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Der Deutsche beobachter. [volume] (New Philadelphia, Ohio) 1869-1911, February 21, 1894, Image 3

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Jtoatint MrS. RlexanGs»
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Mit wankenden Schritten kehrte er
jhctm. Ein seltsam niederdrückendes
Gefühl lastete aus ihm und ließ ihn
auch während der nächsten Nacht keine
^Ruhe finden. Erst gegen Morgen
^schlummerte er ein und svät war es,
als er aus dumpfem, crquickungslo
^fem Schlafe erwachte. V
Bleiern schlich ihm der Tag hin,
und es ward wieder Abend. Dunkel
licit um ihn her, wie in ihm. Wie
'Sief sein Bekenntniß aufnehmen
würde, die Ungewißheit quälte ihn
'mit tausend glühenden Zangen. Er
hatte endlich Licht angezündet: die
Finsterniß um ihn her war ihm nil
heimlich da klopste es. Man brachte
ihtu einen Brief. Er erkannte die
Handschrift und zögerte, bevor er das
Convert öffnete und mit hochklopfen
dem Herzen die Zeilen, die es ent
hielt, las.
„Gott sei Dank! Gott sei Dank!"
Mit diesem Ausruf sank er in seinen
Stuhl zurück, bedeckte er das Gesicht
mit beiden Händen und weinte.
Als er an Dick schrieb, hatte er es
sich gesagt, so und nicht anders konnte
sein Sohn ihm antworten aus sein
Bekenntniß, mit welchem.er ihm alles
gestand, seine Schuld und seine bren
nett tie Sehnsucht nach der endlichen
Enthüllung der Wahrheit' und nach
der Liebe des einzig theuren Kindes.
Und er hatte sich,nicht getäuscht. Dick
antwortete ihm ganz so. wie er es
erwartet hatte der Schluß die Brie
ses aber erregte seine Aufmerksam
keit.
„Ich höre soeben," schrieb Dick,
„daß meine Mutter einen ernsten
Unfall erlitt. Mr. Acland ließ Mar
'jory nach Hause kommen. Bitte, er«
kundige dich nach dem Geschehenen
und komme sobald als möglich!"
Einen neuen Sturm wollten die
Worte in ihm wachrütteln, aber er
ließ denselben nicht Herr über sich
werden. Er mußte handeln, unver
züglich handeln. So spät es auch
war, eilte er fort, um einen Wagen
zu nehmen, der ihn balb nach dem
Acland'schen Hause brachte.
Er sprang heraus, klingelte und
wartete ängstlich darauf, daß ihm
geöffnet wurde.
„Ist Mr. Acland zu Hause?" fragte
er hastig.
„Nein, der Herr befindet sich im
Hospital!" lautete die Antwort.
„Kann ich Miß Acland sehen?"
fuhr er entschlossen fort.
„Ich weiß es nicht: sie ist sehr in
Sorge," tarn die zaghafte Erwiderung
zurück.
„Geben Sie ihr meine Karte!"
sprach er resolut.
„Ich glaube nicht, daß sie Sie sehen
kann," versetzte das Mädchen zögern
der denn zuvor. „Treten Sie hier
ein."
Nach wenigen Augenblicken kam
sie zurück und sagte in verändertem
Tone:
„Bitte, kommen Sie in das Eß
zimrner. Miß Acland wird sogleich
erscheinen."
Cranston blieb neben dem Tische
zur Mitte des Raumes stehen. Er
q^ iiberdachte etiles das, was er über das
iunge Menschenkind brinaen sollte,
aus dessen Erscheinen er hier wartete,
als eine Stimme ihn aufscheuchte.
Sie stand mit mt stent, traurigem
Gesicht vor ihm.
'M „O, Mr. Brand, wie gut, daß Sie
kommen!" entrissen Marjorys Worte
ihn seiner Selbstversunkenheit. „Ha
den Sie gehört, daß Mrs. Acland ei
»len schrecklichen Unfall hatte?"
Er mußte sich ausraffen, um ihr zu
antworten:
„Dick schrieb mir davon und bat
mich, das Nähere zu erfahren zu su
theil. Deßhalb erlaubte ich mir, Sie
zu belästigen."
Sie schüttelte den Kopf sie that es
mit großer Resignation.
„Ich weiß selbst nicht viel," sprach
sie leise. „Mein Vater ist so verstört,
daß er kaum sprechen kann. Was ich
erfuhr, ist. daß Mrs. Acland von ei»
tum Wagen, der um eine Ecke bog,
liöerfahren worden ist. Sie wurde
in das nächste Krankenhaus gebracht.
Die Doktoren fürchten eine andau
ernde Lähmung. Noch kann sie nicht
fransportirt werden. Mein Vater
weilt fast unausgesetzt in dem Kran
kenhause, obgleich er sie nicht sehen
darf, weil sie das erstemal furchtbar
aufgeregt wurde. Wenn die Aerzte
sich nicht irren, so ist ihres Daseins
Ptesttheil lebendiger Tod!''
„Entsetzlich!" stieß Cranston bewegt
.aus. „Wie grausam doch rächt sich
Schicksal!"
4
Marjory betrachtete ihn, durch seine
orte erinnert, forschend.
„Sie kannten sowohl sie, «ls auch
Dick's Vater? War derselbe wirklich
so schlimm, wie Mrs. Acland ihn all
r- zeit beschrieb?"
(Iranston lächelte trübe.
„Ich war wohl voreingenommen
und bin deßhalb kein maßgebender
Richter." antwortete er. „Mir schien
er nicht so schlimm zu sein."
