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Der Deutsche beobachter. [volume] (New Philadelphia, Ohio) 1869-1911, June 27, 1894, Image 3

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skoman von L. Werne?»
(16. Fortsetzung.)
„Das hilft Dir Alles nichts, Papa,
Hnaus kommst Du nicht! Hier ist
!mein Reich ich habe Dich in aller
'Form gefangen genommen und gebe
Dich nicht wieder los sieh' Dir daS
Bild an!"
Das war dem Professor denn doch
zu stark. Das Ungewitter, das sich
jfchon während der letzten Minuten
Angesammelt hatte, brach jetzt los
*mit Blitz und Toben, aber Hans
blieb ganz ungerührt dabei und eilt»
wickelte zugleich ein strategisches Ta
slent, das seinem Freunde Michael
'Ehre gemacht Hütte. Unter fort-
Währendem Parlamentiren drängte
jtt seinen wüthenden Papa immer
jtoeiter von der Thür zurück, und im
mer mehr nach der Hauptwand des
Ateliers, wo das Gemälde aufgestellt
war, bis er ihn glücklich in dessen un
Mittelbare Nähe gebracht hatte dann
faßte er ihn urplötzlich an den Schul
[tern und drehte ihn herum.
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„Hans, ich sage Dir, wentt Du
iDich noch einmal unterstehst
So vergingen einige Minuten
tdann ließ der Professor ein Brum
[men hören, das halb grimmig und
halb zustimmend klang. Endlich sah
er sich nach seinem Sohne um und
lfragte halblaut:
Und Du willst mit wirklich ein
reden, daß Du das Zeug da ganz
allein zu Stande gebracht hast?"
„Gewiß, Papa."
»Das glaube ich nicht," sagte Weh
lav kurz und bündig.
„Aber Du wirst mir doch mein ei
enes Werk nicht abstreiten wollen,
ie gefällt es Dir?"
Der Professor ließ wieder sein
Brummen hören, aber diesmal klang
t& schon verheißungsvoller.
.^Hm, das Ding ist gar nicht Übel
hat wenigstens Kraft und Leben
wo hast Du denn den Entwurf
her?"
.Aus meinem Kopfe, Papa."
Wehlau sah erst dns Bild, dann
seinen Sohn an, in dessen Kopfe,
seiner Ansicht nach, nur Narrens
Possen steckten und der eben wieder
diese „schändliche" Komödie ausge
checkt hatte. Die Sache schien ihm
völlig unbegreiflich.
„Das Hauptverdienst bei'der gan
,»en Geschichte hat eigentlich Michael,"
fuhr der junge Künstler sort. „Er
ist mir ein unschätzbares Modell ge
wesen. Allerdings habe ich Mühe
und Noth gehabt, ihn in die rechte
Stimmung zu bringen. Aber ein
mal gelang es mir doch, ihn so
gründlich zu ärgern, daß er losbrach
in seiner Wuth da packte ich den
Ausdruck und hielt ihn fest. Aber
ich warte noch immer auf Dein Ur
theil über die Farbenkleckserei."
In dem Gesichte des Professors
»uckte es merkwürdig ermatte augen
scheinlich die größte Lust, wieder zu
seinem Grolle und zu seiner Erbitte
rung zurückzukehren, aber es ging
nicht, und so sagte er denn endlich in
halb versöhnlichem Tone:
„Aber in Zukunft malst Du keine
-Altarbilder mehr, das verbitte ich
mir!"
„Nein, Papa, zunächst male ich die
Naturwissenschaft in Lebensgröße in
der Person unseres berühmten For
schers. Wann willst Du mir zu
einem Portrait sitzen?"
„Laß mich in Nuh?!" brummte
Wehlau.
„Das ist nur ein« halbe Zusage.
ich verlange eine ganze. Wollen
wir morgen mit den Sitzungen be
ginnen?"
„In des Kuckucks Namen, ja
wenn es durchaus nicht anders geht."
„Viktoria!" rief Haus und um
armte stürmisch den Vater aber der
Professor sträubte sich gar nicht da
gegen, im Gegentheil, er hielt ihn
fest, und in die hellen, sonnigen
Augen seines Sohnes blickend, sagte
er mit ausbrechender Herzlichkeit:
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„Junge, zum Gelehrten taugst Du
«nicht, das habe ich nun nachgerade
eingesehen aber vielleicht wird doch
,noch etwas Vernünftiges aus Dir,
\is9fy alledem!"
Kn Sankt Michael wurden die Vor
'Bereitungen zu dem morgen stattfin
denden Michaelsfeste getroffen, welche
diesmal dutch die Einweihung des
.neuen Altarbildes noch einen beson
[bereit Glanz erhalten sollte. Die
Wallfahrtskirche prangte schon im
vollen Festschmucke und in dem k(ei»
inen sonst so stillen Alpendorfe
herrschte gleichfalls ein freudiges,
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Wehlau verstummte plötzlich mit
int in der Rede, denn er hatte un
willkürlich einen Blick auf das Bild
geworfen. Er sah zum zweiten Mal
hinüber, stutzte dann und trat lang
sam näher.
In den Augen des Künstlers blitzte
«s triumphirend auf. Jetzt war er
.feiner Sache sicher, abcr er stellte sich
ldoch wie ein Wachtposten hinter den
Vater auf, um diesem einen etwai^
gen Rückzug abzuschneiden doch der
Professor dachte nicht mehr daran.
Er stand wie gebannt vor der Lein
wand und blickte unverwandt darauf
jhin.
