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Der Deutsche beobachter. [volume] (New Philadelphia, Ohio) 1869-1911, January 10, 1894, Image 6

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1
flunb
f.
1.
Vi
BttrserweW^
b!c englischen Truppen zu An»
•fana des Jahres 1620 nach Böhmen
-durch die Mark Brandenburg zogen,
»um den Winterlönig zu unterstütze»
Ibüictc die aufgeregte Berliner BevÖl
i:fernna,
fit' 'x/ye en Berlin etwas Böses im
führten, eine Bürgerwehr,
dm „Beiträgen zur Untersuchung
iqeqen den Grafen Schwarzenberg"
Vljpon Cvsmar befindet sich ein Brief,
»leiben der damalige Kanzler Pruck.nann
ktn den Kurfürsten Georg Wilhelm
•%fcirbte. und der uns ein anschauliches
H'-Wild in Betreff des „Aufstandes au
âDerlin" giebt. Es heißt darin: „2ie
^Mack-e war in Cölln von ihrer zween
•fs'ÜGnacfü^rt, die ihr Lebtage wohl keinen
itobten Menschen im Felde gesehen, da
war ein Trommelschlagen, Platzen
4',.
Schießen, auch Schreien in den
feibeit Städten die ganze Nacht hm-
durch, daß ihrer wohl wenige sind, die
), selbige Nacht werden geschlafen haben,
-1*.' kenn es war alles betrunken, was da
'tvar. Da hätte man wohlöeschossene
Masketiere sehen sollen, der eine schoß
tie Lunte mit hinweg, dem anderen
-entfiel der Ladestecken, bem britten die
^orchcttc, dem vierten versagte die
Muskete zwei bis brei Mal, der fünfte
steckte die Nase gar in den Acrinel,
V tvenn er schießen wollte. Die dann
.Losgeschossen hatten, konnten zu keiner
Ladung wieder kommen, also voll wa
â',xen sie. Die Pickeniere trugen die
Picke auch gar musierlich, zu geschwei
^en, daß sie forsten zu gebrauchen soll
ten gewußt haben. Summa, man
?at nur lauter Schimpf gehabt. Das
Sefte daran war, daß sie uns, die wir
«'•'ton der arideren Religion waren
|js^Brucktnctim roar Calvinist), wenn sie
Mlnser ansichtig wurden, einen derma
^en freundlichen Anblick gaben, gleich
vchls wollten sie uns fressen. Wie es
fes Morgens drei Uhr schlug, liefen
sie von den Wachen pang ungebärdig,
,imd die wiederum an die Wache treten
sollten, waren nicht vorhanden. Da
rannte der Kerl über eine Stunbe her
um liN'b machte auf dem Kalbfell ein
Gerassel, ehe er Andere wieder zu
Haufen bringen konnte. Eine andere
ttotte dagegen, 70 Personen stark, so
garnicht aus Bürgern gewesen, hat
.sich dahinten auf bem Werber (der
selbe besaß bamals noch kein Stadt
recht und war mit keinem Vertheidi
pungSwerk versehen) zu Hausen rottirt
und haben die ganze Nacht auf ber
Dudlei (Dudelsack) spielen lassen,
euch eine Wagenburg von Tücherwa
gen um sich geschlagen und ein über
großes Platzen und Schießen getrie
ben, dadurch auch Ev. Durchlaucht
junges, ungetanstes Herrlein (der
spätere Kurfürst Friedrich Wilhelm)
tit der Wiege ziemlich erschreckt wor
den. daß leicht ein anderer üntath
(Unfall) hätte entstehen können."
Dieser Lärm währte einige Tage in
Berlin und Cölln, bis bie englischen
Truppen, bie nicht bie geringste Ah
Hung hatten, zu welcher Aufregung
sie Veranlassung gegeben, ihrcnMarfch
durch Brandenburg beenbet batten.
Selbst bann noch, als jegliche Gefahr
fefeittgt war, konnten einige ausrüh
tcrifckie Gemüther nicht umhin, ihren
Muthwillen noch weiter zu treiben.
Pruckmann sagt darüber: „damit sie
Nichts von allen Mnthwillen unver
sucht ließen, so wollten bie breißig
Mann, bie in den beiden Thoren von
Cölln gewacht hatten, worunter ich
den Bereiter Lorenz gekannt, ber auch
der Muthwilligste, wie er pflegt, ge
wesen sein soll, ohne Spiel nicht ab
ziehen. fonbern mit Sviel, sowie sie
«usaezogen. auch abgeführt werden.
Diese machten ein neues Getrommel,
Brannten auch die Nöhre eeaeit ernst»
IlicheS Verbot vor dem Ratbhaus im
mer los unb gingen also nach Hause."
Kopfjäger.
Die Wa-Stämme in Birma sind
Ins jetzt durch I. G. Scott bekannt
geworden, der über die bei ihnen in
ganz außergewöhnlichem Maße ge
Hrä schliche Kopfjägerei viel zu erzäh
ten weiß. Pie wohnen östlich vom
'Salwin in West-Manglun im Gebiete
der Schalt und werden in zahme, die
ifcr Haar lang wachsen lassen, unb
tvilde, bie es abschneiden, geschiede».
Die Dörfer der wilden sind durch gute
Straßen mit einander verbunden die
Leute sind vortreffliche Ackerbauer und
Umgänglich. Aber Trunkenheit, Ur.»
svuberkeit, das Verzehren von Hun-
den unb vor Allem Kopfjägerei sind
Sei ihnen herrschend. An jedem Ende
des- Dorfes steht eine Reisschnaps
brennerei, der tüchtig zugesprochen
wird auch ißt man Opium, taucht
es aber nur selten. Der Zugang zu
den Dörfern wird stets durch eine Allee
von Schädeln eröffnet, die auf Pfähle
Psteckt sind. Das ärmste Dorf zeigt
deren mindestens ein Dutzend die rei
cheren schmücken aber den Zugang mit
hundert und mehr Menschenschäoeln.
