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New Ulm Post. [volume] (New-Ulm, Brown County, Minn.) 1864-1933, December 25, 1914, Image 6

Image and text provided by Minnesota Historical Society; Saint Paul, MN

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/V
.i
Unter dem
V)
nier
Roman aus dem Goldlande Transvaal.
Von
Bruno Wagener
Hamburg
I.
Die heiße Octobersonne sendet glü
hend aus Nordwesten ihre heißen
Strahlen. Der Bind,"der den ganzen
Tag heftig geweht und den rothen
Sandstaub von den Dächern auf die
Straßen und wieder von den Straßen
auf die Dächer gewirbelt und jDitrch alle
Ritzen und Fugen in die Häuser ge
peitscht hat. fängt an, nachzulassen.
Leiser lispeln die bestaubten Trauer
weiden und unmerklicher wiegen die
düstern Kiefern ihr Haupt. Der Abend
wird sich bald über Pretoria hinabsen
ken, über die Hauptstadt der Südafri
konischen Republik.
Die Kirchstraße entlang schreitet em
einzelner Mann. In ehrerbietiger Ent
1 fernung folgen ihm zwei junge Buren
|i nach, als wollten sie des Dahinwar^
delnden Gedanken nicht stören durch
ihre Nähe. Gebückt trägt jener das
Haupt, und Falten liegen auf der brei
ten ernsten Stirn grauweiß umkleidet
ein struppiger Bort track) Schifferart
es Kinnes unteren Theil und den
Vorderhals. Die mächtige Gestalt
trägt an der Alters Last, aber sie un
terwirft stch ihr noch nicht. Mit festem
Schritte, stnnend vor sich blickend, geht
der Greis seinen geraden Weg. Nur
selten erhellt ein Lächeln für einen Au
genblick seine verwitterten Züge, wenn
eine ältere Burenfrau vom niederen
Gartenzaun aus ihm winkend einen
herzlichen Gruß zuruft. Die ihm Be
gegnenden machen ihm ehrfurchtsvoll
Platz und rücken an den breitrandigen
Hüten, oder wenn's ein Kaffer ist, so
weicht er scheu zur Seite mtd_ grüßt
verlegen von der anderen Seite der
Straße. Der alte Mann aber rührt
nicht an die Krempe seines verschösse
nen Cylinders aus det Großväter Ta
A gen, aber der Blick der hellen grau
blauen Augen bohrt sich fest in man
ches Antlitz, als wolle er die Gefinnun
gen des Entgegenkommenden erfor
schen dann aber versinkt der Dahin
schreitende wieder in stilles Nachdenken
und setzt bedächtig einen Fuß vor den
anderen.
Die Leute, die in den Gärten vor
den niedrigen Häusern ihre Blumen
begießen, sehen ihm einen Augenblick
nach mit ernsten Gesichtern, wie sie in
einem Lande so wohlangebracht sind,
da Staub und Hitze alles beherrschen.
Dann gehen sie wieder an ihre Arbeit.
Er aber, der einenAugenblick ihre Auf
merksamkeit abgelenkt hatte, ist jetzt an
der Grenze der Stadt angelangt. Auf
steinigem Wege, den die schweren
Ochsenwagen durchfurcht haben_ und
an dem sich Trauerweiden hinziehen,
wandelt er dem stillen Kirchhofe zu,
wo Pretorias Todte schlummern, wo
in traurig wüsten Massengräbern die
englischen Soldaten ruhen, die vor
Jahren als Friedensstörer ins Land
zV karrten und doch nichts eroberten als
das kleine karge Stück Boden, unter
dessen staubiger Decke sie heute Bür
gerrecht genießen als stille Leute.
Zwischen den Kreuzen des Friedhofes
schreitet er hin zu einem Platze, wo ne
beneinander drei einfache Steinplatten
in den Rasen eingelassen sind. Sin
nett den Blickes bleibt der alte Mann
stehen in stillem Gebete falten sich
seine Hände über dem Hute, den er jetzt
vom Haupte genommen hat, so daß die
Abendsonne die weißen Haare des
Scheitels ihm küßt.
Seine Gedanken weilen in der Ver
gangenheit bei den Männern, die hier
den ewigen Schlaf schlummern bei
den drei ersten Präsidenten der Süd
afrikanischen Republik. Weit zurück
schweifen die Gedanken ihm in jene
Zeit, da er ein junges Blut war und
auszog mit den vielen Hunderten, de
nen es in der britischen Kapcolonie
und im Natallande zu eng geworden
war und die nun den großen Treck un
ternommen hatten, den Volksauszug
in das weite Hochland jenseits des
Vaalflusses und der Drachenberge.