„Es ist mein erstes größtes Werk,
Papa," hub Hans jetzt in seinem
iffmfteften Tone an. „Ich konnte es
doch unmöglich in die Welt hinaus
schicken, ohne es Dir zu zeigen. Du
jdarfst mir nicht böse sein wegen der
'Kriegslist, mit der ich Dich hierher
'lockte: es war die einzige Möglichkeit,
Dich in mein Atelier zu bringen
„Schweig'still und störe mich nicht,
damit ich das Ding in Ruhe anschauen
kann!" schnaubte ihn Wehlau an und
isuchte den besten Standpunkt für die
Betrachtung zu gewinnen.
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festliches Leben. Es galt ja, die
Tausende von Wallfahrern zu em
pfangen, die morgen aus allen Thei
len des Gebirges herbeiströmen wür
den, um in dem alten Heiligthume
des Erzengels ihre Andacht zu ver
richten man war am Vorabende des
Festes noch nicht mit all den Zurü
stungen fertig geworden.
Dieser Vorabend hatte auch dem
Pfarrer eine ebenso unerwartete wie
freudige Ueberraschung gebracht.
Sein einstiger Schüler, Hauptmann
Rodenberg,' war ganz plötzlich ohne
vorherige Anmeldung eingetroffen,
und die Freud(f des Greises darüber
hatte etwas Rührendes.
„Das war eine Ueberraschung!"
sa^te er, die Hand des Ankömmlings
noch immer in der seinigen haltend.
„Ich hätte mir eher alles Andere träu
men lassen, als Dich um diese Zeit
hier zu sehen!"
„Ich habe auch nur einen einzigen
Tag zur Verfügung," versetzte Mi
chael. „Ich muß übermorgen wieder
in M. sein, wohin ich meinen Vorge
setzten, den Oberst Fernau, in einer
dienstlichen Angelegenheit begleitet
habe. Es gelang mir, noch drei Tage
Urlaub zu erhalten, und da machte
ich schleunigst den kleinen Umweg,
um Sie wenigstens zu sehen, Hoch
würden."
Valentin schüttelte lächelnd den
Kopf.
„Das nennst Du einen kleinen Um
weg? ES ist fast noch eine Tagereise
von M. bis hierher. Du mußt allein
fünf Stunden durch das Gebirge
fahren, aber es freut mich doch, daß
Dein alter Lehrer Dir noch so viel
gilt. So habe ich Dich wenigstens
am Michaelsseste denn meine leise
Hoffnung, daß Hans kommen würde,
hat sich nicht bestätigt."
„Er wäre gern gekommen, aber er
glaubte sein Fortbleiben dem Vater
schuldig zu sein, der es schon schwer
genug empfindet, daß der Name Hans
Wehlan in eine enge Verbindung mit
einem Kirchenfeste gebracht wird.
Sie wissen ja
„Ja, ich kenne die Stellung meines
Bruders der Kirche gegenüber hinrei
chettd," sagte Valentin mit einem
halbunterdrückten Seufzer. „Dem
Hans aber habe ich eine ernste Abbitte
geleistet, als sein ,Sankt Michael'
hier eintraf. Ich hätte unserem
Leichtfuß, nnferem Uebermuth nie die
Kraft und Tiefe für ein derartiges
Werk zugetraut, ich erkannte ihn gar
nicht wieder darin."
„Sie haben ihm Alle Unrecht ge
than, und am meisten der eigene Va
ter!" fiel Michael mit voller Wärme
ein. „Nur ich, der das Bild von der
Skizze an entstehen und wachsen sah,
wußte, was es versprach. Uebrigens
hat es dem Hans Triumphe genng
bereitet in den vier Wochen, wo es
öffentlich ausgestellt war. Es wurde
sofort zu einem Hauptanziehungs
punkte für das Publikum und rief
einen förmlichen Sturm der Bewun
derung hervor die Kritik lobte es
mit einer seltenen Einmüthigkeit,nnd
man hatte das Möglichste gethan,
seinen Schöpfer mit Schmeicheleien
zu verwöhnen. Zum Glück ist er eine
von den unverdorbenen Naturen, de
nen das nicht schadet und wohl auch
in Zukunft nicht schaden wird. Das
Gemälde ist bereits an Ort und
Stelle?"
Schon seit vorgestern. W ist-ein
schöner und kostbarer Schmuck, den
die Gräfin unserem Gotteshause zu
gewandt hat. Sie beabsichtigte selbst
der Einweihung beizuwohnen, und ist
deßhalb eigens von Berkheim nach
Schloß Steinrück gekommen."
„Dann kommt sie also morgen hier
her?" fragte Michael mit einem Plötz
lichen Aufzucken.
„Nein, sie ist leider erkrankt. DaS
rauhe, stürmische Wetter des Reise
tages scheint ihr eine Erkältung zuge
zogen zu haben, jedenfalls ein ernste
res Unwohlsein, sie sandte mir deß
halb
Sie wurden unterbrochen, denn
jetzt erschien der Mehner äußerst eil
fertig, äußerst geschäftig, und mit
einer Menge von Mittheilungen und
Anfragen, in Bezug auf das Fest.
Hochwürden sollten überall selbst ent
scheiden, besichtigen, anordnen e8
gab noch unendlich viel zu thun.
„Ich glaube, ich darf Sie nicht
länger in Ansprch nehmen," sagte
Rodenberg. „Ter Herr Pfarrer
scheint überall nothwendig und un
behrlich zu sein. Ich gehe inzwischen
nach der Kirche, um zu sehen, wie
Sankt Michael sich in seiner jetzigen
Umgebung ausnimmt. Hoffentlich
haben wir am Abend einige ruhige
Stunden süruns."