Alljährlich zur Zeit der Ernten wer
den Schädel geopfert, am liebsten die
Wenigen von hervorragenden Leuten
oder Fremdlingen, und die Gemeinden,
welche solche Schädel nicht durch Mord
erlangen können, suchen sie zu kaufen.
Die frischen Köpfe werden in Korben
on Bäumen aufgehängt, wo sie blei
chen dann erst wird der Schädel
feierlich in der Allee aufgestellt. Eine
Priesterkaste besteht bei den Wan nicht
Scott meint, daß er und seine Gefähr
ten die ersten Fremden waren, die dem
blutdürstigen Volke keinen Schädeltri
but leisteten.
im mi to "U'
i e e o Schau
spieler: Nun, Herr Meyer, wie gefiel
ich Ihnen denn gestern Abend in mei
nem Spiel als Erbonkel? Meyer:
Großartig! Herrlich! Man vergaß
Haqz Ihre Schulden dabeij
Mutterliebe.
Vi*it ««stav (SftbtcKlt* i
Schloß Robmeck, den 30.
1869. Mein lieber Herr Pfarrer!
Ein Jahr ist nun bahin, seit Gott
auch unsere Tochter zu sich genommen
hat—fürwahr ein trübseliges Jahr!
Hätte Konstanze uns wenigstens ihr
Kind gelassen, so würben wir nicht so
vollständig vereinsamt sein, unb das
marternde Bewußtsein, einst ohne
Nachkommen scheiden zu müssen, wäre
uns erspart geblieben. Aber sie hat,
wie Ihnen vielleicht noch unbekannt ist,
auch im Todt nicht von dem kleinen
Wesen, dessen Geburt ihr verhängniß
voll werden sollte, lassen mögen: ihr
todtes Kind im Arme, haben wir die
junae Mutter der GM übergeben
müssen.
Zum
Nach bem Tode unserer unvergeß
lichen Tochter baben wir all' unsere
Elternliebe auf ben Schwiegersohn
übertragen wollen—leider hat er sich
ihrer unwürdig erwiesen. Seit einem
halben Jahre schon führt Graf Schier
bach in Paris das tollste.Leben.
Wir. die Gräfin und ich, werden alt.
Herr Pfarrer. Unb es ist so trostlos
leer unb öde in uns unb um uns.
Gestern war wieber der Todestag un
seres theuren Erich. Fern liegt es mir,
über diesen schweren Verlust zu kla
gen: ich habe meinen Sohn bem Va
terlande gern geopfert, und ich bin
stolz darauf, daß er auf dem Felde
ber ?hre ben ßelbentob sterben bürste.
Aber firtben Sie es nicht auch er
Kärlich, wenn wir versuchen möchten,
unseren Lebensabend freundlicher zu
Gestalten?
Urtb möchten Sie, be­
währter Freurtb unseres Hauses, uns
hierzu behilflich fein? Wir haben
uns nämlich entschlossen, ein fremdes
Mädchen bei uns aufzunehmen. Das
Kind möchte etwa zwei Jahre alt,
durchaus gesund und gut entwickelt
fein, auch müßte es, gleich unserer
Konstanze, helles Haar unb blaue
Auaen haben. Es muß burchaus
ehrbaren, wenn auch ben untersten
Schichten angehörenden Eltern ab
stammen. Eine Waise wäre uns am
liebsten, {ebenfalls aber müssen alle
etwa noch vorhandenen Familien
banbe gänzlich gelöst werben ber
Aufenthalt bes Kindes muß für bie
Angehörigen Dauernd tiefstes
GL-
heimniß bleiben. Das Kind soll von
uns ganz so erzogen unb behandelt
werden, als sei es unsere Enkelin es
wird uns dereinst auch beerben. Sie
würden uns zu dauerndem Danke
verpflichten, wenn Sie ein unseren
Wünschen entsprechendes Kind unauf
fällia ermitteln könnten. Die Gräfin
läßt Sie grüßen, wie Sie, verehrter
Freund, ebenfalls grüßt Ihr Ihnen
stets wohlgeneigter Graf Roden zu
Rodeneck."
Sinnend schaute der Pfarrer
Schwarz zum Fenster hinaus, als er
den Brief des Grasen gelesen hatte.
Ihm, dessen Beruf es war, bie Mit
menschen im Unglück zu trösten, ging
bie Trauer, bie aus diesen Zeilen
sprach, tief zu Herzen. Er war in
jungen Jahren Hauslehrer auf Ro
beneck gewesen. Der Pfarrer begab
sich in den Garten, wo seine Gattin
in einer schattigen Laube mit eine
Handarbeit beschäftigt war. Zi
ihren Füßen spielten zwei Mädchen
im Alter von zwei und vier Jahren
Schweigend reichte er ihr den Brief.
„Jtiü babe an das Töchterchen bes
verstorbenen Schneiders Häßlers ge
dacht," begann er, als seine Frau ihn
nach bem Lesen des Briefes, dessen
Inhalt auch sie sichtlich ergriffen hatte,
fraaend anblickte.
..Aber wird die Mutter, trotz ihrer
Nothlage, das Kind missen wollen?
Sie hängt sehr an ber Kleinen," wen
bete bie Pfarrmn ein.
„Daran habe ich auch gedacht.
Aber ich hoffe. die Frau wirb selbst
los genug sein, bem Wohle ihres Kin
des bas Opfer zu bringen."
„Karl, ich furchte, Du beurtheilst
das Mutterherz falsch. Mir scheint es
hart, eine arme, schwer geprüfte Frau
noch ärmer zu machen."
