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Der Deutsche beobachter. [volume] (New Philadelphia, Ohio) 1869-1911, December 26, 1894, Image 2

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*Vv
i
,- KMrw Augnka NiMrtzM.
p.- Hausfrau.^
Wenn der Kaiser Wilhelm sich auf
Reisen befindet, was bekanntlich sehr
häufig der Fall ist, unterläßt er eS
turmaOs, jeden Tag seiner Gemahlin
und den Kindern Briefe und Geschenke
zu jVhdtn, und wenn er sich selbst auf
Hoher See befindet, läßt er seiner Fa
milie täglich briefliche oder nach Um
ständen telegraphische Berichte zukom
men. Kaiserin Augusta Viktoria ist
das Muster einer guten Hausfrau.
Sie versteht alle Hausarbeiten, wie
Kochen, Backen, Flicken, die sie aber,
seit sie verheirathet ist, nicht mehr übt.
Bei Hose erzählt man sich, daß die
Kaiserin dennoch auch jetzt die Wäsche
ihres Gemahls persönlich in Ordnung
hält und sogar Knöpfe annäht und
Strümpfe stopft... Am deutschen
Kaiserhofe sind englische Strümpfe be
liebt. Als dem Bruder des Kaisers,
Prinzen Heinrich, seine Gemahlin halb
im Scherze die Bemerkung machte,
seine Vorliebe für englische Strümpße
sei wenig patriotisch, antwortete dieser:
„Patriotismus ist gut und schön, meine
Liebe, aber er darf nicht derartig sein,
daß er die Beine beschmiert." Die
Kaiserin versammelt jeden Montag
Abends die jungen Hofdamen um sich
und läßt sie für die Armen arbeiten.
Interessant ist folgende Aeußerung der
deutschen Kaiserin über die Dienstbo
tens
rage: „Meiner Ansicht nach trägt
an der wenig zufriedenstellenden Lage
der dienenden Klasse der Umstand
Schuld, daß ihre Herrinnen wenig In
teresse an deren Wohlergehen nehmen.
Die hauptsächlichste Beschwerde dtt
Dienstmädchen ist, daß sie viel Arbeit
stunden und wenig persönliche Freiheit
hätten. Aber wenn wir ihnen mehr
Freiheit gewähren wollten, so würden
wir sie schweren Versuchungen aus
setzen. Es ist unsere Aufgabe, nach
Möglichkeit den Dienstmädchen wäh
»end ihrer freien Stunden das HauS
anheimelnd zu machen, indem wir ih
nen freundliche Wohnräume anweisen,
5velche leider häufig fehlen. Ich hoffe,
daß die Architekten bei ihren Entwür
sen für Neubauten auf dieses Bedürf
miß Rücksicht nehmen werden. Ferner
müssen wir in verschiedenen Stadttbei
lcn Dienstbotenhäuser errichten, in wel
chen sie auf einen Posten warten, wo
sie unter sich an Sonntagen zusammen
treffen können, um Über ihre gemein
samen Interessen zu berathen und sich
in ihren Hauspflichten gegenseitig zu
unterrichten. Das Wichtigste afr ist,
5ie Dienstboten unseres Geschlechtes
aufmerksam ?u beobachten, deren mo
ralischen Charakter zu studiren, weil
dieser einen sehr großen Einfluß auf
unsere Kinder, welche den ganzen Tag
mit ihnen zusammen sind, ausüben
Tonnen." Die Kaiserin schreibt jeden
Abend vor dem Schlafengehen eine
Stunde lang die Eindrücke und Er
sahrungen des Tages in ihr Tagebuch
«In. Sie geht um halb 11 Uhr zu
Wette und steht um 6 Uhr auf. Ihr
Tagewerk beginnt sie damit, daß sie
ihrem Gemahl den Kaffee zubereitet.
Die Kaiserin überwacht die Arbeiten
sind Spiele ihrer sieben Kinder. Die
Knaben zeigen eine große Vorliebe für
.schöne Pferde... Sie lieben auch den
Radfahrsport. Eine Miniaturfestung,
welche im Garten des kaiserlichen Pa
Zais errichtet wurde, bereitet ihnen be
sonders großes Vergnügen. Die Kin
tttt sind große Thierfreunde und be
sitzen verschiedene Species von Haus
thieren. Nächst den Ponies erfreuen
sich die kleinen Hunde der größten Be
Ziebtheit unter der Kinderfchaar. Ei
Res Tages schlichen sich einige dieser
Hunde in das Arbeitsfabmet des Kai
sers, wo sie das Original eines Vor
träges sowie ein kaiserliches Rescript
zerrissen. Der älteste Sohn, der Erb
Prinz, hat etwas von einem „enfant
terrible." Als ihm der Hofkaplan
imntül beim Religionsunterricht sagte,
-alle Menschen feien Sünder, erwiderte
*r: „Gut! Mein Vater mag ein
Sünder fein, aber ich glaube nicht daß
Meine Mutter eine Sünderin ist."
Das ist es.
war in der Jnstruciionsstunde.
Unterofficier Müller erklärt seiner
«ndächtig lauschenden Hörerschaft die
Ausrüstung des Soldaten.
