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Der Deutsche beobachter. [volume] (New Philadelphia, Ohio) 1869-1911, August 22, 1894, Image 3

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/, Fortsetzung und Schluß.)
^Ich habe jetzt keine Zeit zum Wei
nett, und Thränen hat man nur für
einen geliebten Todten. Daß er mir
das anthat, anthun konnte genug
davon, laß ihn ruhen!"
Er schritt voran nach dem Vorge
unslch, wo sich die Ofsiciere befanden,
amd wo er mit jener schweigenden
Ehrfurcht empfangen wurde, die
Jeder dem Unglücke zollt. Einer aus
dem Kreise trat vor und sprach im
Namen 2111er dem greisen Führer die
Theilnahme aus an dem schweren
Verluste, der ihn getroffen hatte.
'Steinrück hörte das starr und schein
bar unbewegt an er neigte nur zum
Danke das Haupt gegen Alle.
„Ich danke Ihnen, meine Herren!
Der Schlag, der in der nächsten Zeit
Tausende treffen wird, er hat mich
Zuerst getroffen aber der Himmel hat
mir bereits einen Trost dafür ge
sandt, denn hier," jetzt brach es durch
•feine unheimliche Ruhe wie ein Auf
flammen der alten Kraft, und die
mächtige Greisengestalt richtete sich
hoch empor, „hier an meiner Seite
"steht der Sohn meiner früh verstorbe
nen Tochter, mein E tel, Michael
Dodenberg!"
Ein Jahr war vergangen, ein Jahr
voll schwerer Kampfe und mächtiger
»Erfolge, voll Siegesjubel und Todten
klage/und als der Sommer wieder
die Erde grüßte, grüßte er dort ein
4teu erstandenes Reich.
Auf der Bergstraße, die von Tann
terg nach Schloß Steinrück führte,
tollte ein offener Wagen dahin, in
dem sich zwei Officiere befanden. In
dem Hauptmann, der zur Rechten saß,
hätte man auch ohne Uniform den
Soldaten erkannt sein Gefahr^ da=
•gegen, der die Abzeichen eines Reserve
Lieutenants trug, hatte ein mehr
Künstlerisches als kriegerisches Aus
»sehen, trotzdem auch er von Luft und
Sonne tief gebräunt war.
„Du kannst von Glück sagen, Mi
thaeH" sagte er mit betn alten Ueber
,muthe. „Du kehrst als gefeierter
«Kriegsheld zurück, in die Arme Deiner
Braut. Mir wird es nicht so gut
ich habe noch eine heiße Schlacht zu
schlagen. Mein kleines Dornröschen
freilich hat sich tauf er und muthig
-gezeigt, ober die Dornenhecke starrt
intir noch immer entgegen mit der
«ganzen Energie des zehnten Jahrhun
derts. Eigentlich ist mir die Uniform
hier auf der Reife sehr unbequem,
-über ich hoffe, ihm damit zu impo
tiireit, meinem Schwiegervater näm
lich. Vielleicht macht es doch Eindruck
-auf ihn, wenn das neunzehnte Jahr*
Hundert in feiner ganzen kriegerischen
Pracht vor ihm erscheint."
„Du nimmst die Sache tote gewöhn
lich von bet komischen Seite." entgeg
nete Michael. „Du solltest aber be
denken, baß nicht allein der alte Frei
herr, sonbern auch Dein Vater seine
«Einwilligung verweigert."
„Ja, man hat seine Roth mit den
Vätern sie sinb gar nicht mehr zu
regieren!" stimmte Hans bei. „Ich
ihave meinem Papa nun endlich durch
'Gerlindens Briefe, die ich ihm zu
«lesen gab. überzeugt, daß sie ganz
Vernünftig ist aber er bleibt hart»
gtaefig dabei, daß die Anlage zur 53er»
rrücktheit in der Eberftein'fchen Fatni
jlie erblich sei. und verlangte durchaus,
Daß ich auf künftige Generationen
Rücksicht nehmen soll. Der Freiherr
dagegen behauptet wieder, daß die
«Gottlosigkeit erblich ist. Uebrigens
muß er eine Ahnung davon haben,
daß ich jetzt, wo die Truppen ent»
Tassen werben, schleunigst auf der
löilbfläche erscheine denn er hat Ver
binde sogar verboten, nach Steinrück
Sil fahren. Als ob das uns Hinberte!
Ich berentte die Ebersburg als Ritter
vom Forschungstein in aller Form,
und vorläufig Nettere ich noch einmal
über die Burgmauer und finde auf
der Terasse mein Dornröschen, das
schon ganz genau unterrichtet ist."
Michael hörte etwas zerstreut zu
seine Aufmerksamkeit wandte sich
«Schloß Steinrück zu, das schon eine
-ganze Weile sichtbar gewesen war und
jetzt dicht vor ihnen lag er sagte nur
flüchtig:
„Ihr scheint ja in sehr lebhaftem
Werkehr zu stehen. Der Briefwechsel
tüurde Euch ja wohl verboten?"
„Natürlich, von beiden Vätern.
Deßhalb schrieben wir uns so oft
während des Krieges. Wir müssen
'jtn unserem künftigen Hause zunächst
-:iem Archiv anlegen, für all' die Fel
dpostbriefe, in denen unsere Liebes
'suud Leidensgeschichte ruht. Aber nun
"'hat sie lang genug gedauert, und
Itventt der Alte gar keine Vernunft
»annehmen will, so setzen wir ihn in
,idas Burgverließ, wie den seligen
'Balduin von Ottenau vor sechshun
dert Jahren, der auch so lange darin
fitzen mußte, bis et in die Heirath
Kuntad's von Eberstein und Hilde»
V gatd's von Ottenau willigte. O, ich
bin schon seht bewandert in der Ge-
Schichte meiner Verwandtschaft. Ich
verwechsele nicht einmal die Namen
.„mehr."
