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Der Deutsche beobachter. [volume] (New Philadelphia, Ohio) 1869-1911, November 21, 1894, Image 3

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Verlorene pnriics.
•T Roman von Nnto» v. yerfaßl»
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13. Fortsetzung und Schluß.)
Oitty zuckte zusammen. Jax war ein
junger Arbeit«, den sie zufällig
Lannte.
Wer Lei Ar? rief der Vorarbeiter.
Drei!
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Leben?
Einer! klang die traurige Ant
Ztvort.
KV
-i:
Wer? rief Kitty mit Aufwand aller
-Kräfte.
Weiß nicht! Wasser! Wasser! klang
«s drängend zurück.
Die Arbeit begann mit neuer Hast.
Die Antwort war. nur so zu erklären,
tafe der Verschüttete sich an der Seite
seiner getödteten Genossen in völliger
Nacht befand, die ihn verhinderte, den
-«inen noch Lebenden zu erkennen.
Die Ungewißheit erhöhte die Seelen
folter Kittys. Sie wollte ja nichts
mehr vom fiebern, er soll sie verachten,
verlassen, nur der eine ^ahmende soll er
fein. Das Licht soll er wieder sehen
oder sie auch nicht mehr! Beide zu
sammen begraben in Schwarzacker!
Wo sie ihr Heiligstes gelassen, was ein
Weib besitzt, das erste Liebesstammeln,
der erste Kuß, die erste Wonne an
Mannesbrunst! Hier begann der
Frevel, hier soll er auch enden. Das
tväre das Beste! Was dazwischen lag,
erschien ihr jetzt in ihrem fiebernden,
von den giftigen Gasen wie berauschten
Gehirn als ein bunter sinnloserTraum,
der in der riesigen, flammenden Lein
wand sich verkörperte, in dem weinen
den Weibe im Dornengestrüppe dem
Bilde vom „verlorenen Paradies". Sie
ertrug nicht länger diese Thatlosigkeit.
Als ein Arbeiter ermattet einen Augen
blick zurücktrat, entriß sie ihm die Hacke
und trat in die Reihe ein. In der
dicken, von Kohlenstaub verfinsterten
Luft, schmutzbesudelt, war sie von den
übrigen nicht mehr zu unterscheiden und
auch ihr Einhieb saß so gut wie jeder
ander?. Jetzt dachte sie nichts mehr,
eine Tollwuth packte sie gegen den zä
hen Schutt, das Balkenwerk, das ihre
Hiebe hemmte. Das Reitkleid hing in
Fetzen von ihrem Leib, das schwere
Haar war aufgegangen und hing in
nassen Strähnen über das Gesicht her
ab. Niemand wagte mehr sie abzulö
sen. Die Arbeit wurde jetzt mit fieber
hafter Hast betrieben. Man war den
verschütteten schon ganz nahe, man ach
iete nicht mehr auf das jetzt in Spru
deln herausströmende Wasser, das bis
cm die Kniee reichte, nicht mehr auf die
Zurufe des Arbeiters Jux. Eine dicke
Staubwolke erfüllte den engen Raupt,
das Licht brannte kaum mehr in der
dicken Atomsphäre.
Endlich ein Freudenschrei von drü
ficn, der erste Lichtstrahl drang durch
das Gewirr von Gebälk und Brettern,
das den Arbeitern plötzlich Widerstand
leistete. Jetzt galt es Vorsicht! Man
wühlte mit den Hände?? eine Bresche
And plötzlich zeigten sich vor Kitty zwei
blitzende Augen eine Hand streckte
sich heraus.
Dank, Kameraden! Es war der Ar
beiter Jax. Er wies nur noch stam
melnd zurück in die finstere Höhle, die
man eben geöffnet, dann sank er ohn
mächtig zusammen.
Kitty benutzte den Augenblick und
kroch mit dem Grubenlicht in die
schmale Oeffnung. Das Holzwerk ei
nes eingestürzten Firstes hatte, sich
klemmend, einen engen hohlen Raum
geschaffen, der nirgends einen Aus
Hang bot. Ein Körper lag quer über
den Boden, von schmutzigem Wasser be
spült. Kitty ließ das Licht der La
terite darüber gleiten. Es war ein
kleiner Mann mit grauem Haar.
Dicht daneben ein zweiter, das Haupt
im Gebälk verklemmt, die Hände im
Todeskampf geballt. Auch nicht!
Sie hätte aufjauchzen mögen, trotz den
-Schauern des Ortes, des Anblicks.
Zwei Arbeiter waren ihr gefolgt,
sie deutete auf die Todten und troch,
das Licht hochhaltend, weiter. Wo
war der Lobende? Niemand soll
ihm die erste Rettung bringen als sie.
Da regte sich etwas im Dunkeln vor
ihr.
Franz! Ich bins, Kitty! Das
Leben das Licht!
Immer tiefer bohrte sich fcer golden«
Strahl des Lämpchens in die Höhlung
und dort an der wassertriefenden
Wand saß er aufrecht, den Arm ihr ent
gegenstreckend, unverständliche Worte
stammelnd, vom ersten Lichtstrahl, vom
•ersten leisen Luftzug, der durch die
-Oeffnung drang, aus Todesschlummer
geweckt.
Dank! Leute! Die andern
Helft! Mein Kopf! Er hielt sie offen
bar für einen Arbeiter. Sie betrachtete
sein Haupt, eS war mit geronnenem
Blut bedeckt.
Grüßt mir Kitty—bleibe LnSchwSlH
cdtxl Luft! Waffer!
Sein Körper sank zurück.
Die Arbeiter traten herein. Als sie
ihren geliebten Herrn erkannten, daß
er athmete, lebte, war jede andereSorge
vergessen. In wenigen Minuten lag er
wohlgebettet auf einem Kohlcnhünd
und rollte, während Kitty an feiner
Seite lauerte, das blutige Haupt in
ihrem Schoß, der Auffahrt zu. Der
eisige Windzug des großen Schachtes
schon weckte ihn aus feiner Betäubung.