„Also, Rekrut Freßki," fragte der
Morporal, „woraus besteht die Bewaff
nung des Infanteristen?"
Jöat sich Infanterist Gewehr/
schallte es als prompte Antwort.
„Na ja—aber ist das Alles, Freßki?
Denke einmal nach."
Tiefes Schweigen.
„Na, Freßki, was hat denn der Fü
Wer auch nicht blos zum Spaße an
jxr Seite baumeln?"
Ueber das Gesicht deS Rekruten
flog's wie heller Sonnen
schein.
„Weiß ich jetzt Brotbeutel, Herr
Bnterofficier!"
Schon wahr. „Nun, auf
Wege zum Bahnhofe?" „Aller
dmgs, gehe nach Neapel, will mir mal
den' Vesuv ansehen." „Was. solche
ileum Reisen angesichts Ihrer Sie
Verzeihen beständigen Geldcalami
i?" „Warum nicht? Es bleibt
doch gleich, ob ich hier oder dort auf
Mm Vulkan tanze!"
Romantisch. Herr: Sie
also gar kein Interesse für
K
Dame: O doch, seit Papa
irt hat, Sie wär-t.i ein Abenteuerer,
lien Sie mir außerordentlich!
i n i i e n
einer New Dorker Zeitung stand
Tage folgende Anzeige: „Adolf,
istid zu Deiner untröstlichen
Das Piano ist verkauft»"
*ir
Weihnacht.
Bon D. Soul.
Weihnachtsfestzeit, liebliche toi Mld
traute,
Die ben gabenspendenden Baum uns
baute,
Ob im Lebensstrome wir flüchtig trei
ben,
Wirst du uns bleiben.
Lieber Baum mit Flitter und bunten
Lichtern,
Angestaunt von kindlichen Frohgesich
tern,
Gold'ne Zeiten bringest du hold uns
wieder
Himmelhernieder.
AuS den starren Aesten des Tannen
baumes
Kommt es wie ein Wehen des Jugend
traurnes,
Und uns wird bejcheert im Glück der
Kleinen,
Was wir beweinen.
Mag der Schnee auf unsere Scheitel
drücken,
Mag die Zeit uns beugen die morschen
Rücken
So ist uns noch einmal vergönnt auf
Erden
Kinder zu werden.
Der Capitän als Weihnachts
enget.
Es war am Abend vor dem Christ
feste. Alle meine Freunde hatten
Washington verlassen und waren zu
den Ihrigen gereist und meine Ange
hörigen wohnten in Kalifornien, Tau
fende von Meilen entfernt. Sollte ich
das Fest ganz einsam und trostlos ver
bringen?- 0d?c sollte ich Vor
mir stieg dos Bildniß eines schönen,
stolzen Mädchens auf aber das Ori
ginal war weit entfernt. Ich berech
nete die Fahrt. Wenn ich sofort ab
reifen würde, so konnte ich noch einen
Theil des Festes mit ihr verleben.
Eine halbe Stunde später stand ich
auf dem Bahnhofe bei emem Rudel
ungeduldiger Passagiere, welche den
Condukteur des Schlafwagens um
drängten. Ich kam gerade hinzu, als
einer der Passagiere mit heftigen
Scheltworten auf den Condukteur ein
drang und darauf bestano, ein soeben
durch eine Depesche freigewordenes
Unterbett ihm anzuweisen.
„Und ich sage Ihnen, mein werther
Herr, daß Sie das Unterbett nicht be
kommen werden, obschon Sie sich zu
erst dafür gemeldet hatten. Eine Dame
ersucht mich darum."
Was geht das mich an? Ich habe
das erste Anrecht an das Bett. Und
wenn Sie es mir nicht geben, so werde
ich bei der Pullman-Compagme Be
schwerde führen."
In diesem Augenblicke trat eine
Dame aus die Platform des Wagens
hinaus und fragte den Condukteur
nach ihrem Bette. „Gehen Sie nur
rasch wieder hinein, Madame. Die
kalte Nachtluft schadet Ihnen, Ich
sagte Ihnen, daß Sie ein Unterbett er
halten werden, und wenn ich selbst ei
nen Herrn, der es zuerst gemiethet
hatte, hinauswerfen müßte," rief ihr
der Condukteur zu und fuhr dann, zu
dem schimpfenden Passagier gewendet,
begütigend fort: „Mein lieber Herr,
was Sie da soeben sagten, meinten Sie
gewiß nicht so. Denn Sie werden doch
sicherlich der Erste fein, der dieser ar
men kranken Dame, welche im Süden
ihre Gesundheit wieder herzustellen
hofft, den Platz abtritt", und als der
Grobe sich nicht sofort dazu bereit er
klärte, fuhr der Condukteur fort:
„Und wenn Sie selbst dcr Mister Pull
man wären, so würden Sie dieser ar
men Kranken das Feld räumen müs
sen."