3 Michael gab keine Antwort jetzt.
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,tvo der Wagen den Schloßberg hinauf
\tuht, spähte er nur ungeduldig nach
den Fenstern der Burg Han» folgte
der Richtung seines Blickes.
„Also Dein Großvater ist auch
dort?"
.Seit acht Tagen. Er hat einen
längeren Urlaub nehmen müssen'
frenn die Strapazen des Feldzuges
haben ihn doch sehr angegriffen. Ich
^fce meine ganze Hoffnung auf die
stärkende Bergluft."
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„Ter General ist sehr verändert.
Ich erschrak förmlich, eis ich ihn
wiedersah. Freilich, ein schwerer
Felbzug in solchem Alter und dann
noch der jähe schreckliche Tod seines
Enkels es laßt sich begreifen! Aber
ich glaube, Du stehst seinem Herzen
trotz alledem näher, als Graf Raoul
je gestanden hat."
„Vielleicht! Aber in solchem Alter
überwinden sich Sch'.cksalsschläge
schwer," sagte Michael ausweichen!).
Er wußte, was sein Großvater nicht
überwinden konnte, aber das blieb
ein Geheimniß zwischen ihnen Beiden.
Haus plauderte weiter, erhielt aber
immer kürzere und zerstreutere Ant
Worten fein Freund schien gar nicht
mehr auf ihn zu hören er schaute
immer nur nach dem Schlosse, und
plötzlich fuhr er auf und zog fein
Taschentuch hervor, das er hoch in der
Lust flottern ließ.
„Was hast Du denn?" fragte Hans.
„Ah so, da oben flattert ein anderes
Tuch, und wahrhaftig, da steht auch
Gräfin Hertha auf dem Altan! In,
schön ist sie freilich. Deine gotdt)(tätige
Märchettfee da oben in der leuchtenden
Mittagssonne! Mit ihr kann sich
mein Dornröschen nicht messen, und
meine Braut hat auch nicht verschie
dene Millionen, nur einen obstinaten
Papa. Aber dafür ist ihr Geschlecht
volle zweihundert Jahre älter als das
der Steinrück. Vergiß das nicht,
Michael! Im Mittelalter hat meine
Frau ganz einschieben den Vortritt
vor der Deinigen.",
Der Wagen fuhr endlich in den
Schloßhof, viel zu langsam für die
Ungeduld des jungen Osficiets, der
jetzt den Schlag ausriß, hinaussprang
und die Außentreppe hmaiifstürmte.
Hertha erschien oben auf den Stufen,
und in Gegenwart der Diener küßte
Michael seine Braut. Es war das
erste Mal, daß er sie öffentlich so be
grüßte.
„Und das muß man nun mit an
sehen uno kann es nicht nachmachen,
nur weil man einen unvernünftigen
Papa und dito Schwiegerpapa hat!"
grollte Hans, indent er langsamer
ausstieg. „Aber wartet, meine Herren
Väter! Ich spiele Euch einen totreich,
daß Ihr Euch auf Gnade und Un
gnade ergeben sollt."
In dem getäfelten Gemach, mit
dem breiten Erkerfenster, wo die
Ahnenbilder von den Wänden blickten
und das Wappen der Steinrück über
dem Kamine prangte, befand sich
Graf Michael mit seinem Enkel, den
er hier an dieser Stelle zum ersten
Mal gesehen und dem er auch hier die
furchtbare Beschuldigung des Dieb,
stahls zttgefchleubert hatte. Das
Schicksal hatte die Vergeltung dafür
genommen, und man sah es, wie
schwer der General daran trug.
Er hatte in der That sich verändert
und schien in den zwölf Monden um
eben so viele Jahre gealtert zu sein.
So lange der Felbzug währte, hielt
ihn die Pflicht des Soldaten, des
Führers, dem eine so schwerwiegenbe
Verantwortung zufiel, noch aufrecht,
und er zwang Geist und Körper mit
der alten Willenskraft. Aber mit der
Pflicht ging auch feine Kraft zu Ende.
Die Züge des einst so schönen Greifen
antlitzes waren hohl und tiei gewor
den aus den Augen war das Feuer
entschwunden, selbst die Haltung er
schien müde und gebeugt. In diesem
Augenblicke freilich ruhte sein Auge
mit dem Ausdruck der tiefsten, inner
sten Genugthuung auf feinem Enkel,
dessen Hand er noch in der seinigen
hielt.
„Ich denke. Du könntest zufrieden
sein mit Deinen Erfolgen," sagte er.
„Es ist selten, daß man einen so jnn
gen Cfficier mit solchen Auszeichnun
gen überschüttet, wie sie Dir zu Theil
geworben sinb, aber ich gebe Dir das
Zeugniß, daß sie verdient sind. Was
Du im Felde geleistet hast, das über
traf selbst meine Erwartungen, und
ich habe viel erwartet von meinem
Michael!"
„Vielleicht wäre die Anerkennung
nicht so überschwenglich gewesen,
wenn sie nicht gerade dem Enkel des
commandirenden Generals gegolten
hätte," entgegnete Michael mit einem
flüchtigen Lächeln. „Von dem Augen
blick an, wo Du mich als Deinen
Blutsverwandten einführtest, umgab
man mich mit ganz besonderer Auf
merksamkeit ich habe es nur zu gut
gefühlt."
„Gleichviel, die Anerkennung ist
errungen, nicht bloß gegeben, und
Hertha hat ollen Grund, auf ihren
Kriegshelden stolz zu sein. Seid Ihr
über den Zeitpunkt der Vermahlung
schon einig geworden?"
