnen sich, sagte
sie kalt. Wer vielleicht gestattest du
mir, den Anfang zu machen. Nach
Klarheit nämlich verlangt es auch mich
nach klarer, unzweideutiger Zurück
weisung einer abscheulichen Verleum
dung, die sich, mit deiner Person be
schäftigt und sich dreist bis zu mir
herangewagt hat. Man erkühnt sich,
zu sagen, daß du mir untreu seiest
und daß du hinter meinem Rücken
Beziehungen zu einer Andern unter
hältst.
Das Unerwartete dieser Anklage
brachte ihn zunächst völlig außer Fas
sung.
Wer sagt das? stotterte er. Ein Ge
rede! Du solltest derartigen Gerüchten
wirklich keine Bedeutung beilegen, Vir
toria!
Ich bin sehr weit davon entfernt, es
zu thun, erklärte sie gelassen. Aber ich
meine, daß es doch angebracht wäre, sie
verstummen zu machen.
Wodurch vermöchte ich das zu be
wirken? fragte er achselzuckend. Kann
ich die Leute verhindern, Geschichten zu
erfinden? Oder soll ich jeden einzelnen
zur Rechenschaft ziehen, der mich ver
leumdet?
Neiji! Aber du kannst aller Welt
auf's unzweideutigste beweisen, daß es
sich in der That nur um eine Verleum-1
dung handelt. Man wird nicht län
ger wagen, derartige Lügen auszu-.
streuen, wenn unsere Verlobung öf
fentlich bekannt gemacht worden ist.
Aber das ist unmöglich, Victoria
für den Augenblick wenigstens ist es
leider ganz unmöglich.
In der That? Und weshalb?
Weil weil es liegen da ge
wisse Verhältnisse vor, Victoria, über
die ich mich nicht gut auszusprechen
vermag.
Ich aber will dir sagen, wie diese
Verhältnisse begaffen sind! Du be
reust das Wort, das du mir gegeben,!
und fct suchst nach einer Möglichkeit,
desselben wieder ledig zu werden. Ver-'
hält es sich so, mein Freund? Oder
kannst du mir versichern, daß ich mich
täusche?
Wenn mein Benehmen, ohne daß ich
es beabsichtige, diese Empfindung in
dir geweckt hat, Victoria, sagte er, soj
würden wahrscheinlich all meine Ver
sicherungen. nicht im Stande sein, dich,
von der Grundlosigkeit deines Arg
wohns zu überzeugen. Und ich meine,
daß rückhaltlose Offenheit unter diesen
Umständen das beste sei für dich wie
für mich. Wenn ich wirklich zu der
Gewißheit gelangt wäre, daß die Ver
schiedenartigkeit unserer Naturen...
O, gib dir keine Mühe, wohlwollen
de Umschreibungen und tönende Phra
sen zu erfinden, die deinen schimpflichen
Wortbruch beschönigen sollen, fiel sie
ihm scharf und herbe in's Wort. Sage
mir doch einfach, daß du meiner über-1
drüfsig geworden seiest, weil das, was
du besitzest, dich überhaupt nicht mehr
zu reizen vermag oder Mil eine andere
dir besser gefällt
Du bist ungerecht, Victoria, versuchte
er sie zu beschwichtigen. Es ist selbst
verständlich, daß eine Lösung unseres
Verlöbnisses nur mit deiner Einwilli
gung erfolgen könnte, und dein Glück
vor allem ist es, das ich im Auge habe,
wenn ich fürchte, daß unsere dauernde
Vereinigung ein verhängnisvoller Feh
let sein würde.
Ah in der That? Wie zärtlich
du doch um mich besorgt bist! Aber wir
wollen uns nicht damit aufhalten,
Phrasen zu machen, an die doch keines
von uns auch nur einen Augenblick
glaubt. Willst du mir dein Wort bre
chen nun wohl, es gibt nichts, das
dich daran hindern könnte! Nur habe
dann wenigstens den Müih, es offen
und gerade heraus zu erklären und dich
mit jener edeln Rücksichtslosigkeit, die
euch Herren der Schöpfung so wohl an
steht, auch vor der Welt zu deiner Hel
denthat zu bekennen. Das Recht des
Stärkern ist auf deiner Seite wa
rum willst du dich bedenken, Gebrauch
davon zu machen?
