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Der westbote. [volume] (Columbus, Ohio) 1843-1871, December 15, 1870, Image 1

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Der Westbote.
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Wie fett ich Ihn,« fite, ZH« GiUe beeâni, Her,
©atUrb? fegte Brook«, deff« Senfc erfassend, et.
nen treuen Dieser aber ««de» We an mit haben I
Da« weiß ich» Brooks.und darum habe ich mehr
für «ich selbst gethan, al» Mt Sie.
Wolle« Sie denn Ihr Vermögen in dem «nte
wohnten Hause während dieser Rächt so unbewacht
lassen? fragte der Capitän.
Ich thue e« ungern, obgleich ich in dieser ersten
Rächt keine Gefahr dafür fthe, antwortete Gatlard,
eZ ist aber so unbequem, dort auf der Erde zu schla
sen.
Unbequem oder nicht, Ich würde et doch thun,
ich traue de« Matrosen nicht. Wenn fiel sähen,
daß Sie hier a* Bord schlafe» sagte Brook«
mahnend.
66 weiß ja Keiner, wohin ich die Sache« gebracht
habe, entgegnete Gatlard lachend, dennSch will ich
Ihrem Rath folgen. Morgen früh kommt der
Schlösset nach dem Hanse, um eine eiserne Thür für
den Keller anzufertigen, dann ist alle Gefahr beset
tigt. Wat macht denn unser freundlicher Zollbe»
amter, ich bin ihm doch vielen Dank schuldig.
Er liegt steif betrunken in Ihrem Bett, wohin
wir ihn tragen mußten. Wenn wir jetzt noch Et»
wa« zu schmuggeln hätten, so wäre der Weg frei,
entgegnete der Capitän.
Mag er gut schlafen! Wenn er feinen Dienst hier
an Bord beendet hat, «erde ich ihm einige Kisten
Portwein zum Geschenk machen, er hat ste reichlich
verdient.
Doch nun will ich mich nach meinem Hause be»
geben, will aber doch meine Waffen mitnehmen,
sagte Gatlard, ging in die Cajüte, und trat bald
darauf mit Pistolen und einem Handbeil bewaffnet
und mit einer großen wollenen Decke auf dem Arm
wieder auf das Verdeck.
Run schlafen Sie wohl, Capitän bis morgen,
sagte er, Brooks die Hand reichend.
Gute Nacht und gute Träume, Herr Gatlard,
antwortete der Capitän, und geleitete ihn an die
Brüstung, von wo Gatlard rasch auf die Werfte
hinunter sprang, in der Dunkelheit davoneilte und
fich bald darauf bei feinen Schätzen auf dem Fuß»
boden zum Schlafen niederlegte.
Er verbrachte eine unruhige Recht, träumte tin*
angenehm, und erhob sich schon beim ersten Grauen
de« Morgens von seinem harten Lager.
Das Erste, was er unternahm, war, daß er mit
dem Handbeil die obern Reife von einem der Grld
fässer schlug und den Deckel davon herausnahm.
Mit einer wahren Wollust hing sein Blick an dem
blanken Golde, welches ihm aus dem Fasse entge
genhlitzte, und eine Handvoll der glänzenden Stücke
herausnehmend, ließ er dieselben klingend wieder
hinein fallen. Der helle Ton des GoldeS fuhr ihm
durch alle Nerven, es war ihm die lieblichste Musik,
die er jemals gehört hatte.
Nachdem er eine Zeitlang in wonnige Träume
reien versunken damit gespielt hatte, zählte er die
Kaufsumme für daS HauS davon ab, stellte die Gold»
faulen neben einander auf, und rollte sie schließlich
in Papier ein, welches er von dem Schiffe mitge»
bracht hatte. Dann legte er den Deckel wieder in
daS Faß, verließ mit dem Geld in den Taschen und
in de« Händen das HauS, und begab fich zu dem
frühern Eigenthümer desselben, welchem er den Be»
trag dafür auszahlte.
Dan« ging er nach dem nächsten Gasthaufe, wo
die g^ühstückSglocke bereits geläutet hatte, um dort
das Morgenbrod einzunehmen.
Bald nach acht Uhr erwartete er, in sein HauS
zurückgekehrt, den Schlosser, den er in den Keller
führte, ihn daS Maß zur Thür nehme« ließ, und
ihm lie Möglichste Erle zur Fertigstellung derselben
«nbefachl»
Daß HauS mit dem nöthigsten Mobiliar zu ver
seheni, ging er dann in verschiedene Läden, machte
die Einkauft davon, und bestimmte die Ablieferung
der gekauften Gegenstände auf den Nachmittag in
seinem Hause.
So verstrich der Morgen und mit Widerstreben
dachte Gatlard an die Nothwendigkeit, bei seiner
Braut zu Mittag zu speisen.
Sie paßte nicht mehr in seine Verhältnisse, nicht
in die vornehme, hohe Stellung die er nun in dem
Lebnt einnehmen wollte, und wie eine bleierne Last
hing das einfache, bürgerliche Mädchen ihm an den
Schritten, die er jetzt für seine glänzende Laufbahn
thun mußte.
Und doch wußte er nicht, wie er fich bon dieser
Last befreien sollte, unmöglich koynte er es so Plötz
lich thun, er schuldete Azlaja und ihrer Mutter zu
viel, er hatte ihnen während langer Jahre fast seine
ganze Existenz, ja, er hatte ihnen sein Leben zu dan
ken. Dennoch konnte fie nimmer die Frau des
Millionärs, des vornehmsten, reichsten Mannes in
Philadelphia werden, daS war unmöglich, und in
der einen oder der andern Weise mußte sein Ver
hältniß zu ihr gelöst werden. Nur nicht plötzlich
durste dies geschehen, nach und nach mußte sie sich
an den Gedanken der Trennung von ihm gewöhnen,
und dann gab fie wahrscheinlich selbst eine Ursache
dazn, um mit ihr zu brechen.
Gatlard entschloß sich, nach Astor« zu gehe«, und
bei ihnen zu Mittag zu speisen.
Dort kommt er ja schon, Mutter, sagte Aglaja
zu dieser, als sie Gatlard in der Ferne die Straße
heraufkommen sah.
Schon?—Ich meine, es sei spät genug am zwei
ten Tage nach einer so langen Trennung von Dir.
Er ist zurückhaltend und kalt, und scheint ffch hier
verlegen zu fühlen, als habe er kein gutes Gewissen,
sagte Madame Astor mit traurigem Tone, Gott ge»
be, daß Alles noch gut werde 1
Aber, beste Mutter, Du siehst wieder schwarz, Du
weißt, Du hast ihm schon oft Unrecht gethan, ent
gegnete Aglaja bittend, und richtete ihren Blick wie»
der in der Straße hinab nach Gatlard hin.
Niemals that ich ihm Unrecht, Gott ist mein
Zeuge, daß ich es immer gut mit ihm gemeint habe
er ist aber ein Mensch, aus dem man nicht klug
werden kann er wechselt sein Benehmen, wie das
Chamäleon seine Farbe. Meinst Du denn, daß
mir Dein Glück, Deine Zukunft nicht am Herzen
läge?^
Mtfh Glück liegt nur in ihm, Mutter, und ohne
ihn glitt es für mich keine Zukunft, sagte Aglaja
tief bewegt.