Marjort) nickte lebhaft.
r* «-U /I *'r^"
,_ Iß- a
vo«
(23. Fortsetzung.)
I MS der Brief vollendet war, hob
ein schwerer Athemzug seine Brust,
Hund sich ankleidend, gab er ihn selbst
Hbei der Post zur Einschreibung aus.
sticht um alle Schäle der Welt hätte
cr ihn anderen Händen anvertraut.
v
„Ich bin überzeugt, daß efrVs Rich)
war Dick könnte sonst nicht so lieb
und gut sein!" sprach sie bewegt.
„Ich hoffe, Sie gehen bald zu ihm,
Mr. Brand: er liebt Sie so sehr!"
„Wirklich?" fragte Cranston, mit
einem glücklichen Lächeln. „Er liebt
mich wirtlich?"
Sie hob die Augen ihm, jene
*t °.^^-
Augen, deren Blick ihm gleichfalls das
Paradies der fernen, ach, so fernen
Kindheit erschloß.
„Sie wissen es, Mr. Brand, daß
Dick Sie liebt." schmeichelte ihre Ant
wort sich in sein Ohr, „und darum
auch müssen Sie bald, recht bald zu
ihm gehen. Ich kann meinen Vater
nicht verlassen, so lange Mrs. Acland
nicht wieder zu Hause ist. Dann frei
lieb wird sie mich je eher, desto lieber
fortwünschen sie konnte mich nie
leiden!"
Philipp Cranston betrachtete das
Mädchen sinnend welcher Ursache
mochte ihre ihr selbst räthfelhafte Ab
neigung gegen die Stiefmutter eut
sprossen sein?
„Sollte Mrs. Acland mich zu sehen
wünschen, so, bitte, geben Sie ihr
meine Adresse," sprach er, noch völlig
unter dem Bann seiner Gedanken ste
hend.
„Glauben Sie an solch' eine Mög
lichkeit?" sragte Marjory so voller
Erstaunen, daß er daraus ersah, wie
ungünstig Mrs. Acland sich über ihn
ausgesprochen haben mußte. Gewalt
lain bezwang er sich.
„Sie möchte vielleicht über einiges
mit mir sprechen," versetzte er. Sie
verleihen, ich habe Sie lange genug
aufgehalten!"
„Aufgehalten!" wiederholte sie nnd
ein so sprechender Blick traf ihn.
„Ach, weitn Sie wüßten, wie lang
mir schon die Stunden geworoen sind!
Ich will heute Abend noch an Dick
schreiben und ihm mittheilen, daß Sie
hier gewesen sind."
„Ja, das thun Sie!" rief er aus.
„Gute Nacht, mein liebes liebes
Fräulein Marjory!"
Und er beugte sich Über ihre Hand
und küßte dieselbe so väterlich warm,
daß ihr die Thränen in die Augen
sprangen, nnd das Gefühl einer ent
setzlichen Oede kroch ihr ans Herz, als
die Thüre sich hinter ihm schloß.
„O, Dick, Dick!" schluchzte sie auf.
„Wärest du bei mir, du, mein ein
und mein alles!"
Und draußen unter dem dunklen
Schleier der Nacht, der über die Rie
senstadt lagerte, strich ein müder Er
denwanderer sich die Haare aus der
Stirn, die der Nachtwind kühl um
fächelte. Wâs sollte, was konnte er
jetzt thun? Beklommen fragte Phi
lipp Cranston es sich. Sollte er Mr.
Acland die Wahrheit enthüllen, mehr
denn je jetzt, da der Dämon seines
Lebens nicht dazwischen treten konnte?
Oder sollte er sie auf ihrem Leidens
lager aufsuchen und sie zu einem Ge
ständniß zwingen? Denn die Wahr
he it mußte an den Tag,—Dick'S Ehre
mußte gerechtfertigt werden. Aber
wie, aber wie? Welcher Weg war der
richtige?
Noch vollauf mit dieser Selbstfrage
beschäftigt, erreichte? er sein Heim.
Sein Heim? Hatte er ein Heim,
er, der Heimathlose?
Er zündete die Lampe an. Schmerz
haft traf ihr Schein seine Augen.
Doch kaum daß sie ausgeleuchtet war,
da, gerade vor ihm lag ein zu
sammengesaltetes Papier aus dem
Tisch. Aus den ersten Blick erkannte
er es als eine Depesche. Mit zittern
den Fingern riß eres ans, las er das
von einer benachbarten Station ge
sandte Telegramm:
„Eilig nach Leighton-Abbot foeru»
fett. Weiß nicht, was geschehen ist.
Telegraphire dir sofort!"
Philipp Cranston griff nach der
Lehne des nächsten Stuhles, auf den
er niedersank, wie betäubt, wie schlag
getroffen. Was sollte auf einmal
kommen: alles Glück oder das Uli»
glück, das vollendetste Unglück?
XXXVII.
In einer wahren Hölle von Ver
zweiflung fühlte Mrs. Acland sich,
als sie nach dem ihr widerfahrenen
Unglück zum Bewußtsein zurücker
erwachte.
Sie hatte sich auf dem Wege zu
ihrem ersten Gatten befunden, ein
Schritt, von dem sie sich Rettung vor
dem ihr durch Blak drohenden Ver
derben versprach, als ihr Mißgeschick
sie ereilte wie, sie fand keine Erklä
rung dafür sie mußte wie im Traume
gewesen sein. Dieser Unfall Vernich
tele alles denn war sie zuvor bereits
in Gefahr gewesen, jetzt war sie ver
loren.