Es thut mir weh, daß wir so mit
einander sprechen müssen, Victoria,
sagte er, sich Hintex jene aristokratische
Ruhe verschanzend, mit der er den klei-
I
S9BM
nett Widerwärtigkeiten deS Lebens
schön oft erfolgteich begegnet war.
Ich hatte gehofft, daß du mit helfen
würdest, den Boden für eine Verständi
gung zu finden, wenn sich die Erörte
rung dieser peinlicher Dinge doch ein
mal nicht länger mehr hinausschieben
ließ.
So? Hattest du das wirklich gehofft?
fuhr sie in flammender Leidenschaft
auf. Aber du bist gar zu anspruchs
voll, mein Lieber! Zu den geduldigen
und demüthigen Naturen, die hilfreich
ihre Hand selbst mit an den Griff des
Messers legen, mit dem sie abgethan
werden sollen, gehöre ich nicht! Du
magst thun, was dir beliebt, nur rechne
nicht darauf, daß ich es dir durch eine
taubenhafte Unterwerfung leicht machen
werde.
Und doch läge es in deinem Interesse
fast noch mehr als dem meinigen,
vor der Welt den Anschein einer durch
freundschaftliche' Übereinkunft herbei
geführten Lösung zu bewahren. Es
wäre ein Ausweg, der...
Der für dich sicherlich nicht anqeneh
met und bequemer sein könnte, fiel sie
ihm heftig in's Wort. Aber ich denke
nicht daran, dir diesen Dienst zu er
weisen. Lieber will ich durch deine
Handlungsweise vor aller Welt be
schimpft sein, als daß ich mich vor mei
nem eigenen Gewissen mit dem Fluch
der Feigheit und Lächerlichkeit behafte.
Ich will den Schmerz über die Veleidi
gung, die du mir angetban, nicht ins
geheim in meinen vier Wänden auswei
nen, sondern ich will jeden, der Lust
dazu hat, zum Zeugen meiner Ernied
rigung machen, und ich will es an der
geeigneten bengalischen Beleuchtung für
deine heroische That warhaftig Nicht
fehlen lassen.
Ich versehe dich nicht mehr, Victo
ria, sagte er kühl. Aber du selber wirst
nicht glauben, daß eine Drohung im
Stande sein könnte, mich zu er
schrecken.
Dich zu erschrecken? O nein!
Was wäre mir auch daran gelegen!
Aber die Welt wird vielleicht einiges
Mitleid mit meinem Schicksal haben,
wenn sie erfährt, welcher Mittel ein
Fürst Apraxm sich bediente, um eines
gegebenen Wortes ledig zu werden und
seine verpfändete Ehre auf gute Art
einzulösen. Jammerschade nur, daß
dieser Herr Frithjof Alström, den der
Scharfsinn Eurer Durchlaucht zugleich
zum Betrogenen und zum Betrüger
machen wollte, gar zu ehrlich und un
verdorben war, um seine Rolle in-dem
fein angelegten Jntriguenspiel nach
Wunsch durchzuführen. Zu einem so
ausgesuchbenSchurkenstreich hatten Sie
Ihren Mann mit mehr Vorsicht wählen
müssen, mein Fürst!
Doctor Etinne Bourdaloue hatte ihr
mit allem Nachdruck eingeschärft, daß
sie den Plan des Fürsten wohl- durch
kreuzen, unter keinen Umständen aber
ihre Kenntniß von demselben vexrathen
dürfe. Ihre eigene Klugheit mußte ihr
gebieten, diese Weisung zu befolgen
nun aber hatte der Zorn sie hingerissen,
und als sie einmal die Wirkung ihrer
Worte gesehen, hätte keine Rücksicht
auf den Bundesgenossen sie mehr be
stimmen können, auf den Gebrauch
dieser ausgezeichneten Waffe zu verzich
ten.
Fürst Apraxin war betroffen zufam
mengefahren, und in der ersten Ver
wirrung ließ er sich den thörichten Aus
ruf entschlüpfen: Bourdaloue ist Bei
Ihnen gewesen! Kein anderer kann
Ihnen dies abgeschmackte Märchen auf
getischt haben als er!