Und das weiß er, und dennoch kann er so rück
sichtelos gegen Dich handeln 1 versetzte die Fra« mit
einem schweren Athemzug, nach kurzer Pause aber
fuhr fie, die Thränen in Aglaja's Augen gewahrend
freundlich fort:
Mag es nun sein, wie (8 wolle, Aglaja, wir we
nizstens wollen ihm keine Veranlassung geben, un
zufrieden mit uns zu sein, von uns soll er nie etwas
Anderes, als Liebe und Freundschaft aufzuweisen
haben, erkennt er sie nicht an, so mag er das vor
Gott allein verantworten. Komm, mein Matchen,
es giebt Nichts in der Welt, waS ich nicht aus Lie
be für Dich thun würde!
Daraus küßte die Frau Aglaja schnell, strich ihr
die Wange und sagte:
Run gehe Gatlard entgegen, HerzenSkmd, «nd
kommt vergnügt zu mir herein 1
Aglaja drückte ihre Lippen auf die Hand ihrer
Mutter, warf ihr noch einen dankbaren Blick zu
und sprang nun nach der Gartenthür, zu welcher
Gatlaid jetzt heranschritt.
Lächelnd, doch nicht ganz ohne Vorwurf, hielt
fie ihm ihre Hand entgegen, die er ergriff, fie küßte
und dann heitern Tones sagte:
Wie geht eS Dir und Deiner Mutter, Aglaja?
Schon zweifelte ich daran, ob es mir möglich wer»
dèn würde, zum Essen zu Euch zu kommen, ich habe
aber viele Geschäfte auf den Nachmittag verschoben
w» mir diese Stunde bei Dir zu verschaffen.
Und dafür danke ich Dir auS tiefstem Herzens
gruude,Richard, komm herein, die Mutter f^eut sich
auch über Dein Kommen sie hat immer weniger
Entschuldigung für Dein fern von uns Bleiben, als
ich, denn bei ihr rechnet nur der Verstand, und bei
mir nur das Herz, welches so gern all Dein Thun
und Lassen rechtfertigt, sagte Aglaja, und ging nun
Iaheg. 88
Arm in Arm mit dem Geliebten zu Frau Astor in
daß Zimmer.
Ich freue mich, daß Sie gekommen find, lieber
Gatlard, haben Sie denn nun bald Ihre dringend
ste« Geschäfte beendet, so daß Sie wieder mehr un«
angehöre« hub die Frau freundlich an und reichte
ihm die Hand.
Ich fürchte, meine Arbeit fingt jetzt erst recht a«,
antwortete Gatlard «nd fnhr nach einer Paust be
fangen fort:
Heute früh habe ich mir ein eigne« Hau« gekauft
daS Hallway'fche Haus, in welchem Cases zur
Miethe wohnten «nd welche« seit einiger ZeÜ leer
stand.
Ein Donnerschlag au« heiterm Himmel hätte Ag»
laja und deren Mutter nicht mehr erschrecken fön»
nen, al« Gatlard Worte, fie fuhren zusammen
und sahen einander bestürzt an.
Ein Hau« fragten Beide mit gepreßter Stimme
und von Aglaja's Wangen war die letzte Spur von
Röche verschwunden.
Ja, ein Hau« Gottlob, ich bedarf eine« sol»
chen dringend, denn ich werde mich jetzt selbst etab
Ilten, und muß ein Geschâft«lokal haben, autwor
tete Gatlard, freier aufathwend, als sei ihm leich
ter, nachdem er die erste Mittheilung über die Ver»
änderung in feinen Verhältnissen »««gesprochen
hatte.
Der Schrecken der beiden Damen verschwand
jetzr von deren Zügen und Erstaunen trat an dessen
Stelle.
Selbst wollen Sie ein Geschäft gründen, Gat
lard? fragte die Frau in halb ungläubigem Ton,
dazugehört ja ein bedeutendes Kapital, und auf gut
Glück hin mit fremdem Gelde Etwas der Art zu
unternehmen, ist gefährlich. Auch das Haus muß
ja viel kosten.
Ich habe einige dreißigtaufend Dollars'dafürge»
geben und sie gleich baar bezahlt, antwortete Gat»
lard, von seiner Sucht zu glänzen gegen seinen Vor
satz, den Besitz eines großen Vermögens noch ge
heim zu halten, hingerissen. Und so fuhr er, durch
die Verwunderung der Beiden geschmeichelt, von
seiner Eitelkeit getrieben fort:
Ich werde mir auch in der Kürze ein größeres und
besseres Schiff, als der „Neptun* ist, bauen lassen
und das Geschäft mit Westindien für eigene Rech
nung betreiben.
Aber Richard, was sagst Du da Alles, daS klingt
ja wie ein Mährchen, wie ist dies denn möglich—hast
Du einen reichen Freund gefunden, der Dir helfen
will? fragte Aglaja in freudigem Erstaunen.
Ich bedarf keines Freundes, ich stehe auf eignen
Fußen, antwortete Gatlard stolz.
Aber woher haben Sie denn mit einem Male so
großes Vermögen erklären Sie uns doch Sie
sehen uns ja in allerhöchsten Erstaunen, fiel Frau
Astor ein, und trat an den Tisch, denn Hanna hatte
dnS Mittagsessen aufgetragen.
Das ist leicht erklärt, antwortete Gatlard, indem
er sich anscheinend nachlässig auf seinen Stuhl nie
derließ, ich habe in Westindien einige gute Speeu»
lationen für meine Rechnung gemacht und sehr viel
dabei verdient.
Aber, was sagt denn Herr Penncl dazu, die Un
ternehmnng wurde ja für dessen Rechnung ge
macht, fragte Frau Astor wieder.
Meine Unternehmungen hatten mit den seini^en
durchaus Nichts zu schaffen und haben dieselben in
keiner Weise benachteiligt. Ich habe vollständig
mit ihm abgerechnet und Nichts mehr mit ihm zu
thun, erwiederte Gatlard gleichgültig.
Nun, ich weiß nichts weiter darauf zu sagen, als
daß der liebe Gott ihnen ungewöhnlich gnädig ge
wesen sein und Sie unter seinen segensvollen Schutz
genommen haben muß und daß wir Beide unsern
Dank für die Ihnen erwiesene Gnade mit deinJH
rigen vereint zum Himmel aussenden werden. Ja
nur unter seinem Schutze ist Gedeihen und Segen 1
'agte Madame Astor ties ergriffen mit feierlichem
Tone, und sah es nicht, daß Gatlard bei ihren Wot
ten erbleichte und mit bebender Hand sich ans seinem
Teller beschäftigte, um die Erschütterung zu verber»
gen, die seine Pulse hemmte und ihm das Blut nach
dem Herzen «rieb.