Der Grobe trat beschämt zurück und
die übrigen Passagiere verkniffen sich
nur mit Mühe das Lachen. Der rit
terliche Condukteur hatte uns Allen
imponirt. Er hatte auch ein ganz an
deres Aussehen, als die übrigen Macht
Haber der Pullman-Cars. Das war
nicht der gelockte und geschniegelte
Jüngling, der in seinem Aeußern dèn
Marine-Officier zu copiren sucht, son
dern ein stattlicher alter Herr mit
martialischem schneeweißem Schnur
bart und dem Auftreten des welterfah
renen Maines. Ich sah ihm an, daß
er Pulver gerochen haben mußte und
redete ihn deshalb mit Capitän an.
„Ist es möglich, Capitän, daß ich noch
ein Oberbett nach New Orleans be
komme? Ich muß zum Feste nach
litt" Du CajMn mutete mich e^e
I v
inrtnm^iM*)fiinn
Sekunde und sagte dann In freundli
chem Tone: „Gehen Sie nur hinein
in die Car, ich werde schon für Sie
sorgen." Ich erhielt auch richtig ein
Oberbett, das letzte, welches noch frei
war und begab mich bald zur Ruhe.
Als ich am nächsten Morgen er
Wachte, stand der Zug still. Wir hat
ten während der Nacht nur 150 Mei
len zurückgelegt in Folge eines Unfal
les, der dem uns entgegenkommenden
Passagierzuge zugestoßen war. Die
Stimmung der Reisenden, welche, mit
Ausnahme der kranken Dame, sämmt
lich das Fest bei den Ihrigen zubringen
wollten, kann man sich denken. Da
kam der alte Schlafwagen-Condukteur
herbei. „Well, guten Morgen, meine
Herren, es ist ein prachtvoller Winter
morgen, und Sie sollten hinausgehen
in die schöne Luft. Wir werden noch
mehrere Stunden hier stillliegen müs
sen und Sie haben vollauf Zeit, um
das Schlachtfeld zu besichtigen. Korn
men Sie nur, meine Herren, in nächster
Nähe hat eine der schrecklichstenSchlach
ten des Bürgerkrieges stattgefunden."
Als Antwort auf eine Frage erklärte
er, daß er selbst hier mitgekämpft hatte,
als Virginier natürlich auf Seiten der
Südstaaten.
Nach dem Frühstück machte sich die
ganze Gesellschaft unter Führung des
Capitäns auf den Weg. Er erklärte
uns die Stellung beider Heere, zeigte
uns die Plätze, um welche am heftigsten
gekämpft worden war und entwickelte
ein anschauliches Bild der ganzenCani
pagne. Auf dem Rückwege ging der
Capitän in ein kleines Haus, und holte
sich dort ein niedliches Bouquet, welches
er später der kranken Dame überreichte.
Als sich der Zug endlich wieder in
Bewegung fetzte, galt der Capitän bei
uns Reisenden ungefähr so viel, als
wenn er der Besitzer des Waggons ge
wesen wäre. Er sungirte nicht allein
als Beamter, sondern man hatte das
Gefühl, als ob man bei ihm zu Gaste
sei. Er bemühte sich beständig um uns.
Den Lesenden richtete er die Fenster
vorhänge so ein, daß das Licht vor
theilhaft auf das Buch fiel, den Rau
chern verschaffte er gute Ventilation,
für die kranke Dame schleppte er Kissen
und Decken herbei und richtete sie so
behaglich ein, wie möglich. Denjeni
gen, welche hinaus in die wunderschöne
Landschaft blickten, erklärte et dieselbe.
Das alles geschah ohne alle Aufdring
lichkeit und mit so vollendeter Liebens
würdigkeit und so seinem Takt, daß
wir Passagiere gar nicht aus dem
Staunen herauskamen.
Auch fein Porter Nickolas war das
Ideal eines solchen, nicht der mürri
sche, häufig genug flegelhafte Trink
geldspekulant. wie man sie in der Re
gel auf den Zügen antrifft, sondern ein
wirklicher Leibdiener, prompt, ruhig,
ehrerbietig und stets zur Hand. Es
stellte sich heraus, daß Nick in des Ca
pitäns glänzenderen Jugendjahren (vor
dem Kriege) dessen eigener Diener ge
Wesen war.
Ich sprach über Nick zum Capitän.
„Jawohl, mein Herr, Nick ist ein vor
trefflicher Junge. Als ich bei der
Bahn angestellt wurde, gab mir die
Compagnie einen Mulatten als Porter,
einen von diesen jungen „free issue"
Bengeln. Der konnte lesen und ein
wenig schreiben und bildete sich nun
ein, daß er ein Gentleman sei. Er war
aber nur ein Gentleman-Loafer, ein
Lümmel, weiter nichts, er war grob
und flegelhaft, kaute beständig auf ei
nem Zahnstocher herum und ich mußte
ihn wegen feiner Faulheit und Imper
tinenz vom Zuge jagen. Ich erklärte
dann dem Eisenbahndirektor, daß ich
mir meinen eigenen Porter erziehen,
vder den Dienst verlassen müsse. So
bekam ich Nick. Er ist ein prächtiger
Boy geworden (Nick war ungefähr 55
Jahre alt). Des Sir, der Schwarze
ist ein vorzüglicher Diener, wenn man
ihn richtig behandelt, hundertmal besser
als der Mulatte." Ich war in ein paar
Stunden mit dem alten Capitän ganz
intim geworden. Ich konnte es gar
nicht ändern. Ehe ich mich dessen ver
sah, sprach ich mit ihm über meine per
fönlichen Angelegenheiten, sagte ihm,
daß ich in New Orleans Freunde be
suchen wollte. „Natürlich eine Freun
din?" meinte der Alte. Ich mußte das
bejahen und der Capitän sagte, er habe
das schon gewußt, als ich in Washing
ton ihn um 'den Platz ersuchte. Er
fragte mich dann, wer sie sei und ich
nannte ihm ihren Namen. „O, Sie
Glücklicher," tief der Capitän und
schlug mich herzhaft auf die Schulter.
