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Der westbote. [volume] (Columbus, Ohio) 1843-1871, November 05, 1863, Image 1

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Das Käschen vom Lande.
M»e tz«M«»âschichtt von Otfried
f:- (Fortsetzung
„Nicht doch, Henriette! Alfred Dönning hat ja in
den besten Häusern Zutritt, seit sein Onkel starb und
ihm sein ganzes Vermögen hinterließ/ erwiderte Ida
überrascht.
„Nun ja, man ist ihm auS Rücksicht ffit sein Ver
mögen anfangs entgegengekommen, liebes Kind, al
lein wenn er es so forttreibt, so soller bald mit seinem
Erbe fertig sein und wird dann wieder ausgeschlossen
werden. Papa sagt, er sei ein unverbesserlicher Spie
1,7. Und Dein interessanter Fremder war in seiner
Gesellschaft
„Allerdings, Jettchen, er ging mit Alfred Dön
ning, aber nur so wie jemand, der sich von einem an
drn die Stadt oder die Gegend zeigen läßt, in wel
cher er fremd ist/ entgegnete Ida bewegt und mit ei
iittn gewissen warmen Eifer, um ihren .Unbekannten'
411 entlassen. „Ich bin ganz überzeugt, daß der in
^eressante Fremde nicht zu Alfred Dönning's näheren
Mreunden gehört. Er sieht so bleich auS und so ernst,
T— es ist als ob er einen geheimen Kummer in sich
trüge—und dabei hat er etwas so Edles, Vornehmes,
Distingnirtes an hch. Ich bin überzeugt, daß er
ein Ausländer von Stande sein muß... .Und als ich
schnell in den Salon zurücktrat, weil ich über mein
eigenes Erröthen und seinen Gruß so verwirrt war,
ind durch die Vorhänge nach ihm hinunter zu sehen
fragte, va sah ich beide weiter gehen, nnd wähnte zu
böten, wie Alfred Dönning zu ihm auf französisch
sagte: „TS ist heute Abend großer Ball in jenem
)ause, Herr v. Mamiani, und da ich selbst eine Ein«
tatung dazu erhalten habe, werde ich mir das Ver»
ginigen machen Sie daselbst einzuführen!" Du
magst nun selbst sehen, ob ich eè nicht als eine Schik
sung betrachten darf, daß ich ihm heute Abend begeg
un soll! Mir ahnt wenigstens in meinem Herzen,
daß es keine gewöhnliche Begegnung sein wird!" setzte
")fca mit einem Seufzer und einem leichten Erröthen
mb gesenktem Blicke hinzu.
Henriette lachte laut und äußerte spöttisch: „Für
wahr, ich muß sagen, für ein Mädchen, das in eint«
gen Stunden dem Wendepunkt seines Lebens entge
gensieht, bist Du merkwürdig gefaßt und kaltblütig!
stratum aber, wenn Du doch heute Abend einen ge
Ävissen bleibenden Eindruck auf diesen Herrn v. Ma
ie aus dem Wege ist!" flüsterte er drunten Paulinen
u, welche in der Wirthschastsstnbe die papicrnen Ro»
auf die Guirlanden und Kränze nähte. »Der
Drache ist los. und da thun wir am besten, ihm aus
Sem Wege zu bleiben!"
„Ah, pfui doch, ThomaS! so über die Tante zu
sprechen 1* sagte Pauline mißfällig. „Sie thun mir
wirklich weh mit solchen Ausdrücke». Wir essen ja
hier das Brod dieser Frau und wir sind auch nicht
Ohne Fehler...."
Die Kommerzienrächkn ivar mit ihren Vorbereitn««
gen beschäftigt, als gegen Abend eine hohe, etwas
vorüber gebeugte Männergestalt in's Hans trat.
„Ah, Du bist es. Balder rief sie ihm zu, den sie
jetzt, wo er auf die gaserleuchtete Rotunde am Fnße
cher Treppe heraustrat, für ihren Gatten erkannte, den
ârcfjtn Fabrikherrn. „Was bringst Du, Gottfried?
ist Robert angekommen?"
„Noch nicht er wird vermuthlich erst mit dem
Abendzng eintreffen.—Eine Lampe auf mein Zimmer,
Stephan!" wandte er sich an einen Diener.
„Sogleich, Herr Kommerzienrath
„Wie, Balder, Du willst nicht heraufkommen und
fDich umkleiden?" fragte Frau Balder, einigermaßen
chberrascht von dem ernsten, ja beinahe traurigen Aus»
ruck seines Gesichts und dem tiefen bewegten Ton
:ititr Stimme, und folgte ibm den Gang neben der
entlang bis in sein Privatzimmer, das nach
dem Garten hinausging. „Ist dies die festliche
Miene, mit welcher Du Deinen Neffen empfangen
willst?" fragte sie mit einem kalten vorwurfsvollen
Blick, als der Diener die Lampe auf den Consoletisch
gestellt und sich wieder entfernt hatte.
„Mir ist nicht festlich zn Muthe, Albertine ent
gkgkntte der Kommerzienrath, nachdem er ein Pack«
chcn Briefe ans der Tasche seines Ueberrocks genom»
wen und diesen abgelegt hatte, und stellte sich mit dem
Stücken an den wärmespendenden Porzcllanofen. Und
wie er so dastand, gesenkten Hauptes, die Blicke starr
auf den Lichtkreis gerichtet, welchen die Lampe auf
den bunten Blumen und die Arabesken des Fnßtep»
pichs warf, ein bleicher, hagerer Mann, frühgealtert
und mit Sorgen-gefurchtem Gesicht und spärlichem
grauem Haar, da erschien er hier minder heimisch in
dient eleganten Zimmer, als in seinem Comptoir
runten auf der Fabrik, wo er dreißig lange Jahre
astlos und mit Aufgebot aller Kräfte gearbeitet hatte,
lim der bedeutendste Fabrikherr der Provinz zu wer»
den —ja, da schien eS sogar, als ob alle Größe nnd
aller Gewinn, alles Ansehen und alle äußere Beden»
tung doch diesem Manne den inneren Frieden und
die Ruhe nicht haben geben können, welche einem
Mann seines Alters, so den Sechzigen nahe, nach
solch angestrengter Arbeit von Rechtswegen zukäme.
Das hartnäckige Schweigen ihres Gatten und sein
stierer Blick, seine besorgte Miene übten einen tiefen
Eindruck auf seine Frau, als die bereitsten Vorstel
lungen gethan haben würden, die er ihr über eine
Geldverschwendung hätte machen können, worüber ihr
Gewissen in ruhigeren Momenten nicht ganz ruhig
war.
„Was hast Du, Gottfried?" fragte sie „warum
gerade heute so düster, wo ich Dich heiter und Göhlich
gewünscht hätte, um Robert, Deinem Neffen, einen
herzlichen Empfang zu bereiten?"
„Laß mich |ein, wie ich bin, Albertine! Die Zeit
ist nicht dazu angethan, zu lachen und zu scherzen,
wenn jeder Tag neue Verlegenheiten und Verdrieß
lichkeiten bringt, wenn jede neue Zeitung aus Am?
rita Nachrichten bringt, welche den Einsichtsvollen
ahnen lasten, daß d'e Crisis, die sich auf dem Geld»
und Weltmärkte vorbereitet, zn gigantischen Verhalt
nissen anwachsen muß! —Ihr thörichten, leichtsinni»
gen einsichtslosen Weiber könnt tanzen und lächeln,
selbst wenn ihr wißt, daß mit ein schwankes dünnes
Kreit tetn Abgrunde trennt l"
i i"-i
Jahrgang«« wb 52 Rsmattrn 8 «I IR
iani zu machen wünschest, denkst Du doch noch nichtjbei im Auge habe,.... Roberts und unserer Kinder
|m Deine Toilette? Ist es da nicht doppelt angezeigt,! Zukunft ...