Und dann hatten sie eine neue Heimath
gefunden, von Bergen begrenzt im Sü
den und Osten, von mächtigen Strö
men durchschnitten eine neue Hei
math mit staubigen Steppen, die weit
hin sich dehnten in fahlem Grau, aber
auch mit Busch und Wald und mit rei
chem Gras, wenn die Regenzeit das
Land durchtränkte mit kostbarem Naß.
Und sie hatten sich niedergelassen und
Besitz ergriffen von dem weiten Lande,
durch das der Strauße große Herden
mit dem Winde um die Wette liefen,
wo der Springbock und das Gnu wei
beten und der Löwe brüllend nachBeute
spähte. In diesem Lande war der hol
ländische Bauer der Herr geworden,
hatte Farmen angelegt und Städte ge
gründet und manchen blutigen Kampf
mit den Kaffern durchgefochten, bis
diese ihn fürchten lernten, wenn sie es
nicht vorzogen, in seine Dienste zu tre
ten.
Jf Und der Jüngling war Mann ge
worden und hatte ein Weib genommen
seine Farmen blühten auf und sein
Reichthum wuchs. Aber Ruhe war
dem Bur nicht beschieden. Wohl war
er der britischen Herrschaft entwichen
in das neue Land aber Englands An»
sprüche folgten ihm und suchten auch
hier die Hand zu legen auf der Buren
Gut. Da hatte der Bur zur Waffe ge
griffen und Blut war geflossen und
hatte des neuen Vaterlandes Erde ge
tränkt und geheiligt. Immer wieder
hatte England versucht, in räuberischen
Einfällen des Landes sich zu bemächti
gen. Aber immer war der Bur Sieger
geblieben. Sie waren darüber hinweg
gestorben, die alten Führer von einst,
und hier die ernsten, schlichten Stein
platten im Grase deckten die Gebeine
dreier Präsidenten. Ter aber, der hier
in Erinnerungen versunken stand und,
seines Lebens Geschichte an stich vor
überziehen ließ, er war ein Greis ge
worden, und seiner Söhne und Enkel
Schaar war herangewachsen auf dem
rothen Sande von Transvaal. Und
sie sollten es behalten als ihr eigen, das
theuer erkämpfte Land!
Wie ein mannhaftes Gelöbniß ent
rang sich des Greises Lippen beiWahl
spruch von Transvaal: „Eenbragt
magt Maakt" „Eintracht gibt
Stärke!" Mit ungestümer Bewegung
stülpte er den hohen Hut auf sein
Haupt, bas sich plötzlich hob wie in ei
item festen Entschlüsse. Dann wanbte
er ben Gräbern ber brei Präsidenten,
ben Rücken. Flammenbroth versank
im Westen bie Sonne unb tauchte Pre
torias Dächer unb Thürme in rosig
golbene Pracht. Durch bie Kirchstraße
wanbelte ber hohe Greis heimwärts
vor einem einfachen, einstöckigen Land
Hause machte er Halt, um ber behäbi
gen Frau bie Hanb zu schütteln, bie
ihm mit freunblichem Lächeln auf bem
breiten gutmüthigen Gesichte bis zur
Gartenpforte entgegen gegangen war.
Dann neigte er sein Haupt, um burch
bie niedrige Thür ins Innere des Hau
ses zu treten.
Die Sonne ist versunken nur eine
ganz kurze Dämmerung ist ihrem
Scheiden gefolgt, und dann ist Dun
kelheit hereingebrochen. Aber nun geht
über den fernen Bergen mit silbernem
Lichte der Mond auf und hüllt die
düsteren Kuppen in lila Schatten mit
gleißendem Rande. Auch auf die Grä
ber der Todten blickt er herab und be
scheint die drei steinernen Platten, an
denen sinnend der Greis gestanden
hatte ber Präsibent ber Sübafrika
tuschen Republik, Paul Krüger.
II.
Müde ließ ber Braune ben Kopf
hängen, nur ungern stolperte er weiter
über bas steinige Feld, auf bem stäche
liges Gewächs ein kümmerliches Da
sein führte. Jetzt blieb bas abgemat
tete Thier stehen, umsonst der Schen
keldruck des Reiters bas Pferb war
ausgepumpt es ging nicht mehr.
Der Reiter sprang aus bem Sattel
unb klopfte seinem tobtrnüben Wegge
nossen ben Hals, inbern er mit ber an
deren Hanb in ber Tasche nach einem
Stück Brot suchte. Eine kleine Kruste
fanb sich noch, aber nur wiberwillig
nahm bas Pferb ben kärglichen Bissen.
„Ja, Wasser, Wasser! Wenn's nur
einen Tropfen hier gäbe," seufzte ber
Retter unb ergriff des Rosses Zügel,
um bas Thier neben sich her zu führen.