Es geschah wohl unbewußt, daß er
sich wieder des förmlichen „Sie" be
diente aber für Victorias feinen In
stinct sprach dieser kleine unbedeutende
Umstand ebenso deutlich wie die Ver
Änderung in seinen Zügen.
Es ist gleichgiltig, ob ich von dem
säubern Anschlage durch ihn Kenntniß
erhalten habe, erwiderte sie, oder ob
meine eigenen Augen scharf genug wa
ren, um die Maschen des Netzes wahr
zunehmen. Aber ich furchte in der
That, Durchlaucht, daß es eine schlechte
Empfehlung für Sie sein würde, wenn
eine gewisse junge Dame erführe,, auf
welche Art Sie sich von Ihren Litern
Verpflichtungen loszumachen pflegen.
Konstantin Nikolajewitsch hatte zwar
inzwischen seine Fassung zurückgewon
nen aber seine erheuchelte Unbefangen
heit kam zu spät, als daß sie auf Vic
toria noch hätte Eindruck machen kön-
nen.
Ich verstehe Sie nur zum Theil,
sagte er, und ich weiß nicht, auf was
Ihre räthfelhaften Andeutungen sich
beziehen sollten. Aber ich habe die
Empfindung, daß wir um unserer
Selbstachtung willen die Unterhaltung
nicht in diesem Tone fortsetzen dürfen.
Vielleicht finde ich Sie später in einer
Stimmung, die eine ruhigere Ausspra
che möglich macht.
Er schickte sich an zu gehen, aber
Victoria vertrat ihm hoch aufgerichtet
den Weg.
Nicht so, Fürst Apraxin! Ich wün
sche eine bündige und unzweideutige
Erklärung von J^nen zu erhalten, be
vor Sie gehen. Sie waren es, der
mich zuerst zum Kampfe herausgefor
dert hat, und wenn es im Ernst Ihr
Wunsch ist. daß Krieg zwischen uns sei,
so sollen Sie auch nicht darüber im
Zweifel bleiben, daß ich entschlossen
bin,, mich zur Verteidigung meiner
Ehre Ihrer eigenen Massen zu bedie
nen.
Sie drohen mir also wirklich? Und
Sie wähnen, daß irgend jemand
Ihrer Erzählung Glauben schenken
werde?
e« flttt mit gleich, ob aüt Mt fU
fit Zweifel zieht. Ein« wird daran
glauben, dessen bin ich ganz gewiß,
und wenn jneine Beweise vielleicht nicht
ausreichend wären, um Sie vor dem
Ehpnrath des Jockey-Clubs einer
Schurkerei zu überführen für
Fräulein Gabriele Corbach, darauf
mögen Sie stch verlassen, sind sie ge
wichtig genug.
Äonftantta W°l-jmttsch grub bU
»UmWch «Vn'va? un* run«. fatte fit «etinatoät,«. fflen,
wohl er im ersten Augenblick kaum be
griff, woher ihr auch dieje Kenntniß
gekommen sein könnte, wurde es ihm
doch sogleich vollkommen klar, daß un
ter solchen Umständen jede weitere
Hoffnung auf eine gütliche Verständi
gung eitel Wahnwitz gewesen wäre.
Er war die Antwort auf ihre letzten
Worte schuldig geblieben, und in der
Stille, die jetzt zwischen ihnen ernge
treten war, vernahmen sie plötzlich beide
das Geräusch eines Streites, der drau
.ßen im Vorzimmer oder auf dem Cor
ridor vielleicht schon seit einiger Zeit
geführt worden war, ohne daß sie es
bemerkt hatten. Eine. heisere, fettige
Victoria, die eben noch hvch aufge
richtet und triumphirend dagestanden
hatte wie eine Königin, zuckte betroffen
zusammen Konstantin Apraxin aber
horchte aus. Nur einen Augenblick
brauchte er in seinem ©edächtniß zu
suchen, um sich zu erinnern, wo er diese
heisere Stimme und diese theatralische
Art zu reden schon früher vernommen
habe.
Sie sollen da einen Besuch erhalten,
wie es scheint, sagte er, all den Groll,
dieses Vergnügens nicht berauben.