„Noch nicht! Hertha läßt sich da
von Rücksichten bestimmen, denen ich
mich auch beugen muß, so schwer es
mir wird. Vor der Welt ist ihre
Verlobung mit Raoul ja nie gelöst
worden, und das Trauerjahr ist
soeben erst zu Ende gegangen. Wit
wollen Dir die Entscheidung über
lassen, Großvater. Weitn Du meinst,
daß wir noch einige Monate warten
sollen
„Nein!" erklärte Steinrück mit Be
stimmtheit. „Es ist ja bereits be
schlossen, daß die Trauung in allei
Stille stattfinden soll, und ich mochte
ger« selbst noch Eure Hände in ein«
anderlrgen. In einigen Monaten
dürfte es zu spät sein."
„Großvater," sagte Michael halb
bittend, halb vorwurfsvoll.
„Soll ich nicht einmal zu Dir davon
sprechen? Du bist ja doch ein Mann
und mußt dem Unvermeidlichen ins
Auge sehen."
„Es ist aber nicht unvermeidlich.
Wenn Du Dich nur aus dieser
Schwermuth emporraffen wolltest, die
an Deinem Leben zehrt. Hat denn
Raoul alle Lebensfreude mit in das
Grab genommen? Ich bin Dir doch
zur Seite mit meiner Hertha, und
wir helfen Dir, bit Vergangenheit zu
tt&ittöinketi**
..
^v, vv -T.-.
Der General schüttelte langsam
verneinend den Kopf.
„Du weißt am besten, was Du mir
bist, Michael aber meine Kraft ist
nun einmal gebrochen, und Du kennst
auch die Stunde, in der sie brach.
Der Axthieb ging dem alten Baume
an die Lebenswurzel er kann nicht
mehr gesunden!"
Michael schwieg: er mochte die
Wahrheit dieser Worte fühlen. Wenn
die schließliche Aufklärung auch das
Furchtbarste gemildert hatte: es blieb
noch genug bestehen, um den Stolz
und die Ehre des Grafen von Stein
rück, der von jeher mit ganzer Seele
feinem Vaterlande angehört hatte,
bis auf den Tod zu verwunden. Und
er war ein Greis ihm stand keine
Jugenbkraft mehr zur Seite, die sol
(hen Schlägen Stand hält.
„Also Gräfifc Hortense ist wieder
bei ihrem Bruber mit Deiner Ein
willigung?" fragte Rodenberg, nach
einer kurzen Pause ablenkend.
„Ja. So lange der Krieg währte,
konnte und durfte ich nicht zugeben,
daß die Wittwe meines Sohnes in
Frankreich weilte. Jetzt fällt diese
Rücksicht für uns Beide fort sie kehrt
zu Montigny zurück. Hier ist sie ja
doch stets eine Fremde gewesen, mid
mit dem Tode Raoul's ist das einzige
Band, das uns noch verknüpfte, zer
rissen. Ich habe ihr die Unabhän
gigkeit gesichert, so weit das in mei
nen Kräften stand. Du kennst ja die
Bestimmungen meines jetzt geänder
ten Testamentes. Das Majorat geht
nach meinem Tode in andere Hände
über, es haftet an der männlichen
Linie unseres Hauses. Schloß Stein
rück fällt Dir als meinem einzigen
Erben zu, und mit Hertha's Hand
wird auch der ganze große Familien
besitz Dein, den ich um jeden Preis
meinem Enkel sichern wollte. Das ist
geschehen, wenn auch auf andere
Weife, als ich dachte, und es ist besser
so! Du wirst ihn wahren und schir
men und wirst auch Hertha schirmen
mit Deinem starken Arm, ich weiß es
©ott segne Euch Beide!"
ES war kein bloßer Zufall gewesen,
daß Hans Wehlau seinen Freund be
gleitete. Er verband mit diesem Be
suche den etwas egoistischen Zweck,
die Braut Michael's als Bundesge
nossin für den letzten entscheidenden
Sturm auf Vater und Schwieger
vater zu gewinnen. Dieser toturnt
konnte nur in Steinrück versucht wer
den denn es war der einzige Ort.
wo Gerlutdeti's Vater, der alte men
schenscheue Sonderling, noch biswei
ien verkehrte, und wo die Möglichkeit
gegeben war, ihn mit dem Professor
Wehlau zusammenzubringen, der sich
augenblicklich wieder zum Besuche bet
den Verwandten in Taitttberg befand.
Hertha hatte allerdings von Anfang
an auf Seiten der Jugendfreundin
gestanden und alles Mögliche gethan,
um den alten Freiherrn umzustim
men aber es war vergebens gewesen,
eben so wie die erneute Werbung, die
Hans wenige Tage nach seiner An
kunft unternahm. Er hatte umsonst
die Uniform angezogen, die kriegeri
sche Pracht des neunzehnten Jahrhun
derts machte gar keinen Eindruck auf
das zehnte. Udo von Eberstein war
nun einmal entschlossen, den ganz
reinen Stammbaum seines Geschlech
tes zu wahren, und drohte, seine
Tochter eher in ein Kloster zu schicken,
als zuzugeben, daß sie einen Men
scheu ohne Namen und Familie hei
rathe. Et blieb unerschütterlich und
trotz der Beharrlichkeit des Freiers
und der Thränen Gerlindeu's endigte
auch diese zweite Werbung mit einem
entschiedenen Nein.