Fernher grüßte eine Bergkette herüber,
unb an ihrem Fuße bot spärlicher
Busch einigen Schatten. Dorthin lenk
ten Roß unb Mann bie Schritte. Aber
bie Entfernung war weiter, als man
bei ber klaren Luft benken mochte. Eine
halbe Stunbe mochten sie gewanbert
sein, unb noch immer blieb eine weite
Strecke vor ihnen. Das Pferb stolperte
immer häufiger über bie losen Steine
es war fraglich, ob es sich bis zu bem
Waldrande würbe schleppen können.
Man mußte Halt machen.
Mit bekümmerter Miene blickte ber
junge Reitersmann auf fein bem Zu
sammenbrechen nahes Thier. Dann
entschloß er sich, ben letzten Schluck zu
opfern, ben er in feiner Felbflasche ge
rettet hatte. Ein halber Becher voll
lauwarmen Wassers aber es benetzte
boch bie vertrockneten Lippen unb regte
bie letzten Lebensgeister bes Rosses art.
Dann wieber vorwärts! Wenn sie
bort am Busch nicht enblich Wasser
fanben, waren sie vermuthlich ret
tungslos verloren.
Aber halt was war bas? Roß
unb Reiter stutzen. War bas nicht bas
Brüllen eine Stieres? Unb richtig—
fernes Räber geknarr unb Peitschen
knallen! Der einsame Reisenbe griff
zum Fernrohre, bas er am Riemen
über bie Schulter gehängt hatte, unb
suchte den Ranb bes Busches ab. Eine
Staubwolke verrieth freilich in gro
ßer Entfernung bie Nähe lebenber
Wesen. Ob aber bas erschöpfte Pferb
fernen Reiter so weit noch tragen konn
te? Das war kaum zu benken. Unb
zu Fuße borthin marfchirett? Bis ba
httt konnten bie Menschen, bie bort an
scheinenb in einer Bobenfenkung mar
fchirten, längst eine anbere Richtung
eingeschlagen haben. Der junge Mann
nahm sein Gewehr von ber Schulter.
Sechs Schüsse hatte er im Lager ber
Repetirkammer, unb sechsmal schnell
hintereinanber bröhnte jetzt ber scharfe
Knall über bie Ebene unb. weckte bas
Echo an ben sonnenbeglühten Bergen.
Nun wieber bas Fernrohr an bie Au
gen! Sorgfältig spähte ber Verirrte
in ber Richtung ber Staubwolke aus.
Man mußte bort seine Schüsse gehört
haben, unb der sechsmalige scharfe
Knall konnte nicht unbeachtet bleiben.
Wirklich, da tauchten schon über
dem Bodenrand zwei Köpfe auf. Der
einsame Reiter lud sein Gewehr aufs
neue und gab wieder einige Nothschüsse
ab. Dann band er sein weißes Ta
schentuch an das Gewehr unb ließ es
KWWZ»
über seinem Haupte hin und her wehen.
Jetzt hoben-sich vomBuschrande zwei
Reiter- ab,. die-nach dem Ursprünge der
Schüsse auszulugen schienen. Dann
Verschwanden sie wieder, und nach ban
gen fünf Minuten
Reiter auf neue au
rader Richtung au
ah der Verirrte die
tauchen und in ge
ihn zureiten. Er
bemühte sich, sein Pferd in Bewegung
zu setzen^ um den Herannahenden ent
gegen zu gehen. Aber das Thier wollte
nicht weiter, mit zitternden Knieen
stand es da und ließ sich schließlich fal
len. Inzwischen wurden die beiden
Reiter immer deutlicher erkennbar, ihre
Rosse stoben in vollem Galopp über die
Ebene daher. Noch zehn Minuten, und
zehn Minuten, und sie waren bis auf
Gewehrschußweite heran.
Nun verlangsamten sie den Schritt
ihrer Pferde, und der bei dem gefalle
nen Rosse stehende Mann sah, wie sie
ihre Büchsen schußfertig machten. Des
halb legte er zum Zeichen seiner fried
fertigen Gesinnung das Gewehr, das
er noch in den Händen gehalten hatte,
auf den Boden nieder und rief, indem
er die Arme in die Luft hob, auf Hol
ländisch: „Gut Freund! Helft mir
wir können nicht weiter!"
Selbst wenn die Worte nicht ver
standen worden wären, so hätte die
Zeichensprache nicht beredter sein kön
nen. Die beiden Reiter verzichteten
auf weitere Vorsichtsmaßregeln und
trabten heran. Der sie Erwartende
hatte einen Augenblick Zeit, sie zu mu
stern. Es waren Buren, der eine weiß
bärtig und ein wenig vornüber gebückt,
der andere ein junger Riese, dem kaum
der erste Flaum auf der Oberlippe
sproßte. Beide trugen die einfache
erdfarbene Tracht der holländischen
Bauern Südafrikas, den breitkrämpi
gen Hut, das Buschmesser im Gürtel,
die Flinte in der Hand.
