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Der Deutsche beobachter. [volume] (New Philadelphia, Ohio) 1869-1911, May 09, 1894, Image 3

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IN-
baMWchel.
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(9. Fortsetzung.)
»®a8 Üeine Burgfräulein scheint
-Oberhaupt sehr beschränkter Natur zu
fein," spottete Raoul. »Für ge
«ähnlich ist sie stumm wie ihre Ah*
Rengruft, und sobald man auf die
Historische Feder drückt, fängt sie an,
-wie ein Papagei zu plappern. Dann
schnurrt sofort ein ganzes Jahrhun
fccrt herunter, mit Haarstraubenden
Mitternamen und unendlichen Jahres
Hahlen, es ist wirklich grauenhast!"
V „Und doch bist Du es gerade, der
Herlinde veranlaßt, sich immer wie
"tier in dieser Weise lächerlich zu ma
chen," sagte die Gräfin vorwurfsvoll.
J$bie ist viel zu unerfahren, um hin
itr Deiner Artigkeit und Deiner
.MeinbarenBewunderungihrcrKennt
«isse den schonungslosen Spott zu be
Merken. Kannst Du sie denn nicht
tlt Frieden lassen?"
„Sie fordert aber den Spott ge
radezu heraus," warf Hortense ein.
„Mein Himmel, welche Toilette und
Welche Verbeugungen! Und wenn
sie den Mund öffnet, ist es vollends
-aus. Nimm es mir nicht übel, liebe
Marianne, aoer es ist fast unmöglich,
Deinen Schützling in die Gesellschaft
'einzuführen."
„Das ist nicht die Schuld der ar
men Kleinen," sagte Marianne.
*Sie hat das Unglück gelabt, schon
tit den ersten Kinderjahren ihre Mut
ter zu verlieren, hat nie etwas von
Her Welt gesehen, ist nie mit Men
jchen in Berührung gekommen, den
Vater ausgenommen, und der alte
Sonderling hat das Kind förmlich
abgerichtet und untauglich gemacht
Dr jeden anderen Umgang."
„Ich bewundere Ihre Geduld, Ma
rianne, daß Sie überhaupt noch mit
Oberstem verkehren," sagte Steinrück.
JJch habe ihn früher einmal aufge
sucht, weil er mir in seiner Verein
•fanning leid that, mu.ßte aber sofort
höreu, daß sein Geschlecht zweihun
hert Jahre älter sei, als das meinige.
Ich glaube, er hat mir das sechsmal
erzählt es war überhaupt kein ver
nünftigcs Wort mit ihm zu reden, so
hatte er sich schon damals in seine
Marotten verrannt, und jetzt scheint
beinahe kindisch geworden zu sein."
..Er ist alt und trank, und es ist
«ein trauriges Schicksal, in Armuth
ANd Einsamkeit zu verkümmern," ent
segnete die Gräfin sanst. „Seit ihn
fem Gichtleiden zwang, den Abschied
.zunehmen, besitz ter nichts als seine
kleine Pension und die alten Trüm
mer der Ebersburg. Wenn er wenig
fltn» nur zu bewegen wäre, Gerlinde
auf einige Zeit von sich zu lassen, ich
lMme sie gern mit nach Berkheim
oder nach der Stadt, da wir ja in die
fem Winter auf einige Zeit dorthin
gehen, aber das wird kaum zu errei
Hen sein."
„Der alte Egoist!" sagte der Gene
teil ärgerlich. „Was soll denn aus
dem Kinde werden, wenn er die Augen
schließt? Aber unsere jungen- Da
men lassen in der That auf sich war
ten, es wird Zeit, haß sie erschei
tienv*
Die jungen Damen hatten sich aller
dings etwas verspätet, aber es waren
nicht Toilettenangelegenheiten, die sie
zurückhielten. Hertha befand sich
schon völlig angekleidet in ihrem
Zimmer, sie hatte ihre Kammerfrau
fortgesandt und stand vor dem großen
Spiegel, in den sie unverwandt hin
einblickte. Man hätte glauben kön
nen, sie sei in die Bewunderung ihrer
eigenen Schönheit versunken, aber
die Augen hatten einen seltsam träu
Menden Ausdruck und sahen offenbar
Hichts votk dem Bilde, welches das
helle Glas zurückwarf sie schienen
weit darüber hinauszublicken in un
endliche Fernen.
Da wurde leise die Thür des Ne
benzimmers geöffnet, und Gerlinde
erschien. Die beiden jungen Mäd
chen hatten stets mit-einander ver
kehrt, wenn die gväfliche'Familie nach
Steinrück kam, dennoch herrschte nicht
die geringste Vertraulichkeit zwischen
ihnen. Gerlinde blickte mit scheuer
Bewunderung zu der glänzenden
Hertüa empor, während ihr diese
höchstens eine mitleidige Duldung ge
währte und ste bisweilen sogar mit
dem ganzen Ueberinuthe des verzöge
tttn Glückskinde» verspottete. Auch
heute'ruhten die Augen des „kleinen
Burgfräuleins" mit neidloser Be
wunderung auf der jungen Gräfin,
tte in der That bräutlich schön aus
sah in dem weißen Atlaskleide, das
in weichen schweren Falten niederfloß.
Das Haar schmückte nur eine einzige
weiße Rose, und ein Strauß duften
der, halbverschwssener Htosenknospen
lag aus dem Tischchen mbMÄxm
Spiegel. •,
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B&
SN
i
„Wie schön Du bist!" sagte Ger
jUsntic unwillkürlich. Die junge Grä
sin wasdte sich.nun uyd lächelte, gber
es war kein Lächeln befriedigter Eitel
teit.