..Liebes Kinb, es dient ja zu tßrem
Besten unb zum Glück ihres Kindes,
das ihr zweifellos eine große Last ist."
„Nun, meinetwegen mache ihr den
Vorschlag." sagte die Pfarrerin zö
gernd. „Aber versprich mir, sie nicht
zu überreben."
Der Pfarrer versprach es unb
machte sich au? ben Weg zur Wittwe
Häßler.
Dürftig genug sah es in der Hütte
aus. ??rau Häßler saß am Fenster
unb strickte, während das Kind auf
dem Fußboden spielte. Es hatte den
linken Arm verbunden.
„Wie geht es Ihnen, Frau Häß
ler?" fragte ber Pfarrer theilnehmenb,
indem er ber bleichen Frau bie Hanb
reichte.
„So schlecht, wie es einer armen
Witüve, bie verhindert ist, bem Er
werb nachzugehen, nur gehen kann,
Herr Pfarrer. Hätte ich das Kinb
nicht, so konnte ich mit Nähen außer
halb bes Hauses reichlich meinen Un
terhalt verdienen. In diese feuchte
Hütte aber giebt man mir nur sehr
wenia Näharbeit."
„MaS hat die Kleine am Arme?"
„Ach, sie ist vorige Woche gegen ben
heißen Ofen gefallen, als ich sie einen
Augenblick allein gelassen harte. Man
kann boch nicht immer um sie sein."
„Bitte, zeigen Sie boch mal—so, so,
das sieht ja recht schlimm aus, wirb
aber hoffentlich in einigen Wochen ge
heilt fein. Eine Narbe wird bas
Kinb freilich behalten—Sagen Sie,
Frau Häßler, ich könnte Ihr Kinb
gut versorgen."
„O, bas wäre ja eilt großes Glück,
Herr Pfarrer," rief die Frau strahlen
den Auges. „Aber wer sollte sich ber
Kleinen annehmen wollen?" fetzte sie
I Km» zweifelnd hinzu. n
I
„Reiche, vornehme Leute, die ihre
eigenen Kinber verloren haben, wollen
ein fremdes Mädchen als eigenes an
nehmen, bas sie dereinst auch beerben
soll. Ich möchte den Herrschaften
Ihre Anna empfehlen."
Frau Häßler ließ ihre fleißigen
Hände sinken. „Aber die Mutter,
feine wirkliche Mutter, bars bas Kinb
bann nicht mehr kennen, nicht wahr?"
kam es dann tonlos über ihre Lippen.
„Nicht allein das, liebe Frau Haß
let: Sie würden Ihr Kind nie wie
der sehen, von ihm nie wieder etwas
hören dürfen.—Sie müßten es mit
einem Worte als für Sie tobt be
trachten."
„Für mich tobt, mein lebenbes
Kind! Herr Pfarrer, Sie verlangen
viel!" Und die Augen mit ber
Schürze bebeckenb, brach sie in hefti
ges Weinen aus.
„Aber Frau Häßler, so seien Sie
boch nur ruhig, es zwingt Sie ja kein
Menfchw Sie brauchen boch gegen
Ihren eigenen Willen Ihr Kinb nicht
hinzugeben."
„Das sagen Sie so. Darf ich
benn das Anerbieten ablehnen? Soll
ich mir Zeit meines Lebens vorwerfen,
dem Kinde sein Glück vorenthalten zu
haben? Nein, nein, ich muß Sie so
gar dringend bitten, nehmen Sie
mein Kinb. Jetzt kann ich nicht mehr
anbers."
Der Pfarrer erhob sich. Im In
nersten ergriffen, reichte er ber Frau
die Hanb. „Sie haben ein edles,
tapferes Herz, Frau Häßler."
Zu Hause angekommen, schrieb er
bem Grasen, baß ein geeignetes Kinb
zu haben sei. Er empfahl es nicht
dringend, fonbern beschränkte sich dar
auf, bas Kinb ber Wirklichkeit gemäß
als ben gestellten Bedingungen ent
sprechend zu schildern.
Schon nach wenigen Wochen traf
das gräfliche Ehepaar, begleitet von
einer Wärterin, im Dorfe ein, um das
Kind zu sehen und womöglich gleich
mitzunehmen.
Frau Häßler wußte, was man von
ihr wollte, als die Fremden mit dem
Pfarrer in ihre Hütte traten. Die
ganze Zeit her hatte sie diesem Tage
mit geheimer Angst entgegengesehen,
gleichwohl aber, im Banne einer inne
ren Scheu, nicht gewagt, mit dem
Pfarrer über die Angelegenheit weiter
zu reden. Auch dieser hatte den wun
den Punkt, der ihm nach dem neuli
chen Achmer,Msausbruch der Frau
äußerst peinlich geworden war, nicht
ohne Noth wieder berühren mögen.
„Hier 1st das Kind," sagte Frau
Häßler scheinbar gefaßt, ohne eine
Anrede abzuwarten. Dann ergriff sie
die Kleine, preßte sie leidenschaftlich
an sich und reichte sie stumm der Wär
term. Ob das Kinb auch gefalle,
schien für sie gar nicht in Frage zu
so men.
„Gute Frau, Sie wollen uns Ihr
Töchterchen überlassen?" fragte die
Gräfin freundlich, nachdem sie die
Kleine "schnell mit prüfendem Blick ge
mustert hatte.
Nachdem auch er das Kind flüchtig
betrachtet und dann einen Blick des
Einverständnisses mit seiner Gemah
lin ausgetauscht hatte, nahm der.
Graf mehrere Banknoten aus seiner
Brieftasche und überreichte sie Frau
Häßler.