Jetzt hielten sie bei dem Fremden,
der in höflicher Weise den Hut vom
Kopfe zog, als er ihnen entgegentrat.
Der ältere der beiden Reiter wartete
die Anrede nicht ab. „Das sieht ja
schlecht aus bei Euch," sagte er, indem
er aus das mit bebendenFlanken schwer
athmende Pferd am Boden hinwies.
Dann sprangen beide Reiter von ihren
Rossen und traten an das fast dem
Sterben nahe Thier heran, ohne ein
weiteres Wort zu verlieren. Auf ei
nett Wink des älteren nahm der ändere
einen kleinen lerbernen Sack vom Sat
tel und band ihn auf. Es war der
Wassersack, der das köstliche Naß mit
dem Reiter durch die ausgedorrte
Steppe führt. Mit langen Zügen
trank das matte Pferd. Dann warf
ihm der jüngere der beiden Buren eine
kleine Gabe trockenen Heues vor, das
er im Mantelfacke mit sich geführt hat
te, und nun erst wandte sich der weiß
bärtige Reiter an den Fremden, der
stumm dem Liebeswerke zugesehen
hatte.
Mit raschem Blicke überflog das
blaue Auge, das unter dichten schwar
zen Brauen hervorleuchtete, die Er
scheinung des Fremden, und die Prü
fung mußte ein gutes Ergebniß gehabt
haben, denn es lag ein leises Lächeln
auf den Zügen und ein wohlwollender
Klang in der Stimme des Alten, als
er fragte: „Ihr seid Uitländer (Aus
länder). denk' ich?"
„Deutscher, soeben erst in Süd
afrika eingetroffen Arzt in Johan
nesburg und feit zwei Tagen ver
irrt," antwortete ber Angeredete.
„Also kein Engländer! Hab's Euch
gleich angesehen, daß Ihr nicht zu be
tten gehört," erwiderte ber Bur unb
streckte bent Verirrten bie offene Hanb
entgegen, in bie biefer einschlug.
„Was Euch hierher geführt, ganz al
lein, wo kein vernünftiger Mann reist,
wenn er bas Lanb nicht kennt," fuhr
ber Alte mit beinahe vorwurfsvollem
Kopfschütteln fort, „Das könnt Ihr
uns später erzählen, wenn Ihr wollt.
Jetzt kommt mit mir zu unseren Wa
gen sie halten ba hinten am Busch.
Mein Sohn bleibt bei Eurem Pferbe,
unb Ihr fetzt Euch auf seines. Steigt
auf, Ihr könnt ben Weg jetzt nicht zu
Fuß laufen. Unb nun los!"
Der junge Deutsche brückte bent rie
sigen Buren Jünglinge, ber ihm ben
Zügel feines Pferbes übergab, bie
Hanb unb bann ritt er hinter bem al
ten Buren her, schweigend, bis sie
nahe am Buschrande auf zwei schwer
fällige Wagen und eine Herde von
zwanzig breitgehörnten Zugochsen stie
ßett, zwischen betten noch mehrere Bu
ren, aus kleinen Pfeifen qualmenb, am
,Boben ruhten, währenb die Rosse fret I
grasten und ein Paar mächtige Wolfs-1
Hunde mit lautemGebell den Ankömm
linaen entgegensprangen.

a
Bald faß der Fremde mitten unter
den Buren und ließ sich den dampfen- .j
ben Kaffee unb bas frisch gebratene
Fleisch eines zähen Antilopenbockes
schmecken. Schweigend sahen ihm bie
Buren zu, bis er bie Reste bes Mahles
vor sich schob. Dann würbe zum er
stenmale gesprochen es war ber kurze
Befehl des Alten, der das Familien-1
Haupt zu fem schien, die Ochsen einzu
spannen. „Wir wollen noch heute!
Nacht zu Hause sein," wandte er sich
zu seinem Gaste. „Wir beide reiten
voran, die andern folgen mit den Wa
gen, und Euer Pferd wird sich auch bis
heute Abend ausgeruht haben, um den
Trupp einzuholen."
Mit verwundeter Neugier sah der
Fremde, wie die kräftigen Männer mit
Hilfe von kraushaarigen Kaffernknech
ten die mächtigen Thiere, die sich oft
fiövHch toehtteiii 'tii langen Doppel-
reih^ dor die Wagen spannten, was
in wenigen Minuten trotz aller Wider
setztichkeit der- Ochsen geschehen war.
