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Der liberale Beobachter und Berks, Montgomery und Schuylkill Caunties allgemeine anzeiger. ([Reading, Pa.) 1839-1864, December 04, 1849, Image 1

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N t ViN g, Wenn. Gedruckt und herausgegeben von Arnold Pnwell e, in der Sud 6ten Straße, zwischen der Franklin- und Cbesnnt - Straße.
Jahrg. 11, ganze Nnm. SZI
Bedingungen:—Der Nilier-lle t!rob<iclltrr erscheint jeden Dienstag auf einen, großen Superial - Bogen mit schönen vettern gedruckt. Der Lubscriptions - Preis ist Ein Thaler des Zahrs, wekber in halbjährlicher
Vorausbezahlung erbeten wird. Wer im Laufe des Jahres nicht bezahlt, dem werden Kl 5» angerechnet. Für kürzere Zeit als K Monate wird kein Nnterfchreiber angenommen, und etwaige Aufkündigungen werden nur
dann angenommen, wenn sie einen Monat vor Ablauf des Lubftriptions-Tcrmins geschehen und gleichzeitig alle Rückstände abbezahlt werden. Bekanntmachungen werden dankbar angenommen und für den gewöhnlichen Preis ein
gerückt. Unterschreibe,-« in hiesiger Stadt wird die Zeitung portofrei geschickt, weitere Versendungen geschehen durch die Post oder Träger, auf Kosten der Nnterschreiber. Briefe und dergl. müssen postsr/i eingesandt werden.
Die Gesckielite eines Nhein
Kieselsteins.
Ich log noch auf den Knieen, als die
Thür sich öffnete und das von außen her
einfallende Licht mich zwei Männer er
kennen ließ, von denen einer ein Bauer zu
sein schien, der andere aber städtischeKlei
dung trug. Beide vermochten in der
Dunkelheit, die unterdessen immer dichter
geworden war, nichts zu unterscheiden, u.
so blieben sie einen Augenblick ungewiß
stehen.
Bist Du es Simon ? sprach die alte
Frau mit dumpfer Stimme.
Ich bin es mit einem Arzte, Mutter!
erwiederte der Bauer.
Es ist zu spät, Simon.
Ein erstickter Schrei entwand sich der
Brust desselben ; er schritt auf das Bett
zu, hob den Kopf der armen Mutter in
die Höhe, legte ihn an seinHerz und faß
te dann ihre beiden Hände. —Jeane, sprach
er, Jeane, fasse neuen Muth! es hat
ausgelitten!
Jeane entwand sich aber dieser Umar
mung—umschlang auf's Neue den Leich
nam ihres Kindes und fuhr ganz leise fort
zu schluchzen. Der arme Mann zündete
nun eine Lampe an, welche das Todten
zimmer so weit erleuchtete, daß man die
Anwesenden unterscheiden konnte. Jetzt
aber bemerkte man, daß ich da sei. Der
'Mann, der Simon genannt worden war,
stammelte, als er mich genau sehen konn
te, eine Art von Frage heraus, indem er
ausrief: Sie hier, Fräulein—Madam?
setzte er, sich verbessernd hinzu.
Ich erkannte ihn jetzt auch; es war
Simon Justin, der Sohn eines armen
Pächters auf den Gütern meines Vaters.
Da wir zu gleicher Zeit Kinder gewe
sen und fast von demselben Alter waren,
so hatten wir oft zusammen gespielt, wen
er seinen Bater nach Haut-Bussy beglei
tete, und wir hatten uns in jener Zeit des
Lebens bei unsern Spielen Mann u.Frau
genannt, wo es weder Rang noch Ver
mögen, nochAdel, noch Grundbesitzer, son
dern nur zwei kleine Kinder gibt, die sich
dntzen und gegenseitig lieben, beide Gott
lieb, u. vor seinen Augen sich gleich sind.
> Nachdem ich ihm erklärt halte, wie ich
hierher gekommen sei, fragte ich ihn : Ist
diese weinende Frau hier die Euere, Si
mon ?"
