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Der Westbote. [volume] (Columbus, Ohio) 1843-1871, December 20, 1866, Image 1

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tu ?3otaubeicbluag.
Das Loch in der
Hoje.
Srtâhlusg vo« Sr. S»rstiGe»
(Fortsetzung. 1
Allerdings waren nicht weniger 0T8 acht Hand
werkebnrschen aufgespürt und eingeliefert worden,
und einer von diesen, der wirklich schielte gestand,
daß er an jenem Tage in Begleitung eines an
deren, den er aber nicht weiter kannte, und der auch
nicht aufgetrieben werden konnte in der Stadt
fechten gegangen sei. In welchen Häusern er aber
gewesen, konnte er nicht mehr angeben, und da man
auch nicht das geringste Verdächtige, sondern nur ein
paar Groschen Kupfergeld und zertissene Wäsche und
Stiefeln bei ihm fand, ließ sich ebenfalls kein Be
weis darauf stützen. Man hielt ihn allerdings noch
einige Tage in Haft, mußt« ihn aber zuletzt wieder
frei lassen.
Indessen war der Nachlaß der alten Dame un
tersucht worden, und man hatte bei ihr wohl ziem»
Itch viel schweres Silberzeug, aber sehr wenig baa
res Geld und gar keine Werthpapiere gesunden,
während doch eonstarirt wurde, daß fie zahlreiche
Coupons allmonatlich bei einem bestimmten Van«
kier eingelöst.' Auch viele Ju-velen sollt^fte gehabt
haben, wie einer der Juweliere in der siadt beim
Kriminalamt anmeldete, und dabei erklärte, daß er
selbem verschiedene Male zu der alten Dame gerufen
worden sei, um dieselben abzuschätzen.
Spuren hatten der oder die Verbrecher, wie schön
erwähnt, gar keine zurückgelassen, im Ofen fand
man aber eine Menge verbrannter Papierasche, wo
es freilich zweifelhaft blieb, ob die alte Dame nicht
selber vielleicht kurz vorher Briefe verbrannt habe,
denn welches Interesse konnten die Diebe daran
nehmen. Nur wenige Briefe lagen in einem klei«
nen oberen Gefach, nnd bei diesen auch ein, freilich
von keinem Notar unterzeichneter „letzter Wille,"
der ihr Vermögen an baarem Geld und Werthpa«
Pieren auf sechzigtausend Thaler angab, und daff.l»
be der Stadt zur Gründung eines Waisenhauses
vermachte.
Man ließ allerding« noch einen Kunsttischler die
verschiedenen Möbel genau untersuchen, um viel«
leicht ein verborgenes Fach zu entdecken, aber um
sonst der Mörder schien Alles bis auf wenige
hundert Thaler, die in einem Kommodenfach lagen,
gefunden und mitgeführt zu haben, vnd der Ver
dacht lag nahe, daß Jemand die That verübt haben
müsse, der gewußt habe, wo er das Geld zu suchen
hatte, da er nur so kurze Zeit zu dem Uebnfall ge
braucht. Man überwachte deßhalb die Bewohner
des Hauses selber auf das Sorgfaltige, doch auch
hier ohne den geringsten Erfolg, und die Akten
mußten endlich, da sich nicht einmal eine Liste der
vermutheten Werthpapiere fand, nach denen man
vielleicht den Nummern hätte nachforschen können,
geschlossen werden. Ein Schleier lag auf der dun
klen That, und der Verbrecher hatte sich dem stra
senden Arme der Gerechtigkeit entzogen.
In den Zeitungen waren indessen die Erben der
Ermordeten aufgefordert worden, ihre Ansprüche zu
erheben, aber es meldete sich Niemand, der solche
auch hätte begründen können. Die Hinterlassen
schaft der Ermordeten wurde deßhalb in öffentlicher
Auktion versteigert und der Ertrag dem Fiskus über
w'tsen, um mit der Summe, die sich doch noch auf
etwa sechstausend Thaler belief, im Sinne des auf
gefundenen Testaments- zu verfahren und sie dem
Fond zuzuwenden, der schon für den nämlichen
Zweck gesammelt worden.
Anfang September war daS Alles erledigt, und
den Justizrath drängte es jetzt selber, die lang auf
geschobene Reise anzutreten war ja doch auch
dieß die günstigste Zeit, um den Rhein zu besuchen
und die Töchter jubelten.
Dießmal brauchte sich auch der Vater wahrlich
nicht zu beklagen, daß die Damen zu lange Vorbe
reitung zu ihren Toiletten gebraucht hätten schon
feit Monaten lag alles six und fertig, des Aufbruchs
gewärtig, und Elisabeth und Käthchenihre Mut
ter hatten beide Mädchen vor längeren Jahren ver»
loten und führten seitdem dem Vater das Hauswe
sen jauchzten laut auf, als endlich der lang und
heiß ersehnte Morgen nahte, der sie den dumpfen
Stadtmauern entführen sollte. Seit jenem furcht»
baren Mord war ihnen ja nicht einmal die eigene
Heimath mehr lieb gewesen, und mit doppelter
Freude begrüßten sie diese Reise, die ihnen nicht all
ein einen langgehegten Wunsch erfüllen, sondern sie
auch dem Schauplatz der leytrerlebten trüben Men
de entreißen sollte. Kehrten sie dann zurück, so hat
ten freundlichere Gindrücke die hüßlichen Bilder die
ser Zeit verwischt, und der Winter brachte ihnen
überhaupt wieder ante« Vergnügen und Zerstreu
singen.
Drittes Capitel.
i e e i n a
,?Tn den Mein, a« den Mein. ,ieh' nicht oS W» Khein
Mein Sohn ich rathe Dir gut,
Dvrt fleht
e,
fcae Leben u wonniglich tut,
Dort fließt Dir ju fröytich fcai Blut.*
Co lautet ja wohl das alte Volkslied, das mit
fiüfctn paar Strophen ganze Bände zum Lob des
Altvater Rheines spricht. Aber weßhalb sollten
wir nickt an den Rhein ziehen? weil eS uns
dort zu gut ergeht Du lieber Gott, wie lange währt
denn eigentlich dieß Leben, und wohl dem, der im
Stande ist, es zu genießen, so lange er darf. Der
Gefahr, daß es uns zu wonniglich eingehe, können
wir mit kecker Stirn begegnen.
Der Justizrath selbst schien auch nicht die gering
sie Furcht zu hegen, und mit dem Aktenstanbe und dem
Dunst der dumpfigen und engen Gerichtsstuben alle
Sorgen und kleinlichen Befangenheiten deâ Lebens
abgeschüttelt zu haben. Gr war, wie er nur hin»
aus in die frische freie Luft kam, ein ganz anderer
Mensch geworden, und glich in seinem weißen lei
nenen Rocke, dem Strohhut und offenen Hemdkra»
gen eher jedem anderen irdischen Individuum, als
eben einem Justizrath.