.*
|Cich auf's beste herauszuputzen Er kann doch glau« i „Und Deine ungemessene Eitelkeit und Prunkliebe,
Sen, daß Du die vielleicht absichtlich laute Aeußerung Albertine 1" fiel ihr Gatte ihr düster in's Wort. „Ich
von Alfred Dönning vernommen...^ fürchte, Du irrst Dich in Robert gewaltig, und er
Der Eintritt der Mutter, der Kommerzienräthin billigt so wenig als ich den ungemessenen unsinnigen
Balder, machte der Unterredung der beiden Mädchen Aufwand, welchen Du und Deine Töchter machen!
ein Ende. „Kommt, Kinder, sputet euch!* ries jie Er ist Kaufmann und eines Kaufmannes Sohn er
,der Friseur ist da, den ich eigens für euch aus der kennt den Werth des Geldes besser als Du wähnst.
Residenz habe kommen lassen, daß er euch coiffite. @t wird mich verdammen und meine lächerliche
Jettchen, trägst heute Abend breite griechische Schwäche, daß ich in solche tolle Verschwendung wil»
Scheitel, die Zöpfe über der Stirne um den Kopf ge- 'ligte, und er hat Recht ich verdiene den derbsten
chlungen uyd das goldene Stirnband mit den Bril« Tadel über meine Nachgiebigkeit aber was soll ich
anten! Dich, liebes Jdchen, werden die langen eng« thun, um mir Ruhe zu schaffen, jene Ruhe, die ich zu
ischen Locken am besten kleiden, denn sie passen ganz! meinen Unternehmungen bedarf? Von Dir jedoch,
u Deinem Style von nachdenklicher ruhiger Schön- Albertine, ist es unverantwortlich, daß Da mit meiner
leit. Ihr sollt mir heute Abe.id Effekt machen, Kin-: Ehre und mit meinem kaufmännischen Ansehen so fre-
setzte sie zuversichtlich hinzu und betrachtete mit eclhaft spielst, und um Deines zügellosen Ehrgeizes
lütterlichem Stolze ihre beiden ältesten Töchter „ich willen ... ."
ifmfcht, daß ihr alle anderen jnngen Damen der! „Schweig', Balder!^ siel ihm seine Gattin herb in
tadt überstrahlet! Ihr sollt gleichsam die Mittel« die Rede „Du hast allein alle Schuld. Früher hast
unkte sein, zu denen Roberts Blicke immer wieder Du mich verwöhnt— ich mußte Aufwand machen,
urückkehren müssen wenn er sich unter den anderen um Dir Credit zu schassen ich that es, und konnte
imgesehen hat. Aber nun kommt, Kinder! Laßt folgerichtig nicht wieder abbrechen und zurückgehen,
Herrn Seuviu nicht zu lange warten zumal nicht jetzt, wo wir zwei Töchter zu verheiralhen
Und während Henriette und ihre jüngere Schwester haben. Warum hast Du meinem Rathe nicht gefolgt?
Hie Häupter unter der kunstreich ordnenden Hand des Vor zehn Jahren verlangte ich, Du solltest einen Theil
Priseurs beugten, durchwanderte dieKommerzienräthin! Deines Kapitals aus dem Geschäft ziehen und das
Goch einmal ihr Haus und musterte die getroffenen
ènordnnngen zu dem Feste. Hier, wo e8 galt, dem
Wesinde und den Handwerkern zu imponiren legten
sich ihre Züge wieder in eherne strenge Falten, und
e war ganz die stolze herrschgewohnte reiche Frau, größern.... Wenn nun Deine Berechnungen fehl
Hie von ihrer eigenen Bedeutung und ihrem Werthe schlagen, und wenn ich den letzten Wurf thue, um
Oiehr als erfüllt ist,— ganz diese Emporkömmlingin, wenigstens unsere beiden ältesten Töchter zu versor»
Dur die sie in der ganzen Stadt galt. Auch heute igen, so ist mein Gewissen um so ruhiger, als ich da
war sie wieder mit gar nichts zu befriedigen. Nu« mats wirklich Recht hatte, als ich meinen Willen we»
ends war ihr genug Glanz und Pracht, überall hatte ge„ Sommerau durchsetzen wollte.. .. ein ganz ptak
e noch zu tadeln, zu verbessern, und der alte Gärt
er, welcher gerade mitKränzen beladendieHintertrep»
|e heraufkam, warf seine Gewinde von Ficht/nreisern
Dur in einen Heizwinkel und schlich sich wieder hinab,
IIS er ihre tiefe Stimme drinnen in den Sälen Frei«
Dchen und tadeln hörte. „Wir wollen warten, bis
das sind wieder die alten krankhaften Vi-
sionen, Gottfried sagte die Kommerzienräthin kalt.
„Dein Unterleib ist wieder in Unordnung, Balder!
Du mußt wieder Rokaezi trinken. Aberzwinge Dich
wenigstens heute etwas heiterer zu sein! WaS muß
denn Robert, waS müssen unsere Gäste denken, wenn
iie
Dich mit solchem Jammergesichte sehen
Robert ist Kaufmann genug, um zu begreisen,
daß ich dermalen nicht auf Rosen gebettet bin, Albrr«
tine/ versetzte ihr Gatte düster „er wird ahnen, waS
mich ernst und sorgenvoll macht. Der Junge müßte
kein Balder sein, wenn er kein tüchtiger Geschäftsmann
wäre, und er ist sicher nicht auS der Art geschlagen.
Und was Deine Gäste anlangt, Albertine, so sind
mir alle zusammen zu gleichgültig, dieses Pack von
Schmarotzern und aufgeblasenen Weibern und ver»
zogenen Töchtern, als daß ich mir ihretwegen auch
nur eine halbe Stunde lang Zwang anthun und ans
meinem Gemüth eine Komödie machen sollte, wenn
sich mir die bängsten Befürchtungen mit unausweich
barer verhängnißvoller Hartnäckigkeit durch die Seele
wälzen und mich fast erdrücken I*
»Ich »verde zum Arzte schicken, Gottfried, Du bist
krank!...."
»Ja, krank am Herzen und am Willen, halb ver«
rückt vor Sorgen/ murmelte Balder, und wandte
sich ab. „Ich habe heute Abend fünfzig Arbeiter tut»
lassen müssen es war ein Jammer auf der Fabrik
daß mir die Ohren noch gellen! Es waren Verhei«
rathete darunter, und der Winter ist vor der Thüre!