Doch da war es mit deren mühsam
behaupteter Fassung zu Ende.
„Was, ich soll mein Kind verkau
fe^?" schrie sie gellend auf. „Nein,
behalten Sie Ihr Geld sein eigen
Fleisch und Blut verschachert man
nicht."
HestigesSchluchzen erschütterte ihren
Körper.
Betroffen schauten »die Fremden
einander an ihnen war bieser Vor
gang offenbar unverständlich. Aus
einen Wink bes Pfarres entfernten sie
sich bann mit dem Kinde, das sich auf
dem Arme der Wärterin, die es mit
Bonbons beschenkte,»vollkommen ruhig
verhielt.
Der Pfarrer war bei Frau Häßler
zurückgeblieben, die zu trösten er sich
bemühte. Doch sie blieb seinem Zu
spruch unzugänglich der Schmerz
über den Verlust des Kindes hatte sie
überwältigt. Als aber endlich der
Pfarrer erklärte, er sehe ein, daß er
ihr zuviel zugemuthet habe, er wolle
ihr das Kin) wieder herbeischaffen,
da faßte sie sich gewaltsam:
„Nein, lassen Sie!" rief sie erregt.
„Ich bars das Lebensglück meiner
Tochter nicht vernichten!" setztt sie
leise hinzu.
Die junge, kaum. achtzehnjährige
Dame auf Schloß Rodeneck, von der
man weit und breit munkelte, sie fei
armer Leute Kinb und von bem
gräflichen Paar aboptirt worden,
wird allgemein beneidet sie ist doch
die Univerfalerbin des gräflichen Bc
sitzes. Aber merkwürdig! Trotz allem
äußeren Glück ruht feit dem Tode ber
Gräfin ein tiefer Schatten büfhrer
Schwermuth auf ihrem sonst so offe
nen, hübschen Gesicht Das kann
unmöglich allein Trauer um die
Verstorbene sein, der Grund muß tie
ser liegen.
„Man sieht boch, der Besitz irdischer
Güter allein macht nicht glücklich,"
sagen die Leute. Als die Gräfin im
vergangenen Heibst gefühlt hatte, deß
sie dem vor einigen Monaten Heimge
gangenen Gatten bald folgen werbe,
da hatte sie es für angebracht gehal
ten, die Pflegetochter über ihre Her
kunft aufzuklären und ihr vor Augen
zu führen, was alles sie ben Pflege
eltern zu verdanken habe.
Wenn Anna auch längst gewußt
hatte, daß sie zur Gräfin unb zum
Grafen in keinem verwanbtschaftli
chen Verhältnisse stehe, so hatte sie
boch bisher nicht geahnt, daß ihre
Mutter sich bei Lebzeiten von ihr ge
trennt. Ein Gefühl unsagbarer Bit-
terfeit ist über sie gekommen unb
nicht mehr zu bannen, seitdem die
Gräfin ihr bie Augen geöffnet Da
gibt es keine Entschuldigung für sie,
oie ihr das Leben gegeben. Muß
nicht eine ihr Kind wahrhaft liebende
Mutter es vorziehen, vereint mit ihm
unterzugehen, anstatt sich für immer
von ihm zu trennen? Das Band zwi
schen Mutter und Kind kann nur
allein der Tod zerreißen. Ob sie nodh
unter den Lebenven weilt? Die Gräfin
hat darüber keine Auskunft geben
können, auch angeblich den Wohnort
der Rabenmutter nicht gekannt.
Mit ihren Gedanken beschäftigt,
saß Anna eines Nachmittags in der
Veranda, als eine fremde Frau über
den Schloßhof daher kam. Ihr fön
nenverbranntes Gesicht sah vergrämt
aus ihre dürftige Kleidung verrieth
eine ordnungsliebende Hand.
Anna hörte, wie der Diener die
Fremde mit barscher Stimme nach
ihrem Begehr fragte.
„Könnten Sie mir vielleicht sagen,
ob die junge Dame, die hier im
Schlosse wohnt, am 16. August ihren
Geburtstag hat?" fragte sie schüch
tern.
„Frau, was geht Sie das an?
Wollen wohl ben Tag zum Betteln
benutzen? schrie der Diener, aufge
bracht über die nach fein« Meinung
unverschämte Frage.
„Ich bettle nicht bitte, geben Sie
mir doch um Gotteswillrn Aus
kunft," hörte Anna die Fremd? ste
hen. Die Pein eines gequälten Her
zens drang aus ihren Worten.
Eine nervöse Unruhe hatte die
junge Dame ergriffen sie rief die
Frau zu sich.
„Weshalb wollen Sic denn meinen
Geburtstag wissen?" fragte sie mit
bebenden Lippen.
„Ach, verzeihen Sie einer verzwei
felnden Mutter, gnädiges Fräulein.
Seit fünfzehn Jahren durchwandere
ich unftät die Welt, mein Kind zu
suchen, das ich, um es einem trostlo
sen Elenb zu entreißen, reichen Leuten
anvertraut habe. Ach Gott, ich habe
damals meinem Mutterherzen zu viel
zugemuthet, es will sich nicht be
fchroichiigen lassen. Und so treibt es
mich, meine Tochter zu suchen, bis :ch
sie endlich gefunden habe, oder meine
todtmüden Beine zusammenbrechen.
