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Der westbote. [volume] (Columbus, Ohio) 1872-1918, January 17, 1884, Image 1

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8wei D»S«i^ per Jshr, in LsravSbezahkmz.
Zahrgang 41.
Roman im Detle« ». Gen er«»
(Fortsetzung.)
Der Fremde ließ seine stechenden Blicke
forschmv umherschweifen, schnell und
fvyet mußte er erkannt haben, daß der
Tisch, an welchem der Bürgermeister saß,
der vornehmste Platz in dem Gastzimmer
fei— er ging dorthin und nahm grüßend
sempk Hut ab, je mehr er aber in den
LichSms der Kerzen trat, um n, mehr
bemerkte man, daß er einen Fuß beim
Gehen etwaS nachzog, und als er sein
Haupt entbGtzte, sah man, daß die auf
gedrehten Seitenlocken seiner militäri
schen Perrücke neben der Stirn auffallend
hoèevWvrstanden.
Die
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Bürger an den verschiedenen Ti-
schen
sprangen nun entsetzt auf und wichen,
sich aneinader drängend, 6t6 zur Wand
zurück.
Meister Lorenz schlug ganz zitternd ein
5dreuz und flüsterte ein Stoßgebet vor
sich hin.
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sicht
strenge und würdevolle Ge­
des
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Bürgermeisters und auch Herrn
Ladings ruhlge und gleichgültige Züge
nahmen den Ausdruck eines plötzlichen
Schreckens an, der Hauptmann Könnek
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aber fuhr entsetzt von seinem Stuhle
auf, da er unmittelbar vor sich die so
tnuabetfam
mit der Beschreibung des
Bottor Bisanz übereinstimmende Erschei
ituttg erblickte, und streckte zurückweichend
fem spanisches Rohr vor sich aus, indem
er
rief
„Zurück in des Dreiteufels Namen
ich bitte um Entschuldigung—im Namen
aller Heiligen und aller guten Geister!"
Der Fremde blickte ganz erstaunt über
diesen seltsamen Empfang umher die
«Mgemeine Furcht, welche er einflößte,
schien ihn indeß mehr zu belustigen, als
zu kränken er lächelte noch spöttischer
als vorher, sprach aber mit verbindli
cher Artigkeit, indent er ganz dicht an
den Tisch herantrat, von welchem der
Bürgermeister auf der andern Seite
ein wenig abzurücken sich nicht enthalten
kmmte:
„Ei, meine Herren, ist denn ein Frem
der
hier in der berühmten fürstbischöfli
chen Residenzstadt Etwas so Ungewohn
teS, daß die gan^e verehrte Gesellschaft
vor
mir rote vor emem bösen Geist zurück
weicht?
„Und doch, bin ich kein Fremder," fuhr
er fort, während der Bürgermeister sich
Werst wieder faßte und mit einem würde
vollen Kopfnicken den an ihn gerichteten
Gruß des Unbekannten erwiderte, „denn
ich komme hierher, um in dieser Stadt
eine Heimath zu finden, und wie ich hoffe,
auch Freunde.
„Die werthen Herren alle hier sind
mit noch unbekannt, aber dort sehe ich
eben Kameraden, wie seine Uniform
mir zeigt, ihm erlaube ich mir daher mich
vorzustellen," fuhr er fort, indem er in
militärischer Haltung zwar artig, aber
doch selbstbewußt und fast hochnmthig
zu dem Hauptmann Könnecker herantrat,
welcher zwar die Spitze seines spani
schen Rohrs zu Boden senkte, aber doch
einen Stuhl zwischen sich und den Frem
den zog.
„Ich bin," sprach dieser, dessen Au
genbrauen sich unmuthig zusammenzuzie
hen begannen, „der Major von Brandt,
von Seiner Fürstlichen Gnaden, dem
hochwürdigsten Bischof, hierher berufen,
um das Kommando seiner Leibgarde zu
übernehmen."
„Nach Ihrer Uniform, mein Herr, muß
ich annehmen, einen der Offiziere dieses
jtorpS vor mir zu sehen, und ich bitte Sie
daher, mich mit den übrigen Herren be
sannt zu machen."
Der Hauptmann starrte den Fremden
sprachlos an alle die zornigen Flüche,
welche sonst von seinen Lippen zu er
klingen pflegten, schienen sich jetzt in
den feindlich drohenden Blicken seiner
weit ausgerissenen Augen zusammenzu
ziehen, und aus seiner Miene konnte
man schließen, daß es ihm vielleicht doch
noch lieber gewesen wäre, den BeHerr
scher des höllischen Abgrundes vor sich
zu sehen, als diesen verhaßten Fremden,
welcher ihm den so lange geführten
Kommandostab aus der Hand- nehmen
sollte.
Er richtete sich stramm militärisch auf
und sprach mit einer Stimme, welche
dumpf und heiser zwischen seinen zusam
mengepreßten Zähnen hervordrang:
„Habe die, Ehre den Herrn Major zu
begrüßen ich bin der Hauptmann Kön
necker, habe bisher die Kompagnie Sei
ner Fürstlichen Gnaden geführt und hoffe,
der Herr Major dieselbe in muster
er Ordnung finden werde."
)et Major musterte einen Augen
blick mit fast spöttisch prüfender Auf
merksamkeit die Gestalt des Hauptmanns,
dann aber reichte er ihm die Hand und
sagte mit einer Miene offener Herzlich
fett:
„Welch ein Glück für mich, daß ich so
gleich bei meinem ersten Ausgange hier
emem so trefflichen Kameraden begegne,
von dem ich schon so viel gehört und von
dem ich noch mehr zu lernen haben
werde."
Das Gesicht des Herm Könnecker klärte
sich merklich auf—er erwiderte den Hän
dedruck seines neuen Vorgesetzten und
mochte denselben dann mit dem Bürger
meister, dem Rathsherrn Löding und dem
Doktor Bisanz bekannt, während die üb
rigen Bürger neugierig den Fremden be
trachteten, der bestimmt war, eine so be
deutende Rolle in dem engen Kreise des
städtischen Lebens zu spielen.
Nachdem zwischen den Herren einige
höfliche Worte gewechselt waren, bet de
nen der Bürgermeister eine vorsichtig
diplomatische Reserve beobachtete, sagte
der
Herr von Brandt lachend:
Aber um Gottes Willen, meine Her
ren! was in aller Welt habe ich denn so
Fürchterliches an mir, daß die ganze Ge
sellschaft hier bei meinem Eintritt ausein
anderstob, wie vor einem Gespenst oder
vor einem reißenden Th'.er?"
Verlegen blickte der Bürgermeister zu
0oden der Hauptmann Könnecker
räusperte sich, nach einer Antwort su
ckend, der Doktor Bisanz aber sagte lä
Zelnd: ,r
Ich könnte das wohl erklären, wenn
es "der Herr Major nicht übel nehmen
will"
Uebel nehmen? Zum Teufel!" er
widerte der Major von Brandt, „nimmt
man Etwas übel bei einem Glase so vor
trefflichen Weins, wie ihn die berühmte
Domschenke hier in ihren Kellern führt?
Also heraus damit,was ist es? Welch ein
böses Zeichen trage ich hier an meiner
Stirn?"
Die Bürger blickten bei diesen Wor
tot immer noch leise schaudernd auf die
hoch auftoupirten Seitenlocken des neuen
Generalissimus der Hildesheimischen Ar
mee.
Doktor Bisanz aber sagte:
Die Herren hier baten muh, tönen
eine alte Sage zu erzählen, wie der Teu
fel vor Zeiten hier in der Domschenke er
schienen sei—ich war heute in der Abend
dämmerung auf den Wällen der Stadt
spazieren gegangen und hatte dort tote
Ehre, dem Herrn Major zu begegnen,
dm ich nicht kannte und-für einen durch
reisenden Fremden hielt es ist ja be
tarnt, daß die Herren Kriegsleute etwas
"Weitsches in ihrer Erscheinung haben,
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mich
man
son, wie es der Teufel ist, zum Modell
genommen. Jedenfalls sehe ich dann
nicht aus, wie alle Welt, und das ist im
nter Etwas, und wenn ich," fügte er mit
eigenthümlich aufblitzenden Blicken hin
zu, „ein wenig von dem Geiste der
Dämonen in mir habe, so hat das nichts
zu sagen, denn ich stehe ja jetzt im
Dienste eines erhabenen Fürsten der
Kirche, welcher mächtiger ist als der Teu
fe!."
Er begann nun heiter und ungezwun
gen zu sprechen, aber trotzdem wollte die
Unterhaltung nicht recht in Fluß kommen,
da sowohl der Hauptmann Könnecker, als
der Bürgermeister un.d Herr Löding zu
seht mit ihren eigetmt Gedanken beschäf
tigt schienen.
„Ihr sprächet vorhin," sagte endlich
der Bürgermeister, wie um eine Pause
des Gesprächs auszufüllen, „mein lieber
Doktor Bisanz, von jener Holzsäule, wel
che der Teufel, als er zum Dach der
Domschenke hinausfuhr, in so wunderba
rer Weise zusammengedreht habe—ist das
auch ein Tpiel Eurer Phantasie gewesen,
oder befindet sich wirklich ein solches
Wahrzeichen im Hause? Ich habe darauf
nicht geachtet."