Sie kannte die Schwachheit des
Mannes, den sie all diese Jahre hin
durch völlig beherrscht hatte, nur zu
gut wenn Philipp Cranston redete
und Mc. Acland ihn glaubte, dann
war alles für sie dahin. Sein Schwei
gen einzig barg für sie eine letzte,
schwache Hoffnung.
Vihr geistiger Zustand erregte die
Aufmerksamkeit der Doktoren, welche
Mr. Acland erklärten, daß die Her
stellnng seiner Frau von ihrer Ge
müthsriihe abhinge, die Beseitigung
der Ursache ihrer Unruhe also das
Haupterforderniß sei.
Mr. Acland glaubte diese Ursache
zu kennen sie bestand, seiner Ansicht
nach, in Blak's Drohungen und er
wäre nur zu gern bereit gewesen, dem
Schurken sein Stillschweigen abzn
taufen. Aber wie ihn finden? Er
bitte keine Adresse angegeben. Mit
fieberhafter Ungeduld erwartste er
jetzt fein Wiederkommen. Er sollte
es vergeblich thun. Statt Blak sel
ber aber kam am fünften Tage nach
dem Unfall ein Brief mit der ihm
wohlbekannten Handschrift von dem
selben. Der Inhalt des Billets war
eilt nut kurzer der Schreiber erklärte,
daß er, weil er völlig mittellos sei,
sich der Polizei stellen und alles ein
gestehen würde, wenn er innerhalb
der nächsten acht Tage nicht genügend
Mittel erhalte, in'y Ausland kommen
zu können.
„Ich werde die nächsten drei Tage
Zu Hause bleiben und Sie erwarten,"
schloß das Schreiben, „fragen Sie
nach Mr. Eisenberg. Sind Sie klug,
so werden wir bald einig fein."
1*5 folgte die Anreise.
Mr. Acland's Entschluß, ihn auf«
zu suchen, stand bereits beim Lesen
der Zeilen fest. Er eilte in das Ho
spital, um feiner Frau den Brief zu
zeigen und sie zu versichern, daß er
das Schweigen des Schurken unbe
dingt erkaufen würde.
Die Wärterin verabschiedend, laS
er ihr den Brief vor und beruhigte
sie damit, daß er alle» andere ordnen
würde.
„Ich hoffe, du erreichst eS," erwi
berte sie. „Besser aber wäre es, ihm
zu trotzen. Ich wollte, ich könnte
selbst handeln so muß ich dir zur
Last fallen."
„Sprich nicht solch? Worte, mein
geliebtes Weib!" entgegnete der noch
immer bethörte Gatte. „Der Doktor
ist zufrieden, wir müssen das beste
hoffen."
„Ja. wir wollen hoffen!" fing sie
seilte letzten Worte auf. „Sieh, meine
Hände sind ganz in Ordnung. Ich
glaube, ich könnte schreiben gib mir
den Brief. Ja, sieh, ich kann schrei
ben. Laß mir deinen Bleistift und
den Brief ich habe einiges in Ge
danken, was du Blak sagen sollst ich
will e» aufschreiben."
„Ich wollte ihn heute schon auf
suchen!" wandte er ein.
„Besser nicht!" schüttelt» fie den
Ko-is. „Er wird fügsamer sein, wenn
du ihn warten läßt. Daß ich es nicht
vergesse. Gib mir ein wenig Geld
ich möchte der Wärterin ein Geschenk
machen."
Er gab ihr bereitwilligst, was er
bei sich trug.
„Danke, mein Geliebter." lächelte
sie ihn an. „Willst Su morgen kom
men, um meine Notizen zu holen?"
Er bejahte selbstverständlich und
aufs zärtlichste verabschiedete er sich
von ihr.
Sobald die Wärterin wieder neben
dem Lager saß, fragte Mrs. Acland
dieselbe:
„Haben Sie Converts, Wärterin?"
„Ja, Madame!" erwiderte die Ge
fragte.
„Geben Sie mir eins," gebot die
Kranke.
„Sie wollen doch keinen Brief
schreiben?"
Die Wärterin fragte es besorgt.
„C, nein, nur eilten Abrief, den
Mr. Acland vergessen hat, an seine
Adresse senden."
Die Wärterin wagte keinen Ein
spritch mehr und verließ das Zimmer,
um gleich daraus mit dem Verlangten
zurckzukehren. Mrs. Acland hatte
die Zeit genügt und mit der größten
Seelenruhe schloß sie jetzt in das von
der Wärterin gebrachte Couvert den
Brief von Blak ein.
„Sehen Sie, wie prächtig ich schrei
den kann!" sagte sie, versuchend, zu
scherzen, und sie adressirte an: „Mr.
Cranston, Camüen-Town."
„Nun fransireit Sie den Brief mit
einer Stadtmarke und geben Sie ihn
sofort zur Post, weint Sie mir einen
ruhigen Tag verschaffen wollen.
Nehmen Sie dies für Porto und Ihre
Mühe."
„Aber Madame," stieß die Warte
rin aus, das empfangene Geldstück
betrachtend, „ich thue doch nichts Un
rechtes damit?"
„Sie sind eine Närrin, gute Frau!"
lachte Mrs. Acland kurz auf. „Wenn
Sie aber eine Erklärung wünschen:
es geht meines Gatten Geschäfte an!"
Ihr bei den letzten Worten herri
scher Ton imponirte der Wärterin,
und unter diesem Eindruck verließ
dieselbe das Zimmer. Als sie zurück
kam, schien die Patientin zu schlafen.