So tüchtig er aber auch
in seinem
^und mit wie klarem Verstand
Fach sein
Jahrg. 84.
moch-
und
geistiger
Whärfe er dort Alles sichtete und durch ein richtiges
Gefühl geleitet wurde, so vollkommen befand er sich
von dem Augenblick an außer seiner Sphäre, wo er
fti daS praktische Strien selbsthandelnd eintreten
sollte.
-^Gleich auf der testen Station der Eisenbahn hat
Wer sein Billet verloren, ließ auf der zweiten, als
Wein anderes lösen mußte, seinen Regenschirm am
Schalter stehen und wäre, als er darnach zurücklau
fen wollte, während die Locomotive schon pfiff, hei
Kg sitzen geblieben, wenn ihn der EonCucUnt nicht
mit yvet Pferdekraft gewal.sam in den Wagen ge
schoben hätte. Dort setzte er sich dann, als der Zug
plötzlich anrückte, auf den Hut feiner Nachbarin und
die eigene Brille und ruinirte beide gründlich.
Auf der vierten Station hatte er etri anderes Mal
ftut. Sie passirten ein ihm befreundetes Siädt
cht«, in dem er eigentlich seine juristische Laufbahn
begonnen und er bog sich aus dem Wagen, um es
tesser sehen zu können. Da brauste der Zug Plötz
lich unter einer Biücke durch und rasch zurücksah
rend blieb er mit dem Strohhut außen hängen, der
im Nu über lit Bahn hi.iauswehte kurz er hatte
sich in Zeit von anderthalb Stunden mehr Schaden
zugefügt, wie dahcim in einem ganzen Jahr. Es
half auch Nichis. Elisabeth mußte Billette, Gepäck
schein. Hutschachtel und Reisesack d. h., die Ue
berbleibsel des noch vorhandenen Eigenthums über
Wkhmen, eher kam ihr Vaier, der sich in eine außer
Mdentlich Aufregung hineingearbeitet hatte, nicht
yit Ruhe.
Ihr nächstes Ziel war Bonn. Dort hatte der
èater lange gelebt, ein alter Universitätèfreund von
Gm, Pcofessor Perler, besaß unfern der Stadt u
Gtmittelbar am Rh in eine kleine reizende Villa,
Kd die Einladung für den Justizrath und seine
Heiden Tochter, in dessen Familie eine Zeillang zu.
bringen, dalirte schon seit Iahren und war, wie
s gewöhnlich mit derartigen Plänen geht, immer
immer wieder aufgeschoben, aber endlich doch
ir Wahrheit
ge vord.n, und besonders der Mad­
en Freude überstieg alle Grenzen.
SâjUUmitit ^enthalt im Gaphof in yrank
sui war ein Genuß für sie wie wir es denn über
Haupt fetn bäufig fi den, daß Damen leibenfchaft«
lich ein Wohnen und Essen im Hotel lieben viel»
leicht auch schon deshalb, weil eS sie für eine Zeit
wenigstens aller häuslichen Pflichten gründlich über«
hebt. Und nun erst am anderen Morgen diese Se
ligkeit, als sie durch das sonnige, herrliche Land,
durch Weingärten und freundliche Villen dem Rhein
entgegen brausten, und kaum eine Stunde später,
mit deu gebeimnfßvollen rothen Thürmen, der Bun
esstadt Mainz gegenüber, auf einem wirklichen
Dampfboot fahren durften.
Vergessen waren da all' die trüben Stunden, die
ste durchlebt, vergessen Alles, was außer dem engen
Kreis lag, der sie umgab, und mit Lust und Wonne
genossen sie, wie wahrhaft glückliche Menschen, nur
den Augenblick.
Welch' eigenes Leben dag am Bord eines solchen
Dampfers war und wie das an Leben nnd Bewe
gung wuchs, je weiter sie fuhren. In Castell be
fanden sich nur erst wenige Passagiere an Bord,
nnd die wenigen, da der Morgenwind ziemlich frisch
über den Strom wehte, tranken heißen Kaffee und
gingen, in ihre Plaids gehüllt, an Deck auf und ab
aber jede Station brachte neue Zufuhr. Schon
in Biberich trafen eine Anzahl Passagiere ein und
immer mehr in Geisenheim, Rüdesheim, Asmanns
hausen und wie die Namen alle heißen, die ihnen
schon so bekannt aus Vaters Keller tönten. Und
dazwischen die prächtigen alten Ritterburgen mit th1
ren zerfallenen Mauern und hohläugigen Fenstern,
mit ihren Erinnerungen und Sagen.
Elisabeth besonders schweifte mit ihren Gedanken
weit, weit zurück zu jener Zeit —Wad würde solch'
ein alter Ritter, den wir uns daheim statt im Schlaf
rock, nur im Harnisch mit dem Helm neben, und ei
nein tüchtigen Humpen Rüdesheimer Aufbruch vor
sich denken können, wohl gesagt haben, wenn ihm
der auf jenem verfallenen Wartlhurm stationirte
Lugaus plötzlich gemeldet hätte, ein Dampfboot kä
me den Strom herabgefahren Hei, wie wäre er in
seiner Rüstung emporgerassclt und mit klirrenden
Sporen die steinerne Treppe hinabgeeilt, um sich
unten auf das stets bereit stehende Schlachtroß zu
schwingen.
Und dte zarten Burgfräulein aus jener Zeit!
An dem Fenster dort oben, das jetzt nur noch zur
Hälfte in der heruntergebrochenen Mauer hängt,
hatte gewiß oft und oft die züchtige Maid, den
Schlüsselbund an der Seite, die Spindel in der
Hand, gestanden und nach jener anderen Ruine
hinübergeschmachtet, in deren hellen Fenstern da
mals noch wenn auch jetzt Eulen und Raben da
rin nisten die Sonnenstrahlen biitzten, und wo
jedenfalls der Auserkorene wohnte, mit dem ihr un»
erbittlicher Vater leider in bitterer Fehde begriffen
war.
Und dort drüben
Falkenburg.—Ihr kleines Hand
buch sagte:
/Diese Burg wurde schon im Jahre 1252 vom
Städtebund zerstört, 12GI von Philipp von Hohen
fels wieder erbant, der sie zum zweiten Mal zu ei
nem Raubschloß machte. Kaiser Rudolph von
Habsburg eroberte sie wieder und ließ den Ranbrit
ter mit seinen Spießgesellen hinrichten, 12ö3 die
Burg aber zerstören."
Wundervoll I in jenem Steinhaufen lag ein gan
zer Roman, und Elisabeth sah im Geist, wie die
hellen Heerhaufen des Kaisers mit schmetternden
Hörnern und fliegenden Bannern gegen das trotzige
Raubnest anstürmten wie Steine und siedendes
Pech von den Wällen gegossen wurde, wie die Don
nerbüchsen krachten und der rothe Hahn endlich vom
Dach der Burg emporloderte. Und jetzt fiel die
Zugbrücke jetzt stürmten die Angreifer 'über den
schmalen Gang oder kletterten an den zertrümmerten
Wällen empor, uud wie die Harnische da im Einzel
kämpf rasselten und die Morgensterne niederschmet
leiten, was sie mit ihrer furchtbaren Stachelwucht
erreichten. Hu! Elisabeth barg schaudernd ihr Ant
litz in den Händen, als sie die heraufbeschworenen
Greuel so lebhaft vor ihren Augen schaute.