„Doch, Herr Bürgermeister, doch,"
rief Meister Lorenz herantretend und sein
Käppchen lüftend „der gewundene
Holzpfosten steht draußen auf dem Flur
und trägt den ^reppenbau des oberen
Stocks."
„Ich habe mich oft schon gewundert,
wie es möglich gewesen, ihn in diese
merkwürdige Schraubenform zu drehen,
aber das," fuhr er bekreuzend fort, „ist
mir niemals in den Sinn gekommen,
daß dec Gottseibeiuns darauf hinauSge
fahren sei—fast möchte ich nun den Pfo
steit abreißen lassen, damit ich nicht ein
Denkmal solch höllischen Spuks im Hause
habe."
„Das ist ja merkwürdig," sagte Herr
von Brandt. „Ich liebe solche alten
Wahrzeichen, zeigt mir das Ding, viel
leicht laßt sich erkennen, was damit vor
gegangen."
„Ja," sagte der Bürgermeister, „lasst
uns sehen, was es damit ist, damit
nicht übles Gerücht an Eurem Hause
hafte."
„Die werthen Herren können sich so
gleich überzeugen," sagte Meister Lorenz
diensteifrig, indem er eine der auf dem
Tisch stehenden Kerzen ergriff—„der Pfo
sten steht nahe der Thür in einer Ecke des
Flurs."
Der Bürgermeister mit den Gästen
seines Tisches folgte dem voranschrei
tenden Wirth die Bürger von den
übrigen Tischen schloffen sich neugierig
an.
Meister Lorenz öffnete die Thür, trat,
die brennende Kerze emporhaltend, über
die Schwelle, nnd der dunkle Flur wurde
plötzlich hell erleuchtet.
In der That sah man in einiger Ent
fernung, der Thür gegenüber, die gewun
Bette Säule, aber zugleich zeigte sich ein
anderes unerwartetes Schauspiel, bei
welchem Meister Lorenz, der gestrenge
Herr Bürgermeister und der Rathsherr
Löding fast gleichmäßig eilten Ausruf
des höchsten Erstaunens vernehmen lie
ßen. Unter der gewundenen Säule, ge
gen welche der Wirth seine Kerze erhob,
erblickte man den jungen Herrn Johan
nes Löding, welcher die schöne Lisbeth in
seinen Armen hielt und ihre rosigen Lip
pen so zärtlich und inbrünstig küßte, als
sei dieser gewundene Hol^pfosten, unter
welchem er stand, nicht emFVahrzeichen
des Haß und Feindschaft säenden Dä
mons, sondern eine Tempelsäule des
Götter und Menschen beherrschenden Lie
besgottes.
Johannes hatte sein geliebtes Mädchen,
nachdem die Beiden noch eine Zeitlang
unter den Bäumen des Domhofes auf
und nieder gegangen waren, endlich heim
geführt, aber ehe sie sich trennten, hatte
er auf dem dunklen, lauschigen Flur
noch einmal den Schwur seiner Liebe
und das Versprechen, am nächsten Tage
bei seinem Vater Alles in's Reine zu
bringen, wiederholt und von ihren hol
den Lippen den süßesten Abschiedstrost
für die Trennung bis zum nächsten Tage
empfangen.
Als plötzlich das helle Licht den eben
noch so dunklen Flur erhellte und die
zahlreiche Gesellschaft auf der Schwelle
des Gastzimmers erschien, standen die
beiden jjtmgen Leute wie versteinert ba
ste hielten sich immer noch fest umschlun
gen.
Lisbeth schmiegte sich zitternd an ihren
Geliebten, als suche sie Schutz bei dem
selben, und Beide starrten die so plötz
lieh vor thnen stehenden Zuschauer sprach
los an.
„Ei, ei, mein werther Herr Löding,"
sagte der Bürgermeister, indem feine
Augenbrauen sich finster zusammenzogen,
„das habt Ihr wohl nicht vermuthet, als
wir eben noch über Euren Herrn Sohn
sprachen und Ihr mir so manche Gedan
ken und Wünsche über seine Zuknnst aus
drücktet."
„Lisbeth, Lisbeth!" rief Meister Lo
renz ganz entsetzt, „was soll ich sagen?
Achtest Du so meinen ehrlichen Namen
und das Andenken Deiner frommen Mut
ter
Herr Löding aber, welcher am Läng
sten Zeit bedurft hatte, um sich zu fassen,
eilte mit drohend erhobener Hand, bleich
wie der Tod, auf seinen Sohn zu und
rief:
„Ungerathenes, gottvergessenes Kind,
ich habe immer Nachsicht gehabt mit Dei
nem Leichtsinn und Uebermuth, aber dieß
geht zu weit. Du sollst lernen, daß un
sere Stadt nicht der Ort ist für die locke
ren Sitten der Herren Studenten von
Helmstädt."
Der Major von Brandt hatte neugie
rig und ganz vergnügt lächelnd die bei
den jungen Leute betrachtet—feurig blitz
ten seine Augen beim Anblick des schö
lten jungen Mädchens auf, das in seiner
angstvollen Verwirrung überaus reizend
erschien.
„Ruhe, Ruhe, ihr Herren!" sagte er,
„das warme, junge Blut findet sich über
all in der Welt zusammen, das ist nichts
Neues und wird auch niemals in der
Welt etwas Altes werden macht nicht
so viel Aufhebens von einem harmlosen
Liebesspiel."
„Harmlos?" rief Herr Löding. „Wenn
mein Sohn ehrsamen Bürgerstöchtern
den Kopf verdreht, die," fügte er mit ei
nem drohenden Seitenblick auf Meister
Lorenz hinzu, „auch besser thäten, auf
ihrer Kammer zu bleiben, als den leicht
fertigen Worten eines jungen Fants zu
zuhören."
Er ergriff den Arm feines Sohnes und
wollte ihn von Lisbeth fortziehen, dieser
aber umschlang das junge Mädchen fe
ster, doch das Haupt erhebend und mit
stolz leuchtenden Blicken trat er vor und
sprach:
„Fürchte Dich nicht, Lisbeth, und Du,
mein Vater und ihr Herren Alle, haltet
ein mit euren Vorwürfen, denn was hier
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und da ich mir in meiner eigenen Einbil
dungskraft nicht zutraute, den Teufel
richtig zu beschreiben, so beschrieb ich
ich bitte deßhalb um Verzeihung dëtt
Herrn Major, von dem ich nicht glaubte,
daß die Herren hier ihn jemals würden
zu Gesicht bekommen."
„Ha, ha, ha," lachte der Major, wäh
rend der Hauptmann Könnecker ganz wü
thend über diese Mystifikation den klei
nen Doktor ansah.
..Das ist vortrefflich, und ich kann
wahrlich nicht beklagen, wenn
mich für eine so bedeutende Per­
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der Zufall so plötzlich entdeckt, sollte mor
gen vor aller Welt klar werden. Ich
bin nicht hierhergekommen, um ein ehr
sames und tugendhaftes Mädchen mit
leichtfertigen Worten zu bethören, ich
liebe meine Lisbeth und bin nicht geson
nen, meine Liebe länger im Dunkeln zu
verbergen, morgen wollte ich Dir sagen,
mein Vater, daß meiner Lisbeth mein
Herz gehört für das ganze Leben, daß ich
entschlossen bin, ihr meine Hand zu rei
chen zum heiligen Bunde und daß ich sie
Dir zuführen will als meine holde und
tugendfame Hausfrau, und Euch, Meister
Lorenz, bitte ich hier vor dem Herrn
Bürgermeister und allen Anwesenden,
daß Ihr mir die Hand Eurer Tochter,
die mir ihr Herz geschenkt, gewähren
wollt."
Auch Lisbeth hatte bei den mannhaf
ten, mit lauter, fester Stimme gesproche
nen Worten des schönen, so kühn und
trotzig dastehenden Jünglings ihre Fas
sung wiedergewonnen, auch sie blickte
muthig und stolz, an den Arm des Ge
liebten gelehnt, auf die Gesellschaft hin
und streckte bittend die Hand nach ihrem
Vater aus, dessen Züge sich zu freundli
chem Lächeln aufhellten, denn er hatte ja
nun seiner Tochter keinen Vorwurf mehr
zu machen, und der junge Löding war
eine Partie, welche kaum irgend eine der
Töchter von den ältesten Md vornehm
sten Geschlechtern der Stadt zurückgewie
sen hätte.
Der alte Löding aber erhob drohend
feine Faust gegen seinen Sohn.
„Vermessener Knabe!" rief er, „weil
ich zu nachsichtig gewesen bin und Deinen
Uebermuth geduldet habe, glaubst Du
jetzt ohne Deinen Vater über Dein Le
ben und Deine Zukunft verfügen zu kön
nen, ohne zu fragen, was ich über Dich
bestimmt habe?"
„Her zu mir! laß das Mädchen los,
denn niemals werde tch Deinen thörich
ten Wunsch erfüllen! Achtest Du so
wenig Deines Vaters Namen und Stel
lung, daß Du die Tochter des Schenk
wirts in mein Haus als Gattin zu füh
ren denkst?"
„Ihr habt Recht, Herr Löding," sagte
der Bürgermeister streng. „Wahret Eure
väterliche Würde, die der junge Mann so
ganz vergessen hat."
