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Der Deutsche beobachter. [volume] (New Philadelphia, Ohio) 1869-1911, December 12, 1894, Image 2

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Die Seide des Meeres»
Mktn verkauft in den italienische»
Stätrien des Mittelmeer-Gebietes eine
Menqe Artikel in Form von Shawlen,
Gocken. Hauben, Handschuhen, Börsen
S. dgl., welche fabrikmäßig aus Fasern
Gemacht werden, die ein im Mittelmeere
Weit verbreitetes Weichthier, Pinna
squamosa, abscheidet. Diese Fäden
Rnd von großer Feinheit/ aber um so
kürzer, denn das Thier scheidet sie eben
mix
ab. um sich durch sie an Felsen zu
Hefestigen. Je größer jedoch das Thier
ist, um so länger müssen die Fäden zu
filter Verwendung sein und nur diese
Und brauchbar. In Frankreich nennt
Man so große Weichthiere, in Folge ih
ttr Form. Jambonneau (Schinkchen).
Man trifft die Geschöpfe häufig an
den Küsten von Sardinien und Kor
sika, Italien und Sicilien bis Malta,
Zvo sie inmitten submariner Wäl
der bei einer Tiefe von 5 bis 6 Meter
leben. Man holt sie mit einem eisernen
Kratzer vom Felsen herab und beraubt
He ihres seidenen Faserstoffes, den man
mit Seife reinigt, dann kämmt und
verspinnt. Es geschieht dies, indem
man auf drei Strahlen einen Seiden
faden beimischt. Der so gewonnene
^aden wird nun in Wasser gewaschen,
das etwas Citrone enthält, mit der
Hand gerieben, um ihn geschmeidiger
ZU machen,und über warmem Eisen ge
Glättet. So erhält man schließlich einen
Faden von schöner gelbbrauner und
goldiger Färbung. Natürlich kann ein
Großhandel nicht mit diefernStoffe ge
trieben werden, dazu liefert ihn das
Meer doch zu sparsam aber es ist in
teressant zu sehen, wie sinnreich und
'fleißig der mittelmeerifche Arbeiter ihn
zu gebrauchen versteht. Die Muickel ist
auch unter dem Namen Steckmuschel
bekannt, und schon die Alten«benutzten
fte in der angegebenen Art. Den Stoff
selbst kennt man als Byssus, als Lana
Pesce oder Lana Penna er ist nicht
überall von gleicher Güte, sondern rich
viet sich nach dem Grund und Boden.
Mühsam ist und bleibt jedoch diese In
buftrie und so kann das Industrie
'Produkt selbstverständlich nur durch
«inen hohen Preis die auf dasselbe ver
wendete Zeit und Mühe lohnen. An
ders ausgedrückt, haben wir ein Kurio
ifum vor uns, das nur dahin gehört,
'Iüd ein Ucherfluß von Arbeitskräften
Herrscht,
Bon den Londoner „Melioristen"
Hoird eine „Anti-Kuß-Gesellschaft" be
fürwortet. „Meliorist" ist ein neueZ
im die englische Sprache eingeführtes
Wort für Weltverbesserer. Unter dem
«rnsten Titel „Dinge, die uns trank
machen", bringt ein im Dienste dieser
Melioristen. stehendes Magazin einen
Artikel, der versichert, daß zu jenen ge
ßährlichen Dingen der Kuß gehöre. „Die
Japaner," heißt es hier, „müssen ein
weises Volk fein, da sie nie einander
Küssen sollen die Deutschen sind thö
eicht, denn sie küssen immer. Unser
englisches Vaterland hält sich an einem
Mittelweg, doch wie lange man dies
überhaupt erlauben wird, ist abzuwar
ten." Man dürfe freilich noch nicht
Hoffen, daß von Gesetzes wegen bald
eingeschritten werden würde. „Wenn
JBian," erwidert ein Kritiker darauf,
»dieser ärztlichen Warnung Folge ge
Ben wollte, so müßte man in Zukunft
immer ein Fläschchen desinficirertden
Liqueurs bereit halten, damit ein Kuß
feinen Schaden thue. Die Ladies
müßten sich damit ebenso befreunden
SD» mit dem heutigen Riechfläfchchen.
Aber wir stellen der medicinischenPressc
die Aufgabe, ein einziges Mitglied des
zarten Geschlechts vorzuführen, da3
eidlich versicherte, daß ihr Küsse jemals
ein Leid verursacht hatten." In Eng
land küssen sich Manner unter einander
Dicht und schon seit mehreren Jahren
gilt es in den (Tufein des Westends als
plebejisch, wenn die Ladies bei einem
Reste mit der Wirthin bei Ankunft oder
Heim Abschied erntn Kuß austauschen.
Jetzt fassen sie einander nur bei der
Hand urtd den Arm aushebend nicken sie
1tch unter dem auf diese Art gebildeten,
«ich juwefirten Bogen gegenseitig lä
chelnd pL
#w *tn
Eitelkeit Willen.