Philipp Cranston hatte von Mar»
.âjory den angenehmsten Eindruck mit
genommen. Wie. süß war ihre
Stimme, wie liebte sie Dick! Das
Herz seines Sohnes war ihm längst
lein Geheimniß mehr nicht weniger
bang aber fragte er sich deßhalb jetzt:
Wie sollte das enden? Marjory war
und blieb die Tochter Aclands. Wenn
dieser sich der Heirath zwischen seinem
Kinde und dem Sohne des Mannes,
deit" er als seinen Feind betrachten
mußte, widersetzte,—was dann?
Unter dem Eindruck dieser Gedan
ken war er eben damit beschäftig,
gegen Dick sich brieflich auszuspre yen
und ihn zu sich zu rufen, als ihm ein
Telegramm gebracht wurde.
Mit zitternden Fingern erbrach er
dasselbe.
„Der Onkel ist schwer erkrankt. Die
Aerzte befürchten fein Ende. Schreib
an Thorpe, daß du morgen früh zu
ihm kommen'wirst!"
Das Papier entfiel Cranston's
Hand. Er hatte Minuten nöthig,
um die große Veränderung in seiner
Stellung, welche diese Mittheilung
Hugo'S verhieß, vM. ersassen zu tön
neu.
„Wäre das früher gekommen, wie
hätte Judith sich als Herrin von
Leighton-Abbot gefühlt!" reflcktirte
er. „O, es giebt wohl kaum eine
zweite Frau, die ein so hartes Herz,
einen so eisernen Willen hat, wie sie.
Ob sie wohl wieder gesund werden
wird? Wenn der Wille etwas dazu
beitragen kann, dann gewiß!"
Er vollendete das ein Dick begon
nene Schreiben, indent er ihn vorsich
tig auf die in Aussicht stehende große
Veränderung vorbereitete, und be
förderte dann den Brief selbst zur
Post.
Am folgenden Morgen stellte er
sich pünktlich bei dein Rechtsanwalt
der Cranston's ein.
Hugo hatte für ihn vorgearbeitet.
Der höchst solide Sachwalter hatte
bereits srüher mit dem Neffen feines
alten Klienten zu thun gehabt und
erkannte ihn sofort wieder.
„Es ist gut, daß Ihr Better Sie
anerkennt und Ihnen das Anrecht
nicht streitig macht," begrüßte er ihn.
„Hauptmann Cranston ist ein höchst
ehrenhafter Mann. Ihres Onkels
vielleicht bereits erfolgtes Ableben ist I
w j/
matnt
'f V
alle seine Ersparnisse
vermacht.
Das riesige Gut aber, welches ganz
schuldenfrei ist, füllt ungeschmälert
Ihnen zu. Die Bewirthschaftung
war bisher eine ausgezeichnete eine
wirklich ausgezeichnete!"
Er betonte seufzend das letzte Wort,
so. daß sich Philipp ein Lächeln auf
die Lippen drängte.
„Ah. erwiderte er, „Sie fürchte?
wohl für die Bewirtschaftung in
meiner Hand! Mein bester Herr, ich
habe einen Sohn, der die Weisheit
selber ist. Ihm und Ihnen überlaffe
ich alles!'
Als Cranston in seine Wohnung
zurückkam, sand er einen Brief, mit
Bleistift geschrieben, auf seinem Ti
sche. Es war Blak's Brief auf der
Rückseite, trug derselbe die folgenden
Worte:
„Verhindern Sie, daß sie sich tref
sen. Um Gottes willen, suchen Sie
ihn fortzubringen ich bin hilflos.
I. A."
In Philipp Cranston wühlten die
Worte förmlich einen Sturm auf.
Blak! Er war also thatsachlich hier!
Ha, mit ihm abzurechnen, dünkte ihn
jetzt ein Bedürfniß. Ein neuer Le
bensmuth durchströmte ihn. Er wollte
den Tiger in seiner Höhle aussuchen.
Diesem Gedanken Folge gebend, ließ
er sich einen Wagen kommen und
beorderte den Kutscher, ihn nach der
in dem empfangenen Briefe angege
benen Adresse zu faham.
Als Mr. Acland nach einer schlaf
losen Nacht feinen Besuch im Hospi
tal erneuerte, bekam er über den
Zustand seiner Frau die schlechtesten
Berichte. Da sie eben schlief, ent
fernteer sich, ohne sie gesehen zu ha
bett, mit schwerem Herzen. Er wollte
Blak aussuchen, um ihr dann die er
lösende Nachricht bringen zu können,
daß alles geordnet sei.
Es war ein weitet Weg, bis er das
Ziel erreichte.
„Hierher!" öffnete ihm auf feine
Frage nach Mr. Eisenberg, vor dem
bezeichneten Hause angelangt, ein
dicker, weißbeschürzter Mann, der int
Eingang desselben stand, eine Thür
im Flur. „Rechts die Treppe hin
auf, erster Stock nach vorn, da wohnt
der Monsieur!"
Mr. Acland nickte schweigend und
folgte der angegebenen Richtung.
Es war ein mißlicher Aufgang
dennoch fand er, oben angelangt, die
bezeichnete Thür, an welche er an
klopfte.
„Herein!" ertönte es von innen und
resolut öffnete Mt. Acland und trat
ein.
Das Zimmer, das ihm entgegen»
starrte, trug den Stempel der litt
ordentlichkeit. Ein durchdringender
Branntwein- und Tabats-Geruch er
füllte die Luft.
Blak saß an einem Tische zur Mitte
des Raumes und sein ganzes Aenße
res entsprach feiner abstoßenden Um
gebung.
„He, Acland!" sagteer, ruhig aus
stehend. „Ich erwartete Sie schon
gestern. Aber besser spät, als gar
nicht. Freue mich, daß Sie so viel
Vernunft hatten, zu kommen!"