Johannes hielt immer noch Lisbeth
umschlungen, feine Blicke verfinsterten
sich, die Röche des Zorns färbte sein Ge
sicht.
„Bedenkt Eure Worte, mein Vater,"
rief er. „Wer kann einen Vorwurf ge
gen meine Lisbeth erheben Wo ist das
Haus in unserer Stadt, dem sie nicht als
Hausfrau zur Ehre gereichte?"
„Schweig!" rief der alte Löding im
nter heftiger. „Die Schwelle memes
Hauses wird sie niemals überschreiten—
sie, die sich nicht scheut, mit einem jungen
Fant im nächtlichen Dunkel zu kosen—
und was sie mit Dir gethan, kann sie
auch mit Anderen—"
Er vollendete nicht, denn wie der Blitz
war sein Sohn auf ihn zugesprungen,
hielt ihm die Hand vor den Mund und
rief:
„Schweiget, Vater,—um Gottes Wil
len sprecht kein Wort, das uns auf ewig
scheiden würde!"
Meister Lorenz aber trat vor und er
griff die Hand seiner Tochter—sein sonst
so freundliches und gutmüthiges Gesicht
bebte in zorniger Erregung.
„Herr Löding," sagte er schwer ath
mend, „Euer Sohn hat Unrecht gethan,
daß er hinter meinem und Eurem Rücken
meiner Tochter von der Liebe gesprochen,
ihm aber kann ich keinen Vorwurf ma
chen, da er so treu und ehrenfest sein Un
recht gut machen will, was habt Ihr
gegen meine Tochter einzuwenden? Wa
ren Eure Eltern nicht ebenso kleine Bür
ger, vielleicht noch kleiner als die meini
gen Ihr habt viel Geld und Gut er
worben, das ist wahr, und Ihr habt
Eure Stelle im Rath, aber," fuhr er mit
stolzem Selbstbewußtsein fort, „auch
mein Geschäft hat Gott gesegnet, und
wahrlich nicht als Bettlerin würde meine
Tochter in Euer Haus kommen, und nicht
um Eures Geldes Willen, das bin ich
gewiß, hat sie Eurem Sohn ihr Herz zu
gewendet.
Der alte Löding bebte vor Wuth,
seine sonst so zurückhaltende und ver
schioffene Natur war von dem Zorn
über dies plötzliche und unerwartete Hin
derniß, das sich feinen ehrgeizigen Hoff
nungen entgegenstellte, um so tiefer er
schüttert.
„Schweigt!" rief er, „es möchte Euch
wohl gefallen. Eure Tochter in mein
Haus einziehen und unter den ersten
Bürgerfrauen einhertreten zu sehen, aber
niemals, niemals wird das geschehen!
Sperrt sie in ihre Kammer und lehrt
sie Zucht und Sitte, sucht unter Eures
gleichen ihr einen Mann —meines Soh
nes Hand wird sie niemals erhatten
und sollte ich ihn hinausstoßen die
Welt."
„Oho, Herr Löding," rief Meister Lo
renz, „sprecht Ihr aus dem Ton? Nun
denn, ich Haltelnein Kind ^zu schlecht für
Niemand—jetzt sage auch tch Euch: Nie
mals, niemals wird sie Eurem Sohn die
Hand reichen, und wenn er sie aus seinen
Knieen erbittet!
„Fort. Lisbeth, fort auf Deine Kam
mer Sei ruhig, Du hast es nicht nö
thig, demüthig um die Aufnahme in das
Haus eines Mannes zu bitten, dessen
Eltern noch kaum den meinen gleichstan
den und der nichts weiter hat als fein
elendes Geld, von dem Gott allein weiß,
ob es so ehrlich erworben ist, als das
meinige."
„Ruhig, Meister Lorenz!" sagte der
Bürgermeister würdevoll, während die
Uebrigen Alle verlegen umherstanden,
„ereifert Euch nicht, die Sache wird sich
ja in Güte erledigen lassen, es ist eine
Thorheit der jungen Leute, die man ver
gessen muß."
„Es ist keine Thorheit, Herr Bürger
meist er," sagte Johannes laut und feier
lich. „So höre auch meinen Schwur,
mein Vater: Niemals werde ich von mei
ner Lisbeth lassen. Du hast nicht das
Recht und hast nicht die Macht, mich von
ihr ,zu trennen, und wenn Du es verant
worten kannst vor Gott und Deinem Ge
wissen, mich zu verstoßen weil ich mein
Herz einem edlen und tugendhaften Mäd
chen zugewendet, so werde ich allein in der
Welt meinen Weg suchen, ich werde käm
pfen für meine Liebe und ihren Preis er
ringen, Dir und aller Welt zum Trotz, und
Gott, der die treue und reine Liebe be
schützt, wird mir beistehen!"
„Fort aus meinen Augen, Verwege
ner rief der alte Löding, die geballte
Faust erhebend.
Meister Lorenz aber ergriff die Hand
seiner Tochter und sprach mit zornerstick
ter Stimme:
„Geh auf Deine Kammer, mein Kind
—es ziemt Dir nicht, diese Reden weiter
anzuhören. Dein Vater wird der Welt
beweisen, daß Du ebensoviel werth bist,
als jede Andere."
„Gehorche Deinem Vater, Lisbeth,"
sagte Johannes, indem er die Hand des
Mädchens ergriff. „Es ist anders ge
kommen, als wir gehofft, aber die Sterne
Gottes, vor denen wir uns Liebe und
Treue geschworen,. stehen unwandelbar
ant Himmel meine Liebe ist Dein für
alle Zeit, und sollte es ihnen gelingen,
uns voneinander zu reißen, so wird nie
ein Weib ihre Hand in die meine legen
meines Vaters Haus soll einsam zer
fallen und mein Name soll erlöschen, wenn
ich nicht
mit Dir und nicht für Dich leben
kann
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Er drückte sie noch einmal in seine
Arme, küßte sie inbrünstig auf den Mund
und führte sie dann zu der hölzernen
Treppe, welche sie schluchzend, das Ge
sicht mit den Händen bedeckend, hinauf
stieg.
Johannes aber ging festen Schrittes
hinaus und verschwand im Dunkel des
Abends.
„Kehrt heim, mein werther Freund,"
sagte der Bürgermeister zu Herrn Löding
„laßt die Nacht Rath bringen es ist
hier schon zu viel über diese Sache ge
sprechen—morgen wollen wir sehen, was
zu thun ist."
Er kehrte in das Gastzimmer zurück,
nahm seinen Hut und sein Rohr und
führte den alten Löding, der in sprachlo
sem Zorn bebte, fort, um ihn zu kluger
Vorsicht zu mahnen, welche ja doch bald
über den thörichten Jugendmuth des
jungen Mannes den Sieg davontragen
müßte.
Schweigend entfernten sich die übrigen
Gäste, um ihren Frauen daheim die wun
derbare Mär zu erzählen von dem, was
sich an diesem Abend in der Domschenke
zugetragen, und leise schaudernd meinte
Mancher der ehrsamen Bürger, daß es
doch '.rohl mit de? Geschichte, welche der
Doktor Bisanz erzählt, feine Richtigkeit
haben müsse, da gerade unter der- Teu
selssäule so unheilvolle Verwirrungen
entstanden seien.
Der Major von Brandt aber blieb al
lein in dem Gastzimmer er trank noch
eine Flasche Aßmannshäuser und sprach
freundlich und ruhig mit dem tief erbit
terten Meister Lorenz.
Er lobte es, daß der Alte so stolz und
selbstbewußt dem übermüthigen Rachs
herrn geantwortet, er sagte ihm, daß er
ja für seine Tochter Männer genug fin
den könne, die noch aus ganz andern
Thon gemacht wären, als der junge Lö
ding, er wußte auch den Alten immer ge
sprächiger zu machen, und bald hatte er
ganz genau erfahren, welche schöne Summe
der Wirth der Domfchenke aus seinem
Geschäft erübrigt, daß diese sich mit je
dem Jahre ansehnlich vermehre und daß
die Mitgift seiner Tochter wohl groß ge
nug sei, um manchen vornehmen Herrn
amulocken.
Wie der Bürgermeister es mit dem al
ten Löding gethan, so ermahnte auch Herr
von Brandt den Meister Lorenz zu kluger
Vorsicht, die alles gut machen würde, und
als er ihn endlich verließ, schüttelte er
ihm noch einmal kräftig die Hand und
versicherte ihn, daß er auf seinen Beistand
rechnen dürfe.
viertes
Die Nacht, welche auf diesen Abend
folgte, der so viel erschütternde Bewe
gung in die sonst so stille Domschenke ge
bracht hatte, verlief für Alle, welche der
verhängnißvolle Zufall in dem alten
Hause über den Kellern des Domkapitels
zusammengeführt hatte, in unruhiger
Schlaflosigkeit.