Und sollte sie auch nichts von mir
wissen wollen ich muß sie von An
gesicht zu Angesicht sehen. Darum
sagen Sie mir, ob Sie am 16. August
achtzehn Jahre alt geworden sind,
und ob Sie am linken Arm eine Narbe
haben
Durchdringend ruhten die Augen
ber Frau, in benett ein wahnsinniger
Schmerz glühte, auf bem Antlitz des
jungen Mädchens, Anna war bis an
bie Lippen erbleicht, ihr Herz pochte
stürmisch im Kampfe mit ben ver
schiedenartigsten Empfindungen. Die
ser elenden Jammergestalt also ver
dankte sie ihr Leben? Diese Frau,
die beinahe als Landstreicherin von
ihrer Schwelle gewiesen worden wäre,
sollte sie Mutter nennen Unmög
lich Nein, nein, sie batte keine
Mutter feit fünfzehn Jahren hatte
sie ohne sie leben müssen, sie würde es
auch ferner können.... Und bas ge
quälte Weib bet bor ihr Nun ja, eine
Frau, die so herzlos sein konnte, ihr
Kind wegzugeben, hatte kein besseres
Los veroient sie hatte jedes Anrecht
auf Mutterglück und Kindesliebe ver
wirkt. Aber wozu hatte die Frau
sich von ihrem Kinoe getrennt Um
es glücklich zu machen, „um es dem
Elend zu entreißen." Da sah Anna
im ©eiste neben ber Frau eine zweite
Gestalt auftauchen, genau so ärmlich
gekleidet, mit demselben vergrämten
Antlitz boch bie Gesichtszüge waren
ihre eigenen Das also wäre sie ge
worben ohne bie hochherzige That ber
Mutter, bie ja ein Ausfluß selbstloser
Mutterliebe war
Die Eisrinbe, die sich um das Herz
der Tochter hatte legen wollen, zer
schmolz vor diesem Bilde in warmes,
menschliches Empfinden —Anna brach
in Thränen aus, unb mit bem Auf
schrei „Mutter, ich bin Deine Toch
ter sinkt sie der schwergeprüften
Frau in die Arme.
Die gelösten Bcziehunge«.
Schach unb Halma
Spielt? Alma
Täglich mit dem ftcfienbel
Aengstlich sann sie,
Doch gewann sie
Einmal nur im Vierteljahr.
Das erbost sie
Heimlich tost sie,
Stets geknifs'ner wird ihr Mund
Unb Herr Hartner,
Der ihr Partner,
Frägt sie schließlich »ach dem Grund.
Ach, versetzt sie,
Kränkt erst jetzt Sie
Meiner Seele bitt re Pem?
Schnöber Lug nur,
•Oebcr Trug nur
Waren all' bie Schmeichelei'«....
Ja, bas weiß ich!
D'rum zerreiß' ich
Schroff bas kaum geknüpfte Band!
Liebt unb nimmt man,
Dann gewinnt man
Nicht so schauderhaft constants
Posamentirgeschäft zum Verkäufer):
Schneiben Sie mir, bitte, eine Probe
von bem Stoff ab, ich werbe dann
meine Schneiberin fragen können, wie
viel Meter ich brauche, unb Sie es mir
alsdann per Post einsenden. Der
kleine Karl: Aber Mama, das hast Du
ja in ben anderen Geschäften auch
jchon gesagt! -.
1
/'.'r 5
s *4* Is* i
9ln Berliner FesttaD «ttc*
Zeit
tl'ijje von
I. Tri»I»ff.
Bv? fünfzig Jahren, da Ia£ mch Wr
Schützenplatz der Berliner Schützen
gilbe in der Linienstraße, nicht weit ab
von ber Neuen Königstraße. Jetzt ist
er schon längst verschwunben mit sei
ner hohen Vogelstange, mit bem zwei
stöckigen Schützenhause an ber Stra
ßensront, dessen verwitterte unb zer
fchossene Scheiben im Feftfaale so oft
herausgeschaut haben auf die tanzende
Jugend, von ber sich Mancher unb
Manche einen Ehetreffer geholt hat,
während Anbete vorbeischössen. Die
alte Pracht bes kleinstädtischen Berti
ner Lebens ist dahin wo der alte
Schützenplatz gestanden, da erheben sich
jetzt mächtige Miethskasernen, in denen
statt ber fröhlichen Schützenschaar
schwere Arbeit unb bauernbe Sorge
ihren Einzug halten.
„Heute ist Schützenplatz!" hieß es
vor fünfzig Jahren in allen Straßen
Berlins, welches noch bie alte Stadt
mauer vor dem Auseinanderlaufen be
wahrte. Ueberall in der „großen"
Stadt vom Winbmühlenberge bis zum
Kreuzberge, von ben Zelten bis zum
Oberbaum das waren die Enb
punkte Berlins hieß es: „heute ist
Schützenplatz", in jeder Werkstatt bes
Handwerksmeisters, bessert Bürger«
brief unter Glas und Nahmen über
bem Sosa neben ber „Servante" in
bet „guten Stube" prangte, in jeber
Beamtensamilie, unb in ben Schulen
hatten bie Lehrer ihre liebe Noth, um
bas heranwachsenbe Geschlecht bis
zum Mittag wenigstens einigermaßen
im Zaume zu halten, benn Nachmittag
war natürlich „frei".
Waren die Schulen geschlossen,bann
brach ber Strom heraus aus bem en
gen Schulgebäude in ben Hauptstrom
hinein, ber zur Linienstraße wogte,
benn Pferdebahnen gab's bamals noch
nicht unb eine Droschke für „vier Jute"
(fünf Silbergroschen) zu nehmen, war
auffälliger Luxus, trntzbem es bamals
noch gestattet war, baß vier Erwach
sene mit ihren „Würmern" ohnePreis
erhöhung in ber Droschke Platz neh
men konnten.
In ber Linienstraße ging die Ge
bulbprobe an. Nur langsam kam ber
Menschenstrom vorwärts, unb hätten
nicht bie unsterblichen Schusterjungen
ihre Witze gerissen, wäre Allen bie gute
Laune verloren gegangen.