Dank schwangen sich die Büren auf
die Pferde, die Knecht« ergriffen die
langen Peitschen und trotteten neben
den Ochsen her, und untet lautem Ge
brüll der GespanNe, unter Peitschenge
knall, ^anfeuernden Zurufen und Hun
degekläff setzte sich der Zug mit ächzen
den Wagenachsen in Bewegung.
Mit dem Hute grüßend verabschie
bete sich der Fremde von den Begleitern
der Wagen, während er selbst mit dem
Führer des Zuges tri flottem Trabe
voran ritt. Erfühlte sich wie ein an
derer Mensch, neugestärkt durch Speise
imd Trank und auf frischem Rosse, vor
atfem aber auf sichrem Wege.
„In. solchen Wagen treckten unsere
Väter vor sechszig Jahren aus dem
Kaplande," sagte der alte Bur, indem
er rückwärts' wies. „Unter solchen Wa
genzelten wurden wir Alten geboren
und wuchsen wir groß. Unsere Festung
waren die Wagen, unsere Heimath, die
wir mit uns führten. Aber jetzt haben
wir festen Boden gefaßt, jetzt stehen
unsere Farmen auf theuer erkämpftem
tzande, und unsere Söhne und Enkel
sind Kinder von Transvaal. Und ehe
wir auf neue ins Ungewisse hinauszie
hen, wird Blut vergossen werden und
Knochen werden bleichen in ben Eng
pässen unserer Berge."
Unb als wollte er einem Feinde dro
hen, ben er vor seinem innern Blicke
sah, ballte er trotzig bie Faust unb
schüttelte sie blitzenden Auges gen Sil
ben.—Nach einer Viertelstunbe schwei
genden Reitens wanbte er sich wieber
an seilten jungen Begleiter. „Ein tro
ckenes Lanb, meint Ihr, wo nur bas
Stachelkraut unb bürres Gras wächst
unb bie kahlen Magaltesberge ba drü
ben unb ber staubige Busch hier zur
Linken nicht sehr einladend aussehen.
Aber, junger Mann, ein freies Land,
ein weites Land und, was die Haupt
fache ist, unser Land. Vor ein
paar Jahren, da war ich auch einmal
bei Euch in Deutschland, in Berlin,
und sah Euren alten Kaiser und Bis
marck. Und Euer Land ist schön und
fruchtbar, und Berlin ist glänzend und
Hamburg reich und voll emsigen Le
bens. Mein zweiter Sohn hat in
Deutschland studirt und dient unserer
Regierung in Pretoria. Aber wenn
Ihr mich fragt: ich möchte meineFarm
nicht vertauschen mit Eurem reichen,
schönen Lande. Buren sinb unsere
Väter gewesen, Buren sollen auch un
sere Enkel bleiben. Das ist meine Mei
nung, unb so denkt Ohm Krüger, so
benken wir alle."
Der junge Deutsche reichte ifber des
Pferdes Hals hinweg feine Rechte dem
Alten hinüber, und dieser ergriff sie
mit kräftigem Druck und sah dabei mit
Erstaunen, wie in den Augen des
Fremden ein verrätherischer Glanz von
verhaltenen Thränen schimmerte, ber
sicher nicht von dem Drucke der knochi
gen Burenfaust kam. Aber der Alte
verstand feinen Begleiter, und vor sich
hinlächelnd fragte er ernst: „Ihr wür
det auch für dieses Land kämpfen,
wenn Ihr ein Bur wäret?"
„Und ob ich auch kein Bur bin, in
Tagen der Noth darf biefes Land, des
sen Gastfreundschaft ich genieße, auf
meinen Arm zählen. Des seid gewiß,"
rief er mit begeisterter Herzlichkeit.
Aber der Alte lächelte. „Vielleicht wer
den wir eines Tages Eure ärztliche
Kunst auf dent Schlachtfelde besser ge
brauchen können, als Euren Arm und
Eure Flinte. Art Kämpfern fehlt es
uns nicht, aber an Aerzten."
DasGefprach verstummte, denn nun
ritten sie im Galopp über eine ebene
Grasstrecke dahin. Die Sonne lag
vor ihnen wie eine rothe Orange auf
dem westlichen Horizonte, durch den
staubigen Dunst, der über der Ebene
lastete, verschleiert. Sie waren schon
eine Stunde, geritten, als der Alte vor
sich hin wies. „Da hinten liegt meine
Farm Bofchfyntein, noch eine halbe
Stunde Ritt und wir sind da."
„Bofchfontein?!" rief der Fremde
überrascht. „Da. seid Ihr Lucas
Meyer, und meines Vaters Bruder,
Hans Albrecht, ist Euer Nachbar?"