„Speisen Sie mit an der table d'hote Die
Frage des höflichen Kellners, der, eine Serviette un
ter dem Arm, ein Notizbuch in der Hand und einen
gespitzten Bleistift schon im Voraus mit den Lip'
pen feuchtend vor ihm stand, rief sie aus dem Ge
metze der wilden geharnischten Schaaren rasch in
die befrackte nüchterne Wirklichkeit zurück, und un
willkürlich lächelnd denn das Bild des vor ihr
stehenden Jünglings mit den sorgfältig gescheitelten
Haaren inmitten seines Hauptes stach doch zu sehr
gegen die kernhaneu Eisenmänncr ab, die sie eben
noch im Geist geschaut wies sie ihn an ihren Va
ter.
»Die Lorelei/ tönte eg be von vielen Lippm, als
der alte mächtige Felsen jetzt vor dem Bug deZ
Dampfers auftauchte und die Salonpassaziere be»
wegten sich langsam nach vorn, da die Sonnenzelte
an den Seiten, der gedeckten Tische wegen, niederge«
lassen waren uud vom Quarterdeck ab die Aussicht
versperrten.
Auf dem Vorderdeck standen jetzt die Passagiere
dicht gedrängt und Alle schauten schweigend zu dem
kahlen Felokegel auf, dem eilte unserer schönsten
deuischen Sagen Leben, Heinrich Heine diesem Le
ben Worte und Schubert ihnen einen Klang verlie
hi n hat, der so lange bestehen wird, wie der Felsen
selber.
Da erheben sich plötzlich zwei Männerstimmen zu
dem Loreleiliede und möglich, daß in diesem Au
genblick die ganze Ziht der Passagiere andachtsvoll
in die Melodie eingefallen wäre denn sie fchroebte
ohnedieß auf jeder Lippe, hätten die Persönlichkeiten gendwo
selber nur ein klein wenig zu dem Sang und seinen
duftigen Worten gepaßt. Als sich aber Aller Blicke
der Richtung zuwandten, sahen sie, daß der fetter
Art improvi ine Gesang von einem katholischen
Geistlichen in einem etwas sehr abgetragenen schwar
zen langen Rock und einem anderen in Laieittacht
gekleideten Individuum herrührte, das seinen Bart
jedenfalls noch vom vorigen Sonntag her trug
uud sein Hemd ebenfalls. Diese beiden Männer
sangen, der Lorelei in die Zähne, daö Hein'scheLied
aber nur die ersten zwei Strophen
„Der Gipfel de« 23er,je» funkelt
Im SJu'cntfonnenfdjein,"
Damit brach kr Gesang plötzlich ab, und eine et
was boshafte Summe frug ziemlich laut:
„Nu? wo bleibt die schönste Jungfrau?"
Die Umstehenden lachten.
Elisabeth hatte sich der Stimme, von der die T'tz'
tenWor-e gesprochen, zngedrcht. Es war ein klei
ner ältlicher Mann mit unverkennbar jüdischer Phy
siognomie, aber hoher Stirn nnd ein paar großen,
klugen Augen, sehr anständig, wenn auch einfach
gekleidet. Der katholische Geistliche blieb ihr» ab.r
die Antwort schuldig, und der kleine alte Mann,
dessen schneeweiße Haare ihm etwas Ehrwärdig-.S
gaben, trat jetzt zum Rand des Bootes, dicht neben
Elisabeth, um von da aus besser den Lurlei eisen
betrachten zu können, an welchem das Boot vorüber
glitt.
Gerade in diesem Moment schoß ein Dampfzug
durch den Tunnel, der durch den Berg gebrochen
worden, heraus in's Freie, und der weiße Rauch
wirbelte und quoll an dem Hang empor, während
der ichrille Pfiff der Lokomotive über den Strom
herüberlönte.
„Wunderbar I wunderbar/ sagte der alte Mann
leise vor sich hin und nickte dabei mit dem grauen
Kops „aber 's ist jammerschade."
„Nicht wahr?" sagte Elisabeth sceundlich—„daß
man den Tunnel durch deu Fcls gebrochen. Es
zerstört die ganze Poesie."
„Und das ganzeGeschäf't," lächelte der kleineManu
zu dem jungen Mädchen auf, das ihn wohl um ei
nen halben Kopf übeuagU.
jiDaë Geschäft fr».g Elisabeth erstaunt „ich
sollte doch denken, daß der Handel gerade durch du sc
Bahnen vermehrt würde, trenn sie auch nicht eben
an den Rhein und seine Ufer passen."
„Das Geschäft von die Lorelei mein ich,* sag!«
aber der alte Mann lächelnd. „Gott der Gerechte,
wo soll sie noa? ein Geschäft mit Eoneerlgeben tra
chen, wenn diejungen verliebten Ritter, die sie sonst
Dessen,
:t sie
anlockte, ganz bequem im Wagon unter ihrem Stuhl
wegfahren mit die Eisenbahn? Und wie die Loko
motive pfeift gerad wie zu Spott und Hobn über
die Lorelei, die sich j.tzt muß anfingen lass n von
die Passagiere auf den Dampfschiffen, wo ste früher
allein gesungen hat, —Poesie—wie heißt Poesie—
Dampf regiert jetzt die Welt, und wenn ich über
Haupt je weitete, möchte ich einen vollwichtigen Du
katen gegen einen Nassauer Sechser wetten, daß die
Mamsell Lorelei lange ausgezogen ist aus ihrem
ftelsenlogis und vielleicht jetzt mit berliner Tyrolern
die Messen bezieht und um Honorar singt, Was
will sie da oben außer Kurs sitzen 7"
Elisabeth amüsirte sich über den kleinen komischen
Mann, aber in diesem Augenblick ertönte vom Hin
terdeck aus die Eßglocke, und der Justizrath, der in»'
dessen drei Plätze belegt hatte, kam nach vorn, um,
seine älteste Tochter zu suchen uud zum Speisen ab
zurufen. Hatte er sich doch lange schon auf den
Moment gefreut, wo er ein Glas guten, ächten
Rheinwein auf dem Rhein selber trinken könne.
Armer Justizrath die Flaschen waren von der
Compagnie selber versiegelt und auf der Etikette
stand, daß sie nur in Gegenwart der Reisenden ge»
öffnet werden dürfen aber er fcefim sie offen und
statt des erhofften rothen Aßmannshäuser ein dun
feirothes, trübes Fabrikat, das weil eher nach Mag«
debnrg als dem Rhein schmeckte. Er wollte dagegen
ptotcjliten, aber der Kellner hatte leider keine Zeit,
sich mit ihm abzugeben, und der Niersteiner, den er
hier noch versuchte, war so sauer, das er nicht ein
mal die Lippen mehr zu einer Klage auseinander
bringen konnte.