„Ich fürchte, das wird kaum der
Fall sein. Du weißt ja noch gar
nicht ich wollte es Dir schon vorhin
sagen aber
Der Pfarrer kam wieder nicht zu
Ende mit seiner Mittheilung denn
jetzt trat die alte Kathrin ein, mit
einem ganzen Amt voll Guirlanden
von Tannenzweigen, und begehrte zn
wissen, wo sie angebracht werden soll
ten gleichzeitig erschien noch ein
junger Bauernbursche mit einer an
deren ebenso wichtigen Anfrage und
der Meß
iter stand wartend da. Va»
lenttn wußte nicht mehr, wo ihm der
Kopf stand.
Michael verabschiedete sich und
schlug den wohlbekannten Weg nach
der Wallfahrtskirche ein. Es war im
Anfange des Mai und das Hochge
birge zeigte sich in der ganzen herben
Schönheit der ersten Frühlingstage,
die hier so spät einzogen.
Die Adlerwand stand noch eisum
gürtet da, in blendender, krystallener
Pracht aber schon stürzten die Glet
fcherbiiche, die der Sonnenstrahl dort
oben entfesselt hatte, brausend und
schäumend in die Thäler nieder, und
die dunklen Tannenwälder, die sich
tiefer unten an ihre Felsenbrust
schmiegten, hatten die ^Schneelasten
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oeretts aoge)st)iiiteu. Auch von den
Alpen und Matten, die Sankt Mi
chael umgaben, war der Schnee hin
weggeschmolzen: sie lachten im fri
schen, sonnigen Grün, und auch hier
rieselten und rauschien von allen
Höhen die Wasseradern als sei die
ganze Bergwelt lebendig geworden.
Aber über Höhen und Thäler, über
Matten und Wälder. brauste der
Frühlingssturm und brachte ihnen
seinen wilden, verheißungsvollen
Gruß, aus dem es wie Siegesjauchzen
hervorklang.
Michael trat in die Kirche, die jetzt
zur Abendstunde völlig leer war,
aber sie trug schon ihr bescheidenes
Festgewand. Hier oben in dieser
einsamen Höhe gab es kein Früh
lingslaub und keine duftende Blü
thenpracht nur das ernste dunkle
Tannengrün umkränzte Pforten und
Pfeiler, und kleine Sträußchen von
Alpenblumen ,den ersten, die sich auf
den Matten hervorgewagt hatten,
bildeten den einzigen Schmuck der
Altäre. Dennoch war es so feierlich,
so frühlingsduftig in dem weiten
stillen Raume, den nur das goldige
Licht der Abendsonne erfüllte. DaS
Gotteshaus mochte einen festlicheren
Anblick bieten, wenn sich die andäch
tige Menge dort drängte aber es
war so viel schöner in der tiefen wei
hevollen Ruhe, mit der es seinem
Feste entgegenharrte, noch unberührt
von all den Wünschen, Bitten und
Klagen, die morgen aus seinem
Schoße emporsteigen sollten. Kein
fremder Laut störte diese Ruhe, selbst
das Brausen des Sturmes draußen,
der sich in einzelnen langgezogenen
Tönen vernehmen ließ, klang wieset
ner Orgelton.
Ueber dem Hochaltare thronte
Sankt Michael, nicht mehr doS alte,
dunkle und von der Zeit halb zerstörte
Heiligenbild in seiner kindlich naiven
Auffassung, das man pietätvoll im
Vorraume der Kirche untergebracht
hatte, sondern das Werk des jungen
Künstlers, der damit so glänzend
seine Begabung bewies und sich einen
Namen in der Kunstwelt, schuf. Mi
chael kannte es von seiner ersten Ent
stehung an er hatte es so oft gesehen,
aber ihm, wie dem Maler selbst und
dem Publikum, war es nur ein Ge
mälde gewesen, die meisterhafte Dar
stellung einer stürmischen Kampfscene
die zufällig einen kirchlichen Gegen
stand betraf. Er war aufs Höchste
überrascht von dem Eindruck, den das
Bild in dieser Umgebung machte.
Im Halbdunkel der Ältarnische, zwi
scheu den gothischen Fenstern, deren
Malereien in glühender Farbenpracht
leuchteten, gewann es eine ganz an
dere Gestalt hier erschien es gleich
sam losgelöst von allem Weltlichen,
die Verkörperung der uralten, heili
gen Legende, die sich in jeder Religion
und bei jedem Volk wiederholt —des
Sieges, den das Licht über die Fin
sterniß davonträgt.
Langsam schritt Rodenberg nach
dem Hauptaltare. Da gewahrte er
in einem der vorderen Betstühle eine
Frauengestalt, die der Pfeiler vorhin
seinem Blick entzogen hatte. Aber
das war keine bäuerliche Erscheinung
ein dunkles Seidengewand floß auf
den Boden nieder, und unter dem
schwarzen Spitzenschleier, der über
das Haupt geworfen' war, leuchtete
es mit einem seltsamen rothgoldenen
Schimmer, den Michael nur zu gut
kannte. Er blieb wie angewurzelt
stehen. War es ein Spiel seiner
Phantasie, die ihm über nur dies
eine Bild erscheinen ließ? Da wandte
die Dante, durch das Nahen seiner
Schritte aufmerksam gemacht, den
Kopf, und ein Ausruf der Ueberra
schung oder vielmehr dès Schreckens
entrang sich von ihren Lippen es
waren Hertha's Augen, die ihn an
blickten!