Der junge Johan tes Löding und die
schöne Lisbeth war betäubt von dem
plötzlichen Schlage, welcher sie aus den
sonnigen Höhen ihrer glücklichen Hoff
nungen so plötzlich herabgeschleudert hatte,
doch wahrend das junge Mädchen ihre
Klssen mit Thränen benetzte und kaum
einen Ausweg aus all' dem Jammer, der
so plötzlich über sie hereingebrochen war,
^u erdenken vermochte, spannte Johannes
im trotzigen Muth feine Willenskraft und
all' sein Denken und Sinnen an, um in
diesem ersten, schweren Kampfe feines
Lebens Sieger zu bleiben, und er konnte,
da er bis jetzt immer von freundlichem
Glück umgeben gewesen war und von
feiner Kindheit an alle feine Wünsche
erfüllt gesehen hatte, nicht daran glau
ben, daß nun zum ersten Mal, da er mit
seiner ganzen Seele ein Glück erstrebte,
gerade jetzt ein feindliches Schicksal
seine sehnsüchtigen Wünsche durchkreuzen
sollte.
Der alte Löding war von all' dem wil
den Zorn bewegt, der stille, in sich selbst
zurückgedrängte Naturen zu erschüttern
pflegt, wenn sie einmal ganz unerwartet
in ihren sonst stets zutreffenden und sicher
zum Ziele führenden Berechnungen Wi
derstand finden.
Er hatte die bittere Demüthigung,
welche ihm zuweilen wegen feiner ntedri
gen Abstammung widerfuhr und welche
ihn zuweilen selbst Diejenigen fühlen lie
ßen, die fernem Einfluß und der Macht
seines Reichthums im Uebrigen sich beug
ten, still verschluckt, aber um so bitterer
empfunden.
Die Familienverbindung mit dem Bür
germeister, der zu den ersten und ältesten
Geschlechtern der Stadc gehörte, mußte
allen solchen schmerzhaft empfindlichen
Demüthigungen ein- für allemal ein
Ende machen und seine Familie zu dem
ersten Range emporheben.
Um so tiefet war er erbittert darüber,
daß sein Sohn es wagte, um einer thö
richten Liebeständelei Willen seine Pläne
zu durchkremen, und er nahm sich fest vor,
den jungen Menschen diesmal seine volle
Autorität fühlen zu lassen und ihn zum
Gehorsam zu zwingen.
Auch der Bürgermeister Bernhard Gö
decke ging noch lange unruhig, von sorgen
vollen Gedanken bewegt in seiner Kam
mer auf und nieder nicht allein um
Herrn Lödings Einfluß in der Bürger
schaft für den Widerstand gegen die bi
schöfliche Regierung zu gewinnen, hatte
er eine nähere Verbindung mit dem rei
chen und viel vermögenden Rathsherrn
gesucht, den er bisher stets mit hochmüti
ger Kälte behandelte.
Herr Bernhard Gödecke war ebenfalls
ein reichet Mann, er hatte in seiner Ju
gend Reisen gemacht und das Leben in
den großen Handelsstädten der alten
Hansa kennen gelernt und, um seinen
Reichthum zu wirklich großartigen, Alles
überragenden Höhen zu bringen, hatte er
die alte bürgerliche Wirthschaftsart, welche
sich aus Grundbesitz und Gewerbe stützte,
verlassen und den größten Theil seines
Vermögens bei ausgedehnten Unterneh
mungen betheiligt, zu denen ihm seine
Freunde in Bremen und Lübeck Gelegen
heit gaben.
Er träumte davon, sich den mächtigen
Hanbeieherren jener Städte gleich zu
fürstlichem Reichthum zu erheben und
dann an der Spitze der Hildesheimischen
Bürgerschaft eine der fürstlichen Regie
rung ebenbürtige Macht zu bilden und
auch im Reich den Fuggern gleich zu ho
hen Ehren emporzusteigen.
Er hatte seine einzige Tochter in
Braunschweig wie ein Edelsräulein er
ziehen lassen, und es mochte wohl seinen
geheimen Gedanken die Möglichkeit vor
geschwebt haben, daß sein einziges Kind,
da ihm der Himmel einen Sohn versagt
und seine Frau schon seit mehreren Iah
ren gestorben war, einst einem Edelmann
ihre Hand reichen und so seinen Namen
und sein Blut, aus seinen großen Besitz
gestützt, zu den freiherrlichen oder gräfli
chen Geschlechtern des Reiches emporhe
ben möchte.
Die junge Gertrud Gödecke war auch
viel umschwärmt von den jungen, schö
nen und glänzenden Kavalieren des her
geglichen Hofes in Braunschweig, und
der Bürgermeister hatte zuweilen wohl
Andeutungen fallen lassen über stolze und
glänzende Verbindungen, dann aber war
die schone Gertrud ganz plojich wieder
in das väterliche Haus zurückgekehrt, in
Manieren, Kleidung und Wesen ganz ei
ner vornehmen Dame gleich, aber von
einer
Verbindung war nicht vie Rede ge
wesen.
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Columbus, Ohio, Donnerstag, den 17. Januar 1884
Der Bürgermeister hat nur beiläufig
in gleichgültigen Worten die Rückkehr
seiner Tochter und ihre vollendeten Er
ziehung erwähnt, wohl aber waren al
lerlei dunkle Gerüchte herübergedrungen,
daß in der That ein junger und glän
zender Kavalier von hoch vornehmem Na
men sich eifrig um sie bewarben, daß er
aber, nachdem das junge eitle Mäd
chen ihm ihre Liebe und Gunst geschenkt,
sie unter dem Votwande verlassen babe,
daß seine Familie niemals eine nicht
ebenbürtige Verbindung fi& ihn zugeben
werde.
Man erfuhr indeß so? recht nicht,
wie dies wohl um diese Gerüchte stän
de und was an den Geschichten wahr
sei, welche man sich im Stillen zuflü
sterte.
Man grüßte die Tochter vdes Bürger
meisters, wo sie erschien, höflich und
ehrerbietig, wie es dem Rang ihres
Vaters gebührte, aber keiner, der jungen
Bürgerföhne näherte sich ihr keiner
versuchte die hochmüthige Zurückhal
tung, welche sie in ihrem Benehmen
zur Schau trug, zu überwinden und um
ihre Liebe zu werben, welche nach den
im Dunkeln schleichenden fruchten, be
reits dem Uebermuth' eines jungen Hof
kavaliers zum leichtfertigen Spiel gedient
hatte.
Zugleich aber waren auch die ehrgei
zigen Hoffnungen des Herrn Bernhard
Gödecke nach anderer Richtung hin
durchkreuzt worden, ein großes Han
delshaus, mit welchem er sich in ge
wagte, hohen und schnellen Gewinn ver
sprechende Unternehmungen eingelassen,
war zusammengebrochen und hatte ihn
tief in feinen Fall verstrickt zwar
konnte er sich halten und seinen Ver
lust, welcher die Grundlage seines Ver
mögens erschütterte, verbergen, aber in
drei Monaten hatte er große Verpflich
tungen auf einem andern Geschäfte zu er
füllen und es war zweifelhaft, ob er dazu
im Stande sein würde, und selbst, wenn
er alle seine verfügbaren Mittel zusam
menraffte, blieb ihm dann nichts mehr
übrig.
Das Gebäude feiner Unternehmung
mußte zusammenbrechen, und selbst eine
feiner Stellung würdige Existenz weiter
zu führen, schien kaum möglich et
mußte daher darauf denken, sich einen
Kredit zu eröffnen, welcher ihm die Mit
tel zur Erfüllung feiner Verpflichtungen
auf eine längere Zeit und ohne brückende
Zinslast zur Verfügung stellte, dann
konnte er hoffen, feine Verhältnisse so zu
ordnen, daß er wenigstens vor den Au
gen der Bürgerschaft nicht von seiner bis
herigen Stellung herabzusteigen nöthig
hatte.
Einen solchen Kredit zu schaffen war
schwer, denn er mußte dann immer seine
ganzen Verhältnisse klar legen und konnte
èaum wirkliche und genügende Sicherheit
bieten, er hatte lange hin und her gedacht
und endlich war er aus Herrn Löding ver
fallen, der jedenfalls die Mittel befaß,
um ihn aus feiner Verlegenheit zu zie
hen.
Er zweifelte auch nicht, daß der ehr
geizige Rathsherr ihm seinen Beistand
gewähren würde, doch mußte er dann
selbstverständlich in eine vollständige Ab
hängigkeit von ihm gerathen, und Herr
Löding, welcher jetzt schon einen großen
Theil der Bürgerschaft nach seinem
Willen lenkte, würde dann der Allein
Herrscher der Stadtverwaltung geworden
sein.
Er suchte deßhalb mit dem reichen und
vielvermögenden Rathsherrn eine feste
und unauflösliche Verbindung herzustel
len, welche die Interessen desselben für
immer an die seinigen knüpfen sollte,
und deßhalb hatte er ihn zu jener Be
sprechung bei einem Glase H^chheimer
aus den Kellern der Domschenke abgeholt.
Die Verständigung über den Wider
stand gegen die bischöfliche Stâdt?-Ord
nung bot dabei, so erwünscht sie auch dem
Bürgermeister war, eigentlich nur den
Vorwand, und die wie zufällig hingewor
fene Idee einer Familienverbindung war
das eigentliche Ziel des Bürgermeisters
gewesen.
Seine Tochter machte dabei eine gute
Partie und es verstand sich ja von selbst,
daß Herr Löding, wenn erst die Heirath
seines Sohnes mit der Tochter des Bür
germeisters öffentlich verkündet war, das
ihm verschwägerte Stadtoberhaupt nicht
fallen lassen konnte.