Dort hat ein Schneiber sein Fenster
mit Georginen unb Spargel
kraut
brapirt, unb würbevoll schaut bie bicke
Frau Schneidermeister in bunkelro
them Kleide auf die vorbeifluthende
Menge, während ihre beiben fpinbel
bürren, hochgeschossenen, nicht mehr
ganz jungen Töchter ihr zur Seite ste
hen.
„Seh' mal, ©be!" ruft ein Junge,
„ben ufjeschossenen Spargel ba oben!"
„Un in be Mitte ne Jeorgine!"
Dort ruft ein Anbertt: „32ich hu
sten, August!*
„Worum denn nich?"
„Na, soll denn bet Droschkenpferb
btieben umfallen?"
„Nee, bft war schabe 1 Sei arme
Schier friert jewiß!"
„Worum?"
„Weil der Kutscher heute morjen
versessen hat, ihm bet Fleesch uf be
Knochen anzuziehen."
Endlich ist das Elborabo Berlins
erreicht. Der Schützenplatz hat lieb
reich seine beiben großen Thorslügel
geöffnet und vor ber schaulustigen
Menge liegt ber große, gegen bie
Stadtmauer hin aufsteigende Platz
mit feinen Buben und Fahnen und
Tischen. Der Leierkasten dudelt,
Verkäufer kreischen, Akrobaten in Tri
cots brüllen von ihrer Estra be herab,
unb ber bezaubernde Dust ber Knob
lauchswürste strebt hinauf zu ben un
sterblichen Göttern, währenb bet
Wcißbierwirth nebenan langsam unb
bedächtig das perlenbe Naß in bie
schräg gehaltene riesige „Weiße" gießt.
„Vater, jieb mir'n Dreier! Ick will
bei bet jtoße Pfefferkuchenherz mit
würfeln!" sagt ein Elfjähriger zu sei
nem Erzeuger, ber alle Hände voll zu
thun hät, benn an ber Rechten führt er
den Jungen, an ber Linken feine kau
enbe Tochter, in dem Munde hält er
die lange Pfeife, und „Mutter", welche
das Jüngste auf bem Arme trägt, hat
ihn. um nicht verloren zu gehen, an
den Rockfchooß gefaßt.
„Wat?" antwortet Vater, „schon
wieber 'n Dreier? N' Katzenkopf
kannste kriejen, Du Lümmel, wenn Du
den janzen Jroschen schon kleen ge
triejt hast!"
„Vater," meint der Sprößling un
entwegt, „jieb mir doch 'n Dreier!"
„Nee, is nich!"
„Weeßte» Aujust," fällt ihm jetzt die
Mutter in ben Rücken, „ick würbe mir
doch schämen an Deine Stelle! Um
den Dreier vor den Jungen haste Dir,
wie 'n Dienstmäbchen nach ihren Jre
nibter, aber Du benkst wohl, ick habe
't nich jesehen, wie Du schon fünf
Kimme! bei 'n Budiker Piefke hinter
die Bittbe jejossen hast?"
„Saure Jurken, Psefferjurken!" er
tönt es jetzt in ber Fronte des soeben
hinterrücks angegriffenen Familien
hauptes.
„Wech!" ruft er ärgerlich dem zu
gendlicher Verkäufer zu.
„Dei is Dir recht!" meint ein Vor
beigehender zum Jungen. „Wat bietst
Du nu woll den Meester Deine saure
Jurken an den macht et seine Olle
schonst sauer genug!"
„Sie können mir jarnischt bewei
sen!" erwidert ihm der Meister.
Das war für ben Spötter wohl ein
überzeugendes Wort, benn er erwi
derte nur: „Schaafskopp!"
„©chanbarm!" ruft der zornige
Meister einer grünen Uniform zu, in
welcher der Besitzer eines sehr rothen
Gesichtes mit einer noch rötheren Nase
steckt, und auf bessert Stirn feilte un
umschränkte, allgemein furchterregende
Gewalt geschrieben steht.
„Was wollen Sie?" fragt der An
geredete mit würbevoller Schroffheit
unb zieht bas dicke lederne Notizbuch
zwischen bem dritten und fünften
Knopf seiner Uniform hervor.
„Der Mann hat mir jefchumpfen!"
Ein pernicktenber Blick der hohen
Obrigkeit trifft ben verstockten Sün
ber. „Wie können Sie ben Mann
schimpfen?"
„Aber Herr Schandarm, et i8 ja
jut, et war man bloß
„Wie Sie hier schimpfen können,
frage ich Ihnen. Ich werde Ihnen
notiren. Wie heißen Sie?"
„Ick heeße Aujust Schmidt, Schieß
jasse 3, evanjelisch, noch nie nich be
straft, bloß zweemal wegen Noochen uf
.de Straße un eenmal in'n Dhierjarten
wegen detselbe, unverheiratet un
zweemal jeimpft."
„Schmidt mit 'n „dt"?"
„Det is Jefchmackfache,Herr Schan
barm. Wenn ick besser wechkomme,
können Sie mir mit 'n bloßet „b"
schreiben, je nachbetn bet Sie wollen."
„Kerrel! Schweigen Sie! Sie
werden das Uebrichte schon erfahren,
un wer hier noch lacht, der kommt
nach'n Ochsenkopf!"
Der Jnkulpant ist eingeschüchtert
die Umstehenden auch. Alle machen
dem gefiirchteten Diener ber heiligen
Hermanbab bei seinem wirkungsvollen
Abgänge schweigenb Platz.
Der Familienvater mit Familie ist
bereits „verduftet". Er fürchtete die
Folgen feines übereilten Schrittes.
Aus der Menge ber altersschwachen
Buden, die bereits vieler Herren Län
der Jahrmärkte gesehen, ragen einige
größere hervor.