Es mußte wohl ein Verhängniß
sein, das die Beiden zum zweiten
Male in dem einsamen, öden Alpen
dorfe zusammenführte, zu einer
Stunde, wo sie sich durch weite Fer
nen getrennt glaubten, wenigstens
empfanden sie so die ungeahnte Be
gegnung, bei welcher Beide ihre Fas
sung völlig verloren, so daß keiner die
Verwirrung des Andern bemerkte es
dauerte Minuten, ehe sie ihre Selbst
beherrschung wieder fanden.
„Ich scheine Sie erschreckt zu haben,
sagte Michael endlich. „Ich glaubte
bei meinem Eintritt, die Kirche sei
leer, und gewahrte Sie erst in diesem
Augenblick."
Hertha erhob sich langsam'von den
Knieen und mochte wohl fühlen, daß
ihr Ausruf, ihre sichtbare Bestürzung
eine Erklärung forderten. Sie war
in die Betrachtung des Altarbildes
vertieft gewesen sie wußte nicht mehr,
wie lange ihr Blick auf Sankt Michael
geweilt, an wen sie dabei gedacht
hatte, oder wollte es nicht wissen und
urplötzlich stand der, dessen Züge er
trug, vor ihr, wie aus der Erde em
porgestiegen. Ihre Stimme bebte
noch, als sie entgegnete:
„Ich war in der That überrascht..
Der Herr Pfarrer hat mir nicht mit'
getheilt, daß Sie gleichfalls sein Gast
sind."
„Ich bin erst vor einer halben
Stunde eingetroffen und kam gänzlich
unerwartet und unangemeldet. Auch
ich ersuhr noch nichts von Ihrem
Hiersein. Ich hörte nur, daß Sie und
die Frau Gräfin in Schloß Steinrück
seien."
„Wir wollten ursprünglich Beide
nach Sankt Michael kommen," sagte
Hertha, die jetzt völlig ihre Fassung
wiedergewonnen hatte. „Aber meine
Mutter ist erkrankt, nicht ernstlich,
wie es scheint dennoch bin ich mit
einiger Besorgniß gegangen. Es war
ihr ausdrücklichster Wunsch, daß we
nigstens ein Glied unserer Familie
dem Feste und der Uebergabe ihres
Geschenkes beiwohnen möge, und ich
mußte mich fügen."
Michael sprach.einige Worte des
Bedauerns, und der Theilnahme,!
vtotze Phrasen, die wie mechanisch von
seinen Lippen kamen und kaum ge
hört wurden. Er sah Hertha dabei
nicht an, so wenig wie sie ihn. Ihre
Blicke vermieden es instinktmäßig, sich
zu begegnen sie weilten auf beut Al
targemälde, das eben voll von ber
Abendsonne beleuchtet wurde. Sie
fluthete durch die Seitenfenster in das
Schiff der Kircke herein uno warf
einen breiten goldigen Schein auf den
Hochaltar.
Das Bild hatte nichts von dem
alten traditionellen Beiwerk seines
Vorgängers keine Glorie von Engels
köpfen blickte von oben herab, keine
Flammen züngelten aus dem Ab
grunde empor, nur die beiden lebens
großen Gestalten hoben sich aus dem
Rahmen, jede mächtig undwirkungs
voll in ihrer Art. lieber ihnen nur
die klare leuchtende Himmelstiese,
wie durchfluthet von goldenem Son
nettlicht, unter ihnen ein düsterer Fel
senschlund, aus dem es heraufgähnte
wie ewige Nacht und ewige Finster
niß.
Aus der Höhe herabgestürzt, in sei
nein Falle schon den Rand der Kluft
berührend, bäumte sich der Satan
noch einmal empor, mit betn letzten
ohnmächtigen Zucken des Besiegten.
Aber es war nicht das gehörnte,
schlangenartige Ungethüm der Sage,
iandern eine menschenähnliche Gestalt,
von unheimlicher, dämonischer Schön
heit, mit dunklen Fittigen wie die
ernes Nachtvogels. Wohl sprachen
aus dem Antlitz die Qual, die Wuth
und zugleich das Grauen vor der
Macht, die ihn niedergeworfen aber
in dem Auge, das nach oben gewandt
war, lag etwas wie hoffnungslose
Verzweiflung, wie ein Sehnen nach
dem Lichte, das auch ihn einst um
strahlt und das ihm nun verloren
war da unten in der ewigen Nacht.
Es war Lucifer, der gefallene Engel,
den noch in feinem Sturze ein Ab
glanz dessen umleuchtete, was er einst
gewesen.
Ueber ihm, in jettq: klaren Him
melstiefe schwebte St. Michael, in
strahlender Erzrüstung, getragen von
zwei mächtigen Flügeln, die ihn wie
Adlerschwingen untrauschten, und wie
ein Adler stieß er auch aus der Höhe
nieder auf den Feind. Die Rechte
zuckte das leuchtende Flammenschwert
mit dem Kreuzesgriff, und Flammen
blitze zuckten auch aus den großen
blauen Augen, während die Locken,
wie gelöst vom stürmischen Fluge, um
die Stirne wehten. Der Blick, das
Antlitz, die Haltung: Alles zeugte noch
vom Sturm des Kampfes, Alles
sprühte Vernichtung, und doch war
die ganze Gestalt des Erzengels wie
getaucht in einen Glorienschein, der
den machtvollen, siegreichen Kämpfer
des Lichtes umstrahlte.
„Das Bild wirkt ganz anders in
dieser Umgebung," sagte Hertha, den
Blick immer darauf gerichtet. „Viel
ernster, aber auch viel mächtiger!