Nur die Preise entsprachen den Etiketten, und der
Jt'.stizrath ärgerte sich über sich selber, daß er sich
über den schlechten Wein an Bord der Dampfschiffe
ärgern konnte.
Und das Diner dauerte ewig, so daß mün babei
den schönsten Theil des Rheins versäum-e, bis zu»
letzt noch kalter Kusfee und warmes Eis herumge
reicht wurde, aber die jungen Damen waren schon
lange wieder Aufgestanden und kamen gerade noch
zur rechte» Zeit, um zu sehen, wie das Dampfboot
bei Koblenz einen wahren Meuschenschvam an
Bord nahm und dann wieder keuchend in den Strom
hinaus hielt.
Die Neugekommenen hatten natürlich schon dinirt
und zerstreuten sich auf dem Verdeck, und Elisabeth
amüsirte sich damit, die verschiedenen Gruppen zu
muster», die jedes noch freie Plätzchen besetzten.
Aber es waren doch nur lauter fremde Gesichter,
Senen sie hier begegnete: geputzte Leute, die entwe
tet eilte kurze Vergnügungsfahrt in der Nachbar
schaft machten, oder auch nur den bequemeren Dam
pfet der Eisenbahn vorgezogen hatten, um eine
Strecke den Rhein hinab zu gehen. Aber plötzlich
sah sie überrascht aus, denn sie entdeckte eine Ge
statt, die ihr bekannt vorkam, wenn sie sich auch
ant's Leben nicht besinnen konnte, wo sie dieselbe je
gesehen.
Es war ein junger, sehr elegant'geklcideter Mann,
Ser jedenfall den bevorzugten Ständen angehören
nußte. Sein Gesicht war etwas Ketch, aber edel
aitd ausdrucksvoll, mit einem unverkennbaren Zug
chwermuth um die feingeschnittenen Lippen,
?on
ind sein dunkles Auge schweifte forschend an
ttnher, als ob er Jemanden suche. Sie mußte
?ieß Gesicht schon
gesehen haben.
mit
den
tch,
kam
kenne
Der Fremde in-
Blicke» überall, nur nicht
vor
gerade auf Elisabeth zu so nah, daß er
ie fast berührte bestürzt wich er aber zurück, und
löflich den Hut lüftend entschuldigte er sich, indem
,*t vorüberging. —Keine Miene verrieth
jedoch,
Die Fahrt auf dem Dampfer war durch die vie
len hinzugekommenen Passagiere keine Vergnü
lungstour mehr. Wer einen Moment aufjtaud,
land seinen Sitz wohl wieder, aber einen langen
Engländer oder kurze» Deuischen behaglich daraus
ingerichtet, und Reisetaschen, Regenschirme und
Plaids versperrten selbst jede Passage so vollkom
nen, datz matt sich wohl oder übel nicht mehr von
Ser Stelle bewegen konnte.
Sehr viele Passagiere gingen aber in Rolandseck
von Bord, und es gab eil wenig mehr Lust. Das
Nepäck für Bonn wurde jetzt an Deck geschafft, und
Elisabeth, die dem Vater tn der Besorgung dessel
en nicht recht vertraute, ging selber nach vorne, um
Danach zu sehen.
Dort stand auch der junge Fremde wieder und
^war im tiftiaett Gespräch mit dem alten Mann,
mildem sie sieh vorhin unterhalten. Der kannte
ihn also wenn sie ihn nur hätte fragen föntitti
lfccr das ging nicht. Sie verhandelten angelegent
itch über einen Gegenstand, de» der alte Mann in
der Hand hielt und aufmerksam betrachtete.—Wae
es war, konnte sie freilich nicht erkennen, aber er
schüttelte langsam mit dem Kopfe, als ob er nicht
recht einverstanden wär.
In diesem Augenblick kam ihr Koffer nach oben,
und den einen Reisesack, der daraus lag, wollte ein
Fremder an sich nehmen. Der Bootsmcn, trug nach
i der Nummer, u- trat hinzu, um den Irrthum zu
I vermeiden. Das Boot glitt indessen rasch am Ufer
hin, nnd plötzlich läutete die Glocke schon wieder
zur nächsten Landung in Bonn.
Jetzt hatte nun Jeder freilich für sich zu sorgen,
nd während Käthchen emsig bemüht war, den Re»
genschirm des .stizraths zu suchen, den dieser ir«
er konnte sich nicht mehr besinnen wo
hingestellt hatte, hörte die Maschine auf zu arbeiten
und das schlanke Boot glitt an die Landung, wo
die Bcückenleute draußen die benner Passagiere vor
der Hand noch durch eine Barriere abgesperrt hüt
ten, um vorher den Aussteigenden Gelegenheit zu
geben, scrtznkommen und t-lotz zu machen.
ul""a'
Elisabeth durste aber das Boot nicht verlassen
Käthchen hatte den Schirm noch nicht und der Ju
stizralh suchte jetzt in allen Taschen seine Brille, um
selber mit nachzusehen, denn er mochte doch de» erst
in Frankfurt wieder gekaufte« neuen Schirm nicht
nochmals einbüßen.
daß
oder nur etwas Bekanntes in ihren Zü-
en gesunden hätte. Vollkommen fremd wich
ihr aus es mußte nur eine Ähnlichkeit mit ir
gend einem Anderen sein und in dem Gewirr
zon Menschen verlor sie ihn auch bald wieder aus
)en Augen.
Elisabeth erkannte indessen am Ufer schert das
gutmüthige lächelnde Gesicht des Prof.ssors Per
let und neben ihm ihre Freundin Rest, die auch
sie erkannt hatte und ihr fröhlich mit dem Tuche
winkte.
Jetzt verließ der junge Fremde ebenfalls das
Boot auch er mußte den Plvnsscr kennen, denn
er grüßte Vater und Tochter, als er vorüberging,
und es schien fast, als ob er ste anreden wolle aber
die Menschenmrnge von Bord drängte zu sehr durch
die schmale, ihr verstattete Gasse des Ausgangs
er konnte nicht stehe» bleiben uud wurde vorbei ge
schoben. Am Land aber sah Elisabeth, wie er seine
kleine Reisetasche einem der Packttäger übergab und
mit diesem in die Stadt hinein schritt.
I tzt käme» auch Vater und Sch vester heran.
Der Regenschirm, auf dem inhff-n eine englische
Familie in aller Ruhe Platz genommen, war glück»
licherweise durch den noch verrä-herisch verfchauen
den Knopf entdeckt und gerettet worden, und schon
mußten sie sich dem eindrängenden Strom der neuen
Passagiere
entgegenWersen,
die nach forigenomme-
ner Barriere das Boot im Sturm zu
nehmen
ten. Aber auch das wurde überstände», und jetzt
am Ufer küßten sich die beiden alten Herten und
hetzten sich die jungen Madchen in der Freude des
Wiedersehens.
Eine Droschke stand bereit, aber Alle zogen e«
vor, litber zu Fuß zu gehen, und des Professors
Diener wurde nur mit dem indeß aufgeladenen Ge«
pâck allein vorausgeschickt, während die fröhlichen
'und sich aneinander freuenden Meeschen plaudernd
und erzählend langsam nachfolgte».