Es war nicht besonders schwierig,
den Professor Wehlau nach Steinrück
zu bringen. Er folgte bereitwillig
einer Einladung Michael's „zufälli
gerweise" hatte Hertha an demselben
Tage die Bewohner der Ebersburg
eingeladen, aber das glückte nur zur
Hälfte. Der Freiherr kam allerdings,
um den General nach dem Kriege
wiederzusehen, ober er ließ weislich
seine Tochter zu Hause. Die Möglich
keit, in Steinrück dem Menschen zu
begegnen, der durchaus sein Schmie
gersohit sein wollte und von Gerlinde
leider in der frevelhaften Absicht un
terstützt wurde, veranlaßte ihn zu
dieser Vorsichtsmaßregel. Indessen
schien der Besuch ohne Störung vor
überzugehen der Feind, der das Ge
schlecht derer von Eberstein mit einem
bürgerlichen Namen bedrohte, ließ
sich nirgends blicken, und der Frei
herr, der dem General viel von alten
Zeiten geplaudert hatte, wo sie Beide
noch Waffengesährteit waren, befand
sich in bet vortrefflichsten Stimmung.
Er war augenblicklich allein in dem
Erkerzimmer und wandte sich beim
Oeffnen der Thür um, in der Mei
nung, Gras Steinrück, den man für
einige Minuten abgerufen hatte,
kehre zurück, fuhr aber plötzlich in die
Höhe, denn vor ihm stand in Lebens
große Professor Wehlau._
Auch dieser stutzte er wußte offen
bar nichts von dem Hiersein seines
Gegners und schien in Zweifel, ob er
ihn eben so grob behandeln sollte wie
bei der letzten Zusammenkunst vor
einem Iaht. Für diesmal aber be
hielt eine menschlichere Regung die
Oberhand und er brummte:
„Guten Tag, Herr von Eberstein!"
„Herr Professor Wehlau, Sie
hier?" fragte Eberstein, den Gruß
mit einem sehr steifen Kopfnicken er
widernd. „Ich hoffe, Sie haben
Ihren Sohn nicht mitgebracht."
„Nein, der ist drüben in Tann
berg."
„Das freut mich! Steine Tochter
ist in der Ebersburg.
Wehlau zuckte nur die Achseln bei
dieser Ankündigung.
„Darüber brauchen Sie sich gar
nicht zu freuen. Ich wette darauf,
hie Beiden stetten doch wieder iuiam«
'M
men, sobald winden Glücken gewandt
haben."
„Das würde ich mir verbitten",
sagte Eberstein mit Nachdruck. „Ich
habe Gerlinde streng verboten, Herrn
Wehlan zu sehen oder zu sprechen."
„Jawohl. Sie haben ihr auch ver
boten an ihn zu schreiben, uitb mein
Hans hat eine ganze Wagenladung
von Briefen aus dem Feldzuge mit
gebracht. Fräulein Gerlinde wird
wohl die gleiche Anzahl besitzen."
„Das ist ja empörend!" rief der
alte Herr, der zum ersten Male von
diesem Ungehorsam Kunde erhielt.
„Warum brauchen Sie da nicht Ihre
väterliche Autorität? Warum haben
Sie Ihrem Sohne überhaupt gestat
tet hierherzukommen?"
„Weil er sechsundzwanzig Jahre
alt und somit kein Kind mehr ist."
entgegnete Wehlau trocken. „Da
geht es nicht mehr mit dem Einsper
ren. Sie halten Ihre Tochter frei
lich unter Schloß und Riegel ich
wollte, ich könnte es mit meinem
widerspenstigen Buben eben so
machen aber freilich, bei dem würde
das nichts helfen bet klettert zum
Fenster heraus und ist plötzlich mitten
in der Ebersburg, unb wenn er zum
Schornstein hineinkommen sollte. So
geht die Geschichte nicht länger, wir
müssen ernstliche Maßregeln ergrei
fen.
„Ja, das müssen wir!" stimmte
Eberstein bei, indem er mit feinem
Stocke energisch auf den Boden
stampfte. „Ich werde Gerlinbe in
ein Kloster schicken, vorläufig als
Pensionärin. Da wollen wir doch
sehen, ob es dem jungen Herrn ge
lingt, durch den Schornstein hinein»
zukommen!"
„Das ist ein sehr vernünftiger Ge
danke!" rief der Professor, der bei
nahe in Versuchung kam, seinem Geg
net freundschaftlich die Hand zu
schütteln. „Bleiben Sie fest, Herr
von Eberstein! Ich freue mich wirk
lich, daß Sie bei Ihrem Zustande
noch solche Energie haben."
Der alte Herr, der feine Ahnung
von der beleidigenden Voraussetzung
des Professors hatte und glaubte, die
ser meine sein Gichtleiden, seufzte
tief.
„Ja, mein Znstand! Der wird
leider alle Tage schlimmer!"
„Sehen Sie das selbst ein?" fragte
Wehlau, indem er einen Stuhl heran
zog und sich ganz friedlich niederließ.
„An welcher Krankheit ist denn eigent
lich Ihr Vater gestorben, Herr Ba
ron?"
„Mein Vater, Oberst Kuno von
Eberstein Ottenau, fiel in der
Schlacht bei Leipzig, an der Spitze
seines Regimentes," lautete die mit
feierlicher Würbe gegebene Antwort.
Wehlan sah etwas erstaunt aus er
schien eine andere Auskunft erwartet
zu haben und begann nunmehr ein
förmliches Kreuzverhör anzustellen.