Dieser Erzengel hat etwas Furcht
bares man glaubt den Flammen
athetn der Vernichtung zu spüren,
der von ihm ausgeht. Ich fürchte
nur, das Gebirgsvolk wird diese Auf
fassung nicht begreifen es sehnt sich
vielleicht nach der feierlichen Gleich
gültigkeit des ülteit Heiligenbildes
zurück."
„Da kennen Sie unsere Aelpler
nicht," widersprach "Rodenberg. „Ge
rade dies Bild verstehen sie, wie kein
anderes, denn das ist ihr Sankt Mi
chael, der im Gewittersturm über
ihre Berge und Thäler dahinbraust,
dessen Blitze zucken und vernichten.
Es ist nicht das Erzengel der kirch
lichen Legende, aber der des Volks
glaubens, in seiner ursprünglichen
Gestalt. Sie nannten es einmal
ketzerisch, als ich darin den altheid
nischen Lichtkultus und den altger
manischen Donnergott wieder finden
wollte. Sie sehen, daß auch mein
Freund sich meiner Anschauung an
schließt er hat seinem Michael etwas
vom Wotan gegeben."
„Und Professor Wehlau hat Ihnen
Beiden diese Auffassung eingeimpft,"
fiel Hertha vorwurfsvoll ein. „Er
kann es nun einmal nicht ertragen,
.daß fei« Sohn ein wirkliches Heili
genbild gemalt haben soll es muß
um jeden Preis etwas Heidnisches
und Germanisches hineingebracht
werden. Als ob das Volk in ^cinkt
Michael nur den Rächer sähe! Mor
gen am Feste seiner Erscheinung, da
steigt er mir ihm als Segenspender
von der Adlerwand herab, da furcht
sein Flammenschwert nur den Boden,
und die Lichtsunken, die ihm entströ
wen, geben der Erde die Frühling?
kraft und das Frühlingsleben. Ich
habe erst heute wieber die schöne Le
gende gehört."
„Nim, diesmal scheint er im Sturm
nieberzusteigen," sagte Michael. „Es
braust schon jetzt um alle Höhen, und
aller Wahrscheinlichkeit nach schickt
uns die Adlerwand in der Nacht
einen jener Frühlingsstürme herab,
die in der ganzen Umgegend gesürch
tet sind. Ich kenne Me Anzeichen."
Wie zur Bestätigung feiner Worte
erhob sich draußen der Wind lauter
und hestiger. Es klang nicht mehr
wie Orgelton. sondern wie fernes
dumpfes Mceresbrausen. bas bald
anschwoll, bald wieder erstarb. Dazu
sank die Sonne, nur von einem leich
ten, schleierartigen Gewölk umgeben,
in flammender Gluth, deren Abglanz
die ganze Kirche erfüllte. Die alten
verblaßten Bilder an den Wänden,
die Statuen der Heiligen an den
Säulen und Pfeilern, die Kreuze und
Kirchenbanner: das Alles gewann
eilt seltsames, geisterhaftes Leben in
dem rothen Lichte. Die Engelsgestal
ten an den Stufen des Hochaltars
schienen leise die Flügel zu regen und
der breite Goldstreif, der bas Altar
bilb tiberfluthete, würbe zum Pur
purlichte, bas langsam immer höher
emporstieg. Der Felsenschlund und
Lucifer sanken allmählich in Schattet:
und Dunkel, während Sankt Mi­
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'f'ru i
-V
s
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"wr^fw^-nz^'^r1':
',/ 1 *V
.'.
chael's mächtige'Gestalt mit den Ab»
lerflügeln noch wie von einer Flam
menglorie umgeben war.
Es war ein längeres Schweigen
eingetreten. Hertha brach es zuerst,
aber ihre Stimme hatte etwas Un
sicheres, Zögerndes, als sie wieder
das Wort nahm.
„Herr Hauptmann RodenbeM
ich habe eine Bitte an Sie."
Er sah rasch auf. „Sie befehlen?"
„Ich möchte in Bezug auf einen
gewissen Vorfall die Wahrheit wissen,
die volle rückhaltlose Wahrheit. Werde
ich sie von Ihnen bekommen?"
„Wenn es in meiner Macht steht—"
„Gewiß, Sie brauchen nur zu wol
len."
„Mein Onkel Steinrück," sprach
Hertha zögernd zu Michael, „hat mir
mitgetheilt, daß die Angelegenheit,
bei der ich ihn zum Einschreiten ve»
anlaßte, völlig ausgeglichen sei und
ich zweifle selbstverständlich nicht an
den Worten, aber ich fürchte fie
hielt inne.
„Sie fürchten?" forschte er.
„Daß die Aussöhnung nur eine
augenblickliche, scheinbare gewesen ist.
Sie konnten vielleicht Ihrem General
die Nachgiebigkeit nicht verweigern,
die er forderte, so wenig wie Naoul
sie dem Großvater verweigern konnte,
und bei der nächsten Zusammenkunft
wird der Streit wieder erneuert wer
den."
„Von meiner Seite nicht," sagte
Michael kalt. „Da Graf Steinrück
in Gegenwart des Generals feine Be
leidigungen zurückgenommen hat, so
habe ich Genugthuung erhalten."
„Raoitl? Er hätte das wirklich
gethan rief Hertha halb ungläubig,
halb empört.
„Unter einer anderen Bedingung
wäre der Ausgleich wohl nicht mög
lich gewesen. Der Graf wich aller
dings der Autorität seines Groß
vaters, der diese Zurücknahme auf
das Bestimmteste verlangte."
„Und Raoul hätte sich einem der
artigen Befehl gefügt? Unmöglich!"
„Zweifeln Sie an der Wahrheit
meiner Worte?" sagte Michael scharf.