Nein, gnädige Frau —versetzte er,—
bis jetzt noch nicht. Wir wollten uns
erst uach der Genesung dieses unschuldi
gen Wesens da verheirathen. Jetzt wird
es erst geschehen, wenn es Golk gefällt.
Ach, meine arme, gute Jeane! und mit
diesen Worten näherte sichSimon der ar
men Frau wieder.
Der Arzt, der bis jetzt noch nichts ge
sprochen hatte, weil seine Aufmerksamkeit
dem Kinde zugewendet gewesen war, wand
te sich jetzt an mich und sprach, nachdem
er mich etwas schärfer in's Auge gefaßt
hatte:
Ich glaube in Ihnen das ehemalige
Fräulein Armande, Tochter des Herrn
Grafen von Haut-Bussy, eines meiner
Gönner, zu erkennen ; und Sie, gnädige
Frau, erkennen Sie nicht in mir den al
ten Doktor Garnier, der Sie so oft in
Ihrer Kindheit besuchte?
Ich streckte ihm die Hand entgegen.
Welch' ein peinlicher Anblick! u. wel
ches Elend!—fuhr er fort, die Blicke in
der Hütte umherlaufen lassend.
Simon, der diese Worte gehört hatte,
trat rasch an uns heran.
Ja, mein Herr, —sprach er, —und all'
dieser Schmerz und all' dieses Elend sind
an dem Tage hier eingekehrt, an dem Der,
welcher Jeane's Herz bethört hat, sich
hier einschlich. So lohnen jene Elenden,
die sich kein Gewissen daraus machen, Un
schuld, Vertäuen und Glückseligkeit mit
Füßen zu treten. Ha! wenn ich ihn ge
kannt hätte, i h n, der Jeane und ihr Kind
verlassen konnte; ihn, den weder sein
Gewissen, noch die bittern Tränen der ar
men Jeane, noch der Anblick dieser un-
Wer Liberale Äcobachter
Und Berks, Momgomery und Schuylkill Cauntics allgemeiner Anzeiger.
glücklichen, alten, blinden Frau zu besse
rer Besinung zu bringen vermochten ; oh,
wenn ich ihn gekannt hätte, —ich hätte
ihn ermordet, so wahr, als mein Vater
ein ehrlicher Mann ist, ich hätte ihn oh
ne alles Erbarmen erschlagen!
Ich habe ihn aber nicht entdeckeil kön
neu, fuhrSimon fort, ich habeJeane ver
ziehen und habe ihr Kind geliebt; ich ha
be das unschrildigeGeschöps in seiner lan
gen Krankheit gepflegt; ich hatte Ver
trauen ; ich hoffte, daß es genese, und daß
ich dann meine arme Freundin Heirathen
würde; ach ! wie hätte ich für Beide ar
beiten wollen! und nun steht es so! —
der gute Gott ist manchmal sehr hart!
Bei diesen Worten brachen die bis da
hin, gewaltsam ersticktenThranen des wa
ckern Simon mächtig hervor. In langen
Zwischenräumen hörte man nur das un
terdrückte Schluchzen Jeane's; die alte
Blinde blieb unbeweglich auf einem Sche
mel sitzen und beobachtete ein fortwähren
des Stillschweigen.
Ich weiß nicht, welcher wüthende Ge
danke Simon durch den Kopf schoß, denn
mit Einmale erhob er den Kopf und man
sah, wie Blitze aus seinen Augen schössen.
Mutter, sprach er zähneknirschend, in
dem er auf die Blinde zustürzte und hef
tig ihre Hände faßte, —Mutter, Ihr wißt
den Namen des Elenden, der das Unglück
über Eure Tochter gebracht hat; Ihr
müßt ihn mir nennen, ich will es!
Diese wutherfüllte Stimme brachte
selbst Jeane zur Besinnung: sie erhob
sich und sprang in einem Satze bis zu der
Lampe.—Ach! wie schön erschien sie mir!
Mutter! rief sie aus.
Es war zu spät, die alte Frau hatte
bereits gesagt;
Es ist der Marquis Gaston von Mau
breuil!
Es gibt Worte, die wie Blitze treffeu.