Die Kaiserin vvn Oesterreich besitzt
bekanntlich eine vollendet schöne Gestalt,
deren Erhaltung sie sich allerhand
strenger Mittel bedient. So rastet sie
früh und Abends uifd ihre einzige re
gelmäßige Mahlzeit besteht aus einem
Gericht gerösteten Fleisches und etwas
Biskuit und einem Glase Wein
jum Mittag. Gelegentlich nimmt sie
such wohl ein rohes Ei und etwas
Dbst zu sich. Sie trägst zu allen Jah
«Hkeiten Flanellunterwäsche, nimmt
Dampfbäder, lä%t sich massiren, reitet
lehr viel und hat mit allen diesen Mit
teln erreicht, daß trotz ihrer sechsund
Bnszig Jahn ihre Taille siur zwanzig
Ü®8 Umfang -mißt
Au! 'Erjw' Akrawt (pt M
kw Kollegen) ^College, feh'n Six
»der ttducirt avSl" ZwÄter Akro^
bat: ^Glaub's schon. War ja früher
,Äuguft" im (Siting, und da mußte ich
fern Ruit der Menge: „August, sollst
Wal nrnterfornmert!" so häufig
Holge leisten, und tius 55» ich tkn he:«
Ajckrge kommen!"
i v e i a s e a v i e
Grau: Karline, in 14 Tagen gebt ich
«inen ersten Ball, da kannst Du «in
al zeigen, was Du kannst? Köchin:
olka uns Walzer kann ich schon, M?
•ante, aber beim Contre müssen Sie
Sit ein bischen helfen!
E e i e Z w i s u
wissen, was ich wäre, wenn ich
Dein Geld bekommen hätte? Sie:
das möchte ich allerdings wisse».
Ganz einfach, Junggeselle!
f- .. *,«.
& i-
tf-.'/jlf
Die Zriedenspseift.
Auf meinem Geburtstagstische, an
•den mich meine Frau mit geheimniß«
nißvoller Miene führte, prangte unter
den Gaben der Liebe auch eine kleine
Tabakspfeife. Ein rother Thonkopf
mit einem kurzen, gelben, ein wenig
gebogenen, einem Strohhalm ähnlichen
Röhrchen. Meine Frau faßte sie zier
lich an dem Strohröhrchen und hielt sie
mir strahlenden Gesicht» vor die Au*
gen.
„Da.... das schenkt die Mama!
Cie meint, das Pfeifenrauchen sei ge
sünder und billiger als das Cigarnn
rauchen, und wollte Dir damit eine
Freude bereiten..."
Ich war ebenso verblüfft wie ge
rührt. Da ich mit meiner Schwieger
nutter mehr auf dem Kriegs- als auf
dem' Schenkfuße stand, und Geburts
tagëüberrafchungm bisher (während
der drei Jahre unserer jungen Ehe)
nicht Üblich gewesen waren, mußte ich
diese sinnige Aufmerksamkeit doppelt
hochschätzen denn, „der Wille und
nicht die Gabe macht den Geber", sagt
Nathan's guter Klosterbruder. Dieser
zartandeutende Wille von dieser Seite
erhöhte den Shfrth dieser Friedenspfeife
(der, in gemeinen Zahlen ausgedrückt,
etwa fünfzig Pfennige betrug) ins
Untaxirbare. Ich nahm den kleinen
Thonkopf wie ein alter, gewiegter Rau
cher in die Linke, that ein paar kräftige
Scheinzüge, und zahlte der lieben Ue
bermittlerin mit ein paar ebenso un
schätzbaren Küssen.
Meine Schwiegermutter mochte Recht
haben mit ihren Ansichten über das
Rauchen. Am selben Vormittage noch
erstand ich mir bei meinem Cigarren
lieferanten ein Viertelpfund von dem
herrlichsten Knaster, 'dem gelben, den
uns Apollo je präparirt, „Gold-shag"
genannt, und beim Nachmittagskaffee
begann das Proberauchen.
Es schmeckte vortrefflich. Ich bat
meiner Schwiegermutter alle Gedan
kensünden ab, die ich gegen sie begangen.
Dieses Aroma! So leicht, so angenehm!
Es thut einem! ordentlich wohl! Es
ist unbegreiflich, wie man sich Jahre
lang solche magen- und nervenzerrüt
tende* Nikotinstengel in den Mund ste
cken konnte! Und dann diese Gelder
sparniß! Für fünfundzwanzig Pfen
mige rauchte man ungefähr fünfzig von
diesen Pfeifen den Tag fünf gerechnet,
macht zehn Tage. In der selben Zeit
lyitte man, wenn man ganz gewöhn
liche Achtpfennig-Cigarren qualmte,
für vier Mark verpraßt! Es geht in
die Hunderte, was man in einem Jahre
zurücklegen kann, in zehn Jahren ein
Kapital! Die Cigarren wurden ganz
in Acht und Bann gethan. Ich war
glücklich.
Allerdings' mochte Golb-shag, für
den ich in den ersten Tagen meiner
Schwärmerei bei meinen sämmtlichen
Bekannten fanatisch Propaganda ge
macht, noch nicht ganz die richtige
Sorte sein. Sie biß ein wenig auf der
Zunge. Ich tauschte sie deshalb, nach
dem das Viertelpfund zu Asche ge
brannt war, mit einer wunderbaren
Mischung zweier echt türkischen Kräu
ter, deren Genuß nicht nur die Zunge
befriedigte, sondern auch die Phantasie
zu den angenehmsten Träumen beslü
gelte.
Das ging nun so, so lang es ging.
Plötzlich, eines Tages, versagte die
steine Pfeife den Dienst. Ich zog, ich
blies, ich klopfte, zerbrach bei un
fruchtbaren Bohrversuchen eine Strick
und eine mit einer herrlichen schwar
zen Perle geschmückte Hutnadel meiner
Frau, Alles vergeblich, sie blieb der
stopft.
Mein Tabakfabrikant, dem ich mein
Leid klagte, zuckte die Achseln. „Ja,
das ist nicht anders. Sie müssen das
enge Rohr mit einer Taubenfeder rei
nigen. Aber Sie sollten sich lieber
eine ordentliche türkische Pfeife anschaf
fen."
Der Mann hatte nicht Unrecht.