Und wie bitter muß den Leute" erst die Armuth wer»
den, wenn sie heute Abend die Fronte und die Fenster
dieses Hauses im hellsten Kerzenschein über das Thal
hin werden leuchten sehen, wenn der Nachtwind ih«
nen die fröhliche Tanzmusik hinüberträgt in die Vor
stadt, und wenn sie ahnen, daß ich mit dem Gelde,
was dieses Fest mich kosten muß, sie noch einen Mo«
nat länger hätte beschäftigen können! Albertine,
die Flüche und Verwünschungen, welche heute Nacht
über mich ausgestoßen werden dürften, kommen zum
Theil über Dein Haupt/
„Mich berühren sie nicht, und wenn sie so Taut
schrieen daß sie unsere Tanzmusik übertönten/ er
wiederte Frau Balder kalt. „Unser Boll ist aller«
dings theuer, allein der besondere Zweck, den ich da»
Rittergut Sommerau dafür kaufen und auf mich und
die Kinder einschreiben lassen, anstatt von Jahr zu
Jahr neue Gebäude zu errichten, neue Maschinen ain
zuschaffen und die Fabriken und das Risieo zu ver»
tischet Plan, welcher nur an Deinem Eigensinn,
Deiner Kurzsichtigkeit und Verblendung scheiterte,
aber Dir je länger desto mehr als gerechter Vorwurf
auf der Seele brennen wird. Wieviel ruhiger könn»|
test Du nun sei», wenn Deiner Frau und Kinder
Zukunft durch den Besitz eines Rittergutes gesichert
wären 1"
Eine Pause entstand der Vorwurf mochte etwas
gegründet sein und dem Fabrikherrn zu Herzen gehen
aber das heutige Fest, das so seltsam und verhäng»
voll mit der Entlassung der Arbeiter zusammenfiel,
schien den Geist des Mannes ausschließlich zu be»
schäftigen. „Ich rede nicht von vergangenen Dingen/
sprach er dumpf „es handelt sich nur um die Gegen
wart dieses Fest ist ein ganz nutzloses, eine rein
mnthwillige Ausgabe. Irgend ein Zufall kann Ro
bert unterwegs aufgehalten haben, und er kommt gar
nicht, und dann sind nicht mit Deine Erwartungen
vereitelt, Albertine, sondern meine Feinde und Nei
der haben einen gegründeten Vorwurf mehr gegen
mich in Händen, wenn ..
„Kein Wenn und kein Aber, Balder unterbrach
ihn die Kommerzienräthin, um ihn das gräßliche
Wort nicht aussprechen zu lassen, vor welchem ihr
selbst graute. „Wenn Robert heute Abend nicht an
kommt, von irgend einem Hinderniß aufgehalten, so
sind wir ans aller Schuld aber es wäre ärgerlich,
wenn wir uns mit diesem Ball vergebliche Mühe nnd
Kosten gemacht hätten, tim ihn zu bewillkommen/
„Rieth ich nicht die Soiree noch um einige Tage
hinauszuschieben, wenn sie je so unerläßlich war, wie
Du sagtest?"
„Ja, damit Du Zeit gewannst, sie ganz zu »eres«
tcln abgeneigt nnd vorutthe'lsvoll wie Du warst
gegen mein ganzes Vorhaben sagte die Kommer
zienräthin. „Aber genug davon! Die Sache ist mm
einmal so, und zu geschehenen Dingen muß mgn das
Beste reden Aber was für ein Brief ist das, den
Du eben öffnest? Nene schlimme Nachrichten
„Nein, nur ein Brief von meinem Bender. Chri
stian schreibt mir, sein Sohn Rudolph, den ich als
zweiten Buchhalter in's Geschäft nehmen will, weil
ich in solchen Zeiten nur zuverlässige und discrete
Leuie um mich haben muß, wo jede Indiscretion mei
nen Ruin herbeiführen kann/ setzte er wie eine mil«
dernde Entschuldigung hinzu, denn er wußte, daß er
seiner Frau eine sehr unangenehme Mittheilung ma
che „Christian schreibt mir also, daß Rudolph Heu»
te Abend eintreffen wird, und ich.... ich wollte Dir
mit sagen, Albertine, daß.... daß, wenn der junge
Mensch noch nicht da ist.... et also jedenfalls noch
kommen und bei uns hier absteigen wird...
„Hier bei uns? und gerade heute, an unserem
GkscUschafts-Abend?.... sagte die Commerzienrä»
thin, und ihr Gesicht erglühte ordentlich vor Entrü
stnng.
„Als ob Rudolph und sein Vater dieß hätten er»
rathen können?" versetzte Balder trocken. Uebrigens
kommt er vielleicht erst spät an und wird eure Freude
nicht stören, woran jedoch auch nichts läge, denn ich
denke, mein Geschäft geht vor eurem Vergnügen, und
ich werde den Jungen schon hier unten beschäftigen.
Du wirst also die Güte haben, einstweilen ein Zim
mer für ihn Herrichten zu lassen, daß er ein Unter
kommen findet, wenn er eintrifft/
„Aber wir haben alle Gastzimmer voll, Gottfried!
ich weiß ihn nicht mehr unterzubringen/ sagte Frau
Balder kalt und entschieden. „Das beste Gastzimmer
haben wir natürlich für Robert gerüstet, und in den
andern beiden übernachten die Fräulein von Seewald
mit ihrer Mama und die junge Grafit Spaneck de»
nen wir doch nicht zumnthen können,bei solchem Wet
ter nach dem Ball noch zwei Meilen weit auf ihr Gut
zurückzufahren. Also wird es das geratenste sein,
wenn ich im englischen Hofe ein Zimmer für d»a neuen
Vetter vom Lande bestelle...."
„Nichts da 1 Was fällt Dir ein? meines leibhaf»
tigen Bruders Sohn sollte im Gasthof einquarlirt
werden, während wir hier landfremde Personen br
Herbergen, die keinen andern Anspruch an unsere Gast
freundschaft haben, als die Befriedigung Deiner Ei«
telkeit, einige adelige Damen auf entern Balle zu se*
hen! Ich sage, Albertine, der Neffe wird hier Auf-
„Dann sorge Du für ihn ich weiß nicht Rath
zu schaffen 1* erwiederte die Commerzienräthin hart.
„Ich habe noch so viel zu sorgen nnd zu ordnen, daß
ich kaum weiß wo mir der Kopf steht, und mich nicht
mit der Sorge für das Unterkommen eines solchen
linkiscken täppischen Bauernburschen bekümmern
kann 1"
„Bauernburschen? täppisch?" wiederholte Herr
Balder und die Galle ward ihm warm, so daß er sei
net Frau einen Blick voll Entrüstung zuwarf da sie
aber denselben mit der kältesten Gleichgültigkeit er
wiederte, so begnügte sich Herr Balder mit einem
Seufzer und stummen Kopfschütteln, und sagte:
„Nun denn auch gut! Wir wollen einmal sehen,
wer seinen Willen durchsetzt! Ich werde mich an
Panlinen wenden, damit Du und Deine vornehmen
Töchter nicht von dem Bauernburschen behelligt wer
denDamit eilte er zur Thüre hinaus.
Die Kommerzienräthin sah ihm erstaunt nach, at*
lein bald verzoa sich ihr Gesicht zu einem höhnischen
gleichgültigen Lächeln und sie murmelte: „Bah, es
lohnt nicht der Mühe, sich darüber zu ärgern. Wenn
nur Robert gewiß kommt, was liegt dann an dem
Andern?!" Und so rauschte auch sie aus dem Zim
mer und stieg so rasch als es ihr Embonpoint erlaub»
te, zu ihren Töchtern hinauf, um ihnen die Kunde
von dem zu bringen, was sie so eben erfahren hatte.
„Das sind erbauliche Nachrichten rief Henriette
ärgerlich „es ist doch abscheulich, daß uns jede Freu
de in's Wasser fallen muß. Nicht genug, daß Robert
nicht zu kommen scheint, für den wir uns so sehr an
gestrengt haben, so muß uns. Papa's Schwäche für
seine Verwandten auch noch diesen Bauernburschen
da ans den Nacken setzen Natürlich wird ihn Papa
nun schon uns zum Trotz in die Gesellschaft einfüh
ten, und et wird nicht so viel Takt haben, entweder
wegzubleiben, oder sich wenigstens nicht für unsern
Verwandten auszugeben. Mama, was ist da zu
machen?*
Die Kommerzienräthin zuckte die Achseln. „Papa
ist heute Abend so gereizt, Kinder! ich kann es nicht
umgehen, diesen Rudolph hier aufzunehmen, aber
wir geben ihm nur ein Dachstübchen...