Bei diesem Namen verstummte mit Ei
nemmale Simons Zorn, Jeane'sSchmerz,
mein teilnehmendes Mitleiden für dieses
Unglück, mit einem Worte: Alles. Die
beiden Männer hefteten die Blicke auf
mich ; die Unglückliche Verlassene, die mit
weiblichem Instinkte errieth, was ich sei,
betrachtete mich mit wilden Blicken; ich,
blaß wie das gestorbene Kind, kalt und
regungslos wie dieses, fühlte Nichts mehr,
dachte nichts mehr, wähnte zu vergehen.
Als meine Augen sich schließen wollten,
blieben sie auf dem Kinde haften, dasJH
nen gehört hatte, mein Herr, und so eben
gestorben war; und ich betrachtete es
noch, als Simon's Stimme mich aus mei
ner Betäubung erweckte, indem er sagte:
Befürchten Sie nichts, gnädige Frau,
ich verdanke Ihrer Familie zu vieleWohl
thaten; Alles, was in einer Beziehung
zu Ihnen steht, wird mir heilig sein, und
wir werden sogar für Sie beten.
Herr Doktor, fuhr der wackere Mann,
zu Herrn Garnier gewendet, fort, es ist
schon spät und Ihre Hülfe ist doch hier
nicht anwendbar; wollen Sie nicht die
Frau Marquisin nach Hause geleiten?
Eine Stunde hernach, Gaston, war ich
wieder im Schlosse, und noch zitternd über
das so eben Erlebte, besprach ich mich mit
dem Arzte. Die letzten Worte, die ich
bei dieser Veranlassung dem altem Freun
de meines Vaters sagte, waren folgende:
Alles ist also abgemacht; Sie kaufen
diesen Pachthof; Sie bringen Alles in s
Reine, unterzeichnen und thun Alles in
Ihrem Namen und wie für Sie; sobald
ich wieder nach Paris zurückgekehrt sein
werde, sollen Sie die hiezu nothwendige
Summe von mir zugeschickt erhalten. Sie
werden verschwiegen sein, es ist dies eine
der Tugenden die Ihr Stand erheischt,
und ich zähle auf dieselbe. Sie sind auch
gewandt, darauf rechne ich ebenfalls, und
Sie werden schon ein Mittel ausfindig
machen, um Simon und seine Braut auf
eine würdige Weise zur Annahme des
Grundeigenthums zu bestimmen. Man
würde dasGeschenk zurückweisen und mein
ganzer Plan würde über den Haufen ge
worfen, wenn man eine Vermittlung des
"TVillig zu loben und okne Furcht zu tadeln."
Dienstag den t. December,
MarquiS bei dieser Gelegenheit vermuthe-.
te; vergessen Sie dieß nicht, Doktor.
Machen Sie aber Ihre Sachen so, daß
mein Gemahl nie eine Ahndung davon
erhält. Ich begehe vielleicht eine gute
Handlung, ich hoffe es wenigstens, mein
lieber Doktor, aber ich will, daß Tie, der
Sie mir dazu verholfen haben, so wenig
davon sprechen, wie ein Beichtvater, dessen
verschwiegenem Busen man einen began
genen Fehler anvertraut.
Nach diesem ließ sich der Arzt einPferd
satteln und machte sich nach Aras auf den
Weg, wo ihn Simon aufgesucht hatte.
Sie kehrten nach Sarteville zurück und
Ihre fortgesetzten Beweise von Güte und
j Liebe gegen mich zerstreuten nach u. nach
die Melancholie, die sich in Folge der
l eignisse, welche ich erfahren hatte, in mei
nem Herzen eingeniestet hatte. Alles
dieß ist ja lange vor unserer Vermählung
vorgefallen, wiederholte ich mir oft, er
kannte mich damals noch nicht, ich kann
ihm deßhalb darüber nicht gram sein. A
ber dennoch erwachte häusig meine Eifer
sucht über die Vergangenheit, die schöne
Jeane verfolgte mich selbst im Traume.—
Endlich gaben Sie meinen Bitten nach,
willigten ein, noch lange vor Eintritt des
Herbstes Sarteville zu verlassen, und so
reisten wir nach Paris zurück.