„Wenn schon, denn schon", dachte ich,
trnd rannte spornstreichs zu Gebrüder
Muschweck, der größten Pfeifenhand
lung der Stadt. Ich war zwar lange
schwankend, ob ich ein Büffelhorn- oder
Bernsteinmundstück wählen sollte, end
lich entschloß ich mich zu dem ersteren.
Es war ein Prachtstück von einer Pfeife,
das ich erstanden. Ein wirklicher, ech
ter. großer, türkischer Thonkopf, das
Rohr nicht allzulang, dafür aber aus
wunderbar leichtern, röthlichem Cedern
holz, ein so seltenes Stück, wie es nur
der Kenner zu schätzen weiß und wie
es nur in der Residenz zu finden ist.
Sapristi! Ja, das war ein Ge
nuß!
In die Sophaecke zurückgelehnt, sog
ich. den Mund wie zum Kusse ge
spitzt, an dem dicken Büffelhornende
meines Cedernrohrs, und unten kräu
fette sich aus der weiten Geffrtung des
Thonkopfes der duftende, blaut Rauch
wie der zitternde Rauch eines Weihal
tars langsam in die Luft empor. Die
Pfeife wurde „Fatme" geteuft, die mit
telst einer Taubenfeder einigermaßen
wieder' dienstfähig gemachte.Schwieger
muiter" einstweilen in den Ruhestand
versetzt.
Nur eins war schlimm. Ich merkte,
daß zwischen dem Türken und dem
Deutschen doch noch «r. Unterschied be
liebt. Wenn der Türke genießt, so
«feitet er nicht, er genießt eben ganz
wir wollen selbst während der Arbeit
xenietzen. Zum Rauchen meiner dick
rohrigen Gebernpfeife waren beide
Hände nöthig, so daß mir keine mehr
zum Schreiben übrig blieb. Ja, es
war herrlich, dieses contemplativeSin
t:eit und Träumen Um Küssen der ge
liebten Fatme, um so mehr entbehrte
ich die Wonnen dieses Raucheinsau
aenS, wenn ich am Schreibtische saß.
iéè mii mcht»
'Aushilfsmittel auch für diese Stunden
zu suchen dies fand sich in einer kur
zen Pfeife aus schönstem, maserirtem
Bruyere-Holz, die man bequem zwi
schen den Zähnen halten konnte.
„Maryland doux" empfahl mir mein
Tabakslieferant zu dieser, und ich ver
brachte nun die Stufen selig zwi
schen Maryland doux und Dubec
moyen. Meine Leidenschaft für Char
lotte Corday (so hieß die Bruyere
Pfeife) wuchs sogar so, daß ich sie bei
kleinen abendlichen Zusammenkünften
mit Freunden am alten JunggeseUen
ftammtische rauchte.
„Was? Kurze Pfeife?" sagte Freund
Liebig (Kammermusiker und Jungge
feile par excellence), indem gering
schätzig dieMundwinkel herabzog. „Das
ist ja scheußlich! Total ungesund!....
Lange Pfeife, das lasse ich mir gefal
len!"
Diese Worte bohrten sich mir wie
ein vergifteter Pfeil in mein Herz. Es
war ant Ende wirklich so wie er sagte
Diese Brustbeklemmungen, dies Oh
rensausen neulich wahrhaftig!
Schon am anderen Morgen erhandelte
ich bei Gebrüder Mufchweck eine qua
stengeschmückte Studentenpfeife mit
„Hornsticfel" und „Kernspitze" und echt
Meißener Kopf. Dazu rieth mir mein
allzeit dienstfertiger Lieferant Vari
nas-Kanafter,, Littera A, von Wilhelm
Ermeler, der mir nach einigen mit
Standhaftigkeit überwundenen see
krankheitsähnlichen Zufällen, kalten
Schweißen, Tanzen upd Sichdrehen
von Ringen und Punkten vor den Au
gen und anderen merkwürdigen (St
scheinungen nach vierzehntägiger Ue
bung und glücklich vollendetem „Anrau
chen" des Kopfes auch vortrefflich mun
dete. So vortrefflich, daß man sich
mit Recht darüber ärgern mußte, solch
eine Pfeife dieses herrlichen Grob
schnitts niemals ganz bis auf den letz
ten Rest ausrauchen zu können. Der
Rest nämlich es war unbegreiflich
und lag vielleicht nur an meinen man
gelhasten Kenntnissen brannte ein
fach nicht und mußte als eigenthümlich
nasser Klumpen mittels der schort frü
her bei der „Schwiegermutter" ange
wendeten Hutnadel meiner Frau her»
ausgestochert werden. Ueberhaupt spielte
die Feuchtigkeit mit der Zeit bei meiner
Studentenacquisition mit dem Hont
ftiefel eine gewisse, die Einbracht zwi
schen ihr und mir ab und zu ein wenig
störende Rolle.
„Ja," lachte Kammermusikus Liebig,
dem ich einmal diese Uebelstände andeu
tete, „der Rest „ersäuft" eben in jeder
langen Pfeife (übrigens ist Porzellan
toafferfack viel sauberer als Horn), des
halb muß man mehrere Pfeifen haben,
damit die eine immer wieder recht aus
trocknen kann, das ist doch selbstver
stündlich."
„Ah... ersäuft!... .Natürlich! Meh
ren Pfeifen! Selbsterftändlich! So
Kescheidt hätte ich eigentlich auch sein
können! Und daß Porzellanwassersack
sauberer fein muß, leuchtet einem
ohne weitere Erklärung ein! Es ist
erstaunlich, wie dumm man eigentlich
ist, und was man alle Tage lernen
sann!"