„Hollah, Mynheer Doktor," lachte
der Bur aus vollem Halse „da woll
tet Ihr wohl gerade zu dem?" Er
schüttelte sich vor fröhlichem Lachen.
„Da müßt Ihr Kehrt machen, wenn
Ihr ihn begrüßen wollt. Der liegt im
Ochfenwagen und schläft feinenRaufch
aus hat in Pretoria mit seinen deut
schen Landsleuten mehr von dem guten
bayerischen Bier getrunken, als einer
vertragen kann, der das ganze Jahr
nur Wasser und Milch trinkt. Aber
besser ist's schon, Ihr reitet mit mir
nach Hause, dann könnt Ihr ihm mor
gen früh die Hand schütteln."
Die Sonne war verschwunden das
Dunkel brach schnell herein. Aus der
Ebene hoben sich vom hellgelben Him
melsrande die düsteren Umrisse hoher
Bäume und eines breiten, strohgedeck-Strafrede
ten Hauses. Ein lauter Ruf des alten
Buren meldete schon von weitem die
Ankömmlinge an. Dann ritten sie auf
den mit dornigem Busch umgebenen
Hof, wo ein weißhaariger Kaffer ihnen
die Pferde abnahm, um sie zum Stalle
zuführen. Und nun wandten sie sich
dem Hause zu, in dessen niedrigerThin
eine stark ins Rundliche gegangene
Frau mit kleinen, in Fettpolstern fast
begrabenen Aeuglein, mit sauberer
Haube von weißem Leinen auf dem
Kopfe und in einfachem graubraunen
Kleide erschien, des Hauses ehrbare
Wirthia.
Bald saßen sie am breiten Tische,
das Ehepaar und der unerwartete und
doch so herzlich aufgenommene Gast.
Eine braune Mehlsuppe dampfte in
hölzernen Näpfen vor ihnen dick mit
Fett bestrichene Brotschnitten gab es
dazu und Eier von köstlicher Frische.
So einfach das Mahl war, es schmeckte
den Hungrigen. Gesprochen wurde da
bei kaum ein Wort selbst der unter
wegs leidlich gesprächige Lucas Meyer
wurde schweigsam, als ließe ihn die
Nähe der wortkargen Frau verstum
men. Nur ab und zu warf er einen
erwartungsvollen Blick nach der Thür,
und endlich fragte er: „Wo ist Elisa?"
„Schlafen gegangen," antwortete die
Frau, die bisher mit freundlichem Be
wundern d«t gesegneten Appetit des
Gastes beobachtet hatte. „Sie war
müde, den ganzen Tag unterwegs ge
Wesen, um die Grenzen abzureiten, da
Ihr fort wäret, und nach den Herden
zu sehen. Hat einen von den jungen
Straußen mitgebracht, den die Alten
gebissen hatten."
Die beiden Eheleute nickten sich zu.
„Ein Prachtkerl, unserMädchen," sagte
der glückliche Vater. „Ganz wie ein
Junge."
Das Abendessen war beendet. Lu
cas Meyer nahm die große, ledergebun
dene Bibel vom Eckbrett und schlug sie
auf. Wo er sie gerade geöffnet hatte,
begann er zu lesen:
„Der Herr ist mein Licht und mein
Heil vor wem sollte ich mich fürchten?
Der Herr ist meines Lebens Kraft vor
wem sollte ich mich grauen? Wenn
sich schon ein Heer wider mich leget, so
fürchtet sich dennoch mein Herz nicht.
Wenn sich Krieg wider mich erhebet, so
verlasse ich mich auf ihn. Denn er
decket mich in feiner Hütte zur bösen
Zeit er verbirgt mich heimlich in sei
nem Gezelt, und erhöhet mich auf ei
nem Felsen, und wird nun erhöhen
mein Haupt über meine Feinde, die um
mich sind Herr, höre meine Stim
me, wenn ich rufe fei mir gnädig und
erhöre mich. Gib mich nicht in den
Willen meiner Feinde denn es stehen
falsche Zeugen wider mich und thun
mir Unrecht ohne Scheu. Harre des
Herrn, sei getrost und unverzagt!"
Mit gedämpfter Stimme und doch
feierlich wie ein Prediger hatte er gele
sen. Und als er nun das Buch schloß,
blickten feine Augen noch sinnend' ins
Weite. Dachte er der Geschicke seines
Vaterlandes? Dachte er des alten
Erbfeindes, der von jenseits des Mee
res kam und in Kapstadt dräuend saß?