„S^g' einmal, Rosa," frug da Elisabeth, die sich
^»och immer nicht über den jungen Fremden beruht»
gtn konnte, denn es gibt nichts Peinlicheres, als sich
ti» Gedanken mit einem bekannten Bild abzuquälen,
„wer war denn der junge Herr, der euch vorhin
gtigte?" „Uns? hier an Land?" „Ja, er
kam vom Boot." „D, der junge Baten Bet»
such»
ger V „Er trug einen vollen Bart." »Ganz
recht, der Bräutigam von Klara Paßwitz." „Ber
ger?" sagte Elisabeth, nachdenklich mit dem Kopf
schüttelnd, „den Namen habe ich in meinem ganzen
Leben nicht gehört." „Er stammt, wie er sagt,
aus einer englischen Familie," fuhr Rosa fort
„aber er selber muß ein Landsmann sein, denn er
oersteht sehr gut deutsch/ „Wie meinst Du das?"
frug Elisabeth, der die Worte mit einer gewissen
Betonung gesprochen schienen. „Gutes Herz,"
sagte aber Rosa, „wenn Dich der junge Herr so in
teressirt, so erzähl' ich Dir viel von ihm. Wir ha
bett überhaupt so viel zu plaudern und zu besprechen,
Kinder, daß ich noch gar nicht sehe, wie wir fertig
werden wollen."
Viertes Capitel.
e e s u
Die Krau Professorin Perler hatte Man» «md
Tochter nicht an das Boot begleiten können, um ih«
te lieben Gäste zu empfangen denn die telegraphi
sche Depesche, die ihr Eintreffen anzeigte, war erst
an fccin Morgan angelangt und da natürlich noch
so viel im Haus zu thun uud zu ordnen, daß sie
nicht daran denken konnte, eS zu verlassen. Behielt
sie doch auch wirklich nachdem Alles endlich in
den gehörigen Stad gesetzt fattm nur so viel
Zeit übrig, um sich in ihren Staat zu werfen, als
der Wagen mit dem Gepäck schon vor die Thür
rasselte und bald darauf auch die Erwarteten ein
trafen.
Das war jetzt ein Fragen und Erzählen unter
den fröhlichen, guten Menschen, und die Frau Pro
fessstitt führte dann den Herrn Justizrath in fein
Zimmtt hinauf, das sie ihm eingerichtet hatte, als
ob er sich dort für Lebenszeit einquartieren solle,
und Rosa nahm Käthchen und Elisabeth unter den
Artn und sprang mit ihnen nach dem Gemach, das
eher einem Puppenstübchen aus dem Fernreiche, als
einem Wohnort für irdische Wesen glich. Dann
sollten sie begreiflich noch einmal zu Mittag speisen,
was aber natürlich entschieden abgelehnt werden
mußte, denn es war kaum vier Uhr vorbei uud nur
dem Kaffee konnte und wollte der Zustizrath nicht
ausweichen, der hinunter in die mit schon reifen
Trauben behangene Weinlaube getragen und dort
mit einer guten Cigarre genossen wurde.
Aber die Mädchen hatten keine Ruhe dort und
einander so uiMLlich viel zu erzählen eigentlich
merkwürdig, da sie sich fast wöchentlich bogenlange
Briefe schrieben daß es ihnen in der L^aube keine
Ruhe ließ und sie jetzt Arm in Arm durch den Gar
ten wanderten, um sich endlich einmal ordentlich
auszusprechen. Wir Menschen fühlen ja oftmals
das Bedürfniß, besonders junge Damen, die auch
an dem Geringsten und Unbedeutendsten ein war
ntes Interesse nehmen.
ag' einmal. Rosa/ frug da Elisabeth endlich,
die bis jetzt die Stillste gewesen war, denn immer
noch suchte sie in ihrem Gedächtniß nach dem Bild
des Fremden, und ärgerte sich dabei eigentlich über
sich selber, daß ein vollkommen gleichgültiger und
fremder Mann ihre Gedanken so in Anspruch neh
men konnte „was ist das für eine Klara Paß
witz. von der Du vorhin sprachst?"
Klara? ei die Tochter des MedicinalrathS, der
auch mit Deinem Vater sehr befreundet ist!" tief
Rosa, „und ein liebes gutes Madchen aber ja
so, das wollte ich Dir ja noch erzählen, weil Du
mich vorhin nach ihrem Bräutigam frugst, der unS
an der Landung grüßte."
„Kennst Du ihn denn, Lily?" frug Käthchen er
staunt.
.Nein," lächelte die Schwester „aber fein Ge
sicht fitttß ich schon irgendwo einmal gesehen haben,
kann mich aber nicht besinnen wo, so viel ich mich
auch schon deßhalb abgequält habe."
Nun, das müßte bei uns in Heßburg gewesen
lern," meinte die Schwester. „Vielleicht war er
einmal dort zum Besuch."
Zch glaube kaum," sagte Rosa „denn so viel
ich weiß, ist er erst vor ganz kurzer Zeit von Paris
zurückgekehrt, wo er sich durch Spekulation ein be
Beutendes Vermögen erworben uud sich jetzt hier in
der Nachbarschaft wenigstens nicht sehr weit ent
fernt angekauft hat."
„Und er wird Klara Paßwitz hetrafhm?"
„Za, das tst eine wunderliche Geschichte," meinte
Rosa gehcunnißooll. „Klara kannte ihn fast noch
gar nicht, er war nur ein paar Mal, von irgend
Jemand ich weiß nicht von wem an ihren
Vater empfohlen, in ihrem Hause gewesen, hatte
aber viel mit dem Vate» verkehrt und diesen auch
einmal bewogen, ihn mit der Tochter auf seinem
Gut zu besuchen es liegt ein Stück den Rhein
hinauf, irgendwo da hinter Godesberg und von
dem Augenblick an schien die Sache zwischen ihm
u! Klara's Papa abgemacht zu sein, ohne daß
Klara doch als die Hauptperson nur beson
ders darum gefragt worden wäre."
„Und liebt sie ihn denn nicht frug Käthchen
rasch.
„Ja," meinte Rose, seht altklug die Achseln zu
ckend, „daS ist eine Sache, hinter die ich selber noch
nicht recht kommen kann. Manchmal scheint es
mir allerdings, als ob sie ganz mit der Verbindung
einverstanden wäre, und fciir.it wieder sieht sie so un
glücklich aus, als ob ihr das Herz über irgend einem
geheimen Gram brechen wolle. In der Stadt sagt
man auch allgemein, daß es nur eine gezwungene
Heirath ware, zu der sie ihr Vater gedrängt hätte."
„Aber er wird doch wahrlich seine Tochter nicht
zu einer Heirath zwingen wollen 1" rief Käthchen.
„Er wird sie gerade nicht zwingen," meinte Ro
ja, „aber ihr so lange damit in den Ohren gelegen
und von der guten Partie gesprochen haben, bis sie
ihn zuletzt heirakhet, um nur Nichts mehr von der
Sache zu hören."