Meine Pseisensammlu»:g wuchs in
Folge dieser neuesten Erkenntniß um
ein weiteres Exemplar mit Porzellan
abguß, so daß sich nun zu den Da
men Schwiegermutter, Fatme, Char
lotte Cordati zwei Brüder: Roller und
Bismarck gesellt hatten. Es war ent
zückend, diese kleine Kompagnie Revue
passiren zu lassen und ewig schade,
daß man sie während ihrer dienstfreien
Stunden so ganz unbeachtet in den
Ecken umherstehen und hängen ließ.
Meine Frau sah zwar, wie sie sagte,
durchaus keine beleidigende Gering
schätzung darin, allein ich nahm trotz
dem in meinem Arbeitszimmer eine
Gruppe Bilder über meinem braunen
Ripssopha von der Wand, und deko
rirtc den leergewordenen Fleck malerisch
mit meinen Lieblingen. Der schöne
Anblick versöhnte meine Frau sogar
mit der Nothwendigkeit, seinethalben
eine Photographie von Prag (wohin
wir unsere Hochzeitsreise gemacht) ins
Schlafzimmer hängen und vier andere
Bilder in eine Kiste packen und auf den
Oberboden stellen zu müssen. Freilich
als sich bald darauf ein Zwillings
paar in Gestalt einer Dr. Zacharias
Werneuchen Gesundheitspfeife „Sani
tas" und einer Trockenpfeife mit aus
wechselbaren Thonpatronen „Mokka"
einstellte, konnte ich die bedenkliche
Miene metner Frau nicht unbegründet
schelten: ein weiteres Herunternehmen
von Bildern war ohne Schaden für
den Gesammteindruck nicht gut möglich.
Zum Glück kam mir ein rettender Ge
danke, ich erinnerte mich plötzlich eines
längst verstorbenen Onkels, der auch
ein gewaltiger Pfeifenraucher vor dem
Herrn gewesen, und wie aus einer Ver
senkung stieg aus dem Dunkel der Ver
gessenheit das Bild seines Pftiftnregals
vor meinen An gen auf. Ich sah ganz
deutlich die zierlichen, gedrechselten
Stäbe, welche die polirten, sich eiagett
weise nach oben hin verfchmälernben
Bretter trugen mit Meffingklammern
und bauchigen Höhlungen zum Halt
für Röhre und KLpf«^,. ja, eine Pri
sen e tage
re!
Meine Frau legte d« Stirn in
sorgenvolle Falten: »Das kostet aber
doch..."
Ich schnitt ihr den Satz ab. „Ich
habe so viel an Cigarren gespart,Schatz,
daß ich mir vie kleine Ausgabe getrost
erlauben darf!"
Wahrend zweier aufregender Wochen
bildete die Pfeifenetagere das Haupt
gksprächsthema an unserem kleinen Fa
milientische, und als die rosenfingerige
Eos zum sechzehnten Male aus dem
dämmernden Osten emporstieg, stellte
der Tischlermeister, den ich mit der
ehrenvollen Aufgabe derVerwirklichung
meines Traumes betraut hatte, sich
Schweiß von der Stirn trocknend, die
Ersehnte selbsteigenhändig in metnZim
mer nieder. Sie war trotz dreier vor
angegangener Konferenzen zwa" nicht
ganz so ausgefallen, wie ich gewünscht
hatte, aber denn doch noch immer schön
genug, um das Herz eines Pfeifenreu
chers rafdier schlagen zu machen. Was
sie an Eleganz vermissen ließ, ersetzte
sie an Solidität diese Bretter bra
chen sicherlich unter keiner Last... und
der Zuschlag zu dem ausgemachten
Preise wer rechnet in der Freude
ein paar lumpige Mark!
Wir (meine Frau und ich) sahen uns
im Zimmer imt. „Ja, wo soll sie nun
hin?" Nicht das kleinste Plätzchen war
unbesetzt.
„Dann kommt der Bücherschrank ins
Eßzimmer", entschied ich.
„Dein Bücherschrank ins Eßzim
mer?" entgegnete meine ffrau.
„Nun, warum denn nicht?" erwi
derte ich etwas gereizt (denn ich hatte
in dem Tone meiner Frau etwas wie
einen vorwurfsvollen Widerspruch zu
hören geglaubt). „Es schadet durchaus
nichts,wenn itnEßzimmer einesSchrift
stellers ein Bücherschrank steht! Laß
gleich Dienstmänner holen!"
Während meine Frau mit feucht
schimmernden Augen unser Faktotum
Anna nach Dienstmännern absandte,
räumte ich Danieh Sanders dickleibi
ges Wörtesbuch der deutschen Sprache
und die prachtbändigen Klassiker von
ihren Brettern herunter. Dann wurde
der Schrank von wuchtigen Armen in
das Eßzimmer dislogirt, wobei leider
einer seiner Füße an den Dielen kleben
blieb, welch kleines Malheur jedoch
durch den eiligst herbeigerufenen Tisch
ler vermittelst Leim wieder paralysirt
werben konnte.
Die neue Ordnung der Dinge im
Eßzimmer $ab nicht gerade ein voll
kommen harmonisches Bild, allein
schließlich blieb mein Arbettsraum
doch immer die Hauptsache. Ein ver
wünschter Umstand nur war der, daß
die Farbe des Fußbodens dort, wo
ehemals der Bücherschrank gestanden,
sich als in einem höchst bedenklichen
Contraste zu der des übrigen Zitn
tners herausstellte, und daß durch die
viel kleinere Pfeifenetagere dies« Un
einheitlichkeit nicht vâdeckt werden
sonnte.
„Nein, so kann das nicht bleiben/
jammerte meine Frau.
„Ganz richtig, das Zimmer muß
frisch gestrichen werden!"
Meine Frau rang die Hänbè.