Er starrte sprachlos in das über ihn
sich beugende, von dem Grubmlicht be
leuchtete Antlitz Kittys. Eine unaus
sprechliche Seligkeit leuchtete aus sei
nen Zügen. Die schwebende, schwin
gende Bewegung nach auswärts erhöhte
wohl noch die Wonne des Fiebertrau
mes, in den auch Kitty ermattet, be
täubt, sanft hinüberglitt. Als unter
dem Jubelruf der Menge, die bereits
von der Rettung des Direktors Kunde
«satten, fett fförbttkt&: odm SE'
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langte mitten im strahlenden Tages
licht, lag über den Körper Franz von
Krechtings hingestreckt eine triefende,
schlammbedeckte, nur noch in Fetzen ge
hüllte regungslose Gestalt Kitty!
Man erkannte sie nur noch an dem
üppigen Blondhaar, das in verworre
nen, nassen Strähnen über Franz sich
ergoß.
Kitty die sich rasch erholte, wich nicht
vom Leidenslager Franz von Prech
tings, dessen Kopfwunde die ernstlich
sten Bedenken des Arztes erregte.
Es war der dritte Tag, als zum
ersten Male ein Verständniß seiner
Umgebung ausleuchtete in seinem
Auge.
Kitty, sagte er, mit dem rührenden
Lächeln aus tieserOhnmacht Erwachen
der. Weißt du auch, daß ich von dir
geträumt?
Daß wir himmelwärts flogen, nicht
wahr? sagve Kitty.
Du auch? Das ist sonderbar! Aus
einem höllischen Orte, mitten hinein in
die Sonne!
In das Paradies! ergänzte Kitty,
selbst göttlichen Abglanz im Antlitz.
Aus dem uns Niemand mehr vertreiben
soll. Sie drückte das verbundene Haupt
des Geliebten sanft zurück in die Kissen
und verbot mit mühsam ernster Miene
jede Frage.
Acht Tage darauf Bewegte sich
Abends ein festlicher Zug auf der Stra
ße nach Vals, die Knappschaft von
Schwarzacker und Sittenfeld in schmu
cker Bergmannstracht mit brennenden
Lampen, voran die Fahne mit der heili
gen Barbara.
Als sie im Schlosse angelangt, er
schien Franz von Krechting auf der
Terrasse, an seiner Seite Kitty, der alte
Gras, Georg und Arabella.
Donnerndes „Glück auf" begrüßte
sie. Dann hielt der älteste Steiger die
Ansprache. Von der Unglücksstätte,
um dort selbst fast den Tod zu erleiden.
Ein leuchtendes Vorbild jedem Berg
mann. Von den Mühen und Gefahren
der Rettungsmannschaften, unter de
nen sich allen voran ein Arbeiter ausge
zeichnet, den heute alle diese braven
Männer mit ebensoviel Stolz als Ehr
furcht ihren treuen Genossen in Noth
und Gefahr nennen die Tochter un
seres erlauchten Herrn selbst Gräfin
Kitty!
Die übrigen Worte verschlang der
Sturm des „Glück auf", der ins Un
endliche anschwoll, als Kitty überwäl
tigt von dem Eindruck, Franz an die
Brust sank und seine Arme sie innig
umschlangen. Jeder wußte, es war
für immer.
Plötzlich fuhr Kitty jäh auf. Das
Schloß, der Park, die ganze Landschaft
stand in rothem Lichte und zu gleicher
Zeit loderte es auch in Schwarzacker auf
wie ein ungeheurer Brand.
Sieh nur! Als ob er mich mahnen
wollte, flüsterte Kitty.
Daß alles nur Schein war, ein rasch
versprühendes Feuerwerk wie dieses
hier, nicht aus der Wesenheit stammend
und sie nicht berührend, sagte Franz,
sie an sich drückend.
Da erlosch der Brand, kein Fünkchen
blieb. In erhabener Ruhe ging der
Mond hinter zerrissenem Gewölk, mit
feinem sanften Licht ein Fest verklä
rend, wie es Schloß Vals noch nie ge
feiert.
Zum ersten Male zogen die Arbeiter
von Schwarzacker als Gäste ein in seine
alten ehrwürdigen Hallen, einen Bund
zu feiern, der mitten in ihrer dunkeln
Welt, mitten in Nothund Gefahr ihres
Berufes geschlossen, der glückverheißen
des Symbol ihnen war einer neuen Zeit
die Dämmerung bS „verlorenen
Paradieses."
(End e.)
Der liiicrifaiicr.
Roma« von Adolf Streckfug.
Der Wirth zum „Greifen" in Wald
hausen stand vor der Thür seines
stattlichen Gasthauses. Er schaute
nach der Post aus, die von der Station
Almersdorf aus, an den Nachmittags
4 Uhr»dort ankommenden Zug sich an
fchließ*id, gegen 8 Uhr in Waldhaufen
eintraf, wenn nicht ein unvor
hergesehenes Hinderniß die Fahrt oer
zögerte über solche Hindernisse traten
oft ein, besonders bei schlechtem Wet
ter. denn die Unterhaltung der Chaus
see ließ viel zu wünschen übrig, seit
durch die Erbauung der Eisenbahn das
früher so belebte Städtchen Waldhau
fett dem Verkehr fast vollständig ent
rückt war.