^.„Jch kann Dir,das Kompliment
ânriickticben," erwiderte sie. „Du
Ml)st heute allerliebst uns."
Das junge Mädchen trug allerdings
Sticht mehr das graue Aschenbrödel
ttekdchen, die Gräfin hatte dafür ge
sorgt, daß ihr Pnthenkind bei dem
heutigen Feste in entsprechender Toi
lette erschien, aber Gerlinde fühlte sich
osfenbar bedrückt von der un^ewohn
ten Pracht und verstand es nicht, sich
tzvrik zu beBegen. Sie mochte wohl
ftihlty, wie wenig sie überhaupt in
bieten glèwOnden Kreis paßte, und
das verschüchtcte sie noch mehr. Ver
legen und än^Mich stand sie va und
wagte saunt diè Augen auszuschla-
JRur biete iächerftchc steife Hat
ßâlNg mußt Du ablegen," krltlstrte
Hertha. è aui der
7'n11-
einsamen Ebersdurg noch völlig. Dich
unter Menschen zu bewegen. Du siehst
ja Niemand dort, als Deinen Vater
und höchstens die Bauern des benach
borten Dorfes, Km 2DjL die Messe
hörst." ...
Gerlinde schwieg Md senkte dttS
Köpfchen. Niemand? Sie dachte
an den jungen Gast, der in Sturm
und Unwetter gekommen und im hel
len Sonnenschein wieder, gegangen
war, aber sie hatte das bisher noch
mit temer Silbe erwähnt, obgleich es
ein Ereigniß in ihrem einsamen Le
ben war. Eine unbewußte Scheu
schloß ihr die Lippen, und heute
hätte sie nun vollends nicht davon
sprechen können. Die Erinnerung an
den sonnigen Morgentraum auf den
alten' Burgtrümmern gehörte nicht
vor das Ohr der jungen Dame,
welche die Jugendfreundin mit so
kühler Ueberleg-nheit hofmeisterte.
Hertha hatte sich wieder umge
wandt, sie streifte dabei das Tischchen,
wo der Rosenstrauß lag, und dieser
fiel zu Boden, ohne daß sie es beach
tete Ge rlinde hob ihn auf.'
/.
„Danke!" sagte Hertha gleichgKl
ug, indem sie die Blumen wieder in
Empfang nahm. Sie schienen nur
lose zusammengefügt zu fein, denn
eine der Rosen hatte sich qui dem
Kreise ihrer Schwestern gelöst und
lag gerade zu den Füßen der jungen
Gräfin, die mit einem eigenthümlich
derben Ausdruck darauf niederschaute.
Vielleicht kam ihr die Erinnerung an
jenen Abend, wo auch solch eine duf
tende Knospe ihrer Hand entfallen
war, um wenige Minuten darauf zu
sterben unter einem eisernen Tritt,
der sie zermalmte.
„Laß das!" wehrte sie heftig, als
Gerlinde sich von Neuem bücken wollte.
Was lieg bett an der einzelnen Rase,
ich habe ja genug davon."
„Es ist aber ein Geschenk Deines
Bräutigams." bemerkte das junge
Mädchen.
„Nun ja, ich werde es auch am
heutigen Abend tragen, mehr kann
Raoul doch nicht verlangen. Wenn
nur erst die Ceremonie des Glückwün
schens vorüber wäre! Es ist tödtlich
langweilig, von Jedem dasselbe zu
hören und all diesen'banalen Redens
arten Stand halten zu müssen. Ich
bin heute gar nUbt in der Stimmung
dazu."
Die Worte klangen sehr ungedul
dig, und es lag auch eine nervöse
Ungeduld in der Art, mit der sie jetzt
im Zimmer auf und ab zu schreiten
begann. Gerlindèns Augen folgten
erstaunt der stolzen, königlichen Er
scheinung, der die schwere Atlas
schleppe rauschend nachfolgte sie be
griff nicht, daß eine Braut an ihrem
Verlobungstage nicht in der Stim
mung sein könne, Glückwünsche zu
empfangen, und mit naiver Verwun
derung fragte siè:
„Hast Du denn den Grauf Aaoul
nicht lieb?"
E
Hertha blieb plötzlich stehen.
„Seltsame Frage, wie kommst Du
darauf? Gewiß habe ich ihn lieb,
wir sind ja für einander erzogen wor
den, ich wußte ja schon in meinen
Kinderjahren, daß er mir zum Ge
mahl bestimmt war. Er ist schön,
ritterlich, liebenswürdig, mir gleich
an Namen und Geschlecht, weshalb
soll ich ihn denn nicht lieben. Du
glaubst wohl, es müsse bei einer Ver
mählung noch heute so romantisch zu
gehen, wie in Deinen alten Chronik
büchern, wo immer erst um die Braut
gekämpft und gestritten wird? Du
hast uns ja gestern erst eine derartige
Geschichte erzählt von einer Ger
trudis—"
„GertrudiS von Eberstein und
Dietrich Fernfcacfje*,? fiel Gerlinde
schleunigst ein, als habe sie mit dem
Namen ein Stichwort erhalten. „Aber
sie durfte ihn nicht ehelichen, dieweil
er nicht ritterlicher Abkunft, son
dern nur der Sohn eines Kaufherrn
war."
„Sie durfte nicht?" fragte Hertha,
den Kopf aufwerfend. „Sie wollte
vielleicht auch nicht, es widerstrebte
ihr wahrscheinlich, den alten, edlen
Namen ihres Geschlechtes gegen den
einer reich gewordenen Krämerfamilie
umzutauschen. begreifst Tu das
nicht Gerlinde? Was würdest Du
thun, wenn Du zum Beispiel einen
bürgerlichen liebtest?"