„Frisch gestrichen? Mitten im Win
ter? Das ist ja entsetzlich? Das geht
nickt!"
„Entsetzlich ober nicht, es muß ge»
hen!" rief ich, durch alle diese Hinder
nisse und Widersprüche erregt. „Meine
Möbel kommen unterdessen in den Sa
lon, ich arbeite im Wohnzimmer!"
Meine Frau sank mit einem Schrei
in einen Fauteuit.
Dieser Schrei empörte mich. Die
Milch der fwmmenDenkungsart in mir
wurde durch diesen Schrei sozusagen
mit einem Schlage, wie süße Milch
durch einen "Blitzschlag in saure, in
gährettd Drachengift umgewandelt. Ich
roars meiner Frau einen erzürnten
Blick zu. „Was soll das bedeuten?
Willst Du etwa plötzlich die Ztantippe
spielen?" I
Ein zweiter Schrei war die Antwort.
Daraus stummes Schluchzen und Be
iropfen meines braunen Ripsfauteuils
mit dicken Thränen.
Ich kann Weiberthränen nicht sehen.
Sie wirken auf mich tote die rothe
Schärpe der Capeadores auf den ge
reizten Stier. Ich drehte mich wü
thend nach dem Fenster um und ver
suchte durch ein Trommelconcert an den
Scheiben meines Zornes Herr zu wer
den. Die ganze Freude an dem Pfei
fenregale war mjr verdorben. Aber
es handelte sich um ein Prinzip, um ei
nen Fall, der zu einem Präcedenzfalle
hätte werden können. Meine Autori
tät stand auf dem Spiele. Es blieb
also bei meiner Anordnung.
Während draußen die Schneeflocken
auf den Fenstersimsen kleine weiße Hü
gel auftürmten, herrschte bei uns drin
nen Gewitterschwüle. Ich arbeitete im
Wohnzimmer, oder arbeitete eigentlich
nicht denn nebenan im Kinderzim
Itter,
in dem meine Frau mit rothen
Augen saß, brüllten unsere beiden Klei
nen, als ob sie am Spieße geröstet
würden. Die Möbel meines Arbeits
zimmers waren in den Salon gestopft
worden. Am Montage wollte laut
eines dreimal wiederholten feierlichen
Schwures der Anstreicher kommen. Als
er jedoch ungeachtet dieser eidesstatt
lichen Versicherung am Donnerstage
noch nicht erschienen war, und Else und
Fritz gegen die Mittagsstunde ein so
mörderliches Geschrei erhoben, daß ich
vor Schreck mitten in die Reinschrift
eines Feuilletons einen Tintenklex von
der Größe des Kaspischen Meeres
machte, hielt ich es nicht länger aus
und riß die Thür zum Kinderzimmer
aufj^
„Ruhe: "^um Conner wetter! Willst
Du ihnen denn nicht endlich die Mäuler
zustopfen?! Glaubst Du, daß man bei
solchem Lärme* Dichten kann?!"
Meine Frau ließ ein paar bereitge
haltene Thränen fallen. „Bringe sie
doch lieber gleich ganz um, wenn sie
Dir im Wege sind... nicht einmal im
Kinderzimmer sollen sie mehr athmen
dürfen, während Du die ganze Woh
nung. .. o Gott, o Gott..."
Die Thränen rührten mir gleich wie
der die Galle aus. „Was? Athmen?
Schönes Athmen das!.. .Und die ganze
Wohnung? Wenn Du damit sagen
willst, daß ich Euch im Wege bin,
nur. gut, so werde ich ausziehen
ich werde mir oben in der vierten
Etage bei Müllers ein möblirtes Zim
mer miethen, in dem ich wenigstens un
stöi'i das Brot verdien:» kann fii:
n*
W-
V
i
V 3
yi- V f.
„Das Brot für uns?" schluckte meine
Frau. „Also wir essen Dir
ZU viel Du wirfst mir
ver daß ich Dein Bro
o ot esse... o Gott, so weit
ist es also gekommen.... ich gehe...
ich gehe!.... ich will Dir nicht zur
Last fallen.... Du bist meiner über
drüssig. ... ich habe es länger bemerkt
.... möblirUs Zimmer fci Mu hü
hülttrs... ich lasse mich vun Dir
s e i e n
Das war mir denn doch zu stark.
„Gut, so laß Dich scheiden!" rief ich,
schlug die Thür zu und rannte davon,
die Treppe hinunter, hinaus ins Freie.
Ich wäre erstickt da drinnen. Das
Blut kochte mir.
Mechanisch trat ich an der Ecke in
den Laden meines Tabaklieferanten.
„Zehn Stück Brasiliens!"
„Wie?"
„Zehn Stück Brasilieros!" wieder
^olte ich beinahe schreiend, ohne eigent
lich zu wissen, was ich sagte. „Spreche
ich etwa so leise, daß man mich nicht
verstehen kann?!" u
„Nein, ganz und' gilt nicht..» hRr,
mein Herr."
Dabei knipste er dienstfertig die
Spitze ab und reichte mir eine von dèrt
Cigarren meiner altgewohnten Sorte,
die ich mir gedankenlos ganz wie früher
an dem Gasflämmchen aus dew Laden
tische anzündete.
Draußen begann ich langsamer wei
ter zu gehen.
Ein merkwürdiges, wohliges, lange
nicht empfundenes Gefühl durchströmte
mich mit einem Male.
Ja, was war denn eigentlich gesche
hen?
Herrgott, ich rauchte ja wieder eine
Cigarre! Ich blieb stehen und lachte
so laut aus, daß ein vorübergehender
Schusterjunge ebenso laut jagte:„$anu,
was giebt's denn?" Ohne ihn einerAnt^
wort zu würdigen, drehte ich mich um
und eilte nach Hause.