Doch Aglaja sah ihn halb erschrocken an und
sagte:
Mein Gott, Richard, ist Dir nicht wohl, Du bist
bleich geworden, was fehlt Dir?
Dabei ergriff sie seine Hand und sah ihm äugst»
lich in das blasse Antlitz.
Was ist Dir? Deine Hand zittert und ist kalt, o
Gott, Du bist doch nicht krank? fuhr sie erschrocken
ort und stand auf.
Nichts, Nichts, Aglaja, es geht sogleich wieder
vorüber ich habe schon seit einiger Zeit an solchen
Zufällen gelitten, wo mir das SMut sich nach dem
Herzen drängt, es hat aber gar Nichts zu sagen,
antworte Gallard, sich ermannend und stürzte den
Madeirawein aus seinem Glase hinunter.
Madame Astor aber heftete jetzt überascht ihren
Blick auf ihn und brachte in Gedanken seinen Plötz
lichrn Zufall mit ihren zuletzt gesagten Worten in
Verbindung.
Sie schwieg, doch Gatlard war wieder Herr seiner
elbst geworden, zog Aglaja auf ihren Stuhl nieder
und sagte mit erzwungenem Lachen:
Siehst Du, es ist schon vorüber. Mein Arzt in
Havanna sagte mir, es käme vom Blut und ich hätte
Nichts davon zu fürchten.
Gott gebe, daß es keine ernstere Ursache hat, be»
merkte Madame Astor und sah Gatlard mit fragen
dem Blick in die Augen.
Dieser aber wich ihm aus und wandte sich scher
zend zu Aglaja, indem er sagte:
Du mußt Deinem Patienten aber noch ein Gla«
Wein einschenken, und Dich selbst dabei auch nicht
vergessen
Aglaja füllte schnell die Gläser, worauf Gatlard
das fciiiigt mit den Worten:
Du sollst lebe«! gegen sie «hob, und dann das»
selbe leerte.
Der Wein ist gut, doch ich werde dieser Tage ei
nige Kisten mit Madeila und mit Portwein hier»
hersenden, damit wir etwas besonders Feines zu
trinken haben.
Die Traulichkeit war aus der Unterhaltung ge»
wichen, und so leicht und unbekümmert sie Gatlard
zu führen sich bemühte, so blieb sie doch gezwungen,
und man konnte es leicht erkennen, daß ein Zeder
an etwas Anderes dachte.
Gatlard verlangte nach dem Augenblick, wo er
sich vom Tisch erheben konnte, und als derselbe ge
kommen war, entschuldigte er sich mit dringenden
Geschäften, daß er nicht zum Kaffee bleiben könne.
Mit dem Versprechen, er wolle so bald es ihm
möglich sein würde, wieder kommen, verabschiedete
er sich rasch, und als er von Äglaja begleitet durch
den Garten davonschritt, sah ihm Madame Astor
bedenklich mit dem Kops schüttelnd nach.
Achtzehntel Kapitel.
Die Mnterfreuden. Der neue Diener. Der Gouverneur.
Spanische Artigkeit. Verlegenheit. Die Klotille.—»
Der Riesenstrom.— Das Jndianerkind.— Der Mo»
gen. Der rothe Kluß.
Der Herbst hatte die diückende versengende Gluth
der Sonne tn Louisiana gemildert, und die alljähr
lich in New Orleans sich einstellenden Fieberkrank»
heiten waren verschwunden, reges geschäftliches Trei«
den war wieder in die Stadt eingezogen, und die
Bewohner derselben gaben sich, von den kühlen
Nachten ersrischt, abermals den Freuden sorglosen
südlichen Lebens hin. Aus den im Fackelscheine
und Lichterglanz strahlenden Fandagohäusern schall»
ten allnächtlich die wogenden Klänge der Mando
linen, Cy ubeln und Tambourine»» und die Jubel
töne der wild begeisterten Tänzer und Tänzerinnen
hervor, die Paläve der spanischen Großen glänzten
im Lichtmeer von blitzenden Kronleuchtern und &an>
delabern, und in deren durch die Fenster strömen»
den Scheine prangten festlich geschmückte Damen i.i
prächtiger Toilette und Herren in goldbordirteu
Sammetröcken und reich galonnirten Uniformen.
Während des TugeS rclltin schwerfällige, goldig
verzierte StaatSearrossen mit hohen, lang befranz»
ten Böcken und schwer betreßten Dienern durch die
Straßen, und auS ihren Fenstern sahen schöne fpa
nische und französische Creolinnen hervor. Nach
mittags zogen die Siiergefechte Vornehm und Nied
rig, Reich und Arm nach der Arena und Abends,
wenn der Wind kühl von der See herauf über die
Stadt zog. füllte sich die Almeda mit Lustwandeln»
den d«r vornehmen Welt.
Louvencourts nahmen an diesen Vergnügungen
keinen Antheil, nur auf den Abendspaziergängen
fanden sie sich ein, um sich an der erquickenden
«bendluft zu laben, und fich von der Hitze de« Ta
geS zu erholen. Dort trafen sie dann mit ihren
neuen Bekannten zusammen, die sie immer theilneh
mend und freundlich begrüßten und bedauerten, daß
fie schon so bald die Stadt verlassen und weit in das
Land hineinziehen wollten denn die Vorbereitn«»
geu zum Ausbruch nach dem schwarzen Fluß waren
beendet und der Graf wartete nur darauf, sich rneh»
reren großen Booten anschließen zu können, welche
Vorräthe aller Art für General nach des
sen Fort bringen und von einer Militärbedeckung be
gleitet werden sollten.
Von Lonvencourt's früheren Dienern in St. Do
mingo waren viele Männer und Frauen seinem
Ruf gefolgt und hatten sich mit dem Schooner
»Delphin* zu ihm nach New Orleans begeben, so
daß sich seine Arbeitskräfte jetzt auf circa fünfzig
Personen beliefen. Er hatte fünf große Boote in
Bereitschaft liegen, um in ihnen alle Vorräthe,
Werkzeuge, Zug- und Reitthiere, sowie eine Milch»
kuh zu verschiffen, und hatte die Fahrzeuge zum
Segeln und zugleich für den Gebrauch von Rudern
einrichten lassen. Ein sechstes leichteres Boot aber
war für ihn, die Gräfin und Rani bestimmt und
mit allen Bequemlichkeiten versehen, die man sich
in einem so beschränkten Raume für eine so lange
beschwerliche Reise verschaffen konnte.
Der Bankier Graville hatte Lonvenconrt bei fei»
neu Vorbereitungen mit Rath und That auf's Zu
vorkommendste unterstützt, er hatte ihm die dabei
nöthigen Gelder bereitwillig vorgeschossen und hat«
te schließlich auch die Schmucksachen verkauft, und
zwar zu hohen Preisen, so daß der Gras wieder über
achzigtausend Dollars baares Vermögen besaß.
Moire, der Halbindianer, war täglich bei Lou»
veneourtâ aus» und eingegangen, hatte dessen Ku
che fortwährend mit frischem Wildpret und mit Fi
schen versorgt und hatte jede Gelegenheit erfaßt, um
sich ihm angenehm und nützlich zu machen, so daß
er in der That sich in seinem Dienste befand, wenn
er auch nicht fest als Diener bei ihm eingetreten war.