Da doch der Sohn zu Ihren
Freunden gehört, warum sollten Sie
nicht auch den Vater freundlich em
psangey?
Sie wollte etwas erwidern, aber das
Wort erstarb ihr aus den Lippen, denn
jetzt wurde an die Thür geklopft und
der Besucher wartete nicht erst eine
Aufforderung vsn drinnen ab, um ein
zutreten. Es war, wie Konstantin
nicht anders erwartet hatte, der Mann
mit dem rothen, gedunsenen Trinker
gesicht, dem schmutzigen weichen Filz
hut und dem schäbigen Havelock. Da
der Fürst etwas abseits stand, nahm
Frithjof Alströms Äater feine Anwe
senheit nicht sogleich wahr. Er wandte
sich gegen Victoria und rief: Ich
wußte es ja, daß diese Kammerkatze
mich schändlich belog, und nicht zum
dritten Mal wollte ich mich an diesem
Tage abweisen lassen wie ein Bettler.
Wenn ich schon meine theure Gattin
nicht sehen kann, so will ich doch we
nigstens meinem Stieftöchterchen einen
väterlichen Kuß auf die schöne Stirn
drücken. Wie prächtig du...
Marmorbleich und regungslos wie
eineStatue hatte Victoria das Eni
setzliche dieses Zwischenfalls übet sich
ergehen, lassen. Herr Olaf Alström
aber hielt betroffen mitten in feiner
Ansprache inne,als Konstantin Apraxm
jetzt auf ihn zutrat und ihm mit
durchdringenden Blick in's Gesicht sah.
Sie sind der nämliche Herr, dessen
Bekanntschaft ich neulich hier auf der
Treppe machte? fragte der Fürst. Und
Sie sind der Vater des Herrn Frithjof
Alström nicht wahr?
Allerdings! stammelte der Sänger
verwirrt. Aber ich weiß nicht, mein
Herr...
Wie es scheint, stehen Sie in den
engsten verwandtschaftlichen Beziehun
gen zu aller Welt, fuhr Konstatin Ni
kolajewitsch fort. Nannten Sie Fräu
lein VictoriaDelonda nicht soeben Ihre
Stieftochter?
Der Tenorist knickte ganz in sich zu
sammen und warf hilfeflehende Blicke
zu Victoria hinüber. Er erkannte ohne
Zweifel, daß er da eine sehr große
Dummheit begangen habe.
Nur ein Scherz, mein Herr ein
etwas unpassender Scherz brachte
er stotternd hervor da aber warf Vic
toria entschlossen den schönen Kopf in
den Nacken zurück und befreite ihn aus
feiner Rathlosigkeit, indem sie mit fester
Stimme sagte: Nein, kein Scherz,
Durchlaucht, sondern die volle
Wahrheit! Herr Olaf Alström, der,
wenn ich nicht irre, gegenwärtig fein
Brot als Concertfänger in einem Caf6
Chantant verdient, ist der rechtmäßig
angetraute zweite Gemahl meiner Mut
ter und somit nach Gesetz und Sprach
gebrauch mein Stiefvater. Ich vermu
the, daß diese Entdeckung Sie einiger
maßen trösten wird für des Scheitern
des schönen Planes, durch den Sie sich
auf so aristokratische. Art von mir zu
befreien gedachten.
Konstantin Nikolajewitsch hatte nach
seinem Hute gegriffen, und bei Victo
rias letzten Worten war er bereits an
der Thür.
Sie sind klug genug, mein gnädiges
Fräulem, um auch ohne meine aus
drückliche Erklärung zu wissen, daß ich
aus die Ehre, in verwandtschaftliche
Beziehungen zu diesem Herrn da zu
treten, unter allen Umständen hätte
verziHten müssen. Ich will nicht län
ger stören, und ich werde mir die Frei
heit nehmen, Ihnen durch eine geeignete
Mittelsperson meine weiternVorschläge
zu unterbrieten.
ng, »h« daß fie «och einen
lich zusammengesunkene Gestalt
ehemaligen Tenoristen hin«
rung, sägte sie geringschätzig. Wenn
sie Sie doch wenigstens neulich bei Jh
rem ersten Besuche hätte durch die Po
tt^ei hinauswerfen lassen!