Mr. Acland durchsröstelte es die
ser Empfang von Seiten eines Men
schett, der ein notorischer Schurke
war, berührte ihn peinlich.
„Setzen Sie sich", stihr er unbeirrt
fort, „die Stühle sind zwar nicht
sein, genügen aber, denke ich. Sie
wissen, was ich von Ihnen will!"
Mr. Acland ließ
sich
zögernd auf
einen der alten Stühle nieder.
„Ich weiß nicht, c6 ich klug han
delte, gegen den Willen meiner Frau
hierher zu kommen," begann er.
Ein Auflachen Blat s schnitt ihm
jedes weitere Wort ab.
„Sie war dagegen!" tief et aus.
„Sie war thatsächlich dagegen!" Für
wahr, das muß ihr der Haß lassen,
sie hat Muth! Ich traf noch keinen
Menschen, der ihr darin gleichkam.
Aber so mar sie immer, seitdem ich sie
kernte, und das ist nahe an dreißig
Jahre! Himmel, welche entzückende
Figur hatte sie! Geradezu zum Ra
sendwerden!"
Mehr denn alles mußte diese Remi
niscenz Mr. Acland auf's peinlichste
berühren: wie ein Schatten legte es
sich über feilt Gesicht.
„Ich bin nicht gekommen, um Ihre
mich nichts angehenden Erinnerun
gen anzuhören," sagte er eisig und
mit einer unsagbaren Verachtung,
„ebensowensg habe ich die Absicht,
Ihre etwaigen Anklagen zu verneh
men. Ich will mich einfach von Ihnen
loskaufen, weil es mir paßt!"
Blak musterte den also ungewohnt
resoluten Sprecher mit großweiten
Augen.
„Damit wollen Sie wohl sagen,
daß Sie meine Aufklärungen jticht
furchten *md nur aus reiner Men
schenliebe sich von mir befreien wol
len?" spöttelte Blak, verächtlich aus
lachend.
„Meine Beweggründe gehen Sie
nichts an," erwiderte Acland scharf.
„Mrs. Acland hatte einen schweren
Unfall und liegt im Krankenhause
darnieder. Jede Aufregung ist Gist
für sie. Ich möchte ihr deshalb sagen
sönnen, daß sie nichts mehr von Ihnen
zu fürchten habe!"
„Ist ihr Lebe» in Gefahr?" forschte
Blak eifrig.
„DaS verhüte Go.'t," antwortete
Acland erschrocken. „Sie wird viel
leicht invalid bleiben, aber" seine
Stimme bebte „nichts mehr da
von!" Ich will nicht mit Ihnen dar
über sprechen! Sagen Sie mir, was
Sie verlangen, und ich werde thun,
was ich vermag."
Blak hatte sich in einen Stuhl zu
rückgelehnt er grinste sein Gegenüber
an, wie ein echter Teufel.
„So wollen wir es kurz machen?
Ich brauche zwanzig Pfund Sterling
jetzt gleich, um mich hier loszumachen,
UU
wool zweifellos: er hat dem Haupt- Woche, mit zu verschwinden!"
5 dreihundert Pfund in einet
e
C' I
„Das gebe ich Ihnen keinenfalls,"
rief Acland entschlossen. „Ich will
Ihnen zehn Pfund jetzt geben, um
nach Havre, oder wohin Sie wollen,
kommen zn sonnen, und außerdem
zweihundertundvierzig Pfund, auf
drei Jahre vertheilt, in drei Raten
zahlbar, die jedoch eingestellt werden,
sobald Sie wieder nach England kom
men ober mich auf's Neue belästi
gen."
Blak lachte auf, kurz, durchdrin
gend.
„Pah, erbärmliche achtzig Pfund
im Jahr!" stieß er aus. „Was nützen
die mir?"
„Einem Spieler nützt überhaupt
nichts!" versetzte Acland.
Sie handelten eine gerannte Zeit
lang miteinander endlich wurde aus
gemacht, daß Acland ihm zehn Pfund
jetzt zahlen, sowie hundert Pfund an
eilte anzugebende Adresse in Havre
senden und ein zweites Hundert nach
Buenos Aires anweisen sollte. Die
aus sogleich verabredeten zehn Pfund
steckte Blak hastig ein, und Beide
suchten noch nach einem llebcreinfout*
melt, das sie gegenseitig binden sollte,
als sich die Thür öffnete und ein
Mann die Schwelle überschritt, ein
Mann, der kein anderer war als
Philipp Cranston.
Blak's Gesicht wurde granweiß
die Augen traten aus ihren Höhlen
und er sprang auf, als ob er fliehen
wolle.
„Gott im Himmel!" lotterte- er,
„Philipp Cranston lebt— lebt!"
„Ja, Philipp Cranston lebt, um
dich zu strafen, Schurke, der du bist!"
tönte die erhobenen Tones gegebene
Antwort zurück. „Dein Spiel ist
aus, vollends aus ich komme, dich
und all deine Pläne, die du noch
spinnen magst, zu vernichten!"
Mr. Acland traf der Name, den
zuerst Blak und dann Philipp nannte,
wie ein Schlag, und wie aus ein Ge
spenst starrte er auf den Eintreten
den, der kein Zweifel konnte noch
Blak's Anerkennung mehr in ihm be
stehen— der erste und damit der ein
zig richtige Gatte feiner von ihm an
gebeteten Frau war.
„Philipp Philipp Cranston?"
wiederholte auch er, stockend, athem
beraubt.
„Philipp Cranston, ja!" trat dieser
an den geradezu wie gelähmt Da
sitzenden heran. „Ich bin es und
kann es nicht ändern, daß ich lebe.