„Das wäre schrecklich!" sägte das
kleine Burgfrüiuein, mit dem Ent
setzen eines Sprößlings aus dem
zehnten Jahrhundert, fetzte aber dann
mit voller UekerzeugMA hinzu:
'fte nicht
„Mein Pahä sagt, ttojstiir
vorkommen."
„Es ist aber doch vorgekommen so
gar in Eurem eigenen Geschlechte.
Wie endete denn dwSache eigentlich,
hat Deine Ahnfrau auf ihren Dietrich
verzichtet?"
Die arme Gerlinde merkte cl in
der That nicht, daß sie während ver
ganzen Zeit ihres Hierseins nur das
Stichblatt für- den Sp.ptt Raoul's
und Hertha's gewesen war, die sie bei
jeder Gelegenheit veranlaßten, sich
lächerlich zu machen. Sie wollte sich
so gern dankbar zeigen für die ge
spendete Gastfreundschaft und glaubte
in aller Unschuld und .'öarnilofigfcit,
man interesfire sich in Steinrück wirk
die GeschichchM, die ihr-so un«
endlich wichtig erschienen. So fat*
te-te 'sie denn auch jetzt ernsthast die
Hände, und begann wieder in der ge»
wohnten,, Art,einen Abschnitt ihrer
Hauschronik /herzubeten, der aber
diesmal nicht mit einer fröhlichen
Hochzeit endete, wie bei Kunrad von
Eberstein und Hildegund von Otte
nau, sondern mit einer Trennung.
Die Geschichte war sehr lang, und bis
Nitternamen und JahreSzablen, die
Raoul so haarsträubend fand, kamen
wieder in unendlicher Menge vor,
aber die junge Gräfin schien heute
ihre Spottlust verloren zu haben.
Me war an das Fenster getreten und
blickte unverwandt und regnttgSloK
hinauè, bis Gerlinde schloß:
5.
„Also war Gertrudis vermählt an
den edlen Herrn Ringstetten, und
Dietrich Fernbacher zog hinaus in
den Kampf gegen die Ungläubigen
und kam nimmex wieder."
„Und kam »immer wieder
nimmer!" V
Hertha's LWen sprachen leise, wie
traumverloren die Worte nach, und
dabei nahmen ihre Augen wieder den
seltsamen Ausdruck an wie vorhin,
als sähen sie etwas, das in weiter
Ferne lag, weit hinter dem Ntbel und
der Dämmerung, welche die Land
schast draußen zu verschleiern bc»
gann.
Es entstand ein längeres Schwei
gen, das Gerlinde nicht zu brechen
wagte, aber endlich mahnte sie doch
leise:
„Hertha ich glaube, es ist Zeit."
Hertha sah auf, als «mW sie aus
einem Traume geweckt.
„Zeit wozu?"
„Zu%dem Feste man erwartet
uns."
„Ja, so das hatte ich vergessen!
Geh' voran, Gerlinde,, ich folge so
gleich, ich will nur noch etwas an
meiner Toilette ändern.. Ich bitte
Dich, geh!"
Die Aufforderung klang so be
stimmt, daß das junge Mädchen ohne
weiteres Zögern gehorchte, sie war
aber kaum zu der Treppe gelangt, die
in das untere Stockwerk führte, als
ibr ein Diener engegenkam, den der
General abgesandt hatte. Excellenz
ließen die junge Gräfin um ihre Ge»
genwart bitten, soeben sei der erste
Wagen in den Schloßhof gefahren.
Gerlinde kehrte um, um selbst die
Botschaft auszurichten geräuschlos
glitt ihr Fuß über den Teppich des
Vorzimmers und ebenso geräuschlos
öffnete sie die Thür, blieb aber betraf
fen auf der Schwelle stehen.
Hertha saß oder lag vielmehr in
dem Armsessel am Fenster, die Hände
krampfhask in einander geschlungen,
das Haupt zurückgelehnt, aber unter
den geschlossenen Wimpern drängte
sich eine Thräne hervor, und die
Brust hob und senkte sich unter einem
wilden, leidenschaftlichen Schluchzen.
Die junge Braut weinte, weinte so
heiß und schmerzlich, wie einst das
Kind geweint hatte, als die weißen
Schneerosen, die man den zerstören
den kleinen Händen entrissen hatte,
den Flammentod starben.
„Hertha, liebe Hertha, was ist
Dir?" rief Gerlinde auf sie zueilend.
Die Gerufene fuhr empor.und ein
Blitz des Zornes sprühte Clus ihren
Augen.
„Was willst Du, weshalb kommst
DU zurück? Kann ich denn nicht eine
Minute allein sein?"
„Ich wollte ich kam nur, Dich
zu holen," sagte das junge Mädchen
scheu zurückweichend. Graf Stein
rück läßt Dich bitten zu kommen, die
Gäste fahren bereit? vor."
Hertha erhob sich und fuhr mit
dem Tafchentuch über das Gesicht.
In einem Momente waren die Thrä
nenspuren vertilgt und die junge
Gräfin trat anscheinend ganz ruhig
vor den Spiegel, um noch einen prü
fenden Blick auf.ihre Toilette zu wer
fen. Dann griff sie nach dem Ro
fenstrauß.
„Nun, laß uns gehen!"