Ich habe eine Thorheit begangen,
das sehe ich nun wohl ein, gab er klein
laut und mit weinerlichen Stimme zu.
Aber ich war ja bereit, alles abzuleug
nen wenn ich nur Hätte ausreden
dürfen.
Genug! schnitt fie ihm mit einer be
fehlenden Handbewegung die Weiter
Wenn Sie meiner Mutter et
rc!c
Der helle Klang der Glocke erst und
dann das gleichmütige, nichtssagende
Gesicht des Dieners hatten ihn einiger
maßen zur. Besinnung gebracht. Er
raffte all seine Willenskraft zusam
men, um ruhig zu erscheinen, und
suchte mit zitternden Fingern in sei
ner Brieftasche nach einer Visiten
karte.
Ich freue mich, Sie wiederzusehen,
Herr Alström, sagte Gabriele, die sehr
blaß und leidend aussah, mit dem un
Mein Erfolg! Ach, Fräulein Ga
briele, Sie wissen nicht, wie theuer ich
diesen sogenannten Erfolg habe bezah
len müsse, und wie innig ich in diesem
Augenblick wünschte, daß Konstantin
Apraxin mich niemals aus der Berbor
genheit meiner armseligen Dachkammer
'herausgerissen hätte! Wünschen Sie
mir nicht Glück dazu,denn solcher
Wunsch ist für mich nichts anderes als
ein grausamer Hohn.
Scheu und erschrocken blickte Gabriele
zu ihm auf. Wohl mußte?, feine Worte
ihr völlig unverständlich fein aber in
seinem Gesicht konnte sie lesen, daß es
ihm jedenfalls bitterster Ernst mit den
selben sei.
Vergeben Sie mir, wenn ich Jh
nen wehe gethan habe, ohne es zu ah
nen. Aber ich glaubte, Sie müßten
sehr glücklich sein nach einem solchen
Triumph.
Was mich zu dem elendesten aller
Menschen macht, Fräulein Gabriele
es hat für Sie sicherlich nur ein sehr
geringes Interesse. Und fürchten
Sie nicht, daß ich Ihnen etwa mit
meinen Kümmernissen lästig fallen
könnte. Ich kam nur hierher, weil ich
eine Frage an Sie richten möchte
eine einzige' Frage, deren Verantwor
tung Sie mir aus Barmherzigkeit nicht
verweigern werden, wie befremdlich
Sie Ihnen auch immer aus meinem
Munde klingen mag. Ich wollte
Sie fragen ob es wahr ist, daß
daß Fürst Konstantin Apraxin sich
um Ihre Hand beworben.
Ihr Köpfchen war tief Herabgefun
ken, und indem sie die beiden schlanken
Hände, feft zusammenpreßte, sägte sie
ganz leise: Ja, Herr Alström es ist
die Wahrheit.
Ein Laut, der halb ein, Stöhnen
mt
Versus gemacht^ hatte. ihn zurückzu- kam von Men Lippen. Er drückte
hamn. ., ... beide Fäuste gegen die Stirn, un*
Feiglmg! st«ß sie nur zwischen den wohl «int Minute verging, ehe er voll
zusammengepreßten Zahnen hervor, als schmerzlichster Bitterkeit sagte: Und
die Thür hinter ihm zugefallen war. Sie haben seine Werbung angenom
Dann streifte fie mit ewm Blick voll
aus die Küche/um dort ihr Herat- haw.
Herr Alström! rief sie ihm mit halb
erstrickter Stimme nach. Um GotteL
willen, Herr Alström nur ein einzi*
g:s Wort.
kehr abzuwarten. Und schicken Sie
mir das Mädchen herein! Ich habe ihm
Stimm, d-clamlrte ba VM& ^str-g -ug-bm^
huldvolles Lächeln einst Gräfinnen und
Tone etwas, das hier drinnen nicht
deutlich verständlich war, das aber
allem Anschein nach den lebhaftesten
Zorn des Stubenmädchens erregt, da
man es heftig und drohend dagegen re
den hörte.
Herzoginnen beglückt hatte, schlich still
wie ein geschlagener Hund hinaus.