Aber fürchten Sie nichts, Mr. Ac
land, ich denke am allerwenigsten da
ran, Ihnen Ihre Rechte streitig zu
machen. Ich bin vielmehr zu jedem
Schritt bereit, den Sie fordern, denn
keinem Zweifel unterliegt das
Sie leiden am meisten durch meine
Verheimlichung. Welchen Weg Sie
oder Ihr Anwalt für recht halten,
ich werde mich ohne weiteres jeder
Forderung, welche eie stellen, fügen.
Um das eine aber bitte ich Sie: eini
gen Sie sich mit diesem Menschen in
keinerlei Weise überlassen Sie ihn
dem Schicksal! Was er auch zu sagen
vermag, es kann Ihnen, nachdem Sie
wissen, daß ich lebe, in keiner Gestalt
mehr schaden!"
„Hölle und Teufel!" wollte Blak
aufbrausen.
Aber „Still!" gebot Cranston ihm.
„Mit dir habe ich nichts zu thun,
weitn ich hierher kam, so geschah es
einzig, unt dich vollends zu zerschutet
tern. Sei du froh, wenn ich nicht
die Polizei benachrichtige und auf
dich aufmerksam mache!"
Wie ein vom ^turm geknicktes
Rohr brach Blak in sich zusammen.
„Aber mein Weib!" rief Mr. Ac
land, der aufgestanden war und dessen
ganzer Körper bebte. „Meine erste
Pflicht ist es doch, mein Weib zu
schützen!" Ein dumpfes Stöhnen
unterbrach feine Worte. „Heiliger
Gott, sie ist ja mein Weib gar nicht,
mein Weib, wie das Gesetz es for
dert! Himmel, was wird aus ihr wer
den? Aus ihr und aus meinen armen,
unglücklichen Kindern?"
Und er brach auf einen Stuhl zu
sammen.
»Hahaha!" lachte Bla? mit teufli
schem Hohn. „Das ist die Vergel
tung! Der Sohn, den sie verfolgt«
und schmähte, wo sie nur konnte, auf
den sie selbst die Schuld des Dieb»
stahls wars, er erhebt nun das
Haupt als Sieger, als Triumpha
tor über die unwürdigste Mutter!"
Acland, durch diesen Hohn zum
Aeußersten gebracht, versuchte mit
dem Schrei: „Lügner, ich glaube dir
nicht!" sich auf den Sprecher zu wer
sen, aber Cranston trat schnell da
zwischen.
„Es geziemt sich nicht, für Männer
unseres Alters, persönliche Gewalt
that aneinander zu üben!" sagte ei
kalt, aber entschieden. „Ueberlassen
wir ihn dem Gesetz! Kommen Sie,
Acland, wir haben hier nichts mehr
zu suchen!"
Er öffnete die Thür. Mr. Acland
schwankte langsam, mechanisch ans
dem Zimmer. Noch einmal sah Phi
lipp Cranston sich nach dem geschla
tfenen Vagabunden um, der, wie zu
Stein erstarrt, mit gesenktem Kops
und hängenden Armen dasaß.
Fast heftig schloß er die Thür zwi
schen sich und dem abschreckenden
Bilde, das sich ihm bot, bevor er dem
unglücklichen Manne folgte, dessen
Heim et durch sein Wiedererscheinen
zerstört und deffen ganzer Zukunft er
eine unerwartete Richtung gegeben
hatte.
Ein Wagen fuhr eben vorüber, als
sie aus dem Haufe traten. Cranston
tief den Kutscher an. Wie in einem
schweren Traume stieg Acland in das
Geführt.
Er hörte PHMpp's Worte kaum,
mit denen diejer sich von ihm verab
schiedete. Wie du vom Leben bereits
Abgestorbener lehnte er in den Pol
stem des Wagens, fand aber keinen
Laut der Erwiderung.
Mit einem Weh. dessen Sprache
U
lutbcfinirbor war, schaute Philipp
ihm nach.
„Er ist ein Opfer des Verhäng
nisfes geworden, eines unabwendba
ren Verhängnisses!" sprach tr vor sich
hin. „Was daraus werden soll, ich
vermag es nicht zu sagen! Gott nur
weiß es!"
Und wie selbst ein Traumwandeln
der schritt er dahin, erreichte er seine
Wohnung, wo er bereits wieder eine
Depesche seiner harrend fand. Mecha^
nisch öffnete er sie und las die
Worte:
„Der Onkel ist todt! Komme sofort
als der Besitzer von Leighton
Abbot!"
*^3EXXVIII.
Z w i s e n z w e i e z e n
Im Acland'schen Hanse herrschte
die größte Bestürzung. Mr. Aland,
welcher die peinlichste Pünktlichkeit
selbst zu sein pflegte, war zur ge
wohnten Tischstunde nicht heutige
kehrt, ein Ereigniß, fur welches sich
nur eine Erklärung finden ließ: daß
ihm etwas geschehen sein mußte, was
ihn an der Ausübung des sreen Wil
lens hinderte. Aber was konnte das
sein? Betraf es Mrs. Acland, was
ihn vom Kommen zurückhielt, oder
ihn selbst?
Marjory fragte es sich mit bang
klopfendem Herzen. Sie dachte keine
Sekunde daran, mit den Kindern,
welche indessen von der See zurück
gekehrt waren, allein zu essen in
fieberhafter Ungeduld, welche mit der
vorschreitenden Zeit sich steigerte,
wartete sie aus des Vaters Kommen,
und diese Ungewißheit ließ sie auf's
neue erkennen, daß, so ungerecht er
auch an ihr gehandelt hatte, ihrer
Liebe für ihn dadurch keinen Abbruch
geschehen war, sondern daß sie ihn
vielmehr nach wie vor innig liebte,
wie eben wahre Liebe sich niemals
ändern kann, sondern allen Prüfun
gen und allen Stürmen Trotz bietet.