„Harre des Herrn!" wiederholte Lu
cas Meyer. Dann erhob er sich und
führte feinen Gast auf schmaler Leiter
auf den Boden des Hauses, wo ein klei
nes, aber sauberes Zimmer ferner
Der junge Deutsche begab sich zur
Ruhe, und bald umfing ihn der Schlaf
mit bleierner Schwere. Es mochte ge
gen Mitternacht sein, als er durch Rä
berknarren unb laute Stimmen vor
bem Hause geweckt würbe. Die Och
senkarren waren angekommen. Aber
tnübe drehte sich ber Schläfer zur an
berett Seite, unb balb sah er im Trau
me vor sich bie Gestalt eines Prophe
ten. ber trug Lucas Meyers Züge.
IV.
a
Die Sonne war in siegenber Pracht
aufgegangen über Transvaal. Aber
Doktor Walther Albrecht lag noch im
mer im Bette unb schlief so fest, wie Ihr "wollt
ein gefunder junger Mann zu schlafen
pflegt, der ein paar Tage voll Anstren
gungen hinter sich hat. Onkel Hans
Albrecht hatte schon beim Morgenkaffee
gebrummt und über das Murmelthier
gescholten, das im heißen ftidafrikani
schert Sommer Winterschlaf hielte.
Aber Lukas Meyer hatte ihm gewehrt,
als er den Langschläfer selbst wecken
wollte. Und so war der Onkel abge
ritten und hatte dem Neffen hinterlas
sen, wenn er seines Vaters Bruder
sehen wolle, möge er zu feiner Farm
herüberreiten, aber sich gleich auf eine
gefaßt machht.
Endlich war aber der junge Arzt
doch aufgewacht und erschreckt in die
Kleider gefahren, als er sah, wie hoch
die Sonne schon stand. In der Stube
unten traf er Niemanden er unter
nahm daher eine Entdeckungsreise über
die breite dunkle Diele bis zur Küche,
die hinten in einer Ecke lag. Dort traf
er die „Tant'", wie die Hausfrau im
Burengebrauch genannt wird. Sie
bot ihm die Hand.
„Alle schon hinaus," sagte sie dabei.
„Mein Mann und die Jungens,
alle auf's Feld und bei den Herden.
Mber in der Stube steht der Kaffee auf
7M
Me HW^s-dem Dattey/ W Hand -dem fifakth Und Äe^ Bi^liegt auf
entgegen und dann demFremden,! oej
sen Stamen ihr. Lucas Meyer nannre.
„In Gottes Namen, seid willkommen!"
sagte sie einfach., Dann schritt sie vor
an in die Mube? unter deren niedriger
Decke sich eine dumpfe^ stickige Luft an
gesammelt hatte, so daß der junge
Deutsche beinahe zurückprallte. Lucas
Meyer mochte die uriwillkürliche Bewe
gung des Gastes bemerkt haben, denn
er stieß eines der kleinen Fenster auf,
indem er lächelnd sagte: „SchwereLuft
drinnen und desto mehr Aufenthalt
draußen, wo der Wind um die Nase
weht, das ist Burenart." Darin trat
er vor den Gast hin und nahm dessen
Rechte in seme beiden Hände. „Mög's
Euch gefallen bei uns, so lange Ihr
wollt. Ihr seid willkommen!"
dem. Tisch/
MMit ^pHand wies sie in der Rich
tung, aus der Albtecht gekommen war,
und dieser folgte dem unverkennbaren
Winke, während die „Tant'" ruhig in
der Küche weiter hantirte. Der junge
Deutsche setzte sich an den Ungedeckten
Tisch und löffelte den Kaffee aus, in
den große Stücke Schwarzbrotes ge
schnitten waren. Dann langte er neu
gierig zur Familienbjbel. Auf den
ersten Seiten war die Hauschronik
.eingetragen.-Lukas Meye* wit Wil
helmtna, geborener Krüger, machte den
Anfang. Dann kamen sechs Söhne,
der erste verheiratet ansässig bei
Kameel Kopje, der zweite Doctor juris
in Pretoria, dann vier ledige und nun
die Tochter Elisa, geboren 1880, also
18 Jahre alt, und schließlich der
jüngste Sohn Pieter. Auch die Pathen
standen dabei da war Präsident Krü
ger bei dem zweiten Sohne eingetra
g!n, der Generalcommandant Joubert
I*t dem jüngsten, und bei der Tochter
stcmd als Pathe eingeschrieben Hans
Alörecht, des jungen Arztes Oheim.
Walter Albrecht klappte das Buch
zu und trat aus dem Hause heraus
ein junger gelber Wolfshund fuhr ihm
auf die Beine los und schien nicht übel
Lust zu haben, dort die Schärfe seiner
Zähne zu erproben. Aber als Doctor
Albrecht sich zu ihm niederbeugte, um
den zottigen Rücken des kleinen Thu
nichtguts zu streicheln, da war die
Freundschaft schnell geschlossen und
der spiellustige Hund sprang in unge
schickten, drolligen Sprüngen an sei
nem neuen Gönner hoch. Der aber
suchte nach einem menschlichen Wesen,
um etwas über den Verbleib seines
Pferdes zu hören. Ein schmutziges
Kassernweib kam auf fernen Anruf
heran und führte ihn zu den neben dem
Hause gelegenen Stallungen.