Meine Frau kam mir mit aufgelö
sten Haaren und mit ekiem durch
unterdrücktes Schluchzen in feiner
vollen Kraftentfaltung gehemmten
Schrei entgegen und flog mir an den
Hals. „Liebster, bester Franz, vergieb
mir..
Ich schmunzelte innerlich: meiner
triumphirenden Autorität wegen
aber ich war gerührt.
„Weißt Du," sagte ich, meine Frau
umarmend, ,*wer Vergil war?"
Meine Frau hob verwundext den
Kopf.
„Dann hat Dir Dein Bruder wohl
euch niemals verdeutscht, was das
heißt: „quidquid id est, timéo Damaos
et bona ferentes?"
„Nein."
„Na es ist auch nicht nöthig
ich meine, an allen. Aufregungen ist
doch eigentlich dih Friedenspfeife
schuld."
„Wie?"
„Nichts, ich habe mich nur perspro
chen aber weißt Du, ich möchte
cm liebsten Alles beim Alten haben
ohne 'Dielenstifk^n und möblirtes
Z i e
„Franz!"
„Aber Du mußt mich niemals ver
führen wollen aus Erspamißrücksich
ten
„Nein, nein!"
„Denn sonst.. .*
„Nein, nein, nein, nein, nein!" rief
meine Frau freudestrahlend und hätte
es vielleicht noch fünf Ma! wiederholt,
wenn ich ihr nicht den Mund verschlos
sen hätte.
Die Friedenspfeife steht ntit ihren
Kameraden und Kameradinnen sammt
der Etagere auf dem Boden. Meine
Frau lacht mich jedes Mal aus, wenn
ich mich meiner Pfeifettkenrterfchaft rüh
me das ist nicht sehr respektvoll gegen
meine „Autorität" aber sie ihut'â
eben dennoch!
BeruttglÄcktes Experim-M
Professor (welcher einen Studenten
hypnotisirt hat,zu den Hörern): „Meine
Herren! Ich will nun an Ihrem Colle
cett die wunderbaren und räthselhaften
Erscheinungen der Suggestion zeigen.
Sehen Sie, Alles, was ich ihm nun
suggerire, glaubt er in Wirklichkeit
wahrzunehmen! Passen Sie nur auf!
Ich werbe mich dem Medium als sein
Schneider vorstellen, werde rhm dieses
Buch als eilte Rechnung im Betrage
von 100 Mark präsentiren und er wird
mir diese, als geschehe dies Alles in
Wirklichkeit, bezahlen! (Zum Medium
gewendet): Ich bin Ihr Schneider!"
Medium: „Ja!" Professor:
„Hier ist die Rechnung bezahlen
Sie!" Das Medium springt auf,
saßt den Professor bei'rn Kragen ufid
wirft ihn zur Thüre hinaus.'
J*.
EM nannt ich Dich „mdtf Röslein
zart,"
„Mein Veilchen," «mein Vergißmein
nicht,'
1
Als immer neue Blumenart
Pries Dich manch herziges Gedlcht.
Nun ward des Bessern ich belehrt,
Blüth' fällt nach Blüthe aus dem
Kranze,
Heut' weiß ich, die ich einst verehrt:
Das Blümlein ist „'ite nette Pflanze!"
(den, Regenbogens erklärend)! „Wes
halb schielst Du denn immer nach met
nem Hut da ant Schrank hinüber,
Seppl?" „Weil der Vater gesagt
hat, dem Herrn Lehrer fein Hut glänzt
auch in allen Regenbogenfarben!"
I E i s e o e s s o a
meine Herrschaften, Die Darwinsche
Theorie von der Abstammung desMen
schen vom Affen ist nicht von der Hand
zu weisen. Ich selbst btn bereit, Ih
nen davon den Beweis zu liefern!
nq Sie schönere Halste.
Die alte Excellenz von Goethe hatte
tntmchmal auch wunderliche Einfälle
und sprach gelassen große Worte aus,
die.zuweilen paradox klangen. Bei ir
gtmbtoelcher Gelegenheit soll sie einmal
gesagt haben: „Wer die Musik nicht
liebt, ist kein Mensch, wer sie nur liebt,
ist ein halber, doch nur der, der sie liebt
und auch ausübt, ist ein ganzer
Mensch."
Irgendwo hatte der Musikschüler
Emanuel Schöberl diesen Ausspruch
des alten Olympiers gelesen oder ge
hört. Eben dachte er wieder daran.
„Ja, Goethe hatte recht!" rief er in ei
nem Anflug schöner Begeisterung aus.
„Nur wir, die wir die edle Tonkunst
pflegen, die wir das unbestimmte, un
klare Empfinden der Menfchenfeele in
Tönen offenbaren, nur wir stehen auf
der Höhe der Menschheit. Was ist der
Gelehrte? Er ist nur Kopf, nur Ge
hirn. Der Handwerker? Er ist der
Arm, der Muskel aber wir Künst
ler und vor allem wir Musiker, wir
sind die Hauptsache, das Herz, der Le
benspuls des Menschenthums." Un
willkürlich richtete der junge Mann sich
gerade auf in feinem Strohsessel, warf
einen Blick in den Spiegel neben feinem
Arbeitstisch und strich sich mit genial
nachlässiger Handbewegung eine ver
irrte Locke aus der blassen Künstler,
stint. In demselben Augenblick pochte
es an die Thüre. Die Hauswirthin
trat herein und störte die weiteren Be
trachtungen Emanuels, indem sie ihm
einen großen Brief auf den Tisch legte,
den der Postbote soeben überbracht
hatte. Neugierig öffnete der junge
Künstsèr das Convert und entnahm
daraus ein längeres Schreiben, in wel
chem es hieß: Werther Herr Schoberl!