Er kannte sie wohl, sie reiste oft mit
ihm nach dem Norden. Ich erwiderte,
daß ich durchaus nicht so glücklich sei,
denn wir hätten uns noch nicht ausge
sprochen und ich fürchte fast, daß ich
einen Korb bekommen würde. „O,
nur keine Ar.aft, mein lieber junger
Freund," erwiderte der Capitän. „Sie
sind „oll right". Sagen Sie ihr nur,
ich hätte das gesagt."
Ich sah den Capitän groß an, aber
sein Zuspruch that mir gut. Ich war
ja so zaghaft und so ungewiß betreffs
meine Aussichten, daß die Zuversicht,
welche der alte Mann aussprach, ge
720? 'basjnigc war, was ich am noth
wendigsten damals brauchte. Ehe ich
es recht wußt:, hatte der alte Capitän
erfahren, wer ich war, was ich für eine
Stellung bekleidete, wer mti»t Anver
wandte waren, wie und wo ich meine
Angebetete zuerst getroffen und wie sehr
H.Mich in ßö hatte. Mi mut
4 ük
r.
W
0
erzLYIt- mir der Captin,semen eigenen
Herzensroman.'
Es war vor dem Kriege und der Ca
pitan, welcher aus einer alten bekann
ten Familie stammte, hatte sich in das
schönste Mädchen der Gegend verliebt.
Aber es war ihm gar nicht möglich, auf
sie Eindruck zu machen, sie behandelte
ihn genau so, wie sie eine größere An
zahl anderer Verehrer behandelte. Der
Capitän konnte sich nicht dazu entfchlie
ßen, sie um ihre Hand zu bitten, aus
Furcht, daß er abgewiesen werden
würde. „Da brach der Krieg ans, ich
trat sofort ein und nach sechs Monaten
brachten sie mich nefch Haus mit einer
schweren Schußwunde in der Brust.
Da kam meine Angebetete und pflegte
mich und sprach zu mir so lieb und so
freundlich und da sagte ich ihr eines
Abends, daß ich sie liebe. Und sie ant
wortete mir, daß sie mich auch immer
geliebt und nur auf meinen Antrag ge
wartet habe. —X Ich wurde wieder ge
fund und zog wieder in. den Krieg und
brachte es zum Capitän ich hätte so
gar Oberst werden können, aber ich zog
es vor, bei meiner Compagnie zu blei
ben, die aus lauter guten Freunden be
stand und nach dem Kriege heirathe*
ten wir uns. Wir waren Beide arm,
der Krieg hatte uns Alles geraubt, aber
wir sind doch so unendlich glücklich ge
worden. Sehen Sie, mein junger
Freund, man muß den Frauen gegen*
über nicht zaghaft sein. Ich war zuerst
viel zu zaghaft und ich Ivette, daß das
auch Ihr Trubel ist!"
Ich konnte das nicht leugnen, hatte
aber durch des alten Capitäns Zureden
jetzt so viel Courage bekommen, daß ich
sofort und auf der Stelle meiner An
gebeteten einen Heirathsantrag gemacht
haben würde, wenn sie nur anwesend
gewesen wäre.
Der Zug hielt an einer kleinen Sta
tion in Virginien. Auf dem Bahnhofe
standen die Menschen in dichten Hau
sen. Als sie des Capitäns ansichtig
wurden, brachen sie in großen Jubel
aus, sie umringten ihn, drückten ihm
die Hände, je sie umarmten ihn. Es
stellte sich heraus, daß dies des Capi
täns HeimMH war. Ein Gerücht hatte
sich verbreitet, daß des Capitäns Zug
derjenige gewesen se, welcher verun
glückt war, und daß der alte Capitän
schwer verletzt worden sei. So waren
die alten Freunde und Nachbarn aus
Theilnahme herbeigeströmt. Der alte
Conducteur war tief gerührt. Er hielt
den Freunden eine nette kleine Rede
und stellte dann uns Reifende der Ver
fcmmlung vor. Er sagte, „meine Her
ren, das sind meine „Boys", meine
Nachbarn, ja das ist meine Familie,"
und dann: „Boys, das hier sind meine
Freunde ich kenne zwar nicht i3e Na
men der Herren, aber sie sind alle meine
Freunde." Und so war's auch. Der
Capitän aber schickte ein Telegramm
an seine Frau, denn es konnte ja sein,
daß das falsche Gerücht auch ihr zu
Ohren käme.