Ja die Eisenbahn, die abscheuliche
Eisenbahn! Mit tiefem Groll ge
dachte ihrer der Greifenwirth, als er
schon eine Viertelstunde vergeblich auf
die Post gewartet hatte. Früher war
die Post immer auf die Minute pünkt
lich angekommen, und sie hatte stets
Gäste mitgebracht, so lange Waldhau
sen der Ausgangspunkt für die zahl
reichen Vergnügungsreifenten war,
welche dasGebirge durchwandern woll
ten: aber seit die Eisenbahn eröffnet
war, fuhr die Post meistens leer, denn
die Reifenden konnten direkt von zwei
Stationen aus ihre Gebirgswande
rung beginnen, die langweilige, bei
nahe vierstündige Postfahrt schreckte sie
ab, Waldhausen zum Ausgangspunkt
für ihre Partien zu wählen. In dem
„Greifen" standen jetzt die früher im
Hochsommer meist vollbesetzten Frem
denz immer leer, trauernd gedachte der
Greifenwirth der vergangenen schönen?
Zeit.
Endlich kam die Post, sie fuhr lang
sam die nach dem Marktplatz ziemlich
steil ansteigende Straße herauf, der
Postillon blies ein luftiges Stückchen,
er meldete durch dasselbe schon von
ferne, daß er Gäste bringe: wenn die
Post leer war, tönte seht Horn nicht
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so war es mit dem Greisenwirth ver
abredet, er bekam für die Meldung
iedes Mal ein Seidel Bier dafür
Hielt er auch vor dem Greifen und
ließ hier schon die Gäste aussteigen
und ihr Gepäck abladen, statt sie fünf
Minuten weiter bis zum Postamt mit
zunehmen.
Das Gesicht des dicken Greisen
wirths verklärte sich, und als nun der
Postillon die Hand in die Höhe hob
und zwei Finger ausstreckte zum Zei
chen, daß er zwei Fremde mitbringe,
spielte gar ein Lächeln um die aufge
worfenen Lippen des breiten Mundes.
Mit Stentorstimme rief der Wirth den
Hausknecht, damit er das Gepäck der
Fremden von der Post ablade und in
Empfang nehme.
„Zwei Fremde," rief der Postillon
dorn Bocke herab, als der Postwagen
vor dem Haufe hielt.
Der Wirth öffnete dienstfertig den
Schlag aber zu feinem Staunen fand
er den Wagen leer, darüber lachte der
Postillon, der mit Vergnügen das ver
blüffte Gesicht des Wirthes sah, herz
lich. „Die Vögel sind ausflogen,"
sagte er noch immer lachend, „das ist
ein verrücktes Volk! Als wir da un
ten, too die Chaussee zu steigen an
sängt, gerade bei Martens Wiese
ankamen, springt plötzlich der Eine,
der mit dem rothen Bart und der gol
denen Brille, wie besessen aus dem
Wagen, und der Andere, der Schwarz
bärtige, folgte ihm ebenso schnell nach.
Und Beide hatten sie Stöcke in der
Hand mit Reifen und Netzen daran,
gerade wie sie die Leute bei uns zum
Schmetterlinge fangen haben. Ich halte
an. da ruft mir der Rothbärtige zu:
„Fahrt nur vorwärts, Schwager, wir
kommen nach. Melde uns im Gasthof
an." Und eins, zwei, drei fetzt er
über den Ehaussetgraben, der andere
ihm nach, und dann springen sie Beide
auf der Wiese herum, wie ein paar
kleine Buben und fangen die Motten,
die dort an den Blumen herumfchwir
ten. Ein paar alte bärtige Knaben
und fangen Motten, die nicht einmal
die Buben mitnehmen. Verrücktes
Volk! Verdienen werden Sie an
den Leuten wohl nicht viel,Herr Greif!
Aber was Hilsts? Lassen Sie nur das
Gepäck abladen. Die beiden Koffer
und alles, was von Handgepäck im
Wagen ist, gehört den Mottenjägern."
Herr Greif, eigentlich hieß derWirth
Herr Weber, aber er wurde nach dem
goldenen Greifen feines Wirthshaus
Schildes im Städtchen niemals anders
als Herr Greif genannt, gab dem
Hausknecht den Befehl, das Gepäck in
Empfang zu nehmen und es nach No.
17, dem kleinen Hofzimmer im 3.
Stocke, zu tragen. Seine Freude war
durch die Mittheilung des Postillons
sehr herabgestimmt. Vor Jahren hatte
einmal ein Schmetterlingssammler
aus Berlin in feinem Gasthof gewohnt,
der hatte fast nur Wasser getrunken,
von der Speisekarte immer die billig
sten Speisen gewählt und über den
Preis des kleinen Hofzimmers lange
gehandelt! An solchen Gästen war
freilich nicht viel zu verdienen! Aber
wenn kein anderer kommt, muß man
auch mit Mottenjägern vorlieb neh
men. Er blieb deshalb vor der Thür
stehen, um feine Gäste zu erwarten,
die ja nicht lange mehr ausbleiben
konnten, denn es fing schon stark an zu
dunkeln.
Nach kaum einer Viertelstunde ka
men denn auch wirklich die beiden
Mo.tteniäaer die Straße herauf, sie
schritten rüstig aus der Greifen
Wirth betrachtete sie mit forschendem
Blick, als sie ihm nahten. Ein paar
alte, bärtige Kerle, so hatte der Po
stillon sie geschildert. Bärtig waren
sie wohl, aber besonders alt nicht der
Rothbartige mochte wohl höchstens
dreißig Jahre alt sein, der Schwarz
bärtige war wohl noch um em oder
zwei Jahre jünger. Hätten sie nicht
die fatalen Stöcke mit den Netzen ganz
ungenirt in den Händen und vor der
Brust einen kleinen Holzkasten getra
gen, der mit einem Band um den Hals
gehängt war, dann würden sie recht
männlich, ganz wie andere anständige
Leute ausgesehen haben, ihre sau
beren Sommeranzüge waren sogar
elegant, und der mit dem großen ro
then Bart trug gar eine seine gofbene
Brille, die trägt doch kein Habenichts.