„Das wäre auch eine eigene Manier, Jemanden
los zu werden," lachte Käthchen, „man heirathet ihn
einfach."
„kennst Du den jungen Herrn näher, Nosa?"
frug Elisabeth.
„Nähet er war ein paar Mal mit Paßwitzens
bei unv."
„Und sind sie schon verlobt
„Auch fcaraus bin ich och n«ch! recht klug gewer
fceit," mein e Rosa „in der Staot heipt es aller
dings so, Klara weicht aber allen Frag.n aus. So
viel ist sicher, daß sie die Trauung noch eine Zeit
laug hinausgeschoben hat denn wäre die Zeit schon
bestimmt, so würde ich es gewiß erfahren haben.
Herr von Berger scheint allerdings nicht damit ein
verstanden wenn Klara aber et«.mal itzreit kleinen
Trotzkopf aufsetzt, ist auch nicht viel mit ihr anzu«
sangen."
„Das wäre ein sonderbares Verhältniß." sagte
Elisabeth kopfschüttelnd, „wo sich die Braut vorder
Trauung fürchtet und sie so lange als möglich hin
auszuschleben sucht."
„II ib ich weiß wirklich nicht recht weßhalb I* tief
Rosa „denn Berger ist in der That ein liebenS
würdiger Mensch tu,d, wenn er nicht gerade seine
'finstere Stunde' hat, wie wir es nenne», sast aus«
gelassen lustig und dabei unerschöpflich in geselliger
Unterhaltung. Wir haben einige wirklich herrliche
Abende in seiner Gesellschaft verlebt, und de hat er
sich so liebenswürdig gezeigt, daß ich ihm selber gut
sein könnte."
„Dann überläßt ihn Dir Klara vielleicht," lachte
Käthchen, „und damit wäre euch am Ende Briden
geHolsen."
„Äbet Käthchen 1" rief Rosa vorwurfsvoll, »Du
bist doch ein ausgelassen Ding geworden."
„Ach waö," lachte Käthchen, „wunderbarere Sa
chen sind schon vorgekommen. Ist er denn hübsch?"
„Sehr hübsch," sagte Rosa, die auf den Scherz
der Freundin einging, „und sehr reich dabei."
„Also, was willst Du mehr?" neckte Käthchen,
„unter solchen Umständen kannst Du Dich schon ein»
mal für eine Freundin opfern."
„Und von was unterhalten sich die jungen Da
men rief auf einmal die fröhliche Stimme deS
Justizraths.
„Und von was sonst, als jungen Herren, Papa,"
lachte Käthchen, als ihnen plétzUch der Vater mit
Ro.
17.
de n Professor und seiner Gattin aus einem der
Seitengange entgegen kam, und rief mit der kecken
Antwort hohes Roth auf die Wangen ihrer Schwe
stet und Freundin.
„Ei ei ei ei," sagte der Professor „aber so lange
eS die junge Gesellschaft noch so frischweg eingesteht,
hat es wohl nicht viel zu sagen wie Rosa?"
„Nein, Papa, ich glaube nicht," lächelte das jun
ge Mädchen, „wir haben uns von Klara's Bräuti
gam unterhalten."
„Von dem jungen Berger ach ja, der ist ja
vorhin mit eurem Dampfer wieder nach Bonn ge
kommen. (St soll mit Paßwih' Tochter verlobt
sein."
„Paßwitz? wie geht eS dem
V
rief der Justiz­
rath.
„O gut," lächelte der Professor, ,« ist noch im
mer der alte Sonderling, aber in den letzten Jahren
merkwürdig grau geworden."
„Und führt ihm die alte Isabel noch die Wirth
schart?"
„Genau wie früher und tyrannifirt daS ganze
Haus wir wollen morgen einmal hinüber gehen
und sie besuchen. Heute wird aber Nichts mehr
vorgenommen, denn heute gehört ihr vollständig uns
und nicht einen Fingerbreit lassen wir euch au?
nicht wahr, Alte?"
„DaS versteht sich," nickte freundlich feine Frau
dazu, „denn lange genug haben wir uns auf die
Zeit vergebens gefreut, wo uns der Herr Justizrath
einmal wieder die Ehre schenken würde."
Dabei blieb es, den Justizrath drängte tS auch
gar nicht aus dem ihm selber so lieben Kreise sott,
und die kleine Gesellschaft verbrachte den Abend froh
und glücklich in den eigenen Räumen.
Am nächsten Tag wurden Besuche gemacht, und
zwar zuerst die Staatsvisiten. die den Besuchten ge
rafce so langweilen wie den Besuchenden und beiden
Theilen unausstehlich sind, von denen sie sich aber
doch stets einreden, daß sie nun einmal ,,nöthig und
schicklich" wären und nicht umgangen werden könn
ten.
Der Justizrath machte von der Regel solcher ge
wissenhaften Menschen keine Ausnahme. Um zwei
Uhr sollte gegessen werden, und von halb elf bis
zwei Uhr quälte er sich denn auch, bei vierundzwan
zig Grad Wärme im Schatten, in einem unbeque
men schwarzen Frack nnd eben solchen Beinkleidern
mit einem hohen Eylinderhut seinen leichten
Strohhut durfte er „anstandshalber" nicht aufsetzen
pflichtschuldigst ab, um eine Anzahl ihm voll
kommen gleichgültiger Menschen in ihren eigenen
Wehnungen zu besuchen. Dort wurde er dann in
die „beste Stube" geführt, um sich, während Frauen
und Töchter der Heimgesuchten als „noch nicht ficht
bar" in alle möglichen Seitengemächer schlüpften,
eine Viertelstunde lang über gär Nichts mit dem
Hausherrn zu unterhalten und von ihm beim Ab
schied die Versicherung zu hören, wie auherordent
lich angenehm es ihm gewesen sei, den Herrn Ju
fitzrath wieder einmal begrüßt zu haben.
Das beseitigt, stieg er die Treppe hinab, nahm
unten aus seiner Westentasche ein kleines Blättchen
Varpe, auf dem die Namen der verschiedenen Per
sönlichkeiten ausgezeichnet standen, und strich mit
einem, aus voller Brust herauf geholten--„Gott fei
Dank 1 wieder Einer" der betreffenden „Abgemach
ten" fett.
Zum Tode erschöpft, aber mit dem beseligenden
Bewußtsein, seine Pflicht erfüllt und sich dabei einen
vortrefflichen Appetit geholt zu haben, kehrte et end
lich kurz vor zwei Uhr in deS Professor« Wohnung
zurück.
„Nun? Alle« abgemacht7* rief ihm dieser lach
end entgegen.
„Alles," nickte der Justizrath vergnügt „drei
habe ich, Gott sei Dank, nicht zu Hause getroffen
und nur meine Karte abgegeben. That mit leid,
abet ließ sich nicht ändern noch einmal hingehen
kann ich nicht."