Et hatte auch seinen Zweck völlig er
reicht, bis .die unglückselige Entdeckung
der Liebe zwischen Johannes und Lis
beth seine Rechnung durchkreuzte er
verwünschte den Rathschreiber, deffen
Erzählung zu der Besichtigung der Ten
felöfaule geführt, und verwünschte noch
mehr feine und Hécrn Ladings Heftig
keit, welche der ganzen Sache eine tra
gische Wendung gegeben und den jungen
Menschen zu so heftigem Widerstande
aufgereizt hatte indessen hoffte er auch
dieß wieder in das Gleiche zu bringen
und legte sich endlich mit der frohen Zu
versicht zur Ruhe, daß es feiner Klugheit
und Geschicklichkeit dennoch gelingen wer
de, auch diese Schwierigkeit zu überwin
den.
Nicht minder aufgeregt war Meister
Lorenz, deffen Stolz als Vater und als
Bürger der Stadt durch die Verachtung,
mit welcher der ebenfalls auch aus nie^
drigem Stande aufgestiegene Rathsherr
ihn behandelte, auf das Tiefste verletzt
war.
Die Rede des Majors von Brandt
hatte bei ihm einen empfänglichen Bo
den gefunden und er beschloß sogleich,
für feine Lisbeth unter den jungen Bür
gersöhnen einen Mann zu suchen, um dem
übermüthigen Rathsherrn zu zeigen, daß
seine Tochter dessen eohn nicht nöthig
habe, um ehrenvoll unter di? Haube zu
kommen.
Aucb den Hauptmann Könnecker floh
lange der Schlaf, doch hatte er die ganze
Geschichte mit der schonen Lisbeth und
dem jungen Löding vergessen—wohl aber
dachte er in neu aufwallender, schmerzli
cher Entrüstung daran, daß seine Mus
miete nun einem andern Befehl gehor
chen sollten, und als er endlich entschlum
merte, da sah er sich im Traume aus ei
nem wirklichen Schlachtfelde, er stellte
feine Truppen zu dem so oft erprobten,
unfehlbaren Manöver auf, aber in dem
Augenblick, als der Feind die trügerische
Linie seines Centrums durchbrochen hatte
und nun von den beiden Flügeln zer
malmt werden sollte, stieg höhnisch grin
send neben ihm die Gestalt des Majors
von Brandt auf—verwirrende Komman
doworte ertönten von dessen Lippen—feine
Truppen schwankten, die ganze Aussteh
lung kam in Unordnung und unter dem
jubelnden Spott des Feindes wurde die
ganze Hildesheimer Armee in die Flucht
geschlagen.
Doch wie jede gute und böse Zeit vor
überzieht, so verschwand auch diese Nacht
mit all ihren verschiedenen Sorgen und
Kümmernissen und die Sonne des
nächsten Tages stieg hell und freund
lich empor, unbekümmert um all die
wirklichen und eingebildeten Leiden,
welche die Menschenherzen bewegen und
mit den kommenden und gehenden Ge
schlechtern spurlos in die Vergessenheit
herabsinken.
Als der Rathsherr Löding in sein klei
nes, getäfeltes Geschäftszimmer im Erd
geschoß seines alten, hochgiebligen Hauses
eintrat, saß sein Sohn Johannes bleich
und ernst, die Spuren einer unruhig durch
wachten Nacht auf dem Gesicht, an seinem
Tisch vor
den aufgeschlagenen Rechnung*«
büchem.
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Der junge Mann konnte nicht glau
ben, daß sein Vater, der stets so nachsich
tig gegen ihn gewesen, ihm seinen ersten
wirklichen Herzenswunsch versagen könne
er schrieb dessen heftiges Aufbrausen
am Abend vorher der so plötzlichen und
überraschenden Entdeckung seines Liebes
Verhältnisses vor so vielen Zeugen zu
und wollte durch um so größere Pünkt
lichkeit seinem Vater beweisen, wie er
bereit sei, deffen Wünsche zu erfüllen—er
hoffte dadurch seinen Unwillen zu besei
iigen und ihn mit seiner Liebe zt versöhn n.
Der Alte erwiderte streng und finster
den ehrerbietigen und herzlichen, wenn
auch etwas scheuen Gruß seines Sohnes
—er trug seinen Staatsrock von schwar
zem Sammet mit großen Perlmutterfnö
pfen, seine kleine Zopfperrücke war sorg
fältiger als sonst frisirt und gepudert, er
hielt seinen Hut und fein Rohr mit sil
bernem Knopf in der Hand.
„Ich habe einen Weg zu machen, auf
dem Du mich begleiten sollst," sagte er
kurz, „mache Dich fertig, ich werde Dich
hier erwarten."
Johannes war ein wenig verwundert,
doch kannte er die Eigenthümlichkeit sei
nes Vaters, über Dinge, die ihn ernstlich
bewegten, niemals zu sprechen, bevn
er dieselben reiflich und lange überlegt
hatte, und ihm selbst lag daran, die so
unglücklich begonnene Sache nicht durch
eine unzeitige Erörterung von Neuem zu
verwirren. Et ging schweigend hinaus
und kehrte nach kurzer Zeit einfach und
elegant zum Ausgehen gekleidet wieder
zurück.
Der Alte musterte ihn mit jeinent kur
zen, scharfen Blick, und die schlanke
Gestalt, die ritterliche Haltung und das
durch seine Blässe und die schmerzliche
Unruhe noch anziehender erscheinende,
jugendlich schöne Gesicht seines Sohnes
rief einen Augenblick den Schimmer
eines heiteren und wohlgefälligen La
chelns auf feinem Gesicht hervor, bei
welchem Johannes hoffnungsvoll auf
athmete und er darin ein Zeichen der wie
derkehrenden Freundlichkeit seines Vaters
erblickte.
Schnell aber nahmen die Züge des
Rathsherrn wieder ihren kalten und har
ten Ausdruck an.
„Komm," sagte er kurz und schritt, sei
nem Sohne voran, auf die Straße hin
aus, ohne daß dieser eine Ahnung von
dem Zweck dieses Morgenausganges hat
te, den er irgend einer geschäftlichen Ab
machung zuschrieb.
Beide gingen schweigend, in ihre Ge
danken versunken, nebeneinander her
der alte Löding wendete seine Schritte zu
dem Hause des Bürgermeisters und Jo
Hannes begann zu fürchten, daß fein Va
ter die Autorität des Stadtoberhauptes
zu Hülfe rufen wolle, um feinen Sinn zu
ändern.
Er lächelte im Stillen darüber, denn
die Autorität des hochmögenden Herrn
Bernhard Gödecke imponirte feinem freien,
kecken und ungebundenen Sinn sehr we
it .g, doch nahm er sich vor. Alles ruhig
und ehrerbietig mit anzuhören und nicht
durch neue heftige Entgegnungen seinen
Vater zu reizen.
Der Hausdiener, welcher den Besuch
gemeldet, kehrte sogleich mit der Botschaft
zurück, daß es dem Herrn Bürgermeister
eine Ehre und Freude sein werde, die bei
den Herren zu empfangen, und einige Au
genblicke darauf trat der Rathsherr mit
seinem Sohne in das große, mit gothisch
geschnitzten Möbeln reich und behaglich
ausgestattete Wohnzimmer des Bürger
meisters.
Herr Bernhard Gödecke saß mit sei
ner Tochter Gertrud an seinem Früh
stückstisch er hatte nach alter Bürger
sitte eine kräftige Biersuppe und ein tüch
tiges Stück gerösteten Fleisches zu sich ge
nommen, vor seiner Tochter aber, welche
alle Lebensgewohnheiten der vornehmen
Damen des Hofes aus Braunschweig
mitgebracht, stand ein zierliches Kaffee
service von Silber und chinesischem Por
zellan.
Gertrud mochte etwa einundzwanzig
Jahre alt sein ihr Gesicht war von
einer nicht gewöhnlichen Schönheit, aber
es fehlte ihm der Reiz sympathischer
auf ihren weichen Zü
müde Gleichgültigkeit,
emem fast verletzenden
ihren Augen flammte
und ihre Blicke irrten
unstät umher, als halte sie keinen Gegen
stand einer längeren Beachtung für
werth.
Anmuth, denn
gen lag eine
verbunden mit
Hochmuth, aus
sinnliche Gluth
Sie trug ein weites, faltiges Morgen
gewand von kirfchrother Seide, ihren
Kopf bedeckte ein weißes Spitzentuch, un
ter welchem ihr unfrisirtes, von Papillo
ten und Nadeln lose zusammengehaltenes
Haar hervorquoll und mit ihren feinen,
rosigen Fingern, denen man ansah, daß
sie nie eine häusliche Arbeit verrichtet
hatten, tauchte sie eine Scheibe mit fri
schem Weißbrod in den aromatisch duften
den Kaffee, der damals in den bürgerli
chen Häusern noch zu den unbekannten
Luxusartikeln gehörte.
Der Bürgermeister, in einen mit Ka
ninchenpilz gefütterten Morgenrock ge
hüllt ein weiches Sammetkäppchen
statt der Perrücke aus dem korzgefcho
renen grauen Haar, trat den beiden Her
ren mit herzlichem Gruß entgegen, wäh
rend die schöne Gertrud nur leicht mit
dem Kops nickte und ihre großen Augen
halb schließend den schonen Mann mit
feurigen Blicken ansah, welche deutlich
verriethen, daß ihr sein Erscheinen nicht
unlieb sei.