Sie gingen, das Atlasgewand
rauschte über die Treppenstufen, und
wenige Minuten später traten sie in
den Empfangssalon, wo die Braut
bereits mit Ungeduld erwartet wurde.
Im Schloßhof fuhr jetzt Wagen
auf Wagen vor und die Festräume
begannen sich zu beleben, die Gäste
trafen immer zahlreicher ein, und
noch vor Ablauf einer Stunde war
die ganze Gesellschaft versammelt,
vor der General Steinrück nunmehr
in aller Form die Verlobung seines
Enkels mit der Gräfin Hertha ver
kündigte.
Von Naonl's Stirn war jede Wolke
verschwunden, er schien heute nur
Augen für seine Braut zu haben, die
sö schön, so stolz und siegesgewiß an
seiner Seite stand und für jeden
Glückwunsch, für jedes Compliment
ein Lächeln hatte. Man fand das
sehr natürlich und begriff auch die
strahlende Heiterkeit auf dem Antlitz
des alten Grafen, dessen eigenstes
Werk diese Verbindung war. Er
hatte mit fester Hand zusammenge
fügt, was durch Geburt und Name,
durch Glanz und Reichthum znsain
mengeborte, und es war|o jchsyes,
ein so glückliches'Paar.
Ein trüber Oktoberhimmel lag über
dem endlosen Häusermeer der Haupt
stadt, das sich mit jedem Jahre weiter
nnd mächtiger ausbreitete. In den
Hauptstraßen fluthete der Verkehr
wie gewöhnlich und das unaufhör
liche Menschengewoge, der Lärm und
das Wagengerassel hatten etwas Be
täubendes für ?eben. der aus der
stillen Einsal"!»'! Berye kam und
nun mitten in dies fluthende Leben
flerieth.
Der General Steinrück hatte seine
Wohnung in einem der militärischen
Dienstgebäutze, wo ihm die sammt»
lichen Räume des ersten Stockwerkes
zur Verfügung standen. Die Ein
richtung war eine reiche, theilweise
sogar luxuriöse, soweit sie die Zim
mer der Gräsin Hortense betraf
Steinrück trug in diesem Punkte dem
Geschmack seinere Schwiegertochter
Rechnung und ließ ihr überhaupt
freie Hand in Allem, was die Reprä
sentation betraf, während ét anderer
seits die Zügel seines HauseS fest in
Händen hielt. Seine Stellung er
laubte ihm immerhin, auf größerem
Fuße zu leben, wenn auch die Ein
künfte des Familiengutes nicht be
deuten!) waren.
Die Wohnräume des Generals wa
ren im Gegensatz zu denen seiner
Schwiegertochter sehr schmucklos ein
gerichtet, und das Arbeitszimmer
vollends war von einer beinahe spar
tanischen Einfachheit. Hier herrschte
J's V
MA
.in ii'*i I»
kein trauliches Haioöunfel, wie
jenen Salons hier gab es keine wei
then Teppiche und orientalischen Vor
hänge, sogar der künstlerische Schmuck
von Gemälden und Statuen fehlte.
Durch die hohen Fenster drang das
Tageslicht voll und scharf herein auf
dem Schreibtische waren Papiere,
Briefschaften und Bücher sorgfältig
geordnet, die Möbel von hellem
Eichenholz ohne jede Schnitzerei oder
sonstige Verzierung, mit dunklem
Leder überzogen, konnten kaum
schmuckloser sein, und die Bilder an
den Wänden hatten offenbar nur
einen persönlichen Werth für den Be
sitzer, als Familienandenken oder als
Erinnerungszeichen. Es war ein Ge
mach zum Arbeiten, nicht zum behag
lichen Ausruhen, und es entsprach in
seiner strengen, fast nüchternen Ein
fachheit völlig dem Charakter seines
Bewohners.
Steinrück saß am Schreibtische und
sprach mit seinem Enkel, der soeben
von Berkheim zurückgekehrt war, wo
hin er seine Braut und deren Mutter
begleitet hatte. Raoul schien wirk
lich ein glücklicher Bräutigam zu sein
aus seinem Gesichte lag heller Son
nenschein, als er von der Reise bench
tete, auch um die strengen Züge des
Grafen spielte ein Lächeln: die Er
füllung seines Lieblingswunsches
machte ihn weit milder und zugäng
licher als sonst.
Sie hatten von dem bevorstehenden
Besuch Hertha's und ihrer Mutter,
von der Vermählung gesprochen, die
im nächsten Sommer stattfinden sollte,
und Raoul sagte endlich:
„Du wirst mich jetzt wohl fort
schicken müssen, Großpapa, es ist die
Stunde Deines dienstlichen Empfan
ges."
„Noch nicht," entgegnete der Gene
ral mit einem Blick auf die Uhr.
„Wir haben immerhin noch eine
Viertelstunde Zeit, and überdies
liegt für heute nichts Besonderes vor,
nur einige Meldungen und Vorstel
lungen jüngerer Ossiciere."
Er nahm ein Blatt vom Schreib
tische und überflog es, auf einmal
aber verfinsterte sich sein Gesicht und
halblaut murmelte er:
„Ah so! Also heute!"
Raoul, der neben dem Großvater
stand, hatte gleichfalls einen Blick auf
die Liste geworfen und dort einen be
kannten Namen gefunden.
„Lieutenant Rodenberg?" Ist der
zum Generalstab commcinbirt?
„Kennst Du ihn?" fragte Stein
rück, sich rasch umwendend.
„Einigermaßen, ich war im ver
gangenen Jahre mit den Rodenbergs
zu einer Jagdpârtie geladen. Es ist
doch einer der Söhne des Obersten,
der in W. kommandirt?"