„Du hast sie, Gott sei Dank, nicht zu Haufe ge
troffen," schmunzelte der Professor, „aber es thut
Oir leid. Du bist ein wunderlicher Mensch, und
weßhalb ludest Du Dir und Anderen eine solche
Last auf? Die atmen Teufel müssen Dich jetzt
auch wieder aussuchen."
„Ja, lieber, guter Kuno," sagte der Justizrath,
„das geht doch nun einmal nicht anders- die Form
muß beobachtet werden, denn gerade die Form hält
unsere ganze menschliche Gesellschaft zusammen."
„Ich habe Dich nie für einen solchen Fotmmen«
schen gehalten."
„Wer kann's ändern," sagte der Justizrath ach
selzuckend, „aber dafür schmeckt mir jetzt das Essen
auch desto besser, und heute Nachmittag suchen wir
die alten Freunde in aller Gemüthlichkeit auf.*
„Und ohne Glacehandschuhe."
„Ohne Glacehandschuhe, das versteht sich,* be
stätigte der Justizrath, „denn so lauge ich Glace
handschuhe an den Händen habe, bin ich nur Höf
lich, sowie ich sie ausziehe, werde ich hetzlich und
vergnügt."
Und jetzt wurde zu Tisch gerufen, nach Tisch der
Kaffee wieder in der Laube getrunken, und dann be
schloß die kleine Gesellschaft, gemeinsam den Medi
cinalrath Paßwitz zu überfallen, der von der An
wesei'heit des Justiztaths noch gar nichts wissen
konnte, und sich gewiß über das Wiedersehen eines
alten Studiengenossen außerordentlich freuen whrde.
Es mochte vier Uhr sein, als der Professor vor
schlug, ihren Besuch nun abzustatten, da der Medi
analtath um Seche regelmäßig, wie die Uhr schlug,
ut sein Kasino ging, und die Zeit wenn ihn nicht
Krankheit an sein Lager fesselte nie versäumte.
Nicht einmal durch eine Gesellschaft ließ er sich da
von abhalten, und die kleine Karawane brach un
verzüglich dahin auf.
„Herr
Mediemalrath zu Haufe?" frug der Ju­
stizrath, der mit Elisabeth eine kurze Strecke voraus
war und an der verschlossenen Thür geklingelt hatte.
**iii alter Dienstbote öffnete, hielt sich aber nicht
lange mit Erkundigungen oder Antworten auf, sagte
einfach „Nein" und schlug dem erstaunten Herrn die
Thüre wieder vor der Nase zu.
„Das ist eiit hübscher Empfang," lachte der Ju
stiztath, sich geg n den jetzt herankommenden Freund
wendend. „Viele Umstände machte die Alte fei•
nensalls wir scheinen doch zu spät gekommen zu
sein."
„Gott bewahre/ sagte der. Professor, mit dem
Kopf schüttelnd, „eher ging die Sonne einmal aus
Versehen im Westen auf, als daß Paßwitz um diese
Zeit nicht im eigenen Hause hinter einet Tasse Kas«
see säße. Das war nur eine Laune von dem alten
Drachen, dem der Besuch in diesem Augenblick aus
irgend welchen Gründen ungelegen kam, aber sie
wußte keinenfalls, daß ich dabei war, sonst hatte sie
es doch wohl nicht versucht. Ich werde sie noch ein
mal zitiren" und mit den Worten trat er an die
Klingel und zog so kräftig, daß das ganze Haus
von den Tönen der ziemlich großen Glocke wieder
hallte»
Es dauerte nicht lange, so wurde die Thür—und
zwar dießmal ziemlich heftig ausgerissen, und die
Alte schien allerdings die Absicht gehabt zu haben,
unangenehm übet die neue Störung zu werden die
Person des Professors, den sie gut genug kannte,
belehrte sie aber doch eines Besseres, und wenn sich
ihr nützliches Arntitz auch nicht in freundlichere
Falte» zog. hielt sie doch die Thüre offen und sagte
nur mürrisch: „Der Herr Mediemalrath haben
Besuch wußte nicht, daß der Herr Ptoscssot da
bei war."
„Schon gut, Fräulein Isabella," nickte ihr aber
dieser zu „brauchen uns auch nicht anzumelden
ich weiß schon selber den Weg. Apropos, Wt ist
denn oben doch fein Kranker?"
(Rertfteuitfl folgt.)
Oft« alte« Paar. Hr. und Krau MeFar
land von Syracuse, N. §)., feierten neulich ihren
üOjUen Hochzeitstag.
Welche Gaben find die schlechtesten?
•u^vtfgnfc 8)3
Welche Namen find die besten?
'UIUlhvUUjA
DEß WEST BOTE.
TERMS
I
Nachrichten attS Ohio.
Line Rattenjagd fand in der letzten Wo
abermals in Pickaway County statt. Die eine
I
gergesellschaft hatte 4,639 und die andere 2,2
Schwänze, zusammen 6 839 Schwänze. Wen«
man annimmt, daß jede Ratte blos tin Busch#
Korn im Iahte vertilgt, so läßt sich die Einträglich!!
feit eiltet solchen Jagd leicht mit Hülse des Ein
mall
ein berechnen. Wir haben in unserem County noA
von seinen derartigen Jagden gehört. Giebt
solches Ungeziefer in Franklin County?
Frau verbrannt. Am 23. November vetA
brannte die Frau des Hrn. Heinrich Steinhvff, dM
bei Louisville, Monroe Co., wohnt, auf folgend»
Weife: fle ging in eine kleine Kammer, um d»
Lampe aufzufüllen, ergriff statt der Oelkanne dijf
Firnißkanne, welche in Brand gerieth und ihre Kleil»
der anzündete. Sie wurde schrecklich verbrannt, unb
erst nach Verlauf einer Woche erlöste der Tod sW
von ihrer Qual. Ihr Mann und neun Kinder 6#
trauern ihren unzeitigen Verlust. -"r~
Ettunken. Am letzten Samstag fuhr ©eotfc
Bisbee bei Nockport, t5«yahoza County, O., auf
dem Flußufer entlang, und wurde, indem sein Wa»
gen umfiel, in den Fluß geworfen, und ertrank.
Martin Oats wurde in Toledo am Montag
des Todschlages überführt. @t tödtete den Joh«
Kurtz im September bei einer Schlägerei in eins»
Schenkwitthfchaft.
Spielt nicht mit Gewehren.—In Bridge»
ville, fioraitt County, wollte ein Knabe ein DienjM
mädchen erschrecken, indem er eine Flinte, die, wDv
er meinte, nicht geladen war. aus dasselbe anlegt^:
und abdrückte allein die volle Ladung von feinet#"
•öogelschrot fuhr dem Mädchen in's Gesicht und if.
en Hals, und verwundete eS bede itend, wenn auch
licht lebensgefährlich.
Theurer Stempel. —Eine Mortgage V0U
ver Cincinnati, Dayton und Eastern GisenbahnB
Compagnie an T. W. Spelman ton Boston, ttp
Betrage von $2,000,000, die an die Recorder'S D§r
fice von Hamilton County zum Eintragrtf eing#
refcht wurde, hat einen $2,000 kostenden Etempâ
ausgedrückt.