Als das Mittagessen im Speisewa»
gen servirt wurde, war der Capitän voft
jedem einzelnen Passagiere zu Gaste ge
laden worden. Aber er lehnte alle
Einladungen ab. Er sagte, daß er
ewas zu besorgen habe. Schließlich
vertraute er mir an, daß er an einen
Freund telegraphirt habe, die Materia
lien zu einem guten Eggnogg an einer
folgenden Station bereit zu halten.
Weihnachten ohne jede Feier sei doch
gar zu trübselig. Und als nun der
Abend herangekommen war, da erschien
plötzlich Nick mit einer dampfenden
Punschbowle, welche mit Tannenreis
und Holly bekränzt war und nun bra
chen die überraschten Passagiere in ein
donnerndes Hoch auf den alten Capi
tän aus.
Im Rauchzimmer ging eS an dem
Abende lustig und gemüthlich zu. Es
wurde ein recht fröhliches Weihnachts
fest gefeiert und der alte Capitän hielt
eine prächtige Rede, in welcher er von
dem Feste der Liebe in herzerquickenden
und aus dem Herzen kommenden Wor
ten sprach und seine Freunde ermahnte,
nicht mir der Ihrigen zu gedenken, son
dern der eigentlichen Grundlage des
Christenthums treu zu bleiben: „Liebet
Euch unter einander, seid gerecht und
edel gegen Eure Mitmenschen!" Ich
erinnere mich nicht, jemals eine so ein
fache und zugleich so eindrucksvolle Rede
gehört zu haben.
Und nun wurden noch viele Reden
gehalten, jeder einzelne der Mitreisen
den hielt mindestens eine Rede es wur
den Lieder gesungen, Toaste ausge
bracht auf den Capitän, auf alle fernen
Freunde der Reifenden, auf des Capi
täns Gattin u. f. w. Und die Bowle
wurde ausgetrunken, ohne daß irgend
einer der Teilnehmer sich übernom
men und so die prächtige Stimmung
gestört hätte. Nur der Capitän trank
keinen Tropfen, so sehr ihm auch zuge
redet wurde. „Meine Freunde," sagte
er, „ich bin gewiß kein Temperenzler,
ich hasse diese heuchlerische Gesellschaft
sogar, aber ich bin im Dienste. Eine
der Vorschriften der Eisenbahngesell
schaft geht dahin, daß kein Angestellter
in den Dienststunden geistige Getränke
zu sich nehmen darf. Das ist eine ganz
gute Regel, denn es gibt ja Ieidtt Men
schen, welche sich nicht mäßigen können.
Aber Nick, der kann meinen Antheil
trinken, der Porter hat die strengen Re
gulationen nicht zu unterschreiben."
Und Nick wurde herbeigeschleppt und
mußte des Capitäns Glas austrinken
und mußte dann sogar eine Rede hal
ten, welche ihm eine Hand voll Qucir«
ittè rinfir-otr- lind n»u hem icMeli*1
%r-yr# lijcS
a W
gtr gewordenen NB erfuhren Wir dann
auch, ddß der Capitän in der ersten
Nacht Nicks Lager getheilt habe. Sein
eigenes Bett im Rauchzimmer hatte der
Capitän dem Herrn abgetreten, welcher
in Washington ihm mit Beschwerde ge
droht hatte, und mir hatte er dann das
Oberbett gegebm, welches der „Grobe"
haben sollte.
Kurz vor unserer Ankunft in New
Orleans flüsterte mir der Capitän
heimlich in's Ohr, daß er heute dienst
frei fei und mich bitte, das Weihnachts
Diner in feinen Haufe einzunehmen.
Ich proteftirte zuerst und meinte, ich
wolle doch sofort meiner Angebeteten
einen Besuch machen und von ihr eine
Einladung abwarten, aber der Capitän
machte ein geheimnißvolles Gesicht und
meinte, es sei vielleicht doch besser, wenn
ich erst zu ihm käme.
Und ich betrat gegen Abend ein klei
nes, einfaches Häuschen, wo mich der
alte Capitän freundlich begrüßte und
mich dann feiner Gattin vorstellte, die
den Freund ihres Mannes in der herz
lich ften Weife bewillkommte. Und als
wir uns zu setzen wollten, da
that sich eine Seitenthüre auf und es
erschien Diejenige, welcher mein Besuch
in New Orteans galt! War das eine
Ueberrafchung! Der Capitän hatte die
junge Dame, welche häufig im Haufe
verkehrte, ebenfalls zum Mittagessen
eingeladen und sie schon auf eine
Ueberrafchung vorbereitet. Und als
dann nach einem fröhlichen einfachen
Mahle der Capitän bei einem Nachbar
eingetreten war und die Frau in der
Küche mit Abräumen sich beschäftigte,
da kam es zwischen uns beiden Gästen
zur gegenseitigen Aussprache und zum
gegenseitigen Geständnis} unserer Liebe.