Der Greifenwirth fing schon an zu be
dauern, daß er den Herren das schlecht
teste Zimmer im Hause angewiesen
hatte, und er zog unwillkürlich die
Mütze, als die beiden jungen Männer
jetzt herankamen und der Rothbärtige
ihn fragte:
„Ist dies der Gasthof zum Greifen
und hat der Postillon unser Gepäck
hier abgegeben?"
„Ja wohl, mein Herr."
„Haben Sie gute Zimmer für uns?"
„Die Koffer sind schon nach No. 17
gebracht, wenn die Herren aber wün
schert, hätte ich wohl noch bessere Zim
mer im ersten Stock und nicht nach
dem Hofe gelegen, sie sind allerdings
theurer
„Gleichviel, die besten Zimmer sind
für uns gerade gut genug."
„Also ein Zimmer mit zwei Betten
int ersten Stock —."
„Nein, für jeden von uns ein beque
mes gutes Zimmer."
„Wozu, Dagobert? Wir körnten ja
zusammen schlafen»" wendete der
Schwarzbärtige ein.
„Nein, ich schnarche ivie ein Bär,
Du würdest kein Auge schließen. Wes
halb sollen wir uns in ein Zimmer
einpferchen? Die bequemste Bequem
lichkeit ist mir kaum bequem genug
und selbst mit dem besten Freunde
schlafe ich auf der Reife nicht gern in
einem Zimmer, wenn es nicht unbe
dingt nothwendig ist. Das Untier
meidliche muß matt freilich mit Würde
tragen. Also für jeden von uns ein
gutes Zimmer, die besten, die Sie ha
ben, Herr Wirth!"
„Ganz zu Ihren Befehlen. Sie
fötitti èiftittat. acheÜj. toe&e.n,.„meirt
•«PJ
Herren!" erwiderte der Wirth mit
einer sehr tiefen Verbeugung, indem er
die Mütze, die er aufgefetzt hatte, her
abriß und in der Hand behielt. „Wol
Ien Sie mir gefälligst folgen!"
Er ging voraus die Treppe in die
Höhe nach dem ersten Stock, hier öff
nete er die Thür der zwei besten Zim
mer für Gäste. Der Rochbärtige
schaute sich befriedigt um, die wirklich
bequeme und anständige, beinahe ele
gante Ausstattung der großen schönen
Räume gefiel ihm. „Hier laßt uns
Hütten bauen!" sagte er, dem Freund
zuwinkend, „ich denke, Kurt, hier
werden wir es einige Zeit aushalten
können, wenn die körperliche Verpfle
gung der Wohnung und wenn die
Ausbeute auf unseren Bergwanderun
gen der entspricht, die wir im Fluge,
im Vorübergehen dort unten auf der
Wiese gehabt haben. Wir nehmen
die beiden Zimmer, Herr Wirth, lassen
Sie unsere Sachen hierher brinaen,
jetzt aber zeigen Sie uns den Weg nach
dem Speisezimmer und sorgen Sie da
für, daß wir etwas Gutes bekommen.
Ich habe einen Hunger, wie ein Wolf."
Der Speisesaal des Gasthofes zum
Greifen legte Zeugniß ab von vergan
gener Herrlichkeit. Noch standen in dem
großen Raum die vielen ftir zahlreiche
Gaste bestimmten kleinen Tische, die
früher auch stets im Sommer von den
Reisenden in Anspruch genommen
worden waren, jetzt aber nutzlos den
Saal füllten. Nur an einer langen
Tafel an der hinteren Wand des lan
gen Saales faßen einige Gäste, die
Honoratioren der Stadt Waldhausen,
die allabendlich pünktlich nach dem
Abendessen etwa um 8 Uhr stch im
Greifen versammelten, um hier bei
einem Glase Bier die Zeitungen zu
lesen und die Abendstunden zu ver
plaudern.
Da saß obenan an der langen Tafel
der pensionirte Kreisgerichtsrath Ber
nau, ein würdiger alter Herr, der vor
etwa 10 Jahren, als er fein Amt nie
dergelegt hatte, nach feiner Vaterstadt
zurückgekehrt war, um hier feine Pen
sion zu verzehren. Er bildete den Mit
telpunkt des kleinen Herrenkreises, ber
sich an jedem Abend um ihn im Grei
sen fchaarte, und wurde stillschweigend
als dessen Präsident betrachtet. Neben
ihm faß der Bürgermeister Michels,
dann folgten in bunter Reihe die bei
den Doktoren, der Apotheker, der Ren
bant. ber Amtsrichter, ein Assistent,
der Oberförster, ein Paar Lehrer und
einige angesehene Kaufleute, die der
Ehre theilhaftig wurden, mit den hö
heren Beamten gesellschaftlich verkeh
rett 3u dürfen.
Das Gefbrach an dem Stammtisch
war meistens recht belebt. Dafür
sorgte der Kreisgerichtsrath, der gep
aus seiner juristischen Thätigkeit merk
würdige Kriminalfälle erzählte und
damit ein schauriges Interesse bei sei
nen Zuhörern erweckte, welches um so
g#öfter war, als die kriminalistischen
Erinnerungen des Erzählten geweckt
wurden durch traurige Vorkommnisse
in der Umgebung von Waldhausen,
durch freche Raubanfälle ober Eid
brüche, die in den letzten Jahren gar
nicht zu den Seltenheiten gehörten und
die der früher so friedlichen, von Rei
senden viel besuchten Gegend den bö-1
sen Ruf der Unsicherheit erworben hat
ten. Es verging feiten ein Abend, an
welchem nicht schließlich, nachdem ge
nug über die von den Zeitungen ge
beachten neuesten politischen Nachrich
ten gekannegießert worden war, irgend
ein Kriminalfall den Inhalt des allge
meinen Gesprächs gebildet hätte.