„Nein!" sagte der General kalt.
„Nicht? Ich glaubte, es gäbe gar
keinen anderen Träger des Namens
in der Armee."
„Ich glaubte es auch und war in
demselben Irrthum befangen wie
Du. Ich werde Dich wohl darüber
aufklären müssen, Raoul, welche Be
wandtniß es mit diesem Rodenberg
hat. Du bist ja durch Deine Mutter
längst eingeweiht in die Familien
geschichte unseres Hauses."
Der junge Graf stutzte und richtete
einen Blick aus den Großvater.
„Ich weiß allerdings, daß dieser
Name noch eine andere, peinliche Be
beutung für uns hat, aber davon
kann doch hier unmöglich die Rede
fein. Es ist doch nicht etwa
„Louisens Sohn!" vollendete Stein
rück finster.
WX'ir
1
„Um dés Himmels willen,. das
fehlte nur noch!" rief Raoul in voller
Bestürzung. „Taucht diese unselige
Geschichte wieder empor, die wir
längst begraben und vergessen wähn
ten? Der Bube war ja davon ge
laufen, war gestorben und verdorben,
wie es damals hieß. Wie kommt
dieser Bursche, der Sohn des Aben
teurers, zu einer solchen Lebens
stellung'?"
Der General runzelte die Stirn in
diesem Augenblick Überwog bei dem
alten Krieger der Corpsgeist alles
Uebrige, selbst die Abneigung gegen
den verleugneten und gehaßten Sohn
des „Abenteurers" trat davor zurück.
Michael trug wie er deuDegen an der
Seite beschimpfen ließ er ihn nicht
in seiner Gegenwart.
„Mäßige Dich!" sagte er streng.
„Es handelt sich um einen Ofsicier
der Armee, einen sehr tüchtigen Offi
cier sogar, von dein spricht man nicht
in solchen Ausdrücken."
„Aber, Großpapa, Du wirst doch
zugeben, daß dieser Rodenberg uns
im höchsten Grade lästig, ja noch
mehr werden kann, gerade weil er
Ofsicier ist, denn das giebt ihm die
Möglichkeit, unseren Kreisen zu na
hen, und auf welchem Fuß sollen wir
denn mit ihm verkehren? Und ge
rade jetzt kommt er zum Vorschein,
wo meine Verlobung mit Hertha die
Augen der ganzen Gesellschaft auf
uns richtet! Er wird natürlich nichts
Eiligeres zu thun haben, als seine
Beziehungen zu uns aller Welt zu
verkündigen."
„Das bezweifle ich, sonst wäre es
längst geschehen: es weiß aber bis zur
Stunde Niemand darum, ich habe
Erkundigungen eingezogen. Jeden
falls muß er wissen, daß wir nicht
geneigt sind, diese Beziehungen anzu
erkennen."
„Gleichviel! Anerkannt ober nicht,
er wird früher oder später als Enkel
des Grafen Steinrück auftreten und
den nöthigen Vortheil aus dieser
Stellung zu ziehen wissen. Glaubst
Du wirklich, daß ein bürgerlicher
Ofsicier diesem Vortheile entsagen
und seine nahe Verwandtschaft mit
dem kommandirenden General ver
schweigen wird?"
„Jedenfalls werde ich versuchen,
das zu erreichen. Du hast Recht, ge
rade jetzt muß dies Wühlen in der
Vergangenheit, dies Hèvorzerren
alter, längst begrabener Geschichten
s i
tux Jeden Vreis vermieden werden.
Ich xjâvz Zcodenserg nur ein einziges
Mal gesehen, aber wie ich ihn be
urtheile, bleibt ein Appell an fein
Ehrgefühl nicht vergeblich. Er wird
sich einer Familie nicht aufdrängen,
die ihn nun einmal nicht kennen will,
und er hat mindestens ebenso viel
Grund wie wir, das Andenken seines
Vaters in der Dunkelheit und Ver
gessenheit zu lassen. Wie sich die An
gelegenheit aber auch gestalten mag,
Du schweigst unbedingt darüber gegen
Deme Braut und deren Mutter. Sie
sind durch Zufall mit Rodenberg
sannt geworden und haben ahnungâ
los mit ihm verkehrt."
„Sagte ich es nicht, es ist ein Un
glück, daß dieser Mensch gerade Offi
cier ist!" rief Raoul heftig. „In je
dem anderen Lebenskreise könnte man
ihn ignoriren, jetzt hat er bereits Ge
legenheit gesunden, sich den Damen
unseres Hauses zu nahen, und das
wird in wohlberechneter Absicht ge
schehen fein. Selbstverständlich dür
sen sie nicht erfahren, wer er ist. Wie
würde die stolze Hertha mich an
blicken, müßte ich mich vor ihr zu die
sem Vetter bekennen! Das muß ver
hindert werden, koste es, was es
wolle, wir sind ja sicher zu jedem
Opfer bereit', wenn
„Du vergißt immer, daß es sich jetzt
um den Lieutenant Rodenberg han
bett," unterbrach ihn der General mit
voller Schärfe. „Einem Offizier un
serer Armee kann man sein Schweigen
nicht abkaufen, man kann sich hoch
stens an seinen Stolz wenden. Er muß
und wird begreifen, daß es keine Ehre
ist, mit dem Scchne seines Vaters ver
wandt zu sein wenn überhaupt etwas
von ihm zu erreiche« ist, so kann es
nur auf biefem Wege geschehen."