Er erkundigte sich nach Großvater und
Urgroßvater, nach der ersten und
zweiten Gemahlin, nach allen Basen
und Vettern, sogar nach den Seiten
verwandten. Ein Anderer wäre dabei
wahrscheinlich ungeduldig geworden,
aber Eberstein faitb, daß der Professor
sich sehr zu seinem Vortheile verän
dert habe es that ihm wohl, daß die
ser mit so rührender Theilnahme jetzt
nach all den Udo's und Kuuo's und
Kniir.id's fragte, die er ihm einst mit
so rüdfichtlofer Grobheit an den Kopf
geworfen hatte. Er ließ feinen
Stammbaum nach allen Richtungen
hin glänzen und gab bereitwillig
Rede und Antwort.
„Merkwürdig!" sagte Wehlau end
lich kopsschüttelnd. „Also in Ihrer
ganzen Familie ist kein einziger Fall
von Gehirnkrankheit vorgekommen?"
„Gehirnkrankheit?* wiederholte
Eberstein beleidigt. „Was fällt
Ihnen denn ein? Das ist wohl Ihr
specielles Fach, daß Sie fortwährend
danach suchen? Nein, die Eberstein
sind an allen möglichen Krankheiten
gestorben, aber mit Gehitnleiden ha
ben sie nie etwas zu thun gehabt."
„Das scheint wirklich so sollte ich
mich am Ende doch geirrt haben?"
murmelte der Professor. Er brachte
jetzt das Gespräch auf die Familien
chronik, ans die Abstammung der
Eberstein aus dem zehnten Iahthun
dert, aber vergebens der Freiherr
antwortete vollkommen klar und ver»
itünftig, und zuletzt faltete er die
Hände und sagte in schmerzvoll be
wegtem Tone:
„Ja, wohl, mein altes, edles Ge
schlecht, das neun Jahrhunderte lang
in der Geschichte genannt worden ist,
und mit Ehren genannt es geht
mit mir zu Grabe! Ob Gerlinbe nun
unvermöhlt bleiben ober einem Gat
ten folgen mag mit mir stirbt der
Name, und er wird bald sterben wie
meine alte Ebersburg auch bald in
Trümmer fällt. Das heutige Ge
schlecht weiß ja nichts mehr, will ja
nichts mehr wissen von dem Ruhm
unb Glanz der alten Zeiten, und ich
habe keinen Sohn, der die Erinnerung
daran wahren könnte. Ueber meinem
Sarge wird man bas Wappen unse
res Hauses zerbrechen unb mir in bie
Gm st nachwerfen mit dem letzten
düsteren Ruf: Freiherr von Eberstein
Orienau heute noch und nimmer
mehr!"
Es sprach ein so tiefer, bitterer
Schmerz aus diesen Worten, daß
Wehlau plötzlich ernst wurde und mit
einer Bewegung, deren er nicht Herr
werden konnte, auf den Greis blickte,
dein ein paar Thränen Über die ein
gefallenen Wangen rollten. Der
Mann der Wissenschaft, der Gegen
wart hatte den Stolz des Adligen aus
seiüe Vorfahren nie verstanden und
nie gelten lassen aber er verstand
den Schmerz des alten Mannes, der
um den Untergang seines Geschlechtes
klagte, der trotz all seines Straubens
doch den ehernen Schritt der Neuzeit
fühlte, welche hundertjährige Spuren
zertrat unb tzxrwischze füt immer.
,'" JkaL
In diesem Augenblicke fiel Alles
Lächerliche ab von Udo von Eberstein
es wurde ausgelöscht von dem tragi
scheu Ernst einet untergehenden Welt
und Lebensaitschauiing, der das Ur
theil gesprochen war mit diesem:
„Heute noch und nimmer mehr!"
Einige Sekunden lang herrschte tie
ses Schweigen dann bot der Pro
fessor plötzlich seinem bisherigen Geg«
net die Hand.
„Herr von Eberstein, ich habe
Ihnen Unrecht gethan! Unsereins kann
ja auch einmal irren, und es lag
wirklich sehr viel Sonderbares in
Ihrer genug ich leiste Abbitte!"
Der alte Herr war weit entfernt,
zu ahnen, worauf sich diese Abbitte
eigentlich be^og er glaubte, siegelte
der bisher an den Tag gelegten Miß
achtung des Ebetstein'schen Geschlechts
und es that seinem Herzen wohl, daß
der eigensinnige rücksichtslose Gelehrte
sich jetzt so rücksichtslos bekehrt zu ha
ben schien. Er ergriff daher die dar
gebotene Hand und drückte sie herz
lich.
Da kam Michael in größter Eile
und Bestürzung. Man hatte jetzt erst
in Erfahrung gebracht, baß bie bei
den alten Herten, bie man mit der
größten Vorsicht einander nähern
wollte, sich allein im Zimmer des
Generals befanden. Wahrscheinlich
geriethen sie wieder aneinander, und
Hauptmann Rodenberg kam nun
schleunigst, um einem Unheil vorzu
beugen. Zu seinem größten Erstau
nen sand er die Beiden ganz friedlich
und freundschaftlich bei einander der
Professor hielt sogar die Hand des
Freiherrn in der seinigen und dieser
schien den Händedruck zu erwidern.
„Ich bebanre sehr, zu stören", sagte
Michael, der feinen Augen nicht
traute. „Hertha läßt die Herren um
ihre Gegenwart bitten, aber wenn
wir Sie in einem ernsten Gespräch
unterbrechen
„Nein, wir sind zu Ende," erklärte
Wehlan, indent er den alten Baron,
der sich mühsam erhob und nach sei
nem Stocke griff, kräftig unterstützte.
So traten sie in das Empfangszim
mer. wo ihnen Hertha entgegenkam
aber an ihrer Seite befand sich noch
ein Anderer, bei dessen Anblick die
elegische Stimmung Eberstein'» sofort
in eine gereizte umschlug.
„Herr Hatto Wehlau ich denke
Sie sind in Tannberg!" rief er är
gerlich.