„Und Du sagst Stephan, et solle ihm bedeuten,
daß er aus seinem Zimmer bleiben möge, da Du ihn
heute Abend nicht empfangen könntest I Nicht wahr,
Mama!" fiel Henriette ein.
„Nein, nicht so, Mama/ bat Adelheid „wir fiih
ren ihn lieber hier ein und bitten einen unserer älteren
Herrn, ihn zu beschäftigen."
„Wir haben keine älteren Herrn eingeladen, denen
wir ihn anvertrauen könnten," sagte Henriette schnip»
pisch. „Die al'en Herren, welche derVetter vom Lan
de heute hier trifft, sind lauter Männer, die sich ein
Vergnügen daraus machen würden, diesen täppischen
Vetter mit Champagner betrunken zn machen und ihn
dann plaudern zn lassen ihm 'vie Würmer aus
der Nase zu ziehen', wie sie es nennen und dann
morqen alles gleich weiter zu erzählen, damit diegan»
ze Stadt ans unsere Kosten lache. Es ist abscheulich
von Papa, daß er uns dies angethan hat/ setzte sie
ärgerlich hinzu, so daß ihr die Thränen in die Au
gen traten „aber ich bin dafür, daß dieser Vetter
vom Lande nicht in die Beletage herab komme."
„Sei ganz ruhig, meine Liebe/ erwiederte die
Kommerzienräthin mit eisiger Gelassenheit. „Ich wer
de meine Maßregeln schon nehmen. Wenn euer Va
ter darauf besteht, seine ganze Sippschaft vom Dor
fe hier cinznnisten und ihnen Unterkunft zu geben, so
werde ich gewiß dafür sorgen, daß sie der Familie
keine Schande machen. Ich werde Papa schon den
Kopf znrecht setzen. Aber nun ärgert euch nicht mehr,
meine Kinder, sondern sputet euch, daß ihr mit dem
Ankleiden fertig werdet.
4.
Der Glockenschsag derMidele acht Uhr, als der
Zug von Norden her in den Bahnhof herein fuhr und
einen Strom von Reisenden ausspie, ehe er weiter
fuhr. Unter den Ankömmlingen war ein junger
Mann von ungefähr sechs- bis siebenundzwanzig
J.ihren, groß, hübsch, von ausländischem Aussehen,
dessen Kleidung nach Schnitt und Farbe englische
Mode verrieth. Dieser hatte nicht sobald sein Ge»
päck in Empfang genommen und liiiem der Schaffner
übergeben, als er nach einer Droschke rief und dem
Kutscher derselben befahl, ihn nach der Behausung des
Kommerzienraths Balder zu bringen. Kann« aber
hatte er den Namen desselben genannt, so eilte ein
Lakai in Liöree herbei und fragte beeifert: „Uiy Ver»
gebnng, mein Herr, sind Sie viell^ich^ Herr
Balder?"
„Zu dienen, so heiße ich!"
„Nim denn, so läßt die Frau Kommerzienräthin
Sie höflichst bitten, sich ihres Wagens zu bedienen,
welcher dort steht. Die gnädige Frau gibt heute
Abend eine Soiree, zn welcher Sie erwartet werden,
Herr Balder, sonst hätte sie sich das Vergnügen ge
macht, Sie am Bahnhofe zu empfange»/
„Ah das ist ja ungemein liebenswürdig und ver«
bindlich von der Frau Tante, obfchon ich mich so vie
ler Ehre und Freundschaft nicht versehen habe/ er«
widerte der junge Balder bescheiden. „Und was
macht der Kommerzienrath, mein werther Oheim?"
„O, er befindet sich ganz wohl, und hat Sie schon
mit dem Fünf-Uhr-Zuge selbst an dem Bahnhofe er
wartet!"
Der jnnge Mann stieg in den Wagen, und die
beiden kräftigen Mecklenburger Pferde trabten mit
schmetterndem Hnfschlag der Stadl zu. Der Insasse
des behaglichen Wagens machte sich allerlei Gedan«
ken über den verbindlichen Empfang, der ihm ge
worden war, aber diese Gedanken waren nur ange
nehmet Art, und wnrden zuletzt in einem Selbstge
spräche laut. „Der gute Vater scheint doch Unrecht
zu haben mit seinem Vorurtheil gegen die reiche
Schwägerin," murmelte Herr Balder sinnend vor sich
hin „er hat sie mir als schroff nnd abstoßend, stolz
und hochfahrend geschildert, er hat mich daraus vor«
bereitet, daß mir nur Geringschätzung und Anfeindung
von ihrer Seite begegnen würde, und siehe da! statt
dessen läßt die feine Frau sich herab, mir ihren eige»
nen Wagen zu schicken, und entschuldigt sich, daß sie
mich nicht selber am Bahnhof empfangen habe. Das
ist ja das schnurgerade Gegentheil von dem, was ich
zu erwarten hatte. Sollte sie wirklich zu meinen
Gnvsten eine Ausnahme machen?
Unter diesen und ähnlichen Betrachtungen hielt der
Wagen plötzlich mitten in der Stadt vordemerleuch»
teten Thorwege eines großen Hanfes. Der junge
Balder glaubte sich a.. Ort und Stelle und pochte an
das Fenster, daß ihm der Lakai, der vom Bock gestic
gen war, den Schlag öffne. Dieser kam der erhal
tenen Weisung nach. „Sind wir zur Stelle?" fragte
Balder.
„Nein, um Vergebung/ war die Antwort „ge
dulden Sie sich nur einen Augenblick, Herr Balder
wir sind hier vor dem Hotel zum .Falken' wo das
Postbureau ist, und ich soll anfragen, ob einige jun
ge Damen, die mit dem Eilwagen erwartet werden,
schon angekommen sind."
„Ah so/ erwiderte Balder und zog den Kopf
zurück.
Bei Nennung des Namens Balder hatte ein Herr
in einem Reiscmantel, der unter dem Thorwege ge
standen hatte, als ob er jemand erwarte, unwillkürlich
aufgesehen und musterte nun den Wagen und die
Pferde.
„Weß ist die Equipage, Kutscher?" fragte et dann
denselben.
.Des Herrn Kommerzienraths Balder/ ««t die
Antwort.
„Ah, um so besser!" versetzte der Fremde und eilte
itt.bas Erdgeschoß des Hotels zurück, von wo er je
doch erst nach einer Weile zurückkehrte, um gerade noch
zu sehen, wie der Lakei zwei Damen in den Wagen
hob, und dann den Wazenschlag schloß, worauf et
einem Postkätnet noch empfahl, das Gepäcke der Da»
nun sogleich nach der Villa Balder hinaufzubringen.
,He, guter Freund, ist der Wagen schon voll
fragte der Fremde den Lakai und klopfte ihm auf die
Achsel.
„Allerdings," versetzte der Lakai etwas barsch,
nachdem et sich etwas umgesehen und den alten Hut
und nüchterne» Reiscmantel dessen bemerkt, der ihn
angeredet hatte „das ist eine Privat.Equipage, mit
welcher niemand sonst fahren kann."
„Als ich, guter Freund! Auch ich bin im Begriff,
mich nach dem Hause des Herrn Kommerzienraths
zu begeben," sagte der Fremde bescheiden. „Wenn
daher noch ein Plätzchen im Wagen...."