Gleich nach meiner Ankunft dort war
mein erster Gedanke, mein dem Doktor
Garnier gegebenes Besprechen zu lösen.
Um Ihnen stets schön zu erscheinen, hat
te ich seit meiner Vermählung viel Geld
für meine Toilette ausgegeben, meineKas
se war daher sehr leer und doch wollte ich
nicht, daß Sie irgend etwas argwöhnen
sollten. Aus diesem Grunde begab ich
mich daher eines Tages zu einem verschwie
genen Juwelier, verkaufte an diesen mei'
nen schönsten Diamanten auS meinem G
e schmeide und ließ ihn durch einen falschen
! Stein ersetzen. Der Erlös auS demsel
! ben reichte zur Bezahlung des Pachtho
hofes hin, den jetzt Simon und Jeane be
wohnen. Hier haben Sie meine Beichte;
überlegen Sie, mein Herr, ob Sie mich
loszusprechen vermögen oder nicht.
Gaston, statt zu antworten, hatte sich
vor Armande auf die Kniee geworfen u.
weinte, die Stirne in den Falten ihres
Kleides verborgen, Thränen bittererNerie.
Armande, rief er endlich, Du mußtAl-
les wissen ! horch da schlägt es eben sechs
Uhr. —Wohlan ! heute noch stand ich im
Begriff.—
Ich will nichts wissen, versetzte meine
liebenswürdige, edelmüthige Großmutter,
sich zu ihrem Gatten herabbeugend, um
ihm die Augen abzuwischen; ich verlange
j Nichts, als geliebt zu sein und Sie mit
Vertrauen lieben zu können, und daß Sie
diesen Rheinkiesel immer in meinem Dia
dem lassen; für mich, Gaston, hat er ei
nen höhern Werth, als ein Diamant, den
er schließt den Gedanken an das Glück ei
ner Familie in sich, und Stein fürStein,
gebe ich diesem vor allen den Vorzug.
Mein Freund, fuhr sie fort, vor einem
Jahre noch wollte ich nicht, daß wir den
Sommer in Sarteville zubrächten; ich
fürchtete, Gaston, daß Su Jeane sehen
möchtest, denn, siehst Du, Jeane ist sehr
schön. Heute kann ich Dir Alles sagen
und Alles mit Dir wollen, denn ich ver
mag Dir zugleich eine Eröffnung zu ma
chen, die mich sehr stolz und Deines Her
zens sehr sicher macht, mein Gaston.—
MeinFreund, seit heute weiß ich erst, wie
sehr man einen Mann liebt, dem man die
Aussicht auf Mutterfreuden verdankt.
Armande, meine Armande, meine Gat
tin ! rief Gaston im Uebermaße seines
Entzückens aus; es wird ein Mädchen
sein, ein Engel wie Du!
Nein, mein Lieber, versetzte Armande,
es wird Knabe sein, wacker und schön wie
Du!
Gott entschied : es warßaoul vonDru
on-Maubreuil, mein Vater. (Buf. Tel.
Die ttütige Vorsehung
Ihr wißt, erzählte uns Alfred, daß ich
im März des vergangenen Jahres Paris
verließ, um nach Italien zu reisen. In
Marseille schiffte ich mich in ein Dampfe
boot ein, das mich nach Livorno brachte,
wo ich einige Tage verweilen wollte.
Nachdem ich Pisa, Floren; und Siena be
sucht hatte, machte ich mich ans den Weg
nach Rom. nach Künstlerart abwechselnd
zu Fuß, zu Pferde, und zu Wagen, die
mir meine Phantasie und meine Neugier
de vorzeichneten, diese Zickzack-Wander
schaft raubte mir deshalb mehr Zeit, alö
wäre ich in gerader Linie nach Rom ge
gangen.
EineSTages begab ich mich nach einem
kleinen Dorfe, das, glaube ich, Apuaviva
hieß, wo ich übernachten wollte; ich war
zuPferde und einLicerone begleitete mich.