Die kleine Stainrngesellschaft im
Greis hielt sich gegen die wenigen
Fremden, welche den Gasthof besuch
ten, zurückhaltend, sie luto dieselben
niemals ein, an dem langen Stamm
tisch Platz zu nehmen, und sie hatte
dazu auch volle Veranlassung, denn
meistens waren die im Greis einkehren
den Fremden Geschäftsreisende jener
unausstehlichen, zudringlichen Art, die
stch überall verhaßt und gefürchtet
macht, wohin sie kommt, die mit ihrem
flachen, inhaltlosen Schwatzen jede an
regende, interessante Unterhaltung un
möglich macht.
Es erregte daher einiges Aussehen
unter den um den Stammtisch ver
sammelten Herren, als die beiden so
eben angekommenen Fremden von dem
Greifenwirth geführt in den Speise
saal traten und als der Rothbärtige
direkt auf den Stammtisch zuging und
mit sicherem Blick den Kreisgerichts
rath als den Ehrenpräsidenten der Ge
sellschast erkennend, sich an den alten
Herrn wendete, ihn mit einer leichten
Verbeugung begrüßte und sich dabei
doch zu der ganzen Gesellschaft wen
dend, anredete:
„Wollen Sie mir gestatten, meine
Herren, daß tch meinen Freund und
mich Ihnen vorstelle? Wir wollen
längere Zeit, vielleicht mehrere Wochen
in Waldhausen Standquartier neh
men. um von hier aus Wanderungen
in die Berge zu machen. Da ist es uns
denn von unschätzbarem Werthe, wettn
wir Abends zurückkehren, noch ein
Stündchen im Kreise gebildeter Män-
ner verplaudern zu können. Ich hasse
nichts mehr als die traurige norddeut
sche Sitte, nach ber jeder Fremde,wenn
«och ein leerer Tisch in der Gaststube
ist, sich denselben sucht, tut sich allein
zu langweilen. Auf die Gefahr hin,
zudringlich zu erscheinen, bitte ich S:e
daher um die Erlaubniß, daß wir uns
Ihnen vorstellen und dann in Ihrem
Kreise Platz nehmen dürfen."
Der Kreisigerichtârafch musterte min
zweifelhaftem Blick die Fremden.
Hanidlungsreisende waren diese sicher
lich nicht, sie gehörten nach ihrem Aeu
ßem wohl eher dem Künstler- oder
Gelehrtenstande an, dafür sprachen die
nicht allzusehr gepflegten Vollbarte
und eine gewisse, nicht zu seht hervor
tretende, aber doch nicht zu verken
nende Nachlässigkeit in der sonst recht
elegantenSommerkleidunZ. Daß Beide
gewohnt waren, sich in der guten Ge
feilschaft zu. bewegen, zeigte ihr ganzes
^I v»l,
1 w A y H*T$Vn"* "wsp'i'Ä Is.7** '*4.*^
Austreten, selbst die Art, tote |te itch
böslich, aber nur leicht bei der Begrü
ßung verneigten. Der Rothbärtige
hatte ein scharf ausgeprägtes charak
teristisches, nicht gerade schönes, aber
doch ansprechendes Gesicht. Den vol
Ien, von dem dichten rothen Schnurr
bart halb verdeckten Mund umspielte
ein eigenartiges Lächeln, welches den
scharf geschnittenen Zügen einen
freundlichen Ausdruck gab, der auch
durch die hellen grauen Augen, die un
ter den buschigen rothen Augenbrau
nen recht lebendig durch die Gläser
blitzten, bestätigt wurde. Der schwarz
bärtige, etwas jüngere Fremde, hatte
viel regelmäßigere, schönere Züge, als
fein Freund, aber seinem Gesicht fehlte
der lebhafte Ausdruck, der das des
Rothbärtigen so anziehend machte. Er
blickte mit großen, schönen, schwarzen
Augen träumerisch ernst um sich. Er
würde wohl schwerlich so keck, wie fein
luftiger Freund, stch an eine fremde
Gesellschaft gewendet haben mit der
Bitte, sich vorstellen zu dürfen.
Der Eindruck, welchen die beiden
Fremden auf den Kreisgerichtsrath
machten, war nicht ungünstig. Er
konnte die Bitte desRothbärtigen nicht
ablehnen ohne geradezu unhöflich zu
fein, und dazu fühlte er keine Veran
lassung, er erwiderte daher mit einer
leichten Verneigung: „Es würde uns
freuen, meine Herren, wenn Sie an
unserm Tische Platz nehmen."
„Von dieser gütigenErlaubniß wer
den-wir sofort Gebrauch machen aber
zuerst gestatten Sie mir, daß ich uns
feierlichst vorstelle. Dieser, mein
Freund und Reisegefährte, ist der Dok
tor Kurt von Dyssern, schon jetzt, ob
gleich noch einfacher Privatgelehrter,
ein großer Naturforscher vor dem
Herrn, künftig, wenn er sich erst zum
ordentlichen Professor emporgefchwun
gen haben wird,-jedenfalls eine Leuchte
der Wissenschaft, ein Stern erster
Große ant entomologischen Nachthim
mel."
„Dagobert, kannst Du denn nie
mals ernsthaft, vernünftig fein?"
mahnte Kurt von Dyssern Vorwurfs
voll.
Der Kreisgerichtsrath hatte, als er
den Namen Dyssern hörte, den jungen
Mann neugierig angeschaut. Der
Name klang ihm so bekannt, aber er
wußte im Augenblick nicht, wo und bei
welcher Gelegenheit er ihn gehört hatte,
noch viel aufmerksamer aber horchte er
auf, als jetzt der Rothbärtige, ohne
sich um die Mahnung feines Freundes
itu kümmern, in gleich scherzendem
Tone fortfuhr: „Ich selbst nenne mich
Doktor Dagobert Falk, bin meines
Handwerks ein Schriftsteller und ne
benbei, aber nur als Dilettant, als
Liebhaber, ein wenig Naturforscher.