„Ich muß den Tag loben," sagte der
Bürgermeister, indem er die Herren ein
lud, Platz zu nehmen, „welcher schon am
Morgen mir so werthe Freunde zu
führt."
Er betrachtete die Beiden forschend
und schien sich vergewissern zu wollen,
ob die Scene des gestrigen Abends noch
weitere Folgen zwischen ihnen gehabt
hatte.
Ernst und feierlich, aber zugleich mit
gepreßter Stimme, in welcher es wie zot
niges Grollen widerklang, sagte der alte
Löding:
„Verzeiht mir, Herr Bürgermeister und
werther Freund, daß ich Euch so früh
schon aufsuche, aber eine gute Sache soll
man nicht aufschieben und ich freue mich,
daß ich Euch hier mit Eurer Jungfer
Tochter beisammen finde, denn auch sie
geht mein Anliegen."
Gertrud blickte ein wenig verwundert
auf, doch wendeten sich ihre Augen wie
der Herrn Johannes zu, welcher indeß
auf feinen Hut niedersah und kein Ver
ständniß für das Eckende Spiel dieser
Blicke zu haben schien.
Auf dem Gefixte des Bürgermeisters
aber blitzte es freudig auf, doch nahm er
schnell wieder eine ernste und feierliche
Miene an und neigte mit freundlich vor
nehmer Herablassung den Kopf, um an
zudeuten, daß er geneigt fei, das Anlie
gen des Herrn Löding aufmerksam und
entgegenkommend anzuhören.
Der Rathsherr warf feinem Sohne ei
nen fast drohenden Seitenblick zu und
sagte:
„Ihr wißt, Herr Bürgermeister, daß
ich feit lange den wohlgeordneten, eige
nen Hausstand entbehre, wie ihn nur
eine Hausfrau zu schaffen vermag ich
habe einen Sohn hier dazu erzogen, mir
in meinem Geschäft zur Seite zu stehen
und dasselbe dereinst zu übernehmen und
meinen guten Rath zu hören seine Er
ziehung ist vollendet und an ihm ist es
nun, meinem Hause zu geben, was mir so
lange gefehlt.
„Ich
muß
eine Hausfrau für ihn ro&h*
1
Der Bürgermeister suchte ein freudiges
Schmunzeln, das um feine Lippen zuckte,
unter einer feierlichen, würdevollen Miene
zu verbergen.
Gertrud lehnte sich in die Kiffen ihres
Polsterstuhles zurück und bedeckte die.
Augen mit ihren Händen, wie in schäm-'
hafter_Verroirrung, aber durch ihre leicht
sich öffnenden Finger flammte ein verhei
ßungsvoller Blick zu dem jungen Manne
Dieser aber saß bleich und starr da
finster und drohend blickte er zu seinem
Vater hin schmerzlich und höhnisch zu
gleich verzogen sich seine Lippen.
„Euer Antrag ist ehrenvoll, mein wer
ther Herr Löding," erwiderte der Bür
germeister ruhig und gemessen, „und
was mich betrifft, so reiche ich Euch
gern die Hand zu einer Verbindung, die,
wie ich gewiß hoffe, unseren beiden Häu
sern zum Heile und Segen gereichen
wird erlaubt meiner Tochter, deren
freiem Willen ich keinen Zwang anthun
mag, mit sich zu Rathe zu gehen, ob
auch sie
Er hielt mitten in seiner wohlgesetzten
Rede erschrocken inne, denn Johannes
war aufgesprungen und streckte flammen­meisters
den Blickes gebieterisch die Hand gegen
ihn ausk
„Haltet ein, Herr Bürgermeister,"
rief er laut, „kein Wort weiter darf in
dieser Sache gesprochen werden kei
nen Augenblick länger sollt Ihr und soll
Eure Tochter das Herz eines Unwürdi
gen täuschen mein Vater hat keinen
Auftrag von mit zu dem Antrag, den er
Euch soeben gestellt, und so sehr ich in
kindlichem Gehorsam seinem Willen mich
beuge, so hat Niemand, auch er nicht,
Über mein Herz und meine Hand zu ver
fügen.
„Ihr wißt, Herr Bürgermeister, daß
mein Hetz nicht frei ist Ihr selbst seid
Zeuge gewesen, wie ich gestern vor Gott
gelobt habe, meine Hand Niemand An
derem auf Erden zu reichen, als Lisbeth
Jansen, der meine Liebe für immer und
ewig gehört.
„Diesem Schwur werde ich treu blei
ben, trotz Drohungen und Lockungen, das
wiederhole ich Euch hier noch einmal, und
noch einmal rufe ich Gott zum Zeugen
für mein Gelöbniß an.
„Verzeiht, Fräulein Gertrud," sagte er,
sich mit ernster Höflichkeit vor dem jun
gen Mädchen verneigend, welche mit ei
nem Aufschrei des Unwillens ihr Gesicht
abgewendet hatte „verzeiht diese unan
genehme und peinliche Erklärung in. Eu
rer Gegenwart, sie hätte niemals stattge
funden, wenn mein Vater mir von sei
nem Vorhaben Kenntniß gegeben, wie es
wohl seine Pflicht gewesen wäre gegen
den Sohn, der seinen Namen führt, um
feme Ehre zu wahren."
Gertrud bedeckte diesmal ihre Augen
wirklich fest und undurchdringlich mit
ihren Händen, ihre Brust wogte und
wie in schluchzendem Ton drangen aus
ihren Lippen die Worte hervor:
„Lisbeth Jansen, o, ich 0, es ist
unerhört—welche Niedrigkeit—mein Va
ter, kannst Du das dulden
Der Bürgermeister stand drohenden
Blickes mit gekreuzten Armen da der
alte Löding aber wurde erdfahl vor Zorn
sprachlos zitterten seine Lippen eine
Zeitlang, dann rief er mit heiserer
Stimme:
„Das wagst Du, ehrvergessener Bube,
hier in Gegenwart des Herrn Bürger
meisters, der Dir erlaubt, um die Hand
feiner Tochter zu werben, hast Du die
freche Vermessenheit, von der Tochter des
Schenkwirths zu sprechen.
„Du glaubst, daß ich die Dirne, mit
der Du nächtlich auf der Straße Deine
Kurzweil treibst, in mein Haus aufneh
men werde?
„Hierher!" tief er wild, feinen
Sohn mit sich zu Gertrud hinreißend
„hier bitte den Frevel ab, daß Du den
Namen jener elenden und ehrvergessenen
Dirne vor dieser tugendsamen Jungfrau
auszusprechen gewagt."
„Fort," rief Gertrud,
„fort,
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"5 -ji'** --«?^,^^.**@*«^-**-461 v-•ip#*&>••_*'./«fi** WVJ'
'i'
len und ich habe mich entschlossen," fuhr
er immer schneller sprechend fort, als
dränge es ihn, das, was er begonnen, zu
Ende zu führen „Euch, Herr Bürger
meister, um die Hand Eurer ehrsamen
Jungfer Tochter für meinen Johannes zu
bitten.
„Ich habe, Gott fei Dank, genug, um
seinen Haushalt der Tochter eines hoch
angesehenen Hauses würdig auszustat
ten, und ich glaube versichern zu können,
daß Euer Kind, wenn sie meinem Sohn
ihre Hand reichen will, das Haus und
die liebevolle Sorge ihres Vaters nicht
vermissen wird.
„Nach unserem gestrigen Gespräch darf
ich hoffen, daß Ihr meine Werbung nicht
zurückweisen werdet und ich darf mir
wohl schmeicheln, daß Jungfer Gertrud
ebenfalls an meinem Sohn nichts auszu
setzen findet."
ich will
nichts weiter hören!"
Johannes bebte in jäh auflodern
dem Zorn blitzten feine Augen, höhnisch
lachend rief er:
„Hütet Euch, Vater, meine Lisbcth zu
schmähen ihr reiner Name hat das
Recht, vor aller Welt genannt zu wer
den, ihr Leben liegt klar und offen da
sie ist aufgewachsen vor Aller Au
gen in Zucht und Ehrbarkeit und man
hat nicht nöthig, in der Ferne zu su
chen und den dunkeln Schleier zu lüften,
um sich von ihrer Tüchtigkeit zu über
zeugen."
Wie der Blitz sprang Gertrud empor,
Todesbläffe bedeckte ihr Gesicht, grim
miger Haß sprühte aus ihren Augen
sie streckte die Hände zu ihrem Vater aus
und rief:
„Schütze mich, mein Vater, vor diesem
Elenden, der es wagt, mich in Deinem
Hause zu beschimpfen."
Der Bürgermeister schüttelte unwillig
sein Haupt, aber ehe er Worte fand, trat
Herr Löding zu ihm heran und legte die
Hand auf seinen Arm. Der Rathsherr
war fast unkenntlich in der Entstellung
des wilden Zorns, der ihn durchtobte,
da sein' Sohn, gegen deffen Wünsche er
stets so nachsichtig'gewesen war, nun zum
ersten Mal tn einer so wichtigen und ent
scheidenden Sache seinem Willen wider
stand und ihn in seiner väterlichen Auto
rität bloßstellte.