Der Capitän fährt wohl heute noch
zwischen Washington und New Or
leans. Er hat eine Offerte der Pull
man Compagnie in Chicago abgelehnt,
obschon man ihm das dreifache Gehalt
geboten hatte. Er meinte, feine zarte
Frau würde das nördliche Klima nichj
vertragen können. Derjenige aber, der
ihm die gute Stelle verschaffen wollte,
war derselbe Herr, der in Washington
so barsch auf feinen Rechten bestand
und dem guten alten Capitän sogar
mit Beschwerde bei der Pullman Com
pagnie gedroht hatte.
e s u n e n
Sie hatte einst an einem kühlen Tage
ihre Hand in die seine gelegt, die sich ihr
ruhig, ohne Hast und Erregung, entge
genstreckte. Ein „Nein" von ihr würde
i n n i z e s e e a e n e
hätte sich dann eine andere Frau ge
sucht, da er heirathen. wollte, weil ihm!
der Junggefeöenstand' überdrüssig und
eine eigene Häuslichkeit Wunsch gewor
den war.
Sie liebte ihn nicht und folgte nut
dem Zureden ihrer Verwandten und ei
nem eigenen, leisen Gefühl, das eine
Heirath in ihren Verhältnissen wüw»
schenswerth erscheinen ließ.
So gingen Beide dem Loos einer Ehe
entgegen, in der Frieden eine verdienst
lose Tochter der Gleichgiltigfeit und
scheinbare Harmonie ein äußeres Ge
wand des inneren Nichtöerstehens ist.
Sie standen schweigend vor dem
brennenden Christbaum. Die Tanne
vom Berge hatte in sommerlichen Ta
gen schon fröhlichere Menschen an sich
vorbeiziehen, sehen. Sie feierten ihr
erstes, gemeinsames Weihnachten, aber
in ihren Herzen wohnte ein noch kälte
tet Winter, als der, welcher draußen
das weite Hügelland mit blitzendem
Schnee überdeckte.
Er blätterte in dem schön gebunde
nen, wissenschaftlichen Werk, das ihr
seiner Geschmack ihm ausgesucht.
Schnell glitten die Seiten durch seine
Finger. Woran er denken mochte? An
die genußreichen Stunden, welche ihm
die Lektüre des Buches gewähren
würde? Dachte er an Weihnachten, an
die Poesie des heiligen Abends? Oder
an den aschblonden Kops, den feine
Frau gar so ruhig und gleidßqiltig über
den zarten Schultern bewegte?
Nein, an sie dachte er gewiß nicht,
und sie nicht an ihn.
Sie hatte den Vorhang zurückgezo
gen und sah durch die angefrorenen
Fenster auf das schlafende W'mterbild
der kleinen Stadt, die seit Kurzem ihre
Heimath war. Ein klarer Mond be
leuchtete die fernsten Züge des Gebirges
und umflimmerte den schlanken Kirch
thurm und die nahen, stillen Dächer.
Es träumt sich so gut, wenn dem Auge
keine störende Farbe entgegentritt und
jedes Ding sich unbeweglich in den
Schleier der Nacht schmiegt. Aber ihre
Gedanken lebten an einem anderen Orte
als in dem verschneiten Thal
„Wertn Du groß bist, Blondinchen,
werde ich Dich heirathen, und dann
tanzen wir den ganzen Tag, und ich
idkaiAfs* Dtâ auf.meinem Knieen ach
W
Abends spiele« wir Dvmino und ich
schenke Dir so viele Chocolade, als Du
magst."
Es war ein blühender, junger Ossi
cier, der dies scherzend zu dem kleinen
Mädchen sagte, das er auf dem Schoße
hielt.
„Du wirft Eva noch den Kopf ver
drehen," tief feine Mutter mit einem
Gemisch von Stolz und Vorwurf da
zwisckien. „Die Leute haben recht, die
Dich den „Mädchenfänger" nennen."
Die Leute hätten ihn ebenso gut
„Blaubart" oder „Schmetterling" nen*
nen können, er war beides, gefährlich
und flatterhaft. Die kleine Base sollte
es erfahren.
Noch manches Jahr kam et §tèm
Christfest, streichelte seine Mutter,
küßte das Blondinchen und sagte, daß
er sie heirathen wolle Dann eilte er
wieder in die große Garnison zurück,
die ihn als Liebling auf den Wogen
ihrer Geselligkeit trug.
Endlich war ein Weihnachten, an
dem er die kleine Base nicht mehr zu
küssen wagte, weil sie als erwachsenes
Mädchen vor ihm stand. Aber er sagte
auch nicht mehr, daß er sie heirathen
wolle, denn die Welt hatte Gist in sein
Herz gegossen und aus dem heiteren
Glückskind einen blasirten, verwohnten
Menschen gemacht. Er liebte die
Frauen entgegenkommend, südlich, ko
kett nicht so kühl und blond wie die
Base Eva.
„Du solltest es mir zuliebe thun,"
bat seine Mutter. „Sie liebt Dich, Du
darfst sie nicht unglücklich machen!"
„Sie wäre nicht die erste und ein
zige," entgegnete er hart und warf feine
Cigarette fort. „Ich kann keine Frau
heirathen, die so wenig mein Geschmack
ist. Hübsch, das genügt mir nicht. Ich
muß Feuer haben, Flammen, um mein
Her? daran zu versengen."
O, sein- Herz war bereits versengt!