Jetzt aber, wo die Abreise so nahe bevorstand,
fühlte der Gras das Bedürfniß, einen sach- und
landkundigen Mann wie Moire bei sich zu haben,
um durch ihn einen für seine Ansiedlung passenden
Platz zu finden, und mit seiner Hülfe und seiner Er»
fahrung die ersten Schwierigkeiten und Gefahren
eines Lebens in der Wildniß zu überwinden.
Moire hatte ihm schon wiederholt seine Dienste
angeboten, der Graf aber war bis jetzt einer bestimm
ten Erklärung darüber ausgewichen, weil Lazare
fein Bedenken über den Charakter des Halbindia»
ners ausgesprochen hatte, und weil er selbst auch
kein großes Zutrauen zu demselben hegte.
Es war aber nicht leicht, aus gut Glück in die
Wildniß hineinzufahren und dort ein den Wünschen
und Bedürfnissen entsprechendes Stück Land zu sin
den und doch war dies die Lebensfrage, um die sich
die ganze Zukunft Lonvencourts drehte. Darum
entschloß er sich jetzt, wenn auch mit einem gewissen
Widerstreben, Moire in seine festen Dienste znneh«
men, und eS zu versuchen, ob er ihn durch Güte und
liebevolle Behandlung zu einem treuen Untergebe»
nen machen könne.
Derselbe zeigte sich von diesem Augenblick an rast
los thätig und aufmerksam mit seinen Erfahrun
gen alS Bootführer machte er die zweckmäßigsten
Einrichtungen in den Fahrzeugen, sorgte für An
schaffnng unzähliger Gegenstände, deren großen Nu
izen auf einer solchen Reise nur er so genau kannte,
und war jeden Augenblick, wo ihn Geschäfte nicht
'ein hielten, des Grasen Winks gewärtig.
Nur die Höflichkeit und der Respekt, welche er ge
gen Lazare dessen Stellung und Achtung wegen,
welche derselbe bei Louveneourt's genoß, zu beob
achten hatte, schienen erzwungen zu sein, mochte
dies nun seinen Grund darin haben, weil derselbe
ein Neger war, oder weil er bei seiner Herrschaft so
großen Einfluß hatte, kurz Moire hegte augenschcin»
lich eine Abneigung gegen ihn, die er jedoch durch
gemessene Artigkeit zu verbergen suchte. Er mied
iyn aber wo er konnte, und machte ihm gegenüber
lets seine überlegene Bekanntschaft mit Dingen,
die das Leben in der Wildniß betrafen, sehr laut
gellend, besonders wenn der Graf zugegen war.
Lazare kannte Moire's Abneigung gegen sich sehr
wohl, doch er sah in ihm eine werihvolle Person
für das Interesse seines Herrn und darum war er
freundlich und nachsichtig gegen ihn. Er zog ihn
bei den schließlichen Vorbereitungen bei Allem zu
Rathe, wovon er glaubte, daß derselbe ein richtiges
Urtheil abgeben könne, und befragte sich oft bei ihm
über die Lagen, in welche sie der bevorstehende Wan
derzng bringen könne.
Der Graf hatte den spanischen Gouverneur von
Lpusiana, welcher in New Orleans residirtt, um die
Erlaubniß gebeten, sich den Traneportschissen anzu
schließen, welche derselbe an General Sarzano ab
senden .vollte, und hatte die freundlichste Antwort
mit der Genehmigung seiner Bitte erhalten.
Schon über eine Woche war Louvencourt voll
ständig reisefertig, als eines A'endS der Gouver,
»cur ihm sagen ließ, daß die Abfahrt der kleinen
Flotte am folgenden Tage stattfinden werde.
Der Morgen erschien und ans der Weifte, vor
welchem die spanischen Boote lagen, sammelten sich
die neugierigen Bewohner der Stadt, um die Schis
sc absegeln zu sehen.
Auf dem Mast des vordersten der Schiffe wehte
die spanische Flagge und die Hälfte der Militär
abtheilung, welche sie begleiten sollte, stand dort
unier dem Gewehr, während die andere Halste der
selben sich auf dein letzten Schiffe befand.
Da rührte der Tambour die Trommel, die Col
taten traten in Reih und Glied, und die schwere
vergoldete Staatèearrosse des Gouverneurs rollte
polternd auf dem unebenen Wege langsam heran.
Auf der Werfte angekommen, hielt sie still, der Gou
verneur General Don Jose Amadeus Bullartaly
Znmpango stieg aus und die Soldaten präseniirten
vor ihm das Gewehr.
Er war ein sehr kleiner beleibter Herr, dessen von
kolossalen goldenen Epauletten überragte Uniform
so reich mit Goldstickerei und mit Orden bedeckt war.
daß man ihre Grundfarbe kaum noch erkennen konn»
te. Ein riesiger Federhnt bedeckte seinen dicken
Kopf, der schildkrötenartig zwischen seinen breiten
Schultern hervor sah, ein fettes rothes G.ficht war
mit einem großen kohlschwarzen Schnurrbart durch
zogen, und ei» ungeheures Schwert hing von sei»
nein runden Körper quer hinter ihm di« auf die Gr
de herab.
Mit kühnem, soldatischem Schritte trat er aus
der Werste bis an das erste Boot, hielt eine zu Hei
denthaten anfeuernde Ansprache an das Militär,
wandte sich dann zu dem Capitän der Expedition,
Do» Valencia, dem er austrug. General «arzano
die Versicherung seiner Verehrung und seine Gruße
zu überbringen, trat dann, an den Federhut grei
send, einen Schritt zurück, bekam seinen großen Sä
bei zwischen die Beine und siel, die Füße gegen den
Himmel emporstreckend, rücklii gS aus dieCrde nieler
Vergebens kugelte er sich hm und her, um sich
wieder auszurichten, bis der Unteroffizier auf die
Werfte sprang, ihm hilfreich seine Hand dazu lieh
und ihm bann den Staub von der Uniform klopfte
Ein stürmisches schreiendes tNclachter erschallte
unter der großen, auf der Werste befindlichen Zu
schauermenge, der Gouverneur aber warf einen Blick
der Verachtung auf die Schreier und schritt dann
mit möglicher Eile stolz auf der Werfte hin, um dem
Grasen Louveneourt, dessen Schiffe etwas weiter
Fluße hiiiauflagcn, noch Lebewohl zu sagen
Dabei druckte er den Federhm fester auf den Kopf,' und Wimmern ausging, während in kurzer Entfer
und hob daS Sch»ert, wie eine zum Sturmangriff
eingelegte Lanze, vor fich empor.
Der Graf, welcher ihn hWanschreiten sah, kam
ihm entgegen, und dankte ihmMr die ihm so freund
lich ertheilte Erlaubniß, fiHlider Expedition au
schließen zu dürfen, worauf Zâ Gouverneur fich z«
feiner höchsten Größe ausrichte und sagte:
Ziehen Sie hin, Herr Gra» so weit Spanien'S
Banner weht, mit diesem mdient Arm, mit diesem
meinem Schwerte werde ich Ste schützen!