„Ihr werdet begreifen, Herr Bürget
meister," sagte er mit einer Stimme, die
um so unheimlich drohender klang, da er
ihren Ton zu kalter Ruhe dämpfte
„Ihr werdet begreifen, daß ich nicht hier
her gekommen wäre, wenn ich es hätte
für möglich halten können, daß mein
Sohn in so unerhörter Weise alle Pflich
ten des kindlichen Gehorsams und der
Dankbarkeit für alle Güte, die ich ihm
bewiesen, verletzen würde aber seid ge
wiß, daß ich der Mann bin, feinen Trotz
zu brechen und ihn zur Unterwerfung zu
zwingen."
„Zur Unterwerfung zu zwingen!" rief
Gertrud, aus deren Blicken sich jetzt eben
soviel Haß und Verachtung übet den jun
gen Johannes ergoß, als dieselben ihm
vorher verheißungsvolles Wohlwollen
entgegengestrahlt hatten „glaubst Du,
mein Vater, daß Deine Tochter die Hand
eines Menschen annehmen werde, die ihr
nur aus kindlichem Gehorsam gereicht
wird?
„Mache dieser unwürdigen Erörterung
ein Ende, mein Vater laß ihn hinge
hen zu seinem Schenkmädchen, das er auf
der Straße gefunden und das nach sei
nem Blute und Herkommen Keffer zu ihm
paßt,
als vsrmhmen
Hauses."
!s*?r ^/ip-T.'"5r w* r.nw-. -^u a. DER Wëstbote.
V
C1
V
„Ein Weib hat das traurige Recht, un
bestraft zu beleidigen," sagte Johannes
Löding mit bebenden Lippen, voll tiefer
Verachtung, „denn des Mannes Arm darf
sich nicht gegen sie erheben meine Lis
beth hat mir ihre Liebe im Dunkel des
Geheimnisses zugewendet, aber ich bin der
Mann, die süße Blüthe emporzuheben an
das freie Sonnenlicht."
„Genug der thörichten und vermesse
nen Worte," sagte der alte Löding hart
und schneidend, „ich habe Euch gesagt,
Herr Bürgermeister, daß ich der Haus
ftau bedarf, um meinem Hause die rechte
Ordnung und den würdigen Glanz zu
geben.
„Noch bin ich kein Greis und habe nicht
nöthig, von meinem Sohn zu erbitten,
was ich mir selbst schaffen kann—wir ha^
ben eine Verbindung unserer Häuser für
gut und nützlich erachtet, Herr Bürger
meister, so werbe ich denn selbst für mich
um Eure Tochter.
„Ich kann ihr nicht die heiße Liebe des
Jünglings bieten, aber ihre Stellung an
meiner Seite soll so reich an Wohlstand
und Ehre sein, daß sie hinter keiner Frau
in Hildesheim zurückstehen wird und daß
manche Edeldame sie beneiden soll."
Ueber das Gesicht des Bürgermeisters
uckte ein Strahl freudiger Bewegung
ihn kam es ja nur auf die Verbin
dung mit dem reichen Rathsherrn an,
und wenn der alte Löding selbst sein
Schwiegersohn wurde, so war deffen 93ei
stand bei seinen Verlegenheiten noch um
so größer.
«k
Er blickte fragend auf seine Tochter.
„Mein Vater," rief Johannes schmerz
lich, „denk an Deine grauen Haare
denk an den Frieden und die Ruhe Dei
nes Alters."
„Schweig, Pflichtvergessener!" rief der
Alte, „daran hättest Du denken sollen
mein Entschluß ist gefaßt, ich wiederhole
meine Werbung und bitte Euch um Ant
wort."
„Du weißt, mein Vater," sagte Ger
trud, auf den steten Blick des Bürger
antwortend, „daß ich in Allem
Deinem Wullen gehorsam bin—ich werde
thun, wie Du über mich verfügst, und die
ehrenvolle Neigung eines edlen Mannes
wird stets der warmen Dankbarkeit mei
nes Herzens gewiß sein."
sich selbst ein Haus zu schaffen, das hier
völlig bereitet für ihn dastand er mag
bei mir bleiben, bis ich das geordnet, und
es wird schnell geordnet fein, aber ich ver
lange, daß er sich lossagt von jener un
würdigen Liebe, um deretwillen er so rei
ches und sicheres Glück verscherzt."
„Das wird nicht geschehen, mein Va
ter," sagte Johannes traurig, aber mit
dem Ausdruck fester und unbeugsamer
Sicherheit.
„Schweig," sagte der Alte, „ich ver
lange hier keine Erklärung von Dir—Du
hast Bedenkzeit, bis ich Deine Zukunft ge
ordnet, und wenn Du dann auf Deinem
thörichten Trotz beharrst, so vernimm
hier mein letztes Wort, daß ich Dich bann
verstoße für immer und als Bettler von
der Schwelle meines Haufes in die Welt
sende."
„Und auch als Bettler werde ich mei
ner Liebe und meiner Ehre treu bleiben,"
erwiderte Johannes, „und werde Gott
bitten, daß er Euch segnen möge."
Er grüßte kalt den Bürgermeister und
Gertrud, welche sich verächtlich von ihm
abwendeten und ging hinaus.
„Seid nicht zu hart gegen Euer eigenes
Blut," sagte der Bürgermeister mit sal
bungsvoller Würde zu Herrn Löding,
„man würde solche Härte mir und tttev
nem Kinde vorwerfen, und e§ hat sich ja
nun Alles glücklich gewendet, so daß Ihr
wohl den Jugendtrotz verzeihen sönnt,
den die Kämpfe des Lebens schon beugen
werden."
„Ich will nicht hart sein," sagte Herr
Löding düster— „das verspreche ich Euch,
aber ich habe meinen Willen erklärt, er
ist unumstößlich, wenn mein Sohn von
dieser unwürdigen Verbindung nicht
läßt, so habe ich nichts mehr mit ihm ge
mein."
„Wie wohl steht ein fester Wille einem
starken Mann," rief Gertrud, wie in un
willkürlicher Aufwallung, indem sie
Herrn Löding ihre Hand reichte, um dann
erschrocken übet ihre eigenen Worte,
erra
thend die Augen niederzuschlagen.
„Laßt uns jetzt," rief der Bürgerntet
stet, „alle schmerzlichen und peinlichen
Gedanken vergessen und uns der guten
Wendung freuen, welche der Himmel die
set Sache gegeben und welche zu einer
glücklichen Zukunft führen möge wenn
ich auch," fügte et seufzend hinzu
„mein Kind dabei verliere und künftig
die freundlich behagliche Häuslichkeit bei
meinem Herrn Schwiegersohn werde auf
suchen müssen."
Er ging hinaus, um einen edlen Trank
aus seinem Keller herbeizuschaffen.
Herr Löding trat zu Gertrud.
„Und hofft auch Ihr an eine glückliche
Zukunft?" sagte er, „würdet Ihr auch
ohne das Gebot Eures Vaters einem
alten Manne, wie ich. Eure Hand rei
chen?"
„Einem alten Manne," sagte Gertrud
mit einem Blick, bei welchem Herr Lö
ding ganz zitternd erröthete, „ein Hetz,
das zu wollen und zu herrschen versteht
ist für jede Frau ein herrliches Gut
und," fügte sie hinzu, mit ihren warmen,
weichen Fingern die Hand des Herrn Lö
ding umschlingend „hat' die Jugend
nicht Feuer genug, um auch die starken,
im Kampfe des Lebens gehärteten Herzen
zu erwärmen?"
Der alte Löding küßte die schöne Hand,
welche die seinige umspannte.
Gertrud ließ ihr Haupt an seine Schul
ter sinken und blickte lächelnd zu ihm
auf der Alte fühlte sich von so wun
dersanter Gluth erfüllt, welche in unge
wohnten Wallungen fein Herz schlagen
ließ er zog das schöne Mädchen an
sich sie schmiegte sich noch inniger an
seine Brust, und seine Lippen senkten sich
zu langem Kuß auf ihren rosig frischen
Mund.
Herr Bernhard Gödecke kehrte mit ei
ner Flachse und zwei Römergläsern zurück
listig schmunzelnd that er, als ob er
die Verwirrung des Rathsherrn nicht be
merkte, der bei seinem Eintritt erschrocken
emporfuhr. Er schenkte die Gläser voll
man trank auf eine frohe, glückliche
Zukunft.
Gertrud wurde nicht müde, den alten
Herrn durch liebliche Plauderei und durch
lockende, halb verschämte, halb heraus
fordernde Blicke immer mehr zu entzücken,
und nur zuweilen zog sich bei dem Gedan
ken an seinen Sohn eine Falte auf seiner
Stirn zusammen, welche indeß die rei
zende Braut, die er so unerwartet erwor
ben, schnell wieder kosend und schmeichelnd
zu entfernen wußte.
(Fortsetzung folgt.)
Eingeweide in vortrefflichem Zu
stand Lungen und Hetz auf der Besser
ung Perunft.: 3» U&t#
Lanas, Mich.
V 1 i
fillNHABD&P2BSBB, FnblliheM.
TERMS] 7^
«0. 23.
Vom Ladenmädchen zur Millionäri«.