Ich sehe mich veranlaßt, energisch dar
auf zu bringen, baß Sie mich endlich
bezahlen. Im Mai wirb's ein Jahr,
daß Sie meinen Crebit beanspruchten,
ohne, trotz meiner Atifforberung, die
geringste Theilzahlung gemacht zu ha
ben. Ich benke, ich habe lange genug
gewartet. Es ist übrigens von Ihnen
sehr unbankbar gegen mich. Wissen
Sie noch, wie Sie aussahen, als der
Herr Maier Sie zu mir führte? Arg
um nicht zu sagen schäbig sahen
Sie aus. So hätten Sie sich nirgends
sehen lassen können, hätten keine Stun
den zu geben bekommen und in Gesell
schaft hätte Sie erst recht niemand ge
laden. Ich habe Sie nach neuesten
Moden ausstaffiert und habe erst so
einem ganzen Menschen aus
Ihnen gemacht. Weiter las der
junge Musiker nicht. Also nicht die
Musik? Der Schneider! Der? Durch
den erst ein ganzer Mensch? Und auch
noch auf Borg! Aber der wunder
liche Handwerker hatte so unrecht nicht.
Emanuel dachte an die Zeit, wo ihn
fein Onkel mit kleinem Wechsel in die
große Residenz geschickt hatte. Der
Sonntagsstaat aus dem Provinzstädt
chen war fold fadenscheinig geworden,
so daß er sich schämte, bei Tag über die
Straße zu gehen. In die Musikschule
mußte er freilich gehen. Aber An
fangsunterricht in besseren Häusern
konnte er ohne entsprechende Kleidung
nicht geben an das Besuchen von Ge
sellschasten, sein höchstes Ziel nach der
Kunst, war erst recht nicht zu denken.
Da hatte ihn sein Landsmann Fritz
Maier, der immer gutgekleidete Mül
lerssohn und Student, einem Schnei
der empfohlen, der sich nach längerem
Bedenken herbeiließ, den jungen Musi
ker neu zu kleiden. Gleich zwei Anzüge
und einen Paletot bestellte Emanuel.
Von der Zeit an fühlte er sich wieder
Mensch, ja, ja! Damals kam er auch
zuerst in Familien, da faßte er Selbst
vertrauen und sogar den Muth, Lini,
der angebeteten Hausherrntochter, fein
Herz auszuschütten ja, ja, der brave
Schneidermeister hatte so unrecht nicht.
Und Goethe? Was hatte der Alte ge
sagt? Die Musik mache ganze Men
schen? Wie man's nimmt! Nicht
allein die Wissenschaft, auch die Kunst
muß an uns arbeiten, um uns auf die
Höhe der Menschheit zu heben wohl
wahr. Aber zur Vollendung des gan
zen Menschen gehört euch der Rock, den
man als Hülle des Ganzen trägt, er ist
uns so nothwendig, wie dem schönen
Liede die musikalische Begleitung. Der
Schneider soll bezahlt werden! Aber
wie? Nach längerem Sinnen zog der
junge Mann feinen schwarzen Rock an
und ging. Er ging zu Lints Vater,
der erst vor kurzem nach einigem
Sträuben damit einverstanden war,
daß die Verlobung feinet Tochter mit
ihrem heißgeliebten Emanuel veröf
fentlicht werde, wenn 9er Musiker die
Akademie verlassen und eine erste An
stellung gesunden habe. Linis Vater,
ein bürgerlicher Bäckermeister, hörte die
Bitte des künftigen Schwiegersohnes
um ein Darlehen ruhig an. Emanuel
hatte ihm treuherzig gesagt, daß er die
Klefoerfchulden nothwendig habe ma
chen müssen, da zu einem ganzen Men
schen heutzutage auch ein ganzer Rock
gehöre. Als der Alte dem dankbar
schmunzelnden Kunstjünger die begehr
ten Scheine hinlegte, mußte dieser noch
eine ntfue Variation der Goetbe'fchen
Worte hören. Der Bäckermeister
meinte: „Nicht allein einen ganzen
Rock muß der Mensch anhaben in
der Tasche muß auch ein Stück Geld
fein, erst dann ist man bei diesen Zeiten
ein ganzer Manu."
Als der junge Künstler eine Viertel
stunde später feiner Anaebeteten diesen
Ausspruch ihres Vaters erzählte, rief
sie lachend: „Ach was! ein ganzer
Mann bist du erst, wenn wir einmal
verheirathet sind, jetzt fehlt dir noch
deine „schönere Hälfte"!"
Was gehört heutzutage nicht alles
dazu, ein ganzer Mensch zu {ein!
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Mr unsere Irauen«
Viele Krankheiten werden erfolg*'
reich geheilt, weil die Aerzte und Leuch
ten der Wissenschaft ihre Ursachen er-.
kannt haben und also die bösen Keime
im Entstehen bekämpfen und deren
Verbreitung verhindern. Zu der. un
angenehmsten Leiden der Menschheit
gehören wohl die beiden oben angefüht»
ten Uebel, ohne daß bisher ihren Ba
cillen eifrig nachgeforscht worden wäre»'
Einer bescheidenen, unwissenschaftli
ches. Person blieb es vorbehalten. gaNA
zufällig auf ihren Wanderungen durchs
Menschen! ^en einige Entdeckungen in
Bezug auf die eigenthümliche Entsteh
ungsgeschichte der Launen und Miß
stimmungen zu machen, von welcher
Studienreise sie Folgendes berichtet:
Ganz unerwarteter Weise wurde ich
auf metner Fahrt in unwirthliche Ge
genden verschlagen, wo ich mich recht,
fremd und verlassen fühlte. Alltfc
rings umher war unfreundlich, uner
quicklich, die Luft erfüllt von drücken-^
der Gewitterschwüle, die Vegetation,
spärlich und verkümmert, die ganze
mofphäre lag bleiern schwer auf dem
Ankömmling. Ich versuchte in einem:
der nächstgelegenen Gebäude Einlast
und Unterkunft zu finden und setzte
den elektrischen Drücker in Bewegung,,
vergeblich, er gab keinen Laut von sich..