„Bedaure—der Wagen ist voll," erwiderte der La
kai etwas grob „und überdieß hab' ich keine Erlaub
niß, jemand andern aufzunehmen, als den Neffen
des Herrn Kommerzienraths und diese zwei Damen."
„Der Herr da drinnen ist ein Neffe des Herrn
Kommerzienraths?" fragte der Fremde.
„Ei freilich," versetzte der Lakai „es ist der junge
Herr Balder aus Amsterdam...."
^Ans Amsterdam? Der da dnnne»$* tief der
Fremde überrascht. „Sie irren...."
»Gewiß nicht er hat mir's selber gesagt! Aber
der Herr mag entschuldigen wir sind pressirt und
haben keine Zeit zu verlieren. He, Franz, fahr' zn!*
rief er dem Kutscher zu und schwang sich auf den Bock
hinauf.
Der Wagen rasselte davon und war dem Fremden,
der ihm nachstarrte, rasch aus dem Gesicht verschwnn
den. „Was war das? Der junge Balder aus Am
sterdam Ein Doppelgänger oder Betrug! mur
melte der Fremde aufgeregt „darüber muß ich so
gleich in's Klare kommen. Oder war es nur eine
Mystifikation, die sich die Consilien mit mir erlauben?
Haben sie mich vielleicht heute Nachmittag erkannt,
als ich an dem Landhause vorüber ging, oder ist ih«
nen auf i.gend eine andere Weise zu Obren gekom
men, daß ich schon hier war und im Gasthofe abstieg,
während sie mich erwarteten, nnd sie wollen mich nuit
auf diese Weise dafür bestrafen? Jenun das muß
sich ja bald aufklären!—He, Mann wandte et sich
an den Postschaffner, der soeben mit seinem Karren
der Equipage des Kommerzienraths folgen wollte,
„würden Sie so freundlich sein, mir um Geld und
gute Worte mein Gepäck ebenfalls nach der Villa
Balder mitzunehmen?"
„O ja, warum denn nicht? Der Herr mag's nur
hergeben...."
„Wenden Sie sich an den Oberkellner! He, Herr
Schmidt, haben Sie die Güte, diesem Manne hier
meinen Keffer und Reisesack, meine Hutschachtel und
meine Shawls zu übergeben? Meine Zeche ordne ich
morgen. Mein Name ist Balder, Neffe des Kom
merzicnraths!"
„Schon gut, Herr Balder! Ganz zu Ihrem Be
fehl!" rief der Wirth und trippelte herbei, um dem
Fremden das Geleit bis an die Schwelle zu geben
allein dieser hatte den Mantel schon abgenommen
und über den Arm gelegt, um rascher geben zu fön«
nen, und schritt hastig in die dunkle Nacht hinein.
Als der Wagen des Kommerziehenralh^ die An»
höhe erreichte, trat die Villa mit ihren glänzend et«
leuchteten Fenstern und den Fackeln und Gasflammen
vor der Fronte wirklich wie ein Feenschloß aus der
nächtigen Landschaft heraus. Eine Reihe Equipagen
hielt vor dem Hanse, von dem einen Gartenihore der
Auffahrt bis zum Portale, um die rcichgeschinückten
eleganten Gäste zu entladen. Eine gaffende Volkö
menge, worunter viele Fabrikarbeiter und Arbeiterin«
nen, hatte sich vor dem Anffahrtthore versammelt und
starrte in die Wagen hinein, worin die Damen sas»
sen, oder stierte den Portier an, der im blauen, gal
louirteu und goldbetreßten Hut mit dem Stocke itt
der Hand am Thore stand und zugleich die otdnungs
mäßige Bedienung der beiden Pechpfannen beaufsich
tigte. Die Equipage des Kommerzienraths fuhr je»
doch nicht am vorderen Portale an, sondern sogleich
dem Hofe zu, wo sie vor dem Gartensalon hielt. Die
beiden jungen Damen und der junge Balder stiegen
aus, bemerkten, daß die Helle aus der Beletage sogar
den Hof mit einer Lichtfülle übergoß, und hörten die
ersten Akkorde der Ballmnsik droben tönen. Kaum
in den Speisesaal getreten, kamen ihnen der alte
Hausdiener Stephan und Pauline entgegen und em
pfingen sie mit der größten Zuvorkommenheit Na
mens der Herrschaft, die sehr bedauerte, sie nicht be
grüßen zu können, sondern so eben genöthigt sei, die
Ballzäste droben zu empfangen.
Während Pauline sich der jungen Damen annahm,
nnd ihnen mit dem Armleuchter voranging, um sie
über die Hintertreppe in das zweite Stockwerk hinauf»
zuführen, hatte der dicke Stephan sich dem jungen
Herrn zur Verfügung gestellt und ihm einige leichtere
Stücke seines Gepäcks abgenommen. „Darf ich Sie
bitten, mir zu folgen, Herr Balder?" sagte er mit
kriechender Untertbänigkeit. „die Damen haben Sie
schon den ganzen Tag erwartet, und Ihnen zu jedem
Zuge die Eq.iipage entgegengeschickt. Die gnädige
Frau fürchtete schon, es mochte Ihnen ein Unfall zu»
gestoßen fr in, datz Sie heute gar nicht mehr kämen.
Aber um so größer wird nun die Freude sein, und ich
werde Sie der gnädigen Frau sogleich melden!
Hören Sie die Musik Der Ball hat schon begon
nen, und die Gesellschaft ist brillant," fuhr er sort
und blieb auf der Treppe stehen, wo er eine Thür off
iifte. „Sehen Sie, dort Die Bogenihnrc, wo die
Orangenbäume stehen, führt in den Empfangs-Za«
lon.—Ihr Zimmer oben ist geheizt, und wird hoffent
lich ganz behaglich sein. Ich werde Ihnen den
Koffer sogleich heraufschicken, und bis Sie sich nmge
kleidet, werde ich die Ehre haben, Ihnen ein kleines
Diner setviten zu lassen, denn das Souper ist erst
bis Mitternacht bestellt, und Sie werden Appetit ha
bcn von der Reise. Die gnädige Frau hat schon al»
les für Sie angeordnet, Herr von Balder, und die
Abendgesellschaft und der Ball, den wir heute habe»,
werden Ihnen zn Ehren, zur Feier Ihrer Ankuntt ge
geben! Die Einladungen sind schon vor zehn Tagen
ausgeschickt worden, und die ganze vornehme Welt
der Stadt und Umgebung ist beigezogen. So, hier
sind wir zur Stelle, gnädiger Herr! haben Sic die
Güte, es sich einstweilen bequem zn machen!" Damit
öffnete der Diener die Thüre eines äußerst eleganten
Zimmers, das von zwei Lampen erleuchtet, von Bin
men durchduftet und von einer behaglichen Wärme
durchzogen, und durch schwere Portieren von einem
ebeiiio eleganten Schlaskabinct getrennt war.
Der junge Balder war kaum allein, so warf er sich
in eilten Stuhl und sah sich so verwundert und be»
troffen im Zimmer um, als ob er wirklich seinen Au»
gen nicht trauen wollte. „Wahrhaftig," sagte er
und rieb sich die Stirne und ergriff den silbernen
Armleuchter, welchen der Diener auf den Tisch gesetzt
hatte, „wenn ich nicht mit meinen eigenen Häuten
das alles greifen könnte, so vermöchte ich es fürwahr
nicht zu begreifen Ich komme mir vor wie ausge
wechselt. Hat der Onkel denn seinen Scherz mit mir
getrieben, als er mir schrieb, er wolle mir durch
Wohlwollen reichlich ersetzen, was etwa in dem Be
nehmen der Tante demüthigend für mich sein konnte?