Gar zu viele Flammen hatten es schon
durchlodert.
Eva liebte ihn mit jener zähen Treue,
die kühle Blondinen vor sanguinischen
Sckiwestern auszeichnet. Sie dachte an
sein tadelloses Baldurgesicht, als sie
dem Anderen ihr Wort gab, sie liebte
ihn noch, als sie mit dem Anderen vor
den Altar trat, und nahm so das Ge
spenst eines unerfüllten Jugendtraumes
mit hinüber in die Ehe. Das war un
rech! nein, das war Sünde. Aber
wer verbot ihr diese Sünde, die sie
schweigsam durch die Tage trug? Ihr
Mann? Er hatte ja nie ihre Liebe ver
langt und sie forderte von ihm nicht
mehr, als sie gab. Und doch lag das
Bewußtfein einer Schuld beständig über
ihr es lastete auf dem aschblonden
Scheitel und beugte das feine Profil
tiefer auf die Brust, so daß sie fast, wie
jetzt, im Stehen eingeschlummert schien
und kaum etwas Bestimmtes von den
Dingen um sich und in sich wußte.
Da tönte Gesang von der Straße
herauf, ein Weihnachtslied von Kinder
lippen, wie es arme Knaben in der hei
ligen Nacht V05 dLN Häusern zu fingen
pflegen.
Sie nahm ein Tuch um die Schulter
und ergriff ein Körbchen mit Aepfeln
und vergoldeten Nüssen.
„Ich bin gleich wieder da," rief sie in
der Thür und stieg die Treppe hinab.
Als sie im Rahmen der Hausthür er
schien, verstummte der Gesang und mit
vielstimmigem Festgruß streckten sich
ihr verlangende Kinderhände entgegen.
„Fröhliche Weihnacht," sagte auch
sie, aber mit demselben gewohnheits
mäßigen Ausdruck, mit dem man etwa
„Guten Tag" oder „Danke" sagt.
Es war ein Heer kindlicher, vom
Frost gerötheter Finger, in das sie die
Heilten Herrlichkeiten hineinlegte. Me
chanisch vertheilte sie ihre Gaben, bis
das Körbchen leer wurde, ohn» zu be
merken, wie verklärt die junge Schaar
in ihrem lieblichen Gesicht die Züge ei
net guten Fee zu erkennen glaubte.
Da war plötzlich nur noch eine Hand
vor ihr, aber eine schlanke, weiße, vor
nehme Hand. Starren Blickes, wie
verzaubert, sah sie hernieder auf diese
schmalen, beringten Finget, als um
schwebe sie ein Heer lichter Gedanken.
O, sie kannte jene Hand.
„Fröhliche Weihnacht, Blondinchen,"
sagte jetzt der große Mann, der, in ei
nen dunklen Militärmantel gehüllt,
kaum einen Arm weit von ihr an der
Mauer lehnte. „Soll ich allein ausge
hen von Deiner Thür? Hast Du keine
goldene Nuß mehr für mich?"
„Fabrice!" stammelte sie leise und
kälter als Winterwind wehte ein
Schauer durch ihre ganze Gestalt. Als
sie dann dem Helden ihrer Jugend in's
Auge sab, war es ihr, als flöge auf
Weihnachtsschwingen alles Schöne zu
ihr heran, was sie in langen, verflosse
nen Jahren genossen.
„Fabrice!" rief sie noch einmal und
reichte ihm zitternd die Hand. Erschro
cken von dem innigen Ton ihrer
Stimme fügte sie leiser hinzu: „Willst
Du nicht in's Haus kommen? Die Lich
ter brennen noch an unserem Baume."
Et trat Übet ihre Schwelle. Seine
großen, leichtsinnigen Augen hafteten
fragend an dem blonden Haupte, das
sich scheinbar ruhig auf die Brust
senkte.
„Ich habe seit Jahren das Fest stets
mit Dir gefeiert, Eva," sagte er leicht
hin. „Zur Mutter komme ich heute
wegen meines verspäteten Urlaubs
wir hatten noch einen großen Rout im
Kssins doch »cht iüchc zeitig genug,
.•.*V
und da fiel mit ein, hier einen Zug z»'
überschlagen und ein Stündchen mit
Dir mit euch zu verplaudern. Ma&
läßt so ungern von alten Gewohnhei
ten."
Seine Stimme hatte, wenn er mft
Frauen sprach, etwas Einschmeicheln^.,
^s, melodisch an's Herz Klingendes,.-.
als ob der Ton eines alten Minnesän
gerliedes in ihr auslebe. Fabrice war.
ein Meister in der Kunst, zu gefallen«-.
Dennoch gefiel er Eva in diesem Augen»
blick nur halb. Ein Gefühl der Bitter»
feit mischte sich ihr allmählich in dem
anfänglichen Zauber des Wiedersehens*.
vielleicht hatte sie unbewußt von ihrem*
Manne ein Theilchen jenes ironischem
Spottes gelernt, der ein strengeres Ée*
citmesser an Menschen und Dinge legi.