Die erste am breiten Hauptwege hat
eine entfernte Ähnlichkeit mit einem
großen Zelte: bie in weiten Zwischen
räumen eingerammten Pfähle ftnb mit
Leinwanb umspannt, ein Dach fehlt.
Vorn am Eingänge wallt eine ver
schossene rothe Gardine herab, welche
in besseren Tagen bas Kleib irgenb
einer Theaterprinzessin abgegeben ha
ben mag. Ueber bem Eingänge befin
bet sich ber „Balkon", unb an diesem
ein langes Schild, welches ben Zweck
dieses seltsamen Baues bem Publikum
verbeutlicht: „Größter Cirkus ber
Welt Equilibristisch-pantomimische
Zauberhalle. Das Lokal ist geheizt."
„Hochverehrtes Publikum!" brüllt
am Eingänge ein breitschultriger, mit
fleischfarbenem Tricot unb besternten
Sammet Schwimmhosen bekleibetcr
Kerl, welchem in ber DLmmerstunbe
in prosaischem Anzüge auf menschen
leerer Straße zu begegnen, wohl be
grünbete Furcht erregen könnte.
„Hochverehrtes Publikum! Ich habe
bie Ehre, ber größte Künstler ber Welt
zu fein. Immer rran! Ein Gro
schen bie Person! Meine Gesellschaft
besteht aus zwei Italiener, drrei Fran
zosen, vier Affen, einen rohen Fleisch
fresser unb neununbdreißig Papujeis.
Immer rrran! Ein Groschen die
lumpigte Person! Außerbem Du
willst wohl 'tin, mein lieber Sohn?
Gelb haste nich? Denn mach, bet
Du Nachkommst, oller Maulaffe!
Außerbem wimmelt es in meinem Cir
kus von schöne Mächens, welche Feuer
fressen, hunbert Ellen Band aus-
rrliefen
un mit 'n Bären tanzen. Die
Bestellung bejinnt sofort! Immer
tri..: Ich selbst bin aus Amerika unb
hal'4 mang die Wilden Zeit meines
Lebens jelebt! Nur ein Groschen!"
Das geehrte Publikum wendet ben
Groschen an, bie ungehobelten, schwan
kenden Bänke sind dicht besetzt und
Jeder ist höchlich erbaut von ber
Kunstvorste"'.'.nz, beten Genuß burch
bas ohrenbetäubeitbe Paukenschlagen
ber Frau Direktorin erhöht wirb.
Etwas weiter ab ist bas elegische
Element vertreten, bas bem Berliner
von damals, der noch von Politik
keine Ahnung hatte, ein wohlthuenbes
„Graulen" verursachte unb ben Augen
ber Berlinerinnen so manche Thräne
entlockte. Ein Leierkasten unb da
rüber aus Wachsleinwand bie „genta
lene" Morithat ber Lowise Neumann,
geborene Lerche. Der Besitzer des mu
Müschen Marterwerkzeuges steht in
würbevoller Haltung als Troubabour
baneben, in ber Hand den Rohrstock
zum Zeigen ber Einzelheiten bes
grauenhaften Bilbes sowohl, tote zum
spontanen Gebrauch für „brättgelnbe"
Jungen. Seine Gattin steht neben
ihm mit betn Sammelteller, bent aus
zuweichen kaum möglich ist, unb die
Korona feiner andächtig lauschenden
Zuhörer vergrößert sich von Minute zu
Minute. Dieselbe besteht nicht etwa
aus dem Janhagel, wie auf heutigen
Jahrmärkte(t, nein, ber ehrsame Hanb
Werksmeister mit Frau unb Kinbem
im Sonntagsanzuge, der Solbat mit
feiner drallen Köchin, ber geschniegelte
„Hermgsbänbiger", wie bie jungen
Materialisten genannt würben, ber
Gerichtsfchreiber unb kleine Beamte,
sie Alle sind gekommen, um sich „durch
gruseln" zu lassen.
Und bet Leietkasten-Troubabour
singt mit schnapâheiferer Stimme:
In ber Lü—ii—iineburger Hat—tbe,
Einst ein flotter Schneider riß.
(Klatsch auf das erste Bild, das
den reifenden Schneiber mitten im
karminrothen Abendhimmel veran
schaulichen soll).
e
Ach, wie hüpfte ihm das Herz bor
Fro—o—oibe
Als ein Licht erblickt er in der Fin
stern iß!
(Klatsch, aus das zweite Bild. Alles
dunkel darauf, nur rechts hinten ein
gelber Klex.)
Die Verse werden immer spannen
der, immer graulicher. Es sind ihrer
nur fünfurtt)zwanzig. Sie- erzählen:
ber Schneiber klopft an, dem Hand
wertsinatm wich aufgechan.. Hr geht
zu Bett und schnarcht ganz nett. Und
als-er „fchluf", der Wirth bie Wirthin
zu sich „ruf". Sie machen darauf ein
Complott und schlagen ihn dann
maufetodt. Sie stechen ihn und au!
das Blut, spritzt himmelhoch in wilder
Wuth. Sterbrcnn'n ihn bann von Kopf
bis Fuß, woraus ber Wirth bas Licht
ausbluß. Die Morithat jeboch, ei, ei!
Die merkte die hohe Polizei. Man
stecht die Mörber beide ein, bie Polizei
wie fein, wie sein! Man banb sie
gnäbigft auf bas Rab für ihre grause
Morithat. Unb schließlich that ber
Henker köpfen die betbin gräßlichenGe
schopsen.
Selbstverständlich mehrt sich von ei
nem Bilde zum anbeten die Menge des
gemalten Blutes, bis man bei der
.Köpfung nur Zinnoberfarbe sieht, hin
ter ber sich ber phantasiereiche Berliner
bie „jrauliche" "Scene bes Köpfens
nach Belieben ausmalen kann.