„Nein, Hauptmann Rodenberg,
nein, aber ich sehe immer mehr, daß
hier etwas Besonderes zu Grunde
liegt, wenn es mir auch abgeleugnet
wird. Schon damals, bei der Scene
int Reval'schen Hause fielen seltsame,
mir unverständliche Andeutungen.
Sie sind doch unserer Familie fremd,
so viel ich weiß."
„Ja," antwortete Michael mit eisi
ger Entschiedenheit.
„Und dennoch war von Beziehun
gen die Rede, die Sie ebenso wie
Raoul abzulehnen schienen. WaS
sind das für Beziehungen?"
„Sollte Ihnen der General ober
Graf Raoul Steinrück bie Antwort
nicht besser geben können, als ich es
vermag?"
Hertha schüttelte verneinend das
Haupt.
„Sie können ober wollen mir nichts
sagen. Ich habe es bereits versucht.
Von Ihnen hoffe ich enblich bie Wahr
heit zu hören."
„llnb auch ich muß Sie bitten, mir
bas zu erlassen. Eine berartige Er
örterung würde nur peinlich sein,
unb wie weit sie führen kann, bavon
finb Sie ja Zeuge gewesen."
„Ich hörte nur den Ansang des
Gespräches," sagte die junge Geäfin,
welche errieth, daß hier ein Punkt
berührt wurde, der besser unerörtert
blieb. „Es war allerdings genug,
um mich einen ernsten Ausgang fürch
ten zu lassen da- Weitere aber habe
ich in der That nicht
„Geben feie sich keine Mühe, mich
zn schonen," fiel Rodenberg mit ber
tiefsten Bitterkeit ein. „Ich weiß,
baß Sie bie ganze Unterrebung mit
angehört haben, unb ba wirb Ihnen
wohl auch nicht bas Wort entgangen
sein, mit bent Gras Steinrück das
Andenken meines Vaters be
schimpfte."
Hertha schwieg einige Sekunden,
dann sagte sie leise:
„Ja, ich habe es gehört, aber ich
wußte, daß es ein Irrthum war.
Auch Raoul ist jedensallsdavonüber
zeugt worden und hat deshalb das
Wort zurückgenommen, nicht wahr?"
Michael's Lippen zuckten: er sah
es, die junge Gräfin hatte nicht die
leiseste Ahnung von den Beziehungen
zu ihrer Familie, von der Tragödie,
die einst dort gespielt hatte, und er
wollte ihr die Aufklärung wahrlich
nicht geben aber er wollte auch-nicht
länger diesen Ton angstvoller, inni
ger Theilnahme hören, ber ihn ge
fährlicher umspann als einst bas
lockenbe Sirenenlied. Er wußte frei
lich, daß schon sein nächstes Wort eine
Klust zwischen ihnen aufriß, die nicht
mehr zu überbrücken war. Um so
besser! Es war unvermeidlich, wenn
er den Rest feiner Selbstbeherrschung
bewahren wollte, und mit der ganzen
Schroffheit, die ihut jtt Gebote Kayh»
entgegnete er:
„Nein!"
„Nein?" wiederholte Hertha, ent
setzt zurückweichend.
„Das erschreckt Sie, Gräfin Stein
rück, nicht wahr? Aber einmal muß
es doch ausgesprochen werden. Ich
kann meine eigene Ehre vertreten unb
schützen gegen Jedermann, der c5
wagen sollte, sie anzugreifen. Gegen'
Angriffe auf meinen Vater bin ich
wehrlos. Ich kann den Beleibigcr
zu Boden schlagen —der Lüge zeihen
kann ich ihn nicht."
Seine Siimme war anscheinend
ruhig, wenn auch völlig klanglos
aber Hertha sah und fühlte es, wie
bas ganze Innere bes sonst so eiser
nen Mannes zuckte unter der Wunde,
die er so schonungslos vor ihr ausriß.
Sie tannic am besten seinen Stolz,
der sich nicht einmal da beugen wollte^
wo er liebte, und konnte ermessen»
was ihn dies Geständnis kostete, und
alles Andere vergessend, nur dem
augenblickliche* z^uchulje
brach sie aus:
1 ?M
1
1
Y
„Mein Gott, wie furchtbar müsse»
Sie gelitlen haben!"
Michael zuckte zusammen und sah
sie starr und fragend an.
Es war das erste Mal. daß er die
sen Ton hörte, der so ganz und voll
aus Dem Herzen kam, in dem eine so
leidenschaftliche Theilnahme lag, als
empfinde sie in jeder Fiber seine Qual
mit. Es blitzte vor ihm aus wie der
erste Strahl eines Glücke», von dem
er wohl bisweifot geträumt unb ge
gen bas er sich boch gewehrt hatte mit
betn ganzen Stolz des Mannes, ber
um keinen Preis das Spielwerk einer
Laune werden will. Das aber, was
et jetzt sah und hörte, war kein Spiel
das war ein Ausbruch völliger Selbst
Vergessenheit, rückhaltloser Wahrheit.
„Können Sie mir das wirklich
nachempfinden?" fragte er mit stocken
dem Athem. „Sie, die auf den Höhen
des Lebens geboren und erzogen sind
und nie einen Blick in die Tiefen des
Elends gethan haben? Ja, ich habe
furchtbar gelitten und leide noch,
tuemi ich bei der Erinnerung, die mir
die theuerste und heiligste sein sollte,
bei dem Worte „Vater" die Augen
niederschlagen muß."
Hertha war dicht 'an seine Seite
getreten, und jetzt schlug ihre Stimme
an feilt Ohr, so leise und weich, als
gelte es die Berührung einer schweren
Wunde.