Wie eine Erlösung fiel in diese
Ungewißheit eine Nachricht von Mr.
Croß, welcher Marjory mittheilte,
daß ihr Vater, bei seinem Compagnon
weilend, von einem lächwindetanfall
ergriffen worden sei und es deshalb
vorgezogen habe, bei demselben zu
bleiben. Marjory möchte alles für
ihn Erforderliche durch den Boten,
welcher diese Mittheilung überbrachte,
schicken.
Einen Bann nahm diese Erklärung
von ihr, wenn dieselbe andererseits
ihre Pflichten auch noch mehrte, weil
damit die ganze Sorge um das Haus
auf ihre Schultern fiel. Aber unter
dem Tust und Glanz des Liebesfrüh
lingS, der ihre ganze Seele ausfüllte,
verblich alles kleinlich Materielle zur
Nichtigkeit und loste sich vollends in's
Leere auf, als der nächstfolgende Tag
ihr einen Besuch brachte, mit welchem
alle Blüthen in ihrem Herzen, wie
die des Lenzes unter dem lebenwecken
den Maienhauch, mit Macht ausbra
chen, den Besuch Dick's.
Der Schlag ihres Herzens drohte
ihr zu versagen, ihr Athem ihr aus
zugehen, als sie an seiner Brust lag,
seine Anne sie fest umfingen, seine
Lippen sich auf die ihren preßten in
heißem Kusse und seine Augen sich in
die ihren versenkten, so treuinnig und
so gluthvoll zugleich, daß die Sinne
ihr schwanden.
„Wie bleich und schmal du gewor
den bist, Marge!" flüsterte er ihr zu.
„Dein Gesicht besteht nur aus Augen,
aus unsagbar süßen Augen!"
„Ich fühle mich auch seht, sehr
unglücklich, Dick, getrennt von dir!
Aber nun ist alles gut, da ich dich»
dich wieder bei mir weiß!"
(Fortsetzung folgt.)
E i n e e i e e a u
Gattin: Es ist keine Art,
daß Du gar nichts thust! Du soll
test Dich doch um eine Stellung be
mühen .... nicht einmal einen Or
den hast Du!"
Gatte: „Aber ich weifc gat nicht,
warum Du so drängst, liebes Kind—
ich bin ja erst vierzig Jahre!"
Gattin »Ach, das ist gar keine
Entschuldigung! In Deinem Alter
war Alexander der Große schon sieben
Jahre todt.
S e s e
Gardelieutenant (in einer Galle
rte historischer Frauenschönheiten):
„Arme Frauen! Haben mich nicht
erlebt!"
Z u i e v e a n I
Wstwirth (zum Schildermalet):
„Können Sie mir nicht noch eiapocit
weiche Eier irgendwo auf das
Schild hinmoleu?^
A u s e I n s u o s s u n
Unteroffizier: „Huber, was thut
der Posten, wenn er sieht, daß die
Ablösung kommt?"
Hübet: „Er freut sich!"
E n u s
Entführer: „WaS telegtaphitt Dit
Dein Mmtn?"
Entführte: „Dalies: Kesternich
zurück Alles verziehen!"
a i i o S.
A? „Sieh' da den Dichtes W
sich gerade dem Gedränge aussetzt!"
B: „Das thut er nur, um endlich
einmal gedruckt zu werde»!" (Au!"
W o e i n e n
Schriftsteller: „Was soll ich nun
mit meinem zurückgewiesenen fünf
a.tigen Drama anfangen?"
Kritiker: „Mache einen „Gedanken
splittet" daraus!"
Z u v i e v e a n
k
Professor: „WarumhabenSie^RiH
nicht gegrüßt?"
Schüler: „Entschuldigen Hett Pro
fessor, ich bin kurzsichtig."
Professor: „Dann hatten Sie ein»
fach n st bet kommen sollen.«
'•^1
v
,- V
V
ZigeuuernMflk«
f*
üfflfrntr Trägheit utrb Leichksiim etlfe
Tugenden brach legen, so befördern
doch bei den Zigeunern zwei Talentes,
das der Poesie und 'der Musik k?
Wie die wandernden teilen te deD
Mittelalters «das Volkslied und die
ftiedeltänze erfanben, während sie
den Bock gespannt auf der Schande
•bühne faßen, so sind auch die Zigeuner
trotz aller Bedrängnis} ihres Stamme?
Musikanten geblieben bis auf den hew»:
tigen Tag—mehr als Mu'siftmten-ry
Musiker. In ihren Pochen wcht d«f
Hauch des Orients schwül und dufitfc
wie ein Mittag lüftchen über Narziß
sn. Keine andere Musik hat 'dieD
eigenartige, bizarre, bald klagende,
bald schmeicheliwe, beinahe winselnde
Klangfarbe. Freilich ist sie nie frei
von Effectl,ascherei. Bald wird da»
Tempo gezogen und gedehnt» daß e£
wie das Klagen 'des Windes klingt,
bald wird es überhastet, so daß ma»
einen Katarakt von Tönen ?u hören
glaubt. Man ist verblüfft, gefangeh, s
man meint, das Höchste gehört zu hawr
ben, und Hat doch eigentlich nur dafr
Rafftnirteste kennen gelernt. Die
schrillen Töne «der -Panflöte femeiflM',
primitiven Instrument, 'dessen anein*'
andergefügte Robren von verschiedene?