Dabei hob et die in der Scheide ruhende Waffe
empor und schwang sie mit hereeiimilthig begeister
tem Blick über sich durch die Luft.
Da gewahrte er die Gräfin, welche sich von ihrem
Sitz im Schiff erhoben hatte told an dessen Brüstung
stand, leichten Fußes eilte et auf sie zu, nahm seinen
Federhnt ab, zog eine Rose et|8 einem Knopfloche
seiner Uniform, und reichte fit ihr mit graziöser Be
wegung und mit den Worten:
Dem Cavalier unsern Arm, unser Schwert, der
schönen Signora ihr Ebenbild, tie Rose, und unsere
Verehruna!
Dann sprach er mit den zi/rtichsten Worten der
Gräfin seine Wünsche für da« Gedeihen der Unter»
nehmung ihres Gatten aus, uudzog dabei sein Ta
schentuch ans seinem Rockschoß hervor, um sich die
Perlen von der Stirn zu wische«, welche die Son
nenwärme seiner Haut entlockt hatte.
Er wollte das Tuch mit einer leichten Bewegung
entfallen, es widerstand seinen Bemühungen, hin
und her schwenkte er es in seiner Rechten, doch eS
wollte in dem nächsten Augenblick seinem Willen
noch nicht Folge leisten da ergriff er e« mit bei
den Händen, zog es auseinander und zu seinem
Schrecken sah er jetzt, daß es eine Danien-Chemi»
sette war, welche seine Wäscherin wahrscheinlich
ans Versehen zwischen seine Taschentücher gelegt
hatte.
Sein Gesicht färbte sich purpurroth, dann aber
wieder bleich, und den fatalen Gegenstand schnell
irieder in seinem Rock verbergend, warf er einen
ängstlich verlegenen Blick auf die Gräfin, um zu
forschen, ob sie das ihm nicht zugehörende Klei»
dunggstück wohl erkannt habe, doch aus den Zügen
der Frau lag derselbe wehmüthige Ernst, mit dem
sie seinen ersten Grnß empfangen hatte.
Da kam dem Gouverneur der Trommelschlag des
Tambours auf dem ersten Schiffe, welches soeben
vorübersegelte, zu Hülfe, er warf sich schnell in die
Brust, salutirte die Mannschaft, und nahm dann
von Louveneourt's Abschied, deren Boote jetzt auch
die Werfte veiließen, um den Regierungsfahrzeugen
zu folgen.
Der Wind war frisch und günstig, und trieb die
Flotte, unter vollen Segeln gegen die gewaltige
Strömung anrauschend, vor sich den Riesenfluß hin
auf. Die Stadt New Orleans blieb zurück und
verschwand nach und nach unter dem Duft der Fer
lie vor den Blicken der Reisenden.
In dem vordersten Schiffe des Grafen, welches
mit Ackergercithschaften, mit anseinandergenomnie»
nen Wagen und Karren, zur Errichtung einer Müh»
le nothwendHen eisernen Gegenständen und mit
Werkzeugen vieler Art befrachtet war, befand sich,
außer acht Dienern des Grafen, der Halbindianer
Moire als Booisührer, während das letzte Schiff
von Lazare befehligt wurde.
Das Boot, welches dem ersten folgte, war da«,
in welchem Lonvencourts fuhren, und dessen Mann»
schaft aus sechs Negern bestand.
Dasselbe war mit einem leinenen Hounendach
versehen, welches dessen Hintere Hälfte,W^eine klei
ne Cajüte und vor derselben die «itzc deMassagicre
angebracht waren, überschattete, w^eâdieââkk^
das vordere Theil inne hatten."
Die Fahrt ging langsam vorwärts, denn die
Schiffe segelten nicht gleich, so daß die schnelleren
von ihnen die Segel weniger straff anziehen muß
ten, um den langsameren Zeit zu geben, mit ihnen
zu kommen.
Dennoch war es ein großer Vortheil, daß der
Wind stark genug wehte, sie gegen die fliegende
Strömung vorwärts zu bewegen^ denn dies durch
Rudern zu erzielen würde große Anstrengung und
mehr Zeitaufwand gekostet haben.
Die Boote des Grafen sämmtlich aber waren
chneller, als die der Regierung, und nur ans Höf»
lichkeit blieb derselbe hinter tiefen zurück, obgleich
Moire wiederholt vorschlug, an ihnen vorüber zu
fahren. Dieselben vertheilten sich über die ganze
ungeheure Breite des Flusses, so daß mehrere von
ihnen in der stärksten Stiöniung fuhren, während
Moire immer derselben auswich und tn dem ruhi»
gern Wasser die Fahrzeuge des Grafen sich hinter»
einander folgen ließ.
Darum lag ihr Weg gewöhnlich dem einen oder
dem andern Ufer sehr nahe, so daß die Schiffer den
Einblick in die dunkeln Schalten der sie bedeckenden
Uciväldcr erhielten und sich an dem tausendfältigen
Blumenflor, welcher dieselben bis an die höchsten
Wipfel der Riesenbänme schmückte, erfreuen konn»
ten. Die acht dieser Wälder war den Fremd
lingen neu, und sie beachteten in der frohen Be
wn»cerunz ihrer neuen Heunath nicht die grünen
häßlichen Alligatoren, welche in großer Zahl die
schlammigen Ufer UdeckK'ii, und die unzahligen
Schlangen, welche tort ih e Köpfe zischend nach den
vorüoersahrendcn Schissen emporrichteten.
Sie sahen nur das liebliche des Bildes, freuten
sich über die Schaaren von silbcrweii-en Reihern und
purpurrolhen Flamingos, welche vor ihren Booten
ausschwebten und sich wieder ferne vor ihnen auf
dem Ufer niederließen, bis sie endlich, zu einer zahl
losen Menge versammelt, sich wie eine Wolke hoch
in die Luft erhoben, und in dem Gold der Sonne
schwärmend und kreisend, wieder zurück den Fluß
hinabzogen.
Zwischen diesen ununterbrochenen Urwäldern aber
wurden tiouvfiieeurts von Zeit zu Zeit durch den
Anblick einer Niederlassung freudig überrascht, denn
sie sahen in ihr schon ihre eigene neue Heimath im
Geiste vor sich.
Ein lästiges Hinderniß in der Fahrt waren die
unzähligen, in dem Strouie herabtreibenden Baum»
stamme, denen man ausweichen, oder die man von
den Schiffen abwehren mußte, um diese nicht von
ihnen zertrümmern zu lassen doch in jedem Boote
standen die Schiffer, mit langen Stangen bewaffnet,
bereit, dieselben damit zur Seile zu schieben.