„Ja, als ich abfuhr, war er noch
bort," fiel der Professor ein. „Wo
kommst Du her Junge? Bist Du durch
die Lust geflogen?"
„Nein, Papa, ich bin Dir schleu
nigst nachgefahren", erklärte Hans.
„Ich mußte den Herrn von Eberstein'
nothwendig sprechen und ihn in einer
dringenden Angelegenheit um Gehör
ersuchen
„Ich will nichts hören," protestirte
der alte Herr. „Ich weiß schon, wo
tauf die Geschichte wieder hinaus
läuft aber ich bin soeben mit Ihrem
Vater übereingekommen, baß wir
ernste Maßregeln gegen Ihre Hei»
rathäpiäne ergreifen, höchst energische
Maßregeln!"
„Ja wohl, höchst energische Maß
regeln!" bestätigte der Professor.
„Das haben wir allerdings abge
macht, aber warum wollen Sie
eigentlich Ihre Tochter meinem Sohne
nicht zur Frau geben?"
Eberstein schaute ihn ganz ver
blüfft an. Die Frage war doch höchst
sonderbar, nachdem man soeben erst
ein Bündniß gegen diese geplante
Heirath geschlossen hatte aber die
Antwort wurde ihm erspart, und in
diesem Augenblicke nahm ihn Hertha
in Beschlag, und Wehlau benutzte
das, um feinen Sohn bei Seite zu
ziehen.
„Ich
habe mich geirrt," sagte
er
kurz und bündig. „Du hattest dies
mal Recht. Der alte Freiherr ist
ganz vernünftig bis auf einige ab
norme (Sehirnerscheinungen und die
muß man betn zehnten Jahrhundert
zu Gute halten solch ein Stamm
bäum ist ja Überhaupt nicht normal!
Gefährlich und erblich aber sind diese
Marotten nicht, also wenn es
Durchaus nicht anbets geht, so hei
rathe Deine Gerlinde!"
„Gott fei Dank! daß Du
zur
Ein-
ficht gekommen bist, Papa!" sagte
Hans mit einem Senszet bet Erleich
terung. „Du hast mir Noth genug
gemacht mit Deiner Sorge für die
Generationen, die vorläufig noch gar
nicht da sind."
„Das war meint Pflicht. Aber wie
gejagt, ich bin jetzt über das Schick
sal Deiner Nachkommenschaft beru
higt. Nun sieh zu, wie Du mit dem
Alten und seinem Stammbaume fer»
tig wirst."
„Ich nehme sie alle Beide im
Sturme!" tief der junge Künstler
ttiumphttend. „Ich erobere niirtrvK
alledem mein Domröschen!"
Hertha hatte inzwischen diesen
Sturm vorbereitet sie hatte das Ge
spräch auf ihre eigene Verlobung ge
bracht und demFteiherrn zu Gemüthe
geführt, daß sie ja auch der letzte
Sproß eines alten Geschlechts sei,
wie Gerlinbe, unb daß auch ihr Name
in einem anbereit erlöschen werde, der
kein Abelswappen trage aber Eber
stein widersprach mit Heftigkeit.
„Das ist etwas Anderes. Ihr Ver
lobter ist immer der Enkel des Gra
fen, der Sohn einer Steinrück er ge
hört wenigstens mütterlicherseits Ih
rem Geschlechte an. Uebetdies", hier
wandte et sich verbindlich zu Michael,
dessen männlich kriegerische Erschei
nung ganz nach seinem Geschmacke
war, „überdies hat sich Hauptmann
Rodenberg im Kriege ausgezeichnet.
Schon zu Zeiten unserer glorreichen
Verfahren galten tapfere Kriegstha
ten als eilt Adelsbrief und errangen
den Ritterschlag. Aber ein Schwie
gersohn, dessen Waffe der Pinsel und
dessen Schild die Palette ist nim
mermehr!"
y',
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,-^f* »""V W «r-r
i
1
iil
„Nun. er sann mil Pinsel und Pa
lette wenigstens den Kriegsruhm ver
ewigen," sagte Michael lächelnd. „Sie
wissen vielleicht noch nicht, daß mein
Freund soeben in einer Preisbewer
buttg den Sieg davongetragen hat.
Sein Name geht jetzt durch die ganze
Presse und wird einstimmig
„Bleiben Sie mir mit der Presse
vom Leibe!" rief Eberstein erbost.
„Das ist auch so eine Erfindung der
Neuzeit, und das ist die schlimmste
von allen! Diese voreilige, indiskrete,
verleumderische Presse, die alles in
den Staub zieht, der nichts heilig ist,
ist ein echtes Satanswerf!"
„Sie haben ganz Recht, Herr Ba
ron, die Presse ist sehr schlimm!" be
kräftigte Hans, der soeben herantrat
und die letzten Worte hörte. „Aber
nun erlauben Sie mir wohl, mein
Gesuch auszusprechen bitte halten
Sie sich nicht die Ohren zu es be
trifft diesmal wirklich nicht (Berlinde,
sondern einzig die Preisberoerbung,
von der Michael soeben sprach. Ich
habe mich schon vor dem Kriege daran
betheiligt und erhielt noch während
des Feldzuges die Nachricht, daß
meine Skizze mit dem Preise gekrönt
und zur Ausführung bestimmt ist.
Dazu bedarf ich aber Ihrer Erlaub
niß!"
„Meiner Erlaubniß?" fragte Eber
stein befremdet. „Was habe ich denn
mit Ihren Bildern zu thun?"
„Das wird Ihnen klar werden, so
bald Sie sich herbeilassen, einen Blick
daraus zu werfen. Es ist ein histo
risches Gemälde, für den Hauptsaal
des neuen Rathhauses in B. bestimmt
unb an diesem hervorragenden Platze
wird es natürlich viel gesehen werden.