Länge aus Schilfrohr bestehen) hiipfeW,-
gleich Irrlichtern über dem stagmren*
den Wasser der ungarischen Klage»
melodic, das Cymbal rauscht, bSrf*/
Mandoline schwirrt, und in diese!
Tönebachanal kratzt und ptept danck
manchmal noch das. „Jl Remo" ge»
nannte, einem Reibeisen ähnliche Mu»
sikwerkzmg, welches fetzt durch de»
^Kontrabaß ersetzt zu toertteit pflegA
Ueber dem alten aber schwebt die Ko»
nigin der Instrumente, die Geige, diy
istete Begleiterin der Zigeuner, seine
Freundin ernt twr Wiege *a$ ja* «*.
Grabe. W*
„Die Geige gibt mir Leben,
Trank und Speis' muß sie mir gefren|
Wenn ich nicht mehr geigen kann»
Bin ich ein verlorener Mann,
Will mein Herz vor Leid zerspringe«^
Hör' im Sack kein Gel? ich klingen,
Spiel' ein Liedchen ich auf derGeigeir»
Bringe Hunger, Schmerz zum Schwei»
gm."
So sftigt der Zige-unsr, und diesW
und noch viele andere Weisen aus deU
sönst so spärlichen Zigeunerliieratu»
charaftenfireit vollauf den Werth unk
die Bedeutung der Geige im Leben deS
Zigeuners, Q, es sind manchmal' gar
primitive Instrumente darunter—aber
itoelche Mlle. welche Kraft, welchem
•Schmelz des Tones weiß der Zigeuè
seiner 'Geige zu entlocken. Malig
ner
fragt sich unwillkürlich: haben denn
die'e. allen modernen Kulturbestrebun»
gen so wenig zugänglichen Ahasöere
eine Seele, höher, edkr, himmelsah
[nender als die unser igen? Sind 'demr
Iverbannte Cherubsgeister eingeschlos
sen in diese 'wettergebräunten Räuber»
gestalten? Und. dieses Musikgedächt
niß! Der Zigeuner braucht eine Me*
lodie, ein Tonstück nur zwei-, dreimal
zu hören, und er vermag es fast ohne
«Stocken wiederzugeben. Aber er wird»
auch jedes Tonstück der Kunstmusik ein
wenig „tierzigeunern", und eine Sym
phonie oder eine Opernarie, von Zi
geunern gespielt, hat immer etwas
Zerfahrenes, Wüstes unfr ist des ur
sprünalichen Charakters bar. Der Zi
geuner drückt eben jedem Tonstück sei
nen eigenen Typus ans. Was dagegen»
•dem Zigeuner Niemand nachspielet»
kann,, das sind die rumänischen Briul,
Hora und die Doinas. Die rumäni
schen Dornas, elegische, thränendurch
gitterte Weisen, die einen eigerrthümli*
chen Reiz besitzen, sind das Gegenstück
zu den stürmisch berauschenden unga
rischen Marschen. Auch die rumäni
schen Zigeuner sind geborene Musiker
und Tänzer, die den Takt in der Seele
zu heben scheinen, und bei denen tanzen?
urrb spielen und gehen lernen dasselbe
ist: denn wenn die Mutter irr bicHände
klatscht, macht das Kind, 'das kaum,
auf den lüften stehen kann, schon tast*
mähige Bewegungen dazu. Hat daS
Kind dann das Alter von vier bis
sechs Jahren erreicht, so wird ihm eine
kleine Geige „Pochetto,, fn die Hand
gegeben, auf der es sich mit der ihm
angeborene Liebe und Veranlagung
ohne iegliche Unterweisung versucht.
Den fremden bietet sich in den rumä
nischen Vorstädten und Gassen, welch«,.
den Zigeunern zugewiesen sind, oft:}
das seltsame Schauspiel eines aus dec
Straße von unbekleideten und zerzau
sten Kindern ausgeführten Streich
concerts, das in durchaus nicht un
harmonischen Weise ein den alten
Spiellenten abgelauschtes Lied wieder».
giebt. Ein zweites Liefcltngsinftru*^ .'S
ment besitzen die Zigeuner in der'
Harfe. Doch dient ihnen dieses In- "f\
sfrument eher zum-Begleiten von Lie
dern, als zur Ausführung von Solo
vortragen. Im Zusammenspiel sind
die Zigeuner fast unübertrefflich. Vor'
einigen Iahren spielten zehn Kapellen
gleichzeitig den Rakoczi-Marsch nach
dem Geb'ör mit einer solchen Akkura
tesse, daß das Publikum in helle Be
geisterung ausbrach. Und dabei hat
ten diese zehn Kapellen zur Einstudi
rung dieses Zusammenspiels vielleicht
drei Stunden verwandt dessen urtge*
achtet hielten sie Unterschiede von einet
Vierundsschszigstel Note takt mäßig A
fest. Der „Primarsch" spielte die £3
erste Geige und dtrigirte zu gleicher
Zeit. Die Kenntniß der musikalischen'*
Theorie und der Harmonie ist. bei die- .*j$
sen ungarisechn Musikant* gleiche "***$
Null. Sie kümmern sich nicht um
den Kontrapunkt, und vom Notenlesen. •.
ist bei ihnen kaum die Rede. Auch m»/*'
Bravourstücken sind die Zigeuner With
ster. Gleich Paginini spielte
Zsakay Iani auf zwei Saiten, als ihn»^.
einst zwei während des Spiels gertf**
sen totttttt. I .• 1. ur
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