Oder sollte Tante Albertine ihren Sinn geändert nnd
ihr Vornrtheil gegen die atmen Anverwandten ihres
Gatten abgelegt haben? Die Art der Aufnahme we
mgstens, welche ich hier finde, hätte auch meine kühn
sten Erwartungen übertroffen, wenn ich mir je solche
gemacht haben würde... .Welcher Reichthum, wel
cher Geschmack und Luxus!" fuhr er fort, raffte sich
auf nnd besichtigte die Einrichtung des Zimmers, die
Prackt der Möbeln und des Gerälhes ans dem
Waschtische u. f. w., bis wieder an seine Thüre ge
pocht ward und der dicke Diener nochmals eintrat
und meldete: „Die gnädige Frau und die gnädigen
Fräulein lassen sich Ihnen bestens empfehlen, Herr
von Balder, und sind sehr übet Jbte Ankunft erfreut.
Die Frau Kommerzienrath läßt ne freundlichst bitten,
sich rasch umzukleiden, denn sie wird sich nachher die
Ehre geben, Sie hier aufzusuchen und in die Solons
einzuführen
„Zn viel Ehre von meiner gütigen Tante!" erwi
derte der Gast „fürwahr sie beschämt mich förmlich
durch so viel Wohlwollen, durch diese unverdiente
Güte Sagen Sie der Tante meinen herzlichsten»
Dank und melden Sie ihr, daß ich mich mit meiner
Toilette beeilen werde, um mich ihr dann selbst vor
znsttAen. Sie möge sich-inzwischen ja nicht ihren Gä
sten entziehen!" Der Diener ging, und der junge
Balder machte sich mit Hast an das Umkleiden.
Etwa um dieselbe Zeit, wo dieser erstere Gast da«
mit begann, seine Toilette zn machen, hatte der an»
dere
Fremde
ans dem Falken die Villa erreicht, und
wollte an dem galloaitttii Portier vorüber in dm
Garten treten, als dieser ihm mit einem barschen:
„Halt! wohin?" den Weg vertrat.
„Wohin?" wiederholte der Gefragte etwa8 un
willig, und blickte den Portier scharf an, „zu dem
fragen
Kommerzienrath Balder, meinem Oheim! Das wer
den Sie mir doch nicht wehren wollen?"
„Ah, Sie sind der neue Vetter Na das ist ein
Anderes," erwiederte der Thürstehet mit aller Barsch
heit eineS verwöhnten insolenten Domestiken. „Ja,
ich erinnere mich, dvk mir der Herr Stephan von
Ihnen gesagt hat. Gehen Sie nur dorthin nach dem
Haufe, aber nicht vorne hinein sondern durch die
Himerthüre und dann links, und fragen Die da nach
dem Haushofmeister, dem Herrn Stephan Der wird
Sie dann zurechtweisen."
„Und warum nicht durch das Portal, trenn man
darf?" erkundigte sich der Fremde', der noch
nnschlüifig schien, ob er die Anmaßung des Portiers
mit Humor ignotiten oder ernstlich übel nehmen sollte.
„Weil wir heute Abend Ball haben und darum
keine Zeit, die neuen Vetter zn empfangen meinte
Herr Stepban/ gab der Portier zur Antwort. „Herr
Stevban hat ausdrücklich befohlen, daß ich Sie an
die Hinterthür weisen und daß Sie sich an ihn wen
den sollen."
„Wirklich?" sagte der Fremde, „nun denn, so sa
gen Sie dem Bengel von.Hanshofmeister, ich würde
thun, was ich für gut fände." Mit diesen Worten
schritt der Fremde an dem Portier vorbei und dem
Hause zu, vor welchem noch einige Wagen hinterein»
der standen nnd Gäste anSlnden. An diesen vorüber
ging der Fremde keck und zuversichtlich bis unter das
Portal, und stand hier beim ersten Schritt über die
Schwelle in der hellerleuchteten, und mit Blumenge»
schmückten Rotunde dem Lakai gegenüber, den er schon
vor dem Posthause gesprochen hatte und der nun in
kurzen Hosen, Strümpfen, weißer Cravatte und Hand
schuhen gleichsam den Thnrsteher imVestibüle machte.
„Was steht zn Bef hl?* fragte der Lakai erstaunt
„was will der Herr hier?"
„Ich wünsche meinen Oheim,den Kommerzienrath
zu sprechen mein Name ist Balder," versetzte der
Fremde und reichte ^em Lakaien eine einfache Karte
mit der Inschrift „Mr. R. Balder/ Ich dächte doch,
daß man mich hier erwarte."
„Ah, Sie sind der Vetter? Nun ja, ich hörte die
gnädige Fran sagen, daß Sie noch kommen würden
.... Gehen Sie gefälligst dort hinten in das Wirth*
fchaflszirnrner, wo man Sie weiter bescheiden wird.
Wir haben hier keine Zeit, wie Sie sehen 1" Damit
ließ der Lakai ihn stehen und eilte den Damen ent
gegen, welche so eben ans ihren Wagen stiegen.
Anfangs blitzte Herrn Balder's Auge zornig auf,
dornt aber glättete sich seine gerunzelte Stirn und ein
satyrisches Lächeln spielte um seine wohlgeformten
Lippen. „Meiner Treu! ein ganz -eigenthümlicher
Empfang, welcher dem Vetter ans der Fremde, hier
in Oheim's Hanse zu ,Theil wird!" murmelte der
Fremde und trat bei Seite, un/die Damen vorüber»
gehen zu lassen, die, nachdem sie sich ihrer Shawls
und Mantel in den vordem Zimmern des Erdgeschos
ses entledigt hatten, in erwartungsvoller Eile die brei
ten Treppen hinausstiegen.
In diesem Augenblicke kam der wohlbeleibte Herr
Stephan mit seinem aufgedunsenen rothen Gesicht in
weißer Halsbinde und schwarzem Frack in die Ro»
tlinde hervor, und sein Blick begegnete dem des Frem
dem, der auf ihn zuging. „Herr Stephan, wenn ich
recht ttfrinuthe sagte er.
»Z' dienen, mein Herr womit kann ich aufwar
ten?" fragte der Diener ziemlich barsch.
„Mein Name ist Balder ich wünsche meinen
Oheim, den Herrn Commerzienraih zu sprechen, und'
man hat mich an Sie gewiesen...."
„Ah," sagte Stephan mit einem scharfen Blick und
warf die Nase etwas bochmütbig in die Luft. „Der
junge Balder jpoti Wctteifeld."
„Wetterfeld? Nun ja, allerdings Wetterfeld ist
die Heimath meines Vaters."
„Weiß schon, weiß schon, junger Mann! weiß Al
les," versetzte der Haushofmeister susfiant „bin'
schon au fait. Können den Herrn Commerzienrath!
augenblicklich nicht sprechen später werden Sic}
gemeldet werden. Bitte solgeu Sie mir werde
Ihnen Zimmer ann eisen lassen. Kommen Sie! He/
Jean, fragen Sie Mimsell Paulinen, wo sie dem
Herrn sein Zimmer bereitet habe. Bitte, Herr Bal»!
der, treten Sie nur einstweilen hier ein hier ist die
Mamsell! Mamsell Pauline, der neue Veiter, dem
Sie aus den Befehl der gnädigen Fran tin Zimmer'
geben sollen/
„Vetter Balder aus Westerfeld?" rief eine frische!