Eben deshalb mutz ich Ihre Erlaub
niß erbitten wird sie versagt, so
muß ich eben den Entwurf ändern.
Entscheiden Sie nun darüber hier
ist er."
Et öffnete die Thür des Nebenzim
mers. Der alte Freiherr zeigte sich
glücklicherweise nicht so hartnäckig
wie Professor Wehlau, als es sich um
die Betrachtung Sankt Michael's han
delte halb neugierig, halb miß
trauisch trat er ein, und die Anderen
folgten ihm.
Dort an der Wand war in der
That das besprochene Bild aufgestellt,
vorläufig nur ein Karton, in Kreide
ausgeführt, aber doch ein getreues
Abbild des künftigen Gemäldes. Der
junge Malet hatte es verstanden, den
gegebenen historischen Stoff, eine
Scene aus den Kämpfen des Mittel
alters unter den Hohenstaufen, leben
dig und wirkungsvoll zu gestalten.
Zur Rechten des Bildes erblickte man
den Kaiser, eine machtvolle, ernste
Erscheinung, von Fürsten und Prä
lateti umgeben zur Linken zeigte sich
das herandrängende Volk, während
die siegreich heimkehrenden Krieger,
die ihrem Fürsten die eroberten Tro
phäen zu Füßen legten, die Mitte
einnahmen. Es war eine charakte
ristische, reich bewegte Gruppe, aus
der vor Allem eine Gestalt aufragte,
offenbar der Held und Führet des
ganzen Siegeszuges. Eine prächtige
Erscheinung, mit dunklen Haaren und
Augen u«d edlen, regelmäßigen Zü»
gen, in voller Rüstung und Mannes-«
kraft. Hochaufgerichtet, mit der Rech
ten auf die Trophäen deutend, schien
er dem Kaiser ben Siegesbericht zu
erstatten. Der einzelne Ritter war
die Hauptgestalt des Gemäldes, auf
die sich der ganze Vorgang unb auch
das Interesse des Beschauers concen
trirte aber Helm und Rüstung tru
gen die Abzeichen derer von Eber
stein, und der Schild trug das Wap
pen, das verwittert und halb zerfal
len über dem Thore der Ebetsbutz
stand es feierte hier feine Aufer
stehung.
Der alte Freiherr war an das Ge
mälde herangetreten, um es genau zu
betrachten plötzlich aber zuckte er zu
sammen, die gebeugte Gestalt richtete
sich aus und mit einer säst stürmi
schen Bewegung wandte er sich zu betn
jungen Künstler, der hinter ihm
stand.
„Was haben Sie gethan? Das ist
i(t
„Die Wiedergabe eines Portraits,
das ich bei meinem ersten Besuche in
der Ebersburg entdeckte", ergänzte
Hans. „Sie erinnern sich wohl noch
unseres Gespräches darüber und be
greifen nun, weshalb ich Ihre Er
laubniß erbitte."
Eberstein gab keine Antwort er
blickte starr und unverwandt auf das
Bild, auf sein Bild, aus der Zeit,
wo er noch jung und gesund und
glücklich war, wo auch er noch die
Waffen zu führen wußte, und ihm
wurden die Augen feucht bei der Er
innerung.
„Was soll denn das eigentlich hei
ßen?" sragte der Prosessor, der zwar
das Gemälde kannte, den man aber
über die geheime Bedeutung dessel
ben noch in Unkenntniß gelassen
hatte. Der alte Freiherr wanbte sich
zu ihm und sagte ihm in einem Tone,
der halb wehmüthig, halb selbstbe
wußt klang:
„Das sind meine Züge. So hat
Udo von Eberstein ausgesehen —vor
mehr als dreißig Jahren!"
„Da haben Sie sich aber sehr ver
ändert!" brach Wehlau in seiner der
ben Weise los doch Hans fiel rasch
ein:
„Nicht doch Papa! Sieh den Frei
herrn nur genau an! Du findest die
Züge wieder. Das Bild soll in Fres
fomalerei ausgeführt werden, Herr
Baron es wird voraussichtlich so
lange bestehen wie das Rathhaus
selbst mindestens eitiige hundert
Jahre."
„Einige hundert Jahre!" lispelt,
Eberstein wie verklärt. „Freiliche,
das Wappen wirb Niemand kennen."
Hans trat dicht an seine Seite.
„Man kennt es leider bereits. Die
schlimme Presse Sie wissen ja, ich
theile Ihre Abneigung dagegen
hat fich schon bet Kache demüchtiat
'TWfafl ^Titi" I—i*"""'â'
unb bringt den vollen Namen. El»
Artikel in dem ersten Blatte unserer
neuen Reichshauptstadt Sie ge
statten wohl, daß ich Ihnen de»
Schluß vorlese."
•'f
4
Er zog eine Zeitung hervor Mt*
selbe, welche damals die Kritik über
Sankt Michael gebracht hatte, un*
Ist^Nach
biefet ausführlichen Be­
sprechung wollen wir unseren Leser»
die Mittheilung nicht vorenthalte»,
baß die Hauptgestalt des Bildes, der
Ritter mit dem vielbewunderten Cha»
rakterkopse" hier steht eS schwarz
auf weiß, Herr Baron, mit dem
prächtigen viel bewunderten Charat»
terkopse „ein nur wenig idealist?
tes Portrait ist unb zwar das Pop.
trait bes Freiherrn
Udo von Eberstein»
Ottenau, aus Ebersburg, bes letzten
Sprossen eines einst weltberühmte»
Geschlechtes, bas seinen Stammbaum
bis in das zehnte Jahrhundert zu
rückführt auch bas Wappen der
Eberstein ist auf dem Bilde verewigt.'