Durch Zufall oder getrieben von der
Absicht, dem qualmender^ Rauch imt
Innern zu entgehen, näherte sich ein:
mürrischer, gerade nicht höfliche Ver
wünschungen murmelnder Hausgeist!
der Kellerthüre und verklagte den bösnr
Ofen, welcher sich so ungebührlich auf
führte, Rauch anstatt Hitze zu geben.
Schließlich wurde mir, wenn auch nicht
besonders gerne, Einlaß gewährt und*
ich in ein ebenfalls von grauem Rauch
erfülltes Gemach geleitet, in welchem
auch sonst keine viel gastlichere «Stirn*
mung zu herrschen schien. Man met*
bete mich der Frau des rauchigen Hau
ses, über mir hörte ich erregte, krei
schende Stimmen, eilige Schritte, Thü
ren öffnen und zuschlagen und schließ
lich stolpernde Tritte die Treppe her
unter. Dann stand sie vor mir mit
heiserer Sprache, trüben Mienen, ner
vösen, hastigen Bewegungen, eingefal
lenen Augen, vernachlässigter Kleidung,
und fahlen Wangen, einige unzusam
menhängend^ ungereimte Worte dft
Entschuldigung ȟber unverschuldete
Unordnung murmelnd.
Ehe ich noch mein Begehr vorbrin
gen konnte, vernahmen wir plärrendes
Kindergeschrei und aufgeregte zeternde
Worte dazwischen. Wie die Winds
braut flog die Frau von ihrem Sitze
auf und verschwand pfeilschnell in bet
Richtung der harmonischen Klänge»
Klick klack erscholl es nun, und da|
auf ein erneuertes, womöglich ver
schärftes Kindergeheul und noch mehr
der zankenden Frauenstimmen. Krei
schend bewegte sich die Thür in ihreir
Angeln und mit einem bitterbösen, vo»
Aufregung entstellten 'Antlitz, in dem
es noch blitzte und wetterleuchtete, er
schien die Dame wieder an derSchwelle»
„Diese ungezogenen Rangen, diese un
leidlichen, zänkischen, gemeinen Dienst
boten!" kam es fast stöhnend von den
blassen, bleichen Lippen. Ich wartete'
einige Momente, um der Dame Zeit
zur Sammlung zu geben. In
dessert
kamen von der Treppe herab schlür
fende Tritte näher, ein eingetrocknetes,
altes, verknöchertes, fröstelndes Jüng
serchen berichtete mit dünner, spitziger
Stimme, sie könne unmöglich weiter
arbeiten, an der Maschine müsse etwas
„los" fein. Mürrisch und despotisch
verwies die Dame die NähtrtaittfeÖ, mit
ihren beständigen Klagen zu warten,
bis sie wieder allein fei. 'So beeilte ich
mich denn, die Frau von meiner lästi
gen Gegenwart zu befreien, was mir
nicht schwer gemacht wurde.
Draußen angekommen, gelang eS
mir nach manchem Um
Herst reifen in
Erfahrung zu bringen, daß das JgattS,
welchem ich glücklich entronnen war,
ein gar gefährlicher, verrufener Platz
im Lande fei, und zwar deshalb, weil
dort eine ansteckende Krankheit gras
firt, die Alles inficirt, was in ihre
Nähe gelangt, nicht nur Gegenstände
und Personen, sondern sich sogar der
Luft weithin mittheilt.
So weit der Bericht der reifenden
Forscherin. Ich persönlich bedauere
nur Eines, daß die Dame eigentlich
nichts Ganzes geleistet. Wohl ist eâ
recht löblich, die Brutstätte einer
Krankheit zufällig zu entdecken, aber
doch noch viel wichtiger, auch Medika*
mentc und Arzneien anzugeben, mit*
welchen das. Uebel in etwaigen, wenn
auch seltenen, Fällen bekämpft und ge
heilt werben kann. Vielleicht sind nu«
wissenschaftlich gebildetere, erfahrenere
weibliche und männliche Aente im
Stande, uns zum Wohle der kranken
Menschheit alle bisher erfolgreich ange^
wendeten Mittel gxgen Launen unfr
Verstimmungen baldigst bekannt
geben. Bis dahin aber wollen wir je#
nein böftn Haufe mit feinen Anftetf#
ungëfeimen vorsichtig aus dem Wege
gehen.
'té
went. Junae Hausfrau: Darf ich
fatten ein Glas Wein einschenken. Herr
Müller? Herr Müller: Nein, ich
danke, gnädige Frau, ich trinke nie
Wein. Junge Hausfrau (in der Ab
sicht, dem Gast etwas angenehmes W
sagen.): Nicht möglich, Sie sehen abtt
gar nicht so aus!
Lehrerin: „Hier seht hier ist cht
Büffel, ein ftameel, ein Auerochs und
ein Rhinozeros lauter Thiere, die bti
uns nur wo vorkommen?" Sckiilert
^AlS Schimpfwort«!?

A u s s e i n e
Eva Jntermezzc von Wilhelm WollerS.
A u S e S u e e e
Humoreske »on Carl Arno.
i i k e S i s a s
E i e n e A n s a u u n -i*

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