Maochenstimme aus dem Wirthschiftszimmer heran«,
und im nächsten Augenblick stand eine liebliche freund«!
liche Gestalt vor dem Fremdling, und ein paar hol»!
de A it gen blickte», ihn freundlich an. „Willkommen,!
Herr Vetter! Aber was ist das? Sie.... Sie stnd
ja nicht Rudolph? Und doch, aber wie Sie sich ver»!
ändert haben, seit ich Sie nicht mehr gesehen habe!
So groß und stattlich, und der dicke wilde Bart! —j
Fast hätt' ich Sie nicht wieder erkannt, oder sind
Sie es wirklick nicht selber? Und so fremd thuend?!
Kennen Sie mich denn nicht mehr':"
„Pauline! reizende Confine!" sagte Bilder und
griff nach der runden, hübschen Hand, die sie ihm frei-j
nahe schüchtern entgegenstreckte. „Wie freue ich mich,!
daß ein solch' liebes herziges Bäschen die Erste ist/
welche mich hier begrüßt! Uno wie geht es Ihnen,
mein liebes Kind?"
O, mir ganz gutrief Pauline und ward mit
Einem Male etwas schüchtern und beklommen, als sie!
den warmen Händedruck des Vetters fühlte. „Und
Sie? Und Onkel Christian? und die lieben Leutchen!
insgesammt in Wetterfeld? Sie haben doch alle ganz'
gesund verlassen und bringen uns freundliche Grüße:
mit? Ach, wie ich mich freue, daß Sie nun bei uns
bleiben werden! Onkel Gottfried erwartet sie imge«!
duldig, uud Sie treffen einen Berg von Geschäften
an, denn Herr Sömmering, der frühere Buchhalter,
ist schon seit zehn Tagen für den Onkel nach Ameri
ka .... Aber verzeihen Sie mir, Herr Rii.... Herr'
Balder! wie thöricht, dnß ich Sie hier zwischen
Thür' uud Angel stehen lasse und nicht bedenke, daß
Sie von der Reise müde und hungrig sein müssen!
Kommen Sie, ich will Sie in das Zimmerchen füh
ren, das Sie einstweilen bewohnen sollen, bis Sie
auf dir Fabrik einziehen können I So, nur mit nach,
wcnn's beliebt."
„Nur einen Augenblick Geduld, liebe Cousine!"—
bat Balder lächelnd. Hier kommt so eben mein Ge
päck. Ich will es erst bei diesem Manne da anolösenl"
Er legte den Keffer, den Reisesack die Hutschachtel
und
den
Pack Tcppichshawl? aus die Bankim hintern
Flut, und überreichte dem Urberfcringet ein Trink»
geld.
Mittlerweile hatte Pauline sich schon mit dem
^chirmfutteral und dem Teppich beladen, und einem
Diener tie Weisung gegeben, den Keffer zu besorgen,
da kam Herr Stephan wieder dazu und tief: „halt,
Jean Erst den Dame» ihre Koffer und Schachteln
hinauf! Herr Balder mag warten...."
„Warten?" versetzte dieser: „stehen Ihnen nicht
mehr Leute zn Gebot Ich dächte doch, ein Venrand
tcc des Hauses verdiene schon einige Nückstcht."
,tl:id ich dächte, ich wäre alt genug, um selber zu
wissen, was ich zu thun habe, ohne die neuen Vct»
tern/ versetzte der Haushofmeister barsch. „Ätst dik
gebetcnen Gäste!...."
Herrn Baiters Geficht überlief eine dunkle Rothe,
und er wollte eine bittere Antwort geben, aber er sah
PanliuenS Augen mit einem ängstlichen bittenden
Blicke auf sich haften, und sie flüsterte ihm zu: Kom»
men Sie, Veiter, nur einen Augenblick Geduld, da n
sende ich Ihnen die Sachen hinauf! Oder nehm.«
Sie lieber selber einstweilen den??teisesack mit/
(Fonsevung folgt.)
In N afhvtlle, Tenn., giebt ti f8itftoi%%tei»
ßig Hospitäler. Ein Schreiber von dort berichtet:
„Eine große Anzahl der wohlhabenden Bewohner
dieser aristokratischen Stadt waren in Bragg's Armee
und nahmen unter dem Commando von Breckinridge
und Cheatham an der letzten Schlacht Theil. Von
lüUU miter Breckinridge wurden 13üt getödtet und
verwundet. Mau sagt, daß drei Viertel der zur
Epiecopal-Kitche gehörenden Frauen ui Trauer um
ihre gefallenen Angehörigen sind. Alles sieht hier
kriegerisch ans. Jeden Morgen gehen an 7o—100
schwer mit Geschütze», Soldaten oder Borräthen be
ladene Wagen auf der Eisenbahn ab.
I
Die Rebellen hatten allen Nachrichten bis zum 2V.
zufolge, immer noch daS nördliche Ufer deS Rappa
hannock besetzt, wenn auch mir mit geringer Streit
macht allem Anschein nach hegen sie durchaus nicht
die Absicht, sich einen allgemeinen Kampf mit
Meade einzulassen, da sie viel zu schwach sind, um ein
günstiges Resultat erwarten zu können. Am Dien
stag Mittag machten sie einen wiederholten Angriff
auf Bufotd's Cavallen'e in der Nahe ?on Stallen
Station und trieben dieselbe bis Germaiitown, wo ein
Theil unserer Infanterie lagert, zurück. Die Eisen,
bahn wird so rasch als möglich wieder hergestellt.
Am 29. Oktober machten die Züge bereits regelmä
ßige Fahrten zwischen Alexandria und Catlet's Sta
tion, 13 Meilen südlich von Manassas Jnnktion.
ADer Correspondent der N. g). World schreibt un.
tet'm 28. Okt. von Washington: Es ist keine AuS.
ficht aus eine Schlacht vorhanden, obgleich auch heu
te wieder zahlreiche Vorpostengefechte vorgekommen
sind. Es scheint eine unzweifelhafte Thatsache zu
sein, daß der Feind beschlossen hat, sich Verth,idi.
gnngsweiie zu verhalten, und unsere Truppen an dem
Überschreiten deS Rappahannock zu hindern. Man
hat endlich mit Sicherheit auszefunden, daß sich nur
eine geringe feindliche Cavalleriemacht und blos eine
Brigade Infanterie auf der nördlichen Seite deS Flus
ses befinden. Die Gegend zwischen Washington und
der Armee ist jetzt sast ganz frei von Guerilla's. De
serteure vom Feinde eräplen schauerliche Geschichten
über den Mangel der Rebellen-Tnippen an Kleidern
und Lebensmitteln. Siè sagen ferner, Gen. Hill sei
in Haft, weil er einen Befehl von Gen. Lee auSzu
führen versäumt habe.
Bon Chattanooga. Ans Tennessee kom
men Nachrichten über wichtige Bewegungen beider
Armeen. Der Correspondent der N. Z). TimeS
schreibt von Chattanooga unterm 24. Okt. Gewisse
Umstände lassen auf die Thatsache schließen, daß
Bragg mit einer großen Macht gegeiiCleveland Teiln.,
(ungefähr 25 Meilen nordöstlich von Chattanooga)
niarschirt, mit der offenbaren Absteht, unsere linke
Flanke zu umgehen, und von dort aus unsere Linie zu
durchbrechen. Man glaubt allgemein, daß bei dieser
Bewegung ein Theil von Lee'S Armee eine Rolle zu
spielen hat, indem et von Virginien übet Lynchburg
und Bristol l'ach Ost-Tennessee marschirt, um Burn
side zu überwältigen, unsere linke Flanke zu umgehen
und uns auf diese Art zur Räumung von Chattanoo
ga z» zwingen. (Eine drei Tage spätere Depesche
scheint Obiges zu bestätigen.)