Ich kann wahrhaftig nicht basil*
ein paar harmlose Aeußerungen,
die ich zu Bekannten that wünsche«
Sie, daß der Artikel dementirt wirb?
Sonst macht er die Runde durch o8»
Zeitungen Deutschlands."
„Nein, mein junger Freund," sagte
Eberstein würdevoll. „Ich erlaff»
Ihnen das Dementi ich finde übet»
Haupt, daß die Preffe in diesem Falle
weder indiskret noch voreilig gehört»
belt hat. Sie erfüllt nur eine Ehren
pflicht, wenn sie Thatsachen, die de«
Gedächtniß der Mitmenschen leider
entschwunden sind, wieder zur Gel«
tung bringt sie hat sich wirklich höchst
verständig benommen. Lassen Sie
ben Artikel die Runde machen durch
alle Zeitungen Deutschlands!"
„Der Junge hat ja ein wahrhaft
haarsträubendes Talent zur
In­
trigue!" murmelte Professor Wehlau»
,Jetzt hat er den Alten an der Angel.*
Hans drehte mit gut gespielte«
Verlegenheit die Zeitung in der Hand.
„Ja, Herr Baron es ist aber
noch ein Schlußsatz da, und den
müssen Sie auch hören wtf i#
ihn vorlesen?"
„Lesen Sie!" sagte Eberstein feiet*
lich und wohlwollend, und Hans laSr
„Und nun zum Schluß noch eine
Mittheilung, die besonders unsere
Lesetinnen intetessiten wird. Es ist
dem jungen Künstler wohl HerzenS»
fache gewesen, als er dem Ritter mit
dem Eberwappen gerade diese Züge
lieh, da er im Begriffe steht, sich mit
der einzigen Tochter des genannte»
Freiherrn zu verehelichen
„Halt das lassen Sie nicht oft»
drucken das bementiren Sie!" rief
der alte Herr erschrocken aber Haiti
drückte ihm ohne Umstände die Zei»
tung in die Hand und zog hinter der»
Bilde etwas hervor, das sich bei
näherer Betrachtung als Früuleitt
Gerlinde von Entstein erwies. D»
stani: e£. bay ileine Dornröschen^
nicht mehr so ganz kindlich wie vo«
zwei Jahren, aber in seiner ganze»
Lieblichkeit, unb hob bittend Auge»
und Hände zu dem Vater empor.
zarte kleine Ding, Ihrer Tochte, ifl
im Stande, sich über die Trennung
zu Tode zu grämen. Dann ist sie
-bin. und Sie sitzen allein da mit
Ihrem ganz reinen Stammbaum."
„Das wäre schrecklich!" sagte Ebefl»
stein mit einem entsetzten Blick auf
sein einziges Kind.
„Also machen wir die Geschichte
ob!" Damit umfaßte Wehlau die
junge Dame und gab ihr einen vätev»
lichen Kuß für ihn war die Sache
damit wittlich abgemacht.
Der alte Freiherr wußte nicht, wie
ihm geschah er wurde im vollste»
Sinne des Wortes überrumpelt. UV
plötzlich hatte et Tochter und Schwie
gersohn in den Annen Gerlinbe
schluchzte an seiner Brust, und Hané
umarmte herzhaft feinen „liebe*
Schwiegervater". Ein Widerstand
war gar nicht möglich es blieb wirk
lich nichts weiter übrig, als die Bei
den an sich zu drücken, und das ge-'
schal) denn auch. Udo von Ebetstei»
willigte ein. Der künftige Sod»
wahrte trotz alledem die Erinnerung
an das alte Geschlecht, wenn auch m«
Pinsel und Palette.
In den letzten Tagen des Juli fottfc
in der Wallfahrtskirche zu SanlR
Michael eine Trauung statt, eins,
äußerlich stille und ernste Feier: difc".
Vermählung des Hauptmanns Mi—
chael Rodenberg mit der Gräsi»
Hertha Steinrück. Da Michael prote»
stantifch war, wie sein Großvatee
und seine Mutter, so hatte die evangeB
lische Trauung bereits in Schloß.
Steinrück stattgefunden. Jetzt sollte
in Gegenwart eines kleinen Fami
lienkreises, unter welchem sich aueft
das junge glückstrahlende Brautpaar^
Hans und GetUnde. befand, deft
greise Pfarrer des kleinen Alpendor»
ses auch vor dem Altar feiner Kirche
die Hände der Beiden in einander
legen nach ihrem ausdrückliche»
Wunsche.
Die Adlerwand stand noch um*
fchleiert vom Morgenduft, der ftifc
jetzt zu lichten begann und sich als
weißer Wolkenschleier zu ihren Füße«
legte: da hallte der Glockenklang de»
alien Gotteshauses weit hinaus in
die Berge, und auf Michael und sei»
junges Weib, die jetzt vereint wäre»
für das ganze Leben, blickte daG
Altarbild nieder, der mächtige, krie
gerische Erzengel mit den Adlerflügel»
und den Flammenaugen, der sieg
reiche Heerführer des Himmels
Sankt Michael.
V Mvfv »@nbe.)
Ä?r. Marlow (als ihm Mrs. BatR»
beim Tanzen auf den Fuß trat:) »Ich
wünscht', Du wärest eine Katze." Mrâ.
Barlow: „Wieso?" Mr. Barlow: [email protected]
die Katze immer auf ihre eigenen 8ä§F
fällt.*
h- *iW» .^5*
V
4*
''M
«.$*•
Tanzsaal«.
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S0116I Michael.
Roman von L. Werner.
Der (iinge Künstler schüttelte den
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