Victoria aber setzte sich an ihren
Schreibtisch und schrieb mit fliegender
Feder ein kurzes Billett. Als das
Mädchen eintrat, war sie bereits damit
zu Ende, und indem sie den Umschlag
schloß, sagte sie anscheinend vollkom
men ruhig: Lassen Sie diesen Brief
durck einen Dienstmann sogleich an
Vicomte Henry de Latouche.
Siebzehntes Capitel.
Erst als er die Glocke gezogen hatte
und als er den Schritt des Dieners
hörte, d-r drinnen auf dem Gange nä-
der ihn 'gegen V?c1oria''er"füllte" in bei- her kam. um ihm zu öffnen, kam Frith- ebenfalls dahin zu'bemühen, so wird
ßenden Spott verwandelnd. Ich will I°f Bewußtsein der Verwegenheit einer sofortigen Besprechung nichts im
Sie durch meine störende Gegenwart Jni der Ungehongkeü dessen, was er Wegen stehen, und die Angelegenheit
da zu thun beabsichtigte. Er war fann sthr wohl schon morgen srüh
hierher geeilt fast wie ein Wahnwitz,-
schneidiges Messer in seine Seele ge-1
bohrt hatte, und der nur tiefer ^und
tiefet eindrang, je mehr er sich bemühte,
in seiner Erinnerung nach den Bewei
sen zu forschen, die ihn entkräften soll
ten.
*»6 halb «in Aufschrei der ÜButh,
men9
namenloser Verachtung über d« klag- fcnn. anders sein! Er ist ja em
Natürlich! Wie könnte e»
Fürst und et verfügt über ungemessene
Schätze. Er kann Ihnen eine Vill«
erbauen am Lago Maggiore oder itt
der Bucht von Sorrento er kann
aber was stehe ich denn noch hier, um
Sie durch den Anblick meines Elends
und meiner Narrheit zu verstimmen!!
-7 Jetzt bin ich es, der Ihnen Glü
wünscht, mein Fräulein so viel
Glück, als Sie nur immer zu finde»
erwarten. Ich ich—aber verzei
henSie mir! Es gibt da eine Verpslich
tung, die mich ruft, und ich ich
leben Sie wohl!
Er war aus dem Zimmer, noch ehe
sich Gabriele von ihrem Entsetzen
rede ab. Wenn pie meiner Mmier ei- übe* diesen leidenschaftlichen Ausbruti
was zu sagen haben, so gehen S« hm-
e(ne§
verzweifelten Schmerzes erhoL
Aber draußen wurde die Gangthür
heftig zugeschlagen und der Diener
steckte zum Tode erschrocken den Kopf
herein, um sich zu überzeugen, daß der
sonderbare Mensch, der da.so ungebär
dig fortstürzte, nicht etwa ein Verbre
cher gewesen sei und dem Fräulein em
Leid zugefügt habe.
Wenn es dem Herrn Vicomte in der
That so eilig damit ist, seine Revanche
rr ,..«.•• zu erhalten, bin ich natürlich jederzeit
iTj^n $ettn zu seiner Verfügung. Ich hoffe, die
beiden Herren, die ohne Zweifel bereit
sein werden, mir als Zeugen zu dienen,
an diesem Abend im Union-Club zs
treffen. Beliebt es Ihnen, Herr Mar-
quis, sich vielleicht um neun Uhr
3um
ger, ohne emen anderen Gedanken als Auch ich liebe, offen gestanden, das
den, sich von diesem schrecklichen Arg- .Hinausschieben in solchen Dinge»
wohn zu befreien, der sich wie ein zwei-
Austrag gebracht werden.
nicht.
Der junge Attache von der franzö
sischen Botschaft, der dem Fürsten Kon
stantin Aprxm die Herausforderung
des Vicomte de Latouche überbracht
hatte, verbeugte sich zustimmend.
Ich werde die Ehre haben, Güutt
Durchlaucht heute Abend um neun Uhr
im Union-Club wiederzusehen. Aber
es könnte vielleicht zur Vereinfachung
der Verhandlungen beitragen, wen»
Sie schon jetzt in Bezug auf einen sehr
wesentlichen Punkt Ihr Einverständ
niß erklären wollten. Die Gesundheit
des Vicomte ist in hohem Grave ange
griffen und ich fürchte, daß es ihm
1
Ein paar Minuten vergingen, wäh- kaum noch möglich fein wird, den De
rend deren Frithjof das Blut in seinen gen gU führen.