„Wenn Sie den Vater nicht lieben
konnten Sie haben ja doch eine
Mutter gehabt und ihr Andenken ist
doch wenigstens rein geblieben?"
„Ihr Andenken, ja! Aber sie war
eine Unglückliche, welche Heim und
Familie aufgegeben hatte, um dem
Mann zu folgen, den sie liebte und
von dem sie sich geliebt glaubte. Sie
hat die Täuschung mit dem Elend
eines ganzen Lebens bezahlt und
ist auch baran gestorben!"
„Unb ihre Familie wußte das und
ließ sie sterben im Elend?"
„Weshalb denn nicht? ES war ja
ihre freie Wahl gewesen, sie büßte
nur ihre Schuld! Begreifen Sie
denn das nicht, Gräfin Steinrück?"
Die Worte waren wieder ganz von
der früheren Bitterkeit überflutet.
Hertha hob langsam die Augen zu
ihm empor sie hatten jetzt nichts
mehr von jenem schillernden Glänze,
der sie in manchen Augenblicken halb
dämonisch erscheinen ließ der feuchte
Schimmer darin kam von Thränen.
„Nein, ober ich begreife, daß sie
dem Manne ihrer Liebe folgte und
an ihn glaubte, der ganzen Welt zum
Trotze, wenn der Weg auch in Dunkel
und Schmach, wenn er selbst in's
Verderben führte ich hätte es auch
gekonnt!"
„Hertha, das sagen Sie mir? DaS
höre ich von Ihren Lippen?" brach
Michael mit vollster Leidenschaft aus
und ehe sie es hindern konnte, hatte
er ihre Hand ergriffen und feine Lip
pen darausgedrückt aber das brachte
die junge Gräfin zur Besinnung sie
schreckte empor.
„Hauptmann Rodenberg, um Got
teswillen, Sie vergessen
„Was?" fragte er, ihre Hand noch
fester umschließend.
„Daß ich die Braut Raoul's bin!"
„Nur seine Braut, nicht sein Weib!
Das Band kann ja gelöst werden.'
Geben Sie mir das Recht dazu, und
ich zerreiße
„Nein, Michael, niemals! Es ist
zu spät ich bitt gebiinbcn!"
„Sie sind frei, sobald Sie wollen,
aber Sie wollen nicht!"
„Ich kann nicht!"
„Hertha ist daS Ihr letztes
Wort?"
„Mein letztes."
Michael ließ ihre Hand fallen und
trat zurück.
„So bitte ich um Verzeihung wegen
meiner Vemefienheit."
(Fortsetzung folgt.)
A u s e w a $ u n e
e n
Editor (am Himmelsthron): Kann
ich eintreten?
St. Peter: Was war Dein Ge»
schäft auf Erden?
Editor: Ich war Editor einer täg»
lich erscheir.enben New sorter Zet
tung unb habe niemals behauptet,
daß meine Zeitung einen größeren
Lesekreis habe als alle anbeten tägli
chen Zeitungen zusammengenom
men.
St. Peter: Man verabreiche bic»
fem Herrn ein Paar golbene Flügel,
eilte mit Diamanten besetzte Him
melskrone unb gebe ihm bie Note 100
für Wahrheitsliebe!
a e e i N a e
Frau A.: „Sehen Sie 'mal, do
gehen Naumanns, ein reizendes Paar.
nicht wahr?"
Frau B.: „Ja, sie sehen so weit
recht nett aus, aber wissen Sie, zu
Hause zanken sich bie Leute ben gan
zen Tag. namentlich Frau Naumettn
ist ein wahrer Drache. Na, und bie
Kinder, die «einen Strolche."
Frau A.: „Sie kennen Frau Rau
mann also näher?"
Frau B.: „Gewiß, ich bin xa ihre
beste Freunbin!"
-B e i n e e u n s a
Vertheidiger (ttt der Zelle beS
Gauners): „In Ihrem eigenen In
tereffe ist c§ bringeiib gerathen, bajj
Sie mir die volle Wahrheit sagen.
Betrachten Sie mich als Ihren lieb»
sten Freund, als Ihren Bruder, wenn
Sie wollen, aber verschweigen ©te
mir nichts!"
Gauner: „Aber bö4 sag' ich Dir
gleich, Bruder, ewg'sperrt wenn i'
rverd' nachher ist's wieder au* mit
unserer Freunbschaft!"
Darum.
Dichtem ^Ein lieber Heâ ber
Herr von Seidel, der versteht so auf
merksam zuzuhören!"
Redakteur: .Erklärlich bu ist
ia taub!-
'â-.'/Ä?'
k
Berühmte JunggeseAev.
Baccn sagt, „die besten und fiir dw
Menschheit wertvollsten Werke sind,
von unverheirateten oder kinderlosen
Männern geschaffen worden." Scho
penhauer scheint derselben 9tnfidht ju
sein, tienn er meint, daß „für Männer
von höherer, geistiger Berufung, für
Dichter, Philosophen und im Allgemn
nett für alle Diejenigen, welche sich der
Kunst irnb Wissenschaft totbmtn, dt»
Ehelosigkeit dem Verheiwthetsein vor
zuziehen sei, weil sie das Ehejoch am
Hervorbringen großer Werke hindere.