Unterdessen hat aber ein verhältnißmäßig kleiner
Trnppenkösp.'r von unserer Armee dem Feind eine
Schlappe beigebracht, welche seine Rückzugslinie nach
Atlanta gefährdet und ihn vielleicht zn'ingen wird, den
Plan der Umgehung unserer Armee' aufzugeben und
auf seine eigene Sicherheit bedacht zu sein die De
pesche, die diesen Erfolg erzählt, ist zwar noch unklar
und unbestimmt und dürfte vielleicht die Sache in,i»
nern zu günstigen Lichte dargestellt haben. Sie lau«
tet folgfiidmiußfn: Ein Detachement unter Oberst
Stanley vom 18. O. Reg, brachte Angesichts der
Rebellenschaisschütz,,! 50 Po.nonboote den Fluß hin
unter, landete mit denselben bei Brown's Ferry, über»
raschte uud tcieb die Rebellen von dem Missonaty Ge«
birgsrücken auf der Südseite uud eröffnete auf diese
Art die Communication mit Bridgeport. Die Re
bellen sind flankirt und müssen den Lockout Moun«
tain räumen.
Eine zweite Depesche sagt: Gen. Hazen griff mit
2ÜUU Mann von Palmers Division den Feind auf
Lockout Mountain an und trieb ihn aus feiner Sttl'
lung, (^aiin dieses, geschehen, ist in der Depesche
nicht angegeben.)
Die Cumberland Armee ist von General Grant,
welcher sie vorderhand persönlich betehli/zt, vollst»»
dig reorganisirt worden und man verspricht sich viel
von der künftigen Wirksamkeit der Armee.
Aus Mississippi. Gen. McPherson ist von
seiner Ervedition gegen Canton wieder »ach Vickj
burg zurückgekehrt. Das Resultat seiner Expedition
war folgendes Zerstörung zahlreicher Mühlen und
Fabriken und Zert'prengung der feindlichen Cavalle
tie in jener Gegei.d.
Folgende Depesche bestätigt die Nachricht, daß
Lookout Mountain sich in unserem Be ltze befindet.
Nashvi 1
le.29, Okt. Lookout Mountain wurde
am 23. von Gen. Hooker mit dem 11. und einem
Theil des 12., »nd Palmer's Division vom 4. CorpS
besetzt. Der fteind leistete keinen ernstlichen Wider«
stand. Der Fluß ist nunmehr offen bis Chattanooga
und es ist deshalb keine Gefahr der Unterbrechung der
Commnnikatio» mehr zu befürchten.
In St. Louis wurde der 19jährige Soldat
John Clark vom 1. Nebraska-Regiment von dem
Wirth eineS verrufenen Hauses ohne hinreichende
Veranlassung erschossen. Als die Tbat nichb»wurde
gingen eine Anzahl Kameraden des Soldaten mit
mehreren Bürgern nach dem Hause, und zerschlugen
Alles was nicht niet- und naaelfest war. Die Poli»
zei machte zuletzt ihrem Wüthen ein Ende. Der
Mörder entfloh. Seinen Bruder fand man in einem
Kohlenkasten versteckt.
(Ein Bild deS Jammers schildert ein New
Orleanser Blatt vom 14. d. M. wie folgt: In dem
abgelegenen Zimmer eines alten baufälligen Neben
gebäudes zu No. 248 Royal Straße, fand man ge»
stem Moraen den Leichnam eines ju"aes Weibes,
Namcns Mary Andersen. Durch den Krieg von ih«
rem jungen Gatten aetrennt, war die arme Frau seit
längerer Zeit aller Mittel zu ihrem Lebensunterhalt
entblößt. Von Freunden und Bekannten verlassen,
war sie gezwungen, 4 Wochen um Aufnahme im Cha
rity Hospital zu bitten, wo sie von einer Tochter ent
bunden ward. Nach ihrer Genesung hatte die arme
Heimathlose diese wohlthätige Anstalt ohne die ge»
ringsten Mittel zu ihrer nothwendigen Verpflegunz
mit ihrem Säugling zu verlassen. Sie bezog das
oben erwähnte Zimmer und fristete kümmerlich ihr Le
be» mit dem geringen Erlös, den sie ans dem Ver
sauf ihrer wenigen Möbel und Kleider erzielte. Aber
auch diese letzte Qnelle versiegte und die arme, erst 22
Jahre alte Mutter sah sich unsäglichem Mangel
Preis gegeben.
Ihre verzweiflnngSvolle Lage verschlimmerte sich
noch bedeutend, indem sie von einem hitzigen Fieber
befallen ward.
Ohne Verpfl
**891
DES WESTBOTE.
EB8.
TERMS:
Der Krieg!
Bon der Potomac Armee. Der Cor
respondent der N. N- World will au6 der besten
Ouelle
erfahren ^aben, daß endlich doch beschlossen
worden ist, den Gen. Meade seines Commando's zu
entheben, und daß solches geschehen wird, sobald die
Regierung einen geeigneten Nachfolger für ihn ge«
funden haben wird.
gnnq.
ohne ärztlichen
Beistand, erlag sie tii der vorletzten Nacht endlich, von
der Welt verlassen, in ihrer
einsamen
Kammer ihrnt
Leiden. Das anhaltende Geschrei des verwaisten
Säuglings zog die Aufmerksamkeit einer selbst armen
Nachbarin
auf sich, die die zärtlichen, tröstenden Worte
und Liebfosuiigeu der Mutter nicht wahrnehmend, die
Thüre öff ete. Auf einer alten zerrissenen Matratze
lag die Leiche der Unglücklichen. An den kalten er
starrten Brüsten suchte ihr kleines Töchterchen, vor
Hunger wimmernd,
vergeblich
Nahrung. Welche?
entsetzliche Bild menschlichen Elends! Der Coroner
ward gerufen
und feiner Vermittelung ist es zu dan
ken, daß das verwaiste Kind Aufnahme bei mensche«
freundlichen Nachbarn fand.
Es ist Alles schon einmal dagewesen! sagt der
greife und weife Afiba. Schon 1620 lese i wir Kla
gen über die Crinoline. Dec Mag'Ihr Christophs
rus Barbarossa, sonst Rothbart genannt, läßt feinen
Grimm dagegen folgendermaßen aus: Unter dem
Titel „Eisen oder Bügel um den il" sagtet „Da
runter gehöret auch diee absche.iliche Leichtfertigkeit,
mit den grossen dicken Ei'en oder Bügel, so die vom
Adel und andere um den Leib tragen, daß die Klei
der darüber hangen, als wann ein Wein oder Ber
fas darunter bedeckt were. Ja ich weiß es eigentlich,
d*ß Iungfraweu von Adel rechte Mamiskleider da
run'er verborgen gehabt und wenn eS denn auff den
Abend kompi (darin gut mausen und alle K'.tzen graro)
so werffen sie den wei'en Umbgang mit seinem di»
ckeu Eilen binweg, und biipfen, tautzen und springen
gleich den Männern und Geiellen daher, das lasse mir
eine Zucht von adeligen Personen sein, ezu anner mag
es loben, ich weiß eS nicht zu entschuldigen, viel
niger zn loben/

.. ... i W ....
V Vau kf /Ct Art. i' y. ... cyx v y.
Jahrg. SR olumbus, O., Donnerstag, 5. November 186 3. No. lO.
E I K E A & I 8 1
PUB
LI8H
$ 3,00 per year, invariably In advuM.

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