Ohren brausen hörte und keinen einzi
gen klaren Gedanken zu fassen ver
mochte. Dann ging eine Thür leichte
Schritte kamen näher eine Portiere
wurde zurückgeschlagen und er sah
sich der Erwarteten gegenüber, in
seiner namenlosen Erregung unfähig,
auch nur ein einziges Wort aus der
wie von eiserner Klammer zusammen
gepreßten Kehle hervorzubringen.
Konstantin Nikolajewitsch ließ ihn
nicht zu Ende reden.
Ich werde mich für Pistolen entscheid
den. Herr Marquis, sagte er mit ver
bindlichem Lächeln und mit einem Hof
lichen Neigen des Hauptes. Ihre An-
deutung, für die ich Ihnen aufrichtig,
dankbar bin, bleibt ganz unter uns
denn der Herr Vicomte darf nicht
glauben, daß man ihn um seiner kör
perlichen Schwäche willen habe schonen
wollen.
verkennbaren Bemühen, einen freundli- voneinander. Konstantin blieb, nach
chen Confervationston anzuschlagen, dem er den Besucher bis zur Thür ge
und ich wünsche Ihnen nachträglich von leitet hatte, eine kleine Weile 'in era
ganzem Herzen Glück zu Ihrem ersten
großen Erfolg.
Ihre süße,. weiche Stimme, diese
Stimme, deren Klang er tausendmal
mehr liebte als all seine Musik sie
hatte den lähmenden Bann von ihm ge
nommen, unter dessen Druck er wäh
rend der letzten Minuten gestanden.
In den artigsten Formen schieden sie
stem Sinnen vor seinem Schreibtisch
stehen.
Der Fürst setzte sich und begann zu
schreiben. Nach.einer Weile trat der
Diener ein und meldete: „Herr Doc
tor Bourdaloue ist soeben Zurückge
kehrt."
Konstantin Nikolajewitsch legte die
Feder beiseite.
Ah, endlich! Ich erwarte ihn auf der
Stelle.
Mit einem einzigen scharfen Blick
überflog er das Gesicht des eintretenden
Privatsecretärs.
Als ich Sie nach dem Tode des
Fürsten Stepan Fedorywitsch. in mei
nen Dienst nahm, versäumte ich, einen
förmlichen Vertrag mit Ihnen zu ma
chen, sagte er mit vornehmer Kälte. Ich
werde Ihnen darum bei meinem Ban
quier eine Abfindungssumme in Höht
Ihres vollen Jahresgehalts von fünf
zehntausend Franken anweisen, da ich.
Sie sofort zu entlassen wünsche, Sit
werden nur noch so lange in meinem
Hause bleiben, bis ein geeigneter Nach
folger für Sie gefunden ist und bis
Sie denselben mit den lausenden An
gelegenheiten bekannt gemacht haben.
Ich hoffe, daß dies schon im Lauft:
des morgigen Tages der Fall feie
kann.
Doctor Ettenne Bourdaloue hatten
zwar fein Fuchsgesicht viel zu sehr
der Gewalt, als daß sich Erschrecke».
oder Bestürzung in seinen Mienen hät
ten ausprägen sollen aber es war
trotzdem nicht zweifelhaft, daß diese un
gnädige Verabschiedung ihn "wie em
Blitz aus heitetm Himmel traf.
Durchlaucht sehen mich aufs äußerste
betroffen, sagte er. Es müßte doch
wohl irgend eme Ursache vorliegen für
eine fo plötzliche Entlassung.
Gewiß! Doch habe ich keinen Grund.
Ihnen dieselbe zu nennen.. Ich wün
sche von Ihren Diensten nicht länget
Gebrauch zu machen, und ich denke, das
kann Ihnen genug sein. Sollte ich
noch irgend einer Auskunft bedürfen,
so werde ich nach Ihnen klingeln.
Adieu! (Schluß folKt.)

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