An einer Oeffmmg in der Stall»
wand unter dem tief herntederhängenr
den, vielfach geflickten Strohdachs
blieb sie stehen und forderte den Frem
den mit der Hand zum Eintritt auf.
Albrecht mußte sich bücken, um die
niedrige Thür zu durchschreiten dann
quoll ihm Stallduft entgegen und als
sich seine Augen an das Dämmerlicht,
das hier herrschte, gewöhnt hatten, er
blickten sie ein überraschendes Bild.
Neben dem Pferde des jungen
Deutschen stand eine hochgewachsene
Mädchengestalt mit der Striegelbürste
in der Hand und putzte. das Thier.
Durch ein kleines viereckiges Loch in
der Lehmmauer von einem Fenster
konnte man kaum sprechen fiel das
helle Sonnenlicht voll auf den Blond
kopf des Mädchens und glitt an den
lang herniederhängenden goldigen
Zöpfen herab. Und nun drehte sie
das Gesicht dem Ankömmling zu, und
Walther Albrecht sah ein Paar großer
blauer Augen unter breiter weißer
Stirn fragend auf sich gerichtet, und
bann umschwebte ein liebliches Lächeln
den vollen, nicht zu schmalen Mund
und zauberte Grübchen in ein Paar
rosiger Wangen.
Das Mädchen ließ die Striegel
bürste sinken und nickte dem Gaste zu:
„Etwas steif ist Euer Pferd noch, aber
es geht schon wieder besser. Ich habe
ihm die Gelenke mit Branntwein ge
rieben, und seht, wie schön es ist!"
Dabei wies sie auf die volle Mähne,
durch die von geschickter Frauenhand
bunte Schnüre gewunden waren.
Doctor Albrecht trat herzu, und sie
schüttelten sich die Hand. „Wie glatt
gestriegelt das Thier ist," sagte er.
harrte. „Hier wohnt sonst mein zwei-! „Ich muß Euch danken, Elisa. Mein
ter Sohn, der jetzt in Pretoria ist,"
sagte Lucas und dann mit einem Hän
dedrucke: „Gute Nacht!"
Pferb ist noch nie in so schöner Hand
geputzt worden!"
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Sie lachte, baß bie großen, weißen
Zähne ihm entgegenblitzten dabei
hielt sie ihm bie gebräunten, großen
unb ausgearbeiteten Hände hin, bie
ganz zu ben kräftigen Armen paßten,
bie nur bis knapp zur Hälfte von ben
aufgekrempelten Aermeln bebeckt unb
im Gegensatz zu ben Häyden oberhalb
ber Ellenbogen schneeweiß waren.
„Das Pferb ist fertig, aber es muß
noch Ruhe haben," meinte Elisa.
„Aber wenn Ihr ausreiten wollt, so
nehmt meinen Schecken, ober besser,
hier ben breijährigen Falben, benn
ber Schecke wirst auch gute Retter ab.
Ihr findet ben Vater bei ber neuen
Straußenfarm ober nein, Ihr
wißt ben Weg nicht und verirrt Euch
wie gestern. Ich reite mit Euch, wenn
(Fortsetzung folgt.)
©Ute historische Kapelle.
Eine interessante kleine Kapelle, die'
zur Mitte des vorletzten Jahrhun
derts eine etwas anrüchige Berühmt
heit erlangt hatte, ist in London nie
dergerissen worden. Es ist die Kapelle
von Eurzon, die ehemalige Haupt
statte der geheimen Eheschließungen..
Hier war es, wo der Reverend Dr.
Keith jede nur gewünschte Eheschlie
ßung vollzog, ohne auch nur die ge
ringsten Fragen an die Betheiligten zu
stellen. Solch ein Akt kostete eine ein
zige Gutttee. Die Trauungen führ
ten aber mit der Zeit derartige Skan
dale herbei, daß das Parlament durch
eine besondere Akte die Geheimehen im
Jahre 1784 aufhob. Zu jener Zeit
aber hatte Dr. Keith schon ein großes
Vermögen erworben. In der Curzon
Kapelle war es auch, wo der Herzog
von Hamilton am 14. Februar 1854
trotz des Parlamentsverbotes sich die
schöne Miß Gunning um Mitternacht
antrauen ließ, wobei der Ring eines
Bettvorhangs als Trauring diente.

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