Wir durchstreiften eine gebirgige, pitto
reske Gegend, und vielleicht hätte ich einen
Augenblick Halt gemacht, um in meinAl
bum einige dieser reizenden Punkte aufzu
nehmen, wenn nicht der Himmel sich plötz
lich verdüstert und mir mein Wegweiser
nicht gerathen hätte, mein Pferd anzu
spornen, wen ich, ohne durchnäßt zu wer
den, mein Ziel erreichen wollte.
Ich befolgte seinen guten Rath; aber
das Ungewitter war rascher als wir: bald
stellte sich ein hefcigerßegen ein; Wind
stöße, Blitze und Donnerschläge—nichts
fehlte zu einem Ungewitter wie sich's ge
bührt. Bald war es unmöglich gewor
den, den rechten Weg zu finden; die er
schreckten Pferde gehorchten uns nicht
mehr; ich verlor meinen Wegweiser;
glücklicherweise bemerkte ich nach Verlauf
einer halben Stunde ein Haus, das ein
sam am Rande eines kleinen Gehölzes
lag. Mein Pferd war so froh wie ich,
endlich ein Schutzdach zu finden. Wir
wurden von den guten Landleuten freund
lich aufgenommen. Während der Mann
mein Pferd in den Stall führte, zündete
die Frau für mich ein Feuer an. Man
lieh mir Kleider und bereitete mir einNacht
mahl.
Ich sag seit einer Stunde am Kamin
feuer, als sich bei der Thür des Hauses
Menschenlärm und Pferdegetrappel ver
nehmen ließ. Drei Männer traten ein:
zwei Soldaten von der Land-Gensd'arme
rie und ein armer Teufel, dem man mit
eurem dickenLtrick die Hände auf denßü
cken festgebunden hatte.
Meiner Treu, sagte einer der Gens
d'armen, man ist herzlich froh, wenn man
auf seinein Wege bei solchem Regenguß
ein solch gastliches Haus, wie das Eurige,
Meister Filippo, antrifft. ErlanbtJhr's,
so wollen wir hier ein wenig Halt ma
chen.
—Gern, antwortete der Wirth.
Die beiden Gensd'armen und der Ge
fangene setzten sich an s Feuer.
—Wir haben, wie Ihr seht, heute
schon einen weiten Weg gemacht, fuhr
derGensd'arm fort. —Betrachtet mal die
sen Schlingel, den wir jetzt zum Galgen
führen, Ihr habt wohl noch nie das
gnügen gehabt, ihn persönlich kennen zu
lernen; aber dem Rufe nach kennt Ihr
ihn schon lange: Das ist der berüchtigte
Pietro Marozini.
Das ist Pietro? rief die Wirthin,
den Gefangenen verächtlich anschauend,
ich glaubte ihn viel größer.
Dieser Pietro war in der That nur ein
kleiner, gebrechlicher Mensch. Er sah sehr
niedergeschlagen aus und schien auf seinem
Stuhle eingeschlafen zu sein. Einer der
Gensd'armen hatte aus Vorsicht ihm die
Füße gebunden und, wie wohl er bei die
ser Operation nicht all zu zart verfahren
war, hatte Pietro doch keinen Laut von
sich gegeben.
Die Gensd'armen baten, nachdem sie
ihre vom Regen durchnäßten Kleider zum
Trocknen aufgehängt hatten, den Wirth,
ihnen ein Stück Schinken und zwei Bou
teillen Wein zu bringen. Der Tisch wur
de in einer andern Ecke des Zimmers ge
deckt. Wirth und Wirthin wollten aus
Artigkeit daß frugale Mahl der beiden
Gäste theilen. Ich blieb auf meinem
Laufende Nummer IS.
Platze an der Ecke des Kamins. An der
andern Ecke, mir gegenüber, saß Pietro.
Die Stellung dieses Menschen schien mir
so orginell, daß ich sie in mein Album
zeichnete. Einer der Gensd'armen, der
diß bemerkte, erhob sich, um meine Arbeit
zu prüfen.
—Excellent, rief er, aber Ihr hättet
lieber bis morgen warten sollen, Pietro
wird sich am Stricke des Galgens noch
weit drolliger ausnehmen.