Raoul schwieg, aber seine Miene
zeigte, daß er diese Ansicht nicht
theilte. Zu einer weiteren Erörte
rung kam es nicht, denn der Erwar
tete wurde soeben gemeldet, und
Steinrück winkte ihn eintreten zu
lassen.
„Verlaß uns!" sagte er halblaut
zu seinem Enkel gewendet. „Ich will
ihn allein sprechen."
Raoul gehorchte, aber als er im
Begriff war, das Zimmer zu verlas
sen, trat Rodenberg bereits ein und
sie trafen an der Thür zusammen.
Michael grüßte flüchtig den ihm un
bekannten Herrn, aber dieser streifte
ihn nur mit einem halb feindlichen,
halb verächtlichen Blicke und wollte
vorübergehen, ohne weiter Notiz von
ihm zu nehmen. Da aber vertrat ihm
der junge Offizier plötzlich den.Weg
und maß ihn vom Kopf bis zu den
Füßen, ohne ein Wort zu sprechen,
aber fein Auge und feine Haltung
forderten so gebieterisch den Gegen
grüß, daß der Graf sich unwillkürlich
dazu bequemte. Er neigte widerwil
lig das Haupt und zog sich dann zu
rück. Steinrück hatte die Scene, die
nur einge Sekunden währte, schwei
gend beobachtet. So wenig er das
Benehmen seines Enkels billigte, er
zürnte ihm fast, daß er sich hatte
zwingen lassen.
Michael trat jetzt näher, und selbst
der schärfste Beobachter hätte nicht be
merken können, daß irgend ein enge
res Band zwischen diesen beiden Men
schen existire. Der Untergebene stat»
tete feine Meldung in streng vor
schristsinäßiger Weise ob, und der
Vorgesetzte nahm sie in gewohnter
Art entgegen, kühl, ernst und gemes
sen keiner von Beiden verlor auch
nur auf einen Moment die streng
dienstliche Haltung. Als aber das
Nöthige gesagt und beantwortet war
und der junge Offizier auf feine Ent
lassung wartete, nahm der General
von Neuem das Wort.
„Ich möchte etwas mit Ihnen be
sprechen, was uns Beiden von Wich
tigkeit ist," sagte Graf Steinrück nach
Erledigung der dienstlichen Angele-,
genhei'ten. „Als wir uns das erste
Mal sahen, waren Zeit und Ort nicht
geeignet dazu heute sind wir unge
stört. Wollen Sie mich hören?"
„Zu Befehl Excellenz." lautete die
kurze Antwort Michael's.
„Ihre Haltung bei jenem Zusam
mentreffen hat mir gezeigt, daß Sie
die Beziehungen, die zwischen uns ob
walten, in ihrem ganzen Umfange
kennen, und wir werden uns wohl
über die Auffassung derselben von
beiden Seiten verständigen müssen."
„Ich halte eS nicht sürnothwendig,
daß dieser Punkt überhaupt zwischen
uns erörtert wird," .sagte Michael
kalt.
Der General sandte ihm einen fin
steren Blick zu er hatte für gut be
funden, eine eisig ablehnende Hal
tung anzunehmen, um jede etwaige
Vertraulichkeit bei dieser Unterredung
von vornherein auszuschließen, und
begegnete nun genau derselben Hal
tung, die fast ebenso hochmüthig war
wie die seinige hier gab es nichts
zurückzuweisen.
„Aber ich halte es für nothwendig,
daß wir darüber ins Klare kommen",
erwiderte er mit fcharfer Betonung.
„Sie sind der Sohn der Louise Stein
rück" (er sägte nicht meiner Tochter).
„Ich kann das selbstverständlich we
der ableugnen, noch Sie hindern,
diese ganze legitime Abkunft geltend
zu machen. Sie haben bisher darauf
verzichtet, haben die Sache sogar.als
Geheimniß behandelt, und das läßt
mich boffen, daß Sie selbst die Unzu
träglichkeit eine Veröffentlichung ein
sehen—" ...
„Die Sie sürchttz«l? ergänzte Mi
chael.
„Die mir zum Mindesten nicht er
wünscht ist. Ich will giuiz offen ge
gen Sie sein. Durch Oberst Rcval
werden Sie erfahren haben, daß kürz
lich ein Familienfest in meinem Hause
gefeiert worden ist mein Ev'el, Graf
Raoul. hat sich mit der Gräfin Hertha
Steinrück verlobt, die Ihnen ist wohl
auch bekannt ist^
In dem Gesichte des jungen Offi
ziers zuckte etwas auf, freilich nur
w
fr
einen Moment lang, dann war es
wieder verschwunden und er entgeg
nete anscheinend mit vollkommener
Ruhe:
„Ich habe es allerdings gehört."
„Nun wohl. Die Vermählung
wird im Kurzen stattfinden, und das
junge Brautpaar wird sich im Laufe
dieses Winters dem Hose und der
Gesellschaft vorstellen. Diese Ver
binoung der beiden letzten Sprossen
meines Geschlechtes legt mir doppelt
die Pflicht auf, den Namen und das
Wappen dieses Geschlechtes rein zu
halten von jeder Verdunkelung.
Ich will Sie nicht beleidigen, Lieute
nant Rodenberg, aber ich darf wohl
annehmen, daß Ihnen das Leben und
die Vergangenheit Ihres Vaters be
konnt sind?"
„Ja!"
Das Wort kam kurz und rauh von
den bebenden Lippen, aber man hörte
doch die innere Qual heraus.