Der Tag verstrich, die Sonne sank, der Himmel
glühte, sich feurtz in der eilenden Ftuih spiegelnd,
über dem dunkeln Urwald und daS düster des Abends
steigerte die Einsamkeit, von der die Reisenden sich
umgeben fühlten. Dieselbe that aber den Herzen
der Louvkneonrt'o wohl, sie aihmeten bei dem Ge
danken, daß sie jetzt von ver bösen Welt getrennt
waren und fern von iizr bleiben würden, freier auf,
und träumten von dem stillen ungestörten Frieden
ihres häuslichen Kreises, in welchem sie die Schick
salsstürme vergessen wollten, die so furchtbar und
zerstörend ihr ^eben «schlittert hatten.
Es war schon sehr düster, als Moire fein Boot
des stillen Wasser« wegen hart an die linke Seite
des Flusses gelenkt, hatte, wo die Riesenarme der
himmelhohen Bäume sich weit über die Fluth streck
und die Schiffer in Louvenconrt's Fahrzeug
ten,
feines höheren Mastes wegen dasselbe mehr in den
Strom hinaus steuerten, ivährenv die-RegierungS
schiffe sich an der endeten Seite des Flusses besau»
den.
Plötzlich rief Moire mit lauter Stimme den ge»
wohnlichen Mahnruf: Habt Acht ein Baum
stamm I nach dem Boote de« Grasen zurück, und
dessen Schiffer streckten schnell ihre Stangen au«,
um das gefährliche Holz zur S«ie zu bringen da
erschallte ein nicht sehr lautes, aber ängstliches
Schreien wie das eines kleinen Kindes.
Mein Gott, ein Kind 1 tiefen der Gros und des
sen Gattin fast zusammen aus, und sprangen, in
der Richtung nach dem Schreien durch das Duster
spähend, von ihren 5citz n empor.
Da kam ein ungeheurer Eichenstamm auf der dun
kein Fluty herangezogen, aus jtinet Mitte hoben
sich viele abgebrochene tiefte nahe zusammen über
ihm auf, und in Veten Mitte kauerte eine kleine
dunkle Gestalt, von welcher das angstliche Weinen
nung hinter derselben ein riesiger Alligator fich mit
dem Vordertheil auf den Baum gehoben hatte, und
feinen halbgeöffneten, furchtbaren Rachen nach ihr
hinstreckte.
Die Schiffer hatten den Baumstamm zur Seite
geschoben, und eilig trieb er an dem Boote vorüber,
al« der Graf feinen Leuten mit dringender, befeh
lender Stimme zuschrie:
Halt, halt, das ist ein Kind— haltet den Baum
stamm an!
Doch da« ungeheure Holz zog vorüber, e« war
den Männern unmöglich, dasselbe iis seinem Laufe
auszuhalten.
Rettet, rettet da« Kind, rief die Gräfin in ver»
zweifelnder Stimme, während der Graf und dessen
Bruder das Segel lösten und den Negern zuriefen,
die Ruder einzulegen und dem Baume zu folgen.
Wenige Augenblicke reichten hin, um daS Boot
zu wenden, der Strom erfaßte eS, und die Ruderer
trieben eS in fliegender Eile dem Eichenstamm nach,
welcher von der dahineilenden Fluth weiter vom
Lande entfernt wurde, so daß er den folgenden Schif
fen keine Gefahr bringen konnte.
Lazare im letzten Boote sah da« Fahrzeug feine«
Herrn mit dem Strome heranschießen, und konnte
fich den Grund dazu nicht erklären, er lenkte schnell
sein Schiff nach ihm hin, und traf fast zugleich mit
ihm bei dem Baume ein.
Rette das Kind von dem Baumstamme, stehst
Duden Alligator, Lazare? rief diesem der Gras
mit aller Macht feiner Stimme zu.
Das Segel in dem Boote de« Haushofmeister«
war gelöst, und dieses fuhr mit einem heftigen Stoß
gegen den mächtigen Baum an, doch Lazare war
schon auf denselben hinanfgefprungen, hatte daS
kleine schreiende Kind, welches fich fest zwischen den
Aesten an dieselben anklammerte, erfaßt, auf feinen
Arm gehoben, und das Ungeheuer mit einem Axt
schlag in die Flnth zurückgestürzt.
Reich mir das arme Kind, Lazare, rief ihm die
Gräfin zu, deren Boot jetzt an die andere Seite de«
Baume« anfuhr, und streckte ihre Hände nach der
Kleinen aus da nahm es der Graf von Lazare in
Empfang und legte es in die Arme feiner Gattin.
Es war ein wunderhübsches Jndianerkind, ein
Mädchen von ungefähr drei Jahren, welches fich
jetzt beruhigt an die Gräfin schmiegte und fie mit
feinen großen dunkeln ©a.ellcnaugen verwundert
anschaute.
O, Du kleiner Engel, der Himmel hat Dich mir
gesandt, sagte die Frau, das Kind liebkosend, zu
ihm, und hüllte es in ihren Schawl ein, während
ihren Augen Thränen der Erinnerung an ihr eige»
»es Kind entquellen, wie mag Deine Mutter jetzt
um Dich jammern und weinen, wie mag Deinem
Vater das Herz bluten!
Dann strich sie der Kleinen da« tieffchiearzc Haar
aus dem Gesichtchen und küßte ihren frischen zierli
chen Mund, worauf dieselbe einige unvetständli
che Worte hervonnurmelte, als wolle sie Antwort
auf die Fragen der gütigen fremden Frau geben.
Während dieser Zeit waren die Boote von de«
Baumstamme entfernt worden, ihre Segel waren
wieder aufgewogen,und bald darauf nahmen sie aber
mals ihren frühern Platz in dem Zuge fctt Schiffe
'n.
Die Dunkelheit, welche sich schnell verdichtet und
den Schiffern noch größere Vorsicht auferlegt hatte,
wurde bald durch das Aufsteigen des Mondes wie
der verjagt, und dessen taghelles Licht zeigte ihnen
ihren Weg auf der silberglänzenden weiten Fluth.
Eine Todtenstille, nur durch da« Rauschen und
'Brausen der Wogen unter den Spitze» der Schiff«
Vdatchfcai heiler»Krächzen aufgescheuchter Wofjtt»
vögcl unterbrochen, lag aus der einsamen Gegend,
doch von
Z.it
zu Zeit eriönte auch der laute Ruf Habt
Acht ein Baumstamm I durch die lautlose Nacht,
und wurde von dem Echo der Riefenwälder wieder
gegeben.
Die Gräfin hatte dem geretteten Kinde Speise
und Trank gereicht und es dann mit sich in die Ca
jiite genommen, wo sie es auf weichem Polster zur
Ruhe brachte. Der Gras aber und dessen Bruder
blieben außerhalb auf ihren Sitzen, um die Sicher»
heit der Boote zu überwachen. Doch auch sie pfleg
ten der Ruhr und wurden nur dutch den Rut, daß
ein Baumstamm im Hetanschwimmen sei, au« ih
rem Schlaf geweckt.
So verstrich die erste Nacht und der neue Tag
goß sein heiteres Licht über Wald und Strom, als
die Gräfin mit ihrem kleinen Schützlinge auf dem
Arm aus der Cajüte trat, und ihrem Gatten den
Morgengruß brachte.