Einen gleichen Gedanken Hai der Dich
ter Moore ausgesprochen, indem er an
einer Stelle behauptet, daß, wenn man
einenBlick in das Leben der berühmte
sten Dichter thut, es einem klar wird,
daß es mit wenigen Ausnahmen „rast
lose und einsame Gemüther waren, de
ten Geist, wie der Serdenwurm in dem
Cocon, ganz in feine Aufgabe verwM
und verwickelt ist und welche dem Ehe
bunde äls Fremdlinge oder Rebellen ge»
genüver steihen." Dante, Milton,
Shakespeare und Dryden sind hervor
ragende Beispiele für die ungünstige
Wirkung des Ehelebens auf die Dich
ter. Dante lebte fern von Weib und
Kind und nährte in seinem Gnste ben
unsterblichen Traum der Beatrice. AuS
einem oft citirten Scherzwort Dryden'I
erhellt feine Meinung über diesen Ge
genstand. Ms einst seine Frau zu ihm
sagte, sie möchte ein Buch fein, um die
Gesellschaft ihres Mannes häufiger ge
nießen zu können, entgegnete er: „Sei
ein Kalender, mein Schatz, damit ich
Dich jedes Jahr gegen einen neuen ein
tauschen kann." Scott äußerte über
Dryden, daß er, wenn die Ebestands
frage erörtert wurde, sich jedesmal mit
solchem Sarkasmus äußerte, daß man
„an der Thatsache seines ehelichen Un
glückes nicht zweifeln konnte." DaT
selbe gilt von anderen Künstlern, be
sonders von Musikern. Wagner hei
rathete als junger Mann eine bild
hübsche Schauspielerin, doch scheint sie
für feine Bestrebungen wenig Sinn ge
habt zu haben und so lebte er getrennt
von ihr. -Später heirathete er bekannt
lich eine Tochter Liszt's, welche feilt
Genie zu schätzen wußte mit ihr tvai
er glücklich. Das Mädchen, welches
Haydn zum Altar führte, entpuppte sich
später als Xantippe. Berlioz schrieb
eines Tages: „Ach, könnte ich sie fin
den, die Julia, die Ophelia, nach wel
cher mein Herz verlangt könnte ichf.
den Ra-usch gemischter Freude undWeh
muth trinken, den nur die wahre Liebe
kennt! Könnte ich an einem Herbst
abend, auf wüster Haide, vom Nord»
wind gewiegt, in ihren Armen ruhe»v
und ihn schlafen, den letzten btiftertt'
Schlaf!" Ein paar Jahre, nachdem er
diese Worte niedergeschrieben hatte,
brachte «r eine Trennung von feineM
Weibe, dieser setner früheren Gottheit^
zu Stande und ließ sie in Elend und.
Einsamkeit sterben. Händel war nke
verliebt und hegte eine ausgesprochen«
Abneigung gegen den Ehestand.
Poesie mib Punsch.
Im Jiihre 1790 bezog das zur Ber»
liner Garnison gehörende Regiment
Alt-Pfuhl für einige Wochen ein Kan
tonirungsquartier in der Festung.
Landshut in Schlesien. Außerdem^
wurde ein Kürassier-Regiment, dessen
Chef der Herzog von Sachsen-Weimcue
war, dahin verlegt. Im Gefolge de*
Herzogs befand sich auch Goethe, der
bei dieser Gelegenheit das Riesengebirge
besuchen wollte und eines Abends in
Landshut eintraf. Em junger -lustigetz
Offizier des Regiments Alt-Pfuhl,.
welches am Markte feine Hauptwache
hatte, saß mit mehreren Kameraden i«
der Wachtstube bei der Punfchbowle,j
als von der Thorwache gemeldet wurde*
daß der herzoglich weimarische Geheim»!
rath Goethe soeben in Landshut ange-i
kommen sei. Der Offizier war nuW
ein leidenschaftlicher Verehrer des Dich
ters. Es erregte ihn ungemein, sitfj
mit demselben in einer Stadt zu befttt*.
den. und er hätte ihn gar zu gern ei«
Mal von Angesicht zy Angesicht gese-/
'hen allein er durste sei-nen Postern
nicht verlassen und formte daher keine
Audienz von dem Dichterfürsten sich er»
bitten. In diesem Dilemma fand et
indeß einen Ausweg. Es hieß, daß
Goethe noch am selbigen Abend seine
Reise fortsetzen wolle und nur im Gast
Hose abgestiegen sei, um die Pferde zu.
wechseln er mußte also bald wieder
an der Hauptwacbe vorbeifahren. Nach
kurzer Zeit rasselt in der That sein
Wagen heran und nun stürzte unset,
Offizier, von seinen Kameraden gefolgt
und ein großes Glas Punsch in der ei
nen. ein Licht in der andern Hand, bot
die Thür. Ein „Halt" donnerte dem
Postillon entgegen, der erschrocken Folge
leistete. Dann trat der Offizier an
den Schlag und sprach, während er daS
mitgebrachte Getränk hinreichte, die eben
mühsam zusammengestöppelten Rfime:
„Min Goethe,Dich zu sch'n war längst
mein heißer Wunsch^
Nimm von. des glüheirden Verchrer^
Hand,
Jftt kein Gelehrter auch und nur em
Lieutenant,
Zur 'Labe auf den Weg dies Gläschen
warmen Punsch!"
Goethe, bit zuerst erschrocken, war,
erfaßte bald die Situation, lachte,
nahm das Glas, trank es auf einen
Zug leer und meinte dann, zu dem
Lieutenant gewendet, er habe zwar noch,
keine so seltsame Audienz ertheilt, bo$
freue er sich, einen schmucken Offizier
kennen gelernt zu haben. „Allein," s»
setzte er noch im Abfahren hinzu, „biet*
ben 5it künftig lieber beim Punsch»
brauen und lassen Sie dasBeTsemachen^,
denn Ihr Punsch ist bei Weitem Ihre«».
2k$st« tiorzuaitl^V^,
"4.
-4- j4|
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