„Es thut mir Leid, dem Sohne ge
genüber diesem Punkt erwähnen zu
müssen, aber es läßt sich leider nicht
umgehen. Sie sind ja völlig schuld
los daran, und Sie werden auch
schwerlich darunter leiden. Ihr na
hes Verhältniß zu dem Professor
Wehlau deckt alle unbequemen Nach
forschungen. Wie ich höre, gelten
Sie für den Sohn seines Jugend
freundes, der in feinem Haufe erzo
gen wurde ein ganz vorzügliches
Auskunftsmittel! Ueberdies ist Ihr
Vater seit mehr als zwanzig Jahren
todt und hat die letzte Zeit seines Le
bens im Auslande zugebracht. Auch
ist er so viel ich weiß nie in den
offenen Konflickt mit den Gesetzen ge
rathen."
Schneidend scharf, wie die Klinge
eines Dolches war dies: So
viel ich weiß? Michael war
todtenbleich geworden, er antwortete
nicht, aber ein unheilverkündender
Blick schoß auf den Mann, der ihn so
erbarmungslos folterte und der jetzt
mit derselben kalten, überlegenen
Ruhe fortfuhr:
„Die Sache liegt jedoch ganz an
ders, sobald Sie den Namen Ihrer
Mutter nennen. Das wird selbstver
ständlich ein sehr großes Aufsehen
geben, zumal in den Kreisen der
Aristokratie und der Armee es wird
ein endloses Gerede entstehen, das
peinlich, ja gesährlch werden kann,
denn das Gerücht geht in solchen Fäl
len immer über die wirklichen That
sachen hinaus, und was ein halbes
Menschenalter in Vergessenheit ge
bracht hat, wird rücksichtslos wieder
ans Tageslicht gezogen. Ich muß es
Ihnen überlassen, ob Sie es ertra
gen können und wollen, wenn das
Andenken Ihres Vaters dieser Ver
gessenheit entrissen wird. Was meine
Stellung zu der Sache betrifft, so
wende ich mich nur an Ihr Gerechtig
keitsgefühl, das Ihnen sagen
wird
„Genug!" unterbrach ihn der junge
Offizier dumpf mit halb erstickter
Stimme. „Ersparen Sie mir das
Weitere, Excellenz. Ich sagte Ihnen
ja bereits, daß diese ganze Erörte
rung überflüssig ist, denn ich habe nie
auch nur einen Augenblick daran ge
dacht, Beziehungen geltend zu ma
chen, die ich ebenso entschieden ab
lehne wie Sie. Ich sollte meinen,
das müßte Ihnen schon unsere erste
Begegnung gezeigt haben, wo ich die
mir angebotene „Protektion" zurück
wies. Ich sehe jetzt erst, daß sie der
Preis für mein Schweige« sein
sollte."
(Fortsetzung folgt.)
Vorschlag.
„So oft ich in der Wanne bade, er
kälte ich mich."
„Das könnt n Sie vermeiden, wenn
Sie sich für die Folge nur in
Wonne baden 1"
Willkommener Rath.
Frau (zu ihrem Manne, der be
rauscht nach Haute gekommen ist):
„Aber, Mann, wenn Du Dich schon
betrinken mußt, so thn's doch lieber
zu Hause, statt Dich in dem skanda
lösen Zustande aus der Straße zu
zeigen!"
Mann: „Js en janz juter Rath!
Her mit der Pullet"
Im Jahre 2000.
Junger Mann: „Ich liebe Sie
wirklich, mein Fräulein, und werd»,
nie ein anderes Mädchen heiratheu,
als Sie!"
Junge Dame (schnell und unge
sehen ihren Momentphonograph, der
sich an ihrer Halskette befindet, öff
iiend): „Was sagten Sie? Ich
hatte nicht genau verstanden."
Geschieht ihn« recht.
„Fünfmal ist Henry Lehman« ver
lobt gewesen, ohne daß es zu einer
Hochzeit gekommen wäre. Jetzt hatte
er sich wieder verlobt mit Emma
Müller. Ob dieser Bund denn wohl
halten wird?"
„Das glaube ich sicher, den«'hier
ist er ja der Geleimte!"
Berechnete Fallhöhe.
A: „Weshalb wohl Frau Schlau
michel immer so kleine Dienstmädchen
bat ihr gestern neu eingetretenes
Mädchen ist auch wieder unter Nor
malgröße?"
B: „Die Spekulation ist sehr durch
sichtig: Wenn die kleinen Dienstmäd
chen Küchengeschirr fallen lassen, ist
die Möglichkeit, daß es ganz bleibt,
doch eine viel größere!"
Wo hinein soll ich den»
1
fallen?
"Mutter: „Wie! In den Schmutz
bist Du gefallen? Ungezogener Bube!
Komm her. Du sollst Schläge betont«
men!"