Die Kteine ist so lieb und so geduldig, sie hat sich
während der ganzen Nacht nicht gerührt, sagte die
Frau mit wehmüthigem Lachein dem Kinde die
Wange sti eichenb.
Wer weiß auch, wie lange da« arme Mädchen
auf dem Baumstamme geschwommen hat, entgeg
liste der Graf und ergriff freundlich dessen Hanv
chen.
Ich glaube, es hat recht lange darauf zugebracht,
es war gestern Abend sehr hungrig und namentlich
'ehr durstig, es hat gewiß nicht gewagt, fich ans den
Arsten nach dem Wasser hinznbengen. Das arme
kleine Wesen, wären wir ihm nicht noch zu rechter
Zeit begegnet, so hätte es gewiß das Ungeheuer, der
Alligator, geiödtet, versetzte die Gräfin, und fuhr
nach kurzer Pause, während welcher sie der Kleinen
freundlich zulächelte, zu ihrem Gatten gewandt fort:
Wir müssen ihr aber einen Namen geben, ich denke,
wir nennen sie Sauvee.
Ja, das ist der passendste Name* für fie, denn
wahrlich, sie wurde vom sichern Untergänge geret
tet, versetzte der Gras, teilnehmend auf das hübsche
Kind schauend, welches seinem Blick lächelnd begeg
nete im6 fein Köpfchen in den Schooß der Gräfin
drückte.
Diese trug ihrer Dienerin Cleo nun auf, fur die
Kleine aus Baumwollenzeug, welches fie ihr gab,
ein Kleidchen anzufertigen, und dasselbe gegen daS
Lederröckchen, welches sie trug, zu vertauschen.
Es war noch sehr früh, der Nebel rollte sich noch
in leichten Wölkchen auf dem Strome und auf den
Usern unter dem erfrischten Laube der Baume und
der Wind war kühl und erquickend. Bald hier,
bald dort sah man aus dem du ikeln Grün der Wal»
der Hirsche, Büffel und einzeln auch einen Bären
aus das Ufer hervortreten, um in der dahinranfchen
feen Fluth den Morgcntrunk einzunehmen, und ver
wundert blickten die Thiere nach den vorüberziehen
den Schiffen, ans denen eS dann mit erschreckendem
Knall ihnen entgegen blitzte und eines oder mehre»
te ihr-r arglosen Gefährten durch eine Kugel zu Bo
den streckte.
Es war dies ein grausames Spiel der Sch ffer
welches der Graf den feinigen untersagt und sie oh
ne irgend einen Nutzen die Thiere nicht quälen soll
ten, doch aus den Regienuigsschiffen wurde der Zeit
vertreib fortgesetzt und es erschallte dort immer lau
ter Jubel, wenn ein Stück Wild getroffen worden
war.
Der Wind blieb günstig, er blies von Süden
heraus, der helle Mondschein gestattete es den Schis»
fern, auch während der Nächte ihre Bahn zu verfol»
gen, und so erreichten sie nach Verlans von achtTa»
gen die Mündung des rothen Flusses, in welchen
sie einbogen.
Zwei Tage spater aber verließen fie denselben
wieder, indem sie in dem schwarzen Fluß hinauf
steuerten, um nun bald zu dem Ziel ihrer Reise zv
gelangen.
Neunzehnte« Kapitel.
Di« Landung. Die Indianer. Emporblühen der Anfied.
hing.
Glücklich, ohne wettere Abenteuer, langten die
Reisenden an ihrem Bestimmungsort an. Es war
ein wundervoller, von der Natur reich gesegneter,
idvllisch schönet Pß^tz, den sie sich zu ihrer Nieter»
lassui'g wählten und mit einem Gottlob sprangen
der Gras und seine Gattin an das Ufer dieses Pa
radieses. Sofort wurden die Schiffe ausgeladen
und die Männer fällten Bäume und errichteten
DEE WESTBOTE^-
Hüt IV« Blockhütten, während die Frau
e« ihren nothwendige
sten Beschäftigungen nachgingen.
In der Nähe de« Muffe« lag ein Fort, da« vo» «v
den Spanier« zum Schutze gegen die zahlreiches
Indianer errichtet worden und der Schauplatz »ie,,
ter Kämpfe war. Die Wilden haßten die Spanief
viel mehr als die Franzosen und die Gemetzel »urk-.l
den mit der wildesten Grausamkeit geführt.
Graf Louvencourt hatte gleich in den erste« Taè
gen da« Glück, einen Häuptling der Shawnee Jnâ^
dianer, Namen« Ugahi, den die ih« ftt«Mihti§h:
Miiigoe Indianer auf den Rücken eines »ilde»
Pferdes gebunden Hatten, vom sichere« Todez« ret-D^
»t:
ten. Ein weiterer glücklicher Zufall wollte e« «och.
daß Ugahi der Vater deS gefundenen KindeS warM^
Seine Dankbarkeit gegen den Grafen und fcit@t5*v «r
sin kannte feine Grenzen. Und dieS war ei« gt04
ßes Glück für die neuen Ansiedlern, denn Ugahl
schützte fie durch seine Krieger und dutch seinen Ein«
fiilß «$ter vielen wilden Stämmen gegen große Ge
fahren.
Moire, der Halbindianer, dagegen, erwie« fich
als ein verräterischer Schuft, der blo«Freundschaft^'^
gegen den Grafen Heuchelte, um die Ansiedler desto^
sicheret den Messern der MingoeIndianer zu über-^
liefern und sich mit ihnen in die Beut« zu theilen^^
Lazare, der treue Neger, entdeckte aber den fchwar-ßLM
zen Plan und in der Nacht, al« Moire die Bvrbe-V« j?
reitungen zum Ueberfalle traf, wurde er mit feinem^
Spießgesellen von dem kräftigen Reger gepackt und£
der treue Hund Vaillant machte dem Leben de« Elen
den ein Ende.
Nun erfreute fich die junge Ansiedlung der Ruhet^^
«nd de« tiefsten Frieden« und während sie fröhlich^)
gedith, wollen wir unsere Aufmerksa«»tett tan DU*»
ne in Philadelphia zuwenden.
Z»a»zigste« Kapitel.
Großes Aufsehen. Vermuthungen. Dal Geschäft.
Duldsame Liebe. Hartherzigkeit. DerSeldlaften.—
Die erste Eesellschaft. Die Lord« och tet. Die
Betgeltung. Der Stuß. Die verlassene Braut.
In Philadelphia hatte Gatlard'«Auftreten da«,
größte, allgemeinste Aufsehen erregt, in allen Krxi-.
sen der Gesellschaft wurde von ihm geredet, in allen^
Trinkhäusern, an allen öffentlichen Orten
«t der Gegenstand de? Gesprächs, und an dttb 'j
'öitfe steckte man ungläubig die Köpfe z«s»«n
jind prophezeihte, daß fein unerklärliche«, so ur
plötzliches Reichwerden sich in eine großartige
Schwindelei auflösen würde. Doch, was konnte
alles Gerede ihm anhaben fein Baarzahlen
in Gold strafte eS täglich immer wieder Lügen.