Bischof Henry W. Warren von Atlan
ta, Ga., wurde kürzlich mit Frau Elisa
beth S. Jliff in Denver von Bischof
Simpson von Philadelphia ehelich ver
bunden. Die junge Gattin des geistli
chen Würdenträgers hat eine romantische
Vergangenheit. Sie ist jetzt im Besitze
eines Vermögens von mindestens $10,
000,000 und hat als blutarmes Waisen
kind ihren Lebensweg begonnen. Durch
Zufall kam sie von ihrem Heimathsdorfe
Illinois nach Chicago und fand dsrt in
ihrem 10. Jahre Beschäftigung in dem
Verkaufsgewölbe der S.nger'schen Näh
Maschinenfabrik.
Ihr Blick glitt spöttisch übet Johannes
hin und haftete dann so feurig auf dem
alten Löding, daß dieser sein Blut schnei
let und wärmer zu seinem Herzen strömen
fühlte.
„Die pflichtvergessene Auflehnung mei
nes Sohnes," sagte er, „hätte es zwar
verdient, daß ich mich von ihm abwende,
aber ich will es nicht vergessen, daß er^
mein eigenes Fleisch und Blut ist, wie et"
es vergessen hat.
„^ch werde ihm eine Stellung außeW Felsengebirge in einer mit der Millio
Ab,»«?-», da er ---suchen mag.
Atlanta wurde auf einer Reife in
näti
d-ft-und-i-n Familie mit dies« lo
sannt, und seiner Bewerbung konnte Frau
Iliff nicht widerstehen, denn Frau „Bi
schöfin" zu werden, ist für eine amerika
nische „Lady" ebenso verführerisch, wie
vie Millionen für ben Bischof.
Frau hatte Leberleiden, Dyspepsie,
Wassersucht. eruna kurirte sie. â'
Patshall, Berlin Centre, Ohio.
I« einer sizilianischen Räuberhöhle..
Eine Correspondent aus Trapant auf
der Insel Sizilien bringt folgende inter
essante Details über die Entführung und
Freilassung des Herzogs von Calvino.
Letztere erfolgte am 7. Dezember um
10 Uhr Abends auf vent Landgute Celso
im Gebiet von Castellamare bei einem
Landhause, wohin man ihn schickte. Er
fand dort eine Frau, die ihm etwas zu
essen gab. Kurz darauf kam der Mann
derselben, der einen Bauer mit der Nach
richt von der Freilassung des Herzogs
nach Trapani schickte, welcher um 9 Uhr
früh dort ankam, worauf alle Verwandte
des Herzogs demselben entgegeneilten.
Inzwischen hatte dieser nicht einen Augen
blick länger an dem Unglücksorte verwei
len wollen, war in einen Wagen gestie
gen und hatte den Weg nach Trapani
eingeschlagen. In Paparella, 6 englische
Meilen von dieser Stadt, stieg er in der
Villa des Baron d'Hernande ab, um fei
ne schmutzigen und zerrissenen Kleider
wechseln. Kun darauf erschienen seine
Verwandten, um halb 3 Uhr zog der
Herzog mit einem Gefolge von 5 Wagen
tn der Stadt ein. Er war sehr leidend
und seine ganze Beleibtheit war ver
schwunden.
Er erzählte, daß man ihn gleich nach
seiner Gefangennehmung am 3. Nvvem
bet, Abends, die ganze Nacht hindurch zu
Pferde marschiren gelassen habe, bis man
an einem Magazin anlangte, wo er den
ersten Tag zubrachte. Dort wurde ihm
der erste Brief diktirt. Am Abend war
der Marsch wieder angetreten. Man
verband ihm sorgfältig die Augen und
warf ihm einen Sack von Wachslemwand
über den Kopf, da es sehr stark regnete.
Man kam an eine erste Grotte, in welche
die Räuber jedoch nicht eintraten. Eini
ge Stunden der zweiten Nacht wurden in
dieser Gegend zugebracht. In der drit
ten Nacht wurde die Reise fortgefetzt und
man führte den Herzog nach dem zu sei
nem Aufenthalt bestimmten Orte. Man
ließ ihn kriechend durch ein Loch in die
erste Grotte gelangen. Dort war ein
zweites Loch, das in eine andere unterhalb
gelegene Grotte führte, in welche er hin
abgelassen wurde und dort drechig Tage
allein und ohne den Tag zu sehen ver
blieb. Sein Lager war ein Sirohsack,
der nie erneuert wurde seine Nahrung
bestand aus Brod und Käse, mit Waffer
zum Getränk. Es wurde ihm nicht ge
stattet, Wäsche zu wechseln. Nachdem et in
die Höhle hinabgelassen worden war, ent
fernten sich die Briganten und kamen nur,
um ihm seilte Nahrung zu bringen. Ein
mal blieben sie zwei Tage aus. Diese
langen Abwesenheiten erschreckten dm ar
men Herzog, der aezwungen war, ihr
Kommen und die Gesellschaft seiner Hen
ker zu wünschen. Als man ihn die Brie
se an feine Familie schreiben ließ, wurde
ihm eine kleine Lampe hinabgelassen und
man diktirte ihm von oben herab, was er
schreiben sollte. Seltsamerweise hatte
der Herzog in dieser traurigen Lage nichts
von seinen gewöhnlichen Nervenanfällen
zu leiben und er hofft, daß dieselben auch
gar nicht mehr zurückkommen werden.
Nach langen, mit großer Geschicklichkeit
geführten Verhandlungen zog man ihn
endlich aus seinem Loch und ließ ihn
der oben angezeigten Weise frei, nachdem
er einen langen Weg zu Fuß hatte zurück
legen müssen.
Als Nachtrag zum Vorstehenden ist
melden, daß der Herzog, acht Tage nach«
dem er gegen Lösegeld von $30,000 seine
Freiheit wiedererlangt hatte, an den Fol
gen der Nervenaufregung und der Eni
behrungen, welche er in der RäuberMlk..
erduldet hatte, erstorben ist. i:
Vertrieben, Ruhe gewönne».
In einem Cincinnatier Morgenblatt lasen
wir, daß söerr Tim Äleeson, Ex-Mitglied der
Stadtverordneten von der 4. Ward jener Stadt
sagt, daß er den qanzen vorigen WuUer und
Friihliilg schrecklich an RheumativnmÄ gelitten
habe, li't versuchte allerlei (imreibungemittel
und Medizinen vergeblich, Ina er St. Jakobs
Oet gebrauchte. Die erste Anwendung defsel
ben verschaffte ihm Siuhe auf eine cianje Nacht
und der weitere Gebrauch brachte ihm völlige
Heilunq. Es ist ein mächtiges Heilmittel.
(Akron (O.) „Beacon.")
teches
chsischeS Schnadahüpfel.
v, hartes b, *V
mer ganz Schnubbe,
litt dem harten schreib ich!
Mt dem toeechen Subbe,
I
i
Im Abstäuben der in
dem Locale ausgestellten Maschinen bt*
stand ihre Hauptarbeit, hierbei lernte sie
aber gleichzeitig den Gebrauch der ver
schiedenen Maschinen gründlich kennen.
Der Director des Etablissements erkannte
die Geschicklichkeit des Mädchens und
ubertrug ihr das Geschäft, neuangestellte
Agenten, sowie die Käufer von Äèaschmen
in deren Gebrauche zu unterweisen. Im
Jahre 1869 errichtete die genannte Fa
brik ein Zweiggeschäft in Denver und
übertrug Elisabeth, die damals 21 Jahre
alt war, dessenLeitung. DasGeschäst nahm
einen glänzenden Aufschwung, Elisabeth
stellte in den entferntesten Plätzen in Co
lorado und den angrenzenden Territorien
Agenten an und infptcirte dieselben häu
fig persönlich. Auf einer dieser Reifen
machte sie in Cheyenne die Bekanntschaft
des Heerbenbesitzers I. W. Jliff. ver da
mals in Wyoming und Colorado die
«roßten Heerben und die ausgedehntesten
Weidegründe besaß. Nach Hunderttau
!enden zählten die Rinder, die ihai ge
hörten. Elisabeth und Jliff wurden ei»
Paar und lebten zunächst in Cheyenne,
später aber in Denver, wo sie einen der
prachtvollsten Paläste in der Stadt be
wohnten. Im Jahre 1876 starb Jliff
und hinterließ seiner Wittwe und seinen
beiden Söhnen sein colossales Vermögen.
Dieselbe Geschäftstüchtigfeit, welche Eli
sabeth früher im Nähmaschinen Geschäft
ausgezeichnet hatte, entwickelte dieselbe
jetzt in ihren ebenso großartigen als um*
sichtigen Dispositionen im Viehhandel.
Sie verstand es, ihr jährliches Netto-Em
kontinen auf die Summe von S!fK),OOÖ
zu steigern, und ihr Vermögen 1 nichte
die angegebene Höhe. Daß der «, chen
Wittwe von allen Seiten Heirathsanträgc
gemacht wurden, ist leicht zu begreifen,
sie wies aber alle mit dem Bemerken ab,
sie werde nie wieder heirathen, da sie den
Gedanken nicht abweisen könne, sie «erde
nur um ihres Reichthums willen begehrt.
Emern Seelenguten tear es vorbehalten,
die Wittwe auf andere Gedanken zu brin
gen. Der Bischof Henry W. Warren
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