Karlchen: „Aber Mama, vorgestern
fiel ich in die Milch und bekam
Schläge, gestern fiel ich in's Wasser
und bekam Schläge, und heute falle
ich in den Schmutz und bekomme wie
der Schlüge. hinein soll ich denn
sollen?" V,
0, welches Glück doch, cfir
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Der Berliner Schutzmann ist eh#
Kind der Revolution. Daß Jahre
1848 die Sicherheitsorgane Alles 31*
wünschen übrig ließen, ist bekannt, und
sehr begreiflich mar darum das Bestre
ben der Staatsgewalt, sich zuverlässi
otrt Kräfte, die sie selber in fester Hand
hielt, zu schaffen. Am 22. Juli 1848
erschien der Erlaß des Polizeipräsiden
ten, welcher den Berlinern von der neu
begründeten Schutzmannschaft /fcunde
gab und daran die Bitte um deren Un
terstützung durch alle Ordnungslieben
den Bürger knüpfte. Eine gewisse Un
sicherheit in dem Erlaß ist unverkenn
bar. Nachdrücklich wird betont, daß die
neue Organisation nicht die Freiheit
der Bürger beeinträchtigen, nicht daS
ängstliche Bevormundungssystem deS
Polizeistaates zurückführen wolle. Der
Polizeipräsident hatte gut reden! Der
Berliner traute ihm und seiner muen
Schöpfung nicht, machten ihre schlech
ten Witze darüber und nannte die
Schutzmänner, dieweil ihre Ausrüstunz
derjenigen ihrer Londoner Kollegen
nachgebildet war, Kon stabler oder, mit
echt berlinischem Tonfall, „Konstabu
löhr. Das Mißtraum und die Abnei
gung auf der einen Seite erweckten die
gleichen EmpfÄdungen auf der ande
ren, und es traten sehr unerquickliche
Verhältnisse ein. Bald galt die Be
zeichnung „Konstabler" als eine Be
schrmpfung, die gerichtlich bestraft
wurde, und hieran trug ein Lied die
Schuld, das in der Zeit des Belage
rungszustandes verfaßt und nach der
Weise „Wenn ich am Fenster steh" ge
sungen wurde. Hie» mögen ein paar
Strophen des wenig ^bekannten LiedeZ
wiedergegebn werden: v
And so vergeht die Zeit !t*'
In Ruh' und Friedlichkeit, &
Berlin, nu kannst Du ruhig schlafen!
So recht viel Pulizei,
Belagrung auch bciM,
Det is det Scheenste,
Berlin, wat meensteF
Glaubt ihr, daß nichts ich ffftrT
Mein Amt, das ist die Ruch',-â SV?*
Die erste aller Bürgerpflichten»
Auf Bummler muß ich sehn, ....
Fest an die Ecke stehn,
Seht her, das thu'Ä^ 1
Berlin ist ruhig!
Der erste Kund«.
Man schildert so oft die Sehnsucht
eines jungen Arztes nach seinem ersten
Patienten, aber noch niemals haben
wir von den Schmerzen eines Photo
graphen gelesen, der auf femm erste
Kunden wartet.
Und doch waren diese Schmerzen
bei dem neu etablirten Photographen
Emil Plattkopf z. B. ziemlich groß.
Bereits acht Tage faß er neben seinem
Apparat, gespannt horchend, ob die
Glocke ihr erlösendes- Signal nicht er
tönen lassen würde. Und siehe da!
Am nächsten Tage erklang diese Glocke
leise unb schüchtern. „Wahrscheinlich
ein Backfisch ober ein Dienstmädchen,
das sich für ihren liniernfficier photo
graphiren lassen will," dachte er und
stürzte nach der Thüre. Ein etwaS
ärmlich, aber sauber gekleideter Mann
stand vor derselben.
„Ich wollte Sie bitten
„Nur herein, treten Sie tin."
Der Mann zögerte, aber der Photo
graph wurde beinahe grob und ersuchte
ihn, möglichst schnell hereinzukommen,
da „sich für heute eine Menge Kunden
angemeldet" hätten. Er führte ihn
in's Atelier und nöthigte den sich
sträubenden Mann zum Sitzen. Dann
sprang Plattkopf an den Apparat.
„Bleiben sie so, aber bitte, ein
freundliches Gesicht."
„Wie soll ich denn ein freunblickjeSr
Gesicht machen, tvesr ich drei Tage
lang nichts gegessen habe." sagte der
Mann weinerlich, „und ich wollte Sie
deshalb um eine kleine Gaöe bittel*
Tableau!
Selbstbewußt. Graf (g*
seiner 'bürgerlichen, aber immens ret*
chen Braut): „Ja, liebe Agnes, unter
den Millionen thönerntr Gefäße, die
mit dem Fabrikstempel der Natur ver
sehen, das gemeine Gros der Mensch
heit bildet, hast Du in mir eins jener
goldenen Gefäße gefunden, welches die
Natur in ihrer starren, abgeschlossenen
Aristokratie nur hin und wieder zn
schaffen sich gefällt."
Euphemistisch
drückt A.: „Dein Tohn woLte
doch Arzt werden, und nun fällt et
zum zweitenmale durchs Examen!
Was Hebenkt er denn nun anzufan
aen?" B.: „O, dem geht's gut der
hat bereits eine Heilanstalt fut Durst
Patienten gegründet."—A.: „Wie—?*
B.: „Nun ja, «r hat ettte KmiYK
aufgemacht."
Erkla 11 ch."" Erster Protz:
„Warum spielt Ihre Tochter z. B. nie
Wagner!" Zweiter Protz: „Nun,
wird sie doch nich spiele» was Anderes,
wenn sie kann spielen was Selbsttom
vonirte»! Ad5r ist sich dMMst bei
Nächste!"
E
i
n Hundeleben, »Ja
wohl, mein Herr» seit er die reiche Er
bin geheiraihe: hat, führt er ein wah
res Huitdeleben." »Das sollte An
Deren zur Warnung „Hat
nichts weiter zu thun, als zu essen, zn
trinken,zu schlafen mibjtch sttticheltt
.. '..Vi*jbJ&'- *•«. ytvsfcriS
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«in mtt» der Re»ol«tio».
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Konstabulöhr zu sein,
«Sagt, ist das nicht das schönste Leben?
Zu steh'n aus einem Fleck,
Nur zu dem einigen Zweck,.
Zu stehn lmd zu sehen»
Wie Andre gehen.
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,/lttomon von L. Werner. %s

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