DaS Schiffvolk de« ,9frptun* hatte fich, »ril der
selbe ausgebessert werden und darum lange nnthä
tig liegen bleiben mußte, bald nach seiner Ankunft
nach allen Weltgegenden auf andere Schiffe verdun
|Mi, und nur Capitain Brooks war in Philadelphia
zurückgeblieben, dennoch, waren von den Matrosen
während ihres kurzen Aufenthalte« in der Stadt
hin und wieder Aeußerungen gefallen, die auf die
Cuttle von Gatlard's Reichthümern hingewiesen
Hatten und die nun mehr und mehr in dem Munde
der Leute nach Muthmaßungen und Wahrscheinliche
leiten bearbeitet und geformt wurden.
Die einen sagten, daß die französische Regierung -U
in St. Domingo ihm ungeheure Summen anver-tzK^
traut habe, um fie vor »«.. Rebellen zu sichern «nd?z
daß er damit davongefahren wäre, rvJhim» u« StttkT^
gierung dort auf die Schwarzen übergegangen und^. .,'
keine Reklamation der Gelder von Gatlard möglitk,^'
sei, Andere glauben, er habe irgend einen feanzöfi«^^
scheu Nahob mit seinen Schätzen in St. Doming«^
an Bord genommen und ihn dann in Itßäifc gfflwtii®6®
faiutr Weise fftt immer verschwinden soffen, untT'
wieder Andere behaupteten, daß er in der Nähe voiWâ
Cap Hayti einen dort vergrabenen Schatz geiundeifti
und gehoben habe, mit welchem er schnell davongeè
segelt fei.
Darin kam man aber schließlich überein, daß sei»WM
Vermögen von Cap Hayti und zwar aus der Zei|r,M
des großen Massacres, welches die Schwarzen
ter den Weißen angerichtet hatten, herstamme und
daß wahrscheinlich viel Blut an demselben hängen
möchte.
Mit einer gewissen Scheu tret man Gatlard ent
gegen, wenn sein großartig eingeleitete« Geschäft
UND fein fortwährendes Baarzahlen die gefchâfttrei
bende Welt ihm auch zuführte, und ein Jeder bei
ihm eüie.i Nutzen zu erzielen suchte, denn Die allge^
meine Stimme, daß fein plötzliches Reichwetdei^.
nicht mit rechten Dingen zugegangen sei unditgenH^
etwas auftauchen könne, was iyn eben so plötzlid»^!
wieder von seiner Höht herabstürzen würde, bliept
Vorhanden. é
Gatlard'« seht intime« Verhältniß zu Capitai
Brooks, welcher bei ihm im Haufe lebte, trag au
viel dazu bei, den Verdacht, den man gegen ihn i
Bezug auf den rechtlichen Erwerb seines uuerfchöpf
lichen Reichthums hegte, zu unterhalten, und malt
bezeichnete den Capitän als seinen Mitschuldigen.
Gatlard aber lachte aller Gerüchte und schritt un«
bekümmert seinem Ziel, der angesehenste höchstste
hende Mann in Philadelphia zu werden, entgegen.
Et hatte unweit seines Wohngebäudes ein zwei
tes großes Haus gekauft und dasselbe zu feinem Ge
schästslokal eingerichtet, er hatte mehrere Schisse
gekauft und sie unter feiner Privatflagge nach West
inbien expeditt und et hatte mit allen Welttheile»
Geschäftsverbindungen angeknüpft. m.
Dabei benutzte er jede Gelegenheit, um fein Vet
mögen so bald als möglich sicher anzulegen, damiff^
er es nicht mehr in seineniKeller zu bewachen brauchte1*M
und hierzu hatte et auch unter andern einen Wei^:
eingeschlagen, auf dem et bedeutenden Nutzen z«
erzielen hoffte.
Weit und breit um die noch nicht so bedeutende
Stadt war das Land wüst und öde und hatte n«Ein
seht geringen Werth, und Gatlard kaufte meilen*
weit im Umkreise allen Grund und Boden, den ei""'
für Geld erhalten konnte. Aber auch in der Stat|t
seiest kaufte er öde Plätze, wo man sie ihm für eti»,.
nen billigen Preis anstellte und namentlich hatte
am Fluß ein bedeutendes Stück des Ufer« an fiA
gebracht, wo er eine Werfte bauen wollte.
So stand es mit der öffentlichen Meinung übW^'
Gatlard und mit seinen VermögenSangelegenheiteiH
doch noch viel mehr als diese hatten sich seine Ver»
hältnisse-zii der Astoischen Familie geändert.
Seine Besuche bei Aglaja und deren Mutter w
reu immer seltener und sein Benehmen gegen
immer kältet geworden, ohn« daß er bis aus den ILu»
geublick den Muth gehabt hätte, vollständig mit ih
nen zu brechen.
Immer noch ging er von Zeit zu Zeit Abend«
ihnen und hoffte bei jedem Besuche, daß sie ihm e|t
ne Ursache geben möchten, alle ferneren BeziehmW
gn zu ihnen auszuheben.
Aglaja aber hatte kein« Vorwürfe, kein Hertel
Wort für ihn, sie hatte nur Liebe und Thränen.
Da« Herz ihrer Mutter aber war mit tiefst
Verachtung und mit bitterstem Haß gegen Galiar]
gefüllt, doch sie hielt es verschlossen, um sich i
Kind zu erhallen. Und dennoch sah fie e« Tag si^
Tag, wie Aglaja bleichet, wie fie hinfälliger wuidfc
wie der Gram ihr an Körper und Seele nagte, wen*
fit auch nur lächelnd vor igt erschien, um ihr Ttoß5
Über sich selbst einzuflößen.
Ach, ihr Lächeln war da« eine« Enges«, bet baW
die irdische Hülle verlassen wollte» und mit diese»
Lächeln drängte sie jedes Wort gegen Gatlard eoe
de« Lippe« ihrer Mutter zurück.
(Fortsetzung folg».)
Grave! Der frühere Schutzmacher und jetzige
Wirth, Tony Niederwiesa in St. Louis, der neben«
bei Er-Stadtrathömitglied isthatdendeutfch-patri»
otifcheii Hilföfond auf folgende Weise um $100 bt
reichert: Der Staatssekretär von Missouri, Rod
mann, bot Hrn. Niedttwiefer $100, wenn et ih«
ein Paar Stiefel eigenhändig, in feiner (Niederwie
fet'e) Wirthschaft machen wolle. Dieser ging da
rauf ein obschon er feit Jahrzehnten sein Handiteit
nicht betriebe» hatte, brachte et em tadelloses Paar
Stiefel zitrechi (seine Gäste sahen ihm dabei zu),
nahm die $100 dafür in Empfang und .«fee**»
diese dem deutsch-patriotischen HilsSsond.
jtir
1
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Eo lumbus, iv., Donnerstag, 15 December 187 O,
I I i A I E E
PUBLISHERS.
Two dollari per year, invariably w

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