Mit jener vornehmen Freundlichkeit,,
die ihn im conventionellen Verkehr aus-
zeichnete, begrüßte der Hausherr de»
sväten Gast. Sie kannten sich flüchtig,
von einer zufälligen Begegnung und gt**.
langten schnell in's Geleise einer site*1
ßenden Conversation.
Wieder breitete vor Eva und Fabriqr
ein Tannenbaum feine duftendenZweigv
aus. Sie standen so nahe bei einan
der und waren dennoch weiter getrennt"
als je zuvor.
Der Theekessel summte und
i
drei
Menschen sprachen über viel gTetchgil*
tige Dinge, über Dinge, die am meiste»
von denen entfernt waren, die am nach--.
sten lagen.
Fabrice hätte nicht einmal selber üblfc
die Tollheiten seines Lebens zu spotte»,
brauchen, sie waren nur zu deutlich ein
gegraben in das schöne Gesicht, dessen
kindliche Weichheit längst einer sreud»
losen Indolenz Platz gemacht Die
„große Welt" hatte ihr Meisterstück an
ihm vollbracht noch einige Jahre unfo^
er war körperlich und geistig ruinirt.
Eva besaß geringe MertfchenkennW
niß aber in diesem Gesicht las sie mit
Sicherheit. Ein Gefühl der Beschs»
mung kam über sie. Dies, also war der
Mann, dem sie Jugendlust und Men*
fchenglaube als abgebrauchten Taâ
vor die Füße geworfen, den sie willenlos
eingreifen ließ in den Verlauf einer
Ehe, die ohne ihn wenigstens eine recht*"
liche sein konnte.
Unwillkürlich blickte sie vergleichen^
zu ihrem Mann hinüber. Sie begeg*
irete seinem Blick, einem fragenden, for
schenden —.
„Und das große Regimentsfest
Feenquadrillen Elfentänze ichk
natürlich der Faiseur da war die
petite Susanne aus Lyon, Augen wie
zwei Schwerter, Toiletten wie Sarah
Bernhard aber, hol's der Teufel,
auch sie wurde mir mit der Zeit lang
weilig. Wie fängt man es nur an,
sich noch für das Leben zu iriteressireni
Gib mir das Rezept mit auf den Weg^.
Cousinchen. Ich hab' es längst verlo»
ten!"
Müde lehnte er die schlanke Gestalt
in das Sofa und seufzte mitten in dem
Redestrom, dann aber schwirrten feine
Worte weiter, jagten von Festen zu Fe*
ften und beschworen in dem stille«
Haufe die Dämonen einer Existenz deft*
Genusses und der Oberflächlichkeit.
„Wie fängt man es nur an, sich füt
das Leben zu interessiren?" 3)iefr
Frage tönte lange in Evas Ohren nach,
so daß sie fast geistesabwesend ausstand»
als der nächtliche Gast sich zum Geheir
anschickte. Er küßte ihre kalte Hand
und mochte glauben, daß die Finger
aus Abschiedsweh zitterten, «denn ein
tascher Blitz seiner unheimlichen Augen
flammte forschend über ihre Züge.
Gleich darauf war sie allein ihr Gatte
wollte mit dem Gaste noch eine Stunde
im Wirthshaufe verbringen.
Tief in Gedanken versunken blickte
sie in die Nacht hinaus. Dann warf
sie plötzlich den Kops stolz zurück, als
schüttle sie einen bösen Zauber ab. SDtr
ganze Jnhaltlosigkeit ihres bisherigen
Lebens wurde ihr in dieser Minute flat
und zugleich überkam sie ein kräftige?'
Bewußtfein, daß sie zwei starke Étrei#
ter für sich hatte die Jugend und
den Willen. Ein lange verborgenes
Feuer flammte in ihren Augen und die
Eva, die nun, auf die Tritte ihres
Mannes lauschend, an der Thür war
tete, war ein ganz anderes Wesen ali
jene, welche Fabrice „zu kühl und zv
blond" zum Lieben gesunden.
Die Zeit des Wartens verging ss
langsam. Endlich horte sie die Klingek
der Hausthür, die bekannten Schritte.
Was sollte sie ihm sagen? Wie dels
Weg zu dem Herzen des Mannes sin-'
den, der ihr vor allen anderen fremir
war?
Vielleicht halfen ihr die Weihnachts
engel, die unsichtbar in der heilige#
Nacht um die Stirnen der Mensche»
schweben und Gedanken, die alltags kein
Leben zu gewinnen wagen, in recht»
Worte verwandeln. Denn eins hat ja
das Christfest vor allen anderen Festen
voraus, daß es tief in die Seelen greift,
schlummernde Gefühle aufweckt und
plötzlich vereinen kann, was lange g«*"'
trennt neben einander ging.
Als das letzte Licht an dem Zart*
nenbaum verlöschte, gab es in der Ilet#'4
nen, verschneiten Bergstadt zwei selige
Menden mehr. Das Parfüm des
schönen Fabrice war in dem Zweigen
verweht und leise klang es durch die
grünen Aeste wie „Friede auf Erdest
und den Menschen ein Wohlgefallen!" .'
Rekruten): „Mehr Grazie bet's Bein,'
heben, Kinder, besucht mit häufiger
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Vo« Emil Roland.
i n w e i s S e e a n z u e

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