Um es Ihnen gleich von vornherein of
fett zu gestehen, meine Herren, wir sind
Beide eifrige Schmetterlingsjäger und
sind nach Waldläufen gekommen, um
während einiger Wochen fcrtzu
fangen, was es an seltenen. Schmet
terlingen und Raypen hier gibt. Ich
sehe ein Lächeln :uf Ihren Lippen,
meine Herren. Biiie, gentren Sie sich
nicht, wir sind do:an gewöhnt, für
etwas verdreht gehalten zu werden.
Recht haben Sie ja auch. Es ist wohl
eine gelinde Form der Verrücktheit, den
unschuldigen Schmetterlingen nachzu
laufen und sie aufzuspießen aber Ver
gnügen macht es und jedenfalls ist es
eine unschädliche Verrücktheit gemein
gefährlich sind wir nicht, dies wer
den Sie bald wahrnehmen, wenn wir
erst die Ehre haben, Ihnen näher be
kannt zu werden."
Es war wirklich bei der originellen
Selbstvorstellung des Doktor Dago
tiers Falk ein Lächeln über die Gesich
ter der sämmtlichen Herren geflogen,
jetzt stimmten sie lustig ein in sein,
eigenes helles Lachen, sie erhoben sich,
nannten ihre Namen und rückten dann
ihre Stühle zusammen, um für die
beiden Fremden Raum zu schassen».
Falk erhielt den Ehrenplatz neben Dem
Kreisgerichtsrath, der ihm die Hand
bietend herzlich sagte:
„Sie machen uns wirklich eine ^roße
Freude, Herr Doktor, durch Ihren
Eintritt in unsere Gesellschaft. Ich
gehöre zu Ihren größten Verehrern
und habe längst den lebhaften Wunsch.
Sie einmal persönlich kennen zu ler
nen, denn unzweifelhaft habe ich die
Freude, in Ihnen den berühmten No
vellist Dagobert Falk zu begrüßen?"
„Meine angeborene Bescheidenheit
verbietet mir, das Wort „berühmt""
auf mich angewendet zu gestatten. Den
Novellist Dagobert Falk aber mögen
Sie mich immerhin nennen, beim ich
habe in der That eine ziemliche Anzahl
von Novellen, meist Kriminalnovân,
verbrochen."
„Gerade Ihre KriminalnoveNn! ha
bett mich begeistert durch die Treue ratd
Naturwahrheit in derSchildertmg tittd
Entwickelung der Charaktere, durch die
immer anregende und spannende Er
zählung.^
„Ich danke Ihnen für Zh? fremtblt»
ches Urtheil es wird mir selten zu
Theil? Von den berufsmäßigen Kri
tikern wird heut zu Tage die Krimi
nalnovelle als die niederste Gattung
der Erzählung mit verächtlichem Ach
fefzuckert verdammt. Daß der Novellist
sich in den tiefsten moralischerh^chmutz
ifcrsénkt, daß er mit sealtstischer Treue
5lle Stadien der beabsichtigten unb
vollbrachten Ehebrüche und bet_ Ver
führung .schildert, wird gestattet, ja G5
fordert, aber ein anderes Verbrenn
zum Mittelpunkt der Erzählung za
machen, das Seelenleben des 53erbte
chers, die Erforschung seiner TW zu
schildern, gilt als frivol, wird gar
Hierdurch ein hochgespanntes Interesse
erweckt, dann wird dem Dichter der
Vorwurf der niedrigsten Effekthasche
iei gemacht, aber die unsittlich sinnliche
Spannung der anderen Ehebruchsn»»
Vellen wird als das Resultat höchster
poetischer" Vollkommenheit bewundert.
Bah, ich kümmere mich nicht um die
moderne Verwerfung de? Stiminftl«
Wirth," sagte er scherzend. „Das sehe
ich mit Vergnügen!"
Der dicke Wirth rieb sich behaglich
die fleischigen Hände, schmunzelnd er
widerte er: „Gehungert hat noch nie
ein Gast im goldenen Greis. Ich selbst
bin so anspruchslos' und bescheiden im
Essen, wie selten ein Mensch. Nur die
Quantität spielt bei mir eine Rolle
aber satt werden muß der Mensch und
dafür sorge ich auch bei meinen Gästen.
Viel, aber gut, das ist meine Regel!
Wohl bekomme es den Herren, lassen
Sie es sich schmecken!"
Den guten Rath befolgten die bei
den jungen Männer getreulich, da auch
die Qualität des Bratens der Quan
tität entsprach während der nächsten
zehn Minuten waren sie so eifrig mit
ihrem Abendessen beschäftigt, daß sie
kaum an der allgemeinen Unterhal
tung beteiligten, die sich anknüpfend
an die Mittheilung des Preisgerichts
rathes über feine kriminalistischen
Hefte anter den Gästen am Stamm
tisch entspann, aber diese Unterhaltung
war auch für sie von nicht geringem
Interesse, und sie hörten ihr während
des Essens mit großer Aufmerksamkeit
zu, wenn sie auch selbst nur geringen
Antheil an derselben nahmen.
„Haben Ske Ihre Auszeichnungen
merkwürdiger Kriminalfälle nur so
lange gemacht, als Sie im Ort waren,
oder haben Sie dieselben auch bis in
die neueste Zeit fortgesetzt, Herr Kreis
gerichtsrath?" fragte der Bürgermei-
:ter
Michels.