Der Gensd arme öffnete, bevor er sich
wieder an den Tisch setzte, ein Fenster,
um zu sehen, ob der Himmel sich wieder
aufkläre.
—ln einer halben Stunde, sagte der
Wirth, wird das Wetter sich verzogen ha
ben, und Ihr werdet dann wieder Eure
Pferde besteigen, um Euren Weg fortse
tzen zu können. Also nach Aquaviva
führt Ihr diesen Patron?
—Ja, morgen wird er sich dort mit dem
Galgen vermählen. Ihr seid zur Hoch
zeit eingeladen. Schon vor sechs Mona
ten hat die Justiz den Contraet aufgesetzt.
Aber der Bräutigam hat keine Eile; ver
gebens hatten wir ihn lange gesucht und
erst gestern sind wir unterrichtet worden,
daß er heute Nacht wohlgemut!) das Dorf
Pila passiren werde. Und das war gut!
Wir singen den Sperber in seinem Neste.
Man sagt, er habe bei seinem Bandi
ten Metier viel Glück gemacht und wolle
sich nun von seinen Geschäften zurückzie
hen ; wir glaubten, er habe viel Baar
schaft bei sich, aber wir täuschten uns;
ohne Zweifel wird er's erst seinem Beicht
vater gestehen, wo er seinen Schatz ver
graben hat.
Da erhob sich Pietro; seine Züge hat
ten einen sonderbaren Ausdruck von List
und Kühnheit; mit verstohlenen Blicken
schaute er hin und her und ließ dann sein
Auge auf mir ruhen. Ich betrachtete ihn
mit wohlwollender Neugier und wußte
nicht, weßhalb dieser Mensch mir so viele
Theilnahme einflößt; ich hatte gewünscht,
daß er gerettet würde; er schien mich zu
verstehen, denn sein Blick nahm einen bit
tenden Ausdruck an. Die Gensd'armen,
der Wirth und die Wirthin saßen mit dem
Rücken so gewendet, daß sie daß nicht se
hen konnten; versunken in einem sehr
lebhaften u. geräuschvollen Streite, dach
ten sie gar nicht an uns. Pietro's Blick
schien mich zu prüfen. Ich zog einen
Dolch aus meier Tasche. Pietro's Augen
funkelten. Blitzschnell warf ich ihm den
DGih zu, den er mit den Zähnen auffing,
wie ein Hund, dem man einen Knochen
hinwirft. Keine Sprache ist im Stande,
den Ausdruck jenes Blickes zu schildern,
womit er mir dankte. Den Griff desDol
ches im Munde haltend, zerschnitt er den
Strick, der seine Hände zusammenhielt;
mit der entfesselten Hand lös'te er dießän
der seiner Beine, sprang mit bewunderns
würdiger Leichtigkeit mit einem Sprung
zum Fenster hinaus und war verschwun
den.
Bevor noch die Gensd'armen von ih
rem Erstaunen zurückgekehrt, war Pietro
schon über alle Berge. Ich gab mir die
Miene, als theilte ich das allgemeine Er
staunen. Da ich meinen Platz nicht ver
lassen hatte, konnte man nicht argwöhnen,
daß ich die Flucht des Banditen erleichtert
hätte. Die Gensd'armen warfen sich,
die fürchterlichsten Verwünschungen aus
stoßend, auf ihre Pferde, um dem Bandi
ten flugschnell nachzujagen. Ich wünschte
ihnen den besten Erfolg.
Der Himmel war unter dessen wieder
heiter geworden ; ich hatte noch eineStun
de und eine Meile vor mir, um Aquaviva
zu erreichen ; ich nahm Abschied von mei
nen Wirthsleuten und setzte so froh, als
ob ich eine gute That vollbracht hätte,
meine Reise fort.
Einige Zeit nach diesem Vorfall kam
ich in Rom an, wo ich nur drei Wochen
zu verweilen gedachte. Aber aus den W
ochen wurden Monate. Vernunft denkt
Leidenschaft lenkt. Während meinesAuf
euthalteö in Rom ereigneten sich dort gar

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