Um ihren guten Ruf zu behaupten, btaxß
bettete eine „Lafcy' von einigen Tagen eine« CletE
in einem Store in Springfield mit einet „Cowhideâ
Der Jüngling soll etwas gesagt haben, daS ihre«
guten Ruse Abbruch that.
Diebe und Gauner aller Art streifen je|t
überall im Staat umher, und der Bürger wie detz
Bauer sollte auf feiner Hut sein, und sich so »tn%
als möglich mit Fremden einlassen so sind, j. 331*
Bauern in Harrison Couney von Schwindlern, dj|,
das Fabrikationsrkcht für Heu» und Mistlade-Ma
schinen verkauften, um etrea $3,000 betrogen wo#,
ten. Man sollte stch vor allen umherreisenden uchi»
bekannten Händlern hüten. v_'
Großer Squash. Ein Bauer inTuernsM
County baute dies Jahr einen Squash (Melonech
vhebe), der beinahe sieben Fuß im Umfang maß utA
298 Pfund weg. So sagt die Guernsey „Nmes^
Depot abgebrannt. Das Depot des PottS
mouth Zweiges der Marietta und Cincinnati Etz»
senbahn zu Portsmouth brannte ant Sonntag MoM
gen nieder. Der Verlust wird auf $8,000 veraM
schlagt.
Verunglückt. Vor einigen Tagen wolW
Mary A. Morris, eine junge Dame von Leavitt^
burg. Mahoning Co., dort auf den schon langsam
sich fortbewegenden Eisenbahnzug steigen, glitt aus
und fiel auf die Bahn. EineS der Räderging üb«
ihr linkes Bein und zermalmte es vom Fuß biS
zum Knie auch ihr rechter Fuß wurde verletzt. Ste
wurde nach Warten gebracht, wo ihr das Bein aßi»
genommen wurde. Sie starb am Montag untlt
utifÄftUch«* ^chtverzkn.
spukt. Ein Washingtoner TorrespoA»
Sent schreibt, daß es im Hause der Mrs. SurrM
nicht geheuer sei. Das Haus ist 10,000 Dollars
verth, wurde aber aus diesem Grunde unter der
Hälfte feines Werthes verkauft. Mehrere Famili
m, die eS nach einander gemiethet hatten, zogen
schnell wieder aus. Man erzählt sich, daß der „Geists
der gehängten Präsidentenmörderin um Mitternacht
im Hause umgehe. Sogar der Werth der benach
borten Häuser hat unter diesem Unsinn bereit? A»
litten.
Eine ganz besondere Art von öftfr
flchertmgsgesellschaft ist neuerdings in San Fran
cisco gebildet worden. Das Object, dessen Ver
fichetung es gilt, ist nämlich: die Schönheit der
Frauen. Der bezügliche Prospectus sagt: Eine Da
me kann ihre Schönheit zu jedem beliebigen Preise
versichern, muß aber eine dieser Taxe entsprechende
Summe bezahlen. Die Gesellschaft versichert Da
menschöi'heiten von fünfzehn bis dreißig Iahte»
und verpflichtet sich dabei, der versicherten Jnha
denn eine bestimmte Summe auszuzahlen, für den
Fall, daß sie ihr versichertes Eigenthum, das ist
ihre Schöiibeit, durch Zufall oder Krankheit verliert,
oder auch daß fie selbst fich eine« Tage« häßlich W
den sollte.
Schön angeführt.— Ein großer Neufuttd
lander Hund, der zur Bewachung eines Schnittwaa
renladens in einer Stadt des Staates Pennfylva
nien gehalten wurde, krepirte unlängst. Die Clerk«,
nicht gleich wissend, wo sie mit dem todten Hund
hin sollten, verpackten ihn auf den Vorschlag eines
von ihnen in eine leere Kiste, nagelten diese so,g
faltig zu, marfirten sie„A.T. Steward». Co, New
5)crf," und stellten sie hinaus auf den Seitenweg,
wo sie übet Nacht stehen gelassen werde sollte. Der
Nachmächtet wurde von der List in Kenntniß gefetzt
und siehe da, in derselben Nacht noch fam ein Wä
gelchen von einem Pferde gezogen, dessen Hufe mit
Lumpen umwickelt waren, vor dm Stete gefahren,
zwei Männer sprangen heraus, hoben die Kiste rasch
aber geräuschlos in den Wagen, sprangen wieder
auf denselben und fuhren davon. Und das war
das lktz!e, was man von dem getreuen Caro ge
sehen hatte.
Der „Great Eastern* und die Pakt»»
set Ausstellung. In
ParlS soll stch eine Td
sellschast mit einem Capital von $500,000 gebildet
haben, um den „Great Eastern" zu miethen und da
mit amerikanische Besuchet der Pariser Ausstellung
hin
und
her zu befördern. DieGesellschaft soll bereit»
mit einem Liverpsoler Hause einen Contract abge
schlossen haben, wonach dasselbe das Schiff für
$300 000 repartiert soll. ES soll Anfangs April
von New 2)ort nach Brest abgehen und für 2500
Passagiere erster Classe hergerichtet sein. Retour
Villete sollen zu bedeutend reducirten Preisen abge
geben werden. Die Einschreibung der Passagiere
soll hier am 1. Januar beginnen.
Ermordet. Gen. Maxwell, ein für sich al
lein lebender Bauer in Franeonia, New Hamphir«,
wurde letzten Samstag von einem Unbefanten er
mordet. Im Hause
befanden
sich Spuren eine«
furchtbaren Kampfes. Sein Schädel war zerbro
chen, und die Axc stack noch in seinem Halse. Der
Mörder war mit dem Pferde und Wagen seine«
Opfer« entflohen.
Ein Cent Buße.
—Miß Virginia Penny,
eine Lehrerin an der 3. Ward Schule in LvuiSviUe,
Ky., züchtigte einen ungehorsamen, halsstarrigen
Schüler, und wurde deßhalb von dem Vater ver
klagt. Das Gericht sprach die Meinung aus, daß
die L-hrerin das Recht hatte, den Knaben zu züch
iige» wenn fie ihn aber boshafter Weife oder zu
schwer gestraft hätte, so sollte der Urtheilsspruch ge
gen sie gefüllt werden. Die Jury fand sie schuldig
und legte ihr eine Buße von einem Cent auf.
Jturbide, der Sohn des legten Kaisers dOR
Mexico, starb am Dienstag in New York.
Vor einiger Zeit wurde vom Revietförpe»
Mâule von Illingen, Königreich Würtemberg, im
Revier Tuttlingen, eine Naiuiseltenheit von einem
Hasen geschossen. Derselbe hat drei Ohren und in
der Mitte derselben erheben fich zwei Hörner, ihn
lich denen eines Gaisbocks. Et hat ein Gewicht
von 3ti Pfund und wurde an da»
lieneabinet abzelnfert.

vkumbuS, O», 20. December 18 66.
E I N A I E S E S
PUBLISH
EBS.
11,00 pmr year, Invariably v»

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