Während ber Barde singt, gleicht die
Batdin einem Schießvogel. Sobald
eine Thräne im Auge der Lanfcherin
nen glänzt, sobald ein andächtiger Zu
schauer sich schüttelt unb sagt: „Brrr,
is bet aber scheen!" und Nervenstät«:
kung aus seiner Flasche in ber Brust
tasche sucht damals, als das baye
tische Biet noch nicht seinen erlöfenben
Einzug in Berlin gehalten, war ber
SchnapZteufel obenauf beim Bürger
wie beim Arbeiter bums! ba war
bie Barbin mit ihrem Teller ba und
die Anzahl der gesammelten Dreier
mehrte sich höchst erfreulich.
Der Abend rückt heran, das Knal
len in der Schießbahn hört auf, und
die damals noch soliden Berliner, di»
stolz aus ihren Bürgerbrief, jede Colli-
sion mit der Polizei ängstlich vermie
den, verlassen nach und nach den
Platz sie wandern heim, aufgeregt von
all' ben Schaugenüssen, etwas benom
men vom Kümmel unb ben obligaten
Weißen. Die Karussells kommen zur
Ruhe, „benn et jeht ja schon uff
Neune!", der Gymnastiker ist ebenso
heiser wie betrunken, die hundertmal
abgebudelte Morithat findet keine
Kunstverständigen mehr und der
„Schandarm" braucht bei seinem Be»
fehle „Feierabend" sich nicht über Wi
derfpänstige zu ärgern. Was er an
„Kümmel mit Jewchr ieber" geleistet
hat, das weiß er selbst nicht feint
Tasche auch nicht, denn er wird freige
halten als „Schandarm", wie einst
als Unterofficier. Warum? Da
rum!
Auch der Familienvater geht „mit
feiner janzen Hasenhaide", wie er
Frau und Kinber als Collectiv be
zeichnet, nach Hause. Et schweigt sehr
viel, denn die Zunge ist ihm schwer
sein Gesicht blickt aber, trotz Mutterné
Straßen Gardinenpredigt, äußerst
vergnügt auf die schöne Welt.
Mutter theilt ihre Aufmerksamkeit
auf „Vaters" schwankenden Gang und
die gewonnene „Glaskarawine". Ein
satz ein Dreier nach fünf verspielten
Groschen hat sie gewonnen Werth der
schiefbäuchigen Flasche „sechs Dreier",
Der älteste Junge sieht „nicht ganz
wohl" aus. Aepsel, Pfefferkuchen und
Weißbier streiten sich in seinem Magen
über eine neue Regierungsform, die
beiden Jüngsten sind müde und wer»
den abwechselnd vom Vater getragen.
Todtmübe- nach fast einstündigem
Marsche kommen sie zu Haufe an.
Ausnahmsweise lassen sich bie Kinder
gleich zu Bett bringen. Oeligen Auges
gibt Vater „Muttern" den Nachtkuß
und sagt selig: „Mutter, et war doch
sehr scheen!" Mutter ist aber tückisch
wegen der vielen Kümmel. Sie ant
wortet nur: „Stoß mir man bloß
meine Karawine nich um!" Bald
schlafen Alle den Schlaf der Gerechten.
Oberst von Beiß hatte feinen Abschied
erhalten. Obwohl er nie in feinem
Leben eine Rebe gehalten, bie länger
gewesen wäre, als: „Unser gnädigster
Landesherr lebe hoch!" beschloß er, sich
von seinem Regiment mit einer länge
ren Rebe zu verabschieben. Dieselbe
war auch nach mancher schlaflosen
Nacht zu Statt be gekommen unb hatte
belt wohlklingenben Anfang: „Hat je.."
u. s. w. An dem Tage bes Abschiebet
ist bas Regiment versammelt der
Oberst reitet vor die Front und beginnt
mit feierlicher Stimme: „Hat je
„Abje, Herr Oberst!" antwortet das
Regiment wie aus einem Munde auf
den vermeintlichen Abfchiebsgruß
unb auch btese lange Rebe war so kurz
geblieben wie alle ihre Vorgängerin«
ne«.
Schlau. Sulfutius: Nanu,
College Süffel, Ihr seib schon wieder
'mal umgezogen? Süffel: Nein, wer
sagt das? ^ch habe mir nur jetzt zwei
Wohnungen gemiethet! Sulsutius:
Und warum benn das? Süffel: Ja,
die eine Wohnung steht auch so gut wiex
leer, dort schlafe ich nur. Das ist
nämlich meine Pfänbungswohnung da
ist außer meinem Papierkragen und ein.
paar alten Classikern nichts zu finden.
Die andere Wohnung ist das reine
Gegentheil, voller Luxus, die Gemüth
lichteit selbst davon wissen aber meine
Gläubiger nichts. Sie hat den großen
Vorzug, daß mich meine Gläubiger so»
mit stets verfehlen, da ich in meiner
anderen Wohnung einfach nicht zu
Haufe bin!
K e n e n o e
Unteroffizier (einen Einjährigen an
die Achsel klappen schnüre greisend):
„Sie denken wohl, Sie haben die
Dinger, damit Sie über die Schnur
hauen können? Nein, damit Sie sich
immer daran erinnern, daß bei Ihnen
Alles wie am Schnürchen gehen soll!"
e e i i A a s i s
ein reizendes Stück, das das Orchester
da spielt. B.: Ja, und doch kann
mich dieses Stück in Verzweiflung
bringen! A.: Warum Venn? B.:
Weil es das einzige ist, das meine
Züchter spiele» faml
&
•r

in der Meinung, daß die Eng-
K i n e u n a e i
i e a n e e e e a e

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