„Bis zum heutigen Tage! Ich kann
$ar nicht anders. Sobald ich von
einem interessanten Kriminalfall höre,
muß ich mir die nöthigen Notizen ma
chen ich habe nicht eher Ruhe, bis ich
"te zu Papier gebracht habe, ©bäter
'iige ich: dann hinzu,, was' ich nachträg
lich rrach erfahren. Eigentlich ist es
eine Thorheit, denn die mühsam nie
dergefchriebenen Kriminalgeschichten
liegen todt in den verstaubten Heften
in meinem Schrank, ich sehe sie* kaum
jemals wieder an."
„Das ist unrecht genug,"* meinte der
Bürgermeister. „Sie sollten Ihre
Hefte eines nach betn anderen mit nach
dem Greifen bringen sie würden uns
Stoff zu den interessantesten Unterhal
tungen geben."
„Gnade uns Gott Noch mehr Kri
minale schichten! Ich sollte denken,
an denen waren wir doch überreich in
Maldhauscn!" rief der Oberförster von
Wettin.
„Das sei Gott geklagt., fa!" bestä
tigte der ©reifmföirth, der, nachdem er
die neuen Gäste bedient hatte, hinter
dem Stuble des Doktor Dagobert fte
l:n geblieben war. Er hätte es mit
"einer Stellung als Wirth nicht ver
einbar gefunden, sich zu der Gefell
schaft an den Tisch zu setzen aber in
der Nähe des Stammtisches blieb er
gern und auch art dem allgemeinen Ge
spräch betheiligte er sich, dies wurde
ihm von seinen alten bekannten Gästen
stets erlaubt. „Es ist ja eine Sünde
und eine Schande,welche Zustände jetzt
schon seit Jahren bei uns herrschen,
und daß. nickts geschieht, um uns -Si
cherheit zu verschaffen. Die armen
Gastwirthe leiden darunter am mei
sten. Kann man da wohl den Reifen
den verdenken, wenn sie nicht mehr von
Waldhaufen aus ihre Streifzüge in
das Gebirge machen, daß sie sogar den
Hochberg nicht mehr von hier aus,
sondern direkt vom Ronnersthal aus
besteigen? Wer hat denn Lust, stch der
Gefahr auszusetzen,, im Walde ange
fallen. beraubt und vielleicht ermordet
novelle. Ich wähle metin Stoffe, wie
sie mich anmuthen, und schreibe, wie
es mir aus dem Herzen in die Feder
fließt, unbekümmert um kritische Lob-
Hudeleien oder Verlästermtg."
„Und Sie thun Recht daran!" rief
der Kreisgerichtsrath begeistert.
„Mein sehnlichster Wunsch wäre, baß.
ich Ihnen nacheifern könnte aber lei
der fehlt mir das poetische Gestal
tungsvermögen. Von Anbeginn mei
ner Richterlaufbahn cm habe ich den
unwiderstehlichen Drang gehabt, alle
die interessanten Kriminalfälle, die ich.
erlebte, in kurzen Worten zu schildern.
Ganze Stöße von Aktenheften. liegen
iu Haufe in meinem Schranke. Oft
habe ich daran gedacht, die interessan
ten Stoffe novellistisch zu verwerthen
»ber alle Versuche sind so kläglich aus
gefallen,daß ich die verunglückten Ma
nustripte erbarmungslos den Flam
inen übergeben ha-15e. Ich kann als
eingefleischter Jurist eben nur in tra*
efenen Worten tm? Thatsachen? nieder*
schreiben, das TTalent zur poetischem
Ausschmückung fehlt mir gänzlich.
Meine Hefte wuxden gewiß. Stoss zu
den interessantesten Kriminalnovân
geben aber ich ttrmag ihn nicht zu be
nutzen.. Vielleicht wä« Jhnew dies
möglich. Ich würde glücklich fein,
wenn ich zun? Entstein einte: ihrer
meisterhaften Novellen die Vèranlas
suna, geben finnte. Älle meine Amf
zeichsungen stiefle ich Ihnen fmidig, zur
DiiKosition!"
jffiird dankbar angenananrat" «r
w'öerte Dagobert, dem Kâgerichts
r«th die Hand redend. Der alte
Herr schüttelte sie kräftig, war fee-
EnveranüiIt bei betn daß
vielleicht eines fetfter ir» Todesfchlaf
ruhenden. Hefte einen Novelle des
bekannte» Aut-«rs tew&et aufleben
könne.
Die Unterhaltung vm»de unterbro
chen. Der GieifettwMh brachte höchst
eigenhändig 5as Atejejfert für few
beiden Gäste* die et selbst bediente sie
hatten ihm. einen ««bändigen Respekt
eingeflößt» feit sie die besten und theu
ersten Zimmer deâ Hauses als eisen gut
Ocfnug fine sie in Anspruch gtsommen
lütten.
Lächelnd schaute Dagobert die bei*
den mächtigen Portionen Kalbsbraten
an. die jede für drei Peijtmen berech
nd schien und denen zwei entsprechend
^roße Portionen gebratene Kartoffeln
hinzugefügt waren. „Verhungern lver
I den tow Ihrem Hauje nicht, H«,
zu werden. Es ist ein skanbül, W
es in unserer armen Gegend Zugeh^,
cyst die Gegend hier so unsicher?*
fraate der Doktor Kurt Dyssern,
einen Augenblick im Essen sich unter
brechend. ..
„Leider GotteS ja!
übn fahren, feit der verdammte Ame
rikaner dort oben im rothen Hau^
wohnt, vergehen selten ein paar Mo
„ate ohne daß man van einem scheuß
lichen Verbrechen, einen frechen Em
bruch, einen Raubanfalk, oder gar vo»
dem Verschwinden irgend emes MM
fchett in den Bergwäldern Hort.
„Sie sollten Ihre Ztmge em wenig
im Zaume halten, Greif," jp
tor Settow, der Arzt des Stadtchens,
den Greifenwirth unterbrechend em.
„Wenn der „verdammte Amerikaners
tote Sie sich auszudrücken belieben, er
fährt, was Sie hier von ihm erzahle»,
welch ungewaschenes Zeug Ste fchwa
tzen, wird er eine Verleumwngsklage
gegen Sie einreichen."
Ich habe ja gar inchtS erzahlt,
meinte der Wirth kleinlaut. „Aber daß
bi* abscheulichen Raub- und Em
bruchsgefchichten erst angefangen ha
ben, feit er in dem rothen Hause oben
wohnt, ist doch wahr und bleibt doch
wahr, jedes Kind in Waldhsuse»
weiß es."
„Darin hat der Greif Recht, b#
Thatsache läßt sich nicht bestreite»^
bestätigte der Oberförster.
„Sie giebt dem Greifen aber Um
Recht, den Herrn Müller mit de»
Schimpfwsrten der „verdammte Arne
rifaner" W benennen und durch feine
Worte einen schmählichen Verdacht auf
ihn zu werfen. Seit zehn Jahren
komme ich als Arzt in das rothe Häuft
au der kranken Frau, ich kenne den
Herrn Müller und feine Familie ge
nauer als irgend einer von Ihnen, und
ieb werde es nicht dulden, daß em
Mann, den ich als einen Ehrenmann
kenne,, öffentlich beschimpft «unb bdfi»
diät wird."
„Es ist sehr ehrenwerth von Ihnen,
lieber Doktor, daß Sie den Amerika
ner in Schutz nehmen," sagte ver
Kreisgerichtsrath, sich begütigend *n
den Doktor wendend „Sie werden
aber trotzdem es nicht verhindern kön*
nen, daß die Gerüchte, welche über ihn
sich verbreitet haben, bestehen bleiben,
sorgt et doch selbst durch seine Ab
geschlossenheit, durch sein finsteres, ab
stoßendes Wesen dafür, daß ihm die
Leute das. Schlimmste zutrauen. De«
Verdacht hat so schwer auf ihm ge
ruht, daß er sogar das Gericht veran
laßt hat, ihn zu verhören und eine
Haussuchung im rothen Haufe zp ver
anstalten."
„Die gänzlich «fultatloâ ausgesaib»
ten ist und seine Unschuld klar. ertoU*
sen hat!" fiel der Doktor ein.
„Die Lesultatlos ausgefallen ben
Verdacht nicht bestätigt, aber, auch»
nicht widerlegt hat, wollen wir sagen.
Sie wissen selbst am besten, daß!
bei jedem neuen Verbrechen, welches in
unserer an Verbrechen leider so reichen
Gegend begangen wird, der allgemeine
Verdacht sich immer wieder auf den
Amerikaner richtet, da dürfen Siè eK
unserm alten Greif nicht gar: fp übel
auslegen, wenn er hier in vertrauten»
Kreise von dem „verdammten Ameri
kaner" spricht und andeutet,, daß auch»
er nicht frei ist von dem. Volksglau
ben."
„Er durfte den Verdacht1 nicht: auW»
sprechen vor zwei fremden Herrem"
„Die längere Zeit bei uns in. Wolt
hausen bleiben und von hier auS
Wanderungen in die Berge machen»
wollen und die daher wissen, müssen,
wie es um die Sicherheit in unserer
Gegend bestellt ist, damit fte: sich auf
ihren. Wanderungen gehörig tioirfehett
und sich vor einer sie etwa bedrcchendea
Gefah? schützen körnten. Ich meine,
wir haben sogar die Pflicht^ den Her»
rett mit,zutheilen, welcher Verdacht auf
dem Amerikaner in dem rothen Hause
ruht, und dies will ich, gewiß, im Ein
Verständniß mit allen übrigen Herren
und auch mit Ihnen,. lieber. Doktor,
C'Uiflhrlich thun.""
Ter Doktor wagte betir, auch von
ihm hochgeachteten und. verehrten
Preisgerichts rath nicht zu widerspre
chen aber er mochte auch die ihm
wohlbekannte Erzählung allejt der in
der Umgegend schwirrenden- Gerüchte
über einen von ihm geachteten Mann
nicht mit anhören, er stand daher auf,
nahm seinen. Hut aus und arflärte, er
müsse noch einen Patienten! besuche»,
dann entfernte er sich, int Fortgehen
die beiden Fremdem fthr HWch begrü*
feend.
„Ein kreuzbraver tötet, unset
Doktor €tttow!" sfttyfc der KreÄ
gerichtsnith, de'Ut Arzt mit einem
freundlichen Blick nachschauend. „$t
würde niemals einem Menschen eiroaâ
Schlechtes zutrmm uâ am wenigste»
dem Amerikaner, der ihm ein Ver
trauen erzeig 4 wie feinem aâren
Menschen in Waldhausen, und den et
bafüfi bei jeter Gelegenheit in. Schutz
nimmt aber, leidet vergeblich! EA
wiÄ ihm KwerlzH je gelingen, bie
bëjßen Gerüchte Mm Sehnigen
bangen,die: nun emmal übet den Amfe*
âner allgemein verbreitet sind."
„Sie -flachen, mich neugierig, He«
Kreisger.'kchtsraM, Wer ist bettn die
ser Äm^riikane^ von de» hier so» viel
gesproÄm toil's" ftagjfc Doktor tjoß
aobert. Halk.
^Myetzung, folgt.)
-è'V erhört. Württembe?sffcheO
Batterie Chef: „Na, Hen Lieutenant,
hebe Sie jcho' g'lade?" Lieutenant:
„Stein, Herr Hauptmann, Chocolade
eicht, «ber einen ausgezeichneten
Cognac!"
e i y a e A
Buchhalter: In allen drei Rechnungen
haben Sie den Preis für Rübö! falfch
angesetzt, es ist mir unerklärlich, wie
man ein und denselben Fehler dreimal
machen kann. Cornmis: Unb den»
noch haben Sic dreimal geheiratet!
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7. S jif
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